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Benutzername: Circlestonesbooks.blog
Danksagungen: 3 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 105 Bewertungen
Bewertung vom 28.10.2020
Doppelte Spur
Trojanow, Ilija

Doppelte Spur


ausgezeichnet

Packend, realistisch, beklemmend

„Weil die entscheidenden Fäden der Macht hinter den Kulissen gezogen werden, ist jede Entlarvung zunächst eine „Vermutung“ (darin das Wörtchen „Mut“), bis sie – oft erst Jahrzehnte später – bewiesen wird.“ (Zitat Seite 229)

Inhalt
Dem erfahrenen Investigativ-Journalisten Ilija werden streng geheime Unterlagen angeboten. Erstaunlich ist nur, dass sie ihm zeitgleich von Informanten aus dem amerikanischen und auch aus dem russischen Geheimdienst angeboten werden. Auf Grund des Umfangs der Unterlagen schließt er sich mit Boris zusammen, einem amerikanischen Wirtschaftsjournalisten mit russischen Wurzeln, der die Unterlagen ebenfalls erhalten hat, allerdings nur den Teil des amerikanischen Geheimdienstes. Boris, Computerspezialist, kennt sich mit allen Formen der internationalen Finanzgeschäfte aus, inklusive aller dunklen Seiten, während Ilija im Bereich Politik und Machtstrukturen recherchiert. Sie finden unglaubliche Zusammenhänge, doch lassen sich diese auch beweisen, sodass eine Veröffentlichung möglich ist?

Thema und Genre
Dieser Roman ist eine Mischung aus Politthriller und Wirtschaftsthriller, in dem die internationale Macht der maßgeblichen Politiker, der Oligarchen und Wirtschaftsmagnate aufgedeckt wird. Es geht um eine Welt, in der Macht- und Geldgier über alles gestellt werden und in welcher die Menschen nur mehr manipulierbare Figuren auf dem internationalen Schachbrett jener sind, welche die Züge vorgeben. Weitere Themen sind investigativer Journalismus, Leaks und Geheimdienste.

Charaktere
Ilija und Boris ergänzen einander von den ersten Sätzen ihres ersten Treffens an. Beide sind hartnäckig und suchen nicht nur nach Spuren, sondern vor allem nach Beweisen. Unterstützt werden sie durch die engagierte Filmemacherin Emi, die umfassende Unterlagen zu einem anderen Thema gesammelt hat, das jedoch plötzlich weit in die ihnen vorliegenden Dokumente reicht.

Handlung und Schreibstil
Die Handlung führt von Hongkong zurück nach Wien, nach Moskau und New York und durch das dazwischenliegende, weltweite Netz. Ergänzt wird die aktuelle Geschichte einerseits durch persönliche Rückblenden, vor allem aber durch die Schilderung der Ereignisse, Gespräche und Vorfälle, die in den Unterlagen genau dokumentiert sind. Auch durch das Gespräch mit Boris und Emi erfährt der Ich-erzählende Ilija weitere Tatsachen, die er bisher nicht wissen konnte. Dadurch ergibt sich eine Kombination aus Fakten, fiktiven, aber glaubhaften Daten, interessanten Informationen einerseits, und einer sehr spannenden Geschichte andererseits, die mit jeder neuen Seite noch Fahrt aufnimmt und auch mit unvorhergesehenen Wendungen überrascht.

Fazit
Ein spannender Polit- und Wirtschaftsthriller, der auch sprachlich überzeugt. Die brisanten Fakten sind mit fiktiven Ergänzungen verknüpft, die jedoch eine beklemmende Realität aufweisen. In Verbindung mit den interessanten Themen und der Geschichte der intensiven Recherchetätigkeit ergibt dies einen packenden Pageturner.

Bewertung vom 24.10.2020
White Christmas - Das Lied der weißen Weihnacht
Marly, Michelle

White Christmas - Das Lied der weißen Weihnacht


sehr gut

Ein romantischer Frauenroman

„Wer hätte damals gedacht, dass aus dem singenden Zeitungsverkäufer der beste und erfolgreichste Songwriter Amerikas werden würde?“ (Zitat Pos. 127)

