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3 Kundenbewertungen

Von der gefeierten Autorin der Kopenhagener-Trilogie - ein eindringlicher Roman über eine Frau am Abgrund, geschrieben mit der Lebendigkeit und Direktheit gelebter Erfahrung.
Kopenhagen, 1968: Lise Mundus, Autorin und Mutter dreier Kinder, entgleitet ihr Alltag. Sie meint, Stimmen zu hören und Gesichter zu sehen. Sie ist überzeugt, dass ihr Mann sie betrügt und verlassen wird. Vor allem aber hat sie Angst, dass sie nie wieder schreiben wird. Als sie in die Klinik geht und sich behandeln lässt, fragt sie sich, ob der Wahnsinn wirklich etwas ist, wovor sie sich fürchten muss - oder ob er…mehr

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Produktbeschreibung
Von der gefeierten Autorin der Kopenhagener-Trilogie - ein eindringlicher Roman über eine Frau am Abgrund, geschrieben mit der Lebendigkeit und Direktheit gelebter Erfahrung.

Kopenhagen, 1968: Lise Mundus, Autorin und Mutter dreier Kinder, entgleitet ihr Alltag. Sie meint, Stimmen zu hören und Gesichter zu sehen. Sie ist überzeugt, dass ihr Mann sie betrügt und verlassen wird. Vor allem aber hat sie Angst, dass sie nie wieder schreiben wird. Als sie in die Klinik geht und sich behandeln lässt, fragt sie sich, ob der Wahnsinn wirklich etwas ist, wovor sie sich fürchten muss - oder ob er nicht auch eine Form von Freiheit für sie bereithält. In »Gesichter« macht Tove Ditlevsen die Verschiebungen in der Wahrnehmung einer Frau mit literarischen Mitteln meisterhaft erfahrbar.

»Die Zeit für dieses Buch ist jetzt reif.« The Guardian

»Eine monumentale Autorin.« Patti Smith

»Allein der Anfang! Ein Mann setzt isch ans Bett der Ehefrau und weint, denn seine Geliebte ist gestorben. Danach kommt, klar, das Irrenhaus für diese Frau. In Sätzen, die eigentlich Gemälde sind.« Anna Prizkau, FAS

»Von atemberaubender Intensität und Schönheit. Aus dem Staub ihres Lebens leuchtet dieses Werk.« Elke Heidenreich

>Glasglocke<, auch Nabokovs >Lolita< klingt an. Es scheint an der Zeit, Ditlevsen in einem Atemzug mit solchen literarischen Schwergewichten zu nennen.« Literarische Welt

»Ein monumentaler Pageturner.« Glamour

Autorenporträt
Tove Ditlevsen (1917-1976), geboren in Kopenhagen, galt lange Zeit als Schriftstellerin, die nicht in die literarischen Kreise ihrer Zeit passte. Sie stammte aus der Arbeiterklasse und schrieb offen über die Höhen und Tiefen ihres Lebens. Heute gilt sie als eine der großen literarischen Stimmen Dänemarks und Vorläuferin von Autorinnen wie Annie Ernaux und Rachel Cusk. Die »Kopenhagen-Trilogie« mit den drei Bänden »Kindheit«, »Jugend« und »Abhängigkeit« ist ihr zentrales Werk, in dem sie das Porträt einer Frau schafft, die entschieden darauf besteht, ihr Leben nach den eigenen Vorstellungen zu leben. Die »Kopenhagen-Trilogie« erscheint in über dreißig Sprachen und wird international als große literarische Wiederentdeckung gefeiert.

Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensentin Sophie Wennerscheid entdeckt gespannt einen weiteren Roman der dänischen Autorin Tove Ditlevsen, der sich ganz anders lese als ihre erfolgreiche Kopenhagen-Trilogie. Es geht um die Kinderbuchautorin Lise Mundus, die unter starken psychotischen Wahnvorstellungen leidet und ihre Welt nur noch als Bedrohung wahrnimmt: Alle haben sich gegen sie verschworen, ihr untreuer Ehemann, ihre Tochter, das Hausmädchen, deren Gesichter sich dabei absonderlich verformen. Dem vor allem von männlichen Kritikern geäußerten Vorwurf, Ditlevsens Literatur sei "schlicht", kann Wennerscheid sich im Grunde nicht anschließen - so könne man etwa die vielen Vergleiche nicht nur als literarische Schwäche, sondern auch als Versuch der erzählenden Protagonistin lesen, ihre Umgebung irgendwie sinnfällig zu ordnen. Auch in den "szenischen" Passagen glänzt die Autorin, findet Wannerscheid, und die Beschreibung der "Ver-rücktheit" einer psychotischen Wahrnehmung berührt sie. Auch dafür, dass die Autorin in einen "ironischen Hieb" gegen die Literaturkritik und vor allem die dänische Literaturakademie austeilt und selbstbewusst Rilke- oder Baudelaire-Referenzen streut, erntet sie Anerkennung bei der Kritikerin.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 24.04.2022

Schlingern und Streunen

Die dänische Autorin Tove Ditlevsen kämpfte ihr Leben lang mit Abhängigkeiten. Besonders intensiv erzählt sie davon in ihrem neu aufgelegten Psychiatrie-Roman "Gesichter".

Stellen Sie sich vor: Es ist das Ende eines langen Arbeitstages. Sie kommen nach Hause, essen, waschen sich. Kurz vor der Nachtruhe fehlt ein letzter Schritt: Sie nehmen Ihr Gesicht ab, legen es auf die Kleidung, "denn Gesichter mussten sich ausruhen und waren beim Schlafen auch nicht dringend notwendig". In Tove Ditlevsens bekanntestem Roman "Gesichter" ist dieses Bild noch das sanfteste, mit dem Gesichter beschrieben werden. Ansonsten werden sie verschlissen, verschludert, den Toten gestohlen.

"Gesichter" erschien 1968 in Dänemark und behandelt die Psychose einer Frau, die vermeintlich alles hat: einen Beruf, der gleichzeitig Berufung ist, Prestige, eine Familie. Als Schriftstellerin sitzt sie nicht nur in einem Zimmer für sich allein, sondern hat eine große Wohnung samt Haushälterin. Doch das, was sie hat, entgleitet ihr: Lises Mann Gert trauert, weil seine Geliebte sich umgebracht hat. Der literarische Erfolg ist ihr lediglich in der Frauen- und Kinderliteratur vergönnt. Die Gesichter geliebter Menschen verzerren sich zu Fratzen. Und der einzige Ort, der ein wenig Freiheit verheißt, ist die Psychiatrie - eine Überdosis Tabletten bringt sie dorthin.

Kunst gegen Depression, Selbstbestimmung gegen Norm: In Tove Ditlevsens "Gesichter" klingt Sylvia Plaths "Die Glasglocke" an. Und tatsächlich finden sich Parallelen zwischen der Amerikanerin und der Dänin. Beide schicken ihre Protagonistinnen nach einem Suizidversuch in eine psychiatrische Einrichtung. Beide erkunden in ihren Texten die Möglichkeiten des Schreibens inmitten männlicher Dominanz. Beide Autorinnen entlassen ihre Protagonistinnen hoffnungsvoll aus ihren Romanen - und sterben später selbst durch Suizid. Doch wo "Die Glasglocke", ähnlich wie Ditlevsen in vielen anderen Werken, kühl von emotionalen Verwerfungen erzählt, entzieht sich "Gesichter" jeder Klarheit.

