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Der neue Roman nach dem Bestseller »Die Ladenhüterin«Der neue Roman von Japans Erfolgsautorin Sayaka Murata erzählt die Geschichte von Natsuki und ihrem Cousin Yu, die sich jung verlieben und gemeinsam gegen eine Welt verbünden, die ihnen beileibe nicht nur Gutes will. Im alten Farmhaus der Familie, in dem früher die Seidenraupen ihren Dienst verrichteten, sind sie glücklich, denn sie sind beieinander. 20 Jahre später geht Natsuki an diesen Ort zurück ... Die Magie dieses abgründigen Romans spinnt uns ein in einen irisierenden Kokon der Fremdheit und entlässt uns schließlich in eine Realität,…mehr

Produktbeschreibung
Der neue Roman nach dem Bestseller »Die Ladenhüterin«Der neue Roman von Japans Erfolgsautorin Sayaka Murata erzählt die Geschichte von Natsuki und ihrem Cousin Yu, die sich jung verlieben und gemeinsam gegen eine Welt verbünden, die ihnen beileibe nicht nur Gutes will. Im alten Farmhaus der Familie, in dem früher die Seidenraupen ihren Dienst verrichteten, sind sie glücklich, denn sie sind beieinander. 20 Jahre später geht Natsuki an diesen Ort zurück ... Die Magie dieses abgründigen Romans spinnt uns ein in einen irisierenden Kokon der Fremdheit und entlässt uns schließlich in eine Realität, in der alles möglich ist. Sayaka Muratas Roman »Die Ladenhüterin« war eine literarische Sensation aus Japan, die auch die deutschen Leserinnen und Leser im Sturm erobert hat: Eine Außenseiterin findet als Angestellte eines 24-Stunden-Supermarkts ihre wahre Bestimmung. »Das Seidenraupenzimmer« erzählt die Geschichte von Außenseitern, die darum kämpfen, ihren Platz in der Welt zu finden, noch konsequenter: Wie Murata das Psychogramm eines Missbrauchsopfers überführt in eine gänzlich eigenständige Erzählung, die die Grenzen der Realität einreißt und neu bestimmt, ist beeindruckend - und die so überraschenden Wege der Freundschaft und Liebe, in der die Versehrten Zuflucht finden, sind umso tröstlicher und berührender. »Sehr lustig, aufregend beunruhigend und vollkommen überraschend.« Sally Rooney über »Die Ladenhüterin«
  • Produktdetails
  • Verlag: Aufbau-Verlag
  • Originaltitel: Chikyu Seijin
  • Artikelnr. des Verlages: 641/13793
  • Seitenzahl: 253
  • Erscheinungstermin: 15. Juni 2020
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 132mm x 26mm
  • Gewicht: 393g
  • ISBN-13: 9783351037932
  • ISBN-10: 3351037937
  • Artikelnr.: 58268336
Autorenporträt
Murata, Sayaka§Sayaka Murata wurde 1979 in der Präfektur Chiba, Japan, geboren. Für ihre literarische Arbeit erhielt sie bereits mehrere Auszeichnungen. Ihr Roman »Die Ladenhüterin« gewann 2016 mit dem Akutagawa-Preis den renommiertesten Literaturpreis Japans und war in mehr als einem Dutzend Ländern ein großer Erfolg.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.06.2020

Nimm das, Erdling!
Im Auge eines Außerirdischen: Sayaka Muratas schonungslose Satire auf die Japan Inc.

Mit dem Roman "Die Ladenhüterin", der im Reich japanischer 24-Stunden-Supermärkte (konbini) und Arbeitsmenschen ohne Aufstiegschancen eine leise Sozialkritik übte, landete Sayaka Murata 2016 einen Bestseller. Diese Kritik der Autorin an der Leistungsgesellschaft, die gern als Japan Inc. bezeichnet wird, ist nun in "Das Seidenraupenzimmer" expliziter und feministischer geraten.

