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Benutzername: Bücherstadt
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Bewertungen

Insgesamt 109 Bewertungen
Bewertung vom 17.03.2019
Enola Holmes, 4 Audio-CDs
Springer, Nancy

Enola Holmes, 4 Audio-CDs


ausgezeichnet

Enola Holmes hat nicht nur einen bekannten Namen, sondern ist tatsächlich mit dem berühmten Detektiv verwandt. Sie ist das Nesthäkchen des Clans und gerade 14 Jahre alt geworden. Doch ausgerechnet ihr Geburtstag ist auch einer der schlimmsten Tage ihres Lebens. Denn nachdem ihr Vater vor zehn Jahre verstorben ist, verschwindet nun urplötzlich ihre Mutter.
Wie es zu einer Holmes passt, beginnt sie umgehend mit der Suche. Sie geht dabei nicht so analytisch vor wie ihr großer Bruder, sondern eher erst einmal praktisch. Doch nach und nach erkennt man, dass die etwas unkonventionelle Erziehung der jungen Dame von Vorteil war. Und als ihr dann auch noch der Fall des verschwundenen Lords in London vor die Füße fällt, merkt man, dass Enola in ihrem Element ist. Ihre Brüder tauchen hingegen nur kurz und eher beiläufig auf.
Trotzdem ist diese Geschichte aber nicht weniger spannend.

Das liegt auch daran, dass Nancy Springer nicht versucht die bekannten Geschichten über Sherlock Holmes zu imitieren, sondern einen ganz eigenen Kosmos entwirft, der nicht nur für junge Leser*innen spannend ist. Natürlich kann man sich als Leser*in, der/die in dem Alter der Protagonistin ist, vielleicht schneller in bestimmte Gedankengänge hineinversetzen. Aber da die Geschichte in der viktorianischen Zeit spielt und jeder auch irgendwann die Jugendphase durchlaufen hat, ist man auch nicht schnell in die Handlung eingetaucht. Die Sprache ist dabei recht frisch und angenehm. Sie wirkt nicht aufgesetzt oder krampfhaft einfach. Sie ist für interessierte Leser*innen einfach perfekt.

Luisa Wietzorek liest diesen sehr spannenden und gut verständlichen Text mit einer angenehmen Stimme vor, die hervorragend zu der Figur passt, die im Buch aus der Ich-Perspektive berichtet. Das Lesetempo ist sehr angenehm und man hat daher nicht das Gefühl, dass es schneller oder langsamer gehen könnte. Die Artikulation ist hervorragend und Luisa Wietzorek stellt auch die anderen Personen mit interessanten Personen dar. Einzig an ein paar Stellen sind die weiteren Personen etwas zu laut gegenüber der Protagonistin und man bekommt einen kleinen Schreck, wenn man Kopfhörer trägt. Natürlich sind das auch vielfach Situationen, in denen die Handelnden lauter sprechen, aber der Unterschied war doch teilweise etwas krass.

Fazit: Aus meiner Sicht handelt es sich um ein spannendes Buch, das in einer angenehmen Sprache geschrieben ist und sich somit in Textform gut Weglesen lässt. Das Hörbuch ist eine hervorragende Umsetzung, die ich nur empfehlen kann, weil Luisa Wietzorek eine äußerst angenehme Stimme hat und das Buch so vorliest, dass man sehr schnell und tief in die Geschichte eintauchen kann.
Ich freue mich schon auf weitere Teile!

Bewertung vom 25.01.2019
Für immer und einen Herzschlag
Murray, Tamsyn

Für immer und einen Herzschlag


ausgezeichnet

Bei Jugendbüchern, deren Schwerpunkt auch noch die erste große Liebe ist, bin ich meist etwas skeptisch, weil ich schon viele Werke erlebt habe, die einen eher verklärten Erwachsenenblick darstellen und weder sprachlich noch emotional ansatzweise auf einer Ebene mit der Zielgruppe sind. Da hier auch noch das Thema der Organspende hinzugefügt wird, hatte ich noch mehr Bedenken. Doch bereits nach wenigen Seiten hatte mich die Geschichte gepackt und es gab nur wenige Stellen, die ich mir etwas anders gewünscht hätte. Aber wer weiß, ob da nicht auch schon mein Krimi durch das Erwachsensein geprägt ist.

