Abbitte - McEwan, Ian
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An einem heißen Tag im Sommer 1935 spielt die 13-jährige Briony Tallis Schicksal und verändert dadurch für immer das Leben dreier Menschen. Ein Roman über Leidenschaft und die Macht des Unbewussten, über Reue und die Schwierigkeiten der Vergebung.

Produktbeschreibung
An einem heißen Tag im Sommer 1935 spielt die 13-jährige Briony Tallis Schicksal und verändert dadurch für immer das Leben dreier Menschen.
Ein Roman über Leidenschaft und die Macht des Unbewussten, über Reue und die Schwierigkeiten der Vergebung.
  • Produktdetails
  • detebe Diogenes Taschenbücher Nr.23380
  • Verlag: DIOGENES
  • Originaltitel: Atonement
  • 21. Aufl.
  • Erscheinungstermin: April 2004
  • Deutsch
  • Abmessung: 180mm x 114mm x 30mm
  • Gewicht: 340g
  • ISBN-13: 9783257233803
  • ISBN-10: 3257233809
  • Artikelnr.: 12360794
Autorenporträt

Briony Tallis ist die wohl bekannteste literarische Figur, die der britische Schriftsteller Ian McEwan erschaffen hat. Das 13-jährige Mädchen aus gutem Hause steht im Zentrum des Romans "Abbitte" (2001), der 2007 verfilmt wurde. Mit ihrem pubertierenden Übereifer, ihrer dunklen jungen Sexualität und ihrem starken Ehrgeiz, Schriftstellerin werden zu wollen, stürzt sie ihre ältere Schwester Cecilia und deren Geliebten Robin Turner ins Unglück. McEwan wirft in dem Roman, der ihn endgültig zu einem Autor von Weltrang machte, meisterhaft die Frage nach der Macht der Literatur und nach der Moral ihrer Autoren auf, indem er die Tiefenpsychologie der Protagonisten und ihrer Beziehungen zueinander mit einem scharfen Skalpell seziert. Hat der Leser das Buch beendet, hat er unweigerlich das Gefühl, einem Organismus zu entsteigen, dessen zitternde Nervenbahnen noch lange an ihm haften und arbeiten.



Dieses Gefühl nach der Lektüre ist typisch für McEwans Bücher. Der 1948 im englischen Aldershot geborene Autor, der von der Times als einer der besten 50 britischen Schriftsteller nach 1945 eingestuft wurde, ist ein Meister der abgründigen Seelenstudien, die den Menschen als Spielball des Schicksals und dessen emotionaler Sogkraft zeigen. Immer wieder konfrontiert McEwan seine nabokovhaften Figuren mit überraschenden Situationen, die ihnen offenbaren, dass das Leben nicht planbar ist. Das zeigen bereits McEwans verstörende, ja schauderhafte Geschichten und Romane aus seiner frühen Schaffenszeit. Für seinen Roman "Amsterdam", der 1998 mit dem Man-Booker-Preis ausgezeichnet wurde, ergründet er sprachlich virtuos das Beziehungsgeflecht zwischen zwei Freunden, die dieselbe Geliebte hatten und die sich schwören, im Falle einer schweren Krankheit dem jeweils anderen beim Selbstmord zu helfen.



Seine Kindheit verbrachte McEwan, der sich auch häufig zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Ereignissen äußert, zu großen Teilen in Libyen oder Singapur, wo der Vater in der Armee diente - in Gegenden mit gewaltigen politischen und gesellschaftlichen Konflikten. Wohl deswegen spielen McEwans Romane auch immer wieder vor dem Hintergrund weltpolitischer Geschehnisse wie dem 11. September in "Saturday" (2005), dem Klimawandel in "Solar" (2010) oder wie der Gefahr der totalen Überwachung in seinem aktuellen Roman "Honig". "Es ist sehr schwer", hat McEwan einmal gesagt, "den Überblick und die Standhaftigkeit zu behalten, wenn einen das Unvorhersehbare erwischt." Es ist ein Satz, wie ihn auch Briony Tallis sagen könnte.

