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Shortlist Deutscher Buchpreis 2018: "Nachtleuchten". In ihrem neuen Roman erzählt María Cecilia Barbetta von der gespenstischen Atmosphäre am Vorabend eines politischen Umsturzes. Sie sind aus der ganzen Welt gekommen und haben sich in Buenos Aires eine Existenz aufgebaut. In dem Viertel Ballester kämpfen sie jeder auf seine Art für den Aufbruch, die Revolution und eine bessere Zukunft - Teresa und ihre Klassenkameradinnen in der katholischen Mädchenschule ebenso wie Celio, der Friseur in der "Ewigen Schönheit", oder die Mechaniker der Autowerkstatt "Autopia". Doch politische Spannungen…mehr

Produktbeschreibung
Shortlist Deutscher Buchpreis 2018: "Nachtleuchten". In ihrem neuen Roman erzählt María Cecilia Barbetta von der gespenstischen Atmosphäre am Vorabend eines politischen Umsturzes. Sie sind aus der ganzen Welt gekommen und haben sich in Buenos Aires eine Existenz aufgebaut. In dem Viertel Ballester kämpfen sie jeder auf seine Art für den Aufbruch, die Revolution und eine bessere Zukunft - Teresa und ihre Klassenkameradinnen in der katholischen Mädchenschule ebenso wie Celio, der Friseur in der "Ewigen Schönheit", oder die Mechaniker der Autowerkstatt "Autopia". Doch politische Spannungen zerreißen das Land, Aberglaube und Gewalt schleichen sich in die Normalität. Mit einem feinen Gespür für die Poesie des Alltags erzählt die in Argentinien geborene María Cecilia Barbetta von der Liebe zum Leben in Zeiten des Umbruchs.
  • Produktdetails
  • Verlag: S. Fischer
  • Artikelnr. des Verlages: .24426
  • Seitenzahl: 521
  • Erscheinungstermin: 15. August 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 152mm x 43mm
  • Gewicht: 764g
  • ISBN-13: 9783103972894
  • ISBN-10: 310397289X
  • Artikelnr.: 52461291
Autorenporträt
Barbetta, María Cecilia
María Cecilia Barbetta wurde 1972 in Buenos Aires, Argentinien, geboren und wuchs in dem Viertel Ballester, in dem ihr Roman 'Nachtleuchten' spielt, auf. Sie kam 1996 nach Berlin und blieb. Schon ihren ersten Roman, 'Änderungsschneiderei Los Milagros', schrieb sie auf Deutsch. Er wurde mit wichtigen Preisen ausgezeichnet, darunter dem aspekte-Literaturpreis und dem Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis. Bereits vor Erscheinen wurde ein Auszug des zweites Romans mit dem Alfred-Döblin-Preis geehrt. 'Nachtleuchten' erschien 2018 und steht auf der Shorlist für den Deutschen Buchpreis. Literaturpreise:Shortlist Deutscher Buchpreis (2018) Alfred-Döblin-Preis (2017) Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis (2009) Bayern 2-Wortspiele-Preis (2009) aspekte-Literaturpreis (2008)
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Labyrinthisch findet Volker Breidecker María Cecilia Barbettas Roman über die Zeit des Anbruchs der Militärdiktatur in Argentinien. Das in Buenos Aires vornehmlich unter den "kleinen Leuten" spielende Epos besticht laut Breidecker durch Sichtbarmachung der umgehenden Ängste genauso wie durch seinen Humor und seinen Sprachwitz, dem die Autorin auch durch typografische Späße Ausdruck verleiht. Den Rezensent an Cortazars "Rayuela" und Sternes "Tristram Shandy" erinnernd, lässt der Text laut Breidecker jedoch nicht den Ernst seiner Geschichte und der Schicksale seines vielfältigen Personals übersehen. Ein "gleichermaßen teleskopisches wie mikroskopisches" Panorama der Stadt Buenos Aires, meint der Rezensent, der in den behandelten Traumata auch die deutsche Geschichte wiedererkennt. Weltliteratur, so Breidecker.