Jonny (15) hat einen Herzfehler, der nicht durch eine OP beseitigt werden kann. Fast sein ganzes Leben hat er in Krankenhäusern verbracht und jetzt kann ihm nur noch ein Spendenderz helfen. Zum Glück er hat er seine Freundin Em, die selbst an Leukämie leidet und daher weiß wie man sich mit einer schweren Krankheit in so jungen Jahren fühlt.

Nia lebt ein völlig anderes und vielleicht typisches Teenagerleben. Sie hat einen Bruder, der einfach perfekt ist. Leospielt Gitarre ist ein guter Sportler und sieht aus noch gut aus. Da ist es kein Wunder, dass seine Schwester eher im Hintergrund zu finden ist. Dann passiert etwas völlig unerwartetes und Leo stirbt. Da er bereits erwähnt hatte, dass er einmal seine Organe spenden möchte, folgen seine Eltern diesem Wunsch. Natürlich wird auch sein herz gespendet.

So beginnt die Geschichte von Jonny und Nia sich zu verweben. Jonny möchte etwas über den Spender herausfinden und stolpert so über Nia. Dass er sich verlieben würde und dies die ganze Geschichte nicht einfacher macht, konnte er nicht wissen.

Tamsyn Murray hat ein Werk erschaffen, dass sehr liebevoll mit den Themen umgeht, aber auch schonungslos die schwierigen Aspekte darstellt. Diese Kombination sorgt dafür, dass man an der Geschichte sehr interessiert ist und weiterlesen möchte, obwohl das Grundthema doch eher traurig ist. Dabei liest sich aufgrund einer angenehmen Satzlänge das Buch einfach und man kann auch in der Bahn mal ein Kapitel weglesen. Gleichzeitig fühlt man sich aber auch nicht unterfordert.
Aus meiner Sicht ist die Sprache dabei für jugendliche Leser sehr angemessen. Murray schafft es Worte zu wählen, die wie die jungen Leser noch zwischen Kindheit und Erwachsenenleben stecken.
Zudem gibt es immer wieder Wendungen in der Geschichte, die die Spannung ins unermessliche steigern. Diese Wendungen sind aber total nachvollziehbar und passen somit perfekt in die Geschichte.

Die Figuren werden wunderbar dargestellt und mit einer ausreichenden Tiefe beschrieben. Es werden positive und negative Charakterzüge gezeigt. Letztendlich wird auch der Alltag mit all seinen Höhen und Tiefen nachgezeichnet.

Fazit: Es handelt sich um ein Buch, dass man einfach lesen kann und trotz des traurigen Themas macht das Lesen auch Spaß. Man fiebert mit den Protagonisten mit und hofft sehr auf ein "Happy End". --> Absolute Leseempfehlung

Bewertung vom 29.09.2018
Deutsches Haus
Hess, Annette

Deutsches Haus


sehr gut

Zu Beginn der 60er Jahre befand sich Deutschland weiterhin in den Jahren des Wirtschaftswunders. Man wollte das Leben genießen, die Vergangenheit vergessen und nach vorne schauen. Ein Blick zurück wurde von vielen, die in der nationalsozialistischen Zeit gelebt haben verhindert bzw. vermieden und die junge Nachkriegsgeneration hatte andere Dinge im Kopf. Aus Amerika kamen neue Modetrends nach Deutschland und die Beatles eroberten die Herzen vieler junger Frauen.
So war es nicht verwunderlich, dass ein großer Teil der Bevölkerung kaum etwas über Auschwitz wusste oder nicht darüber reden wollte als 1963 der Frankfurter Auschwitz-Prozess begann.

