Benutzer
zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Bücherstadt
Wohnort: Berlin
Über mich:
Danksagungen: 30 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 112 Bewertungen
Bewertung vom 24.02.2018
Nackt über Berlin
Ranisch, Axel

Nackt über Berlin


ausgezeichnet

Grundsätzlich sollte man hilfsbedürftige Personen nicht filmen oder sie ausnutzen, da sind wir uns alle einig. Aber Tai ist siebzehn Jahre alt und mit seiner Kamera verwachsen. Da ist es nicht verwunderlich, dass er sich, nachdem er seinen nicht gerade beliebten Direktor sturzbetrunken und mit nacktem Hintern aufgefunden hat, hinter einem Busch versteckt und das Ganze für die Ewigkeit festhält. Zudem ruft er noch seinen guten Freund Jannik an, der sich das kleine Theaterstück unbedingt ansehen soll. Beide amüsieren sich auch sehr über Herrn Lamprecht. Doch als dieser krampfhaft versucht in seine neue Bleibe in einem Hochhaus zu kommen, kommen sie aus ihrer Deckung und helfen dem Rektor. Allerdings ist diese Handlung, die hauptsächlich auf Tais Mist gewachsen ist, nicht aus reiner Hilfsbereitschaft erwachsen. Nein, er hat einen viel größeren Plan. Er möchte Herrn Lamprecht in seiner Wohnung einsperren und ihn gleichzeitig von der Außenwelt abschneiden. Jannik macht, auch aus Zuneigung zu Tai, bei der Aktion mit. Doch irgendwann fragt er sich, ob nicht mehr hinter der Idee steckt und er nur ausgenutzt wird.
Die eigentliche Geschichte mag zunächst sehr klar und gleichzeitig denkt man sich, dass sie ja nicht so lange andauern kann. Aber es ist das genau Gegenteil, da tatsächlich mehr hinter Tais Handlungen steckt und sich die Persönlichkeiten sehr interessant entwickeln. Und selbst wenn man denkt, dass jetzt alles irgendwie klar ist und nun nur noch eine kurze Szene folgt, gibt es eine interessante und gleichzeitig nachvollziehbare Wendung, die die Lesefreude noch weiter steigert.
Ich muss gleich vorwegsagen, dass ich den Stil von Axel Ranisch richtig mag. Er schreibt persönlich, spannend, amüsant und beschreibt Szenen und Menschen in einer angenehmen Länge und Tiefe. Seine Sprache ist jung und ein bisschen frech, aber nicht permanent unter der Gürtellinie oder irgendwie schlüpfrig. Die Wahl der Wörter ist einfach immer passend und man hat das Gefühl, dass man mit Jannik auf dem Fahrrad saust oder gerade persönlich seine Eltern kennengelernt hat. Gleichzeitig ist man wütend, wenn Tai sich wieder etwas ausgedacht hat. Und hin und wieder hat man auch Mitleid mit Herrn Lamprecht.
Aufgrund der Sprache und der angenehmen Satzstruktur liest man sich sehr leicht in den Text ein und mag das Buch gar nicht mehr weglegen. Man liest es sozusagen einfach weg und wird dabei sehr gut unterhalten.
Ach was rede ich hier, man sollte dieses liebevolle und humorige Buch einfach lesen und sich daran erfreuen!

Bewertung vom 01.02.2018
Was bleibt, sind wir
Santopolo, Jill

Was bleibt, sind wir


ausgezeichnet

Ich gebe zu, dass es sich wieder um ein Buch handelt, an das ich mich erst gewöhnen musste. Generell kann ich mich noch immer nicht automatisch mit Liebesromanen anfreunden. Und wenn sie dann einen eher konstruierten Anfang haben und teilweise recht schnulzig herüberkommen, bin ich beim Lesen erst einmal demotiviert. Doch das Buch hat mich letztendlich positiv überrascht.