© Perlentaucher Medien GmbH
Mit ihrem grandiosen Epos schreibt María Cecilia Barbetta Weltliteratur.
Besprechung von 17.08.2018
Die Madonna von Ballester
Zu Recht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis: María Cecilia Barbetta erzählt in
„Nachtleuchten“ von der Militärdiktatur in Argentinien – mit den Mitteln von Borges und Cortázar
VON VOLKER BREIDECKER
Mit dem Büchner-Preis an die gebürtige Ungarin Terézia Mora, dem Bachmann-Preis an die in Wien lebende Ukrainerin Tanja Maljartschuk und der längst vollendeten literarischen Einbürgerung von Autoren wie Olga Grjasnowa, Nino Haratischwili, Yoko Tawada, Abbas Khider oder Ilija Trojanow sollte das alberne Label „Migrantenliteratur“ eigentlich aus der Welt sein. Wenn es dennoch weiter herumspukt, so könnte dies daran liegen, dass der Betrieb der Realität eines Einwanderungslands noch immer hinterherhinkt.
Die seit 1996 in Berlin lebende Argentinierin María Cecilia Barbetta hat schon in ihrem Debüt 2008 von allen Freiheiten Gebrauch gemacht, die eine vormals fremde Sprache im Bund mit literarischem Formwillen erlaubt: „Änderungsschneiderei Los Milagros“ hieß der mit Aspekte- und Chamisso-Preis prämierte Roman. Schauplatz waren die Straßen von Barbettas Geburtsstadt Buenos Aires, in der sich, außer Nadeln, Fäden und Nähten, auch Schicksalswege kreuzen. Auf das Surren der Nähmaschinen folgt jetzt der Roman „Nachtleuchten“. Dem Leser, der eintritt in das verschlungene Labyrinth eines exakt 100 Kapitel messenden, über 500 Seiten starken Epos wird eine gehörige Portion Mitwirkung und Mitwisserschaft abverlangt.
Im Dunkeln tappen muss er dennoch nicht, und so wird er am Ende den mit allen Wassern der Kunst gewaschenen, fein durchwirkten, sprachlich wie stofflich ungeheuer verdichteten, in seinem Figuren-, Stimmen- und Formenreichtum kein Register auslassenden Roman nicht wieder aus der Hand legen wollen. Ein Epos, so verspielt in der Gestaltung und so verrückt in der Form hat es bei Himmel und Hölle seit Julio Cortázars „Rayuela“ nicht mehr gegeben. Pate gestanden hat aber auch der „Tristram Shandy“ des Laurence Sterne, mit dem Barbetta neben funkelndem Sprachwitz die Vorliebe für grafischen Humor und allerhand Späße mit der Typografie und den Satzspiegeln bedruckten Papiers teilt. Mit „Donnerlittchen“ und „Kinkerlitzchen“, „Zappenduster“, „Schmackes“ und „Kokolores“, „Minuzien“ und „Quisquilien“ ließen sich aus Barbettas Roman ganze Kataloge sprachlicher Preziosen erstellen, die im „Duden“ eher kurz vor der Ausmusterung stehen.
Der Stoff jedoch ist ernst: Argentinien vor Anbruch der grausamsten Militärdiktatur, die der Kontinent bis heute gesehen hat: Barbetta, Jahrgang 1972, ist noch kein Jahr alt, als im Juni 1973 bei der Rückkehr Juan Peróns aus dem Exil Scharfschützen ein Massaker unter der jubelnden Menge veranstalten. Die Spaltung des peronistischen Lagers in einen rechten und einen linken Flügel, die einander blutig bekämpften, war besiegelt. Nach Peróns Tod im Jahr darauf übernahm dessen Witwe, Isabel Martínez, die Regierungsgeschäfte, als das Werkzeug von Dunkelmännern, die sich gegen „subversive Elemente“ verschworen hatten. Die ausrückenden Todesschwadronen des Geheimbunds „Triple A“ – dies steht für „Argentinische Antikommunistische Allianz“ – ließen ihre Opfer meist spurlos verschwinden.
Die im März 1976 an die Macht gelangte Militärjunta perfektionierte diese Praxis: Es konnte jeden treffen, wenn ein grüner Ford Falcon – das Standardgefährt von Polizei und Militär – ohne amtliches Kennzeichen bei jemandem zu Hause vorfuhr. Rund 30 000 Menschen – „Desaparecidos“ genannt – verschwanden hinter Folter- und Todesfabriken, bevor Militärflugzeuge sie über der Mündung des Rio de la Plata abwarfen. Schwangeren weiblichen Häftlingen wurden nach der Geburt die Säuglinge entrissen und zur Adoption durch Gefolgsleute des Regimes freigegeben. Darunter waren auch die Folterknechte und Mörder der verschwundenen Eltern selbst – ein immer noch nicht abgeschlossenes Kapitel jener finsteren Jahre.
Dies ist der düstere Horizont des in den Jahren 1974/75 angesiedelten Romangeschehens. Über den Akteuren schwebt eine auf beinahe jeder Seite spürbare, diffuse Angst, die Furcht vor etwas Kommendem, ohne dass die Figuren wüssten, was dafür der Grund und die Folgen wären. Der Pathosfalle entgeht der Roman freilich durch wundervoll plastische und bilderreiche, auch populären Comics entlehnte prosodische Reinszenierungen des Blicks von Kindern, Jugendlichen und anderen „kleinen Leuten“ auf das Alltagsleben eines Stadtviertels am Rand der Metropole.
Ballester heißt dieses Viertel, in dem auch die Autorin aufgewachsen ist, die sich von ihrer zweiten Heimat Berlin aus in die Herkunftswelt zurückschreibt. Von Kindheit und früher Jugend, von Schule und Familienleben handelt der erste Teil des Romans. Familiäre Bindungen sind von Unsicherheit behaftet oder längst nicht mehr intakt. Eine Schar kleiner Mädels besucht eine Nonnenschule, vor deren Mauern die neue Soziallehre der Katholischen Kirche und auch die Befreiungstheologie nicht haltmachen. Ein Elendsviertel zur Erprobung der Idee einer „Kirche von unten“ liegt gleich nebenan. Nicht weit ist aber auch ein lautlos zuschlagender Repressionsapparat. Zurück bleibt eine in ihrem eigenen Blut aufgefundene, von ihren Schülern fortan als Märtyrerin verehrte Nonne.
Im Mittelpunkt des zweiten Teils steht eine Autowerkstatt mit dem verheißungsvollen Namen „Autopia“. Sie fungiert als Nachrichtenzentrale des Quartiers, im Bund mit dem Friseursalon „Ewige Schönheit“, der Chemischen Reinigung „Clean Eastwood“ und der Bäckerei „El Libertad“. Erzählt werden die Geschichten und Schicksale, Hoffnungen und Wünsche kleiner Leute, die vor zwei, drei Generationen aus Europa und Nordafrika eingewandert sind. Im dritten Teil machen sich jugendliche Freizeitdetektive an die Aufklärung mysteriöser Vorgänge. Hinter ihnen steht eine weltweit operierende Organisation von Spiritisten und Okkultisten um einen als „Hexer“ verschrienen prominenten Politiker und Parawissenschaftler.
