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Benutzername: Bücherstadt
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Bewertungen

Insgesamt 112 Bewertungen
Bewertung vom 31.01.2017
Hunger, Rauchen, Ungeziefer
Vasold, Manfred

Hunger, Rauchen, Ungeziefer


gut

In der Geschichtswissenschaft gibt es immer wieder neue Perspektiven oder thematische Schwerpunkte, die in den Mittelpunkt gestellt werden. Nach vielen Jahren, in denen es nur um die so genannten großen Männer der Geschichte ging, schaute man vermehrt auf das einfache Volk und beschäftigte sich mit Quellengattungen, die vorher etwas stiefmütterlich behandelt wurden. Doch Statistiken und Tagebücher sowie Krankenakten und zunächst belanglos wirkende Notizen können wir nur verwenden, wenn wir eine große Anzahl davon zur Verfügung haben.

Bezogen auf die Neuzeit haben wir zum Glück eine Vielzahl der genannten Quellen, auch wenn es natürlich regionale Unterschiede gibt. Und eine sehr großeMenge ist bereits erschlossen, so dass eine Arbeit mit ihnen recht einfach möglich ist. Dies ist für die multiperspektivische Herangehensweise, die in den letzten Jahren (zum Glück) stärker in den Mittelpunkt gerückt ist, eine hervorragende Voraussetzung. Allein die Multiperspektivität reicht aber nicht aus, um ein Thema gut zu erfassen und sich ein Urteil zu bilden. Die Sozialgeschichte hilft uns wiederum die Perspektiven in eine Relation zu stellen und die Positionen der Akteure zu definieren. Dabei wird leider oftmals das Alltägliche, was den historisch interessierten Menschen für ein Thema begeistern kann, ausgeblendet. Manfred Vasold versucht mit seinem Buch eine Brücke zwischen allen genannten Berichte zu erbauen.

In elf Kapiteln behandelt der Autor so unterschiedliche Themen wie Opferzahlen im Dreißigjährigen Krieg, die Geschichte der Unterhose und einen historischen Abriss über das Rauchen. Da die Inhalte sehr unterschiedlich sind, variieren die Kapitellängen auch stark. Das kürzeste Kapitel (Säuglingssterblichkeit) weist eine Länge von 15 Seiten auf und das längste Kapitel (Kausalkette Wetter, Armut, Hunger und Gewalt) ist dreimal so lang. Was allen Kapiteln gleich ist, ist der recht umfangreiche Literaturanhang. Dies zeigt die wirklich gute Recherche des Autors und bietet viele Möglichkeiten der weiteren Themenbearbeitung. Mir ist aber aufgefallen, dass wahrscheinlich gerade deshalb das Lesen der einzelnen Kapitel etwas erschwert ist. Vasold legt die Erkenntnisse aus den einzelnen Werken gut dar und verbindet die Tatsachen und Schlussfolgerungen auch stets miteinander. Aber bei einigen Kapiteln fehlte mir der eigene Anteil in gewisser Weise. Man hat mehrfach den Eindruck, dass es sich um eine Zusammenstellung der gelesenen Arbeiten handelt, aber eigene Gedanken kaum vertreten sind. Das finde ich bei dem Thema Sozialgeschichte schade, weil man recht gut Bezüge herstellen kann, ohne auf einen anderen Autor verweisen zu müssen. Hat man sich aber an diese Vorgehensweise gewöhnt, taucht man tief in die Sozialgeschichte des Alltags ab und ist fasziniert von den Darstellungen.

Die unterschiedlichen Themenbereiche sorgen für einen umfangreichen Überblick über die wichtigen Entwicklungen und treffen gleichzeitig den Nerv einer großen interessierten Leserschaft. Denn schließlich sind wir alle nicht nur an den Dingen interessiert, die wir schon aus den Geschichtsbüchern kennen. Wir wollen auch Informationen über die Aspekte haben, die sonst kaum oder nie auftauchen. Schließlich ist die Geschichte der Unterhose eine historische Begebenheit, die uns noch heute beeinflusst. Durch diese Auswahl und einige eingebettete Anekdoten kommt auch der Spaß beim Lesen nicht zu kurz. Dafür sorgen auch die Sprache des Autors, die leicht verständlich ist und der Satzbau, der einen angenehmen Lesefluss erzeugt.

Insgesamt handelt es sich also um ein Buch, dass man interessierten Laien und jungen Studenten ebenso empfehlen kann. Auch wenn dem Autor der Spagat zwischen wissenschaftlicher Literatur und dem gemeinen Sachbuch nicht so gut gelingt. Doch damit kann man als Leser nach einer gewissen Eingewöhnungsphase doch recht gut leben.

Bewertung vom 04.12.2016
Das Buch vom Meer
Strøksnes, Morten A.

