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Benutzername: Bücherstadt
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Bewertungen

Insgesamt 112 Bewertungen
Bewertung vom 29.03.2016
Silent Scream / Kim Stone Bd.1
Marsons, Angela

Silent Scream / Kim Stone Bd.1


ausgezeichnet

Angela Marsons hat mit Silent Scream ein fantastisches Krimidebüt in Großbritannien hingelegt. Sie hat mit der Figur von Kim Stone, die Mitte 30 ist, gerne Motorrad fährt und anscheinend ein leichtes Problem mit Beziehungen hat, so stark den Nerv der Zeit getroffen, dass mittlerweile drei Bände der Krimireihe herausgegeben wurden. In Deutschland kommen wir nun auch endlich in den Genuss des ersten Bandes.

Wie in einigen anderen Krimis ist unsere Protagonistin bei der Kriminalpolizei als Detektive Inspector tätig. Aber damit enden dann auch schon die Gemeinsamkeiten, die Kim Stone mit vielen anderen Ermittlern hat. Kim lebt alleine und schraubt in ihrer Freizeit gerne an alten Motorrädern rum. Sie restauriert sie mit viel Liebe zum Detail, fährt aber auch selbst mit dem Motorrad. Hier bevorzugt sie aber eher die neueren und recht schnellen Modelle. Mit ihrem Leben als Single hat sie sich eigentlich recht gut arrangiert und sie ist auch nicht darauf aus einen neuen Mann oder eine Frau kennen zu lernen. Woran das untern anderem liegt, soll der interessierte Leser lieber selbst herausfinden. Ich möchte diesbezüglich lieber nichts vorwegnehmen.
In ihrem Job ist DI Stone extrem fokussiert und verbissen. Sie bleibt eisern an einer Spur dran und verlässt sich häufig auf ihr Gespür. Dadurch gerät sie natürlich immer wieder in Konflikte mit ihren Vorgesetzten, die allerdings ihre Ergebnisse und die damit verbundene Aufklärungsquote sehr schätzen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass besonders ihr Boss eine schützende Hand über sie hält. Ihr Team ist bunt gewürfelt und im Grunde genommen ist niemand dabei, der ein ganz einfaches oder wenn man so will normales Leben hat. Das macht aber gerade den Reiz der Truppe aus, die im ersten Teil noch etwas blass herüberkommt. Hier hoffe ich in den kommenden Bänden einen genaueren Einblick zu erhalten.

In Silent Scream müssen sich Kim Stone und ihre Kolleg_Innen mit mehreren Todesfällen beschäftigen, die zunächst in keinem erkennbaren Zusammenhang stehen. Die Menschen sind ganz unterschiedliche Typen gewesen und hatten auch in verschiedenen Branchen gearbeitet. Doch bei ihrer Recherche stößt Kim plötzlich auf eine gemeinsame Vergangenheit, deren Dunkelheit man zunächst einmal entdecken muss.

Angela Marsons schafft es in verschiedenen Handlungssträngen, die sich an ganz unterschiedlichen Stellen berühren, eine packende Handlung zu erzählen, die den Leser ab der ersten Seite in den Bann zieht. Auf der einen Seite lernt man auf eine ruhige Art und Weise die Protagonisten kennen und erhält einen ersten Einblick in ihr Leben. Auf der anderen Seite ist man sofort bei dem Täter und kann noch vor den Ermittlern etwas über die Taten erfahren.
Viele Leser mögen ja eine Art Springen zwischen Erzählsprüngen nicht, aber ich finde so etwas fantastisch. Natürlich trifft das nur zu, wenn die Autorin es schafft die Stränge sprachlich ansprechend miteinander zu verknüpfen. Und das schafft Angela Marsons meiner Meinung nach sehr gut. Ihre Sprache ist sehr direkt und klar, sodass man schnell in einem guten Lesefluss ist. Zudem sind die einzelnen Handlungsabschnitte spannend und man erhält die Möglichkeit schnell in die Detektivarbeit einzusteigen. Man rätselt schon sehr früh in dem Buch gemeinsam mit den Ermittlern, hat aber nicht den Eindruck, dass man schon nach wenigen Seiten den Täter kennt. Natürlich ahnt man hin und wieder etwas, muss sich dann aber noch ein wenig gedulden. Und an einigen Stellen wird man auch total überrascht.

