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3 Kundenbewertungen


In ihrem lange herbeigesehnten Roman »Das Ministerium des äußersten Glücks« führt uns Arundhati Roy, Autorin des Weltbestsellers »Der Gott der kleinen Dinge«, an den unwahrscheinlichsten Ort, um das Glück zu finden. Eine Reihe ausgestoßener Helden ist hier mit ihrem Schicksal konfrontiert, aber sie finden eine Gemeinschaft, sie bilden eine Familie der besonderen Art. Auf einem Friedhof in der Altstadt von Delhi wird ein handgeknüpfter Teppich ausgerollt. Auf einem Bürgersteig taucht unverhofft ein Baby auf. In einem verschneiten Tal schreibt ein Vater einen Brief an seine dreijährige Tochter…mehr

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Produktbeschreibung
In ihrem lange herbeigesehnten Roman »Das Ministerium des äußersten Glücks« führt uns Arundhati Roy, Autorin des Weltbestsellers »Der Gott der kleinen Dinge«, an den unwahrscheinlichsten Ort, um das Glück zu finden. Eine Reihe ausgestoßener Helden ist hier mit ihrem Schicksal konfrontiert, aber sie finden eine Gemeinschaft, sie bilden eine Familie der besonderen Art. Auf einem Friedhof in der Altstadt von Delhi wird ein handgeknüpfter Teppich ausgerollt. Auf einem Bürgersteig taucht unverhofft ein Baby auf. In einem verschneiten Tal schreibt ein Vater einen Brief an seine dreijährige Tochter über die vielen Menschen, die zu ihrer Beerdigung kamen. In einem Zimmer im ersten Stock liest eine einsame Frau die Notizbücher ihres Geliebten. Im Jannat Guest House umarmen sich im Schlaf fest zwei Menschen, als hätten sie sich eben erst getroffen - dabei kennen sie einander schon ein Leben lang. Voller Inspiration, Gefühl und Überraschungen beweist der Roman auf jeder Seite Arundhati Roys Kunst. Erzählt mit einem Flüstern, einem Schrei, mit Freudentränen und manchmal mit einem bitteren Lachen ist dieser Roman zugleich Liebeserklärung wie Provokation: eine Hymne auf das Leben.

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  • Produktdetails
  • Verlag: FISCHER E-Books
  • Seitenzahl: 560
  • Erscheinungstermin: 10.08.2017
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783104038179
  • Artikelnr.: 48111518
Autorenporträt
Arundhati Roy wurde 1959 geboren, wuchs in Kerala auf und lebt in Neu-Delhi. Den internationalen Durchbruch schaffte sie mit ihrem Debütroman »Der Gott der kleinen Dinge«, für den sie 1997 den Booker Prize erhielt. Aus der Weltliteratur der Gegenwart ist er nicht mehr wegzudenken. In den letzten zehn Jahren widmete sie sich außer ihrem politischen und humanitären Engagement vor allem ihrem zweiten Roman »Das Ministerium des äußersten Glücks« (2017). Dieser Roman wurde mit dem Bruno-Kreisky-Preis für das Politische Buch 2017 ausgezeichnet.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

In seiner sehr erzählerischen Rezension beschreibt Arno Widmann Arundhati Roys "Das Ministerium des äußeren Glücks" als "unerträglich für die, die alles verstehen wollen". Roy, warnt der Rezensent vor, erzählt in diesem Roman mit unheimlicher Geschwindigkeit, eine fast unendliche Zahl von Geschichten. Dabei ist bei Geschwindigkeit nicht die Rede von dramatischen Verfolgungsjagden, sondern von der Fülle der Gespräche zwischen den Charakteren und der Art, wie die Autorin zwischen diesen hin und her springt. Ausgehend von ihrem Protagonisten, einem Hermaphrodit, zeige sie eine Momentaufnahme Indiens in all seinen Facetten und erzeuge ein Chaos, in dem der Leser sich zwischen den vielen unbekannten Worten und Sprachen, die nicht übersetzt sind, zwar manchmal ein wenig verloren fühlen kann, das aber auch den Blick auf die eigene Umgebung anders werden lässt, resümiert Arno Widmann hingerissen.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 10.08.2017