Annette Hess hat sich bisher hauptsächlich als Drehbuchautorin mit historischen Themen beschäftigt. Kaum einer wird ihren Namen kennen, aber vielen Menschen sind wahrscheinlich die Serien Weißensee, Kudamm'56 und Ku'damm '59 ein Begriff. In dem Buch „Deutsches Haus“ setzt sie sich nun mit dem oben genannten Prozess auseinander. Im Zentrum der Geschichte steht die junge Dolmetscherin Eva, welche zunächst aus der Not heraus zu einer Zeugenaussage gerufen wird, die im Rahmen des Prozesses übersetzt werden muss. Allerdings ist sie so interessiert an den gehörten Ereignissen, dass sie auch weiterhin den Prozess als Dolmetscherin begleiten will. Sie setzt ihren Willen durch, obwohl ihre Familie und ihr Verlobter dagegen sind. Je weiter sie in die Geschichten der Zeugen vordringt, desto weiter dringt sie auch in die eigene Familiengeschichte vor und beginnt an Beziehungen und Haltungen zu zweifeln.

Man merkt dem Text hin und wieder an, dass die Autorin eher im filmischen Bereich tätig ist. Auf der einen Seite ist das vorteilhaft, weil ihre Sprache sehr klar ist und der Satzbau für eine sofortiges Verständnis sorgt. Schnell ist man in die Geschichte eingedrungen und hat die wichtigsten Persönlichkeiten kennen gelernt. Andererseits gibt es bestimmte Passagen, die dem Leser aus anderen Filmen bekannt vorkommen (u.a. "Im Labyrinth des Schweigens") und einige Aspekte, für die in einem Buch durchaus Platz ist, bleiben sehr oberflächlich. So wirken einige Figuren etwas flach und es fehlen Zusammenhänge. Die Zusammenhänge kann man sich natürlich erschließen, aber es wirkt teilweise wie eine Überblendung zu einer nächsten Szene, die aus Zeitgründen in einem Film entstehen würde.
Allerdings muss man sagen, dass diese lockere und leichte Art dafür sorgt, dass man schnell liest und von der Handlung gepackt ist. Man möchte trotz aller Oberflächlichkeit wissen, ob Eva die Zeugenaussagen verkraftet, ob sie glücklich wird oder inwiefern ihre Familie sich in der Vergangenheit schuldig gemacht hat.

Besonders für Leser, die bisher kaum eine Berührung mit dem Thema hatten, ermöglicht dieser Roman eine Art Einstieg in die Geschichte. Allerdings darf man keinen aufrüttelnden Text erwarten, der Bezüge zu aktuellen politischen Haltungen herstellt. Dafür ist er dann doch wieder zu sehr mit filmischen Stilmitteln durchsetzt.

Fazit: Obwohl es sich nicht um ein Werk mit besonderer Tiefe oder einer hochtrabenden Sprache handelt, kann ich den Roman nur empfehlen. Er beschäftigt sich auf eine ruhige und leichte Art mit einem Thema, das Teil unserer Geschichte ist und bis heute vielen unbekannt sein mag.

Bewertung vom 04.09.2018
Der Verrat / Aura Trilogie Bd.2
Benedict, Clara

Der Verrat / Aura Trilogie Bd.2


ausgezeichnet

Eine Dystopie, besondere Merkmal und eine Akademie? Zunächst war ich nicht besonders motiviert als ich mit dem Buch begann. Zudem handelt es sich um den zweiten Teil und den ersten Band kannte ich gar nicht. Also was sollte schon daraus werden?
Auf den ersten Seiten wurde ich dann aber so schnell in die Geschichte hereingezogen, dass ich gar nicht mehr mit dem Lesen aufhören konnte. Natürlich haben sich dabei auch Fragen entwickelt, die ohne Kenntnisse über die Handlungen im ersten Band entstanden sind, aber im Laufe der Zeit wurden auch diese beantwortet.

