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Wie werden wir, wie wir sind? Anhand von Erinnerungen, Melodien und Gegenständen vergegenwärtigt Annie Ernaux die Jahre, die hinter ihr liegen, taucht tief ein in ihre Vergangenheit und damit auch in die ihres Landes: die 50er-Jahre, die Algerienkrise, ihre Universitätskarriere, das Schreiben, eine unglückliche Ehe, die Mutterschaft, das Jahr 1968, sexuelle Unterdrückung und Befreiung, die Nullerjahre und schließlich das eigene Altern. Dabei schafft Ernaux eine neue Form der Autobiografie, in der persönliches Erinnern und das kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation verschmelzen.…mehr

Produktbeschreibung
Wie werden wir, wie wir sind? Anhand von Erinnerungen, Melodien und Gegenständen vergegenwärtigt Annie Ernaux die Jahre, die hinter ihr liegen, taucht tief ein in ihre Vergangenheit und damit auch in die ihres Landes: die 50er-Jahre, die Algerienkrise, ihre Universitätskarriere, das Schreiben, eine unglückliche Ehe, die Mutterschaft, das Jahr 1968, sexuelle Unterdrückung und Befreiung, die Nullerjahre und schließlich das eigene Altern. Dabei schafft Ernaux eine neue Form der Autobiografie, in der persönliches Erinnern und das kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation verschmelzen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Der Audio Verlag
  • Gesamtlaufzeit: 78 Min.
  • Erscheinungstermin: 31.01.2019
  • ISBN-13: 9783742410474
  • Artikelnr.: 54897742
Autorenporträt
Ernaux, Annie
Annie Ernaux, geboren 1940, bezeichnet sich als »Ethnologin ihrer selbst«. Sie ist eine der bedeutendsten französischsprachigen Schriftstellerinnen unserer Zeit, ihre zwanzig Bücher sind von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert worden.

Finck, Sonja
Sonja Finck, geboren 1978 in Moers, studierte Literaturübersetzen in Düsseldorf. Inzwischen lebt sie als literarische Übersetzerin in Berlin und Gatineau (Kanada).
Rezensionen
Besprechung von 08.10.2017
Die Stille war unser Hintergrundgeräusch

Mit zehn Jahren Verspätung erscheint Annie Ernaux' Roman "Die Jahre" endlich auch bei uns. Sie erzählt ihr Leben, indem sie die gesellschaftliche Entwicklung und die eigene Biographie und jene Bilder kunstvoll miteinander verknüpft, die ihr scheinbar zufällig im Kopf geblieben sind

Es gibt Momente in der Geschichte, die untrennbar zu uns allen gehören, obwohl jeder Einzelne sie mit seinen eigenen Erinnerungen verknüpft. Der Roman "Die Jahre" der französischen Schriftstellerin Annie Ernaux macht dieses Phänomen zum Erzählprinzip. Annie Ernaux wurde 1940 im Norden Frankreichs geboren, wo sie in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs. Sie studierte, wurde Lehrerin, bekam Kinder und widmete sich erst spät ganz dem Schreiben. Ihre Lebensgeschichte erinnert in vieler Hinsicht an die ihrer Kollegen Édouard Louis und Didier Éribon, deren Bücher in den vergangen Jahren auch in Deutschland Verkaufserfolge waren. In Rückkehr nach Reims schreibt Éribon mehrmals, dass ihn insbesondere zwei große Vorbilder inspiriert haben: Pierre Bourdieu und Annie Ernaux. Nachdem "Die Jahre", Ernaux' neuntes Buch, bereits 2008 in Frankreich herauskam und ihr sowohl dort als auch in Italien eine Reihe von Preisen einbrachte, brauchte es offenbar zuerst Éribon, um Ernaux auch hier bekannter zu machen. Beinahe zehn Jahre nach dem französischen Original erscheinen "Die Jahre" nun auch in deutscher Übersetzung.

In ihrem Roman erzählt Ernaux von dem, was sie im Titel verspricht: Von den Jahren ihres Lebens, den Jahren der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, den Jahren, die vergehen.