Zum Ahnenfest O-Bon reist die Familie von Natsuki aus Chiba in die Berge um Nagano zum Haus der Großeltern. Lampions und Glühwürmchen, Rituale wie Willkommens- und Abschiedsfeuer für die Ahnen bieten eine schöpfungsnahe Gegenwelt zur Großstadt. Sehnsüchtig erwartet Natsuki, die von ihrer Familie wenig Liebe erfährt und Missbrauchsopfer eines Lehrers wurde, jeden Sommer Yu, ihren Cousin, ein Scheidungskind, mit dem sie sich in eine Welt fern der Machtasymmetrien hineinträumt und der ihr seine Herkunft vom Planeten Pohapipinpopopia gesteht. Die in Manga-Ästhetik verpackte inzestuöse Romanze zwischen Außenseiterin und Außerirdischem wird von der Umwelt nicht geschätzt, und Natsuki kann lange nicht mehr in die japanischen Alpen reisen.

Der ländlichen Idylle steht in harten Schnitten Chiba gegenüber. Natsuki erinnern die städtischen Apartments an Nistkästen und an ein Zimmer in Opas Haus, in dem Seidenraupen in Bambuskörben gezüchtet wurden.

Es geht um orwellsche Gehirnwäsche und kafkaeskes Gefangensein als Organspender eines in dystopischen Zyklen der Produktion und Reproduktion zum Selbstzweck gewordenen Systems. Symbolisch ist die Welt der Farben, wenn Natsuki als Racheengel in traumartiger Überblendung von Geschlechterfarben den sie belästigenden Nachhilfelehrer tötet: Dessen Haus nimmt am Tattag pinke Farbe an, während Natsuki auf ein "blaues Gebilde" einsticht, aus dem goldene Flüssigkeit strömt. Später vollzieht Natsuki, die auf dem Portal "drückdich.com" unter dem Menüpunkt "Ehe ohne sexuelle Aktivitäten" Tomoobi kennenlernte, eine Scheinheirat, um den "Augen der Fabrik" zu entgehen. 23 Jahre nach ihrem letzten Besuch in den Bergen reist sie mit Tomoobi nun noch einmal zum Landhaus ihrer Jugend, das nach Großvaters Tod Yus Vater geerbt hat.

Da auch der als Erwachsener und "Erdling" camouflierte Cousin dort gerade eine Auszeit nimmt, bilden Natsuki, Tomoobi und Yu eine Dreier-WG, aus den Urlaubern werden Aussteiger, Kommunarden und Pohapipinpopopianer. Nachdem das Ehepaar von irdischen Boten wie Natsukis Schwester oder Schwiegervater aufgesucht und zeitweise "in die Fabrik zurückgebracht" wurde, will das Trio dem Gesellschaftsvertrag schließlich ganz entsagen.

Das bildhafte Finale erinnert in seiner Unausweichlichkeit und Weltabgeschiedenheit - nach Schneefall und Erdrutschen sind die Zufahrtswege blockiert, ist man von der Außenwelt abgetrennt - an Abe Kobos existentialistischen Roman "Die Frau in den Dünen". Das Trio wird dank des Sozialexperiments und extraterrestrischen Trainings durch die Aktivierung neuer Teile des Gehirns und im Wunsch, "im Zustand eines Gefäßes zu leben", freier, animalischer, anarchistischer - und kann sich dennoch nie ganz lösen und heilen von Fesseln und Fallgruben gesellschaftlicher Prägungen.

Muratas neuer Roman ist mit seinen Szenen von Inzest, Missbrauch, Mord und Kannibalismus gewöhnungsbedürftig. Umso dezidierter beschwört diese Psychoanalytikerin ihres Landes die Schattenseiten Japans und des globalen Kapitalismus.

STEFFEN GNAM

Sayaka Murata: "Das Seidenraupenzimmer". Roman.

Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Aufbau Verlag, Berlin 2020. 256 S., geb., 20,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Rezensent Martin Oehlen bestaunt die Radikalität in Sayaka Muratas Roman über eine Fünftklässlerin aus der fünften Dimension. Atemberaubend erzählt findet er die Rebellinnengeschichte, die für ihn das gewisse Etwas hat: Nicht der Glaube des Mädchens an die eigene Zauberkraft, sondern die knallharte Grundierung mit Missbrauch und Verlorenheit und Widerstand. Dass Murata dabei nicht den "moralischen Zeigefinger" bemüht, gefällt Oehlen gut.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 10.07.2020