Inhalt
Der erfolgreiche amerikanische Komponist Irving Berlin, Sohn russischer Einwanderer, ist sechsunddreißig Jahre alt, als er die junge Millionenerbin Ellin Mackay kennenlernt. Doch für ihre traditionsgebundene, irisch-katholische Familie ist dieser fünfzehn Jahre ältere, jüdische Broadway-Komponist absolut keine passende Wahl und ihr Vater verbietet ihr, diesen Mann weiterhin zu treffen. Daran erinnert sich Irving Berlin, als er auf Grund eines Filmprojektes die Weihnachtstage 1937 nicht zu Hause verbringen kann. Für sein neues, modernes Stück fehlt ihm noch ein Weihnachtslied. Im warmen Kalifornien, unter Palmen am Pool des Beverly Hills Hotels in Hollywood, statt im kalten, leicht verschneiten New York, fehlt ihm vor allem die richtige Stimmung. So beginnt eines der berühmtesten, erfolgreichsten Weihnachtslieder mit einigen satirisch gemeinten Textzeilen.

Thema und Genre
In dieser romantischen Geschichte mit biografischem Hintergrund geht es um die erfolgreichen Kompositionen von Irving Berlin, vor allem jedoch um die Liebe zwischen ihm und der jungen Ellin Mackay. Kernthemen sind Herkunft, Gesellschaftsschichten und Religion. Der berühmte Song selbst und Weihnachten sind nur Randthemen.

Charaktere
Ellin Mackay schwankt zwischen der Liebe zu ihrem Vater, der beharrlich seine Einwilligung zu einer Ehe mit dem in seinen Augen absolut unpassenden Broadway-Komponisten verweigert, und ihrer Liebe zu Irving Berlin. In diversen Biografien und Zeitungsartikeln wird sie als selbstbewusste, moderne junge Frau beschrieben, im vorliegenden Roman wirkt sie zögerlich und unsicher.

Handlung und Schreibstil
Die Rahmenhandlung spielt Weihnachten 1937 in Hollywood, doch den Hauptteil nehmen die Erinnerungen Irvings und vor allem die Rückblenden aus der Sicht von Ellin ein, die mit einer Dinner-Einladung im Jahr 1924 beginnen, auf welcher sie den charmanten Songwriter kennenlernt. Die Musik des erfolgreichen Musical- und Filmkomponisten zieht sich zwar durch die Ereignisse, bleibt jedoch im Hintergrund, was ich mir auf Grund des Titels des Romans anders vorgestellt hatte. Die Fakten sind gut recherchiert, gehen aber nicht über die bekannten Informationen hinaus. Generell wird hauptsächlich Ellins Gefühlslage geschildert, während ich ausführlichere Beschreibungen der prächtig bunten, schillernden, packenden Künstlerszene im New York dieser Zeit erwartet hatte. Die Sprache liest sich leicht und rasch, teilweise erinnern die Szenen an den Stil der klassischen Rührstücke des 19. Jahrhunderts.

Fazit
Ein unterhaltsamer Roman mit biografischem Hintergrund, in dem die Liebe im Mittelpunkt steht und nicht, wie auf Grund des Titels zu vermuten, die Musik und Weihnachten. Meine persönlichen Erwartungen konnte dieses Buch nicht erfüllen, aber Fans von romantischen Liebesgeschichten werden von diesem gefühlvollen Frauenroman begeistert sein.

Bewertung vom 22.10.2020
Englein, Mord und Christbaumkugel
Baumann, Manfred

Englein, Mord und Christbaumkugel


ausgezeichnet

Perfekt für die Vorweihnachtszeit

„Ich bin garantiert nicht als ständig einsatzbereiter Kripochef hier, versuchte er sich zu beruhigen. Offenbar will das Kind in mir sich von diesem Zauber ringsum berühren lassen.“ (Zitat Pos. 95)

Inhalt
Es sind drei Geschichten aus dem weihnachtlichen Salzburg und Umgebung und sie haben eines gemeinsam: die schöne, fröhliche Weihnachtsstimmung wird durch eine sehr böse Tat gestört. Im Mittelpunkt steht jeweils ein Mitglied des Ermittlungsteams von Kommissar Merana: den ersten Fall untersucht Kommissar Merana, den zweiten Fall bearbeitet Chefinspektorin Carola Salman und für den dritten Fall ist Abteilungsinspektor Otmar Braunberger zuständig.

Thema und Genre
Dieser weihnachtliche Kriminalroman mit Regionalbezug spielt in Stadt und Land Salzburg. Stimmungsvolle Schilderungen von Weihnachtsmärkten und interessantes Wissen über die traditionellen Bräuche wie Glöckler, Herbergsuche und Krippenspiele ergänzen die mörderischen Ereignisse.

