Welch schöne Tiere wir sind - Osborne, Lawrence
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"Welch schöne Tiere wir sind" ist eine brillante Studie über Schuld und Gier. Fesselnd, dicht und abgründig - ein literarisches Meisterwerk.
Die Luft scheint stillzustehen an diesem heißen Sommertag auf der griechischen Insel Hydra. Dort verbringt Naomi die Ferien in der Residenz ihres Vaters, einem englischen Kunstsammler. Gemeinsam mit der jüngeren Sam entdeckt sie bei einem Küstenspaziergang etwas Ungeheuerliches: Ein bärtiger, ungepflegter Mann liegt auf den Steinen, ein Geflüchteter aus Syrien, Faoud. Für Naomi die perfekte Gelegenheit, es ihrem Vater heimzuzahlen - für seinen obszönen…mehr

Produktbeschreibung
"Welch schöne Tiere wir sind" ist eine brillante Studie über Schuld und Gier. Fesselnd, dicht und abgründig - ein literarisches Meisterwerk.

Die Luft scheint stillzustehen an diesem heißen Sommertag auf der griechischen Insel Hydra. Dort verbringt Naomi die Ferien in der Residenz ihres Vaters, einem englischen Kunstsammler. Gemeinsam mit der jüngeren Sam entdeckt sie bei einem Küstenspaziergang etwas Ungeheuerliches: Ein bärtiger, ungepflegter Mann liegt auf den Steinen, ein Geflüchteter aus Syrien, Faoud. Für Naomi die perfekte Gelegenheit, es ihrem Vater heimzuzahlen - für seinen obszönen Reichtum, seine hohlen Allüren, seine unerträgliche neue Frau. Doch als sie Faoud dazu anstiftet, bei ihrem Vater einzubrechen, hat das fatale Folgen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Piper
  • Seitenzahl: 334
  • Erscheinungstermin: 19. März 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 136mm x 32mm
  • Gewicht: 452g
  • ISBN-13: 9783492059268
  • ISBN-10: 3492059260
  • Artikelnr.: 54398852
Autorenporträt
Osborne, Lawrence
Lawrence Osborne, geboren 1958 in England, studierte in Cambridge und Harvard und lebte zehn Jahre lang in Paris, bevor er in Mexiko, Marokko und Thailand Reportagen für The New York Times Magazine, The New Yorker, Harper's Magazine und viele andere schrieb. Auf Deutsch erschien bisher sein Roman »Denen man vergibt«, der von der Presse hoch gelobt wurde.

Kleiner, Stephan
Stephan Kleiner, geboren 1975, lebt als literarischer Übersetzer in München. Er übertrug u. a. Geoff Dyer, Chad Harbach, Michel Houellebecq und Hanya Yanagihara ins Deutsche.
Rezensionen
Besprechung von 17.06.2019
Die Sommerferien des Westens
Eine Urlaubsinsel, eine schöne Anwältin, ein syrischer Flüchtling am Strand –
Lawrence Osborne holt die Geschichte von Odysseus und Nausikaa in die Gegenwart
VON NICOLAS FREUND
In den antiken Mythen sind die Helden nicht immer selbst für ihr Schicksal verantwortlich. Wohin es jemanden verschlägt, wann ein Verlorener nach Hause zurückkehrt und auch nur, wie das Wetter wird, hängt von den Launen und Neigungen der Götter ab, die sich nach den Erfahrungen und Abenteuern der Sterblichen sehnen, aber nur erahnen können, was es heißt, in den Krieg zu ziehen, fliehen zu müssen und Schiffbruch zu erleiden. Auch die Irrfahrten des Odysseus nach dem Ende des trojanischen Krieges dauerten zehn Jahre, weil es sich der sonst so listenreiche Seefahrer mit manchen Göttern verdorben hatte. In einer Episode des Epos verschlägt es Odysseus auf die abgeschottete Insel der Phaiaken. Sie sind ein wohlhabendes, aber zurückgezogen lebendes Volk, das den mit dem nackten Leben davongekommenen Schiffbrüchigen bereitwillig aufnimmt, auch weil sich selten jemand zu ihnen verirrt und, wie der römische Architekt Vitruv vermutete, sie so etwas wie Feindseligkeit gegenüber Fremden gar nicht kennen. Besonders der schönen Nausikaa, der Tochter des Inselkönigs, hat es der vielgereiste Fremde angetan.
