Leben ist ein unregelmäßiges Verb - Lappert, Rolf
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Rolf Lapperts großer Roman über Freundschaft, Verlust und den Trost der Erinnerung.
Eine Aussteiger-Kommune auf dem Land, 1980: Die Behörden entdecken vier Kinder, die versteckt vor der Welt aufgewachsen sind. Ihre Schicksale werden auf Schlagzeilen reduziert, doch Frida, Ringo, Leander und Linus sind vor allem Menschen mit eigenen Geschichten. Aus der Isolation in die Wirklichkeit geworfen, blicken sie staunend um sich. Und leben die unterschiedlichsten Leben an zahllosen Orten: In Pflegefamilien und Internaten, auf Inseln und Bergen, als Hassende und Liebende. Wie finden sich Verlorene in…mehr

Produktbeschreibung
Rolf Lapperts großer Roman über Freundschaft, Verlust und den Trost der Erinnerung.

Eine Aussteiger-Kommune auf dem Land, 1980: Die Behörden entdecken vier Kinder, die versteckt vor der Welt aufgewachsen sind. Ihre Schicksale werden auf Schlagzeilen reduziert, doch Frida, Ringo, Leander und Linus sind vor allem Menschen mit eigenen Geschichten. Aus der Isolation in die Wirklichkeit geworfen, blicken sie staunend um sich. Und leben die unterschiedlichsten Leben an zahllosen Orten: In Pflegefamilien und Internaten, auf Inseln und Bergen, als Hassende und Liebende. Wie finden sich Verlorene in der Welt zurecht? In seinem ganz eigenen zärtlich-lakonischen Ton erzählt Rolf Lappert in diesem großen Roman wie man sich von seiner Kindheit entfernt, ohne sie jemals hinter sich zu lassen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: 505/26756
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 992
  • Erscheinungstermin: 17. August 2020
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 152mm x 48mm
  • Gewicht: 978g
  • ISBN-13: 9783446267565
  • ISBN-10: 3446267565
  • Artikelnr.: 59016404
Autorenporträt
Lappert, Rolf§Rolf Lappert wurde 1958 in Zürich geboren und lebt in der Schweiz. Er absolvierte eine Ausbildung zum Grafiker, war später Mitbegründer eines Jazz-Clubs und arbeitete zwischen 1996 und 2004 als Drehbuchautor. Bei Hanser erschienen 2008 der mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnete Roman Nach Hause schwimmen, 2010 der Roman Auf den Inseln des letzten Lichts, 2012 der Jugendroman Pampa Blues, 2015 der Roman Über den Winter sowie 2020 sein neuer Roman Leben ist ein unregelmäßiges Verb.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Rezensent Paul Jandl steht Rolf Lapperts Roman recht ungnädig gegenüber: Zu ausufernd ist ihm die im Grunde interessante Geschichte über vier Kinder aus einer Hippie-Kommune, die nach deren Auflösung in den 80er Jahren plötzlich in der Gesellschaft zurechtkommen müssen. Dass der Leser die ihm vertraute Welt durch den "perspektivischen Knick" der Figuren präsentiert bekomme, spricht laut Jandl zwar eigentlich schon für große Literatur. Leider führe aber Lapperts moralischer Anspruch, jedem seiner Protagonisten unbedingt gerecht zu werden dazu, dass alle Ereignisse gleich (un-)wichtig geraten, bedauert der Rezensent. Die Darstellung des Konflikts mit Autoritäten hält er zwar für gelungen, den knapp 1000-seitigen Roman insgesamt jedoch für einen "gemächlichen Strom voller Überflüssigkeiten".