Fragmentiert und verstörend berichtet der Roman von der Krankheit einer Frau und der Gesellschaft, die sie hervorgebracht hat. Lise befürchtet, ihr Mann sei in seine Stieftochter verliebt, ihre Haushälterin in ihren Sohn. Sie sieht ihr Bett in Flammen stehen, wird angeblich vergiftet - oder stimmt das doch? Das Nachwort zu "Gesichter" informiert darüber, dass das Vorbild für die Figur des Psychiaters von Lise Einar Geert-Jørgensen ist, der in den 1960ern LSD-Versuche an unwissenden Patientinnen durchgeführt hat. Mindestens genauso unheimlich wie die Gedanken und Gesichter sind die Stimmen. Lise hört die gehässigen Kommentare derjenigen, die ihr im Leben eigentlich am nächsten stehen. Flüchten kann sie vor ihnen nicht, sie lauern ihr im Kopfkissen und in den Abwasserrohren auf.

Einmal hört Lise Gert schimpfen: "Du schreibst in einer Sprache, die nur von fünf Millionen Menschen gesprochen wird. Sätze in dieser Sprache zu bilden, ist dir so wichtig, dass sich alles andere deiner perversen Leidenschaft unterordnen muss." Diese Kritik erweist sich in der Wirklichkeit und mit der Zeit als unwahr: Das Werk der 1917 in Kopenhagen geborenen Autorin erlebt derzeit nicht nur in Deutschland eine Renaissance. Ditlevsens Texte werden in 30 Sprachen übersetzt, hierzulande veröffentlicht der Aufbau Verlag ihre wichtigsten Werke teils zum ersten Mal auf Deutsch. Ursel Allenstein hat "Gesichter" neu übertragen und schließt damit an ihre Erstübersetzungen der viel besprochenen "Kopenhagen-Trilogie" an - die ernüchternde Zusammenfassung von Ditlevsens ersten rauschhaften Jahren. Unterteilt ist die Trilogie in die drei autofiktionalen Bände "Kindheit", "Jugend", "Abhängigkeit".

Sie erzählt darin schnörkellos von ihrem Aufwachsen im Arbeiterviertel Vestebro, dem Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere und Beziehungen zu Männern. Dabei hält sie eine schwierige Balance: Weder zwängt sie sich rückblickend den naiven Ton eines Mädchens auf, noch sanktioniert sie die Verletzlichkeiten ihres frühen Ichs. Ditlevsens Erinnerungen stehen für sich. Vater Ditlev ist ein so flammender wie enttäuschter Sozialist. Arbeit hat er nur selten. Die junge Mutter Alfrida empfindet ihr Leben als verpfuscht und verbittert infolgedessen in Rekordzeit. Liebe gibt sie ihren Kindern nicht. Tove flüchtet aus der Enge und Einsamkeit in die Welt der Sprache. Als ihr älterer Bruder Edvin ihr Poesiealbum findet, bricht er zuerst in Gelächter aus, dann in Tränen. Statt Phantasie im Kopf hat er giftige Fabrikdämpfe in der Lunge.

Doch Vorstellungskraft allein begleicht keine Rechnungen. Alles Flehen der Lehrerin ist vergebens: Ihre Eltern schicken Tove auf keine weiterführende Schule. Früh fängt sie an, als Hausmädchen oder Schreibkraft Geld zu verdienen, und doch: Nach "Kindheit" und "Jugend" kommt "Abhängigkeit", dann nichts mehr. Im Dänischen trägt der Abschluss der Trilogie den Titel "Gift", zu Deutsch sowohl die toxische Substanz als auch das Wort "verheiratet", und suggeriert ein Dilemma:

Wer als Frau - egal, wie brillant - kaum Bildung genießt, muss heiraten. Wer verheiratet bleiben will, findet zwischen häuslichen Verpflichtungen selten Platz für die eigenen Ambitionen. Vier Mal war Ditlevsen verheiratet, Scheidungen schmerzen sie oft weniger als die Absage eines Literaturmagazins. Trotzdem fühlt sie sich in ihrer Jugend wie ein "herrenloser Hund (...), struppig, verwirrt und allein". Dass ein Hund keine Leine brauchen könnte, scheint undenkbar. Das dürfte heute, in Dänemark wie in Deutschland, anders sein. Warum treffen Ditlevsens Texte im Jahr 2022 also so einen Nerv?