Geschrieben, um
zu überfordern
Arundhati Roy schaut in ihrem lang erwarteten
Roman der Realität des Kaschmir-Konflikts ins Auge
VON JÖRG HÄNTZSCHEL
Als auf Seite 451 von Arundhati Roys neuem Roman Tilo und Musa zusammen schlafen, geht es dem Leser, als sähe er nach 100 Kilometern in einem Tunnel endlich Tageslicht. So dankbar war man selten für eine intime Szene wie diese, die erste des Buchs. Ihr voraus gingen Dutzende, Hunderte Geschichten von Erschießungen und Misshandlungen, Beschreibungen eingeschlagener Schädel, entstellter Gesichter, verdrehter Gliedmaßen, dampfender Blutlachen im Schnee, Fahrten in Militärjeeps zu „Folterzentren“, verpissten Kerkern, in einsame Wälder, zu weiteren Grausamkeiten und Tötungen.
Irgendwann geht es einfach nicht mehr. Man verwünscht nicht nur den seit Jahrzehnten währenden Kaschmir-Konflikt, der im Mittelpunkt des Buchs steht, sondern auch Arundhati Roy, die diesen in „Das Ministerium des äußersten Glücks“ mit einer aggressiven Insistenz vor dem Leser ausbreitet, bis der sich darin verheddert wie in Stacheldraht. Genau in diesem Moment führt sie endlich Tilo, die ehemalige Architekturstudentin und Musa, den Untergrundkämpfer, zusammen und erlaubt dem Leser wie den Figuren einmal, wenn auch nur kurz, durchzuatmen.
Roy gelang vor mehr als 20 Jahren mit ihrem Erstling „Der Gott der kleinen Dinge“ eine literarische Sensation. Die Kritik rühmte das Buch, sechs Millionen Leser verschlangen es. Roy wurde über Nacht zum Star. Sie hätte sich wie andere in New York, Paris oder London niederlassen und alle paar Jahre ein neues Erfolgsbuch schreiben können. Doch sie blieb in Indien und kämpfte als Aktivistin und Essayistin gegen Hindu-Nationalismus und Staudämme, gegen den Irakkrieg und die Globalisierung.
Wie kehrt man von dort zurück zu einem neuen Roman? Ein neues, lebenspralles Buch hätte, so befürchtete sie wohl, ihren Aktivismus wie ein Hobby aussehen lassen. Ein süffiger engagierter Roman wiederum hätte sie dem Vorwurf ausgesetzt, den linken Widerstand zugunsten eines Bestsellers auszuschlachten. Und wie würde es ihr gelingen, sich der Umarmung ihrer Fans im Westen zu entwinden, die sie als „Stimme“ Indiens verehren, die aber eben auch mitgemeint sind, wenn Roy den globalen Kapitalismus mit seiner Gefräßigkeit geißelt, seine Gleichgültigkeit für Unrecht jenseits von Europa und Nordamerika?
Roy entschied sich für den radikalsten Weg: Sie macht ihr Anliegen nicht nur zum Thema ihres Romans und benützt diesen als noch lauteres Megafon, sie kämpft dort auch mit literarischen Mitteln, selbst gegen die eigenen Leser. Ihr Buch ist geschrieben, um zu überfordern, zu beschämen, zu irritieren, und einen möglichst gnadenlosen Eindruck davon geben, was es heißt, in Indien Muslim zu sein oder in Kaschmir für Gerechtigkeit zu kämpfen.
Dass viele ihrer Fans aufgeben werden, weil sie verloren gehen in den Schilderungen des seit Jahrzehnten wuchernden Konflikts oder weil ihnen schlecht wird vom vielen Blut, nimmt Roy in Kauf. Wer nicht denn Mumm hat, der Realität ins Auge zu sehen, nicht die Ausdauer, sich darin zu orientieren, soll „50 Shades of Grey“ lesen.
Das Buch beginnt pittoresk mit einer Lebensfeier auf dem Friedhof. Dorthin ist Anjum gezogen, die als der Junge Aftab geboren wurde und auch nach einer Operation zeit ihres Lebens mit dem Mann in ihr Krieg führt. Anjum lebte in einem jener Häuser, in denen Hijras, Transgender-Personen wie sie, in Indien seit Jahrhunderten drittes Geschlecht sein dürfen.
Doch die Nähe bekommt ihr nicht. Erst auf dem Friedhof, wo sie nachts mit aus dem Leichenschauhaus gezapftem Strom alte Vampirfilme anschaut, findet sie ihren Frieden. Erst schläft sie auf Gräbern, dann baut sie sich eine Hütte, schließlich kommt ein Gästehaus hinzu. Ihr Biotop wird bald zum Hafen für Randexistenzen aller Art, darunter ein Mann aus der alleruntersten Kaste, der sich Saddam Hussain nennt, aus Bewunderung für die Tapferkeit, die der Diktator bei seiner Exekution bewiesen habe. Mit ihm, einem ehemaligen Leichenwäscher, Kleinkriminellen und Wachmann, der den Mitgliedern höherer Kasten ihre Kuhkadaver abtransportiert, steigt sie ins Bestattungsbusiness ein.