Endlich
Alien
In ihrem neuen Roman sucht Sayaka Murata
Auswege aus der menschlichen Existenz
VON JONAS LAGES
An einem Tag im April unternahm ein Mann in der japanischen Millionenstadt Kawasaki das Unvorstellbare. Takehiro Shimada schloss seine 7-Eleven-Filiale. Japans Convenience-Stores, die sogenannten Konbini, sind rund um die Uhr geöffnet und ein fester Bestandteil der nationalen Infrastruktur. Vor Covid-19 hatte Shimada, wie er der New York Times versicherte, in über 20 Jahren nur ein einziges Mal geschlossen – zur Renovierung. Es brauchte eine Pandemie, damit der rigide Konzern seinen Ablegern den Segen zum Schließen erteilte.
Was wohl die Heldin aus Sayaka Muratas Roman „Die Ladenhüterin“ davon gehalten hätte? In dem Buch, das 2016 erschienen ist und aus dem Nichts zum Weltbestseller avancierte, findet eine Frau, die sich von kleinauf als Sonderling versteht und nicht so recht weiß, was all diese gesellschaftlichen Konventionen für einen Sinn haben, ihren Frieden, indem sie diesen Konventionen exakt entspricht und auf diese Weise zur ideal angepassten Durchschnittsjapanerin wird. Ihre Suche nach der maximalen gesellschaftlichen Widerstandslosigkeit führt sie in die so allgegenwärtigen wie unsichtbaren Position der Konbini-Verkäuferin. Sie kaschiert ihr Anderssein durch die absolute Anpassung. Denn, in ihren eigenen Worten: „Normalität setzt sich gewaltsam durch.“ Wie seltsam jene Menschen, die sich für normal halten, aber in Wahrheit sind, offenbarte sich unter dem Blick von Muratas Heldin.
Sayaka Murata, 1979 geboren, hat selbst neben dem Schreiben jahrelang in einem Konbini gearbeitet. Mit ihrem so luziden wie subversiven Roman traf sie einen Nerv in ihrem Heimatland: Er wurde in Japan gut 600.000 mal verkauft, erhielt den renommiertesten Literaturpreis des Landes, den Akutagawa-Preis.
Nun ist ihr neuster Roman unter dem Titel „Das Seidenraupenzimmer“ auf Deutsch erschienen. Er ist formal komplexer, sein Personal vielgestaltiger, die Stimmung düsterer. Es geht zwar wieder um Außenseitertum und die Erwartungen des Kollektivs an das Individuum. Doch der Fokus ist diesmal ein anderer. Im Kern geht es um weibliche Selbstbestimmung und die Verästelungen des patriarchalen Gesellschaftssystems.
Der Roman beginnt in der Kindheit der Ich-Erzählerin Natsuki, auf einem Familienfest im Landhaus der Großeltern. Es ist Sommer in den Bergen von Nagano und das buddhistische Ahnenfest Obon steht bevor. Natsuki, gerade in der fünften Klasse und in einer Superheldinnen-Phase, freut sich schon seit Wochen darauf. Zuhause versteht sie niemand, die Schwester nörgelt, der Mutter dient sie als Frustableiter und der Vater gleicht einer Leerstelle. Aber hier ist ihr Cousin Yu.
Auch er fühlt sich zuhause als Fremdling; seine Mutter nennt ihn einen Außerirdischen und die Kinder nehmen die Metapher beim Wort. Ein Alien und ein Magical Girl: Die beiden fühlen sich als Liebespaar. Diesem wehmütig-schönen Auftakt scheint sein Ende schon fast eingeschrieben zu sein. Die Erwachsenen erwischen die beiden, wie sie nach der Beerdigung des Großvaters miteinander schlafen. Natsukis Familie kontrolliert fortan jede ihrer Bewegungen.
Muratas Protagonistin ist aber nicht nur eine Außenseiterin, sondern auch eine Überlebende. Sie wird von ihrem Lehrer missbraucht. Die Vorstellung, dass sie eine Zauberin ist, wird zu ihrer Überlebensstrategie und zu einer Rolle, in der sie Rache nimmt. Als die Polizei die Leiche des Lehrers findet, kann er nur noch anhand des Gebisses identifiziert werden. Damit scheidet der Täter zwar aus dem Leben, aber die Folgen seiner Tat bleiben. Dass Natsuki ihren Geschmackssinn verliert, ist nur ihr äußerliches Symptom.