Doch worum geht es in dem Buch genau? Hauptsächlich geht es um so genannte Former, die mit Hilfe ihres Geistes andere Menschen lenken können. Dabei unterscheidet man natürliche Former und solche, deren Gabe ein umfangreiches Training benötigt. Ausgehend von einer Akademie, an der die Former trainier werden, hat man die Theorie in die Welt gesetzt, dass ohne hinreichende Schulung die Former irgendwann verrückt werden. Daher müssen sie eingefangen werden und in der Akademie den Umgang mit der Gabe lernen. Die Realität sieht allerdings ganz anders aus, denn die natürlichen Former bieten für andere fähige Former die Möglichkeit, der ewigen Jugend. Hierfür muss die Lebensenergie allerdings übertragen werden.
Hannah ist eine überaus fähige natürliche Formerin und schwebt gleich zu Beginn der Handlung in Lebensgefahr. Aus dieser wird sie von einem Unbekannten gerettet, der sie ausgerechnet in der Akademie, dem Hort ihrer schlimmsten Feinde versteckt. Wie soll sie dort nur unauffällig bleiben?

Einer der Gründe für das schnelle Eindringen in die Geschichte ist die eher einfach strukturierte Sprache, die eine gewisse Leichtigkeit mitbringt. Sie orientiert sich natürlich eher an jugendliche Leser*innen, ist aber nicht zu platt. Zudem werden die Personen und die jeweiligen Handlungsorte sehr bildhaft, aber nicht zu langatmig dargestellt. Und natürlich hilft es auch, dass aus Hannahs Sicht erzählt wird und man so direkt an ihren Gedankengängen und Gefühlen in gewisser Weise beteiligt sind.
Obwohl teilweise bestimmte Ereignisse vorhersehbar waren und die ein oder andere Wendung leicht konstruiert scheint, bleibt das gesamte Buch über der Spannungsbogen erhalten.

Entgegen meiner ersten Gedanken über das Buch kann ich das Lesen nur empfehlen. Eine leichte, aber doch spannende Story, die in einem guten Stil erzählt wird. Der erste und der dritte Band landen definitiv auf meiner Wunschliste.

Bewertung vom 25.05.2018
Heimweh-Blues und heiße Schokolade / Die Trabbel-Drillinge Bd.1
Janotta, Anja

Heimweh-Blues und heiße Schokolade / Die Trabbel-Drillinge Bd.1


gut

Wie der Titel schon sagt handelst es sich bei den Protagonisten um Drillinge, von denen eine eher hübsch ist, eine ist besonders intelligent und die dritte Schwester ist einfach nett. Auch wenn sie das selbst total doof findet, ist sie im Endeffekt die sympathischste Figur.

Ich habe lange gebraucht bis ich in die Geschichte reingefunden habe. Zunächst einmal war mir der Plot zu simpel. Die Mutter erbt die Trablinburg und möchte daraus ein Bio-Hotel machen. Also müssen die Mädchen aus Berlin, wo sie bekannt sind wie ein bunter Hund, aufs platte Land ziehen. Dass sie darüber nicht erfreut sind, ist natürlich klar. Und irgendwie ist auch klar, dass sich Heimweh und Probleme in den kommenden Wochen entwickeln werden. Zudem waren mir die Figuren recht unsympathisch und ich fand die ausgesprochenen Klischees selbst als Berlinerin nicht besonders toll.
Doch irgendwann wurden mir die Drei dann sympathischer und ich habe die Geschichte (annähernd die zweite Hälfte mit Genuss gelesen).
Die Sprache ist in Bezug auf die Zielgruppe sehr altersgerecht und die Beschreibungen sind passend. Zudem ist die Sprache zwar locker, wirkt aber nicht aufgesetzt jugendlich und man hat den Eindruck, dass wirklich die Gefühle der jungen Leser*innen aufgegriffen werden.

Vielleicht werden die weiteren Bände ja noch besser, weil sich die Geschichten dann von vielen anderen bekannten Büchern stärker abheben. Momentan bin ich aber von dem Konzept noch nicht vollends überzeugt.

Bewertung vom 01.05.2018
Killerfrauen
Harbort, Stephan

Killerfrauen


ausgezeichnet

Charles Manson, Joachim Kroll und Harold Shipman kennen diejenigen, die sich ein bisschen im Dschungel der Crime-Dokus und Kriminalliteratur tummeln sehr genau. Sie tauchen in diversen Formaten, in denen es um Serienmörder geht, immer wieder auf. Kaum beachtet sind hingegen Serienmörderinnen, die es gar nicht so selten gibt, wie man es zunächst vermutet.