Rezensionen

buecher-magazin.de - Rezension
buecher-magazin.de

Wenn ein Mädchen glaubt, Frau zu werden, dann weiß der lebenserfahrene Mitmensch, dass nun eine Zeit großer Unsicherheit und enormer emotionaler Schwankungen beginnt. Der 13-jährigen Briony geht das nicht anders, nur blendet sie - wie es sich nun mal gehört - Ersteres aus und quält mit Letzterem ihre Umgebung. Denn die Welt der Erwachsenen, die sich ihr in Form der amourösen Eskapade ihrer älteren Schwester ziemlich bildgewaltig vor ihr auftut, glaubt sie auf Anhieb zu verstehen. Und so wird sie zur selbst ernannten Rächerin - mit fatalen Folgen für ihre Umgebung.

Der Roman, mit dem sich McEwan endgültig auch im deutschsprachigen Raum etablierte, ist sein mikroskopischster. Jede hormonale Eruption scheint spürbar, jeder verquere Gedankengang eines, dem Alter entsprechend egozentrischen, Mädchens wird bis in den letzten Winkel erkundet, sodass ein Text von fast unerträglicher Intensität entsteht. Barbara Auer ist ganz dicht an dieser Briony. Verwunderung, gekränkte Eitelkeit und vor allem ihre Selbstgerechtheit erweckt sie mit leichter Stimme mehr als nur glaubwürdig zum Leben. Den hohen Grad an Introspektion dieser Gedankenwucht meistert sie mühelos.

© BÜCHERmagazin, Dirk Speckmann (ds)
Frühlingserwachen
Ian McEwans neuer Roman beginnt im Sommer 1935 mit der Schilderung eines folgenschweren Treffens der Familie Tallis auf ihrem südenglischen Landsitz. Im Mittelpunkt des Geschehens scheint die 13-jährige Briony zu stehen, die sich gerne mit philosophische Fragen auseinandersetzt, im Wörterbuch stöbert und in den letzten zwei Jahren zu einer eifrigen Schriftstellerin wurde. Gerade hat sie ein Theaterstück geschrieben, welches sie nun zur Rückkehr ihres älteren Bruders Leon zusammen mit ihren beiden Cousins und ihrer Cousine aufführen will. Doch zur Aufführung kommt es nicht. Denn Briony, versunken in ihren Fantasiewelten, die zuweilen keine Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion zulassen, macht eine Entdeckung, die ihr viel spannender erscheint als ihr Theaterstück. Noch weiß sie nicht, dass die Beobachtungen, die sie macht, und die sie dazu veranlassen sollten, Schicksal zu spielen, sie aus ihrer unschuldigen Kindheit herausreisen würden und sie mit einer kaum gut zu machenden Schuld beladen würden, die sie bis an ihr Lebensende tragen würde. Nun war sie "zur Mitspielerin in jenem Drama des Lebens geworden, das außerhalb der Kinderstube stattfand".
Schuld und Sühne
Wieder einmal besticht Ian McEwan durch seinen exzellenten Erzählstil. Es gelingt ihm, mikroskopisch genau die komplexen Charaktere seiner Protagonisten und deren Gefühle nachzuzeichnen.
Thema dieses sehr vielschichtigen Romans ist die Schuld, die aus der Macht des Unbewussten entstehen kann, und welche unweigerlich Reue und Sühne nach sich zieht, die schließlich ein ganzes Leben bestimmen. Briony, die lediglich aus einer kindlichen Unwissenheit heraus das Leben einer ganzen Familie entscheidend verändert, muss mit den folgenreichen Konsequenzen und einer kaum gutzumachenden Schuld leben. Durch ihr Wirken als Schriftstellerin leistet sie jedoch als erwachsene Frau für ihr furchtbares Vergehen gewissermaßen Abbitte.
(Wibke Garbarukow)

"Ein grandioses literarisches Panorama. Excellent geschrieben. Im Dunst des Sommers entsteht Bild um Bild, schmeichelt sich ein in die Vorstellungskraft des Lesers - und fordert sie heraus." (John Updike/The New Yorker)
"Eine ergreifende Liebesgeschichte." (De Morgen, Amsterdam)
"Wunderbare Sprache, wunderbare Figuren: der beste englische Roman seit Jahren." (The Times, London)
Ein grandioses literarisches Panorama. Excellent geschrieben. Im Dunst des Sommers entsteht Bild um Bild, schmeichelt sich ein in die Vorstellungskraft des Lesers - und fordert sie heraus." (John Updike/The New Yorker)