Das Buch vom Meer


gut

Da das Buch schon vor der Erscheinung sehr gelobt wurde und in anderen Ländern bereits sehr erfolgreich verkauft wurde, hatte ich recht hohe Erwartungen an das Werk. Gleichzeitig habe ich mich aber auch gefragt, ob mich ein Buch über das Meer wirklich begeistern kann. Ich liebe das Meer, habe aber vielleicht als Großstädter keinen ausreichenden Bezug zu dem Element Wasser.
Als ich das Buch dann das erste Mal in den Händen hatte, war ich begeistert von dem haptischen Erlebnis. Der Leineneinband und der darauf befindliche Druck sind sehr gut gelungen und eine Freude für jeden Buchliebhaber. Zudem ist die leichte Schnittverzierung sowie ihr Übergang in das Buch mal etwas anderes und bringt die Leserin oder den Leser gleich in die richtige Stimmung.
Schon auf den ersten Seiten, in denen Worten, der mittlerweile mehr in der Stadt als am Meer lebt, und sein Freund Hugo vorgestellt werden, hatte ich Spaß an dem Text. Der Autor schafft es Mythen, Wirklichkeit und Wissenschaft interessant und recht unterhaltsam zu verbinden. Und so wird die eigentliche Idee, dass die beiden Männer einen Eishai fangen wollen, immer wieder zur Nebensache.
Leider musste ich jedoch im Verlauf des Buches feststellen, dass die Abschweifungen immer häufiger werden und man teilweise auch das Interesse verliert. Das ist sehr schade, weil die Sprache des Autors doch eigentlich sehr harmonisch und ansprechend, teilweise sogar poetisch ist. man befindet sich dann als Leser in einem Zwiespalt, weil man eigentlich die Ausführungen weiter lesen möchte. um den Klang der Sprache genießen zu können, gleichzeitig aber Probleme hat an dem Thema dran zu bleiben.
Dies hängt aber schlichtweg auch mit der Leseumgebung zusammen. Dieses Buch ist nämlich kein Werk, das ich auf dem Weg zur Arbeit in der S-Bahn lesen kann. Nein, ich muss mir für den Text wirklich Zeit und Ruhe nehmen. Dann fesselt einen die Geschichte auch wieder und man begleitet die beiden Männer wieder gerne bei ihrem Abenteuer.
Und das obwohl es sich um eine Zusammenstellung tatsächlicher Erlebnisse und Gespräche handelt (Hugo und seine tote Katze gibt s wirklich :-)).

Fazit: Für mich war es ein netter Einblick in die Welt der Nordlichter und ein sprachliches Erlebnis. Aber es ist halt mehr eine Art Sachbuch versehen mit Anekdoten als ein Roman. Wenn man das weiß, wird einem das Buch Freude bereiten.

Bewertung vom 20.08.2016
Jeder Tag ist Muttertag
Mantel, Hilary

Jeder Tag ist Muttertag


ausgezeichnet

(...) Evelyn Axon ist eine betagte Frau, die mit ihrer scheinbar behinderten Tochter in den 1970er Jahren zusammenlebt. Beide haben nicht gerade viel Kontakt zur Außenwelt und vegetieren mehr oder weniger in ihrem Haus vor sich hin. Dabei zerfällt ihr Eigenheim immer mehr. In gewisser Weise gleichen sich also Gebäude und Bewohner nach und nach an. Evelyns Mann ist schon vor langer Zeit verstorben, scheint aber das Leben der beiden Frauen während seiner Anwesenheit nicht sonderlich positiv beeinflusst zu haben. Größeren Einfluss haben die heimlichen Mitbewohner des Hauses auf das alltägliche Leben. Zumindest geht Evelyn davon aus, dass es sich um spukende Gesellen handelt. Muriel hat diesbezüglich sicherlich eine andere Meinung. Aber wen interessiert das schon? Aus der Sicht ihrer Mutter ist sie eine nutzlose Last, die sie zwar geboren hat, aber bis heute nicht recht weiß wie es dazu kommen konnte. Und nun will ausgerechnet eine junge motivierte Sozialarbeiterin, dass man sich um dieses Mädchen kümmert? (...)Nein, Evelyn hat es schon mehrfach geschafft Menschen zu vertreiben. Auch dieses Mal wird keiner in ihre Privatsphäre eindringen.
Neben den Axons wohnt Florence Sidney, deren Bruder ein genervter Ehemann und dreifacher Vater ist. Seine Frau kann er eigentlich schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr ertragen und seine Kinder hören weder auf ihn, noch sind sie eine sonderliche Freude für den ausgelaugten Lehrer. Daher flüchtet er sich in diverse Kurse an der Abendschule, wo er die junge und attraktive Isabel kennenlernt. Sehr rasch entwickelt sich zwischen den beiden eine Affäre, die natürlich irgendwann in eine Entscheidung mündet, die das Leben der beiden verändern wird. Aber erst einmal muss ich Isabel um einen neuen Fall kümmern, der auf ihrem Tisch gelandet ist. Evelyn und Muriel Axon müssen dringend einmal von ihr besucht werden.