Handlung und Schreibstil

Süßer die Glocken nie bimmeln
Durch die Fenster der Orangerie des Schlosses Hellbrunn leuchtet der weihnachtlich geschmückte Park. Doch der Mann, der in der Mitte des Raumes liegt, kann sich daran nicht mehr erfreuen und mitten im stimmungsvollen Glöcklerlauf ertönt ein schriller Schrei. Gerade noch hatte Kommissar Merana entspannt Weihnachtslieder mitgesummt, doch nun ist er im Dienst.
„Eine wenigstens halbwegs erfolgversprechende Spur sah anders aus. Eine solche war bisher weit und breit nicht auszumachen. (Zitat Pos. 451)

Englein, Mord und Christbaumkugel
Notburga Englein ist Privatdetektivin und als ihr die Stelle als Warenhausdetektivin im mega-spleshigen Einkaufszentrum angeboten wird, sagt sie sofort zu. Dem freundlichen Manager ist ihr Name aufgefallen und er ist überzeugt, sie passt gut in das vorweihnachtliche Team. Doch plötzlich ist Englein die Hauptverdächtige in einem Mordfall und Chefinspektorin Carola ermittelt.
„Es war auch zu absurd. Vor nicht einmal einer Stunde hatte sie mit ihrer Tochter Weihnachtslieder geträllert und entzückende Zeichnungen in einem Bilderbuch bewundert – und jetzt stand sie einer Verdächtigen gegenüber, die ausgerechnet Englein hieß.“ (Zitat Pos. 1283)

Wer klopfet an?
Eine kleine Nachtschwalbe, die sich eigentlich im Herbst auf den Weg nach Afrika hätte machen sollen, wird durch eine Gruppe Anglöckler aufgestört. Singend machen sie in den Abendstunden dieses ersten Anglöckler-Donnerstags die Runde zu den einzelnen Höfen. Doch in einem der Anwesen werden sie nicht so erwartet, wie es üblich war. Hier hatte bereits jemand angeklopft, doch es wurde kein Herbergslied gesungen.
„Allerorts eine festliche, friedliche Stimmung. Freude auf allen Seiten. Nur er muss sich mit einem brutalen Mord beschäftigen. (Zitat Pos. 1941)

Fazit
Dieses Buch mit drei weihnachtlichen Kriminalfällen, die in der schönen Stadt Salzburg und Umgebung spielen, führte mich zurück in meine Kindheit in Salzburg und sofort habe ich mich an die beschriebenen Bräuche erinnert und die Lieder kenne ich immer noch. Ein sympathisches Ermittlerteam und treffend und humorvoll geschilderte Hauptfiguren ergänzen die Kriminalfälle und ihre Hintergründe zu einem unterhaltsamen, angenehmen vorweihnachtlichen Leseerlebnis.

Bewertung vom 21.10.2020
Todesfalter
Schiller, B. C.

Todesfalter


ausgezeichnet

Ein packender Thriller und ein brisantes Thema

„Die Vergangenheit holt mich immer wieder ein, dachte David und spürte mit einem Mal die aufputschende Wirkung des Adrenalins, die er so lange verleugnet hatte.“ (Zitat Pos. 210)

Inhalt
Der Hundeflüsterer David Stein lebt mit Leyla Khan auf Mallorca und hat mit seinen Einsätzen als ehemaliger BND Agent abgeschlossen. Doch dann bittet ihn Hanna Svenson, die Schwester seiner vor zehn Jahren bei einem Attentat ums Leben gekommenen ersten Frau Jana verzweifelt um Hilfe. Maja, ihre Tochter, arbeitet für Safe World, eine internationale Umweltorganisation, und hat zusammen mit ihrem Freund Jonas brisante Beweise gegen das Unternehmen FuturX in Riga gesammelt. FuturX entwickelt Nuklearbatterien für Elektroautos, unter Verwendung von hoch radioaktiven Brennstäben. Nun ist Jonas tot, ermordet, und Maja auf der Flucht vor Geheimdiensten und noch weit gefährlicheren Gegnern. In wenigen Tagen soll die EU-Zulassung für die Elektrofahrzeuge von FuturX erfolgen und nur Maja kann dies noch verhindern. Doch dazu muss David sie erst sicher und rechtzeitig aus Riga nach Les Deux Alpes bringen.

Thema und Genre
In diesem Thriller, dem Band 7 um den Ex-BND Agenten David Stein, geht es um das große Geschäft unter dem Deckmantel des Umweltgedankens, um Forschung, Umweltschutz, Politik und Geheimdienste.

