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Der furiose neue Roman von Thomas Glavinic
Die Summe eines Jahres, der Querschnitt eines Lebens, das Abenteuer der Liebe.
Ein Jahr im Leben eines Wiener Schriftstellers, zwischen Drogen, Alkohol und Frauen. Ein Abenteuer, das Jonas und seine große Liebe Marie bis zum Südpol führen soll. Und ein dreizehnjähriger Junge, der leidenschaftlich Schach spielt, um seinem Alltag zu entfliehen. Dazu Nebenfiguren wie aus einem Tarantino-Film: Ein Anwalt der Hells Angels, ein WingTsun-Großmeister und eine Mörderin, die die Leichen ihrer Liebhaber mit einer Kettensäge zerlegt. Die wirkliche Welt…mehr

Produktbeschreibung
Der furiose neue Roman von Thomas Glavinic

Die Summe eines Jahres, der Querschnitt eines Lebens, das Abenteuer der Liebe.

Ein Jahr im Leben eines Wiener Schriftstellers, zwischen Drogen, Alkohol und Frauen. Ein Abenteuer, das Jonas und seine große Liebe Marie bis zum Südpol führen soll. Und ein dreizehnjähriger Junge, der leidenschaftlich Schach spielt, um seinem Alltag zu entfliehen. Dazu Nebenfiguren wie aus einem Tarantino-Film: Ein Anwalt der Hells Angels, ein WingTsun-Großmeister und eine Mörderin, die die Leichen ihrer Liebhaber mit einer Kettensäge zerlegt. Die wirkliche Welt trifft auf die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Und Thomas Glavinic gelingt das große Kunststück, all das in einen mitreißenden Roman über die entscheidenden Fragen zu verwandeln: Wer will ich sein? Und habe ich den Mut, die richtigen Entscheidungen dafür zu treffen?
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • Seitenzahl: 752
  • Erscheinungstermin: 8. März 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 219mm x 150mm x 42mm
  • Gewicht: 850g
  • ISBN-13: 9783100024640
  • ISBN-10: 3100024648
  • Artikelnr.: 43998315
Autorenporträt
Thomas Glavinic, geboren 1972 in Graz, war Taxifahrer, Bergbauer und Werbetexter und schreibt seit 1991 Romane, Essays, Erzählungen, Hörspiele und Reportagen. 'Der Kameramörder' ist sein dritter Roman nach 'Carl Haffners Liebe zum Unentschieden' (1998) und 'Herr Susi' (2000) und wurde 2002 mit dem Friedrich-Glauser-Krimipreis für den besten Roman ausgezeichnet. Thomas Glavinic schreibt derzeit an seinem vierten Roman.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Rezensentin Eva Behrendt hat zwei markante Männerbücher gelesen, die offenbar interessante Querverwese erlauben: Thomas Glavinics viril über die Stränge schlagenden Roman "Der Jonas-Komplex", der in drei Erzählsträngen von Personen handelt, die mit dem Autor selbst identisch sein könnten oder auch nicht, und Michael Kumpfmüllers Roman "Die Erziehung des Mannes", in dem der Autor schildert, wie ein Mann im Laufe der Jahre endlich beziehungsfähig wird. Bei beiden Büchern handelt es sich um "Seelenerkundungen starker Icherzähler", konstatiert die Kritikerin, zudem sind beide Bücher nahezu nach Vorbild einer psychoanalytischen Therapie dreigeteilt, wühlen in der Materiallage der frühen Kindheit und bieten ihren Figuren Vaterschaft als Lösung an, erfahren wir aus dieser Doppelbesprechung. Doch auch Unterschiede macht die Kritikerin fest: Während Glavinic mitunter geradezu teuflisch unterhaltsam vom Exzess des Nachtlebens erzählt, folgt Kumpfmüller seiner Figur auf "manchmal allzu ernsthafte" Weise. Und während ersterer zum Loblied aufs Alleinsein anhebt, ist Kumpfmüllers Figur in ein Netz aus Beziehungen eingebunden, aus dem sie reifer hervorgeht. Am Ende schlägt das Herz der Rezensentin doch mehr für Glavinic als den grüblerischen Kumpfmüller.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 22.03.2016

Wenn das Eis bricht und das Herz rumpelt

Thomas Glavinic reist in seinem Roman "Der Jonas-Komplex" schon wieder Richtung Weltende und steigert den Rausch und die Verlustängste so sehr, dass die Komik in Verzweiflung umschlägt.