Auf den ersten Seiten des Buches musste ich zunächst einmal meine pädagogische Keule einpacken und den Mantel der politischen Korrektheit abstreifen. Denn nur so war es mir möglich mich mit der eigentlichen Geschichte auseinanderzusetzen. Andernfalls hätte ich wahrscheinlich stets und ständig gedacht, dass so etwas doch nicht geht. Aber doch, es gibt Menschen, die so handeln und sprechen wie die Protagonisten. Und dabei ist es egal, ob wir hier über die 70er oder das Jahr 2016 sprechen. Und das ist auch nicht etwas, was man verurteilen sollte. Das ist schlichtweg das Leben, in das uns Hilary Mantel einen schonungslosen Einblick gewährt. Die Perspektive ist völlig wertneutral und eine große Stärke des Buches. Der Leser erhält einen Einblick in die Gedanken der Protagonisten und fragt sich manchmal warum das jetzt so wirr ist. Kurze Zeit später lenkt man aber selbst ein und stellt fest, dass man in derselben Situation auch nicht völlig klar und gut strukturiert, wie manche Helden der Literatur, denken würde. Zudem stellt man in Gesprächen Bezüge her, die sich gedanklich nicht gleich dem Zuhörer erschließen, weil man nicht jeden Nebengedanken mitteilt und daher einiges wegfällt. Die Autorin lässt uns aber genau an solchen Gesprächen teilhaben und offenbart damit die skurrilen Momente des Alltags und lässt einen von Sarkasmus geprägten schwarzen Humor wie ein kleines Insekt los, welches langsam zu unserem Gehirn krabbelt. Man liest die Geschichte nicht und rennt lachend durch die Gegend. Nein, man feixt eher innerlich und erschreckt sich manchmal, dass man den ein oder anderen Gedanken verdammt gut nachempfinden kann.

Da es der Autorin sehr gut gelingt den Sprachduktus an die jeweiligen Figuren anzupassen, hat man das Gefühl, immer ein genauer Beobachter der Situation zu sein. Dabei bleibt der Text aber immer sprachlich verständlich und klar strukturiert. Ein Lesefluss stellt sich recht schnell ein und die entstehende Dramatik der Geschichte, die sich eher anhand von Kleinigkeiten entwickelt, führt zu einer Lesefreude.(...)

Bewertung vom 17.08.2016
Der Traum von Olympia
Kleist, Reinhard

Der Traum von Olympia


ausgezeichnet

Bereits im letzten Jahr erschien im Carlsen Verlag das Buch „Ein Traum von Olympia“. In diesem Buch erzählt Kleist die wahre Geschichte von Samia Yusuf Omar, die vielleicht einigen Sportfreunden noch im Gedächtnis sein wird, da sie bei den Olympischen Spielen in Peking als ein heimliche Heldin gefeiert wurde. Sie kam beim 200m-Lauf fast zehn Sekunden später in das Ziel, wurde aber frenetisch bejubelt. Doch warum wurde sie überhaupt für Olympia ausgewählt, wenn sie gar nicht die entsprechende Zeit laufen kann? Wer sich die Situation in den afrikanischen Staaten ein wenig genauer anschaut und sein Augenmerk auf Somalia legt, verliert sich schnell in diversen Konfliktherden, unterschiedlichen politischen sowie religiösen Gruppen und wird erkennen, dass diverse Bereiche des öffentlichen Lebens weit von unseren Strukturen entfernt liegen. Dies betrifft natürlich auch den Sportbereich. So gab es für Samia keine vernünftigen Trainingsmöglichkeiten, nur wenige Unterstützungen und keine eigentliche Sportförderung. Da aber jedes Land zwei Teilnehmer ohne Qualifikation zu den Olympischen Spielen schicken kann, hatte Samoa vielleicht einfach Glück, weil sie von Sportfunktionären ausgewählt wurde. Sie ist schlecht ernährt, wurde kaum trainiert und kommt fast zehn Sekunden später ins Ziel. Aber das ist ihr egal. Sie hat ihr Land bei den Olympischen Spielen vertreten! Der Stolz, die Aufmerksamkeit der Presse und die Zusprache von anderen Sportlern wecken in ihr einen enormen Ehrgeiz. Sie möchte hart trainieren und 2012 in London erneut an den Olympischen Spielen teilnehmen. Doch in ihrer Heimat wird ihr Erfolg nicht so positiv aufgenommen. Sie wird von Fundamentalisten bedroht und am Trainieren gehindert. Daraufhin flieht sie nach Äthiopien. Aber dort scheitert sie nicht nur an den Beamten, sondern auch an den Trainingsergebnissen, die den Funktionären nicht ausreichen. Da sie ihren Traum aber nicht aufgeben will, nimmt sie alles Geld, welches sie irgendwie auftreiben kann, in die Hand und bezahlt einen Schmuggler, der sie nach Europa bringen soll. Dort wird sie leider nie ankommen.

Reinhard Kleist erzählt Samias Geschichte von 2008 bis 2012. Dabei stützt er sich ich auf Facebook-Einträge der Sportlerin, Gespräche mit ihrer Schwester sowie Weggefährten, ergänzt aber auch Informationen, die man nachträglich nicht mehr erhalten konnte mit Wissen anderer Flüchtlinge. Die Bilder sind in Grautönen gehalten und wirken dadurch besonders eindringlich. Die Anzahl der Panels variiert zwar, aber Kleist konzentriert sich eher auf kleine und sehr klare Panels mit sehr verständlichen Aussagen. Seine Stärke, mit wenigen Strichen Stimmungen einfangen zu können, kommt auch in diesem Buch zum Tragen. Erstaunlicherweise hat man aber den Eindruck, dass trotzdem eine gewisse Distanz gewahrt wird. Kleist dringt nicht so nah in Samias Seelenleben ein, dass es unangenehm wird. Gleichzeitig erzählt er aber schonungslos die Geschichte der Flucht und ermöglicht es dem Leser dadurch ein sehr umfängliches und berührendes Bild zu erhalten, welches Raum für eigene Interpretationen beinhaltet. Dies sorgt wiederum dafür, dass man sich sofort in der Geschichte befindet und mit dem Lesen nicht mehr aufhören möchte.