Charaktere
David Stein und Leyla Khan freuen sich auf ihr erstes Baby, und doch kann er sich ein dauerhaft ruhiges Leben als Hundeflüsterer noch nicht wirklich vorstellen. Er sagt sofort zu, Maja zu helfen. Maja ist eine sehr mutige, entschlossene junge Frau, die diesen gigantischen Umweltskandal auch unter Einsatz ihres Lebens an die Öffentlichkeit bringen will. Auch die weiteren Protagonisten wie Leyla, Robyn, die IT Spezialistin des BND, die David von früher kennt, sowie der geheimnisvolle „Nachtfalter“, sind mit ihrer persönlichen Geschichte, ihren Eigenheiten und Handlungsweisen sehr gut und stimmig entwickelt.

Handlung und Schreibstil
Der straffe Zeitrahmen sorgt durchgehende Spannung, die unterschiedlichen Orte der Handlung von Riga über Berlin und Genf bis in die französischen Alpen machen, wie auch das brisante, aktuelle Thema, die Geschichte sehr interessant. Zusätzliche Spannungsmomente bringen die Ereignisse rund um den Besuch von Leyla in Beirut, der parallel zu Davids Einsatz stattfindet. Die Sprache ist so rasant und packend zu lesen, wie man es sich in diesem Genre erhofft.

Fazit
Ein brisantes, aktuelles Thema, ein Thriller mit einer sehr spannenden, aber realistischen und glaubhaften Handlung, dazu sympathische Charaktere: dies ergibt in der Summe ein sehr packendes, überzeugendes Lesevergnügen.

Bewertung vom 20.10.2020
Zorn und Stille
Gugic, Sandra

Zorn und Stille


ausgezeichnet

Ein vielschichtiger Generationenroman

„Wenn du mittendrin in einer Geschichte steckst, ist es noch keine Geschichte, mehr ein Getöse, ein Rauschen. Es beginnt erst eine Geschichte zu werden, wenn du sie jemandem erzählst. (Zitat Pos. 49)

Inhalt
Biljana Banadinović, Künstlername Billy Bana, ist vierzig Jahre alt und eine bekannte Fotografin. Im Grunde hasst sie das Reisen, hält es jedoch nie lange an einem Ort aus. Als Kind einer Gastarbeiterfamilie wächst sie in Wien auf. Schon seit sie siebzehn Jahre alt ist, führt sie ihr eigenes Leben und hat wenig Kontakt zu ihrer Familie. Nun ist der Vater verstorben und seine Anordnungen sind klar: er will in seinem alten Heimat in Serbien begraben werden. Die Reise nach Belgrad wird für Billy eine Erinnerungsreise in die Vergangenheit, denn ihr jüngerer Bruder Jonas Neven ist 2003 während einer Reise durch die neuen Länder Jugoslawiens spurlos verschwunden.

Thema und Genre
In diesem Familien- und Generationenroman geht es um Heimat, Herkunft, Identität, Kindheitserinnerungen, um die Problematik, in mehreren Ländern zu Hause und gerade deshalb nicht wirklich zu Hause zu sein, um Verlust, Trauer, um Familie und Beziehungen und um die Suche nach dem eigenen Platz in diesem Gefüge. Themen sind auch die Situation der frühen Gastarbeiterfamilien und der Zerfall des ehemaligen Staates Jugoslawien.

Charaktere
Als der Vater Billy seine Leica schenkt, weiß sie, dass sie Fotografin werden will. Sie sieht Momente und Situationen immer in Bildern, nicht alle fotografiert sie, sondern speichert sie in ihren Erinnerungen. In einer lockeren Beziehung mit der Galeristin Ira Goldfarb, ist Billy eine rastlos Reisende, die nie sesshaft wurde und von sich selbst vermutet, immer gerade dort glücklich zu sein, wo sie nicht ist. Eine gerade wegen ihrer Ecken und Kanten sehr sympathische Hauptfigur.

Handlung und Schreibstil
Die Geschichte wird in vier großen Abschnitten erzählt, wobei Billy in Teil I und IV die Ich-Erzählerin ist, während in Teil II ihre Mutter Azra im Mittelpunkt steht und in Teil III ihr Vater Sima. Die jeweils aktuellen Handlungsstränge umfassen unterschiedliche Zeitpunkte, Billy 2016 und 2018, Azra 2008 und Sima 1999 und werden nochmals von Erinnerungen unterbrochen und durch Rückblicke ergänzt. Der Prolog am Anfang des Buches schließt den Kreis in die Jetztzeit. Durch diese Schreibweise ergibt sich eine interessante, abwechslungsreiche und vielschichtige Familiengeschichte, die man gespannt miterlebt. Die in diesen Jahren wichtigen Ereignisse und die politischen Hintergründe ergänzen die Handlung. Die Sprache beschreibt lebhaft, schildert einfühlsam, die Bilder vor Billys Augen haben auch wir beim Lesen sofort vor Augen.