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 31.08.2002

Vergiftete Zeilen
Lesen gefährdet den Charakter: Ian McEwans Meisterwerk

Im Sommer des Jahres 1935 ist es für englische Verhältnisse ungewöhnlich heiß - so heiß, daß man mißtrauisch werden muß. Eines der vielen Kunststücke, die Ian McEwan in seinem neuen Roman "Abbitte" vollbringt, besteht darin, diese Hitze so fühlbar zu machen, daß sie nicht nur als Begleitumstand, sondern fast als Ursache für jene Ereignisse erscheint, die am heißesten Tag jenes Sommers 1935 auf dem Landsitz der Familie Tallis in Surrey ihren fatalen Lauf nehmen. McEwan macht die Hitze zu einer seiner Hauptfiguren. Von Seite zu Seite wird es wärmer, fast schon bricht dem Leser der nervöse Schweiß aus, etwas Unerhörtes liegt in der Luft. Zunächst passiert jedoch nur wenig.

"Briony gehörte zu jenen Kindern, die eigensinnig darauf beharren, daß die Welt genau so und nicht anders zu sein hat." In diesem scheinbar harmlosen Satz, der die Hauptfigur des Romans vorstellt, steckt eine Sprengkraft, deren ganze Tragweite sich erst einige hundert Seiten später erweisen wird. Der Roman besteht aus drei Teilen: Der erste, der gut die Hälfte der 530 Seiten ausmacht, schildert einen einzigen Tag, der das Leben aller Beteiligten verändern wird. Mit Briony tritt eine typische Dreizehnjährige auf, altklug, neugierig, träumerisch und von dem Wunsch beseelt, endlich zu den Erwachsenen zu gehören. Als Nachzügler zu zwei älteren Geschwistern, mit einer migränegeplagten Mutter und einem Vater, den wichtige Geschäfte und eine Geliebte häufig in London festhalten, bleibt das Kind meist sich selbst überlassen. Die mangelnde Aufsicht kommt ihr gelegen, denn längst steht für Briony fest, daß sie Schriftstellerin werden will; sie schreibt an einem herzzerreißenden Stück mit dem Titel "Die Heimsuchungen Arabellas", das zur Begrüßung des angebeteten Bruders Leon uraufgeführt werden soll. Zur Rollenbesetzung kommen ihr die soeben eingetroffene Kusine Lola und deren kleine Zwillingsbrüder gerade recht. Sie sollen auf dem Land eine Weile dem elterlichen Scheidungskrieg entgehen.

Je näher der Aufführungstermin rückt, desto mehr füllt sich das Haus. Brionys Schwester Cecilia ist gerade aus Cambridge zurückgekehrt, wo sie ihr Studium mit einer mittelmäßigen Note abgeschlossen hat. Leon hat einen Freund mitgebracht, Paul Marshall, den vermögenden Besitzer einer Schokoladenfabrik. Und dann taucht an diesem heißen Tag noch Robbie Turner auf, Sohn der Putzfrau und ein langjähriger Bekannter der Familie. Vater Tallis hat dem begabten, ehrgeizigen Burschen das Studium in Cambridge finanziert, das dieser gerade mit Auszeichnung absolviert hat. Robbie und Cecilia, die sich an der Universität angestrengt aus dem Weg gingen, stoßen an diesem Tag bei mehreren denkwürdigen Begebenheiten aufeinander und entdecken bis zum Abend, daß sie sich nicht verabscheuen, sondern lieben.

