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2 Kundenbewertungen

Frauen, die verschwinden, eine fiktive Bossa-Nova-Platte von Charlie Parker, ein sprechender Affe und ein Mann, der sich fragt, wie er wurde, was er ist: Die Rätsel um die Menschen, Dinge, Wesen und Momente, die uns für immer prägen, beschäftigen die Ich-Erzähler der acht Geschichten in 'Erste Person Singular'. Es sind klassische Murakami-Erzähler, die uns in eine Welt aus nostalgischen Jugenderinnerungen, vergangenen Liebschaften, philosophischen Betrachtungen, Literatur, Musik und Baseball entführen. Melancholisch, bestechend intelligent und tragikomisch im allerbesten Wortsinn sind diese…mehr

Produktbeschreibung
Frauen, die verschwinden, eine fiktive Bossa-Nova-Platte von Charlie Parker, ein sprechender Affe und ein Mann, der sich fragt, wie er wurde, was er ist: Die Rätsel um die Menschen, Dinge, Wesen und Momente, die uns für immer prägen, beschäftigen die Ich-Erzähler der acht Geschichten in 'Erste Person Singular'. Es sind klassische Murakami-Erzähler, die uns in eine Welt aus nostalgischen Jugenderinnerungen, vergangenen Liebschaften, philosophischen Betrachtungen, Literatur, Musik und Baseball entführen. Melancholisch, bestechend intelligent und tragikomisch im allerbesten Wortsinn sind diese Geschichten, die wie beiläufig mit der Grenze zwischen Fiktion und Realität spielen und immer wieder den Verdacht nahelegen, dass Autor und Ich-Erzähler mehr als nur ein paar Gemeinsamkeiten haben.
Empfehlung der bücher.de Redaktion
“Erste Person Singular“ beschäftigt sich mit einer poetischen Wahrheit über Identität und das Besondere des Alltäglichen. Murakami erzählt eine alternative, fiktive Lebensgeschichte im Stil des magischen Realismus.

Erste Person Singular, Haruki Murakami

Wer ist die „Erste Person Singular“ in Haruki Murakamis neuem Werk? Ist es der Autor Murakami selbst, ist es sein fiktives Alter-Ego? Oder handelt es sich in diesen acht Kurzgeschichten um verschiedene Ich-Erzähler? So ganz klar ist das nicht, denn der Erzähler scheint stets unzuverlässig in dem, was und wie er erzählt. Anstelle von Quintessenzen präsentiert Murakami ein Rätsel, das die Tücken der Erinnerung und die Willkürlichkeit der Existenz aufdeckt.

Die „Erste Person Singular“ schwelgt in Jugenderinnerungen an vergangene Lieb- und Freundschaften und denkt zurück an besondere Lebensmomente. Die Kurzgeschichten rundet Murakami mit Referenzen zu klassischer Musik, Literatur und Popkultur ab. Anekdoten aus dem Leben dienen Murakami in diesem Erzählband vor allem als verbindendes Glied. Diese scheinbaren Banalitäten des Alltäglichen verwandelt er mal in magische Träume, mal in schreckliche Visionen.

Das Murakami-Prinzip

Murakamis literarische Signatur zeichnet sich durch sonderbare Geschichten aus. Besonders die einfachen und schnörkellosen Sätze verleihen seinen Werken eine sprachliche Eleganz, die sein Publikum weltweit zu schätzen weiß. Dank der kompetenten wie sorgfältigen Übersetzung von Ursula Gräfe kommt sein einzigartiger Stil auch im Deutschen wunderbar zur Geltung.

In „Erste Person Singular“ finden sich alle Markenzeichen Murakamis. Surrealistische und mystische Elemente umrahmen das Spiel mit Realität und Fiktion sowie dem Zufall. Ein weiterer Bestandteil von Murakamis Signatur sind die Anspielungen auf die Popkultur und die Literatur. Dank seines direkten Erzählstils und seiner großen Sensibilität für die menschliche Psyche ist auch „Erste Person Singular“, wie all seine Werke, beeindruckend tiefgründig.