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 26.08.2020

Vier Kälbchen
Rolf Lapperts „Das Leben ist ein unregelmäßiges Verb“
„Leben“ ist, anders als der Titel behauptet, ein regelmäßiges Verb, aber der Autor meint es nicht grammatisch, und natürlich ist es ein schöner Titel. Auf ihn folgen fast 1000 Seiten, aber bei guter Lektüre, und das ist hier der Fall, verliert man keine Zeit, sondern gewinnt sie, und noch ein paar Leben dazu.
Es sind die Leben von Frida, Leander, Linus und Ringo. Sie wachsen in den 1970er-Jahren im „Kampstedter Bruch“ auf, einer von der Außenwelt abgeschotteten Agrarkommune irgendwo in Niedersachsen, im Rhythmus der Natur, eingespannt in die Landarbeit, behördlich nicht gemeldet, unbeschult. Einer der „Alten“ (die Zuordnung der Eltern ist mehr oder weniger unklar) liest ihnen abends die großen Werke der Weltliteratur vor, von „Don Quijote“ bis „Moby Dick“, ab und zu weht der Wind ein Zeitungsblatt heran, mit Meldungen über Flugzeuge, Fernsehen und Kriege, die ihnen noch fantastischer vorkommen als die Fiktion.
Die Welt draußen ist böse, trichtert man ihnen ein, aber in diese Welt werden sie hineingerissen, als die Kommune entdeckt und aufgelöst wird. Die Kinder – im Jahr 1980, als der Roman beginnt, sind sie etwa zwölf Jahre alt – werden getrennt und auf Pflegefamilien verteilt. Die Medien preisen die Aktion als „Befreiung“, den Kindern erscheint es eher, als habe man sie „ins Leere geworfen wie einen Sack mit neugeborenen Katzen in einen Fluss“.
Aus dem Wir, das sie in einer Art kollektivem Tagebuch festgehalten haben, werden isolierte Ichs, die sich in einer unverständlichen und verständnislosen Umwelt durchschlagen müssen. Davon, von den Jahrzehnten der Anpassungsversuche und Ausbrüche, des Ankommen- und Verschwindenwollens handelt der Roman.
Die unstete Frida, das Mädchen, will Schriftstellerin werden, Leander, ein sensibler Junge mit autistischen Zügen, durchleidet verschiedene, teilweise satirisch geschilderte Bildungsanstalten, bis er Beerbaum in die Hände fällt, einem gescheiterten Theatermacher, der zufällig auf das Tagebuch der „Kommunekinder“ gestoßen ist und damit einen literarischen Coup landen will.
Wie der unwillige Leander zum Schriftstellerdarsteller gestylt wird, was er in verschiedenen Schreibklausen erlebt, das ist köstlich und schrecklich zu lesen und nährt sich aus den Erfahrungen und Empfindungen des Autors. Ringo, der dritte, gerät dreimal in den Fokus der Medienöffentlichkeit: Erst trägt er – volltrunken, deshalb angstfrei – acht Greise aus einem brennenden Altersheim. Ein paar Jahre später wird er, aus Fahrlässigkeit, schuldig am Tod zweier Menschen, schließlich rettet er einen Hund aus einem vollaufenden Gully. Held, Schandfleck, Held. Noch radikaler Linus schließlich, der sich seinen Namen von der „Peanuts“-Figur mit der Schmusedecke geholt hat. Er täuscht einen Selbstmord vor, damit er unbelastet von der Vergangenheit ein neues Leben führen kann: unerkannt, unauffällig, unaufgeregt, „ein Leben im Mittelfeld der möglichen Gemütsverfassungen“.
In Rolf Lapperts Roman „Auf den Inseln des letzten Lichts“ von 2010 gab es die Szene einer Kälbchentotgeburt: „tot in seiner Fruchtblase, klein wie eine Katze, hell, beinahe durchsichtig, die Augen geschlossen, friedlich, wie selig darüber, nie in diese Welt hineingeboren zu werden.“ Die vier Helden des neuen Roman sind vier Kälbchen, die mit offenen Augen durch eine Welt gehen müssen, die sie nicht gewählt haben. In der es ihnen nicht gelingt, Bindungen einzugehen, Fuß in der Arbeitswelt zu fassen, irgendwo heimisch zu werden.