Bei ihrem ersten Treffen studieren Lucy und Gabe gerade. Sie besuchen dasselbe Shakespeare-Seminar und sind sich rasch sympathisch. Doch kaum haben sie sich getroffen, wird ihre Welt von der einen auf die anderen Sekunde total verändert. Der Tag ihre Kennenlernens ist der 11. September 2001 und obwohl sie nicht direkt von den Angriffen auf die Twin Towers betroffen sind, beeinflusst der Tag ihre Beziehung nachhaltig. Sie scheinen Seelenverwandte zu sein, doch werden sie schnell wieder voneinander getrennt. Als sie sich später wiedersehen, beginnt eine turbulente Liebesgeschichte, deren Verlauf jedoch sehr überraschend ist.

Jill Santopolo beschreibt in ihrem Buch eine enge Liebesbeziehung, die ein ganzes Leben anhält, obwohl die beiden Partner nicht immer zusammen sind. Lucy erzählt die Geschichte zuerst nach und beschreibt Gabe dann auch den Verlauf ihrer eigenen Geschichte und geht auf ihre Gefühle ein, die ihm wohl nie so recht bewusst waren. Allerdings erhält man keine Antwort von ihm.
Santopolos Sprache ist angenehm locker und leicht. Sie verwendet keine komplizierte Satzstruktur oder Fremdwörter kommen kaum vor. Daher einet sich das Buch als seichte Lektüre nebenbei. Dadurch hat man aber auch manchmal den Eindruck, dass sie wiederum zu flapsig formuliert. Die eingefügten Shakespeare-Zitate wirken dann etwas deplatziert. Zudem gleitet sie hin und wieder ins kitschige ab. Andererseits passen diese Aspekte dann wieder in die Beziehung von Lucy und Gabe irgendwie hinein. Dadurch wirkt das gesamte Konstrukt dann doch wieder natürlich.

Fazit: Ein leichter Roman, den man locker nebenbei lesen kann. Er ist zwar intellektuell nicht sonderlich anspruchsvoll, sorgt aber für einige warme Herzmomente.

Bewertung vom 05.12.2017
Unsere verlorenen Herzen
Sutherland, Krystal

Unsere verlorenen Herzen


ausgezeichnet

Ich sehe den Einband und denke: Igitt. Diese herzen wirken abschreckend. Nach dem Lesen des Klappentextes seufze ich nur und frage mich, ob ich wohl schaffe dieses Buch bis zum bitteren Ende zu lesen. Diese Frage stelle ich mir auch noch als ich die ersten Seiten lese und in eine amerikanische Highschool eintauche.
Doch schnell hat mich Henry mit seiner Art für sich gewonnen und ich möchte ihn gerne auf seiner Reise zu den unentdeckten Gebieten der ersten Liebe begleiten.
Seine Familie und seine Freunde sind etwas sonderbar und gleichzeitig irgendwie so, dass man sie unbedingt kennenlernen möchte. Da auch Henry nicht als durchschnittlicher 17-jähriger Junge in eine Schublade gesteckt werden kann, ist es nicht verwunderlich, dass er sich in dieses neue Mädchen (Grace) verguckt, die in Jungsklamotten rumläuft, sich anscheinend nicht täglich wäscht und konsequent den Kontakt mit anderen meidet. was sie ein wenig geheimnisvoll macht ist ihr Hinken und der Stock, ohne den sie anscheinend nicht laufen kann.
Doch Henry erkennt hinter der schmuddeligen Fassade eine gewisse Zerbrechlichkeit und fragt sich, was diesem Mädchen passiert sein muss. Über die gemeinsame Arbeit an der Schülerzeitung, die Grace aufgezwungen wurde und Henrys großer Traum ist, kommen sie sich näher. Irgendwann muss man aber sagen, dass sie sich vielleicht ein wenig zu nahe gekommen sind.