Stephan Harbort hat diesen Sachverhalt bereits 2008 in seinem Buch „Wenn Frauen morden“ aufgegriffen und von spektakulären Fällen berichtet. Im letzten Jahr erschien eine Art Fortsetzung, in der neue Fälle beschrieben werden. Allerdings sind auch neue Erfahrungen, neues Zahlenmaterial und neue Erkenntnisse in die Arbeit eingeflossen, was man als Leser positiv registriert.

Leser*innen, die noch kein Buch des Autors in der Hand hatten, sollten vorgewarnt sein. Eine sehr gründliche Recherche, viele Interviews und ein klarer Blick auf die Ereignisse sowie ein gewisser Einblick in das Seelenleben der Täter*innen sorgen in den Büchern von Stephan Harbort für ungeschönte Beschreibungen und teils recht radikale Bilder, die sich im Kopf der lesenden Person festsetzen.

Dies ist auch in dem Buch „Killerfrauen“ der Fall. Insgesamt werden sieben Fälle von ganz unterschiedlicher Natur dargelegt. So geht es mal um eine Patientenmörderin, aber auch um eine Mutter, die ihre Kinder heimlich zur Welt bringt und dann verschwinden lässt. Daneben tauchen ebenso eine Art „Schwarze Witwe“ und die Chefin einer Drückerkolonne auf.

Alle Kapitel gleichen sich darin, dass Harbort die Fälle und die Ereigniszusammenhänge detailliert darstellt und mit Aussagen der Täterinnen und der Ermittlungsarbeit kombiniert. Somit erfährt man vom Leben vor der Tat bis hin zum Gerichtsprozess alle relevanten Punkte. Die üblichen Fragen wie es zu einer Tat kommen konnte und wie das Urteil lautetet, werden also beantwortet. Damit hat der Autor natürlich das Herz der kriminalistisch interessierten Leser*innen sofort gewonnen. Was das Lesen aber richtig spannend macht und dafür sorgt, dass man das Buch in einem Rutsch liest, ist die sehr klare und verständliche Sprache. Und hier ist mir im Vergleich mit einem älteren Buch, welches ich von Stephan Harbort gelesen habe, ein enormer Unterschied aufgefallen. Er konnte schon immer sehr bildhaft beschreiben und hat den Leser in die Geschichte hineingezogen, aber jetzt ist es noch runder, noch spannender.

Durch ein ausführliches Vor- und Nachwort, einen Anhang und ein Literaturverzeichnis werden die eigentlichen Erzählungen noch ergänzt und wer sich weiterführend mit dem Thema beschäftigen möchte, erhält hier wichtige Hinweise.

Man kann also sagen, dass das Werk alles enthält, was ein gutes Buch aus dem Bereich der True Crime-Stories ausmacht: Interessante Fälle, sehr gute Recherche, eine sprachlich wunderbare Ausarbeitung und umfangreiches Quellenmaterial. Sehr empfehlenswert!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 30.03.2018
»Ich musste sie kaputt machen«
Harbort, Stephan

»Ich musste sie kaputt machen«


ausgezeichnet

Unauffällig und still war der Nachbar, der über ihnen wohnte. Nur selten sahen sie ihn und dann schraubte er meistens an seinem Mofa herum oder unterhielt sich freundlich mit den Nachbarskindern. Doch als das kleine vierjährige Mädchen verschwindet, kommt ihnen ein Verdacht. Ist es Zufall, dass plötzlich die Toilette mit Kanincheneingeweiden verstopft ist? Wirkte er nicht nervös als man ihn darauf angesprochen hat? Und warum ist er eigentlich immer alleine, bekommt nie Besuch und lebt so zurückgezogen?