Die Hoffnung, durch ein Entgrenzungserlebnis zu einer höheren Form des Selbst oder zumindest zu einer gesicherten Ich-Erfahrung zu gelangen, ist in den verschiedenen religiösen und mystischen Auslegungen genauso wie in der Kunst immer wieder durchdekliniert worden. Das moderne alltagsprofane Pendant nennt sich Extremsport. Nicht zu vergessen die Klassiker: Rauschmittel und Sex.

Die Angst, vom Modus der Entgrenzung unaufhaltsam in einen der Auflösung zu driften, mag dabei nicht ganz so groß sein wie jene vor ebendiesem Selbst, bei dem man am Ende möglicherweise landet. Thomas Glavinic hat in seinen Büchern genauso wie außerhalb dieser einiges dazu beigetragen, als einer der rausch- und entgrenzungsbesessensten Schriftsteller unserer Tage zu gelten, nicht zuletzt deshalb, weil er seine Ausschweifungen mit Vorliebe über die digitalen Kanäle noch einmal multipliziert.

Es ist dabei vor allem eine Geschichte, die Glavinic immer wieder erzählt: eine der Verlorenheit. Und eine der Angst. Dass sein jüngster Roman, der auf der Gegenwartsebene vom Neujahrstag bis Silvester das Jahr 2015 erzählt, "Der Jonas-Komplex" heißt, ist dabei mehr als bloßer Verweis auf die Jonas-Figuren, die schon in drei vorhergehenden Romanen von Glavinic auftrat, zuletzt in der märchenhaften Mount-Everest-Besteigung "Das größere Wunder". Der Name ist poetologisches Programm, steht doch der Jonas-Komplex in der Psychologie für die Angst, an den eigenen Ansprüchen zu scheitern und sie deshalb zu vermeiden - angelehnt an das Buch Jona, der sich vor der ihm von Gott gegebenen Aufgabe und Verantwortung davonschleichen will.

Genau dieser Versuch eines Dauerdavonlaufens qua Entgrenzung ist das Grundmotiv von Glavinics Roman, über den er bereits im Vorfeld hat verlauten lassen, dass dieser bittesehr als fiktionales Werk zu lesen sei. Das kann man selbstverständlich tun, zumal es gerade den ungemein lustigen, bis zur verzweifelten Albernheit sich steigernden Episoden keinen Abbruch tut. Die Ausstellung der eigenen Neurosen birgt jede Menge komisches Potential, und Glavinic zeigt sich in diesem Fach aufs Neue als unbedingt beschlagen. Interessanter aber ist die Struktur des Romans, der sich in drei Erzählstränge gliedert. Der erste ist der über den Wiener Schriftsteller, dessen Alltag zwischen Alkohol- und Koksexzessen und der anschließenden Zermürbung darüber schwankt. Unterdrückt wird dieses Unbehagen genauso wie die in den verschiedensten Situationen - im Flugzeug oder wenn es an der Wohnungstür klingelt - aufkommenden Panik- oder Paranoia-Attacken durch ähnlich unverhältnismäßigen Konsum von Beruhigungsmitteln oder durch eine ebensolche neue Zufuhr von noch mehr Koks, bis das Herz so heftig rumpelt, dass die schiere Überlebensangst alle anderen Ängste überwiegt.

Eine Figur ist dieser Schriftsteller, der fortwährend hektisch nach als erotische Ablenkung getarnter sexueller Entgrenzung schreit und dabei ständig über die Schwellen der Peinlichkeit, mitunter auch Erbärmlichkeit stolpert, um anschließend ohnehin nur in Ernüchterung zu stranden. Eine Figur aber auch, die mit einer unbedingten Liebe an ihrem Sohn hängt, ohne es geschafft zu haben, diesem Kind ein funktionierendes Familienleben zu bieten. Nach der Trennung der Eltern lebt das Kind vorwiegend bei der Mutter.

Der zweite Strang, der im Jahr 1985 spielt, erzählt, todtraurig, aber nie rührselig, die Geschichte eines einsamen dreizehnjährigen Jungen. Über seine Mutter erfahren wir nichts, der kroatische Vater meldet sich allenfalls sporadisch. Nach dem Tod der Großmutter, bei der er bisher aufgewachsen ist und die der Junge in ihren letzten Tagen gepflegt hat, lebt er bei Uriella, offenbar einer entfernten Verwandten. Nicht genug damit, dass der Junge, während er Nachmittag für Nachmittag wartet, dass Uriella angetrunken und in wechselnder männlicher Begleitung nach Hause kommt, seinen ständig nagenden Hunger immerzu mit Milchbrot ruhigzustellen versucht - das Einzige, was die leeren Küchenschränke hergeben.