Es spricht für Ian McEwans Roman, daß man kaum über seine Handlung schreiben kann, ohne Gefahr zu laufen, zuviel zu verraten. Als der schottische Schriftsteller für seinen letzten Roman 1998 den Booker-Preis gewann, herrschte wenig Zweifel daran, daß er die Auszeichnung verdiente - allerdings nicht für jenes Buch. "Amsterdam" war ein zwar spannender, doch insgesamt eher schwacher Roman über die Fallstricke, welche auf die Mächtigen in Politik, Finanzwelt und Medien warten. So mag man "Atonement", was übersetzt soviel bedeutet wie Sühne, Buße oder eben "Abbitte", auch als Wiedergutmachung auffassen.

McEwan liebt es, gewöhnliche Menschen mit ungewöhnlichen Situationen zu konfrontieren, und es gelingt ihm immer wieder bravourös, im Leser die Ahnung von unmittelbar bevorstehenden Katastrophen zu wecken. So auch in "Abbitte", wo die Wärme zum Vorboten dräuender Ereignisse wird: "Sie dachte an die immense Hitze, die über Haus und Park aufstieg, diesig über den Grafschaften rund um London lag und Höfe und Städte erstickte, und sie dachte an die glutheißen Schienen, die Leon und seinen Freund herbrachten, an das Abteil unter schwarzem Dach, in dem sie bei offenem Fenster geröstet wurden."

Ein Brief und seine Folgen

Mit charakteristischer Genauigkeit schildert McEwan die Personen, das Haus und die sich anbahnenden Ereignisse, die den Leser dennoch kalt erwischen. Zunächst schreibt Robbie Cecilia einen Brief, in dem er ihr seine Liebe und sein Verlangen gesteht. Briony, die die Botschaft überbringen soll, öffnet den Brief und zieht folgenschwere Schlüsse aus den unbeholfen-drastischen Liebesschwüren, zu denen sich Robbie von einem Anatomiebuch inspirieren ließ. Sie hält Robbie für einen besessenen Erotomanen, vor dem sie ihre Schwester beschützen will. Dieser Entschluß mündet in einen schrecklichen Irrtum. In jener Nacht wird Briony im Garten Zeugin eines Geschehnisses, das sie unter dem Eindruck des Briefes nur auf eine Weise deuten kann: Sie belastet Robbie und zerstört damit sein Leben.

Im zweiten Teil beschreibt McEwan das Grauen von Robbies Erlebnissen beim britischen Expeditionsheer in Nordfrankreich mit der gleichen kinematographischen Sprache wie den schwülen Sommertag auf Tilney Jahre zuvor. Daß Robbie nicht wahnsinnig wird, verdankt er allein den Briefen Cecilias, die inzwischen als Krankenschwester in London arbeitet. Jede Zeile, die sie einander schreiben, vibriert von dem Echo des Leids, das Brionys Falschaussage dem Paar zugefügt hat. Die Schuldige selbst tritt erst im dritten Teil wieder auf; sie arbeitet als Lernschwester in einem Londoner Hospital - eine Tätigkeit, die von der Angst beherrscht wird, einen Fehler zu machen. Unablässig denkt sie über ihre Tat nach - und schreibt. Denn das Schreiben ist "der einzige rote Faden, das einzig Beständige in ihrem Leben. Es war, was sie schon immer getan hatte." Engagiert erledigt sie ihre Arbeit, doch mehren sich die Anzeichen, daß der gewohnte Krankenhausbetrieb aufgegeben werden muß - mit dem Andrang von verwundeten Soldaten ist die Schonzeit für Lernschwestern vorbei. Als Briony einem Verletzten den Kopfverband lockern will, kommt ihr die Hirnmasse entgegen: dem Mann ist ein Teil des Schädelknochens weggeschossen worden. McEwan, meisterhaft in der Beschreibung grausiger Details, duldet kein Wegsehen. Briony muß begreifen, daß kein noch so tapferer, selbstloser Akt ihren früheren Fehler ungeschehen machen kann, auch ihr Besuch bei Cecilia nicht.