Der japanische Kult-Autor

Haruki Murakami feiert weltweit große literarische Erfolge. Seine Bücher wurden in rund 50 Sprachen übersetzt. Geboren wurde der japanische Schriftsteller 1949 in Kyoto. Er studierte Theaterwissenschaften und Drehbuchschreiben in Tokio. Eine Zeit lang betrieb er eine Jazz Bar in Tokio, bevor er zum Vollzeit-Autor wurde.

Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller übersetzte er Werke amerikanischer Autoren wie F. Scott Fitzgerald, John Irving und Raymond Carver ins Japanische. Ausgezeichnet wurde er mit den höchsten japanischen Literaturpreisen, dem Prager Franz-Kafka-Literaturpreis, dem World Fantasy Award, dem Hans-Christian-Andersen-Literaturpreis, dem Jerusalem-Literaturpreis sowie dem Welt-Literaturpreis. Mehr zu Haruki Murakami erfahren Sie in seinem Autorenporträt.

Autorenporträt
Murakami, HarukiHaruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren, lebte längere Zeit in den USA und in Europa und ist der gefeierte und mit höchsten Literaturpreisen ausgezeichnete Autor zahlreicher Romane und Erzählungen. Sein Werk erscheint in deutscher Übersetzung bei DuMont. Zuletzt erschienen die Romane 'Die Ermordung des Commendatore' in zwei Bänden (2018) und in einer Neuübersetzung 'Die Chroniken des Aufziehvogels' (2020) sowie der Erzählband 'Erste Person Singular' (2021).
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Rezensentin Katharina Granzin lernt mit Haruki Murakamis Erzählungen, sich von der Welt überraschen zu lassen. Die Geschichten sind für sie echt Murakami, weil sie im Grenzbereich zwischen Wirklichkeit und Vorstellung spielen, von Geschehnissen und Begegnungen berichten, die der mir dem Autor scheinbar deckungsgleiche Erzähler aus seiner Erinnerung kramt. Für Murakami typische Motive wie Baseball und Jazz und der "Widerhall von Ereignissen" auf unterschiedlichen Zeitebenen machen die Texte für Granzin zu einem reizvoll hintersinnigen Vexierspiel.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 28.01.2021

Schuld war nicht der Bossa Nova

Folgenreiche Nichtigkeiten: In seinem neuen Erzählungsband "Erste Person Singular" lauscht Haruki Murakami im Badehaus einem sprechenden Affen, erlebt eine Epiphanie mit den Beatles und spürt Momenten nach, die ihre wahre Bedeutung erst in der Rückschau offenlegen.

Sie sind der Autor, und ich frage nur ungern, aber worum geht es eigentlich in dieser Geschichte? Was ist das Thema?" Die irritierten Fragen seines Lektors - und die mögliche Verwirrung weiterer Leser - hat Haruki Murakami selbstironisch gleich eigenhändig in sein Buch hineingeschrieben. Und tatsächlich ist schwer zu sagen, wovon die Erzählungen in seinem jüngsten Band handeln. Dabei erscheint der Titel grammatikalisch doch so klar: "Erste Person Singular", was offensiv Autobiographisches von dem in seinem magischen Realismus systematisch mit den Spuren des Ichs spielenden japanischen Großschriftsteller verheißen könnte.

Doch dazu ist die in vier Jahrzehnten kultivierte Kunst Murakamis selbstverständlich viel zu raffiniert. Was vordergründig daherkommt wie neun Erzählungen von eleganter sprachlicher Schlichtheit, die lose an das vertraute Konzept der Novelle um eine unerhörte Begebenheit anknüpfen, spürt ein ums andere Mal der bloßen Ahnung von Bedeutsamkeit nach. Geweckt wird diese von identitätsstiftenden oder verneinenden Begebenheiten, die sich beinahe unter der Aufmerksamkeits- oder Erinnerungsschwelle abspielen und ex post erzählt - also erfunden - werden. Den Erzähler lassen sie mit seinen Sinnfragen stets ohne Antworten zurück.