Die Welt, in der die Erzählerin groß wird, ist eine, die so anders ist, als läge zwischen damals und heute mehr als ein Menschenleben. Die Arbeit ist hart und orientiert sich, wie der Alltag, an Jahreszeiten und kirchlichen Feiertagen. Wunden werden mit Urin desinfiziert, der Krieg ist gerade erst vorüber. Es ist dreckig, die Kindersterblichkeit hoch. Die meisten Menschen sind nie länger als 50 Kilometer gereist, Paris ist fern wie ein fremdes Land. Es ist eine langsamere, ruhigere Zeit: "Stille war unser Hintergrundgeräusch und das Fahrrad das Maß für die Geschwindigkeit unseres Lebens." In dieser Welt sind Familienerzählung und gesellschaftliche Erzählung eins. Beim Sonntagsessen werden Geschichten erzählt, "in denen keine persönlichen Erlebnisse vorkamen außer Geburten, Hochzeiten und Todesfälle".

In "Die Jahre" nimmt sich Ernaux diese Art der Erzählung zum Vorbild: Sie erzählt die Geschichte einer Generation, oder besser, der Frauen einer Generation, die viele Erfahrungen teilen. Gleichzeitig vermischt sie diese mit ihrer eigenen, sehr individuellen Geschichte. Wie sie der Welt ihrer Kindheit durch ihr Studium entwächst, ohne sie je so ganz hinter sich zu lassen. Wie sie seit ihrer Jugend vom Schreiben träumt, sich aber verliert, irgendwo, zwischen Arbeit und Familie. Und wie es ihr dann, als die Kinder aus dem Haus sind, doch gelingt. Sie möchte "so etwas Ähnliches wie ,Ein Leben' von Maupassant" schreiben, "ein Buch, das das Vergehen der Zeit in ihrem Inneren und außerhalb von ihr, in der großen Geschichte, beschreibt".

Der Roman ist durchzogen von einer Melancholie und einem Gefühl von Verlust. Von Zeit, die nie mehr wiederkommen wird, von Personen, die gestorben sind, doch auch von einem jugendlichen Lebensgefühl, das einem irgendwie abhandengekommen ist. Zwar kommt immer wieder Hoffnung auf, bricht sich ein unbändiger Zukunftsglaube Bahn, doch wird der auch häufig enttäuscht. Die Dinge ändern sich plötzlich und schnell. Und dann? Auf den wirtschaftlichen Boom, der mit der Zuversicht einhergeht, dass all die neuen Dinge das Leben vereinfachen werden, folgt der Überdruss, der sich in der Kälte riesiger Supermärkte in trostlosen Gewerbegebieten manifestiert. Die Jahre einer sexuell unterdrückten Jugend, hin- und hergerissen zwischen "den Sticheleien der Jungen, Jungfrauen seien frigide, und den Vorschriften der Eltern und der Kirche", werden abgelöst von einer kurzen sexuellen Befreiung, die jedoch bald von neuen Ängsten erstickt wird. Die Perfektion hält Einzug ins Sexleben, der Körper muss schön sein. In den neunziger Jahren sind Frauen "mehr denn je unter Beobachtung, ihr Verhalten, ihr Geschmack und ihre Wünsche wurden permanent kommentiert, mal besorgt, mal selbstgefällig".

Die Form, die Ernaux für ihr Erzählen wählt, ist ungewöhnlich. Stückweise gleicht sie einer Collage: Kurze Erinnerungen und Bilder lösen sich ab mit der ersten Person Plural, dem "Wir" der Geschichte der Frauen; und mit Ernaux' eigener Lebensgeschichte, die sie anhand von Fotografien in der dritten Person beschreibt. Vom "Kleinkind mit Babyspeck, Schmollmund und einer dunklen Haartolle" bis zur alten Frau, "die Stirn von Falten überzogen", ihre Enkelin auf dem Schoß. Möchte man ein ganzes Leben erzählen, gehören alle drei Dinge zusammen: Die Bilder, die scheinbar wahllos und zufällig im Kopf bleiben, die gesellschaftliche Entwicklung und die eigene Biographie. Zwar ist die Geschichte der Gesellschaft immer auch eine andere, als die der Person, die sie erlebt, denn nicht jeder war 1968 zwischen 18 und 25, nicht jeder warf Steine, nicht überall war Paris. Doch berührt dieses Ereignis trotzdem ein ganzes Land, jedes einzelne Leben. Ernaux fügt alles zusammen zu einer vollkommen neuen Form autobiographischen Schreibens. Durch ihre Perspektive gelingt es ihr, sowohl sich selbst als auch ihre Rolle in der Gesellschaft wie von außen zu betrachten, dabei jedoch trotzdem sehr intim und berührend zu sein.