Erstens liegt Ditlevsens Genre im Trend: Neben Lyrik schrieb sie vor allem Autofiktion. Das Mantra, dass, wer im Text "Ich" sagt, nie die Person an der Tastatur meint, löst sich hier auf. Die Bücher von Annie Ernaux, Sheila Heti, aber auch Karl Ove Knausgård zeichnen sich dadurch aus, dass sie erkennbar in einer Realität des Schreibenden verankert sind. So auch bei Ditlevsen. Angaben überlappen sich, sogar "Gesichter" kann autobiographisch gelesen werden. Der Roman ist, anders als die Kopenhagen-Trilogie, in der dritten Person geschrieben, ist bildstark, beweglich: Nicht nur Gesichter lösen sich wie "eine alte Tapete", auch Gedanken werden eingefangen "wie Vögel, die man in einen Käfig lockt". Lise Mundus trägt den Mädchennamen von Ditlevsens Mutter. Mit den Gedichten, die im Buch als Lises Schöpfung dargestellt werden, ist Ditlevsen selbst berühmt geworden. Wie ihre Protagonistin litt die Autorin seit ihrer Jugend unter Psychosen.

Das buchstabiert sie in der Kopenhagen-Trilogie nicht aus. Autofiktion weicht mitunter von Fakten ab. So erinnert sich Ditlevsen in "Kindheit" an die Berichterstattung über den Versailler Vertrag - und auch wenn sie ein begabtes Kind war, ist das für eine 1917 Geborene unmöglich. Doch das macht ihre Erzählung nicht weniger glaubhaft. Vielmehr verdeutlicht diese Passage die Fragilität und Konstruktion der eigenen Erinnerung. Sie zeigt: Interessant ist an Autofiktion nicht, ob sie mit der Realität lückenlos übereinstimmt, sondern wie sie diese reflektiert.

Wie Ernaux schreibt Ditlevsen über Ehe, abgebrochene Schwanger- und Mutterschaften und wie das kreative Schreiben sich dazu verhält. Was als privates Bekenntnis daherkommt, erlaubt größere Schlüsse darauf, wie Geschlecht, psychische Krankheiten und Klasse das Leben einer Person in einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext bestimmen. Dass Ditlevsen heute so gelesen wird, ist ebenfalls eine Frage politischer Konstellationen: In der Rezeption zu Sylvia Plaths "Glasglocke" etwa trat die Literaturkritik oft hinter sensationalistischen Berichten im Lichte eines tragischen Todes zurück.

Doch ein politisch relevantes Thema allein macht noch keine gute Literatur. Ditlevsen ist spannend, weil sie den Strukturen in ihrem Leben mit Ambivalenz und Menschlichkeit begegnet. Man kann in doppelter Hinsicht sagen, dass ihre Bücher von einer Frau handeln, die "es geschafft hat". Einerseits hatte sie, als sie 1976 mit 59 Jahren starb, 29 Bücher veröffentlicht und war eine der bekanntesten Autorinnen Dänemarks. Gleichzeitig ließ sie jederzeit durchscheinen, wie sehr dieses Leben wiederum sie geschafft hat.

Was die Kopenhagen-Trilogie andeutete, bringt "Gesichter" auf den Punkt. Dass Abhängigkeit und Autonomie zwei Seiten derselben, sich drehenden Münze sind, die kurz vor dem Fall schlingert. Und dieses Schlingern schaut sie sich ausgiebig und ehrlich an: Die Tatsache, dass die politischen Umwälzungen der 1960er sie nicht interessieren, dass die Stimmen aus dem Abfluss recht haben könnten, dass sie schreiben und dafür, aber nicht nur dafür geliebt werden will. Ihre tatsächliche Medikamentensucht mal ausgenommen - da gibt es nichts zu romantisieren -, liegt die Tragik in Ditlevsens Leben und Schreiben auch darin, wie unvereinbar ihre Abhängigkeiten sind.