Fazit
Ein intensiver, großartig erzählter Roman einer Familie, der die wichtigen Fragen der heutigen Zeit aufgreift, die Träume jeder Generation und die Suche nach dem eigenen Platz im Leben. Ein beeindruckendes Leseerlebnis, das mich begeistert hat.

Bewertung vom 17.10.2020
Mäuseköttel
Wulff, Maria Charlotte

Mäuseköttel


ausgezeichnet

Erzählungen zum Nachdenken, Erinnern, Verstehen

„Dass das gute Stück eines Tages, ohne sein granadarotes Dach, als Blumenkübel im Vorgarten eines Einfamilienhauses im Rostocker Speckgürtel landen würde, dieser Anblick blieb der langjährigen Besitzerin erspart. Er hätte geschmerzt. Verrückte Zeiten!“ (Zitat aus CVM – Claudias Volks-Mercedes, Seite 97)

Inhalt und Thema
Dieser Erzählband umfasst sechzehn Geschichten, die zwischen 1979 und 2019 spielen, immer irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern, oder mit einem Bezug dazu. Es geht um Ost, West und um den Übergang in ein gemeinsames Deutschland, um Verlust und Neubeginn. Vor allem jedoch geht es um die Menschen und manchmal steht auch ein legendäres Auto im Mittelpunkt. Ansprechende, mit leichter Hand skizzierte Illustrationen ergänzen die Texte und stammen, wie auch das Cover, von der Rostocker Innenarchitektin und Designerin Peggy Kastl.

Handlung und Schreibstil
Es sind Alltagsgeschichten, die hier erzählt werden. In der DDR hofft im Dezember 1979 eine Mutter auf Apfelsinen, die jedes Jahr auf den bunten Weihnachtsteller gehören. Im Dezember 2019 reist die Autorin mit ihrem Ehemann nach Potsdam, beobachtet und beschreibt das Heute, verknüpft es mit den Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend in Schwerin und besucht dann zum ersten Mal die russische Kolonie Alexandrowka, die so ganz anders ist, als sie es sich früher vorgestellt hatte. Eine Geschichte führt zurück in das Jahr 1991, die Währungsumstellung und ihre Folgen, die Treuhandgesellschaften und westliche Firmen auf Einkaufstour. Den Titel erhält dieses Buch von der Geschichte einer alten Dame, Kunsthistorikerin, die mit ihrem Testament das künstlerische Gesamtwerk ihres verstorbenen Ehemannes, eines bekannten Malers, erhalten will und die ehrwürdige Villa seit Jahrzehnten mit hartnäckigen Mitbewohnern teilt. In „Westreise“ besucht im September 1987 eine junge Frau aus Schwerin ihren alten Onkel im Westen und muss feststellen, dass auch im Westen nicht alles Gold ist, was glänzt. In der nachfolgenden, vorletzten, Erzählung unternimmt ein älteres Ehepaar aus einem Dorf in Mecklenburg, in dem er, wie vermerkt wird, als Wessie trotz seiner Ostfrau nie dazugehören eine Kurzreise nach London – im März 2019, wenige Tage vor dem Brexit-Termin.
Die kurze letzte Geschichte bringt es auf den Punkt, vereint die beiden Welten vom 4. November 1989 und 4. November 2019, als in einer Radiosendung ein Kind nach dem ‚Warum‘ fragt, ‚warum war die DDR gemein zu den Menschen‘ und von der Journalistin keine Antwort erhält, weil die Sendezeit beinahe zu Ende war. Die Autorin hätte eine Antwort gewusst. „Vier Minuten hätten also ausgereicht, um zu differenzieren.“ (Zitat Seite 184)

Fazit
Es sind vielschichtige Geschichten, die einfühlsam, ernst oder heiter, mit einem feinen Humor, die genauen Beobachtungen der Menschen in den Jahren zwischen damals und heute widerspiegeln. Ein Buch für angenehme Lesestunden zum Nachdenken, Erinnern, oder, für Zugezogene wie mich, eine Wienerin auf Rügen, eine interessante Möglichkeit, Mecklenburg-Vorpommern und seine Menschen besser zu verstehen.