Somit weist dieser Krimi für mich eigentlich alles auf, was einen guten Krimi ausmacht: Die Protagonistin ist sympathisch und gleichzeitig interessant, die Handlung ist spannend und die Sprache ist so leichtgängig, dass man den Text locker in einem Stück lesen kann.
Wer also einen netten Krimi für lauschige Abende oder ein gemütliches Wochenende auf der Couch sucht, sollte zugreifen :-)

Bewertung vom 15.02.2016
Düsterbusch City Lights
Kühne, Alexander

Düsterbusch City Lights


weniger gut

Generell lese ich ja gerne Geschichten über das Leben in der DDR, weil ich dazu einen Bezug habe und der Meinung bin, dass ich mich auch recht gut auskenne. Zudem mag ich besonders Geschichten, die sich mit der Jugend in der DDR beschäftigen und einen Blick auf die Musik der damaligen Zeit werfen.
Daher habe ich mich nach der Lektüre des Klappentextes auch sehr auf das Buch gefreut, auch wenn ich von Heyne Hardcore ganz andere Werke kenne.

Anton Kummer ist ein recht durchschnittlicher Jugendlicher, der in einem kleinen DDR-Kaff groß wird. Seine Mutter ist Lehrerin und sein Vater Schlosser. Beide sind nah außen recht angepasste Leute. Daher erwartet man irgendwie auch von Anton ein recht durchschnittliches Leben. Doch leider passiert genau das Gegenteil und er wird eher eine Art Störenfried, weil er sich nicht an die Regeln der Gesellschaft halten will und seine schulischen Leistungen immer schlechter werden. Zudem ist er nicht gerade beliebt unter den Jugendlichen seines Alters. Doch nach und nach kann er doch Kontakte knüpfen und lernt Menschen kennen, die jenseits von der sozialistischen Konformität leben und ihre Nische in der DDR gefunden haben. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie nicht immer mal wieder anecken. Anton und seine Freunde hören natürlich keine DDR-Musik, sondern besorgen sich Platten von David Bowie oder Deep Purzle aus dem Westen.
Irgendwann kommt Anton auf die Idee einen Club in Düsterbusch zu eröffnen. Der Club soll so angesagt sein, dass aus allen großen Städten der DDR die Gäste in das kleine Dörfchen kommen wollen.

Sprachlich ist der Roman recht einfach strukturiert und mit einigen wenigen derben Aspekten ausgestattet. Hier hätte ich aber aufgrund des Verlages doch mehr erwartet. Nur weil die Wörter Titten, Wichsen und Saufen ein paar Mal vorkommen, bin ich jetzt nicht schockiert. Zudem wirken gerade diese Punkte recht aufgesetzt. Die Konstruktion der Geschichte ist ebenso einfach und leider auch extrem langweilig. Man muss schon sehr motiviert sein, um Antons Geschichte bis zum Ende zu verfolgen. Antons Leben und seine Ideen wirken sehr unüberlegt und tatsächlich irgendwie höflich. Die Handlung ist im Endeffekt genauso langweilig wie das Dorf Düsterbusch. Zudem gibt es keine Wendung, die mich wirklich vom Hocker gehauen hat. Nein, es plätschert alles irgendwie so dahin.

Nein, leider kann ich das Buch nicht empfehlen. Ich habe es zwar bis zur letzten Seite gelesen, aber ein Lesevergnügen war es nicht wirklich.

Bewertung vom 01.02.2016
Greenwash, Inc.
Flender, Karl Wolfgang

Greenwash, Inc.


ausgezeichnet

Mars & Jung ist ein kreatives Unternehmen, welches sich auf ganz besondere Imagekampagnen spezialisiert hat. Firmen, die eigentlich ein schlechtes Bild in der Öffentlichkeit haben, weil sie zum Beispiel ihre Arbeiter ausbeuten oder die Umwelt verschmutzen, werden mit Hilfe von Thomas Hessel und seinen Kollegen zu astreinen Fair-Trade-Gesellschaften, die nur noch Bioprodukte produzieren.

Das ist natürlich harte Arbeit, die Opfer hinterlässt und eine außerordentliche Skrupellosigkeit erfordert. Doch Hessel ist überzeugt von seiner Arbeit und hat gelernt, dass man für das Image einer Firma auch über Leichen gehen muss. Und schließlich zählt nur die Erfüllung des Auftrages. Doch was passiert, wenn man plötzlich nicht mehr zu den ganz großen Köpfen in der Firma gehört und gleichzeitig noch das Privatleben den Bach runtergeht? Kann das auch eine Imagekampagne ausbügeln?

