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2 Kundenbewertungen

Sibylle Bergs »Die Fahrt« - endlich bei Kiepenheuer & Witsch im Taschenbuch. Neue Reihengestaltung mit hochwertiger Ausstattung.
Was ist nur aus uns geworden? Haben wir alles gefunden, was wir suchen, und was war das noch mal? Die fünf HeldInnen dieses Romans machen sich auf den Weg, raus aus ihrem alten Leben. Sie passieren Orte, streifen im Vorbeigehen den globalen Wahnsinn, der sie doch nie wirklich berührt, denn sie sind nur auf der Durchreise. An den Ort, der auf sie wartet. In einer Welt, die keinen von ihnen wirklich braucht.

Produktbeschreibung
Sibylle Bergs »Die Fahrt« - endlich bei Kiepenheuer & Witsch im Taschenbuch. Neue Reihengestaltung mit hochwertiger Ausstattung.

Was ist nur aus uns geworden? Haben wir alles gefunden, was wir suchen, und was war das noch mal? Die fünf HeldInnen dieses Romans machen sich auf den Weg, raus aus ihrem alten Leben. Sie passieren Orte, streifen im Vorbeigehen den globalen Wahnsinn, der sie doch nie wirklich berührt, denn sie sind nur auf der Durchreise. An den Ort, der auf sie wartet. In einer Welt, die keinen von ihnen wirklich braucht.
Autorenporträt
Sibylle Berg lebt in Zürich. Ihr Werk umfasst 27 Theaterstücke, 15 Bücher und wurde in 34 Sprachen übersetzt. Berg ist Herausgeberin von drei Büchern und verfasst Hörspiele und Essays. Sie erhielt diverse Preise und Auszeichnungen, u.a. den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor, den Nestroy-Preis, den Schweizer Buchpreis, den Grand Prix Literatur, den Bertolt-Brecht-Preis und den Johann-Peter-Hebel-Preis. Bei Kiepenheuer & Witsch erschienen zuletzt die Romane 'GRM/Brainfuck' (2019) und 'RCE' (2022) sowie der Gesprächsband 'Nerds retten die Welt' (2020).
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 03.01.2008

Einsame Planeten

Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot, werden hysterisch, verzweifeln, geben auf: Drei Dutzend Leute sind es vielmehr, die Sibylle Berg in ihrem neuen Roman auf "Die Fahrt" geschickt hat: nach Myanmar und Israel und Reykjavík und in die Hamptons. Aber überall ist es besser, wo sie nicht sind, deswegen reisen die einen weiter und bleiben die anderen lieber dort, wo sie sind, andere können sowieso nicht weg. Männer und Frauen, Desolation, Fremdheit, Ferne, Sex und die Körper, die ihn machen, Gefahr und Krankheit - das sind Sibylle Bergs Themen seit ihrem Debüt "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" von 1997, und so stahlgrau wie unerbittlich ist ihre Prosa: "Wahrscheinlich kellnerte sie", heißt es über Miki aus Israel, die nach Hollywood zum Film wollte, und über Helena: "Sie war so lange hässlich gewesen, dass sie sich irgendwann daran gewöhnt hatte." Brian will weg aus Bangkok, doch: "Der Flug nach Genf war aus Gründen gestrichen worden." Welche Gründe? Das ist längst egal. Diesen Sätzen ist keine Hoffnung eingeschrieben, aber auch keine Kapitulation, und auf dieser autonomen Position bar aller Illusionen und genervt von aller Welt hat Sibylle Berg ihren Platz in der deutschen Literatur gefunden. (Sibylle Berg: "Die Fahrt". Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 256 S., geb., 19,90 [Euro].) tob

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Sibylle Bergs neuer Roman hat Rezensent Rainer Moritz durchaus gefallen, auch wenn ihm vieles bekannt vorkommt. Er nennt hier etwa das Erzählmuster, das schon das Debüt der Autorin  kennzeichnete: eine Reihe von Figuren, deren Wege sich kreuzen, die Beziehungen oder Affären eingehen, sich wieder trennen, und die glauben, die Erfüllung ihrer Hoffnungen vielleicht in der Ferne zu finden und deshalb herumreisen zwischen Berlin, Island, Los Angeles, Sri Lanka, Tel Aviv usw. Berg erweist sich zu seiner Freude dabei noch immer als "bissige", "treffsichere" und "scharfe Beobachterin", die die Lächerlichkeit und Traurigkeit ihres Personals gekonnt auf den Punkt bringt. Außerdem sieht er die Autorin als "Meisterin in der Darstellung unschönen Geschlechtsverkehrs". Fast erstaunt hat ihn, dass es diesmal neben der ganzen Tristesse auch einige idyllische Momente gibt. Allerdings will er nicht verhehlen, dass Berg für diesen Roman Zweitverwertung betrieben hat, fleißig Kommentare und Glossen aus Zeitungen, Magazinen und Weblogs recycelt und ihren Figuren teilweise ihre eigene Meinung in den Mund legt. Damit falle sie ihren Figuren gelegentlich in den Rücken und mache sie zu Meinungsmarionetten. Ein, wie Moritz findet, "ästhetisch unbefriedigender Schachzug".