Wenn er dabei in einer heißen Schwefelquelle sitzt und sich von einem sprechenden Affen den Rücken schrubben lässt, muss das keine unangenehme Erfahrung sein. Benebelt vom Dampf, weiß der Ich-Erzähler selbst nicht recht, was tatsächlich, was eingebildet ist, stellt aber den Affen als wirkliche, nichtfigurative Gestalt vor und seift uns Leser umso lustvoller ein. Haarsträubendes hat der Primat zu bekennen, semiotische Skrupellosigkeiten, von denen Literaten nur träumen können: Mehr als den Namen einer Angebeteten, stets eines weiblichen Menschen, braucht das Tier nicht für platonische Übergriffe amouröser Natur, die das Zeichen der Angeschwärmten vom Bezeichneten trennen. Statt dem mythomanischen Affen, einem ethologisch zwischen die Gattungsgrenzen geratenen Animal symbolicum, etwa Lacan'sche Sentenzen vom Begehren ins Maul zu legen, lässt Murakami ihn herzwärmende Kalenderweisheiten verbreiten: "Ich glaube, dass die Liebe der Brennstoff ist, der uns am Leben hält." Wer wollte da widersprechen?

Allein diese Kurzgeschichte ist nicht neu, sondern schon 2006 in dem gleichfalls von Ursula Gräfe übersetzten Sammelband "Blinde Weide, schlafende Frau" auf Deutsch erschienen. Mit ihrer phantastischen Fabulierfreude überschreitet sie den realbiographisch anmutenden Rahmen der anderen Erzählungen, ist ihnen aber mit gutem Recht zugeordnet. Jede bewegt sich im schmalen Spalt zwischen den Worten und den Dingen - oder Menschen. In diesem traumhaft unbestimmten Raum streift eine mögliche Quintessenz, eine Moral von der Geschicht oder der Sinn des Ganzen den Erzähler flüchtig wie ein Schatten.

In der Geschichte "Crème de la Crème", die von einer erst ins Nichts, dann zu einer prophetischen Alten führenden Einladung handelt, findet Murakami dafür das schöne Bild vom "Kreis mit vielen Mittelpunkten". In der Betrugsgeschichte "Carnaval", leitmotivisch getragen von der Begeisterung der Figuren für Robert Schumanns gleichnamigen Klavierzyklus, formuliert er: "Sein Spiel reißt niemandem die Maske vom Gesicht, sondern durchweht wie ein sanfter Luftzug den Spalt zwischen Maske und wahrem Gesicht." Das gilt auch für Murakamis Schreiben.

Überhaupt die Musik und die Gesichter: Letztere verschwimmen wie die Namen verflossener Geliebter in der Erinnerung bis zur Unkenntlichkeit oder werden offensiv ausgespart oder verneint - gewissermaßen köpft Murakami viele seiner Figuren, besonders die weiblichen. Die Musik dagegen wirkt als Takt- und Haltgeber des wehmütig auf Jugendtage gerichteten Erzählens. Murakami ohne die Leidenschaft für Klassik, Jazz und Baseball? Undenkbar. Herrlich, wie er, zu seinen Anfängen als Autor zurückkehrend, die schöpferische Kraft der Worte in "Charlie Parker Plays Bossa Nova" feiert: Die Rezension einer schon dem Titel nach offensichtlich fiktiven Platte wird in einem New Yorker Laden Jahre später zum Bumerang, der allerdings so schnell vorbeisaust, dass kein anderer als der Erzähler ihn sehen kann. "With The Beatles" enthält eine ähnliche Epiphanie, begleitet vom Bekenntnis, eigentlich nie besonders viel für die Musik der "Fab Four" übriggehabt zu haben. Doch ihnen verdankt er - Murakami ist Jahrgang 1949 - mehr als den Sound eines Lebensabschnitts, nämlich diesen einen strahlenden Moment, der weit in die Zukunft hinein leuchtet. Als der Erzähler 1964 in der Oberschule ein wunderschönes Mädchen mit einer Beatles-LP vorbeilaufen sieht, schrillt "eine kleine Glocke" ihm in den Ohren, während die folgende Romanze mit einer anderen von vager Stille begleitet wird, schließlich Todesstille.