Als die Polizei 1976 Joachim Georg Kroll im Zusammenhang mit dem Verschwinden des kleinen Mädchens befragt und sich in seiner Wohnung umschaut, wird schnell klar, dass die Suche ein Ende hat, aber das Kind nicht mehr lebt. Joachim Kroll gibt zu, dass er sie ermordet und anschließend zerteilt sowie teilweise gekocht hat. Die gefundenen Innereien stammten nicht von einem Kaninchen, sondern von dem Opfer. Im Kochtopf befinden sich noch menschliche Überreste und auch in der Tiefkühltruhe werden die Beamten fündig. Doch zu diesem Zeitpunkt ahnen sie noch nicht, dass sie den Mann geschnappt haben, der in mehr als zwei Jahrzehnten mehrere Frauen und Mädchen ermordet hat und später von der Presse als „Menschenfresser von Duisburg“ oder „Kannibale vom Rhein“ bezeichnet wird.

Stephan Harbort hat für sein Buch umfangreiche Materialien herangezogen und eigene Recherchen vorgenommen. So werden nicht nur die Gerichts- und Ermittlungsakten genutzt, sondern auch Presseberichte und Interviews, die der Autor selbst durchgeführt hat. Zudem hat er die relevanten Ereignisorte selbst aufgesucht. Diese fundierte Arbeit macht sich praktisch auf jeder Seite bemerkbar und sorgt dafür, dass in Kombination mit einer Prise literarischer Freiheit eine spannende Geschichte erzählt wird, die so tatsächlich geschehen ist.

Der Autor hat sein Werk geschickt in zwei Teile gegliedert, die sich in Erzählmodus und Inhalt unterscheiden. Im ersten Teil wird sein Werdegang oder besser seine Sozialisation durch einen auktorialen Erzähler beschrieben, der jedoch keinen Blick in die Zukunft wagt. Es geht hier vielmehr um die Entwicklung von Kroll, sein Innenleben und die aufkommende Mordlust. Harbort beschriebt sehr umfangreich und in klaren Worten wie sich der Drang des Tötens entwickelt hat und wie dieser im Zusammenhang mit Krolls Gefühlswelt und seinen gesellschaftlichen Erfahrungen steht. Gleichzeitig wird aber auch beschrieben, wie die Bevölkerung auf die Taten reagierte und wie die Ermittlungsarbeit der Polizei aussah. Wer jetzt denkt, dass es sich um einen trockenen Text handelt, irrt sich. Man vergisst sehr schnell beim Lesen, dass es sich um die Beschreibung realer Taten handelt. Der angenehmen und leicht verständlichen Erzählstil des Autors ermöglicht ein völliges Eintauchen in die Geschichte. Nur ab und an flackert im Hinterkopf auf, dass das wirklich passiert ist.

Im zweiten und kürzeren Teil des Buches geht es um die Festnahme, die Vernehmungen und die Gerichtsverhandlung sowie die Reaktionen in der Bevölkerung. Hier werden viele Passagen aus den Protokollen wörtlich wiedergegeben. Aufgrund des ersten Teils ist der Leser gegenüber den Polizisten und der Bevölkerung im Vorteil. Man kennt den Ablauf vieler Taten bereits und hat vielleicht schon eigene Gedanken entwickelt. Gerade deshalb ist es aber spannend zu sehen wie die Vernehmungen abliefen und wie Kroll reagierte.

Fazit: Ich habe das Buch verschlungen! Tolle Recherche, sehr gelungener Schreibstil, verständliche Sprache und eine spannende Zusammenstellung der Erkenntnisse führen zu einem spannenden Lesevergnügen. Die Wirklichkeit liefert halt doch noch die besten Geschichten 