Viel eindringlicher als irgendwelche Fotos oder Nachrichtensendungen haben mir Kleists Bilder noch einmal das Schicksal der Menschen in Afrika vor Augen geführt und den Hintergrund der Flüchtlingswellen, aber auch die enormen Strapazen deutlich gemacht. Das gesamte Fluchtsystem hat zahlreiche Profiteure unter denen nur selten die eigentlichen Flüchtlinge zu finden sind. In dem Buch wird zwar nur in Ansätzen auf die diversen Ursachen der Flucht eingegangen, aber nach dem Lesen setzt man sich noch einmal mit der Thematik auseinander und erkennt eventuell auch die eigene (europäische) Rolle an der Problematik.

Bewertung vom 05.08.2016
Die Vermissten
Eriksson, Caroline

Die Vermissten


gut

(...)
Greta ist anscheinend mit ihrem Mann und ihrer Tochter über das Wochenende in ihr kleines Haus an einem verwunschenen See gefahren, der angeblich dunkle Geheimnisse aufbewahrt. Davon erzählt Alex seiner Frau während einer Überfahrt auf eine kleine Insel, die sie gemeinsam erkunden wollen. Da sich Greta nicht so gut fühlt, bleibt sie auf dem kleinen Ruderboot zurück und lässt Mann und Kind alleine zu einem Mini-Abenteuer aufbrechen. Als die Sonne langsam untergeht, sind die beiden allerdings noch immer nicht zurückgekehrt und Greta macht sich große Sorgen. Irgendwie hat sie das Gefühl, dass beide nicht nur die Zeit vergessen haben, sondern sich bereits auf den Rückweg begeben haben. Aber wie sollten sie das machen? Schließlich hat sie ja die ganze Zeit in dem Boot gesessen und geschlafen. Sie geht also an Land und beginnt mit der Suche, die völlig planlos verläuft, da ihr die Insel völlig unbekannt ist, das Licht langsam schwächer wird und zudem die ganzen gruseligen Geschichten über die Gegend in ihrem Kopf umherschwirren. Trotz einer gewissen Beharrlichkeit kann sie ihre kleine Familie allerdings nicht ausfindig machen. Was sie aber sonst auf der Insel findet, löst eine gewisse Verstörung aus. Greta muss unbedingt zurück zum Haus und ihr Handy holen. Schließlich hat Alex sein Telefon dabei und es sollte leicht sein ihn so zu erreichen. Irgendwo müssen die beiden ja sein.
Der Rückweg, die anschließende weitere Suche, die Fragen nach den Hintergründen und Gretas Rekonstruktion von unterschiedlichen Geschehnissen zehren an ihren Kräften und lassen sie an ihrer psychischen Konstitution zweifeln. Was ist wahr und was hat sie sich eingebildet? Wozu sind Menschen in der Lage und wie werden sie durch ihre Umgebung geformt? Hat Greta vielleicht etwas getan, was sie verdrängt?

Die Sprache im Allgemeinen und die Konstruktion der Sätze sind durchweg klar und leicht verständlich. Es stellt sich schnell ein guter Lesefluss ein, der dem Leser einen Einstieg in die Geschichte erleichtert, was auch an den vielfachen kurzen Sätzen liegt. Dies steht in einem krassen Gegensatz zu den verworrenen Gedanken der Protagonistin, ist aber notwendig, da man sonst schnell den Faden verlieren würde. Da dies aber in dem ganzen Buch beibehalten wird, leidet ein wenig die Spannung. Meiner Meinung nach kann man im Laufe der Geschichte dem Leser auf den Fall mehr zumuten. Man sollte dies sogar. Bei mir hat diese Art und Weise zum Beispiel bewirkt, dass ich auf mehr als 50 Seiten nicht recht wusste wann denn jetzt die Geschichte richtig beginnen sollte. Ich hatte den Eindruck, dass die Autorin krampfhaft versucht eine ganz große Spannung aufzubauen. Da aber alles so klar und prägnant ist, kam keine richtige Stimmung auf. Die Konstruktion der Ereignisse wirkte recht unecht. Dies besserte sich allerdings im Verlauf der Geschichte und die Spannung war stärker zu spüren. Nach der Hälfte des Buches war ich so richtig von der Geschichte gepackt, legte das Buch nicht mehr aus der Hand und fieberte dem Ende entgegen. Bis dahin kamen allerdings noch ein paar absehbare Wendungen, die nicht unbedingt sinnvoll erscheinen bzw. auch hätten anders gelöst werden können.