Vom Friedhof führt die Erzählung unvermittelt in eine andere Welt, mit anderen Outcasts: die Gegend um das Observatorium Jantar Mantar, wo Roy uns in das schwindelerregende Wimmelbild einer Antikorruptions-Demo taucht, samt Hungerstreikenden, Müllfahrern, Opfern der Chemiekatastrophe von Bhopal und Verwirrten, aus deren Pamphleten sie seitenlang zitiert. Doch erst beim dritten Anlauf findet der Roman auf die Füße. Vier Studenten lernen sich 1984 an der Universität kennen. Die drei Männer der Clique verlieben sich in Tilo, der einzigen Frau, die wir von nun bei ihren wechselnden Beziehungen zu den dreien verfolgen und die zu einer Art Auge des Romans wird. Sie ist unschwer als Alter Ego von Roy zu identifizieren. Nicht nur die Liebe zu Tilo haben die drei jungen Männer gemeinsam: Alle drei sind Jahre später in den Kampf um Kaschmirs Unabhängigkeit verwickelt. Einer ist Journalist und berichtet von dort, einer ist beim Geheimdienst, der dritte ist Musa, der Untergrundkämpfer.
Erst im letzten Viertel des Romans läuft Roy zur alten Form auf. Die Passagen, in denen Tilo und Musa durch die grandiose, wegen der Unruhen menschenleere Bergwelt Kaschmirs streifen, haben eine berückend filmische Qualität, von der Roy bis dahin nur sehr sporadische Proben gab. Auch weiter vorne blitzen immer wieder große literarische Momente auf, doch deren Stärke liegt eher in ihrer bitter-absurden Lakonik. So in der Geschichte von dem toten Steinbruch-Arbeiter, von dessen Körper beim Verbrennen ein lungenförmiger Klotz übrig bleibt, der sich aus dem Steinstaub gebildet hatte. Sein Bruder zerschlägt ihn mit einer Brechstange, um seine Seele freizulassen, „obwohl er Kommunist war und nicht an Seelen glaubte“. Oder die von den Bauarbeitern, die sich an einer Schnellstraße schlafen legen, weil sie der Abgase wegen dort vor den Dengue-Mücken sicher sind, nur um dann von Lastwagen überrollt zu werden.
Davor jedoch, im ausufernden Mittelteil des Buchs, scheint es streckenweise, als lasse Roy den Autopilot schreiben. Da stürzen erst die Twin Towers ein, dann springen die Leute aus den Fenstern. Da gefällt ihr eine Metapher – der „internationale Supermarkt des Leids“ – so gut dass sie sie nach 300 Seiten ein zweites Mal verwendet. Da „zwinkern“ Blechsärge „die Frühjahrssonne an“, da haben Straßenköter einen „felsenfesten“ Herzschlag, und da fabriziert sie abstruse Sätze wie diesen: „Normalität in unserem Teil der Welt ist so etwas wie ein weichgekochtes Ei: Seine langweilige Oberfläche verbirgt zuinnerst einen Dotter von ungeheuerlicher Gewalttätigkeit.“
Was aber vor allem auffällt, ist die Inkonsistenz ihres Tons und ihres Engagements als Erzählerin. Wieder und wieder verstört sie den Leser mit Szenen von fast pornografisch ausgestellter Gewalt – lässt Menschen bei lebendigem Leib verbrennen, in Gullis steckend ertrinken, zeigt Leichen, denen Geier die Gesichter zerhacken oder von denen nur noch „Fleischstücke, Haare, ein paar Zähne“ in einer Tüte übrig sind.
Dann zieht sie sich plötzlich lakonisch zurück: „Das Leben ging weiter. Es wurde weiter gestorben. Es wurde weiter Krieg geführt.“ Nur um sich kurz darauf mit Pathossirene zurückzumelden: „Der Tod war überall. Der Tod war alles. Karriere. Begehren. Traum. Poesie. Liebe. Jugend. Sterben wurde zu einer neuen Lebensweise.“ Oder: „Mit seinen Begleitern … war ihm die Liebe der heißblütigen Männer gemein, die leichten Herzens ihr Leben füreinander gaben.“
Roy ist wie eine Kartografin, die Kaschmirs Geschichte im Maßstab 1:1 darstellen will, scheitert und es dann widerwillig mit 1:10 versucht. Sie häuft Charaktere und Orte an, historische und erfundene Ereignisse, Nachrichten und Halluzinationen, je mehr, desto besser. Doch ihr mimetischer Versuch geht nicht auf. Chaos lässt sich nicht durch literarisches Chaos wiedergeben – und Gewalt nicht durch literarische Aggression anprangern.
Dass ihren Fans schlecht
wird von dem vielen Blut,
nimmt Roy in Kauf
Roy schildert die Geschichte Kaschmirs wie eine Kartografin: Opfer des endlosen Konflikts, August 1998.
Foto: REUTERS
Arundhati Roy:
Das Ministerium des äußersten Glücks. Aus dem Englischen von Anette Grube. 560 Seiten, 24 Euro. E-Book 19,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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"Roy ist eine der besten Schreiberinnen auf dem Subkontinent. Eine geniale Beobachterin Indiens, ironisch im Ton, herzhaft in der Sache." (Laura Höflinger, Der Spiegel 20170722)