Bewertung vom 24.02.2018
Nackt über Berlin
Ranisch, Axel

Nackt über Berlin


ausgezeichnet

Grundsätzlich sollte man hilfsbedürftige Personen nicht filmen oder sie ausnutzen, da sind wir uns alle einig. Aber Tai ist siebzehn Jahre alt und mit seiner Kamera verwachsen. Da ist es nicht verwunderlich, dass er sich, nachdem er seinen nicht gerade beliebten Direktor sturzbetrunken und mit nacktem Hintern aufgefunden hat, hinter einem Busch versteckt und das Ganze für die Ewigkeit festhält. Zudem ruft er noch seinen guten Freund Jannik an, der sich das kleine Theaterstück unbedingt ansehen soll. Beide amüsieren sich auch sehr über Herrn Lamprecht. Doch als dieser krampfhaft versucht in seine neue Bleibe in einem Hochhaus zu kommen, kommen sie aus ihrer Deckung und helfen dem Rektor. Allerdings ist diese Handlung, die hauptsächlich auf Tais Mist gewachsen ist, nicht aus reiner Hilfsbereitschaft erwachsen. Nein, er hat einen viel größeren Plan. Er möchte Herrn Lamprecht in seiner Wohnung einsperren und ihn gleichzeitig von der Außenwelt abschneiden. Jannik macht, auch aus Zuneigung zu Tai, bei der Aktion mit. Doch irgendwann fragt er sich, ob nicht mehr hinter der Idee steckt und er nur ausgenutzt wird.
Die eigentliche Geschichte mag zunächst sehr klar und gleichzeitig denkt man sich, dass sie ja nicht so lange andauern kann. Aber es ist das genau Gegenteil, da tatsächlich mehr hinter Tais Handlungen steckt und sich die Persönlichkeiten sehr interessant entwickeln. Und selbst wenn man denkt, dass jetzt alles irgendwie klar ist und nun nur noch eine kurze Szene folgt, gibt es eine interessante und gleichzeitig nachvollziehbare Wendung, die die Lesefreude noch weiter steigert.
Ich muss gleich vorwegsagen, dass ich den Stil von Axel Ranisch richtig mag. Er schreibt persönlich, spannend, amüsant und beschreibt Szenen und Menschen in einer angenehmen Länge und Tiefe. Seine Sprache ist jung und ein bisschen frech, aber nicht permanent unter der Gürtellinie oder irgendwie schlüpfrig. Die Wahl der Wörter ist einfach immer passend und man hat das Gefühl, dass man mit Jannik auf dem Fahrrad saust oder gerade persönlich seine Eltern kennengelernt hat. Gleichzeitig ist man wütend, wenn Tai sich wieder etwas ausgedacht hat. Und hin und wieder hat man auch Mitleid mit Herrn Lamprecht.
Aufgrund der Sprache und der angenehmen Satzstruktur liest man sich sehr leicht in den Text ein und mag das Buch gar nicht mehr weglegen. Man liest es sozusagen einfach weg und wird dabei sehr gut unterhalten.
Ach was rede ich hier, man sollte dieses liebevolle und humorige Buch einfach lesen und sich daran erfreuen!

Bewertung vom 01.02.2018
Was bleibt, sind wir
Santopolo, Jill

Was bleibt, sind wir


ausgezeichnet

Ich gebe zu, dass es sich wieder um ein Buch handelt, an das ich mich erst gewöhnen musste. Generell kann ich mich noch immer nicht automatisch mit Liebesromanen anfreunden. Und wenn sie dann einen eher konstruierten Anfang haben und teilweise recht schnulzig herüberkommen, bin ich beim Lesen erst einmal demotiviert. Doch das Buch hat mich letztendlich positiv überrascht.

Bei ihrem ersten Treffen studieren Lucy und Gabe gerade. Sie besuchen dasselbe Shakespeare-Seminar und sind sich rasch sympathisch. Doch kaum haben sie sich getroffen, wird ihre Welt von der einen auf die anderen Sekunde total verändert. Der Tag ihre Kennenlernens ist der 11. September 2001 und obwohl sie nicht direkt von den Angriffen auf die Twin Towers betroffen sind, beeinflusst der Tag ihre Beziehung nachhaltig. Sie scheinen Seelenverwandte zu sein, doch werden sie schnell wieder voneinander getrennt. Als sie sich später wiedersehen, beginnt eine turbulente Liebesgeschichte, deren Verlauf jedoch sehr überraschend ist.