Schlussendlich hat mir das Buch dann zwar gut gefallen, aber es hat mich nicht vom Hocker gerissen. Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, dass hier jemand ein Psychologieseminar besucht, zwei oder drei Fallgeschichten gehört hat und das nun in eine nette Geschichte packen wollte. Mir fehlt einfach das Unerwartete und das wirklich Böse sowie eine Prise Raffinesse. Wer allerdings einen Psychothriller sucht, der nicht zu „krass“ ist, sich leicht lesen lässt und zudem einen Einblick in kleine menschliche Abgründe liefert, kann mit diesem Buch glücklich werden.

Bewertung vom 25.07.2016
Glück für Kinder

Glück für Kinder


ausgezeichnet

Leo Bormans hat sich in den letzten Jahren mit Büchern über die Themen Glück, Hoffnung und Liebe einen Namen gemacht. Seine Erkenntnisse aus diesen Recherchen und seine daraus folgenden Erlebnisse kombinierte er mit Erkenntnissen von Richard Layard, der sich seit seiner Emeritierung verstärkt mit dem Thema Glück beschäftigt.
In dem Text geht es natürlich schon, in einer leichten Verschlüsselung, um einen der zehn Aspekte. So wird den Kindern zum Beispiel mithilfe eines kleinen Vogels, der ein Nest bauen will, welches vor großen Vögeln sicher ist, die Thematik „Ziele“ näher gebracht. An den Text schließen sich zwei Seiten an,die immer einige Fragen zum Textverständnis beinhalten, Fragen an den Zuhörer, Informationen über die dargestellte Vogelart, Infos und Fragen, die sich mit dem jeweiligen Thema beschäftigen sowie Mitmach-Aufgaben.

Diese umfangreichen Möglichkeiten zur Nachbereitung der einzelnen Texte zeigen schon, dass es sich bei dem Buch nicht um ein übliches Vorlesebuch handelt, das man mal aus dem Regal zieht und ein bisschen daraus vorliest. Die Besprechung der Texte, die anschließende Besprechung der Glücksaspekte und das gemeinsame Betrachten des eigenen Lebens erfordern Zeit, Feingefühl und Aufrichtigkeit. Daher sollten sich Vorleser im Vorfeld mit den Texten beschäftigen und sich je nach Stimmung des Zuhörers für bestimmte Fragen und „Aufgaben“ entscheiden. Einfach die Geschichte lesen und dann die Punkte abzuarbeiten wäre für einen Zuhörer nicht nur extrem langweilig, sondern hätte auch keinen Effekt. Lässt man sich aber auf das Konzept ein und nimmt sich ausreichend Zeit, sind nicht nur die kleinen Geschichten ein Genuss, sondern die Umsetzung der Ideen zeigt auch ihre Wirkung. Kinder lernen einerseits, dass sie mit ihren Zweifeln und Ängsten nicht alleine sind. Und andererseits wird ihnen bewusst, dass dies nichts schlimmes ist, sondern dass man nur die positiven Aspekte erkennen bzw. seine eigenen Stärken ermitteln muss. Zudem geht es auch darum zu teilen oder für andere einzustehen. Dadurch lernen die kleinen Zuhörer sehr viel über ein gerechtes und zufriedenes Miteinander.

Unterstützend wirken dabei auch immer wieder die schönen Illustrationen, die einzelne Aspekte eines Abschnittes sehr gut aufgreifen und darstellen. Sie sind sehr kindgerecht gestaltet und gleichzeitig haben sie einen großen künstlerischen Wert. Dadurch transportieren sie automatisch ein gutes Gefühl und laden zu den anschließenden Gesprächen besonders ein.

Fazit: Ich habe die Umsetzung, aber auch die Wirkung des Buches zunächst unterschätzt. Zu Beginn war ich einfach von den Ideen, die nach dem eigentlichen Text angeführt werden, erschlagen. Nachdem ich aber alleine das Buch gelesen und mir Gedanken dazu gemacht habe, wie und wann ich einzelne Geschichten meinem neunjährigen Sohn vorstellen kann, hat das Buch schnell erste Erfolge gezeigt. Die Gespräche im Anschluss waren wundervoll und man kann immer wieder auf sie zurückgreifen bzw. die entsprechende Geschichte erwähnen, wenn man eine Stärkung oder Aufmunterung benötigt. Ich habe immer wieder beobachtet, dass Kindern viel zu häufig Extreme vorgelebt werden. Entweder werden sie für jede Kleinigkeit gelobt oder man erwartet von ihnen eine bestimmte Leistung. Entweder nimmt man ihnen alles ab oder übergibt zu viel Verantwortung. Das Buch von Bormans zeigt wie man gemeinsam einen Weg finden kann, der Stärken und Schwächen aufgreift und wie man dabei mit sich selbst zufriedener ist. Gleichzeitig lernt man ein bisschen mehr Glück in die Gesellschaft zu tragen und gemeinschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 22.07.2016
Auf dünnem Eis
Benecke, Lydia