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 12.08.2017

Entzweit? Ach was, entdreit, entviert und mehr

Arundhati Roys "Das Ministerium des äußersten Glücks" ist eine kunstvolle Romanallegorie auf die Geschichte Indiens.

Sie wurde neben ihrer Mutter, Begum Arifa Yeswi, begraben. Mutter und Tochter starben durch dieselbe Kugel. Sie drang an Miss Jebeens linker Schläfe in ihren Kopf ein und blieb im Herzen ihrer Mutter stecken. Auf dem letzten Foto von ihr sah die Schusswunde wie eine schöne sommerliche Rose aus, arrangiert knapp oberhalb ihres linken Ohrs. Ein paar Blütenblätter waren auf ihr kaffin gefallen, das weiße Leintuch, in das sie gewickelt wurde, bevor man sie begrub. Miss Jebeen und ihre Mutter wurden zusammen mit fünfzehn anderen bestattet, die Gesamtzahl der Opfer des Massakers belief sich demnach auf siebzehn."

Das ist eine Passage, die sofort ihre Autorin verrät: Arundhati Roy. Nicht nur weil das Geschehen - an den Namen leicht zu erkennen - in Indien angesiedelt ist, sondern mehr noch des spezifischen Stils wegen: eines pathetisch-ästhetischen Erzählens, das wir schon aus "Der Gott der kleinen Dinge" kennen, dem mittlerweile zwanzig Jahre alten Debütroman der 1959 geborenen indischen Schriftstellerin und Aktivistin. Er war ein Welterfolg. In der Zwischenzeit hat Arundhati Roy viel Politisches geschrieben und noch mehr öffentlich gesprochen, aber für ihren zweiten Roman ließ sie sich Zeit. In dieser Woche ist er auf Deutsch erschienen, nur zwei Monate nach dem englischsprachigen Original, das in Indien sofort lebhaft diskutiert wurde (F.A.Z. vom 7. Juni). Er heißt "Das Ministerium des äußersten Glücks".

Dieser Titel verrät noch nichts über den Inhalt, und das Kapitel, das genauso heißt wie der Roman, enthält sogar die tragischste der vielen Lebensgeschichten, die auf 550 Seiten miteinander verwoben sind. Sie wiederum ist eingesponnen in die politische Geschichte Indiens, in den Kasten- und den Glaubenskampf, die das Land nach wie vor entzweien - man müsste sogar sagen: entdreien, entvieren oder noch viel mehr, denn die Konflikte in dem euphemistisch als "größte Demokratie der Welt" bezeichneten Indien sind schier unzählig. Das ist das große Trauma und Thema der Sozialaktivistin Arundhati Roy, und natürlich fehlt es auch in ihrem neuen Roman nicht.

Doch es ist kaschiert von einer Erzählstimme, die uns das Schreckliche mit dem Opulenten versüßt - wie die Schönheit der Eintrittswunde den tödlichen Schuss in den Kopf eines kleinen Mädchens im Eingangszitat. Arundhati Roy ist eine Märchenerzählerin, deren Fabeln unter der Oberfläche die Nachtseiten aber genauso deutlich erkennen lassen, wie es bei den Grimms der Fall ist. Für sie und für uns gilt, was sie eine ihrer Figuren über den von ihr geliebten Mann sagen lässt: "Tilo begriff, dass er vorsätzlich abschweifte, die Geschichte umkreiste, die zu erzählen ihm schwerfiele - schwerer als ihr, sie zu hören." Dieser Musa, das ist Arundhati Roy, diese Tilo, das sind wir.

Wobei Roy uns den Nachvollzug der einzelnen Fäden ihres Gewebes keinesfalls leichtmacht. Nehmen wir nur Anjum, die erste wichtige Protagonistin des Buchs, die im Körper eines Mannes geboren wurde, sich aber als Frau versteht und gibt - hijra nennt man das in Indien -, sich eine Geschlechtsumwandlung leistet und mit weiteren Hijras in ein gemeinsames Haus, eine Exklave in der festgefügten indischen Gesellschaft, zieht, ehe sie sich schließlich auf einem Friedhof häuslich einrichtet und diesen zu einer nun allen Friedliebenden offenstehenden Oase der Toleranz mitten in Delhi macht. Jene Anjum steht im Mittelpunkt des Romanbeginns, der in der unmitelbaren Gegenwart angesiedelt ist. Um sie wird eine große Gruppe weiterer Figuren versammelt, darunter ein gewisser Saddam Hussain, ein junger Inder, der sich entschlossen hat, Muslim zu werden und dazu den nur minimal veränderten Namen des hingerichteten irakischen Diktators anzunehmen. "Diese Art Dreckskerl will ich sein", erklärt er Anjum: "Ich will tun, was ich tun muss, und dann, wenn ich einen Preis dafür zahlen muss, will ich ihn so zahlen." Da ist wieder das Pathos, nun jedoch nicht mehr literarisch, sondern existentiell, als Lebensentwurf. Und ausgerechnet dieser Saddam Hussain erweist sich als wahrer Held: nämlich als braver Mann. Als Arundhati Roys Ideal.