Nach der Lektüre des Klappentextes dachte ich mir zuerst, dass ich zwar schon an Wirtschaft interessiert bin, aber eine PR-Agentur vielleicht doch nicht in mein Interessengebiet fällt. Das Zitat von Jan Brandt

Greenwash Inc. ist der Roman für alle, die glauben, mit Slowfood und Biokonsum die Welt verbessern zu können.
weckte dann aber doch wieder meine Neugier. Und schon die erste Seite wirkte wie ein Anklage des Buches, warum ich nicht schon vorher mit dem Lesen begonnen hatte. Karl Wolfgang Flender erzählt mit einer Leichtigkeit aus dem Leben des PR-Managers Hessel, dass das Lesen eine wahre Freude ist. Dabei ist er detailliert, aber nicht langweilig. Er erzählt selbst die simpelsten Begebenheiten spannend und gleichzeitig verständlich. Dabei ist jeder Abschnitt gespickt mit einem Zynismus, den man lieben muss. Das führt zu einem Leserausch, der mich zu einem Lesetag veranlasste, der nur durch eine gelegentliche Nahrungsaufnahme und den notwendigen Toilettengang unterbrochen wurde. Ansonsten gehörte meine Zeit komplett den Hope Stories der Agentur Mars & Jung sowie den Problemen des Herrn Hessel. Dabei war ich immer wieder bestürzt von der Vorgehensweise und den Ideen der PR-Manager, fand aber alle Erklärungen immer so plausibel, dass ich ins Grübeln kam. Letztendlich waren die zunächst sehr obskuren Ideen gar nicht mehr so abwegig, sondern einfach nur durchdacht und zielführend.

Und dann diese Wendungen! Da möchte man einfach nur ein lautes Bravo in Richtung des Autors rufen. Und ich würde dann natürlich auch wie ein Duracell-Häschen vor ihm stehen und immer wieder fragen, ob er schon an einem neuen Buch schreibt. Damit grenze ich mich übrigens stark von vielen Kritikern der großen Zeitungen ab, die wohl mehr erwartet haben und leider nicht so ein Genusserlebnis hatten wie ich. Für mich muss ein Roman eine runde Geschichte sein, die mich packt und auch ein bisschen zum Nachdenken anregt. Will man sich weiter mit einem Thema beschäftigen, muss man zu einem Sachbuch greifen oder sich vor Ort informieren. Das ist zumindest meine Meinung. Daher habe ich auch nicht erwartet, dass ich das Buch schließe und plötzlich jede Minuten an meine Rolle als Konsument denke. Das würde dann auch den Genuss etwas dämmen. Nein, Flender hat mir eine unterhaltsame Geschichte erzählt, die mich darüber grübeln lässt, wo Fiktion aufhört und Realität anfängt. Und natürlich muss ich dann auch darüber nachdenken, ob ich in dem ganzen Wirrwarr nicht auch eine Position einnehme.

Fazit: Ein Leseerlebnis, dass sich in meinem Gedächtnis verankert hat. Daher kann ich das Buch nur empfehlen und hoffe, dass es unabhängig von den großen Kritiken noch viele Leser finden wird.

Bewertung vom 08.11.2015
Und plötzlich klopft mein Herz
Spears, Kat

Und plötzlich klopft mein Herz


weniger gut

Im Mittelpunkt des Buches steht der junge Jesse. Er befindet sich in dem letzten Highschool-Jahr und führt ein recht kurioses Leben. Familiär kann er keinen großen Rückhalt erwarten, da seine Mutter sich selbst umgebracht hat und sein Vater kaum Interesse an dem Jungen zeigt.

Aber Jesse hat viele Freunde in der Schule. Na ja, Freunde ist vielleicht eine übertriebene Bezeichnung. Er hat ein paar gute Freunde und sehr viele Kunden, die sich selbst als Freunde bezeichnen. Jesse besorgt ihnen alles, was sie möchten. Hauptsächlich handelt er mit Drogen und allen möglichen Schulaufgaben. Er ist sich aber auch nicht zu schade, für einen Mitschüler ein Date zu organisieren. Dabei handelt es sich um eine recht schwierige Aufgabe, da das ausgewählte Mädchen nahezu göttlich wirkt. Sie ist anscheinend in jeder Hinsicht perfekt. Und Jesses Kunde ist eher ein Trottel. Aber ein Auftrag ist ein Auftrag. Dumm ist nur, dass Jesse sich im Verlauf seiner Aktion selbst in die Auserwählte verliebt und nun zwischen seinem "Händler-Ich" und dem eines guten Samariters immer wieder wechselt.