Dieses Buch ist eindeutig kein Werk für kuschelige Stunden am Kamin und es macht vielleicht auch nicht glücklich. Nein, es ist noch nicht einmal so geschrieben, dass man es als literarischen Knaller oder extravaganten Text bezeichnen könnte. Manchmal hatte ich sogar Fragezeichen über dem Kopf, weil Bezüge aus dem amerikanischen Alltag auftauchten, die mir einfach nicht geläufig sind.
Und trotzdem ist es ein gelungenes Buch, weil es voller Sarkasmus, Witz und Liebe steckt. Eine Liebe, die aus dem Alltag stammt und nicht zu einer Fantasiewelt und Fantasiefigur gehört. Man erinnert sich an seine eigene Jugend oder sieht Parallelen zu momentanen Situationen. Man trauert mit den Protagonisten, man ärgert sich und möchte in manchen Situationen Backpfeifen verteilen. Aber am Ende schlägt man das Buch zu und geht mit dem Gefühl zurück in den Alltag, dass es immer weiter geht. Man sollte immer nach vorne schauen und auch wenn man das Ende des Weges noch nicht sieht, weiß man doch schon, dass an einer Abzweigung oder am Wegesrand ein wunderbarer Mensch stehen wird, der eine Bereicherung für das Leben und das Herz sein wird.

Bewertung vom 13.08.2017
Die Geschichte der Bienen
Lunde, Maja

Die Geschichte der Bienen


ausgezeichnet

Den meisten Menschen ist nicht unbedingt bewusst, dass gerade Bienen in unser aller Leben eine entscheidende Rolle spielen. Doch wenn man nur einmal ganz kurz darüber nachdenkt, welche Rolle diese keinen Geschöpfe in unserer Umwelt spielen, sollte eigentlich klar sein, dass wir sie unbedingt schützen müssen.
Maja Lunde stellt uns auf drei verschiedenen Zeitachsen Menschen vor, die in irgendeiner Weise mit Bienen zu tun haben. Dabei nimmt sie uns nicht nur in unterschiedliche Zeiten, sondern auch verschiedene Regionen mit. Zunächst lernen wir Tao kennen, die im Jahr 2098 in China lebt. In ihrer Welt gibt es keine Bienen mehr und die Weltbevölkerung wurde stark dezimiert. Die Nahrung ist sehr knapp und daher stark rationiert. Die Menschen sind hauptsächlich mit der Bestäubung von Pflanzen beschäftigt, da irgendjemand die Arbeit der Bienen übernehmen muss. Man kennt diese kleinen Tiere eigentlich nur noch aus Büchern oder alten Fernsehaufnahmen.

Während Tao das zeitliche Ende der Geschichte darstellt, steht William am Anfang. Er lebt mit seiner Familie in der Mitte des 19. Jahrhunderts in England, wo er Biologie und erfolgreicher Samenhändler ist. Doch aufgrund einer Depression ist er momentan ans Bett gefesselt und weder seine Forschungen noch sein Laden sind sonderlich erfolgreich. Damit hängt natürlich auch eine Art wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Niedergang der Familie zusammen, da der Ernährer sich nur noch im Bett befindet, kaum wäscht und die Kommunikation mit ihm sehr eingeschränkt verläuft. Doch dann schafft es sein Sohn Edmund, die Lebensgeister in ihm zu erwecken.
Zwischen den beiden Erzählsträngen befindet sich George, der mit seiner Frau im Jahr 2007 in Ohio lebt. Er hat eine kleine Farm, auf der er Honig produziert. Zudem fährt er mit seinen Bienen ein bisschen durchs Land und verleiht sie sozusagen zeitweise an andere Farmer, die so ihre Pflanzen bestäuben lassen. Da George nicht mehr der Jüngste ist, plant er seinen Hof so umzugestalten, dass er ihn zukunftsfähig an seinen Sohn Tom übergeben kann. Doch Tom hat an der Universität eine ganz andere Leidenschaft entdeckt.
Maja Lunde schafft es die drei recht unterschiedlichen Erzählstränge so zu verknüpfen, dass die Beziehungen zwischen ihnen nur als lockere Fäden angedeutet werden und sich erst im Verlauf des Buches enger ziehen. Gleichzeitig ist aber auch jeder Teil so spannend, dass man unbedingt weiterlesen will. Man möchte dabei aber nicht einen der drei Teile auslassen, sondern jeden für sich weiterhin verfolgen. Zudem ist der Inhalt der einzelnen Abschnitte so konstruiert, dass beim Lesen ein sehr ambivalentes Gefühl aufkommt. Wenn es für den einen Protagonisten gerade aufwärts zu gehen scheint, ist in der anderen Zeitschiene ein Niedergang zu spüren und im dritten Teil steht man zwischen den Stühlen. Dabei werden die Figuren so wunderbar dargestellt, dass man eine unglaubliche Nähe spürt. Man steht neben George bei seinen Bienen, man kann Williams Enttäuschung fast körperlich wahrnehmen und man kann das leid Taos nachempfinden. So wächst man mit ihnen und ihren Familien im Laufe der Lektüre zusammen, obwohl sie sich doch alle an verschiedenen Orten und in verschiedenen Zeiten befinden.