Doch bis es dazu kommt, dauert es, denn auf Seite 123 steht: "Anjum wartete darauf zu sterben. Saddam wartete darauf zu töten. Und Meilen entfernt wartete in einem unruhigen Wald ein Baby darauf, geboren zu werden." Dann hebt ein neues Kapitel an, mit der Auffindung eines in der Nacht ausgesetzten Babys. Doch das ist nur ein Anlauf zur Anknüpfung an den Cliffhanger, der sofort wieder unterbrochen und erst 25 Seiten später fortgesetzt wird. Dazwischen steht die Geschichte von Massenprotesten in der Hauptstadt Delhi. Es gibt dabei bitterböse, für Roy typische Passagen wie diese: "Doktoranden von ausländischen Universitäten, die über soziale Bewegungen arbeiteten (ein extrem begehrtes Thema), führten lange Interviews mit Bauern und waren dankbar, dass ihre Feldstudie in die Stadt gekommen war, so dass sie nicht den ganzen Weg hinaus aufs Land auf sich nehmen mussten, wo es keine Toiletten gab und gefiltertes Wasser schwer aufzutreiben war." Anette Grube hat als Übersetzerin sowohl für solchen Zynismus wie für die tiefempfundenen Liebeserklärungen an Menschen, Stadt und Land jeweils den richtigen deutschen Tonfall gefunden.

Und dann ist das Baby plötzlich wieder da, aber ein weiteres Mal nur kurz, denn dessen vollständige Geschichte wird erst zum Schluss erzählt (sie gehört zur schlimmen Episode des Kapitels, das so heißt wie das Buch). Stattdessen tritt nun erst einmal jene Frau in den Fokus, die das Baby aufnimmt: Tilotamma, genannt Tilo. Ihr und den drei Männern, die in sie verliebt sind, gehört der Mittel- und größte Teil des Romans, und dessen Handlungsort verlagert sich von Delhi in die Provinz Kaschmir, mitten in die dortigen Konflikte zwischen Hindus und Muslimen, zwischen indischer Zentralgewalt und regionalen Separatisten, zwischen Versöhnung und Hass.

Mit Kaschmir ist das Hauptthema von Arundhati Roy angesprochen: die Spaltung in ihrer Heimat und dieser Heimat selbst. Das, was 1947 bei der Unabhängigkeit von Großbritannien geschah, die Entzweiung in die beiden Staaten Indien und Pakistan, das durchzieht als Muster und Metapher das ganze Buch. Das ist keine Besonderheit: Salman Rushdie hat es in den "Mitternachtskindern" auch gemacht. Mit Anjum hat Roy aber auch ein Gegenmodell geschaffen: einen Menschen jenseits der Geschlechtfestschreibung, aus eigenem Entschluss. Und mit Tilo, deren Bewunderer sich sowohl auf der Seite der Unabhängigkeitskämpfer als auch auf der der Zentralregierung finden, auch eine unfreiwillige Wanderin zwischen den Welten.

So erweist sich "Das Geheimnis des äußersten Glücks" als große Romanallegorie auf Indiens Geschichte seit der Unabhängigkeit, bis hin zur Weiteraufspaltung Pakistans in das heute noch so heißende Land und Bangladesch. Wie kunstvoll die entsprechenden Motive in die fiktive Gesellschaft der Hijras und Tilos Bemühungen um die Bewahrung desjenigen der drei Männer, den sie tatsächlich liebt, eingearbeitet sind, das kommt gegenüber der Handlungsoberfläche bewusst gar nicht zur Geltung, weil sie schon denkbar politisch ist. Und Arundhati Roy erzählt auch gleich noch den ganzen Kaschmir-Konflikt seit Mitte der neunziger Jahre mit, beginnend mit einem gewaltsam aufgelösten Protestzug in der Stadt Srinagar im äußersten Nordwesten Indiens, der jene Bluttat provoziert, der neben fünfzehn Demonstranten als Unbeteiligte Mutter und Tochter zum Opfer fallen. Wie auf individueller Ebene Verwandtschaft und Freundschaft, Liebe und Interessengemeinschaft, Engagement und Egoismus inszeniert werden, das lässt sich stets auch auf das große Bild im Hintergrund übertragen: das Panoptikum des ganzen indischen Subkontinents.