Der Ansatz für diese Geschichte ist ja nicht schlecht und man erkennt relativ schnell, dass Jesse eine wirklich guter Kerl ist. Leider wird von der Autorin aber der Teil der Persönlichkeit, der anderen Menschen Verletzungen zufügt und der sich in vielen Fällen nur um das (Drogen-) Geschäft kümmert, nicht wirklich kritisch hinterfragt. Das fand ich ehrlich gesagt enttäuschend und auch verwirrend.

Mich konnte auch die Sprache nicht überzeugen. Ich habe ihm einem Alltag fast ausschließlich mit Jugendlichen zu tun und die Sprache, die von der Autorin an den Tag gelegt wird, wirkt extrem aufgesetzt und strengt beim Lesen ab der ersten Seite leider sehr an. Hier müsste man vergleichen, ob die Sprache wirklich im Original so ist oder ob es sich hier letztendlich um eine schlechte Übersetzung handelt.

Insgesamt handelt es sich also um ein tolles Konzept, das für meine Verhältnis schlecht umgesetzt wurde. Ich denke aber, dass man das Buch trotzdem Gneisen kann, wenn man nicht so ein kritischer Mensch ist, der stets und ständig alles hinterfragt :-)

Bewertung vom 08.11.2015
Der Krankenflüsterer
Möbius, Walter

Der Krankenflüsterer


ausgezeichnet

Dr. Walter Möbius war für viele Jahre der Leiter der „Inneren" des Johanniter-Krankenhauses im Bonner Regierungsviertel. In diesem Zusammenhang hatte er sicherlich mit vielen prominenten Patienten zu tun. In seinem Buch „Der Krankenflüsterer" geht es allerdings gar nicht um die besonders bekannten Menschen, sondern um Fälle, die den Mediziner geprägt haben. Gleichzeitig erzählt er auch Ereignisse, die aus seiner Biografie stammen und seine Arbeit und seinen Umgang mit erkrankten Menschen geprägt haben.

In Bezug auf seine Analysen wird er auch von einigen Medien der „deutsche Dr. House" oder der „wahre Dr. House" genannt. Ich fand diese Bezeichnungen von Anfang an sehr ungeschickt gewählt. Der uns bekannte Dr. House klärt spektakuläre Fälle mit Hilfe seines Teams und stellt dabei immer wieder seine exzentrische Art und Weise in den Mittelpunkt. Zudem scheinen seine Hinweise immer wieder aus dem Nichts zu kommen. Natürlich ist die Serie trotzdem amüsant und spannend. Das möchte ich hier gar nicht in Abrede stellen. Aber nach der Lektüre des Buches erscheint mir Dr. Möbius ganz anders.

Er kehrt bei seiner Arbeit schlicht zu einer Eigenschaft zurück, die viele Ärzte scheinbar in den letzten Jahren verloren haben und die Möbius häufig an seinem Vater, der selbst Mediziner war, beobachten konnte: Aufmerksames Zuhören. Dies ist ein elementarer Bestandteil seiner Vorgehensweise und legt die Grundlage dafür, dass der Patient von Möbius als eine Einheit gesehen wird. Sein familiäres und berufliches Umfeld interessieren den Arzt genauso wie Freizeitaktivitäten und Vorerkrankungen. Häufig steckt das Übel auch an einer ganz anderen Stelle, die man nur erreichen kann wenn man interdisziplinär denkt. Und da Möbius umfangreiche Erfahrungen in dem Bereich der Psychiatrie gesammelt hat, überschneiden sich gerade hier seine Analysen und letztendlich auch die Diagnosen. Wenn wir einen Patienten als Mensch betrachten, ist es doch eigentlich völlig unerklärlich, dass dies nicht alle Ärzte machen. Wir können doch schlichtweg den Geist nicht vom Körper trennen und daher beeinflussen beide sich immer wieder. Dies kann positive und negative Folgen haben. Daher betrachtet Möbius immer die psychische Komponente, nutzt sich aber auch für den Heilungsprozess. Alleine das Zuhören und Zusprechen durch einen Arzt kann nachweislich den Heilungsprozess beeinflussen. Und genau dies macht Möbius während seiner Arbeit.

Kritiker werden jetzt anbringen, dass Möbius als Chefarzt sicherlich nicht mit jedem Patienten ein dreistündiges Gespräch geführt hat. Das ist auch gar nicht notwendig und so stellt er sich auch gar nicht dar. Es geht darum jedem Patienten immer aufmerksam zuzuhören, egal wie lange das Gespräch dauert. Und bei eher kniffligen Fällen muss man tiefer bohren und mehr Informationen sammeln, die außerhalb der Krankenakte zu finden sind. Es geht also eher um eine innere Haltung und einen eigenen Anspruch, den Möbius vermitteln will. Dass er diese Haltung lebt, zeigen auch seine karitativen Unterstützungen außerhalb des Klinikalltags.