In „Welch schöne Tiere wir sind“, dem neuen Roman von Lawrence Osborne, kommt es mehr als sieben Jahrtausende später zu einer ganz ähnlichen Begegnung, ebenfalls auf einer exklusiven, etwas abgelegenen Mittelmeerinsel. Die griechische Insel Hydra, gut sechzig Kilometer südlich von Athen gelegen, war einst eine wichtige Schiffswerft, bis sie kahl gerodet war und die Künstler kamen, vor allem Henry Miller und Leonard Cohen, der hier mehrere seiner wichtigsten Songs und Bücher schrieb. Heute ist die Insel eines der beliebtesten Touristenziele in Griechenland und auch eines der teuersten.
Der Roman, der schön langsam beginnt, so wie man sich die heißen Ferientage auf Hydra vorstellt, taucht ein in eine mondäne Welt reicher Briten und Amerikaner, die auf der Insel den ganzen Sommer verbringen, so wie die schöne junge Anwältin Naomi, deren Name nicht zufällig entfernt an die Häufung von Vokalen im Namen Nausikaas erinnert. „Sie ließ den Touristenhafen hinter sich und beschritt einen Pfad oberhalb des Meeres, geräuschlos in ihren Espandrilles, bis sie anfing, zu singen und im Gehen ihre Schritte zu zählen. Sie kam an einer Reihe Kanonen vorbei, die in einer Mauer eingelassen waren, und an dem Denkmal für Antonios Kriezis, hinter dem sich vom Wind zerrupfte Agaven wie Totempfähle vom Hang abspreizten. Sie umrundete die Insel in nördlicher Richtung auf einem Weg, der zu der kleinen Bucht namens Mandraki führte, in der sich, wie ihre griechische Stiefmutter oft sagte, das Wasser nicht bewegte. Sie hatte nie herausgefunden, warum sich am Wegrand rostiger Schrott auftürmte, Boiler und Eisenträger, vor langer Zeit zwischen die Blumen gekippte Zementmischer.“
Die Insel Hydra am Rande Europas ist in dem Roman ein Grenzbereich, in dem die Trennlinien nicht im Raum verlaufen, sondern sich am Kontostand, der Bildung oder einfach nur der Herkunft zeigen. In Naomis Welt sind alle reich, mit Ausnahme der im Haus angestellten Griechin. Der Besuch einer Eliteuniversität ist keine Besonderheit, genauso wenig wie ein Jetset-Leben zwischen New York, London und verschiedenen Ferienhäusern im Süden Europas. Die Zeit vertreibt man sich mit Kiffen, Trinken und Sonnenbaden. Es ist eine erstarrte, so angenehme wie langweilige Welt, in der die Verhältnisse derart kristallisiert sind, dass die Dinge für alle, die sich auf der richtigen Seite befinden, wie ein natürlicher Baustein dieser Wirklichkeit erscheinen. Egal, wie viele alte Kanonen und ausrangierte Zementmischer am Wegrand liegen.
Dieses westliche Urlaubsdomizil, das von den USA bis nach Europa reicht, haben die linken Theoretiker Michael Hardt und Antonio Negri als „Empire“ umrissen, Peter Sloterdijk beschreibt es mit Metaphern Rilkes und Dostojewskis als „Weltinnenraum“ und „Kristallpalast“, ein „Treibhaus“, das zwangsläufig ein Außen produzieren muss, da die in seinem Inneren geltenden wirtschaftlichen und ökologischen Standards die Integration aller nicht zulassen. „Jede selbstverwöhnende, auf stabilisiertem Luxus und chronischem Überfluß aufgebaute Endosphäre ist ein Kunstgebilde, das die Wahrscheinlichkeit herausfordert“, schreibt Sloterdijk. Die Wahrscheinlichkeit bricht bei Osborne durch die Scheiben des Palastes mit dem jungen syrischen Flüchtlings Faoud herein, der eines Tages wie Odysseus an den Gestaden Hydras angeschwemmt und von Naomi sogleich umsorgt und ins Bett bugsiert wird.