Thomas Glavinic erzählt auch eine Missbrauchsgeschichte, die sich noch einmal tiefer und erniedrigender in den Jungen einfrisst, weil er auf perfide Weise zum unfreiwilligen Komplizen gemacht wird. Unter dem Vorwand, ihn nach Filzläusen zu untersuchen, muss er sich von Uriella entblößen und sich anfassen lassen. Das Schachspiel, durch das er auch in Erwachsenenkreisen Anerkennung findet, scheint das Einzige zu sein, woraus der Junge eine Spur Selbstbewusstsein schöpft. Thomas Glavinic, der bereits als Junge für Schach entbrannte, weiß um die Wirkung dieses Spiels.

Die dritte Episode des Romans nun kreist um jene bereits aus anderen Glavinic-Romanen bekannte Jonas-Figur. Reich, aber haltlos - bis auf die Liebe zu Marie -, macht Jonas ein obskures Überlebensspiel daraus, sich von seinem Anwalt an den entlegensten Orten der Welt, im unbekannten Nirgendwo aussetzen zu lassen, um sich selbst zu beweisen, dass er es aus dieser unüberwindlich erscheinenden Verlorenheit zurückzukehren schafft. Marie ist es schließlich, die Jonas vor die größte Herausforderung stellt: eine Wanderung zum Südpol, die er mit ihr gemeinsam bewältigen muss - wobei das Gemeinsame der schwierigere Teil für Jonas ist. Eine Malaria-Erkrankung, die ihn nah am Tod vorbeischrammen lässt, zwingt ihn, die Wanderung durchs Eis abzubrechen. Eine, wie man es von Glavinic kennt, himmelschreiend kitschige Erlösung aus seinem Drang, sich zu verlieren, erlebt er am Ende dennoch.

Die zuweilen tragischen, zuweilen von Sehnsucht grundierten Korrespondenzen, die zwischen den drei Teilen des Romans bestehen, sind augenfällig. So kann man, ohne sie zwangsläufig zu verschmelzen, die drei Episoden im Sinne einer dialektischen Versuchsanordnung lesen: Verlassenwerden und Einsamkeit eines dreizehnjährigen Jungen zum einen, Bindungsunfähigkeit und permanente Sich-selbst-Preisgabe eines erwachsenen Schriftstellers zum Zweiten, und, dem dialektischen Prinzip zufolge, als Synthese oder Utopie die Episode über Jonas, der nach all den selbstgewählten Todes- und Grenzüberschreitungen seinen Frieden mit sich findet und die Erlösung in der Liebe.

Wer Spaß daran hat, der kann sich natürlich immer noch an den Authentizitätsknallerbsen, die Thomas Glavinic schmeißt, erfreuen. Sie taugen auch tatsächlich bestens zur Erzeugung eines sanft wärmenden Kicherrausches. Genügen mögen hierzu allein die Kurznachrichten eines erfolgreichen, selbstgewissen, weltmännischen, furchtbar biedermeierlichen Schriftstellers, genannt Daniel. Diese Nachrichten ploppen vorzugsweise in jenen Momenten auf dem Handy des Wiener Schriftstellers auf, wenn dieser sich gerade in Panik- und Verzweiflungsspiralen dreht, und künden von der erfolgreichen, selbstgewissen, weltmännischen, furchtbar biedermeierlichen Existenz des befreundeten Kollegen.

Aber auch, wenn der Roman immerhin noch halbherzig so tun mag, als würde er es hinter dem Knallerbsen-Geballer verstecken wollen, dann ist er doch vor allem eine ziemlich grandiose, maßlose, das Herz zum Rumpeln bringende Fortschreibung der universellen Angst- und Verlorenheitsenzyklopädie, an der Thomas Glavinic arbeitet. Kaum zu entscheiden, ob es bedauerlich oder erfreulich ist, dass "Der Jonas-Komplex" vermutlich nicht deren Abschluss gewesen sein wird. Literatur und Leben sind in dieser Hinsicht eben zwei komplett verschiedene Sportarten.

WIEBKE POROMBKA.

Thomas Glavinic: "Der Jonas-Komplex". Roman.

Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2016. 752 S., geb., 24,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 19.03.2016

Leben’n’Werk
Drei Personen suchen einen Autor: Thomas Glavinic bespiegelt
in seinem Roman „Der Jonas-Komplex“ sein multiples Ego
VON ALEX RÜHLE
Das Leben. So kurz. So einmalig. Warum nur kann man nicht mehrere Biografien durchprobieren? Andererseits – dieser eine, der einen morgens aus dem Spiegel anstiert, wer ist das überhaupt? „Wer wir sind, wissen wir nicht. Beim letzten Durchzählen kam ich auf mindestens drei Personen, die jeder von uns ist. Erstens die, die er ist, zweitens die, die er zu sein glaubt, und drittens die, für die ihn die anderen halten sollen.“
  So springt dieser Erzähler in seinen Text, ein Wiener Autor mit Koks- und Alkoholproblemen, mit viel Humor, einer starken Libido und einem schillernden Freundeskreis. Beim Lesen merkt man schnell: Den kenn ich doch. Das ist doch er, also „Ich“, dieses urviechartige Autorenwrack aus „Das bin doch ich“, der lustigsten, wildesten Literaturbetriebsposse in deutscher Sprache, geschrieben von einem Mann, der stark an Thomas Glavinic erinnert, aber gleichzeitig so dermaßen kaputt ist, dass ihm nie das brillante Buch gelungen wäre, mit dem Glavinic 2007 den ganzen Betrieb hochnahm.
Jetzt ist er also wieder da, kriegt immer noch SMS von Daniel Kehlmann, ist immer noch befreundet mit einem Anwalt namens Werner, der die Hells Angels vertritt, und seine Agentin ist immer noch Karin Graf. Der schickt er einmal nachts eine SMS, die eigentlich an eine andere Karin gehen sollte: „Willst du mir den Schwanz rasieren, oder soll ich vorher selbst?“
  Das klingt nach Literatenliteratur und Selbstbezüglichkeit in der zweiten Potenz. Ein Autor schreibt über einen Autor, über den er schon mal geschrieben hat. Aber bevor man ernsthaft ins Zweifeln kommt, hat man schon sehr oft gelacht. Außerdem kommt schnell der erste Schwenk nach Tokio. Zu Jonas, von dem in einer ganz anderen Tonlage und in der dritten Person erzählt wird.
Dieser Jonas ist Glavinic-Lesern ebenfalls gut bekannt: Er ist die Hauptfigur aus Glavinics Roman „Das größere Wunder“ (2013), ein Milliardär, der dank seines unbegrenzten Vermögens durch nichts in seinem enormen Freiheits- und Welterkundungsdrang aufgehalten werden kann. Gleichzeitig ist er ein Romantiker, der an die große Liebe glaubt, den einen Menschen, der irgendwo auf der Welt auf einen wartet. Mittlerweile hat er diesen Menschen (wieder-)gefunden, er lebt mit seiner Marie, einer Gehirnchirurgin, in Tokio zusammen. Und er ist weiterhin auf der Jagd nach dem intensiven Leben. Allerdings: „Wenn man alles kann und alles darf, hört die Freiheit auf und man wird Gefangener seiner Möglichkeiten“. Also lässt sich Jonas von seinem Anwalt immer wieder am Ende der Welt aussetzen, um alleine zurück in die Zivilisation zu finden und auf diesem Weg in Zustände der gesteigerten Lebensintensität.
  Und dann ist da noch dieser 13-jährige Junge. Der lebt in der Weststeiermark und ist so einsam, wie man nur einsam sein kann. Er haust bei einer alkoholischen Nymphomanin. Es gibt einen fernen jugoslawischen Vater. Es gibt die Liebe zu seiner Großmutter und deren „selbstmitleidfreier Wehmut“. Und es gibt in diesem blitzgescheiten Jungen, der sich die Zeit mit Schachspielen und Büchern vertreibt, trotz aller Einsamkeit eine erstaunliche Resilienzkraft, eine seelische Robustheit, die nichts Grobes hat. Der Junge verehrt Bobby Fischer, das Schachgenie. Sein Vorbild aber ist Emanuel Lasker, das Chamäleon, das jedesmal anders spielte. „So möchte ich auch werden. Einer, der überall zu Hause ist und nirgends. Von dem man nicht weiß, was und wie er spielen wird, weil er zu allem in der Lage ist. Bei dem es um Ideen geht, um das, was ihm in der Sekunde einfällt, in der es drauf ankommt. Mich fasziniert dieses blinde Finden, dieser Tanz am Abgrund.“