Angesichts solch bizarrer politischer Figuren wie Steve Bannon und den sich sektenartig vermehrenden Altright-Bünden, erscheint dergleichen heute längst nicht mehr so absurd wie damals. José López Rega, Peròns franquistischer Sekretär, dann der starke Mann hinter der Witwe, Begründer und Kopf von „Triple-A“, war international gut vernetzt unter anderem mit Licio Gellis Geheimloge „P2“ in Italien.
Das Faszinosum eines argentinischen Romans in deutscher Sprache liegt nicht zuletzt darin, dass „argentinisch“ hier die Anknüpfung an Erzähltraditionen meint, die von Jorge Luis Borges über Ernesto Sabato und Julio Cortázar bis hin zu den Neo-Borgesianern Riccardo Piglia und Alan Pauls reichen. Dabei ist jeder argentinische Roman auch ein europäischer Roman sui generis, insofern die moderne argentinische Literatur das Recht beansprucht, „über die gesamte europäische Kultur zu verfügen“ (Borges).
Die Perspektive – von Europa aus nach Argentinien und Buenos Aires als Metropole einer Einwanderergesellschaft zu blicken, die sich ihrerseits schon immer nach Europa zurückträumte – ist nicht neu. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war argentinische Literatur vor allem Exilliteratur. Auch damals und selbst in Julio Cortázars Paris wurde freilich weiter Spanisch geschrieben. Barbettas ferner Blick auf die argentinische Lebenswelt entspringt hingegen gleich zweifach einer Außensicht, sie schreibt nicht nur von einem anderen Kontinent und aus einer anderen Metropole, sondern auch in einer anderen Sprache.
Das Bild von Buenos Aires, das dabei entsteht, ist gleichermaßen teleskopisch wie mikroskopisch. Darüber hinaus schreibt María Cecilia Barbetta in Kenntnis der erinnerungspolitischen wie literarischen Aufarbeitung der unbewältigter Folgen des staatlichen Terrors, der unter der Diktatur von 1976 bis 1983 ausgeübt wurde. Dadurch aber sehen wir, ihre Leser, uns aus Argentinien beinahe wieder zurückversetzt nach Deutschland, in die deutsche Literatur und Geschichte. Hier wie dort gibt es nach wie die Probleme der Weitergabe erlittener Traumata, die mangelnde Aufarbeitung von Mittäterschaften, die Belastung nachfolgender Generationen durch Risse, die mitten durch Familien und Nachbarschaften gegangen sind. Und das angstbesetzte Schweigen oder Hinwegsehen der Eltern- oder Großelterngeneration gegenüber dem, was Nachbarn und anderen Menschen in nächster Nähe widerfahren ist, gehört zu den immer wiederkehrenden Motiven der Literatur beider Länder.
Zusammengehalten wird Barbettas dreiteiliges Epos mit seinem Großaufgebot an Personal außer durch die Bande von Verwandtschaft, Beruf und Nachbarschaft durch das fluoreszierende Medium des Vehikels, dessen Leuchten dem Roman seinen Titel gibt. Die „Madonna von Ballester“ ist, zur portablen Statuette aus Plastik verkleinert, eine Nachbildung der als wundertätige Landespatronin verehrten „Virgen de Luján“. Die neunmalkluge Musterschülerin Teresa Gianelli hatte die gloriose Idee, mit dieser ambulanten Schutzpatronin als Türöffner von Haus zu Haus zu ziehen. Aber auch deren Tage sind gezählt.
Ein furioser Epilog versetzt das Personal, das er wie eine Registerarie ein letztes Mal aufruft, aus der erzählten Vergangenheit in eine ebenfalls vergangene Zukunft. Dies geschieht unter den Augen der verunfallten Madonna, an der nach dem Aufprall auf dem Kopfsteinpflaster alles zuvor Geschaute noch einmal in Windeseile vorbeizieht. In der Diktion – durch die wiederkehrende Formel „sie sieht...“ – wie im Rhythmus ist dieser Epilog Borges’ „Aleph“ nachempfunden, von dem es hieß, es sei „einer jener Punkte im Raum, die alle Punkte in sich enthalten“. Das Aleph enthielt auch die vierte Dimension, die der Zeit, auf deren Achse sich der Roman zurück- und zugleich vorausbewegt: „Als der Madonna von Ballester schlussendlich klar wird, dass sie nicht dazu dagewesen ist, Begebenheiten ungeschehen zu machen, noch den Lauf der Dinge aufzuhalten, fällt ihr ein großer Stein vom Herzen (...) Jetzt kann sie endlich loslassen.“
Aber da war noch etwas, ein unermüdlicher Zeichner alles dessen, was er in Ballester sah. Er trägt den Namen des Entfesselungskünstlers Houdini, der als Verfechter der Vernunft niemals zulassen wollte, dass man seine Zauberkunst für übernatürlich hielt, und ist das lebende Pendant zur Madonna von Ballester und zugleich der Stellvertreter der dauerhaft abwesenden Erzählerfigur und der Autorin selbst im Text.
Gegen alle Schwarze Magie, die zum Albtraum der Geschichte gehört, aus dem es zu erwachen gilt, steht die Weiße Magie der Kunst. Ein „wiedergefundenes Weiß“ fährt im letzten Satz des Romans „mit der nächsten sanften Brise gen Himmel“. Was bleibt da noch von den Gespenstern, den politischen zumal? Barbettas Hauspatron Cortázar hat diese Frage einmal so beantwortet: „Die einzigen, die wirklich an Gespenster glauben, sind die Gespenster selber.“ Man lasse sie dahinziehen. Mit ihrem grandiosen Epos schreibt María Cecilia Barbetta Weltliteratur, die alle Unterscheidungen und Hierarchien von Zentrum und Peripherie hinter sich gelassen hat.
Hier gibt es „Donnerlittchen“ und
„Kinkerlitzchen“, „Minuzien“,
„Quisquilien“ und „Kokolores“
Der Schwarzen Magie und dem
Albtraum der Geschichte steht die
Weiße Magie der Kunst gegenüber
In ihrem neuen Roman kehrt María Cecilia Barbetta in ihre Geburtsstadt zurück. Die Zeit ihrer Kindheit war für das Land eine Schreckenszeit. Hier eine Wandmalerei in Buenos Aires zur Erinnerung an die Jahre der Diktatur von 1976 bis 1983.
Foto: imago stock&people
María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018. 521 Seiten, 24 Euro.
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Besprechung von 12.09.2018
Die Madonna von Ballester