Dabei lernt man die wichtige Rolle der Bienen für diese Menschen und ihr eigenes Leben kennen, entdeckt aber auch den Wert der Tiere für unser aller Leben. Lunde nutzt hierfür selbst in drastischen Momenten eine eher leise Sprache, die aber tief in den Leser eindringt. Sie ist nahezu frei von Oberflächlichkeiten, lässt sich aber hervorragend lesen. Man kann alle Gedankengänge sofort nachvollziehen und versteht auch die technischen Aspekte ohne ein bestimmtes Hintergrundwissen. Die Autorin schafft es einerseits das Herz der LeserInnen zu erwärmen, ohne das sie dabei in die kitschige Ecke gerät. Und gleichzeitig schafft sie es zu mahnen, ohne den Zeigefinger zu erheben. Dass sie dadurch zu einem eher seichten Ende gelangt, mag ihr verziehen sein.

Bewertung vom 24.05.2017
Die Gestirne
Catton, Eleanor

Die Gestirne


gut

Bei dem Buch "Die Gestirne" handelt es sich nicht nur um ein sehr umfangreiches Buch über die Goldgräberzeit Neuseelands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, sondern auch um ein sehr vielschichtiges Exemplar.

Eleanor Cotton war mir vorher kein Begriff und daher war ich verwundert, dass sie schon so viele Preise erhalten hatten. Aber da man ja solche Preise in den meisten Fällen nicht ohne Grund erhält, habe ich mich beschwingt in das Leseabenteuer gestürzt. Zunächst fühlte ich mich aber etwas überfahren, da die Personen, Orte und Ereignisse sehr umfangreich beschrieben werden. Normalerweise finde ich das toll, aber hier hatte ich hin und wieder den Eindruck, dass die Autorin dem Leser nur ihr erworbenes Wissen darlegen will. Ich habe mich daher zunächst etwas gesträubt weiterzulesen.
Allerdings habe ich dann schnell festgestellt, dass der Genuss erst mit einer gewissen Leselänge einsetzt. Das Werk kann man nicht einfach nebenbei in der Bahn oder dem Bus lesen. Die Kraft der Worte und der Umfang haben erst einen positiven Effekt, wenn man ca. 50 Seiten am Stück liest. Dann taucht man in eine wundervolle Welt, deren Protagonisten sich ganz anders entwicklen als man es am Anfang gedacht hat. Und auch erst dann merkt man, dass die Wortwahl und die Satzstruktur ein angenehmes und rhythmisches Lesetempo entwickeln lassen.
Trotzdem bin ich nach dem Lesen nicht extrem begeistert. Ich finde, dass es sich um ein gutes Buch mit einer tollen Geschichte in einem historischen Rahmen handelt. Mehr aber auch nicht.

Bewertung vom 17.04.2017
Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen
Kelly, Jacqueline

Calpurnias (r)evolutionäre Entdeckungen


ausgezeichnet

Ein heißer texanischer Sommer im Jahr 1899. Calpurnia ist elf Jahre alt und lebt gemeinsam mit ihren Eltern, den sechs Brüdern und dem Großvater auf einem recht großen Anwesen, welches von zahlreichen Pekannussbäumen und einer stattlichen Baumwollplantage umgeben ist. Die Familie genießt in der Gegend ein recht hohes Ansehen und daher wird von den Kindern auch ein entsprechendes Verhalten verlangt und sie erhalten eine passende Schulbildung. Dass zur damaligen Zeit die Schulbildung der Mädchen auf viele handwerkliche Tätigkeiten bezogen ist, gefällt Calpurnia gar nicht. Einerseits liegt es daran, dass sie recht ungeschickt ist und keinen richtigen Sinn in dem Erlernen der diversen „Frauentätigkeiten“ erkennt. Schließlich gibt es genügend Menschen, die das Kochen, Putzen oder Stricken beruflich ausüben. Andererseits schlummert in ihr auch eine große Entdeckerin, die die Natur liebt und die Zusammenhänge verstehen möchte.