Es sind Bilder, die in diesem Roman eine große Rolle spielen, Bilder, die man im Kopf hat, die man, wie die eigene Sprache, mit niemand anderem teilt, die einen zu dem machen, was man ist. Filmszenen, an die man sich erinnert, auch wenn der Rest der Handlung längst verblasst ist. Sätze, die einem jedes Mal einfallen, wenn man an einer bestimmten Stelle vorbeifährt, weil sie irgendwann mal von einem Beifahrer genau im Moment des Vorbeifahrens gesagt wurden.

Ernaux zählt Redewendungen auf, die sie in die Vergangenheit tragen, zu Personen, die diese immer benutzten. Oder einzelne Äußerungen, wie die ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter: "Anders als die stehenden Wendungen, sind diese Sätze einzigartig, sie gehören allein ihrer Mutter und niemandem sonst auf der Welt." Es sind diese Erinnerungen, die alles zusammenhalten, die die Beziehung zu anderen Menschen ausmachen: "Wenn man seine mittlerweile erwachsenen Kinder beobachtete und ihnen zuhörte, fragte man sich, was einen eigentlich verband, weder das Blut noch die Gene, nur eine Gegenwart aus Tausenden gemeinsam verbrachten Tagen, aus Worten und Gesten, aus Mahlzeiten, Autofahrten, unzähligen geteilten Erfahrungen, deren man sich nicht bewusst war."

Auch wenn Ernaux auf diese Weise die Vergangenheit bewahren möchte, "etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird", ist sie nicht nostalgisch. "Dass Fragen in Bezug auf die Vergangenheit immer sinnlos sind", weiß sie zu gut. Ihre Haltung entsteht aus einem kritischen Blick auf die Gesellschaft, damals und heute. Das ist, neben dem Erinnern, das andere große Thema des Buchs, seine soziologische Seite, an der man sieht, warum Éribon sagt, er habe viel von ihr gelernt. Ernaux' Beobachtungen sind präzise und vorausschauend, besonders, wenn man bedenkt, dass der Roman in Frankreich vor bald zehn Jahren erschienen ist. Sie beschreibt, was die französische Gesellschaft teilt, sie erkennt, dass es Menschen gibt, die nicht dazugehören. Migranten, die irgendwo in dubiosen Vierteln wohnen, wo niemand hingehen mag; Menschen, die man allein als Bauarbeiter oder Müllmänner kennt. Sie fürchtet sich vor dem Erstarken der Rechten und der zunehmenden Kritik an den Medien. Nur manchmal rutscht sie dabei in eine etwas einseitige Fortschrittskritik, die sich den moralischen Zeigefinger, wenn auch aus stets distanzierter Haltung, nicht immer verkneifen kann.

Man mag sich "Die Jahre" nun sehr vollgepackt, ja verwirrend vorstellen. Auch die Erzählerin selbst hat "Angst, sich in den vielen Facetten der Wirklichkeit, die sie beschreiben will, zu verlieren". Erstaunlicherweise passiert das jedoch nie. Im Gegenteil überzeugt der Roman gerade dadurch, dass er die verschiedenen Ebenen miteinander vermischt. Auch das eigene Leben ist ja nichts anderes als ein ständiger Wechsel zwischen kleinen Beobachtungen und Weltgeschehen, zwischen Privatem und Kollektivem.

In all den Jahren mit ihren Veränderungen gibt es außerdem etwas, das bleibt. Die gemeinsamen Familienessen verbinden die einfache Kindheit mit Ernaux' späterem Leben als Intellektuelle, in dem sie selbst erst Mutter und schließlich Großmutter ist. Die Familienmitglieder wechseln, die Gesprächsthemen ändern sich, doch die Tradition bleibt bestehen. Es ist eine Tradition, die die Kinder langweilt und die erst mit dem Alter immer kostbarer wird, wenn Verwandte, die früher einmal dabei waren, in Erzählungen lebendig werden, und einem gleichzeitig bewusst wird, dass Zeit vergeht: "Wie das sexuelle Verlangen ist auch die Erinnerung endlos. Sie stellt Lebende und Tote nebeneinander, reale und imaginäre Personen, eigene Träume und die Geschichte." Ernaux' Buch ist der Versuch, das Erinnern in Worte zu fassen, damit eines Tages, wenn man "nur noch ein Vorname" sein wird, "von Jahr zu Jahr gesichtsloser", trotzdem etwas bleibt.