Je älter jemand wird, der sich erinnert, desto durchlöcherter von Verlusten ist das Vergangene. Bei Murakami ist das nicht anders. Aus den Jugendlichen von einst sind Senioren geworden - eine Unbegreiflichkeit wie so vieles, eigentlich alles im Leben. Die Wendepunkte des eigenen Weges gehen auf in historischen Epochenjahren: 1968 war "das Jahr, in dem ,I Only Live Twice' von den Folk Crusaders ein Riesenhit war, Martin Luther King und Robert Kennedy ermordet wurden und Studenten am Internationalen Antikriegstag den Bahnhof Shinjuku besetzten". Aber es war eben auch "das Jahr, in dem Haruki Murakami Fan der Sankei Atoms wurde": einer notorisch auf der Verliererseite stehenden Baseballmannschaft, die gerade dadurch poetische Lektionen fürs Leben erteilten konnte. Im Labyrinth des Alltäglichen wird rückblickend bedeutungsvoll, was sich als einschneidendes Ereignis herausgestellt hat. Kaum einer spürt den Nichtigkeiten, in denen alles Folgende angelegt sein kann, so meisterlich nach wie Haruki Murakami.

URSULA SCHEER

Haruki Murakami: "Erste Person Singular". Erzählungen.

Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont Verlag, Köln 2021. 224 S., geb., 22,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 28.01.2021