Dem Leser vermittelt er seine Haltung durch eine sehr angenehme und gut verständlich Sprache. Die Fälle werden mit den medizinisch notwendigen Aspekten beschrieben, lassen einen Laien aber nicht fragend zurück. Da fast jede Geschichte, die er in dem Buch erzählt, eine Art detektivischen Aspekt aufweist, liest man das Werk wirklich sehr rasch. Es enthält eigentlich alle Aspekte, die ein guter Roman beinhalten muss, zeigt aber trotzdem klar und deutlich, dass es sich nicht um Fiktion handelt. Man wird als Leser ein wenig in das Leben von Walter Möbius gelassen und erfährt recht persönliche Dinge. Da diese aber einen Bezug zu seinem Beruf aufweisen und er immer wieder eine Kurve zu einer Art moralischen Anregung findet, hat man nicht den Eindruck, dass er mit voyeuristischen Aspekten Punkten will.

Für mich war es ein kurzes Lesevergnügen, das wirklich wundervoll war.

Bewertung vom 19.08.2015
Hirnzellen im Hinterhalt / Miles & Niles Bd.1
John, Jory; Barnett, Mac

Hirnzellen im Hinterhalt / Miles & Niles Bd.1


ausgezeichnet

Von der Küste in ein kleines Kaff, dessen Hauptattraktionen die eigene Kuhzucht und die Milchbetriebe sind. Miles kann ich sich praktisch keine schönere Situation vorstellen. Seien Mutter versucht ihn damit zu trösten, dass sein neues Zimmer sehr viel größer ist. Aber was ist das schon im Verhältnis zu den Freunden, die er zurücklassen musste? Was ihm aber noch mehr Sorgen bereitet, ist sein Ruf, den er sich an der alten Schule erarbeitet hat. Er war dort nämlich der beste Trickser. Er hat sich die coolsten Streiche überlegt und den besten Unfug getrieben. Und nun muss er sich alles erneut aufbauen. Aber bei seiner Erfahrungen und den gesammelten Notizen über die alten Streiche sollte das kein Problem darstellen. Ja, er würde sich als bester Trickser zeigen und so im Handumdrehen der beliebteste Junge der Schule sein.

Doch bereits der erste Schultag zeigt ihm, dass das verdammt schwierig werden wird. Denn die Yawnee Valley Akademie für Wissenschaft und Kunst hat schon einen Trickser. Der Typ ist verdammt gut und gleichzeitig ein Phantom. Niemand weiß, wer diese grandiosen Streiche spielt. Es gibt noch nicht einmal den Ansatz eines Hinweises. Doch Miles wird ihm schon zeigen was ein echter Trickser ist. Blöd ist nur, dass der Direktor ihm diesen trotteligen Schulhelfer Niles an die Seite gestellt hat. Er soll ihm die Schule zeigen und die Eingewöhnungsphase nett gestalten. Allerdings scheint Niles auch ein Spion des Direktors zu sein. Wie soll man denn in solch einer Situation neue Streiche planen? Aber Miles hat da schon eine großartige Idee, die alle vom Hocker reißen wird.

Zunächst war ich bei dem Lesen des Buches etwas skeptisch, da es von mehreren Seiten schon für Fans der Greg-Reihe empfohlen wurde. Ich habe in der letzten Zeit mehrere Bücher gelesen, die wie die Tagebücher aufgebaut waren, aber qualitativ weit hinter den Büchern von Jeff Kinney zurückblieben. In Miles & Niles geht es auch um einen Schuljungen, der aus seinem Leben erzählt. Der Text ist aber nicht wie ein Tagebuch aufgebaut und die Struktur der Handlung ist ganz anders. Somit hebt es sich also recht gut von der bekannten Geschichte ab.

Jory John und Mac Barnett schaffen es in einer klaren und sehr humorvollen Sprache eine tolle Geschichte zu erzählen, die lustig und spannend gleichzeitig ist. Die Kapitel haben für Leser ab 10 Jahren eine angenehme Länge und sind so konstruiert, dass man eigentlich alles an einem Stück lesen möchte. Die Zeichnungen von Kevin Cornell sind recht klar strukturiert und passen sehr gut zu dem Text. Sie illustrieren kritische und sehr witzige Stellen hervorragend.