Bewertung vom 16.10.2020
Die Knochennadel / Peter Hogart Bd.3
Gruber, Andreas

Die Knochennadel / Peter Hogart Bd.3


ausgezeichnet

Ein packender, realistischer Thriller

„Du hast dich soeben einer geplanten Festnahme widersetzt und bist mit einer nicht registrierten Waffe abgehauen. Und das im Ausland.“ (Zitat Seite 236)

Inhalt
Der Versicherungsdetektiv Peter Hogart ist privat in Paris. Zusammen mit seiner Nichte Tatjana, 19 Jahre alt, begleitet er seine Lebensgefährtin, die Kunsthistorikerin Elisabeth Domenik. Diese leitet als Auktionatorin in der Opéra Garnier eine exklusive, nicht öffentliche Auktion einer höchst wertvollen mittelalterlichen Knochennadel aus Privatbesitz. Zur Versteigerung selbst wird aus Sicherheitsgründen nur eine Kopie gezeigt. Anschließend holt Elisabeth das Original aus dem Tresor. Doch einen Augenblick später ist sie spurlos verschwunden und mit ihr der wertvolle Kunstgegenstand. Hogart beginnt sofort mit der Suche nach Elisabeth, recherchiert die Hintergründe, forscht nach Zusammenhängen. Doch jemand ist ihm immer einen Schritt voraus und statt auf Gesprächspartner trifft er auf Tatorte …

Thema und Genre
In diesem Thriller und dritten Fall für den Wiener Privatdetektiv Peter Hogart geht es um
den internationalen Kunstmarkt und wertvolle Antiquitäten. Auch psychologische Hintergründe spielen eine Rolle.

Charaktere
Peter Hogart muss unter extremem Zeitdruck einen Fall lösen, der zunächst mehr Rätsel als Antworten bietet. Gleichzeitig muss er auch seine Nichte Tatjana beschützen. Bald steht er selbst unter Verdacht, doch aufgeben kommt für ihn nicht in Frage. Tatjana spielt Bass in einer Mädchen-Punkband, macht gerade an der Polizeischule Wien ihre Ausbildung und besteht darauf, bei ihrem Onkel in Paris zu bleiben, um ihn bei seinen Recherchen zu unterstützen. Der Autor nimmt sich Zeit für die einzelnen Charaktere, jede seiner Figuren ist speziell und sehr treffend entwickelt.

Handlung und Schreibstil
Die facettenreiche, packende Handlung spielt in Frankreich und zwar in Paris, Versailles, Le Havre, an der Cote D’Azur und in Monaco. Der extrem knappe Zeitrahmen zwischen 14. und 19. September ergibt sich aus den Ereignissen und strafft die dichte Handlung, welche dadurch noch spannender wird. Parallel zum aktuellen Geschehen verläuft eine zweite Geschichte, welche fünfzehn Jahre vorher beginnt und ebenfalls chronologisch erzählt wird. Auch wenn man beim Lesen Zusammenhänge vermutet, halten überraschende Wendungen die Spannung aufrecht. Die genauen Beschreibungen der Handlungsorte führen uns beim Lesen direkt nach Paris und in die Kunst- und Antiquitätenszene. Diese Ausführlichkeit behält der Autor auch bei den Schilderungen der Tathergänge bei, hier merkt man, dass er auch im klassischen Gothic-Genre zu Hause ist.

Fazit
Ein interessanter, dichter und intensiver Thriller. Eine überzeugende, glaubhafte Geschichte, mit einigen sehr realistischen, heftigen Details, aber auch mit einer guten Prise lockerem Humor packend erzählt.

Bewertung vom 14.10.2020
Hotel der Schlaflosen
Rothmann, Ralf

Hotel der Schlaflosen


ausgezeichnet

Elf Erzählungen und elf Entscheidungen

„Aber am besten verstehen wir es, feine Klingen zu machen, schön graviert. Manche Messer, die man im Ärmel trägt, sind schmal wie Bleistifte und so unglaublich spitz und scharf: Man spürt sie erst kaum, hat nur ein kleines unbehagliches Gefühl.“ (Zitat aus „Der Dicke Schmitt“, Seite 88)

Inhalt und Thema
Dieser Erzählband umfasst elf Geschichten, in denen es um Menschen und jenen kleinen Augenblick geht, in dem eine Entscheidung gefällt wird. Diesem Moment ordnen sich alle nachfolgenden Ereignisse unter. Es sind gefährliche Situationen, plötzliche Ereignisse, in denen das Handeln Mut erfordert, oder scheinbar ausweglose Momente, und immer besteht eine Wahl zwischen mehreren Möglichkeiten.