Arundhati Roy lebt nach wie vor in Indien - im Gegensatz zu den meisten prominenten indischen Autoren. Die Unmittelbarkeit ihrer Eindrücke kommt dem Buch zugute, es ist ein Fest der Momentaufnahmen und Details. Die Erzählperspektiven wechseln, doch immer dann, wenn man fürchtet, das Buch verliere sich im Wirbel der Geschehnisse, führt seine Verfasserin uns zurück ins Vertraute, zu lange vorher eingeführten Figuren, Gefühlen, Ereignissen. Es ist eine Erzählweise, die weder dem gängigen westlich-realistischen Literaturverständnis noch dem immer mehr zu Pose und Ideologie degenerierenden postkolonialen Diskurs entspricht, was Arundhati Roy zuverlässig Kritik wahlweise wegen angeblicher Formlosigkeit oder Verwestlichung einbringen wird. Doch formvollendeter und überkultureller kann kaum erzählt werden. Zu dieser Einsicht gehört allerdings die Bereitschaft, sich selbst über bequeme Dichotomien hinwegzusetzen: die von West und Ost, Roman und Parabel, Pathos und Kühle, Individual- und Kollektivbiographie. All das steckt in diesem Buch. Und mehr.

ANDREAS PLATTHAUS

Arundhati Roy: "Das Ministerium des äußersten Glücks". Roman.

Aus dem Englischen von Anette Grube. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2017. 556 S., geb., 24,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Indien! Indien!
Das Staunen über die Beharrlichkeit des Aufbegehrens - endlich, zwanzig Jahre nach dem "Gott der kleinen Dinge", erscheint ein neuer Roman von Arundhati Roy: "Das Ministerium des äußersten Glücks"

Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy hat einen neuen Roman geschrieben. Zwanzig Jahre lang hat sie sich dafür Zeit gelassen und in all den Jahren nicht über dieses Buch gesprochen, an dem sie schrieb und dessen Figuren zu ihrem Leben gehörten. Sie sprach öffentlich über ihre Essays, das schon, und wurde zu Indiens wichtigster politischer Stimme, seitdem sie 1997 mit "Der Gott der kleinen Dinge" weltberühmt geworden war, jenem ersten Roman, der die Geschichte einer Familie erzählte, die an einer verbotenen Liebe zerbrach. Arundhati Roy war damit so erfolgreich, dass sie alles hätte machen können. Vor allem hätte sie wie Salman Rushdie ins Ausland gehen und in London oder New York das komfortable Leben einer Starautorin führen können.

Aber sie blieb in Indien und kämpfte als Globalisierungsgegnerin und Aktivistin gegen die Eindämmung des Flusses Narmada im Norden des Landes. Sie schilderte die von staatlichen Stellen tolerierten Pogrome nationalistischer Hindus gegen Muslime. Sie fuhr nach Kaschmir, um über das Morden zu berichten. Sie besuchte die Dörfer der maoistischen Guerrilleros. "Aus der Werkstatt der Demokratie" heißen ihre Essays über politische und religiöse Ausgrenzung, die zuletzt auf Deutsch erschienen sind. Und weil diese Essays auch wegen ihrer poetischen Sprache gefeiert wurden, könnte sich jetzt, da Arundhati Roy als Romanautorin zurückkehrt, eigentlich zeigen, was wirkungsvoller ist: poetische Essays oder politische Romane? Was trifft die Menschen mehr? Was stiftet uns dazu an, die Welt neu zu überdenken?

"Das Ministerium des äußersten Glücks", wie der Titel ihres neuen Romans heißt, ist eine Dichtung voll mit Politik. Man möchte "übervoll" sagen, wenn es nicht schon abfällig, fast wie eine Beschwerde klänge. Denn beschweren will man sich überhaupt nicht. Man findet beim Lesen auch gar keine Zeit dazu in diesem knapp sechshundert Seiten umfassenden Roman, der einen mit den Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten der indischen Gesellschaft konfrontiert, eine nach der anderen, und sich gegen diese auflehnt. Und zwar tatsächlich nicht essayistisch: An keiner Stelle hat "Das Ministerium des äußersten Glücks" etwas von einer Abhandlung, nichts hört sich wie ein politischer Exkurs an oder wie ein Referat. Alles Politische wird mit den Geschichten der Figuren verwoben, mit poetischen Details und mit Stimmungen.