Was mir sehr gut gefallen hat ist die Tatsache, dass die Geschichte zwar in Amerika lokalisiert ist, aber nicht so extreme Eigenarten enthält, dass sie nicht auch in anderen Ländern der Erde spielen könnte. Zudem werden Aspekte, die sich vielleicht nicht jedem Kind erschließen, nett verpackt im Text durch die Protagonisten erläutert. Die einzelnen Charaktere werden zudem gut umschrieben und ausreichend tief dargestellt damit ein junger Leser sich mit ihnen identifizieren kann. Und werde würde nicht einmal gerne riesige Streiche planen und in die Tat umsetzen? Miles und der unbekannte Trickser sind also schon automatisch in den Leserherzen verankert. Natürlich kennt auch jeder so einen Mitschüler wie Niles, der permanent nervt, sich für total klug hält und alles macht, was die Lehrer wollen. Somit kann man sich also auch in die meisten Situation gut hineinversetzen.

Ich habe mich beim Lesen köstlich amüsiert und musste es wirklich in einem Rutsch lesen, weil ich wissen wollte, ob Miles sein Ziel erreicht. Da der englische Originaltitel schon einen Hinweis darauf enthält, dass es wohl weitere Werke über den Trickser geben wird, freue ich mich schon auf die Fortsetzung.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 06.08.2015
Interventionen
Houellebecq, Michel

Interventionen


ausgezeichnet

Denjenigen, die eher zu den Menschen gehören, die sich bisher noch nicht mit Michel Houellebecq auseinandergesetzt haben, empfahl ich bisher immer seine Gedichte parallel zu einem Roman zu lesen. Das hört sich vielleicht ein bisschen verquert an, hat aber den Hintergrund, dass ich in den Gedichten einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis seines Gesamtwerkes sehe. Wer mit Lyrik eher nichts anfangen kann, kann sich jetzt mit Hilfe eines Essaybandes in die Gedankenwelt des Franzosen hineinarbeiten.
"Interventionen" vereint 28 Texte unterschiedlicher Natur, die zwischen 1992 und 2008 erschienen sind. Dabei handelt es sich um Vorworte, Interviews, literarische und eher philosophische Aufsätze sowie Repliken. Die Themen stammen aus den Bereichen der Gesellschaftskritik, der Literaturgeschichte, der Philosophie und der Biologie. Diese Vielfältigkeit überrascht zunächst, wenn man Houellebecq nicht kennt und man könnte schnell den Gedanken entwickeln, dass eine einzelne Person sich doch nur sehr oberflächlich mit so unterschiedlichen Themen befassen und dann dazu äußern kann. Das ist aus meiner Sicht allerdings so faszinierend an dem französischen Autor: Er kann sich zu diesen Themen sehr kompetent äußern! Er hat in vielen Bereichen ein enormes Wissen und schafft es neuralgische Punkte in Debatten sehr schnell zu entdecken. Zudem ist er extrem ehrlich und offen gegenüber seinen Mitmenschen. Und das ist glaube ich der Punkt, der vielen Menschen aufstößt. Houellebecq sagt was er denkt, analysiert sehr exakt und erkennt gesellschaftliche Veränderungen sehr früh. Wenn er seine Beobachtungen in einem Roman verarbeitet und den Menschen den Spiegel vorhält, können das viele nicht ertragen und schlagen einen konfrontativen Kurs ein.
Die Texte, die in dem Band vereinigt sind, bieten einen tieferen Einblick in seine Denkweise und ermöglichen dem Leser so ein besseres Verständnis. Durch die große Zeitspanne lassen sich auch Veränderungen in seinen Ansichten erkennen und die unterschiedlichen Romane sowie Gedichte erscheinen vielleicht auch für den kundigen Leser in einem etwas anderen Licht.
Es handelt sich allerdings nicht um ein Buch, dass spannungsgeladen ist und an einem Abend ruckzuck ausgelesen ist. Aber das sind Essaybände in den seltensten Fällen. Nein, ich habe auch noch lange über einzelne Aussagen oder Ansichten nachgedacht. Dann habe ich eines seiner Bücher aus dem Regal genommen, nachgelesen und teilweise ein anderes Verständnis für die Zusammenhänge entwickelt. Und dabei dachte ich, dass ich ein klares Bild von der Aussage habe, die der Autor mit seinen Büchern in die Welt tragen will. So wie sich die Sicht auf literarische Texte mit dem Alter verändert, verändert sie sich natürlich auch, wenn wir neues Wissen erlangen. Das finde ich persönlich interessant und spannend. Daher hat mir die Lektüre eine Freude breitet, die nichts mit dem üblichen Lesespaß zu tun hatte, sondern auf einem anderen intellektuellen Niveau angesiedelt ist.
Danke lieber Michel Houellebecq! Danke lieber DuMont Verlag! Und Merci an Hella Faust für die sehr gelungene Übersetzung.