Handlung und Schreibstil
Der Autor lässt in einer klaren, verständlichen, aber niemals überflüssig erklärenden Sprache seinen Figuren immer die freie Wahl der Entscheidung und des Handelns. Einige der Geschichten sind beklemmend und düster, doch auch hier gibt es mehrere Möglichkeiten, selbst ein Kind nach einer harten Kindheit im Elend könnte es im Erwachsenenleben anders machen und ein Genosse Major kann umdenken, auch wenn er riskiert, dann vom Täter selbst zum Opfer zu werden. Es sind Erzählungen über mutiges und weniger mutiges Verhalten und darüber, sich bietende Chancen zu ergreifen. Eine Geigerin vor dem Konzert, deren Problem nicht nur eine gerissene Seite und die Ersatzseiten im Hotel sind, fragt sich bei der Fahrt durch die Gegend, wo sie aufgewachsen ist „Wie viele Erinnerungen haben zwischen zwei Herzschlägen Platz?“ (Seite 16) und in der letzten Geschichte stellt der Protagonist mit Erstaunen fest, dass die Erinnerungen im Alter zu einer eigenen, völlig neuen Realität werden können.

Fazit
Elf Erzählungen, elf Situationen und elf Entscheidungen, die uns beim Lesen nachdenklich stimmen, noch lange nachklingen mit der Frage, was wir in einem ähnlichen Fall tun würden oder vielleicht getan hätten.

Bewertung vom 12.10.2020
NEBEL / HULDA Trilogie Bd.3 (eBook, ePUB)
Jónasson, Ragnar

NEBEL / HULDA Trilogie Bd.3 (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Ein überzeugender Abschluss einer packenden Trilogie

„Immerhin, jeder kleine Sieg verschaffte ihr eine gewisse Befriedigung. Wenigstens konnte sie selbst stolz darauf sein, gute Arbeit geleistet zu haben, auch wenn es sonst niemand erwähnenswert fand.“ (Zitat Seite 329)

Inhalt
Dieses Weihnachten 1987 im kalten, tief verschneiten Island verändert das Leben von Hulda Hermannsdóttir, Kommissarin bei der Polizei Reykjavík, unwiderruflich. Doch es ist ihr wichtig, nach einem Sonderurlaub rasch in ihren Beruf zurückzukehren. Ihr Chef betreut sie mit einem sehr speziellen neuen Fall. Die Bewohner eines einsamen Bauernhauses im abgelegenen Osten Islands, ein altes Ehepaar, wurden tot aufgefunden. Sie waren nicht friedlich verstorben und es musste bereits während der Weihnachtstage passiert sein. Gleichzeitig lässt Hulda das nach wie vor ungeklärte, spurlose Verschwinden einer jungen Frau während der Sommermonate keine Ruhe.

Thema und Genre
In diesem Thriller, dem dritten und letzten Band der Serie um die Ermittlerin Hulda geht es um Familie, Verlust, Schuld und Verantwortung. Auch psychologische Elemente spielen eine wichtige Rolle.

Charaktere
Hulda muss mit einem persönlichen Schicksalsschlag fertig werden, für den sie sich mitverantwortlich fühlt. Teilweise sind ihre Gedanken dadurch abgelenkt, gerade deshalb übernimmt sie diesen neuen Fall bewusst und vertieft sich in die Ermittlungen. Sie ist eine sehr genaue, erfolgreiche Kriminalbeamtin, doch sie weiß auch, dass sie mit ihren vierzig Jahren beruflich wesentlich weiter wäre, wäre sie in Mann. Umso mehr ist sie entschlossen, immer einfach ihr Bestes zu geben.

Handlung und Schreibstil
Die Ereignisse werden in zwei paralellen Geschichten geschildert, die in den Weihnachtstagen 1987 und Februar 1988 spielen. Ein ergänzender dritter Handlungsstrang führt zurück in den Sommer 1987. Der Winter in Island ist düster und kalt und gerade deshalb sind die Traditionen des Weihnachtsfestes für die Menschen so wichtig. Doch in diesen gemütlichen Beschreibungen über das typische Festessen und Bücher, die als Geschenk unbedingt zu einem isländischen Weihnachtsfest gehören und die man auch sofort mit Vorfreude zu lesen beginnt, schwingen rasch Beklemmung und Ängste mit. Vermutungen ergeben sofort einen besonderen Sog in diese packende Geschichte und überraschende Wendungen sorgen für zusätzliche Spannung. Der Autor spielt mit der Sprache und fängt die unterschiedlichen Stimmungen eindrücklich ein und versetzt uns beim Lesen sofort in das einsame winterliche Island.