Allerdings findet sich in der Familie kein Vertrauter, der ihre Sehnsucht nach Freiheit und ihren Drang nach naturwissenschaftlicher Bildung nachvollziehen kann. Calpurnia würde dies auch nicht so ausdrücken. Für sie ist es mehr ein Gefühl, dass sie nicht in die für sie vorgesehene Rolle passt und dass da draußen doch noch mehr sein muss. Das Schwanken zwischen Alltagsleben und einem diffusen Verlangen erfährt eine Änderung als Calpurnia sich mit einer Frage an ihren Großvater wendet und dieser seine Enkelin zum Nachforschen anregt. Da er selbst einmal in einem Gespräch mit dem Pfarrer über ein Werk von Charles Darwin gesprochen hat und der erwähnte Inhalt etwas mit Calpurnias ersten Forschungsfragen zu tun haben könnte, nutzt sie einen Ausflug in die Stadt, um an das Buch zu gelangen. Allerdings hatte sie nicht mit der Empörung gerechnet, die ihr aus dem gesamten Leib der Bibliothekarin entgegen springt.

Diese Haltung ist für das Mädchen überhaupt nicht nachvollziehbar, da sie von den Debatten in der Gesellschaft keine Ahnung hat. Wütend berichtet sie ihrem Opa von der Erfahrung. Dieser lässt sie in sein größtes Heiligtum und zeigt ihr in der Bibliothek seine eigene Ausgabe des Buches. Damit ist die Forschungsgemeinschaft endgültig besiegelt und die beiden verbringen jede freie Minute miteinander. Sie erkunden die Natur, führen Experimente durch und philosophieren zusammen. Dadurch eröffnet sich für Calpurnia eine völlig neue Welt und sie scheint nun ein Ziel zu haben: Das Studium an einer Universität.

Jacqueline Kelly schafft es ohne anklagenden Worte die Zerrissenheit des Mädchens an der Jahrhundertwende darzustellen. Sie gleicht die kindliche Leichtigkeit mit der harten Realität ab, zeigt aber gleichzeitig Wege auf, die es Calpurnia ermöglichen könnten glücklich zu werden. Dabei versucht das Mädchen sich anzupassen, wird aber immer wieder von ihrer Neugier überwältigt. Sie möchte den Wünschen der Eltern gerecht werden und gleichzeitig ihre eigenen Ziele verfolgen. Der Großvater gibt nur immer wieder Anstöße, die sie zum Weiterdenken animieren und dazu führen, dass sie bestimmte gesellschaftliche Aspekte infrage stellt, aber auch eigene Interpretationen und Ideen formuliert. Dies verpackt die Autorin in eine sehr humorvolle und wunderbar ansprechende Sprache, die einfach Lesefreude bereitet. Die Satzkonstruktionen sind sehr angenehm in Bezug auf Länge und Verschachtelungen. Die Wortwahl passt zum Thema, der damaligen Zeit und ist für eine breite Zielgruppe angemessen. Jugendliche Leser, die Interesse an Naturwissenschaften und der damaligen Lebenswelt haben werden nicht überfordert, erwachsene Leser werden aber gleichzeitig auch nicht gelangweilt.
Somit enthält die Geschichte alles, was ein wirklich schönes Buch ausmacht und daher kann ich dieses Werk uneingeschränkt empfehlen. Es ist einfach wundervoll.