Schon in seinem 1978 veröffentlichten "Zementgarten" hat McEwan die unheimliche Zone zwischen Kindheit und Erwachsensein beleuchtet. Nun steht Briony im Mittelpunkt seines Bildungsromans, und mit dem Autor versucht der Leser zu ergründen, warum das Mädchen so hartnäckig bei seiner Version bleibt. Das Motiv liefert McEwan zwischen den Zeilen: Sie will als eigene Autorität vor den Erwachsenen bestehen. Vor allem aber glaubt die dramatisch veranlagte Briony, daß das Leben der Literatur nacheifern sollte, daß wahre Geschehnisse sich nicht von erdachten unterscheiden. Sie findet, daß es in ihrem Leben wie in dem einer Romanfigur einen Wendepunkt geben muß, ein Ereignis von solcher Tragweite, daß es sie übergangslos in das Reich der Erwachsenen katapultiert - selbst wenn diese sie dafür verabscheuen sollten: "Von einem Erwachsenen gehaßt zu werden aber glich der feierlichen Aufnahme in eine neue Welt, war gleichsam eine Beförderung."

Virginia Woolf stand Pate

In "Abbitte" widmet sich Ian McEwan seinen alten, den großen Themen - Liebe und Trennung, Unschuld und Selbsterkenntnis, dem Verstreichen von Zeit -, und er tut dies souveräner, sprachmächtiger und fesselnder denn je. Seine Sätze kommen ohne demonstratives Muskelspiel aus, seine Formulierungen überraschen nicht durch ihre Wahl, sondern entfalten ihre Wirkung erst in ihrem Zusammenspiel: "Davor die offene Parklandschaft, die heute brütend wie eine Savanne dalag, wild und trocken, mit vereinzelten Bäumen, die scharfe, gedrungene Schatten warfen, und überall das lange Gras, dem bereits das löwenmähnige Gelb des Hochsommers auflauerte." Wer hinter solchen Wendungen Klischees wittert, verkennt den Sog von McEwans Prosa und die Kraft gerade seiner räumlichen Beschreibungen. Aber auch die indirekte Charakterisierung seiner Figuren gelingt ihm besser als je zuvor; jeder Satz über eine der Personen folgt deren Gedankenfluß so leicht und genau, als hätte sie ihn selbst geschrieben: "Niemand, den sie kannte, konnte so tatenlos verharren wie sie, konnte so sacht durch die eigenen Gedanken schlendern, als gelte es, einen unbekannten Garten zu erkunden." Bernhard Robben hat McEwans graziöses Englisch in elegantes Deutsch übertragen.

Nicht zuletzt ist der Roman auch eine Hymne an die englische Literatur. Deutlicher als früher erweist McEwan seinen Vorbildern Reverenz. So läßt er Briony ihre Geschichte "Zwei Gestalten am Brunnen" an die Zeitschrift "Horizon" schicken, wo auch eine gewisse Elisabeth Bowen arbeitet - deren Roman "Der letzte September" ebenfalls von einem Mädchen in einem großen Haus handelt. Antwort bekommt Briony von Cyril Connolly, der neben zarter Kritik auch Lob für ihre Erzählung äußert: "Es gelingt Ihnen zweierlei: einen Gedankenstrom in Worten festzuhalten und ihn so zu nuancieren, daß unterschiedliche Charaktere erkennbar werden. Etwas Einzigartiges, Unausgesprochenes wird so eingefangen. Doch fragen wir uns, ob dies nicht allzusehr den Techniken von Mrs. Woolf zu verdanken ist.'" Wie Briony hat sich auch McEwan von Virginia Woolf inspirieren lassen, ebenso wie von Jane Austens "Abtei von Northanger", deren romantische Heldin Catherine Morland sich wie Briony die Welt nach ihrer Lektüre deutet. Und Tilney, der Landsitz der Familie Tallis, ist ein Verweis auf Catherines Gefährten Henry Tilney. Nach der dreimaligen Lektüre von Woolfs "Die Wellen" findet Briony, daß "eine große Verwandlung mit der menschlichen Natur vor sich ging, daß allein der Roman, eine neue Art von Roman, die Essenz dieses Wandels erfassen konnte. In eine Psyche einzudringen und zu zeigen, wie sie arbeitete oder bearbeitet wurde, und dies mit einem symmetrisch angelegten Plan zu tun - was für ein künstlerischer Triumph."