Fazit
Weihnachten im kalten, tief verschneiten Island wird besonders gemütlich und traditionell gefeiert, doch manchmal trügt der Schein und was zuerst in der Dunkelheit nur mitschwingt, tritt immer deutlicher hervor. Ein vielschichtiger, sehr spannender Nordic Noir Thriller, ein gelungener Höhepunkt zum Abschluss dieser Serie. Auch die gewählte Form, diese Trilogie im Zeitablauf rückwärts zu erzählen ist ebenso ungewöhnlich wie genial und packend, ich würde, obwohl nun ja alle drei Bände erschienen sind, genau die vom Autor gewollte Reihenfolge DUNKEL – INSEL – NEBEL einhalten.

Bewertung vom 10.10.2020
Ich an meiner Seite
Birnbacher, Birgit

Ich an meiner Seite


ausgezeichnet

Ein beeindruckender Roman

„Er braucht einen schönen, gerade Lebenslauf. Nicht übertrieben ausgeschmückt, darum geht es nicht, aber etwas, das ihn auf den normalen Weg führt.“ (Zitat Pos. 1746)

Inhalt
Arthur Galleij ist zweiundzwanzig Jahre alt, als der die JVA Gerlitz als freier Mann verlässt. Er wusste, dass ihn niemand erwarten würde, doch da irrte er. Grazetta, eine alte Dame mit einem bewegten Leben, die er in der Palliativresidenz seiner Mutter in Spanien kennengelernt hatte, ist nun hier in Wien, um auf ihn aufzupassen. Dies will auch der Therapeut Doktor Konstantin Vogel, genannt Börd, der Gesellschaftswissenschaften studiert hatte, auf Grund seiner eigenwilligen Arbeitsweise jedoch arbeitslos wurde. Bettina Bergner hat ihn, ihren ehemaligen Professor, als Mitarbeiter in ihr Projekt geholt, eine neue Form der Therapie für Haftentlassene. Einen vorübergehenden Platz in einer speziellen WG hat Arthur, doch er braucht dringend einen Job. Rasch erkennt er, dass er dazu einen etwas korrigierten Lebenslauf benötigen würde.

Thema und Genre
In diesem Roman geht es um Träume, Verluste, Ereignisse, die Menschen aus der Bahn werfen können, um die reale Härte im Strafvollzug, Bewährungshilfe, Resozialisierung, Vorurteile und mögliche neue Chancen. Auch der schöne Schein des angepassten, daher perfekten Menschen, der in unserer modernen Gesellschaft so wichtig ist, ist ein Thema.

Charaktere
Arthur ist ein intelligenter, aber sehr ruhiger junger Mann. Er beobachtet und versucht, das gesellschaftliche System zu verstehen. Im Grunde sollte es für einen Menschen wie ihn nicht schwierig sein, Arbeit zu finden, doch nicht als Haftentlassener. Er erkennt, dass keine gesellschaftliche Beschönigung ihm helfen kann, sondern „einzig und allein ich an meiner Seite.“

Handlung und Schreibstil
Nach einer kurzen Einleitung, ein Morgen in der Jetztzeit, beschreibt die aktuelle Handlung die Ereignisse zwischen Juni 2010 und Juni 2011. Parallel dazu wird in Rückblicken Arthurs Kindheit und Jugend erzählt, ergänzt durch Arthurs eigene Erinnerungen. Das Schicksal dieser Hauptfigur, die untypisch in diese Lage geschlittert ist, wird lebendig, einfühlsam, aber auch unverklärt und realistisch geschildert. Obwohl Arthur jung ist, scheint er, ebenso wie Börg und Grazetta, etwas aus der Zeit gefallen, und man schließt diese Figuren mit allen ihren Schrullen und speziellen Eigenheiten rasch ins Herz. Die Sprache erzählt klar, gerade und eindrücklich.

Fazit
Ein ernster, nachdenklicher und gleichzeitig humorvoller Roman. Diese Geschichte über die Realität eines Alltags mit einem Gefängnisaufenthalt im Lebenslauf überzeugt auch durch die einnehmende Hauptfigur.