ANNA VOLLMER

Annie Ernaux: "Die Jahre". Roman. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Bibliothek Suhrkamp, 255 Seiten, 18 Euro. Die Autorin liest heute Abend in Essen, morgen in Bonn und tritt auf der Buchmesse zusammen mit Didier Éribon auf (am Donnerstag, dem 12. Oktober, um 18.30 Uhr in der Evangelischen Akademie).

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur FAS-Rezension

Es mussten wohl erst Didier Eribon und Edouard Louis kommen, damit sich auch hierzulande jemand fand, Annie Ernauxs biografischen Roman "Die Jahre" knapp zehn Jahre nach seinem Erscheinen in Frankreich zu veröffentlichen, glaubt Rezensentin Anna Vollmer. Zu Unrecht, fährt die Kritikerin fort, denn Ernaux gelinge das Kunststück, private Erinnerungen in eine gesellschaftliche Erzählung zu verwandeln. Gebannt folgt die Rezensentin der Autorin bei ihrem melancholischen Rückblick auf das vergangene halbe Jahrhundert, erlebt wirtschaftlichen Boom und Überdruss, sexuelle Unterdrückung und Befreiung und bewundert die eindringlichen und lange nachhallenden Bilder und Sätze, die Ernaux für ihre Erlebnisse findet. Bewegt liest Vollmer zudem, wie die Autorin von der gemeinsamen Zeit mit ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter erzählt. Nicht zuletzt staunt die Rezensentin über den vorausschauenden, nostalgiefreien kritischen Blick der Autorin auf die Gesellschaft. Ernauxs präzisen Beobachtungen nimmt Vollmer die gelegentliche "einseitige Fortschrittskritik" nicht übel.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 10.10.2017
Ich und das
Mittagessen
Unaufdringlich, souverän, eigenständig:
Annie Ernaux erzählt von den Jahren einer Frau
VON MEIKE FESSMANN
Von einer Sekunde auf die andere sind alle Bilder gelöscht. Das individuelle Gedächtnis verschwindet, während das kollektive fortbesteht. Es hat wohl auch mit der unglaublichen Vorstellung des eigenen Todes zu tun, dass Annie Ernaux eine so herausragende Schriftstellerin geworden ist. Ihre Bücher haben von Umfang und Struktur her nichts Episches. Sie sind auf eine leicht zu lesende Weise experimentell. Und doch ist in ihnen immer auch der ruhige Fluss der Zeit zu spüren. Es gibt eine Art Grundvertrauen in ihrem Werk, ein Vertrauen darauf, dass das Schreiben eine wirkungsvolle Tätigkeit ist, die eine Spur im kollektiven Gedächtnis hinterlässt.
Ohne sich selbst allzu wichtig zu nehmen, im Gegenteil, lange gefährdete die einfache Herkunft ihr Selbstbewusstsein, stellt die 1940 in der Normandie geborene Schriftstellerin das eigene Leben und die Menschen ihres Umfelds ins Zentrum: den Vater in „La place“, die Eltern in „La honte“, die Ehe in „La femme gelée“, das sexuelle Verlangen in „Passion simple“ und „Se perdre“. Mit Mitte siebzig veröffentlichte sie im vergangenen Jahr ein Buch, das sich noch einmal dem sexuellen Erwachen widmet. Die deutsche Übersetzung von „Mémoire de fille“ ist für nächstes Jahr bei Suhrkamp angekündigt.
„Die Jahre“, 2008 als „Les années“ im französischen Original erschienen und von Sonja Finck souverän übersetzt, ist die Quintessenz ihres Werks. Das ungewöhnliche Resonanzverhältnis zwischen Ich und Welt nimmt augenblicklich dafür ein. Es hat auch mit einer formalen Entscheidung zu tun. Annie Ernaux evoziert Fotos, um von derjenigen zu erzählen, die sie über all die Jahre gewesen ist. Aber sie spricht nicht aus der Ich-Perspektive. Wenn sie in der ersten Person erzählt, dann nur im Plural. Sonst spricht sie in der dritten Person über sich, als „sie“ oder „man“. Das ist eine ästhetische Entscheidung von großer Wirkung. Denn sie räumt den äußeren Einflüssen eine bedeutende Rolle ein. Die eigene Person wird zu einer Art Gefäß: geformt von Sitten und Gebräuchen, von Ideen, Redewendungen, Gesten, Meinungen, von lauter Dingen also, die sich dem Willen und der Kontrolle entziehen. Das gibt dieser Prosa eine ungewöhnliche Nonchalance.