Auf dünnem Eis


ausgezeichnet

Bei dem Namen Benecke denken viele Leser sicherlich an den so genannten Herr der Maden Mark Benecke, der auch regelmäßig auf RadioEins wissenschaftliche Ergebnisse für das durchschnittliche Publikum dargelegt. In diesem Zusammenhang habe ich auch das erste Mal von Lydia gehört, die immer mal wieder die psychologischen Aspekte bestimmter Forschungen beleuchtete. Irgendwann wurde sie dann auch Frau Benecke und arbeitete gemeinsam mit ihrem Mann an der ein oder anderen Publikation. Zu der damaligen Zeit konnte ich irgendwie noch nicht so richtig etwas mit ihr anfangen. Die Kombination der beiden traf bei mir keinen Nerv, weil ich mich zwar einerseits für den psychologischen Teil interessierte, andererseits aber immer den Eindruck hatte, dass zwei Bücher mit jeweils einem Autor mehr Gehalt hätten. Mittlerweile gehen die beiden getrennte Wege und Lydia hat sich unabhängig von ihrem Ex-Mann einen sehr guten Ruf erarbeitet. Zwar wird ihr immer wieder vorgeworfen den Namen für ihre Zwecke zu nutzen, aber wer sich ein bisschen mehr mit ihrer Arbeit beschäftigt, sieht sehr schnell, dass das überhaupt nicht notwendig ist. Die Begründung für das Behalten des Namens ist schlichtweg die Einfachheit gegenüber ihrem Mädchennamen (Wawrzyniak).

Lydia Benecke beschäftigt sich sehr umfangreich mit verschiedenen Formen der Persönlichkeitsstörungen und arbeitet häufig therapeutisch mit Straftätern. Neben diversen anderen Interessengebieten, setzt sie sich auch mit dem Thema Psychopathen auseinander. Das Buch „Auf dünnem Eis“ beschäftigt sich genau mit diesen besonderen Menschen.

Lydia Benecke bietet dem Leser einen umfangreichen Einblick in das Wesen verschiedener Psychopathen. Dabei konzentriert sie sich nicht nur auf Straftäter, sondern beschreibt auch Menschen, die starke psychopathische Züge haben und nicht straffällig werden. Wer jetzt denkt, dass dies total langweilig ist und nur die spektakulären Fälle interessant wären, irrt sich gewaltig. Aufgrund ihrer strukturierten und gleichzeitig nicht zu wissenschaftlichen Vorgehensweise schafft es die Autorin, dass man die Mischung zwischen Sachbuch und reellen Kriminalfällen mit Spannung und Spaß liest. Lydia Benecke verbindet die Darstellung der Therapeuten- und Gutachterarbeit mit Geschichten von bekannten Psychopathen sowie Beschreibungen ihrer Patienten, die teilweise einen sehr intimen Einblick in ihr Leben gewähren. Gleichzeitig vermittelt sie aber auch noch die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die wir bisher über Psychopathen haben.

Aufgrund der klaren Ausdrucksweise, die den Leser direkt anspricht und auch immer wieder in bestimmte Gedankengänge einbezieht, hat man kein Problem dem Geschehen bzw. den Erläuterungen zu folgen. Die Satzstruktur ist sehr angenehm und sorgt für einen Lesefluss, der nicht durch langes Nachdenken unterbrochen wird. Gleichzeitig wird man aber auch nicht mit so kurzen Sätzen konfrontiert, dass man sich blöd vorkommt. Aus meiner Sicht schaffen dies nicht alle Autoren, die dem Laien ihr Arbeitsgebiet darlegen wollen. Der schmale Grat zwischen „Erklärungen für Dummies„ und „Wer das nicht versteht, ist mir als Leser nicht willkommen“ kann halt nur gemeistert werden, wenn man seine Arbeit mag und gleichzeitig nicht den Blick für die Welt drumherum verloren hat.

Wer sich die Interessen und Arbeitsfelder sowie das Leben von Lydia Benecke einmal anschaut, wird sofort fasziniert sein von der Komplexität, aber auch von dem Interesse für „das Andere“ oder „das Dunkle“. Ihr Buch spiegelt auch diese beiden Aspekte wieder und zeigt gleichzeitig einen unersättlichen Geist, dessen Offenheit und Interesse auf den Leser überspringt. Es wird mit Mythen aufgeräumt, Tatsachen werden dargelegt und man selbst denkt darüber nach, ob man nicht auch ein paar Persönlichkeitsmerkmale aufweist, die einen Psychopathen ausmachen.

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 06.06.2016
Ein Mann fürs Haus
Stibbe, Nina

Ein Mann fürs Haus


gut

Scheidungskinder gibt es heute ja vielfach und auch in gehobeneren Kreisen stellt eine Trennung nicht mehr wirklich ein Problem dar. In den 70er Jahren sah das noch ganz anders aus und so ist es nicht verwunderlich, dass die 9-jährige Lizzie und ihre Geschwister zuerst nicht verstehen, was die Trennung der Eltern so recht bedeuten soll. Schließlich haben sie zu ihrem Vater bisher keine innige Beziehung gehabt und er spielte generell in ihrem Leben keine besonders große Rolle. Die Trennung beinhaltet allerdings auch, dass sie aus London und ihrem großen Haus ausziehen und ein kleines Haus beziehen müssen, welches sich in einer ländlichen Gegen befindet. Dort habt es die Familie aufgrund des fehlenden Ehemanns und Vaters sehr schwer. Hinzu kommt, dass Lizzie Mutter keine einfache Frau ist und sich seit der Trennung vermehrt mit Alkohol- und Drogenkonsum beschäftigt.
In dieser Situation beschließen die beiden Schwestern einen Plan zu schmieden, um für ihre Mutter und die Familie einen neuen Mann zu bekommen. So einfach, wie sich die beiden das vorgestellt haben, ist die Umsetzung allerdings nicht.