Als Lise die Psychiatrie zum Ende des Romans verlässt, ist einer ihrer ersten Gedanken: "Morgen würde sie anfangen zu schreiben und sich um ihre Kinder kümmern." Ditlevsen wollte immer alles, und dann bekam sie es. Dass diese Erfüllung nicht vor den Verletzungen des Lebens schützt, dass Menschen ungeachtet aller Erfolge herrenlose Streuner bleiben können, beschreibt sie dabei so präzise wie niemand sonst.

SUSANNE ROMANOWSKI

Tove Ditlevsen: "Gesichter". Roman. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein. Aufbau Verlag, 160 Seiten, 20 Euro.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 28.05.2022

Wem Ehre
gebührt
Besonders von männlichen Kritikern
ihrer Zeit musste sich Tove Ditlevsen
anhören, ihre Bücher seien schlicht.
In „Gesichter“ schlug sie ironisch zurück
VON SOPHIE WENNERSCHEID
Nach dem großen Erfolg der jüngst neu veröffentlichten autobiographischen „Kopenhagen Trilogie“ gilt es nun ein weiteres Werk der 1976 verstorbenen dänischen Autorin Tove Ditlevsen wiederzuentdecken: „Gesichter“. Der spätmodernistische Roman aus dem Jahr 1968 erzählt von dem psychotischen Leiden der Kinderbuchautorin Lise Mundus, dem Alter Ego Ditlevsens. Im Original erschien nur ein Jahr nach den beiden ersten Bänden der Trilogie, „Kindheit“ und „Jugend“. Seine literarische Sprache aber ist eine vollkommen andere.
Im ersten Kapitel ist der Ton ruhig, wie gedämpft von den Schlaftabletten, die Lise nimmt, um durch die Bedrohungen der Nacht zu kommen. Gleichförmig gleiten die Sätze über die Gesichter, die Lise auf Abstand und damit unter Kontrolle zu bringen versucht. Das Kapitel würde, losgelöst vom Rest des Romans, auch als lyrischer Essay darüber durchgehen, wie sich Gesichter unter dem Druck der Zeit verformen. Die vielen Vergleiche, derer die Erzählerin sich dabei bedient, könnten als literarische Schwäche betrachtet werden. Und sind es vielleicht auch. Liest man sie jedoch als Ausdruck von Lises Bemühen, die Dinge in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen, leuchtet das Verfahren ein. Allerdings misslingt der Versuch gründlich. Sobald Lise unkonzentriert wird, nimmt eins der Gesichter Reißaus und glotzt sie voller Bösartigkeit an.
So wie in Andersens Märchen „Die Nachtigall“, in dem der Kaiser von China dem Tod ins Gesicht schaut, der ihm so schwer auf der Brust sitzt, dass er kaum noch Luft bekommt. Schlimmer noch als die Fratze des Todes sind aber die übrigen „wunderlichen Köpfe“, die den Kaiser aus den Falten seiner samtenen Bettvorhänge heraus anstarren. „Das waren die bösen und guten Taten des Kaisers, die ihn anblickten, jetzt da der Tod ihm auf dem Herzen saß. ‚Entsinnst du dich dieses?‘ flüsterte einer nach dem andern. ‚Erinnerst du dich dessen?‘ Und dann erzählten sie ihm so viel, dass ihm der Schweiß von der Stirn rann.“ Damit er die Stimmen nicht hören muss und die bösen Gesichter verschwinden, schreit der Kaiser nach Musik, nach der lauten chinesischen Trommel. Statt der Trommel aber kommt die kleine Nachtigall, die der Kaiser in seiner Verblendung einst durch einen künstlichen Vogel ersetzt hatte. Und ihr Gesang ist es, der ihm Hoffnung gibt. Die Gesichter verbleichen „und selbst der Tod horchte und sagte: ‚Sing weiter, kleine Nachtigall! Sing weiter!‘“