Um sich das vorstellen zu können, hilft es, diesen Ton zu hören, mit dem sie einen in ihre Geschichte hineinzieht wie in ein unübersichtliches Labyrinth. Der Ton ist der Grund, warum man nicht wieder hinauswill: "Es herrschte Frieden. So hieß es zumindest. Den ganzen Morgen war ein heißer Wind durch die Straßen gepeitscht und hatte Staub, Kronkorken und Beedi-Kippen vor sich her und gegen Windschutzscheiben und in die Augen von Fahrradfahrern getrieben. Als der Wind abflaute, brannte sich die hochstehende Sonne durch den Dunst, es wurde heiß, und die Hitze flirrte auf den Straßen wie eine Bauchtänzerin. Die Menschen warteten auf das Gewitter, das auf jeden Sandsturm folgte, aber es kam nicht. Ein Feuer wütete durch eine Ansammlung von Hütten am Flussufer, verwüstete im Nu mehr als zweitausend. Dennoch blühte der Indische Goldregen in einem leuchtenden trotzigen Gelb. In jenem höllischen Sommer streckte er sich nach oben und flüsterte dem heißen braunen Himmel Fuck you zu."

Es beginnt in Delhi mit der Geschichte von Anjum, einer "Hirja", wie in Indien Hermaphroditen und Transgender genannt werden, die Außenseiter sind (Anjum gleich zweifach: sie ist eine "Hirja" und Muslimin), für die die indische Gesellschaft allerdings auch eine traditionelle Rolle vorsieht und deren Existenz sogar extra im Wahlrecht berücksichtigt ist: Neben männlich und weiblich kann man auf dem Stimmzettel in Indien auch "anderes" ankreuzen. Sie wird geboren und von der Hebamme, als diese der Mutter das Kind in den Arm legt, für einen Jungen gehalten. Zum Entsetzen der Eltern besitzt sie aber auch weibliche Geschlechtsmerkmale, und die Versuche, ihr in ihrer Kindheit mit Geschichten über ihre kriegerischen Vorfahren Männlichkeit einzuimpfen, schlagen fehl. Sie fühlt sich als eine im männlichen Körper gefangene Frau und findet Zuflucht in einer "Hirja"-Kommune, in der Arundhati Roy sie zu einer Berühmtheit und umworbenen Schönheit werden lässt: Filmemacher streiten sich um sie, NGOs reißen sich um sie, ausländische Korrespondenten geben als professionelle Gefälligkeit ihre Telefonnummer an Kollegen weiter.

Das "dritte Geschlecht" ist in "Das Ministerium des äußersten Glücks" kein Exotismus. Es ist die Abweichung, die Arundhati Roy ins Zentrum stellt, die sie zur Mitte macht, zur Perspektive, von der aus gesehen sie zu erzählen beginnt. Man kann das als programmatisch verstehen: Wahrscheinlich liege das an ihr und ihrer Herkunft, sie selbst passe, wie die Menschen, die keinem Geschlecht und keiner Kaste zuzuordnen sind, auch nirgendwo hinein, hat Arundhati Roy in einem Interview gesagt. Sie sagte es als Tochter einer Christin aus Kerala und eines Hindu aus Bengalen, der die Familie verließ, als sie ein Jahr alt war; die bei ihrer Großmutter aufwuchs und, als sie sechzehn war, nach Delhi ging. Sie sagte es aber auch als Ikone der Unkonventionalität und Rebellion, zu der sie sich selbst und andere sie gemacht haben, bekannt für eine eigenwillige Lebensführung mit kaum Schlaf. Sie lebe in einem Haus, in dem sie zu allen Tages- und Nachtzeiten alle möglichen Leute besuchen kommen, sagt sie.

Anjum hält es im Roman in der "Hirja"-Kommune irgendwann nicht mehr aus und zieht auf einen Friedhof, wo sie Aussteiger und andere Außenseiter bei sich aufnimmt und auf diese Weise eine kleine Gegengesellschaft gründet. Von hier aus, also von einer der gesellschaftlichen Konvention und herrschenden Politik grundsätzlich gegenläufigen Perspektive, erzählt sie von der "neuen Superhauptstadt der neuen Lieblingssupermacht": "Indien! Indien! Der Ruf war zu hören - in Fernsehshows, Musikvideos, ausländischen Zeitungen und Zeitschriften, bei Wirtschaftskonferenzen und Waffenausstellungen, bei ökonomischen Konklaven und Umweltgipfeln, bei Buchmessen und Schönheitswettbewerben. Indien! Indien!" Sie erzählt, wie die Lebensmittelgeschäfte vor Lebensmitteln platzten, die Buchhandlungen vor Büchern, die Schuhgeschäfte vor Schuhen und "die Menschen (die als Menschen galten)" zueinander sagten: "Jetzt muss man nicht mehr ins Ausland, um einzukaufen. Jetzt gibt es auch hier importierte Dinge. Weißt du, Bombay ist unser New York, Delhi ist unser Washington und Kashmir ist unsere Schweiz." Die anderen, die es sich nicht leisten konnten, in der Großstadt zu leben, sollten nicht mehr herkommen, waren aber zu viele, um sie in aller Öffentlichkeit zu töten. Also walzte man ihr Zuhause platt mit "gelben Bulldozern aus Australien".