So entstehen Momentaufnahmen aus sechzig Jahren französischer Geschichte, erzählt aus der Perspektive einer erkennbar weiblichen Biografie. Viele Dinge werden auf neue Weise greifbar: die Gepflogenheiten eines sonntäglichen Familienessens, dessen Kargheit sich im Lauf der Jahre verliert, ohne jemals üppig zu werden; die Selbstverständlichkeit, mit der Kinder und Jugendliche am Tisch sitzen bleiben, wenn die Erwachsenen vom Hungerwinter 1942 erzählen, von der deutschen Besatzung, den Amis und Briten (eine Selbstverständlichkeit, die erst als solche zu erkennen ist, wenn es sie nicht mehr gibt); die geradezu minimalistische Art der Gesprächsführung, bei der schon die Namen und Verwandtschaftsbeziehungen genügen, dazu eine Charaktereigenschaft und ein, zwei Anekdoten.
Schleichend vollziehen sich Veränderungen. Mit dem Tod der Großelterngeneration verschwindet auch der Horizont von Biografien, die durch zwei Weltkriege geprägt waren. Man bewegte sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad fort, in einem Radius von fünfzig Kilometern. „Stille war unser Hintergrundgeräusch“. Obwohl Paris nur hundertvierzig Kilometer von Yvetot entfernt ist, kannte Annie Duchesne als Jugendliche die Hauptstadt nicht.
Der Indochinakrieg kam als Gesprächsstoff nicht vor, der Algerienkrieg selten. Annie Ernaux wurde Lehrerin, bekam zwei Söhne und zog mit ihrer Familie in einen Vorort von Paris. Brav absolvierte sie das ganze Programm: Hausbau, Hypothekenkredit, Doppelbelastung. Nebenbei träumte sie davon, Schriftstellerin zu werden. Dann kam der Mai 1968 und wirbelte alles durcheinander. Ihre Ehe zerbrach, mit jungen Geliebten genoss sie das wiedererwachte Begehren. Auch wenn die Namen der Präsidenten auftauchen, der Vietnamkrieg, Tschernobyl, die Kriege im Nahen Osten, die Balkankriege, der Mauerfall und 9/11, liegt das historische Augenmerk auf Alltagsgeschichte und kulturellem Wandel: Wie kurz etwa die Zeitspanne war, in der die Frauen mit der Legalisierung von Pille und Abtreibung ebenso bedenkenlos Sex haben konnten wie die Männer, bis die Verbreitung von Aids ihre Freiheit wieder einschränkte.
Überhaupt ist der weibliche Zyklus bei Annie Ernaux eine Art zweite Zeitrechnung, die dem Leben einen Rhythmus aus Sorge, Erwartung und Erleichterung vorgibt. Als Vorbilder erkennt man nicht nur Proust und Virginia Woolf, deren letzter, zu Lebzeiten publizierter Roman ebenfalls „Die Jahre“ heißt, sondern auch Michel Foucault, Pierre Bourdieu und Roland Barthes. Doch Annie Ernaux wandelt sich deren Methoden an, ohne ihre Sprache mit Theorie zu belasten. Ihr Werk ist auf beglückende Weise eigenständig. Es schildert, wie sich ein Leben in den Fluss der Zeit einfügt. Die Zeit ist die eigentliche Heldin dieser Betrachtungen. Dass wir ihr mehr verdanken als der eigenen Leistung, ist die unzeitgemäße Pointe dieses brillanten Buches.
Es ist nicht lange her, dass der
Radius eines Menschen kaum
mehr als 50 Kilometer umfasste
Annie Ernaux: Die Jahre. Aus dem Französischen
von Sonja Finck.
Suhrkamp Verlag,
Berlin 2017. 256 Seiten,
18 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
…mehr
"Annie Ernaux' konsequentes Unternehmen, das autobiografische Ich zu dezentrieren und den Nebensachen ein existenzielles Gewicht zu geben, verändert den eigenen Blick und wirkt lange nach."
Beatrice von Matt, Neue Zürcher Zeitung 15.02.2018