Aufruhr haben wir genug: María Cecilia Barbettas Roman "Nachtleuchten" erzählt vom Leben in Argentinien zwischen Peronismus und Militärputsch.

Die Wallfahrtskirche von Luján, westlich von Buenos Aires, beherbergt eine Marienfigur, die als Schutzherrin und Nationalpatronin Argentiniens gilt. Der Legende zufolge wurde sie 1630 ebendort aufgestellt, als Lasttiere auf wundersame Weise den Weitertransport verweigerten. María Cecilia Barbetta verfolgt in ihrem neuen Roman nun die aparte Idee, dass eine fluoreszierende und damit zum Nach- und "Nachtleuchten" taugliche Plastikreplik dieser Madonna zu einer Integrationsfigur sozialer und politischer Bewegungen in den für Argentinien so brisanten siebziger Jahren werden konnte. Statt in Luján tritt die erleuchtende Statuette im Vorort Ballester in Erscheinung und entfaltet, wöchentlich von Haushalt zu Haushalt getragen, fast magische Kräfte. An ihrer Seite spähen wir Leser so in alle möglichen Gesellschaftsschichten und Lebenssphären. Wir erleben mit, welche "Gedankensplitter und kaleidoskopische Einsprengsel" sich daran entzünden und zum Leuchten gebracht werden, bis die Figur nach mehr als fünfhundert Seiten versehentlich von einer Ladefläche kippt und zerschellt.