Bewertung vom 11.04.2017
Die Zeitreise
Goes, Peter

Die Zeitreise


ausgezeichnet

„Die Zeitreise“ hat ein recht großes Format (27,6 x 37,7 x 1,4 cm) mit dem es etwas an die Wimmelbücher erinnert. Und auch im Inneren wimmelt es freudig herum, allerdings nicht so einfach strukturiert wie in den Bilderbüchern. Auf 78 Seiten wird pro Doppelseite ein wichtiges Thema der Erd- und Menschheitsgeschichte angesprochen. Dabei stehen die grafischen Darstellungen stark im Mittelpunkt. Sie sind recht dunkel gehalten und haben einen klaren und auf den ersten Blick eher starren Stil, der allerdings viele Details bereit hält, welche man erst bei einem zweiten oder dritten Blick erfassen kann. Gleichzeitig wird den Betrachtern aber ausreichend Raum für eigene Interpretationen gelassen. Farbliche Akzente werden nur an wenigen Stellen gesetzt, springen dann aber sofort ins Auge.

Zu jedem Thema gibt es einen kurzen Einführungstext, der auch aufgrund des Darstellungsform heraussticht, weil er zusammenhängend und linksbündig abgedruckt wurde. Alle anderen Sätze, Erklärungen und Hinweise bewegen sich wie kleine Wellen um die Bilder. Sie schmiegen sich an, verstecken sich ein bisschen und bringen so eine Art Bewegung in das Bild. Sie geben übersichtliche Informationen und laden zu einem weiteren Entdecken ein, da sie sehr kurz gehalten sind und eher wie kleine Notizen wirken. Gleichzeitig sind diese wenigen Punkte aber auch sehr gehaltvoll und stellen keinesfalls unnützes Wissen dar. Interessant ist, dass die Anzahl der Informationen mit der Zeit zunimmt. Das heißt, dass eher modernere Themen in ihrer Darstellungen zunächst überladener wirken als zum Beispiel die Seiten über die ersten Menschen. Aber schließlich sind die Informationen, die wir aus den letzten Jahrhunderten haben, aufgrund der Sprache und der Schrift auch umfangreicher vorhanden. Gleichzeitig treten auch immer mehr Farben in den Darstellungen auf. Man kann also sagen, dass es sich hier um eine indirekte Spiegelung unserer Gesellschaft handelt, die immer mehr Informationen erzeugt, aber auch vielfältiger wird. Dies mag vielleicht nicht den jungen Betrachtern auffallen wird, aber eventuell in das Bewusstsein der großen „Mitleser“ dringen.

Man kann also zusammenfassend sagen, dass „Die Zeitreise“ ein wirklich interessantes Kinderbuch ist, das durch eine ästhetische Darstellung und prägnante Texte überzeugt. Es ist anders als viele „Erklärbücher“, die vielleicht auf den ersten Blick strukturierter erscheinen, aber doch alle gleich aussehen. Man kann es schon als Kunst für Kinder bezeichnen

Bewertung vom 02.03.2017
Hallo Leben, hörst du mich?
Cheng, Jack

Hallo Leben, hörst du mich?


gut

Der elfjährige Alex schwärmt für das Weltall und hat eine eigene Rakete gebaut, die er auf einem Festival in das All schicken will. Seine Mutter hat nichts dagegen, dass sich der Junge alleine auf den Weg macht. Na gut, wahrscheinlich hätte sie etwas dagegen, wenn sie ihre Umgebung zusammenfassend wahrnehmen würde. Sie hat anscheinend immer wieder depressive Phasen, die so stark werden, dass Alex den gesamten haushält übernehmen muss. Sein größerer Bruder führt mittlerweile ein eigenes Leben und lässt sich leider nur noch selten blicken, kümmert sich aber um die Finanzen. Sein Vater ist angeblich bereits in Alex frühen Jahren verstorben.

Da Alex Mutter wie gesagt keine Einwände erhebt, macht sich Alex, nachdem er für seine Mutter das Essen der nächsten Tage vorgekocht hat, gemeinsam mit seinem Hund auf den Weg in die Wüste zum SHARF. Neben der Rakete möchte er auch einen iPod ins Weltall schicken. Darauf hinterlässt er Nachrichten an eventuelle Bewohner außerhalb der Erde. Darin beschreibt er das Leben der Menschen allgemein und seine gesamte Reise, die sich noch völlig anders entwickelt als es zunächst geplant war.