Augenzwinkernd hat der Autor seiner moralisch fragwürdigen und doch höchst sympathischen Heldin diese Sätze in den Mund gelegt, die das Wunder, das er selbst vollbracht hat, glänzend benennen. McEwan hat mit "Abbitte" einen Roman geschrieben, der seine eigenen Mechanismen bewußt zur Schau und damit in Frage stellt. Das Ergebnis zeigt, daß es nach wie vor möglich ist, mit den Mitteln der klassischen Moderne große zeitgenössische Literatur zu erschaffen. Und ganz nebenbei stellt McEwan eine alte, längst vergessen geglaubte Frage, die in jüngster Zeit wieder diskutiert wird: Welche Auswirkungen kann Literatur haben? Wie sein südafrikanischer Kollege J. M. Coetzee wagt er die These, daß Bücher ihren Lesern Schaden zufügen können. Dabei ist Briony McEwans Versuchskaninchen. Im Epilog führt der Autor dieses enorme Experiment zu einem so fulminanten Schluß, daß man meint, den Roman in diesem neuen Licht gleich noch mal lesen zu müssen.

Ian McEwan: "Abbitte". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Bernhard Robben. Diogenes Verlag, Zürich 2002. 533 S., geb., 24,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Ursula März ist in ihrer Begeisterung über den neuen Roman von Ian McEwan kaum zu halten. Der Autor, ohne Zweifel für die Rezensentin ein Meister der hohen, aber abgründigen Erzählkunst, hat sich hier sogar noch übertroffen. "Abbitte", in dem es um die fatale und gleich mehrere Biografien zerstörende Lüge einer 13-Jährigen geht, hält März für "das literarisch interessanteste" und "komplexeste", was McEwan bisher geschrieben hat. Einiges an diesem Roman erinnere an Emily Brontes "Sturmhöhe", und mit Sicherheit wird auch das Liebespaar Robbie und Cecilia, das die 13-jährige Briony mit ihrer Lüge ein Leben lang zu trennen weiß, Eingang in den "Olymp der großen Liebesgeschichten der Literatur" finden, ist die Rezensentin überzeugt. McEwan ist mit diesem Roman "strahlend" in der Weltliteratur angekommen, verkündet März und betont ein weiteres Mal, dass dieses Werk "sprachlich, szenisch" und "organisatorisch ein "Meisterwerk der seltenen Art" sei.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 18.09.2002