Tricks, Tricks, Tricks
In seinem neuen Erzählband „Erste Person Singular“ erweist sich Haruki Murakami als Großmeister des kurzweiligen surrealen Schauders
In einem Essay über den Einfluss des Jazz auf sein Schreiben zitierte der japanische Schriftsteller Haruki Murakami einmal Thelonious Monk, der auf die Frage nach dem Geheimnis seines Klangs gesagt habe: „Eine neue Note kann es nicht sein. Die Noten sind alle festgelegt, wie Sie an der Klaviatur sehen. Aber wenn es Ihnen auf eine Note wirklich ankommt, klingt sie anders.“ Murakami ergänzte: „An diese Worte erinnere ich mich oft, wenn ich schreibe. Es ist wahr. Es gibt keine neuen Worte. Unser Job als Schriftsteller ist es, gewöhnlichen Worten eine neue Bedeutung und spezielle Untertöne zu geben.“ Damit hat er an der Besonderheit seiner eigenen Texte etwas vorbeigeredet.
In Murakamis Romanen können Menschen plötzlich durch Wände gehen. Ein zweiter, grüner Mond steht am Himmel, Geister tauchen auf oder ein Junge kommt in einer Bibliothek mit einem Mann ins Gespräch, der ein Schafskostüm trägt. All das passiert stets leise, so als sei es nun mal so. Und es wird in der allergewöhnlichsten Alltagssprache davon erzählt: „Vor etwa fünf Jahren machte ich in einem kleinen Ryokan im Badeort M. in der Präfektur Gumma die Bekanntschaft eines älteren Affen. Es war bloßer Zufall, dass ich in der abgelegenen oder, besser gesagt, heruntergekommenen Herberge abstieg.“
So beginnt „Bekenntnis des Affen von Shinagawa“, eine Erzählung aus Murakamis neuem Band „Erste Person Singular“. Der Mann, der da auf Reisen durch die japanische Provinz ist, ähnelt insofern den meisten Erzählern aus Murakamis Kosmos, als er völlig durchschnittlich ist, Musik liebt und sich gerade durchs Leben treiben lässt. Er entspannt sich abends in der heißen Thermalquelle des Hotels, „als der Affe klappernd die Glastür aufschob und mit einem leisen ,Entschuldigen Sie‘ das Bad betrat“. Dieser Affe hantiert nun so professionell und geübt mit den herumliegenden Gerätschaften, dass schnell klar ist: Der ist hier der Bademeister.
„,Wie ist das Wasser?‘, fragte mich der Affe. ,Ausgezeichnet, danke.‘ Meine Stimme klang dumpf und weich in all dem Dampf. Sie hatte sogar etwas Mythisches, hörte sich nicht an wie meine, sondern wie ein Echo aus der Vergangenheit, das aus einem tiefen Wald hallte. Und dieses Echo ... Halt, Moment mal, warum war hier ein Affe, und wieso konnte er sprechen wie ein Mensch?“
Das ist so der Murakami-Humor. Der Erzähler ist erst mal von der eigenen Stimme irritiert, bevor er über das ganz und gar andere staunt. Ähnlich wie in einem Traum, in dem die Regeln des Alltags aufgehoben sind.
Die Begegnung in der dunklen Kellerquelle ist aber auch sonst eine mustergültige Murakami-Situation. Die irrsten Vorkommnisse werden zwar verwundert, aber auch mit sofortiger Akzeptanz zur Kenntnis genommen, gleichzeitig strahlen diese Vorkommnisse von dem Moment an zurück auf alles vermeintlich so Normale, in diesem Fall die eigene Stimme, die plötzlich anders, fremd, aus fernen Zeiten klingt. Um Monks Zitat zu variieren: Der Zauber entsteht bei Murakami nicht daraus, dass er gewöhnlichen Worten eine neue Bedeutung und spezielle Untertöne gibt, sondern daraus, dass er ganz gewöhnlichen Szenen und Situationen ein surreales Moment beimischt, wodurch dann alles andere auch in einen seltsamen Schwebezustand gerät.
„Erste Person Singular“ enthält neun Erzählungen, die jeweils in Ich-Form von solch einer seltsamen Begegnung oder Begebenheit erzählen. Mal lädt sich eine junge Frau bei einem Studenten zum Übernachten ein, verschwindet danach und schickt ihm eine Sammlung wunderschöner eigener Gedichte, die aber niemals irgendwo veröffentlicht werden. Oder die Fiktion greift aus in die Realität (wurde schon mal untersucht, welches magische Verwandtschaftsverhältnis zwischen Murakami und Borges besteht?): In „Charlie Parker Plays Bossa Nova“ erinnert sich der Erzähler daran, wie er in einer Unizeitung mal ein von ihm selbst erfundenes Parker-Album besprochen hat. Parker, der 1955 gestorben ist, hat darin angeblich 1963 mit Carlos Jobim wunderschöne Songs aufgenommen. Der Witz ist nun, dass der Erzähler Jahre später in einem Laden für gebrauchte Schallplatten auf diese Aufnahme stößt, weißes Cover, darauf nur der Plattentitel und die Songtitel. „Zu meiner größten Verblüffung stimmten die Titel ebenso wie die aufgeführten Musiker exakt mit jenen überein, die ich mir als Student ausgedacht hatte.“
Murakami schreibt in seinem lesenswerten Werkstattbuch „Von Beruf Schriftsteller“, die Grundideen für seine Bücher würden ihn immer „von der anderen Seite“ erreichen. Er ist überzeugt, dass es neben der realen eine oder mehrere irreale Welten gibt, die einander wechselseitig durchdringen, und er sagt, wenn er sich konzentriere, gelinge es ihm zuweilen, „die Seiten zu wechseln“. Man kann ihn also mit Fug und Recht einen parapsychologischen Pageturner nennen.
Mit anderen Worten: Die spezifische Sogwirkung der Romane erwächst daraus, dass die eine seltsame Begebenheit, die alles zum Zittern oder ins Schweben bringt, sich aus der Mitte des Geschehens heraus in konzentrischen Kreisen und wie in Zeitlupe über die ganze Welt zu ziehen scheint. Wenn sich das stille Wunder erst mal mitten im Alltag ereignet hat, kann es dort die erstaunlichsten Blüten treiben. So wie im Horrorfilm hinter wirklich jeder Ecke das Grauen lauert, können hier alle physikalischen Gesetze aufgehoben werden.
So auch in diesem Sammelband: Der Erzähler im Thermalbad unterhält sich irgendwann aufs Prächtigste mit dem Affen, der erstaunlich kultiviert ist (beim gemeinsamen Bier spricht er von seiner tiefen Liebe zu Bruckner und Richard Strauss. „Sie mögen Bruckner?“ – „Ja, seine siebte Sinfonie, besonders den dritten Satz, finde ich immer sehr inspirierend“). All das ist merkwürdig genug. Im Verlauf des Abends gesteht der Affe aber dann, dass er menschliche Weibchen begehrt. Da er nicht mit ihnen schlafen kann, stiehlt er ihnen den Namen, wodurch die von ihm begehrten Frauen an einer winzigen, aber natürlich außerordentlich verstörenden Erinnerungslücke leiden: Immer wieder fällt ihnen ihr eigener Name nicht ein. – Die Charlie-Parker-Geschichte potenziert den surrealen Schauder nach dem Fund im Plattenladen, indem Jahre später Parker nachts im Traum des Erzählers auftaucht und für diesen nicht nur „Corcovado“, den zentralen Song des fiktiven Albums, spielt, sondern sich danach auch explizit für die Erfindung dieser Platte bedankt: Sei doch wunderbar, als Toter noch mal eine ganz neue Musikrichtung kennenzulernen.
Der Punkt ist nun nur, dass die Erzählungen in dem Moment, in dem sich alles mit dieser suggestiven Kraft aufgesaugt hat, enden. Ein bisschen so, als würde sich ein Jongleur, der sieben Bälle in die Luft geworfen hat, plötzlich mitten in der Nummer umdrehen, weggehen und die Bälle achtlos zu Boden plumpsen lassen. Wobei, oh, Moment, während wir hier in unserer kleinen Feuilletonklause noch stolz sind über dieses vermeintlich gelungene Bild, kommt der Magier Murakami zurück, zeigt alle sieben Bälle und sagt, es sei ja wohl seine Sache, wie lange die jeweilige Nummer und Geschichte dauere, Hauptsache, der Trick funktioniert.
Sagen wir es also vorsichtiger: Murakami zeigt auch hier sein volles Können. Wer aber die weitflächige Trance erleben will, in die einen Bücher wie „Mister Aufziehvogel“ oder „IQ84“ führen können, der warte einfach bis zum nächsten Roman. Wer hingegen sehen will, wie viel immer neue Imaginationskraft in Murakami steckt, und wen es nicht stört, dass alle paar Seiten eine andere unerhörte Begebenheit die gerade erst durchlesene Geschichte ablöst, der sollte sich „Erste Person Singular“ vielleicht doch nicht entgehen lassen.
ALEX RÜHLE
Die irrsten Vorkommnisse
werden verwundert
zur Kenntnis genommen
Ein bisschen so, als würde
ein Jongleur die Bälle achtlos
zu Boden plumpsen lassen
Der Haruki-Murakami-Humor: Der Erzähler ist erst mal von der eigenen Stimme irritiert, bevor er über das andere staunt.
Foto: Toshito Kubo/picture alliance
Haruki Murakami:
Erste Person Singular. Erzählungen. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont, Köln 2021. 224 Seiten, 22 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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erer Geniestreich des Großmeisters der Finten.«
Werner Krause, KLEINE ZEITUNG