Eine Seite weiter liegt, mit blauschwarzer und glatter Haut wie der eines Robbenbabys, in einer Wiege aus Abfall ein Baby auf dem Gehweg beim alten Observatorium, zwischen silbernem Zigarettenpapier, ein paar Plastiktüten und leeren Uncle-Chips-Tüten. Die, die vorbeikommen - der Verein der Mütter von Verschwundenen, deren Söhne im Freiheitskampf um Kaschmir zu Tausenden vermisst wurden -, wissen nicht, was sie mit diesem Säugling machen sollen. "Wessen Baby ist das?" Und als Anjum es nehmen will, um dem Neugeborenen die Liebe zu geben, die es braucht, ist es erst mal schon wieder verschwunden. Man findet alles in "Das Ministerium des äußersten Glücks": die Unruhen im Bundesstaat Gujarat, wo im Jahr 2002 Muslime von Hindu-Mobs ermordet wurden und die Polizei dabei zusah; das Gasunglück in Bhopal, bei dem 1984 Tausende Menschen starben; den Kaschmir-Konflikt zwischen militanten Unabhängigkeitskämpfern und indischen Sicherheitskräften, bis hin zur neuen Welle der Feindschaft gegen Muslime nach dem 11. September 2001.

Und irgendwann gibt es einen Moment, in dem man innehält, weil man an ein ganz anderes Buch denken muss, bei dessen Lektüre man sich schon einmal so ähnlich gefühlt hat, weil es eine Grausamkeit an die andere reihte, fast wie im Exzess: In "2666" von Roberto Bolaño ging es um eine völlig andere Welt, um die Hölle von Ciudad Juárez, an der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten, wo seit 1993 eine Serie von Frauen- und Mädchenmorden stattfand. Vierhundert Tote waren es, und noch einmal so viele Menschen wurden vermisst. Und da diese Morde nicht aufgeklärt werden konnten, wurden sie zum Sinnbild der Korruption, in die die mexikanischen Behörden, die Polizei, Drogenhändler, Schlepperbanden und das Prostitutionsmilieu verstrickt waren.

Roberto Bolaño gab diesem Grauen in der Mitte seines Romans den Raum eines riesigen Friedhofs: Er erzählte die Serienmorde selbst seriell, in einer scheinbar nicht endenden Fallaufzählung. Und man ertappte sich dabei, wie man beim Lesen selbst abstumpfte, bis man merkte, wie das Prinzip der Erzählung einem den Abstumpfungsprozess vor Augen führte, um dagegen aufzubegehren; um einen, durch die Hölle gehend, davor zu bewahren, sich jemals an die Hölle zu gewöhnen.

Arundhati Roy reiht in "Ministerium des äußersten Glücks" die Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten der indischen Geschichte und Gegenwart nicht aneinander. Wiederholung und Monotonie gehören nicht zu ihren Stilmitteln. Sie erzählt nicht seriell, sondern akkumuliert eher. Sie häuft in ihrem Roman Schreckensgeschichten an und erzielt damit einen ähnlichen Effekt wie den, der sich beim Lesen von "2666" einstellt: Indem sie ihre Leser aus der Perspektive ihrer kleinen Gegengesellschaft immer neu mit dem sozialen Grauen der indischen Geschichte konfrontiert, bewahrt sie sie davor, es hinzunehmen, und arbeitet gegen die Abstumpfung an. Sie mischt einen auf, treibt einen mit poetischen Bildern in Stimmungen hinein, die noch mal auf einer anderen Ebene begreifen lassen, was war und was ist, als das in Arundhati Roys politischen Essays der Fall ist.

Den Kaschmir-Konflikt etwa entfaltet sie anhand der Geschichte von vier Freunden, ein Mann vom Inlandsgeheimdienst, ein kritischer Journalist, ein Milizenführer, die - das passiert in Bolaños "2666" interessanterweise auch - alle in dieselbe Frau verliebt sind: in Tilottama, in der man beim Lesen Züge der Autorin zu erkennen glaubt. Tilottama ist es, die am Ende, auch das Baby ist da wieder aufgetaucht, zu Anjum auf den Friedhof zieht und Teil von Arundhati Roys Gegengesellschaft wird.

Es gibt, wie immer, wenn sie ihre Stimme erhebt, auch jetzt wieder jene, die ihr Übertreibungen nachweisen wollen oder ihr vorwerfen, zu allem eine Meinung zu haben. Wenn man Arundhati Roys neuen Roman liest, will man aber nur staunen über diese Beharrlichkeit, aufzubegehren, und über die poetische Kraft, mit der sie dies tut. Beides zusammen verleiht ihr eine einmalige Größe.

JULIA ENCKE

Arundhati Roy: "Das Ministerium des äußersten Glücks". Roman. Aus dem Englischen von Anette Grube. Verlag S. Fischer, 560 Seiten, 24 Euro

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