In Tove Ditlevsens Roman gibt es keine den Schrecken bannende Nachtigall. Hier werden die Gesichter im Gegenteil immer bedrohlicher. Schon am Ende des ersten Kapitels ist es, nicht zufällig, das Gesicht des Ehemannes Gert, das sich ins Groteske verschiebt. Die einzelnen Züge rücken auseinander, Details treten vergrößert hervor und die Ohren sind beharrt wie bei einem Tier. „Großmutter, Großmutter, warum hast du so große Ohren?“ Schon wieder ein Märchen, das bei der Lektüre in den Sinn kommt. Aber auch hier: kein Happy End. Zu sehr ist Lise Mundus in ihrer Wahrnehmung gefangen, zu sehr hält sie das, was sie sieht und hört, für Wirklichkeit.
In Lises Welt sind es nicht nur die Gesichter, die auseinanderfallen. Es kann auch ein kleiner Gedanke sein, der aus den Buchseiten herausrutscht und eine Zeitlang wie eine Träne am Rand des Schutzumschlags hängt, bis er zu Boden fällt. Das mag poetisch klingen, ist aber dramatisch, weil für Lise einfach nicht mehr klar ist, was wohin gehört, welches Wort, welcher Blick wahr, und welcher falsch ist. Warum spricht die Freundin Nadja auf einmal mit der Stimme des verhassten Hausmädchens Gitte? Und warum findet sie es lustig, dass Lises Sohn Mogens „immer noch das Gesicht seines Vaters hat“? Haben Vater und Sohn eine dieser „komplizierten Vereinbarungen“ getroffen, von denen Lise nichts weiß? „Die Gefahr näherte sich von mehreren Seiten gleichzeitig, und es war schwer zu durchschauen, worauf das alles hinauslief.“
Statt sich der Gefahr zu stellen, unterwirft Lise sich ihr. Sie nimmt die Schlaftabletten, von denen sie meint, dass Gert und Gitte nur darauf warten, dass sie sie endlich schluckt, ruft dann aber doch den Arzt. In der Klinik aufzuwachen, stellt sie sich wunderbar vor, endlich Ruhe vor dem Ehemann, der eine Affäre mit dem Hausmädchen hat und Lises Tochter aus erster Ehe nachstellt. Doch die Stimmen, die Lise aus den Wasserleitungen hört, schweigen auch in der Klinik nicht. Im Gegenteil. Sie kommen nun auch aus dem Kopfkissen und schleichen durch das Abluftgitter. Es sind Stimmen, die ihr zurufen, dass man sie töten will, dass sie nichts wert ist, als Mensch, Frau und Mutter nicht, und als Schriftstellerin schon gar nicht. Wer einmal erlebt hat, wie unverrückbar die Wahrnehmungen von Menschen sind, die uns in ihrem psychotischen Schub „verrückt“ vorkommen, wird bei der Lektüre von „Gesichter“ besonders berührt sein. Die Geschichte führt so nah an die verzerrte Perspektive Lises heran, dass es weh tut. Lise ist gefangen in einer Welt, die sich gegen sie verschworen hat. Alle stecken unter einer schweren dunklen Decke, keinem ist mehr zu trauen. Und jeder Versuch von außen die Wahnvorstellung als Wahnvorstellung zu benennen, ist nicht einfach nur zum Scheitern verurteilt, sondern wird für die Kranke zu einem neuen Beweis dafür, dass alle ihr Böses wollen. Und vielleicht hat sie sogar recht damit.
Doch „Gesichter“ ist mehr als nur ein Roman über eine psychotische Störung, die mit schweren akustischen und visuellen Halluzinationen einhergeht. „Gesichter“ ist auch ein Roman über die Not einer Kinderbuchautorin, die sich gedrängt sieht, mit den eigenen, und mehr noch, mit den Erwartungen der anderen zurecht zu kommen. Was ist gute Literatur? Was wird von wem gewertschätzt oder als belanglos verworfen? Und warum?