»Der japanische Autor Haruki Murakami plaudert aus dem Leben.«
Britta Heidemann, WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG

»Haruki Murakami in Bestform. Einmal mehr zeigt der Japaner sich als Meister des Magischen Realismus.«
Welf Grombacher, PASSAUER NEUE ZEITUNG

»Seine Texte [...] offenbaren eine Tiefe, welche die Klasse dieses Weltautors ganz mühelos unterstreicht.«
Thomas Groß, FRÄNKISCHE NACHRICHTEN

»Anleitungen für den Gebrauch des Verstandes«
Günter Keil, ABENDZEITUNG MÜNCHEN

Rezensent Alex Rühle empfiehlt Haruki Murakamis Erzählungen Menschen, die sich damit abfinden können, das in jedem der Texte eine unerhörte Begebenheit geschieht, der Leser noch staunt, und dann schon die nächste Geschichte beginnt. Das ist kunstvoll, betont Rühle, wer aber Murakami a la longue erleben möchte, sollte besser zu den Romanen greifen, meint Rühle. Allen anderen bietet der Band laut Rezensent lauter typische Murakami-Momente, in denen das Wunderliche Teil der Normalität wird, meist schneller als der Leser denken kann, und Fiktion und Realität miteinander verschmelzen. Für Rühle entwickeln die Texte enormen Sog und zeugen ein ums andere Mal von der riesigen imaginären Kraft des Autors.

© Perlentaucher Medien GmbH