Wir treffen Natsuki schließlich als Mittdreißigerin wieder, sie ist verheiratet, aber nur um den Fängen ihrer Familie zu entkommen. Ihren Ehemann Tomoobi traf sie im Internet, Sektion: „Ehe ohne sexuelle Aktivitäten und Kinder“. Sie leben in getrennten Zimmern.
Der Roman spielt in einem Japan, in dem die Bevölkerung altert, die Geburtenrate sinkt, die Heiratsrate auch. Der soziale Druck ist teilweise so hoch, dass man sich Ehepartner mieten kann. Im vergangenen Jahr kam eine viel zitierte Studie zu dem Schluss, dass fast jeder vierte Japaner unter vierzig noch Jungfrau sei. Was von konservativen Politikern als Gefahr für die bestehende Gesellschaftsordnung gedeutet wird, scheint bei Murata vielmehr ein Symptom der Kaputtheit eben dieser Ordnung zu sein.
In „Das Seidenraupenzimmer“ verdichtet Murata diese Gesellschaftsordnung in einer Metapher, die kapitalistische Produktion mit menschlicher Reproduktion verschränkt. „Ich lebte in einer Fabrik, in der Menschen produziert wurden“, sagt Natsuki. „Und ich hatte in dieser Siedlung zwei Aufgaben. Erstens, mich anzustrengen, in jeder Hinsicht ein funktionierendes Werkzeug zu werden. Zweitens, mich als Mädchen anzustrengen, ein funktionierendes Fortpflanzungsorgan für diese Siedlung zu werden.“ Und: „Alle glaubten an die ‚Fabrik‘“.
Sayaka Murata gehört in eine Reihe junger ostasiatischer Autorinnen, die in ihren Werken weibliche Selbsterfahrungen in patriarchalen Systemen thematisieren. Ihre Landsfrau Mieko Kawakami etwa zeigt in ihrem Roman „Brüste und Eier“, wie sich gesellschaftliche Codes in den weiblichen Körper einschreiben. Im Nachbarland Südkorea stieß Cho Nam-joo mit dem Roman „Kim Ji-young, Born 1982“ ein Debatte über Geschlechterungerechtigkeit an. Und in Han Kangs „Vegetarierin“ geht eine Frau in Fundamentalopposition zu Familie und Gesellschaft, indem sie auf Fleisch verzichtet und zur Pflanze werden will.
Auch bei Murata geht die Protagonistin schließlich in Opposition zur Gesellschaft, ja sogar zur Spezies Mensch. Mit Ehemann und wiedergefundenen Cousin verschanzt sie sich im leerstehenden Landhaus der Großeltern. Hier wird die kindliche Imagination, die der Traumabewältigung diente, beim Wort genommen und in die Erfahrungswelt übersetzt: Die drei wollen Aliens werden. Es eskaliert. Muratas große Stärke ist es, Figuren durch ihren Blick auf die Welt zu charakterisieren. So vollzieht sich der Sinneswandel hier vor allem als erzählerischer Wechsel der Perspektive, als eine fortschreitende Verrätselung der Welt.
Am Ende, als Natsuki wieder schmecken kann, setzt der Roman schließlich einen literarischen Kontrapunkt zu Hans „Vegetarierin“. Zu essen gibt es nämlich Menschenfleisch.
Sayaka Murata: Das Seidenraupenzimmer. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Aufbau Verlag, Berlin, 2020. 256 Seiten, 20 Euro.
Es ist Sommer in den Bergen
von Nagano, das
Ahnenfest Obon steht bevor
Ihren Mann trifft sie im Internet,
Sektion: „Ehe ohne
sexuelle Aktivität und Kinder“
Das Geld zum Schreiben verdiente sie sich lange als Kassiererin: die Schriftstellerin Sayaka Murata.
Foto: Takuya Sugiyama
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»Ein verstörendes, schonungsloses Buch mit radikalem Ende und eine kritische, kunstvolle Allegorie auf die japanische Gesellschaft.« RBB Kulturradio 20200704