In ihrem Tagebuch hatten sie im Präsens eine Welt ewiger Gegenwart geschildert, jetzt werden sie mit ständig wechselnden Situationen und Herausforderungen konfrontiert. Sie erleben individuell, was man soziologisch „Modernisierungsschock“ nennt, und der Autor, erklärter Vegetarier und Tierrechtsverteidiger, ist da ganz auf ihrer Seite.
Er leiht uns die Augen der vier Kälbchen, zwingt uns, mit ihnen das uns Vertraute als fremd zu erleben, ein literarisches Verfahren, das seit Montesquieus „Persischen Briefen“ immer wieder funktioniert hat. Das tut es auch hier. Aber Rolf Lappert ist kein Ideologe, auch kein strenger Antinatalist in der Schopenhauer-Nachfolge, sondern ein Epiker, der seine Geschöpfe mit zärtlicher Sorge begleitet.
Ein Epiker ganz großen Formats. Denn natürlich muss man noch einmal über die Länge sprechen. Fast tausend Seiten über vier (nach unseren Kategorien) scheiternde Lebensentwürfe. Rolf Lappert schildert sie makro- wie mikroskopisch. Er entwirft riesengroße Bögen, wechselt Perspektiven und Formen, vom Bericht an eine Journalistin zum Romanexposé, vom kollektiven Tagebuch zum fiktiven Dialog.
Neben den vier Protagonisten bietet er ein reiches Tableau an Nebenfiguren auf, im Vorder-, Seiten- oder Hintergrund. Hier wird sein Stil manchmal quasi durchsichtig, wenn er, wie beim Literaturimpresario Beerbaum, zugleich Innen- und Außensicht zeigt: Man fühlt sich ein, ohne den manipulativen, egozentrischen, mephistophelischen und zugleich lächerlichen Charakter dieses Typen zu verkennen. Und eben auch nicht, dass es sich um einen (Zeit-)Typus handelt.
Die Frage, ob man all das wissen muss, was über Episoden, Eskapaden und Nebenfiguren in unzähligen brillanten Miniaturen ausgeführt wird, kommt gar nicht auf. Man sieht sich in eine literarische Welt entführt, die gerade die kleinsten Details glaubhaft machen, wenn etwa in einem nachgeschobenen Teilsatz erzählt wird, dass über dem Bett der Prostituierten, die in ein paar Zeilen an uns vorbeigleitet, ein Bild Konrad Adenauers hängt.
„Epischen Überschuss“ hat Daniel Kehlmann solche Details einmal genannt, Elemente, die für die Konstruktion des Werks nicht nötig sind und gerade seinen Reichtum ausmachen. Die ausmachen, dass man sich einem Autor anvertraut, ihm fast tausend Seiten lang folgt durch einen Raum, in dem das Zeitregime der Gegenwart nicht gilt und in dem leben tatsächlich ein unregelmäßiges Verb ist.
MARTIN EBEL
Rolf Lappert: Leben ist ein unregelmäßiges Verb. Roman. Hanser, München 2020. 974 S., 32 Euro.
Wir müssen über die Länge
reden: fast tausend Seiten über
vier scheiternde Lebensentwürfe
Über dem Bett der
Prostituierten hängt ein Bild
von Konrad Adenauer
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"Das alles ist sprachlich wie formal gekonnt erzählt, die vier Biografien werden verfolgt und in Rückblenden das Kommunenleben dargestellt ... - so wie das heute die wahren Könner ihres Faches eben tun." Peer Teuwsen, Neue Zürcher Zeitung, 30.08.20

"Lappert ist ein Epiker, der seine Geschöpfe mit zärtlicher Sorge begleitet. Ein Epiker ganz großen Formats." Martin Eberl, Süddeutsche Zeitung, 26.08.20