Der Wörterwahnort
Wer so erzählen könnte: Ian McEwans wunderbar alter Roman
Zu den Obsessionen des zwanzigsten Jahrhunderts gehörte die wechselseitige Entgrenzung der Künste. Die Leitmotive Richard Wagners wanderten in Romane und Erzählungen ein, Filme über die Großstadt wollten Symphonien sein, und wenn das Theater nicht mehr weiter wusste, warf es sich der Revue oder dem Zirkus in die Arme. An der Literatur der Gegenwart lässt sich ablesen, wie sehr das Schielen nach den anderen Medien und Künsten zur zweiten Natur geworden ist. Es herrscht kein Mangel an Romanen, die lieber Schallplatten wären, an Erzählungen, die davon träumen, ein kleiner schmutziger Film zu sein. Zugleich aber gewinnt mit der zunehmenden Entfaltung der Mediengesellschaft das alte Gegenmotiv an Gewicht: die Betonung des je Eigenen, Spezifischen der Künste. Der Erfolg von Jonathan Franzens „Korrekturen” ist der Erfolg eines Buches, das nichts anderes sein will als ein großer Roman.
Ian McEwan, 1948 in Aldershot geboren, englischer Schriftsteller von schottischer Abstammung, ist ein Kind des zwanzigsten Jahrhunderts. Er hat Fernsehspiele für die BBC geschrieben, Drehbücher für Kinofilme, Erzählungen und Romane, die vor drastischen Effekten nicht zurückscheuen. In der im geteilten Berlin spielenden Liebesgeschichte „Unschuldige” (1990) hat er demonstriert, wie man der Genremischung von Liebes- und Spionageroman Charaktere mit Relief abgewinnt. Für „Amsterdam” (1998), wo eine tote Frau die Protagonisten einer Kulturbetriebssatire nicht zu deren Vorteil aneinander bindet, hat er den Booker-Preis erhalten. McEwans neuer Roman „Abbitte” ist ein großer Wurf von der Art, wie sie gelegentlich nach dem Überschreiten der Lebensmitte entstehen, ein Buch des Innehaltens und der Selbstbefragung. Es ist ein großes Plädoyer für den Roman, der nichts anderes sein will als ein Roman, genauer: ein englischer Roman.
Es liegt ein Bann über Tilney, dem Landhaus der Familie Tallis, wo im Jahre 1935 die Handlung des Romans einsetzt. Er sorgt für das Misslingen des Lebens. Die dreizehnjährige Briony, die jüngste Tochter des Hauses, will ihr schaurig-moralisches Theaterstück „Die Heimsuchungen Arabellas” inszenieren. Aber die kokette und ältere Kusine Lola, die mit ihren jüngeren Brüdern zu Gast ist, weil ihre Eltern sich getrennt haben, macht ihr einen Strich durch die Rechnung. So tritt für Briony an die Stelle der Aufführung des ausgedachten die Beobachtung des wirklichen Lebens, das sich im Haus wie auf einer Bühne versammelt. Der erwachsene Bruder Leon ist mit seinem Freund Paul, einem umtriebigen Schokoladefabrikanten eingetroffen, der auf den Proviant der Soldaten im künftigen Krieg spekuliert. Ihre große Schwester Cecilia scheint auf undurchsichtig-ungute Weise dem Sohn der Aufwartefrau, Robbie Turner, ausgeliefert. Mama hat wie so oft Migräne.
Es ist nicht die außergewöhnliche Hitze allein, die die Figuren in den Bann schlägt.McEwan hat außer dem Namen Tilney auch das Motto seines Romans aus Jane Austens „Northanger Abbey” entliehen. Bei Jane Austen stehen Liebe und Heirat dort, wo im Kriminalroman das Verbrechen steht. Sie sind in ebenso dichte Netze des Verdachts, der Spurenlese und der spannenden Ungewissheit eingebunden wie anderswo die Morde und die Leichen. Tilney ist ein abgeschlossener Schauplatz wie die Schlösser und Abteien in den gothic novels. Wie bei Jane Austen treten das Zwielicht und die Abgründe der Seele an die Stelle der dunklen Verliese. Zur Erbschaft Jane Austens gehört der detektivische Blick auf die Liebenden, und welche Neugier ist auf diesem Gebiet hartnäckiger als die der Pubertät?
Nein, es ist nicht nur die Hitze, von der die Figuren an diesem einen Sommertag, den der erste Teil des Romans erzählt, auf die Katastrophe zugetrieben werden. Der Bann, unter dem die junge Briony steht, die angehende Schriftstellerin, ist das entscheidende Element: der Bann der Literatur. Mit stupender Stilsicherheit erweist McEwan in dieser großen Exposition der englischen Romantradition zwischen Richardsons „Clarissa”, Fieldings „Tom Jones” und Jane Austen seine Reverenz. Noch einmal darf, wie im Briefroman des 18. Jahrhunderts, der versehentlich abgeschickte Brief seine dramatische Kraft entfalten, noch einmal scheitert die Liebe zwischen der höheren Tochter und dem jungen Mann aus dem Volke, noch einmal erweisen sich die Trugbilder der Seele als verhängnisvoll. Am Ende des heißen Tages ist die kokette Lola von einem Unbekannten vergewaltigt, der junge Mann aus dem Volke festgenommen und das Leben nicht nur der Liebenden zerstört, sondern auch das der Beobachterin, Briony. In ihren Augen hatte Robbie die Züge des dämonischen Lüstlings und Verführers aus den Romanen angenommen hat. So hat sie ihn fälschlich als den Täter denunziert.