Die drei Biografien, die hier parallel erzählt werden, eint dieses lebensästhetische Moment, alle drei sind sie Spieler am Abgrund, überall zu Hause und nirgends. Alle drei eint das grenzenlose Erstaunen, hier und jetzt da zu sein. Wer bin ich? Und bin ich überhaupt wirklich da? Der Wiener Autor ruft während einer seiner Panikattacken seinen Freund, den Anwalt an: „,Kannst du mir mit Sicherheit sagen, dass ich nicht tot bin?‘, frage ich. ,Du bist ganz sicher tot, so wie du aussiehst‘, sagt er.“ Mit solch schnellem, rauem Humor pulverisiert Glavinic immer wieder allen Existenzkitsch, noch bevor der überhaupt angesichts solch großer Fragen Zeit hat, unheilvoll aufzuwabern.
Die drei sind auch sonst wesensverwandt, was bei dem Jungen und dem Autor wenig verwunderlich ist, sind sie doch ein und dieselbe Person, einmal im Jahr 1985, einmal heute. Der Junge weiß, dass es Geister oder Gespenster gibt. Der Autor schaut gerne UFO-Dokumentationen. Jonas frotzelt sich am liebsten mit Werner, seinem verstorbenen Jugendfreund, quer durch die verschiedenen Seins- oder Nichtseinszustände an, als stünden sie gemeinsam im Anzengruber am Tresen. Das Anzengruber ist ein Wiener Lokal, das öfters in Porträts über Glavinic vorkommt, und natürlich auch im Roman, weil ja Leben’n’Werk gleich Rock’n’Roll, also torkelt der Erzähler hier regelmäßig vorbei.
  Einmal fürchtet er sich nach einer Anzengrubernacht vor „erektiler Dysfunktion“, er hat da Besuch von einer seiner vielen Frauen, einer Tierärztin, die zuvor ein krankes Frettchen eingeschläfert hat. „,Du hast das Frettchen eingeschläfert?‘ – ,Ja.‘ - ,Obwohl noch etwas zu machen gewesen wäre?‘ – Sie nickt verlegen. ,Damit du rechtzeitig hier bist?‘ ,Du hast gemeint, du hast nur eine halbe Stunde Zeit.‘ ,Ich weiß nicht Recht, was ich sagen soll.‘“
  Das geht einem als Leser an der Stelle genauso. Wobei – eigentlich weiß man schon, was man sagen soll, nämlich dass der Verlag diesem anarchischen Kraftprotz mal einen Lektor zur Seite stellen müsste, aber eben einen richtigen, einen mit dicken Eiern, nicht diese Strickjäckchenbubis. Einen, der ihm sagt, Thomas, du bist gewaltig, groß und herrlich, dein Manuskript wird ein unendlicher Spaß, du bist der Lasker der deutschen Literatur, zu allem in der Lage. Aber die devote Frettchensexpassage, die streichen wir genauso raus wie Jonas’ Aussetzung in einer 2000 Meter hohen Felswand in Patagonien und die elfte Eloge an die Lebensglut und das Bejahen des Seins.
  Die „erektile Dysfunktion“ teilt der Erzähler mit Peter Handke. Wobei Glavinics Erzähler am Ende gar keine hat, sondern weiterhin Sex vom Feinsten und Unfeinsten. Diesem Handke aber, dem muss man eine „gewaltige erzählerische erektile Dysfunktion attestieren“. Hat Glavinic eigenhändig gemacht. Im Spiegel. Da watschte er kürzlich die deutsche Literatur ab, „dünne Bücher über Bleistiftspitzen und die minutiöse Schilderung der Abenteuer einer Fliege an einer Glasscheibe. Das konnte Handke: beschreiben. Aber Literatur ist Erzählen.“ Im „Jonas-Komplex“ schimpft er über „Teflonprosa, gefällige Geschichten kluger, kühler Menschen, die nie ein Risiko eingehen würden.“
Er selbst geht volles erzählerisches Risiko. Liebe, ja! Sex unbedingt. Das alles hat eine herrliche, fast schon muskulöse Kraft und Schönheit. Nur manchmal wirkt es plötzlich wie Bodybuilding. Und solches Posen hat ein Zehnkämpfer eigentlich nicht nötig.
Die Frettchensexpassage,
die hätte der große Thomas
lieber streichen sollen
Geht stets volles Risiko – und dabei manchmal ein bisschen zu weit: Thomas Glavinic.
Foto: dpa
  
          
  
       
Thomas Glavinic:
Der Jonas-Komplex.
Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2016. 752 Seiten, 24,99 Euro. E-Book 21,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Mehr Gegenwart kann man nicht zwischen zwei Buchdeckel packen. Christian Preusser Frankfurter Neue Presse 20160326