In dem heute mit Buenos Aires zu einem Stadtviertel verschmolzenen Ballester kennt Barbetta fast jeden Winkel. Denn dort ist sie aufgewachsen, bevor sie mit 24 Jahren nach Berlin kam und auf Deutsch zu schreiben begann. Schon ihr erster Roman, "Änderungsschneiderei Los Milagros", aus dem Jahr 2008 fand viel Beachtung und errang sogleich Auszeichnungen. "Nachtleuchten" ist jetzt für den Deutschen Buchpreis nominiert, nachdem ein Auszug bereits 2017 den Alfred-Döblin-Preis erhielt. Gemessen an Einfallsreichtum, überbordender Fabulierlust und Sprachspielartistik, ist das mehr als verständlich. Die Lektüre ist aber keine Kleinigkeit, das riesige Personal ist ohne Handskizze kaum zu bändigen, ungezählte Individualgeschichten und Exkurse fügen sich zu einem Gesellschaftspanorama auf einer Simultanbühne. Die politischen Hintergründe sind nur als Kulisse angedeutet, die lediglich in wenigen der hundert kurzen Kapitel etwas ausbuchstabiert werden.

Arithmetik ist Barbettas Strukturprinzip. Auf drei Teile mit jeweils 33 Abschnitten folgt ein Epilog, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in "Die vierte Dimension" aufhebt und ein magisches Quadrat mit der Zahl hundert entwirft. Schon im ersten Romanteil "Bloody Mary", in dem die Arzttochter und Klosterinternatsschülerin Teresa Gianelli mit der Plastikmadonna von Ballester loszieht, um eine Theologie der Befreiung anzustoßen, erweist sich ein magisches Quadrat als poetische Blaupause: als "eine Art Spielbrett, auf dem Menschen wie du und ich zusammentreffen, meist durch Zufall und ohne Notiz voneinander zu nehmen", bis sich in einem magischen Augenblick die gleiche horizontale, vertikale und diagonale Summe - hier die 33 - ergibt.