Das Echo der alten Welt
Die Geschichte vom Verlust der Unschuld der koketten Lola erzählt McEwan nur, um aus ihr die Geburt der Romanschriftstellerin Briony Tallis hervorgehen lassen zu können. Die Romantradition des 18. und 19. Jahrhunderts hat dabei Pate gestanden. Im zweiten Teil bricht die closed- room-Konstellation auf, es geht hinaus ins frei Feld. In die Welt, der sich der Roman im zwanzigsten Jahrhundert zu stellen hatte, in die Welt der Schlachtfelder. Die Briefe der Liebenden sind darin das Echo einer untergegangenen Welt. Der Krieg hat den eben aus dem Gefängnis entlassenen Robbie Turner eingezogen und die Liebesgeschichte ein zweites Mal scheitern lassen. Das Archiv des Imperial War Museum schreibt den harten Ton vor, in dem McEwan das Grauen des Rückzugs der englischen Soldaten nach Dünkirchen im Jahre 1940 schildert.
Wie die Kriege gehört die Selbstauflösung der Romanform zur Erbschaft des 20. Jahrhunderts. Davon handelt der dritte Teil. Briony Tallis arbeitet als Krankenschwester in einem Londoner Lazarett. Sie begegnet Leiden, die größer sind als diejenigen, die sie sich selbst bei ihrem Verrat der Liebenden zugefügt hat. Sie hat inzwischen dreimal Virginia Woolfs „Wellen” gelesen und sich das Buch zum Modell genommen für eine eigenen Erzählung. Darin schildert sie die Szene, wie sie ihre Schwester und Robbie auf Tilney am Triton-Brunnen beobachtet.
Cyril Connolly von der Zeitschrift „Horizon” lehnt die Veröffentlichung der Erzählung ab und begründet seine Entscheidung. McEwan ist auf seiner Seite: auch er verweigert die Auflösung von Handlung und Charakteren zugunsten der immer subtileren Annäherung an die Abenteuer der Wahrnehmung. Er führt Briony immer wieder mit den Figuren ihrer Jugend zusammen, lässt sie dem einmal gesetzten Bann des aus der Liebe zur Literatur geborenen Vergehens nicht mehr entkommen.
Im Epilog sind, nach einem großen Sprung, sechzig Jahre vergangen. Briony Tallis ist eine anerkannte Schriftstellerin geworden. Noch einmal kehrt sie, man schreibt das Jahr 1999, an den inzwischen zum Hotel gewordenen Ort ihres Vergehens zurück. Nur ihren ersten Roman hat sie, mit Rücksicht auf die noch lebenden Protagonisten, nie veröffentlicht. Die Enkel der Vetter von einst führen endlich ihr Theaterstück auf.
Und wir beginnen zu verstehen, dass wir auf den fünfhundert Seiten Seiten zuvor ihren immer wieder umarbeiteten Romans gelesen habe, die Fassung letzter Hand, einen Roman, der mit dem zwanzigsten Jahrhundert erwachsen geworden ist. Die Abbitte ist nicht sein Thema, der Roman selbst ist die Abbitte der Autorin an ihren Figuren, und wenn es dem kongenialen Übersetzer möglich gewesen wäre, hätte er im Titel „Atonement” den Akzent der Sühne mitübersetzt.
Die Literatur, sagt dieser großartige Roman, der nichts als ein Roman sein will, soll keine Nullsummenspiele machen. Das ist unter seiner Würde. Seine Formen haben sich gewandelt, seine Aufgabe ist geblieben: die Menschen mit ihrer eigenen Natur vertrauter zu machen.
LOTHAR MÜLLER
IAN McEWAN: Abbitte. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Diogenes Verlag, Zürich 2002. 535 Seiten, 24,90 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Ein grandioses literarisches Panorama. Excellent geschrieben. Im Dunst des Sommers entsteht Bild um Bild, schmeichelt sich ein in die Vorstellungskraft des Lesers - und fordert sie heraus." (John Updike/The New Yorker)

"Ein Geniestreich. Seit Henry James und Theodor Fontane schuf kein Autor so gute Frauenfiguren." (Die Weltwoche, Zürich)

"Bestes Buch der Saison." (Sigrid Löffler)

"Große zeitgenössische Literatur." (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
"Ein grandioses literarisches Panorama. Excellent geschrieben. Im Dunst des Sommers entsteht Bild um Bild, schmeichelt sich ein in die Vorstellungskraft des Lesers - und fordert sie heraus." (John Updike/The New Yorker)