Die gehässigen Stimmen werfen Lise Mundus vor, dass sie, die gerade mit dem „Kinderbuchpreis der dänischen Akademie“ ausgezeichnet wurde, nie einen eigenen Gedanken gehabt, sondern alles nur aus Büchern übernommen habe, „die von Leuten geschrieben wurden, die etwas davon verstehen“. Lise zerkratzt einer Mitpatientin das Gesicht, weil sie meint, die verleumderische Stimme komme von ihr. Dann aber gesteht sie sich verschämt ein, einmal einen Satz aus den Märchen der Gebrüder Grimm gestohlen zu haben. „Sie war gnadenlos enttarnt worden und es gab keinen Frieden mehr auf der Welt.“
Während Sätze wie diese ein wenig kraftlos wirken, treffen andere umso brutaler. Stark ist Tove Ditlevsen nicht so sehr in den reflektierenden, als vielmehr in den szenischen Passagen des Romans. Als Lise in ihrer Einsamkeit und Verzweiflung Trost bei einem Gedicht zu finden sucht, sich aber an keins zu erinnern vermag, kommen Gert und Gitte ihr in bösartiger Absicht zur Hilfe. Sie flüstern ihr Verse aus einem ihrer eigenen Gedichte zu und höhnen dann, wie grässlich sie seien: „Der Modernismus ist nie bei ihr angekommen. Die Jugend lacht über sie.“
Die Lyrik, die hier als nicht zeitgemäß verhöhnt wird, ist die Lyrik Tove Ditlevsens. Keine andere als sie selbst ist es, die das zitierte Gedicht geschrieben hat. Und sie ist es auch, der von den selbstgefälligen männlichen Kritikern ihrer Zeit vorgeworfen wurde, dass ihre Literatur schlicht und traditionell sei und dem modernistisch-avantgardistischen Selbstverständnis der Sechzigerjahre nicht standhalten würde. Und natürlich hat Tove Ditlevsen auch nie den begehrten Preis der dänischen Akademie erhalten. Trotz, oder wahrscheinlich wohl gerade wegen ihrer vielen begeisterten Leserinnen und Leser. Dass Ditlevsen ihre Figur Lise Mundus nun ausgerechnet einen Preis gewinnen lässt, den die dänische Akademie nie vergeben hat, und wohl auch nie vergeben wird, nämlich einen Preis für Kinderbücher, ist ein deutlich ironischer Hieb gegen die Literaturkritik der Zeit. Mag dieser Hieb auch von der verzweifelten Lise Mundus kommen, die Erzählerin, und mit ihr auch die Autorin Tove Ditlevsen, wissen, wem Ehre gebührt.
Das macht zwar die Angst, das Gesicht zu verlieren nicht kleiner, hindert aber auch nicht daran, sich selbstbewusst in die Reihe großer Autoren wie Rilke oder Baudelaire zu stellen, auf die im Roman öfter verwiesen wird. Tod, Krankheit, Paranoia, Angst und Verzweiflung – darüber kann man nicht nur auf Deutsch oder Französisch dichten, sondern auch auf Dänisch.
In der Klinik aufzuwachen, stellt
sie sich wunderbar vor, endlich
Ruhe vor dem Ehemann
„Der Modernismus ist
nie bei ihr angekommen. Die
Jugend lacht über sie“
Tove Ditlevsen:
Gesichter.
Aufbau, Berlin 2022.
160 Seiten, 20 Euro.
So nah an den leiden ihrer Figuren, dass es weh tut: Tove Ditlevsen.
Foto: Per Pejstrup/Picture Alliance
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»Ein Mann setzt sich ans Bett der Ehefrau und weint, denn seine Geliebte ist gestorben. Danach kommt, klar, das Irrenhaus für diese Frau. In Sätzen, die eigentlich Gemälde sind.« Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 20220710