Jill Santopolo beschreibt in ihrem Buch eine enge Liebesbeziehung, die ein ganzes Leben anhält, obwohl die beiden Partner nicht immer zusammen sind. Lucy erzählt die Geschichte zuerst nach und beschreibt Gabe dann auch den Verlauf ihrer eigenen Geschichte und geht auf ihre Gefühle ein, die ihm wohl nie so recht bewusst waren. Allerdings erhält man keine Antwort von ihm.
Santopolos Sprache ist angenehm locker und leicht. Sie verwendet keine komplizierte Satzstruktur oder Fremdwörter kommen kaum vor. Daher einet sich das Buch als seichte Lektüre nebenbei. Dadurch hat man aber auch manchmal den Eindruck, dass sie wiederum zu flapsig formuliert. Die eingefügten Shakespeare-Zitate wirken dann etwas deplatziert. Zudem gleitet sie hin und wieder ins kitschige ab. Andererseits passen diese Aspekte dann wieder in die Beziehung von Lucy und Gabe irgendwie hinein. Dadurch wirkt das gesamte Konstrukt dann doch wieder natürlich.

Fazit: Ein leichter Roman, den man locker nebenbei lesen kann. Er ist zwar intellektuell nicht sonderlich anspruchsvoll, sorgt aber für einige warme Herzmomente.

Bewertung vom 05.12.2017
Unsere verlorenen Herzen
Sutherland, Krystal

Unsere verlorenen Herzen


ausgezeichnet

Ich sehe den Einband und denke: Igitt. Diese herzen wirken abschreckend. Nach dem Lesen des Klappentextes seufze ich nur und frage mich, ob ich wohl schaffe dieses Buch bis zum bitteren Ende zu lesen. Diese Frage stelle ich mir auch noch als ich die ersten Seiten lese und in eine amerikanische Highschool eintauche.
Doch schnell hat mich Henry mit seiner Art für sich gewonnen und ich möchte ihn gerne auf seiner Reise zu den unentdeckten Gebieten der ersten Liebe begleiten.
Seine Familie und seine Freunde sind etwas sonderbar und gleichzeitig irgendwie so, dass man sie unbedingt kennenlernen möchte. Da auch Henry nicht als durchschnittlicher 17-jähriger Junge in eine Schublade gesteckt werden kann, ist es nicht verwunderlich, dass er sich in dieses neue Mädchen (Grace) verguckt, die in Jungsklamotten rumläuft, sich anscheinend nicht täglich wäscht und konsequent den Kontakt mit anderen meidet. was sie ein wenig geheimnisvoll macht ist ihr Hinken und der Stock, ohne den sie anscheinend nicht laufen kann.
Doch Henry erkennt hinter der schmuddeligen Fassade eine gewisse Zerbrechlichkeit und fragt sich, was diesem Mädchen passiert sein muss. Über die gemeinsame Arbeit an der Schülerzeitung, die Grace aufgezwungen wurde und Henrys großer Traum ist, kommen sie sich näher. Irgendwann muss man aber sagen, dass sie sich vielleicht ein wenig zu nahe gekommen sind.

Dieses Buch ist eindeutig kein Werk für kuschelige Stunden am Kamin und es macht vielleicht auch nicht glücklich. Nein, es ist noch nicht einmal so geschrieben, dass man es als literarischen Knaller oder extravaganten Text bezeichnen könnte. Manchmal hatte ich sogar Fragezeichen über dem Kopf, weil Bezüge aus dem amerikanischen Alltag auftauchten, die mir einfach nicht geläufig sind.
Und trotzdem ist es ein gelungenes Buch, weil es voller Sarkasmus, Witz und Liebe steckt. Eine Liebe, die aus dem Alltag stammt und nicht zu einer Fantasiewelt und Fantasiefigur gehört. Man erinnert sich an seine eigene Jugend oder sieht Parallelen zu momentanen Situationen. Man trauert mit den Protagonisten, man ärgert sich und möchte in manchen Situationen Backpfeifen verteilen. Aber am Ende schlägt man das Buch zu und geht mit dem Gefühl zurück in den Alltag, dass es immer weiter geht. Man sollte immer nach vorne schauen und auch wenn man das Ende des Weges noch nicht sieht, weiß man doch schon, dass an einer Abzweigung oder am Wegesrand ein wunderbarer Mensch stehen wird, der eine Bereicherung für das Leben und das Herz sein wird.