Die Geschichte hört sich eigentlich sehr witzig an und der Klappentext ließ mich auch schon freudig mit dem Lesen beginnen, weil ich ein Freund des englischen Humors bin, der teilweise verdammt düster ist. Doch leider muss ich sagen, dass mich das Buch nie wirklich gepackt hat. Die Geschichte plätschert so dahin und entwickelt keine Spannung oder einen eigensinnigen Humor, der mich zum weiteren Lesen veranlasst hätte. Die Figuren werden ganz nett dargestellt und auch die Beschreibungen des Settings ist sehr nett. Aber leider auch nicht mehr. Hin und wieder scheint ein wenig des englischen Humors durch. Wirklich amüsiert habe ich mich über einige Aktionen der Kinder und über ihre Gedanken, wenn sie versuchen die Welt der Erwachsenen zu interpretieren.
Die Sprache ist dabei angenehm leicht und hält sich mit längeren Satzkonstruktionen zurück. Daher ist man, trotz der fehlenden Spannung, schnell in einem gewissen Lesefluss.

Obwohl mir persönlich das Buch nicht so gut gefallen hat, bewerte ich es mit drei Sternen. Ich bin mir sicher, dass es genügend Leser gibt, die es mögen, wenn eine Geschichte nicht zu rasant verläuft. Und vielleicht können andere Leser mehr mit der schriftstellerischen Art und Weise anfangen. Für mich war es leider nichts, aber es war auch nicht so, dass ich das Werk als totalen Mist bezeichnen würde. Es ist okay, mehr aber auch nicht.

Bewertung vom 29.04.2016
Ein neues Land
Tan, Shaun

Ein neues Land


ausgezeichnet

Eine Graphic Novel, die ganz ohne Worte auskommt. Eine Geschichte, die von Auswanderung und einer neuen fremden Welt erzählt. Und eine Erzählung, die den Leser/Betrachter mit einer Portion Hoffnung zurücklässt. Können diese drei Aspekte in einem Buch aufeinandertreffen und den Leser/Betrachter nachhaltig berühren?

Da ich mich in den letzten Monaten vermehrt dem Genre der Graphic Novels gewidmet habe, war es natürlich nur eine Frage der Zeit bis ich auf Shaun Tan treffen würde. Ich war aber nicht darauf gefasst, dass er mich mit seinen Zeichnungen so faszinieren würde. In dem Buch „Ein neues Land” erzählt er die Geschichte eines jungen Mannes, der seine kleine Familie verlässt, um in der Ferne nach einem besseren, vielleicht sogar lebenswerteren Ort, für seine Liebsten zu suchen. Er landet dabei in einer unbekannten Welt, die ihn zunächst ein wenig verstört und Probleme bereitet. Da er aber neugierig und aufgeschlossen ist, kann er sich mit Hilfe anderer Menschen nach und nach seine Umgebung erschließen. Er lernt die fremden Symbole kennen und wird in Sitten und Gebräuche eingeführt. Die typischen Mahlzeiten lernt er ebenso schätzen wie die fantastischen Wesen, die in seiner neuen Umwelt anzutreffen sind. Und so wird die einstige Fremde nach und nach zu einer neuen Heimat, in der nur noch seine beiden liebsten Menschen fehlen.

Shaun Tan platziert seinen jungen Migranten, in eine Fantasiewelt, die auf den ersten Blick nur in Fragen der Kleidung einen Bezug zu der uns bekannten Welt aufweist. Aber natürlich ist die gesamte Geschichte etwas, das täglich überall auf der Welt passiert. Und gerade deshalb ist es wundervoll zu betrachten, wie Shaun Tan Fantasie und Wirklichkeit verbindet. Er schafft es Gefühle, Geschichten und Ereignisse, die Millionen Menschen erlebt haben oder erleben werden, mit Hilfe von fantastischen Symbolen, neckischen Tieren und futuristischen Gebäuden zu erzählen. Zudem ist einem schon nach der ersten Seite klar, dass Worte nicht gebraucht werden. Sie würden hier nur zerstörerisch wirken und die Momente der Ruhe und Nachdenklichkeit unterbrechen. Sie würden nicht zu den Geschichten passen, die dem jungen Migranten erzählt werden und sie würden die Gefühle der Handelnden nicht so transportieren können wie es die Bilder machen.

Das funktioniert aber nur, weil Tan ein grandioser Zeichner ist, der es versteht mit monochromen Farben zu arbeiten und ein Auge fürs Detail hat. Er schafft es die Distanz zwischen Betrachter und Zeichnung zu minimieren und zieht den „Leser” in die Geschichte hinein. Hierfür nutzt er viele kleine Panels, die einen Handlungsverlauf besser darstellen können. Und so fühlt man sich ein bisschen wie in einem Film und ist trotzdem irgendwie ein Teil der Ereignisse.