Wie Figuren auf diesem Romanspielbrett arrangiert werden, so geschieht es auch mit Buchstaben: Auf einem Blechschild liest man beispielsweise "IMMER FREI" mit lädiertem Z; die Autowerkstatt "AUTOPIA", Treffpunkt des zweiten Romanteils, wird in 24 Komposita durchgerüttelt; aus Filmprominenz leiten sich eine "BAR TOLUCCI" und eine Reinigung "CLEAN EASTWOOD" ab; die Kneipe ABRAKADABRA ergibt im spiritistischen dritten Teil in elf Zeilen um je einen Buchstaben reduziert ein magisches Dreieck, dessen rechter Schenkel wiederum die Zauberformel zeigt. Mit nicht ermüdender Ausgelassenheit und graphischem Raffinement wird in diesem Roman mit Worten, Anagrammen und Typographien gespielt.

Unter der Oberfläche von Artistik und Schabernack entstehen aber nach und nach höchst subtile und raffinierte Bezüge. Barbetta versucht sich damit - wenngleich an "Tristram Shandy" oder Dada geschult - nicht nur demonstrativ von konventionellen Erzähltraditionen abzusetzen, sondern ihre politische Botschaft kunstvoll zu verpacken. Im ersten, sehr katholisch gehaltenen Romanteil wollen Anhänger des argentinischen Befreiungstheologen Carlos Mugica und der kirchlichen Erneuerungsbewegung "aggiornamento" an die seit je radikalste Revolution von Jesus Christus anknüpfen, dessen Lebenszeit von 33 Jahren zur Zahlenmagie beiträgt. Figuren wie Soeur Maria, eine auf dem Moped durch die Straßen preschende Nonne, sorgen dafür, dass es dabei nicht zu ernst und andächtig zugeht.

Im zweiten und stärksten Teil rund um die Utopiezentrale Autopia des Automobilisten Julio El Haddad und den Friseursalon "Ewige Schönheit" von Celio Rachello wird es zunehmend politisch. Hier zeichnet sich die Rückkehr des 1955 gestürzten und exkommunizierten argentinischen Präsidenten Juan Perón aus dem spanischen Exil im Juni 1973 und dessen baldige Wiederwahl ab. Sein Tod am 1. Juli 1974 und die Nachfolge durch die Witwe Isabel Martínez de Perón, die 1976 wiederum aus dem Amt geputscht wurde, gelangen als Pressemeldungen in den Roman. Die Schreckensherrschaft der anschließenden Militärjunta und ihrer geheimen Todesschwadronen "Triple A" - der "Argentinischen Antikommunistischen Allianz" - und deren Verflechtung mit der italienischen Loge "Propaganda Due" werden im dritten Teil zwar erwähnt, aber nicht wirklich vertieft.

Das Atmosphärische dominiert stets über das Historische, bei den Lesern wird vieles einfach vorausgesetzt. Wenn der Jaguarfahrer Patricio Viamonte Rey sich in einer der lustigsten Szenen des Romans den jungen Autopia-Schrauber Saberio zur Brust nimmt, weil dieser Patricios Frau deutlich mehr als Fahrstunden gegeben hatte, dann klingen seine Drohungen so sportlich wie Klöterjahns freundschaftliche Unterredung mit dem kläglichen Dichter Detlev Spinell in Thomas Manns "Tristan". Wer würde wegen einer Petitesse wie Verführung der eigenen Frau durch einen Schwächling schon laut werden? Patricio bedarf nur des Winks, beim nächsten Auftrag auch unter das Auto zu schauen: "Aufruhr haben wir genug in diesem Land. Einen verkappten Jesus mit Knarre an jeder Ecke, lauter geklaute Wagen." Da muss man eben mit allem rechnen.

ALEXANDER KOSENINA

María Cecilia Barbetta: "Nachtleuchten". Roman.

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018. 521 S., geb., 24,- [Euro].

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