Bewertung vom 24.07.2015
Zeugenkussprogramm / Kiss & Crime Bd.1
Völler, Eva

Zeugenkussprogramm / Kiss & Crime Bd.1


weniger gut

In meinem Arbeitsalltag und in der Freizeit habe ich viel mit (lesenden) Jugendlichen zu tun und kenne daher auch viele Lesegewohnheiten. Gleichzeitig lese ich aber auch sehr häufig selbst Jugendromane und unterhalte mcih mit der eigentlichen Zielgruppe darüber. Daher bilde ich mir ein, dass ich auch erkenne, wenn es sich um ein gutes Buch für junge Menschen handelt. Das ist mir bei diesem Buch leider nicht gelungen. Ich habe mich ehrlich gesagt beim Lesen gequält. Schon die ersten Seiten empfand ich als langatmig und ich hatte auch den Eindruck, dass einige Aspekte mehrfach beschrieben wurden. Natürlich mit anderen Worten und in unterschiedlichen Kontexten, aber ich hatte das Gefühl, dass ich als Leser nicht richtig ernst genommen werde.

Die Geschichte wirkt zunächst sehr konstruiert. Das gibt sich zwar im Verlauf der Handlung ein wenig, aber wirklich ernsthaft konnte ich an die ganze Sache nicht herangehen. Ich bin auch mit den meisten Figuren nicht warm geworden. Dies liegt meiner Meinung nach daran, dass sie sehr blass dargestellt werden und unecht wirken. Sie bleiben eindimensionale Wesen, deren Charakterzüge nicht mein Interesse wecken und deren Denken und Handeln mich nicht mitreißt.

Letztendlich habe ich die Sprache auch als eintönig empfunden. Es hat sich bei mir kein Lesefluss eingestellt und ich musste mich immer wieder zum Weiterlesen zwingen.
Leider teilen diese Meinung auch ein paar Bekannte, aus den unterschiedlichen Altersgruppen, die unvoreingenommen ein paar Seiten angelesen haben.

Bewertung vom 24.07.2015
Maggie und die Stadt der Diebe
Hertweck, Patrick

Maggie und die Stadt der Diebe


ausgezeichnet

Maggie ist ein junges Mädchen, das eigentlich im Waisenhaus lebt. Sie weiß nicht wer ihre Eltern sind und ist natürlich auch nicht sonderlich glücklich im Waisenhaus. Als eines Tages ein Paar auftaucht und Maggie als ihre vermisste Tochter identifiziert, ist sie zunächst skeptisch, sieht aber in gewisser Weise auch eine Chance in dieser Begegnung. Endlich bietet sich eine Gelegenheit zum Verschwinden. Doch hätte sie auch nur anstazweise geahnt, was in der darauf folgenden Zeit auf sie zukommt, wäre sie wohl doch lieber im Waisenhaus geblieben. Sie lernt unfreiwillig und sehr schnell das harte Pflaster New Yorks im Jahr 1870 kennen. Und ihre einzige Chance ist ausgerechnet eine Diebsbande, die von einem komischen alten Zwerg angeführt wird, der bei ihrem Anblick erschaudert.

Patrick Hertweck nimmt seine Leser bereits auf der ersten Seite mit in ein rasantes Abenteuer. Maggie wird dem Leser zwar kurz vorgestellt und beschrieben, doch im nächsten Augenblick rennt man mit ihr schon durch die Straßen von New York und versucht gemeinsam mit ihr einigen finsteren Gesellen zu entkommen. Die Dynamik, die auf den ersten Seiten entsteht, bleibt während der gesamten Lesezeit erhalten und sorgt dafür, dass man nicht mehr aufhören kann. Nach der Flucht will man natürlich wissen, wie es mit Maggie weitergeht, dann will man wissen, wo sie herkommt und schließlich möchte man gemeinsam mit ihr dunkle Machenschaften aufdecken. Selbst in den ruhigen Momenten, die Maggie selbstverständlich auch erlebt, ist man stets konzentriert bei der Sache, weil immer wieder neue Informationen an das Tageslicht kommen.

Trotz dieser schnellen Abfolge von Ereignissen schafft es der Autor den einzelnen Figuren ausreichend Raum für ihre Persönlichkeit zu geben. Man erfährt über die wichtigsten Personen in Maggies Umfeld so viel, dass sich ein umfangreiches Bild ergibt, dass zu einer sehr plastischen Vorstellung der damaligen Zeit und der Lebensverhältnisse beim Leser führt. Zudem wirken alle Handelnden authentisch und gleichzeitig kann man auch aus der heutigen Zeit heraus ihr Verhalten und ihre Gefühle nachvollziehen. Dieser Spagat gelingt leider nicht allen Jugendbuchautoren und daher muss man dem Newcomer hier ein dickes Lob aussprechen.