In der Odyssee erzählt der gerettete Odysseus den Phaiaken seine Geschichte, jene berühmten Episoden von den Sirenen, den Zyklopen und der Hexe Kirke. Der faszinierende Fremde ist vor allem ein willkommener Zeitvertreib, dass er Teil der Inselgesellschaft wird, ist nicht vorgesehen. Gleiches gilt für Faoud, trotz der umgehenden Verpflegung mit Kost, Logis und Sex durch Naomi ist die ihm in diesem Weltinnenraum zugedachte Rolle, die eines höchstens geduldeten Toy-Boys, der für sie dann auch noch eine fiese kleine Racheaktion an ihrem Vater und dessen neuer Frau durchführen soll.
Wer nicht in den Kristallpalast hineingeboren wurde, muss hart arbeiten. Wie die antiken Helden hat er sein Schicksal nicht selbst in der Hand. Dabei unterscheidet ihn von den Göttern der Gegenwart nur noch der Geburtsort und der Kontostand. Der kleine Streich, auch eine Herausforderung der Wahrscheinlichkeit, geht dann schrecklich schief und in einer Nebenhandlung folgt der Roman Faoud bis zur Frage, wie die Struktur des Weltinnenraums selbst immer wieder Gewalt erzeugt.
Der Journalist und Romanautor Lawrence Osborne, der in Cambridge und Harvard studierte, unter anderem in Thailand, Marokko, Mexiko und in Kambodscha gelebt hat, kennt sich gut aus mit den Grenzen der westlichen Welt ebenso wie mit ihrem hermetischen Inneren. Im Ton eines etwas altmodischen Thrillers reißt er politische und philosophische Fragen der Gegenwart an, ohne dabei zu theoretisieren oder zu moralisieren. Seine Themen und Fragen sind Teil der erzählten Welt, die selbst wie in einem Brennglas den harten Kern der westlichen Gegenwartswelt spiegelt.
Wie ein Sprung im Glasdach liegt über allem die Frage, wie diese Konstruktion eigentlich halten kann. „Als sie am Fenster gemeinsam ihr stummes Frühstück einnahmen, weigerte sich die Stadt unter ihnen, auch nur ein einziges aufständisches Geräusch in ihre Richtung zu schicken. Es waren nur die Seevögel zu hören, die über den weiten, sommerferienblauen Himmel zogen. Er warf ihre Schreie nach unten, während die Demonstranten der vergangenen Nacht mitten in der Revolution schlafen gegangen zu sein schienen. So war alles still.“
Über den scheinbar endlosen Sommerferien des Westens liegt bei Osborne diese gelangweilte und latent frustrierte Stimmung, die in ihrer oberflächlichen Harmlosigkeit Gewalt und Umstürze ausbrütet. Und sei es nur, weil es möglich wäre. Wie die schönen, jungen Menschen, die am Rande Europas durch dunkle Sonnenbrillen auf das Meer hinausstarren und warten, dass einfach nur irgendetwas passiert. Einfach nur irgendwas.
In Naomis Welt sind alle
reich, mit Ausnahme der im Haus
angestellten Griechin
Nur Kontostand und
Geburtsort unterscheiden ihn von
den Göttern der Gegenwart
Ein Grenzbereich, in dem die Trennlinien nicht im Raum verlaufen, sondern am Kontostand: Hydra, ein teures Touristenziel.
Foto: imago
Lawrence Osborne:
Welch schöne Tiere wir sind. Roman. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Piper Verlag, München 2019.
336 Seiten, 22 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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"Große Gegenwartsliteratur aus einem Amerika, das exotisch und fremd wirkt und doch eine Wirklichkeit beschreibt, die sehr viel mehr Menschen dort leben, als es Filme, Romane und politische Debatten oft zu erkennen geben.", Süddeutsche Zeitung, 22.06.2019