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 09.10.2007

Mit Hass im Aug sieht man besser
„Die Fahrt” von Sibylle Berg
Als Sibylle Berg im vorigen Jahr ein „Märchen” veröffentlichte, in dem zwei Pubertierende umschichtig von ihrer trostlosen Kindheit und ihrer wagemutigen, am Ende belohnten Geborgenheitssuche erzählen, hatte man ein etwas unbehagliches Gefühl. In der Kategorie Jugendbuch mochte das Ganze noch durchgehen; da es aber ausdrücklich „für alle” gedacht war, stand zu befürchten, die letzte freie Radikale der deutschen Gegenwartsliteratur hätte ihre Piranhazähne in den Sondermüll gegeben und die pseudo-infantile Perspektive, die ihr sonst beim gnadenlosen Entblättern und Ausweiden der Welt zu Diensten war, ins Versöhnlich-Betuliche umgelenkt.
Ihr neues Werk „Die Fahrt”, eine Erdumrundung in 79 Kurzkapiteln und etwa halb so vielen Einzelschicksalen, zerstreut solche Bedenken. Es erreicht zwar nicht die Härte der apokalyptischen Deutschland-Odyssee, mit der die aus Weimar stammende Wahlschweizerin vor drei Jahren unter dem Romantitel „Ende gut” alle Gewohnheitspessimisten entzückte. Es erinnert jedoch von der Erzählstruktur wie von der Bissqualität her an „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot”, das 1997 erschienene Prosadebüt der damals schon berüchtigten Reporterin und Kolumnistin. Damit können Berg-Fexe wieder gut leben.
Das Motiv der Fahrt, die für Glücks- und Sinnsuche steht, findet sich in den ältesten literarischen Traditionen, aber erst in der Neuzeit wird der Aufbrechende immer öfter um Ankunft und Erfüllung betrogen. Der Gegenwartsmensch ist gleich dem fliegenden Holländer dazu verdammt, dauernd unterwegs zu sein und ewig unerlöst zu bleiben. Statt eines Ziels steuert er wechselnde „Destinationen” an, von denen er sich, stets neu enthusiasmiert und immer wieder enttäuscht, die Glücksgefühle erhofft, die sich am Wohnort nicht einstellen wollen.
Sibylle Bergs Reisende befinden sich in verschiedenen Erfahrungsstadien dieser existentiellen Grundsituation. Sie sind überwiegend nicht mehr ganz jung, aber sie haben nie gelernt, „wie Erwachsensein geht”. Dadurch wirken sie einerseits lächerlich, andererseits rührend in ihrer Selbsttäuschung, die sie über den Globus scheucht und ihre Sehnsucht nach exotischen Orten schürt, obwohl eine Illusion nach der anderen zerplatzt. Es gibt aber auch die, die nicht weg können, was im Zweifelsfall das größere Unglück bedeutet, und dann noch die, die nicht weg wollen, aber von den Umständen dazu getrieben werden. Deshalb handelt der Roman (ist es einer?) laut Untertitel „Vom Gehen und Bleiben”.
Eines haben sie alle begriffen, die Fahrenden und die Verharrenden, deren Wege sich zum Teil kreuzen, berühren oder für eine Weile parallel laufen – dass ihr Glücksstreben zwar viel mit menschlicher Zuwendung und Gemeinschaft zu tun hat, aber wenig mit dem hoch gehandelten Trost- und Rauschmittel Sex. Auch an sonstigen Konsumartikeln und Genüssen sind Bergs Protagonisten eher desinteressiert, weshalb sich etwa eine ehemalige Pornodarstellerin, die unverhofft zu einem Millionenerbe kommt, nur schwer an den Gedanken gewöhnt, dass Geld eventuell glücklich machen könne. Die weitgereiste Autorin, die ihren Globalvagabunden naturgemäß etwas von ihrer eigenen Wahrnehmung mitgegeben hat, weiß indes sehr genau, wozu Geld taugt: Man kann sich damit Ruhe und eine Privatsphäre kaufen, heutzutage die kostbarsten aller Güter. Und im Idealfall eine Umgebung, die weder das Auge noch die übrigen Sinne foltert: Am Comersee vielleicht, gern in der Schweiz – oder auch auf Island, obwohl das schon wieder Geschmackssache ist.
Mit der romantischen Vorstellung, dass die Menschen in den Armutszonen der Erde zufriedener lebten als die überfressenen Abendländer, wird in diesem Fahrten-Buch gründlich aufgeräumt. Dafür greift Sibylle Berg unter anderem zum Mittel der ironiefreien Elendsreportage. Die stärksten Momente ihrer Prosa aber sind nach wie vor die, in denen sie die fortschreitende Verkommenheit und Abgewracktheit des Planeten sowie die grassierende Unzurechnungsfähigkeit seiner Bewohner mit der ihr eigenen Hasslust ausmalt: Die Schärfe ihres schrägen Blicks ist unnachahmlich. Da stört es kaum, dass sie eigene Kolumnentexte plündert und wiederverwertet oder bereits publizierte Geschichten mit veränderter Kulisse einschmuggelt . Riskant wird es freilich dort, wo sie die ungeschminkte Moralistin gibt. Wer Heilslehren so hintergründig verspottet, dem steht der Predigerton nicht zu Gesicht.
KRISTINA MAIDT-ZINKE
Sibylle Berg
Die Fahrt
Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 339 Seiten, 18,90 Euro.
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" Die Fahrt ist der kunstvoll komponierte Roman einer unbestechlichen Beobachterin und brillanten Stilistin." Buchjournal