Zudem hat man an keiner Stelle den Eindruck, dass ein Erwachsener über Kinder und Jugendliche schreibt und sich dabei sehr anstrengen muss. Die Sprache ist sehr ausgewogen. Das heißt sie ist auf einem angemessenen Niveau und gleichzeitig gut verständlich. Es stellt sich sehr schnell ein guter Lesefluss ein und man bleibt nicht an einzelnen Wörtern hängen.

Fazit: Für mich war die Begegnung mit Maggie ein wahrer Lesegenuss. Und vielleicht gibt es ja irgendwann ein Wiedersehen?

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 12.07.2015
Der Profiler
Petermann, Axel

Der Profiler


ausgezeichnet

Der Mensch ist sicherlich schon immer daran interessiert das Böse zu erkennen und sich davor zu schützen. Und gerade in unserer Zeit spielt die Vorhersage eine wichtige Rolle. Kann man einen Täter schon vor der Tat erkennen? Gibt es DAS Böse überhaupt? Natürlich ist es nicht so einfach. In allen Menschen steckt in gewisser Weise das Böse. Unter bestimmten Bedingungen kann daher auch jeder zum Mörder werden. Viele Menschen schieben diesen Gedanken aber fort und sehen in den Straftätern Personen, die anders ticken müssen als sie selbst. Darin liegt in gewisser Weise auch eine Faszination, die sich in den letzten Jahren in der Medienlandschaft widerspiegelt. Bücher über die Psychologie des Bösen, Berichte von Forensikern und Serien über die Verfolgung von Straftätern haben Hochkonjunktur. In diversen Werken tauchen auch immer wieder so genannte Profiler auf. Sonderbar ist allerdings, dass sie meist in den Werken amerikanischer Autoren auftauchen. Erst langsam spielen sie auch eine Rolle in deutschen Werken.

Erstaunlich ist dies aus meiner Sicht, weil bereits 1987 die erste Fallanalyse in Deutschland durchgeführt wurde (Quelle: BKA). Allerdings muss man natürlich bei dieser Bewertung berücksichtigen, dass erst 1999 die eigentliche Einführung in den Polizeialltag erfolgte. Bereits seit 1989 setzte sich Axel Petermann mit dem Thema auseinander. Er war Mordkommissionsleiter und stellvertretender Leiter im Kommissariat für Gewaltverbrechen. Im Jahr 2000 baute er die Dienststelle "Operative Fallanalyse" auf, die er bis zur Pensionierung (2014) leitete. In den letzten Jahren seiner Amtszeit schrieb er zwei Bücher, die sich mit dem Profiling beschäftigen und sich längere Zeit in den Bestsellerlisten behaupten konnten.

Wer sich mit Hilfe der Bücher und/oder diverser Fernseh- sowie Radiobeiträge ein wenig mit der Arbeit von Axel Petermann beschäftigt hat, ahnte natürlich schon, dass nach der Pensionierung noch lange nicht mit dem Lösen von Mordfällen Schluss sein wird. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass nun ein neues Buch auf den Markt gekommen ist.

In diesem Buch beschreibt Axel Petermann in vier Kapiteln seine Arbeit als Profiler. Die verschiedenen Fälle handeln von ganz unterschiedlichen Personen und Delikten. Allen Fällen ist aber gemein, dass sie Petermann anscheinend sehr nachhaltig im Gedächtnis geblieben sind. Teilweise waren sie sogar wegweisend für seine berufliche Laufbahn. Die Darstellung der Taten und des Profiling erfolgt schonungslos, aber in einer sehr angenehmen und leicht verständlichen Sprache. Wichtige Begriffe werden im Verlauf erklärt, das jeweilige Vorgehen wird immer erläutert und die Entscheidungen werden begründet. So ergibt sich ein sehr umfangreiches Bild, dass aufgrund der Spannungsbögen nicht langweilig wird. Es handelt sich natürlich trotzdem nicht um einen Thriller, aber die einzelnen Fälle sind so interessant, dass sie selbst als Vorlage für diverse fiktionale Texte dienen könnten. Wer also Interesse an der Arbeit eines Profilers hat, wird dieses Buch verschlingen und anschließend gleich zu den älteren Werken greifen.

Ich möchte gar nicht mehr verraten, sondern einfach sagen: Lesen!