Ich möchte auch nicht zu viele Worte über ein Buch verlieren, das ohne Worte auskommt. Für mich war es ein optischer Genuss, eine Abwechslung und eine herzerwärmende Geschichte, die ich schon mehrfach Interessierten in verschiedenen Altersklassen erfolgreich empfehlen konnte.

Fazit: Wer genießen möchte und dabei berührt werden will, künstlerisch anspruchsvolle Graphic Novels mag und eine Geschichte ohne Worte nicht scheut, sollte unbedingt „Ein neues Land” kaufen.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 24.04.2016
Lautlose Stufen
Becher, Inge

Lautlose Stufen


ausgezeichnet

Hella Arnold, die in den 30er Jahren in Deutschland groß wird, ist eigentlich ein ganz normales Mädchen. Sie wird in sehr einfachen Verhältnissen groß, die aber aufgrund ihrer sehr liebevollen Eltern eher in den Hintergrund treten. Viel stärker spürt Hella die Liebe und den Zusammenhalt, den ihre Eltern und ihre zwei größere Brüder, die im Jahr 1939 (fast) 18 und 13 Jahre alt sind, ausstrahlen. Eine andere Art von Gemeinschaft hat Hella auch mit ihren beiden Freundinnen Anneliese und Gerda, die beide recht verschieden sind und vielleicht gerade deshalb für Hella eine wundervolle Kombination ergeben. Gemeinsam freuen sich die drei Mädchen schon auf die kommende Aufnahme bei den Jungmädeln und versuchen bis dahin die Schule gut zu überstehen, was Hella nicht unbedingt leicht fällt. Das Leben der Zehnjährigen ist also eigentlich ganz normal und könnte leicht und leise weitergehen. Doch dann bricht Hella plötzlich zusammen und muss für eine lange Zeit in ein Krankenhaus. Niemand kann ihr und ihrer Familie sagen was sie hat. Aber schnell wird klar, dass sie immer wieder von Krampfanfällen und Fieberschüben geplagt wird. Die Aufenthalte in der Klinik werden immer länger und Hella kann nicht mehr richtig an dem Leben um sie herum teilnehmen. Kann ihr vielleicht ein anderer Arzt in einer Kinderfachklinik helfen?

Bevor ich mit dem Lesen des Buches begonnen habe, habe ich mich gefragt, wie die Autorin solch eine Geschichte auf knapp 100 Seiten erzählen will. Ich hatte mich schon auf eine sehr dichte und schwere Sprache eingestellt und dachte mir, dass das wieder ein Buch für Kinder bzw. Jugendliche sein wird, welches so komplex ist, dass es nur für sehr intelligente Leser_Innen geeignet ist.

Inge Becher erzählt in 20 Kapiteln nicht nur die Geschichte von Hella, sondern auch die Geschichte von vielen anderen Menschen, die zur Zeit des Nationalsozialismus lebten und unterschiedliche Wege eingeschlagen haben. So kommen Kritiker vor, Mitläufer, Sadisten, aber auch Kinder, die gewollt oder ungewollt eine unterschiedliche Position in dem System einnahmen. Damit die Geschichte auch mit historischen Fakten verknüpft wird, hat sich die Autorin etwas geschicktes ausgedacht. Zu Beginn eines jeden Kapitels gibt es ein paar historische Informationen, die das Verständnis für den folgenden Handlungsverlauf verbessern. Diese Abschnitte sind immer ungefähr eine halbe Seite lang und sind adressatengerecht formuliert. So können aus meiner Sicht auch schon Leser im Alter von 10 oder 11 Jahren die Zusammenhänge verstehen. Ich war fasziniert davon wie Inge Becher es schafft ganz komplexe Dinge herunterzubremsen und gleichzeitig den Leser nicht mit dem Wissen langweilt. Gleichzeitig ist die eigentliche Geschichte spannend und man möchte unbedingt wissen was aus Hella und ihrer Familie sowie den Freunden wird.

Aus meiner Sicht hat es Inge Becher also geschafft ein recht schwieriges Thema so zu bearbeiten, dass es für die verschiedensten Lesetypen geeignet ist und Lesefreude erzeugt. Ich kann es Kindern empfehlen, die historisch bereits ein gewisses Interesse haben und ganz unterschiedliche Stufen der Lesefähigkeit erreicht haben. Genauso kann ich es aber auch mit Schülern nutzen, die bisher nur wenig Interesse für Geschichten mit einem historischen Hintergrund gezeigt haben und eher eine nicht so gute Lesefähigkeit entwickelt haben. Und letztendlich muss man auch sagen, dass mir selbst das Lesen sehr viel Spaß gemacht hat. Der Hintergrund wurde von der Autorin sehr gut recherchiert, die Sprache ist sehr angenehm und die Kapitellänge ist so gut, dass ich auch zwischendurch mal in dem Buch lesen konnte.

Fazit: Kauft das Buch für interessierte kleine Leser in eurem Umfeld und besorgt es für diejenigen, die ihr für Geschichte begeistern wollt! Es regt zum Nachdenken, Nachfragen und Nachforschen an.