Jack Chang schreibt in einer lockeren und einfachen Sprache, die sich an jugendliche Leser richtet, aber nicht wirklich aus deren Sprachwelt stammt. Die Geschichte eines kleinen Jungen, der sehr unbedarft auf die Erwachsenenwelt schaut, hatten wir in letzter Zeit schon häufiger. Daher war mein Interesse recht gering. Und als dann in der deutschen Übersetzung auch noch Football und Baseball verwechselt wird, war ich erst einmal frustriert. Doch mit der Zeit entwickelte sich die Geschichte ganz anders als ich es vermutet hatte.

Letztendlich muss man aber sagen, dass es sich um eine nette und angenehm zu lesende Geschichte handelt, die aber kein besonderes Novum ist. Sie erwärmt das Herz und regt ein bisschen zum Nachdenken an. Das war es aber auch leider schon.

Fazit: Nette Geschichte für zwischendurch, aber keine Besonderheit.

Bewertung vom 31.01.2017
Das funktioniert?
Mycielska, Malgorzata; Mizielinski, Daniel

Das funktioniert?


ausgezeichnet

Natürlich klappt nicht alles, aber soll man deshalb gar nichts riskieren? Selbst etwas zu entwickeln, ist ja auch ein Heidenspaß und macht richtig Laune. Und außerdem: Je mehr Versuche, desto höher die Erfolgsaussichten.

In der Menschheitsgeschichte gab es viele Erfindungen, die sinnig und unsinnig waren. Die Bedeutung mancher Entwicklungen wurde den Menschen erst später bewusst oder die Erfindungen haben vielleicht nicht sofort funktioniert, aber andere Wissenschaftler beeinflusst und vorangebracht. Małgorzata Mycielska sowie Alexandra und Daniel Mizielińscy berichten in ihrem gemeinsamen Buch über genau solche Erfindungen. Sie haben sich dafür Entwicklungen herausgesucht, die spannend, lustig oder einfach gigantisch sind. Sie funktionierten nicht alle, haben aber die Gemeinsamkeit, dass sie alle verdammt interessant sind.

Auf zwei Buchseiten wird jeweils die Erfindung mit ihrer kleinen Entstehungsgeschichte vorgestellt. Mit Hilfe von klaren und verständlichen Zeichnungen, denen ein wundervoller Humor innewohnt, wird die Konstruktion schon kleinen Interessenten vorgestellt. Die Länge der Texte und die großformatigen Darstellungen stehen in einem harmonischen Verhältnis, das für Leseinteresse sorgt. Zudem bieten sich die Seiten für eine kurze Leserunde an, laden aber auch zu längeren Betrachtungen ein, da man einerseits viel entdecken kann und andererseits nach Lust und Laune mehrere Erfindungen begutachtet werden können. An die 29 Erfindungen schließt sich jeweils eine Doppelseite an, die den jeweiligen historischen Kontext auf eine sehr witzige Weise darstellt und eine mögliche Verwendung der Gerätschaften im Alltag thematisiert. Hierdurch wird man zum Erzählen eigener erdachter Geschichten, die im Zusammenhang mit den wissenschaftlichen Entdeckungen stehen könnten, angeregt.
Alle Zeichnungen sind in einem angemessenen Farbspektrum gehalten und überfordern daher weder große noch kleine Leser und Betrachter.

Für meinen Testleser (9 Jahre) und mich handelt es ich um eine sehr lustiges und toll aufgebautes Buch, das den eigenen Horizont erweitert und vor allen Dingen Kinder dazu anregt, sich gedanklich über Grenzen hinwegzusetzen. Denn jeder noch so sinnlos erscheinenden Erfindung beruht auf Gedanken, die außerhalb der üblichen Bahnen verliefen. Und was wäre unsere Welt ohne Wissenschaft?

Hinweis: Das Buch wurde 2016 mit dem Leipziger Lesekompass ausgezeichnet!

Bewertung vom 31.01.2017
Was geschah wann?

Was geschah wann?


sehr gut

Der Verlag DK (Dorling Kindersley) ist mittlerweile bekannt für großformatige und reich bebilderte Erklärbücher, die Leser der verschiedensten Altersklasse ansprechen. Dabei werden klassische und sehr aktuelle Themen gleichfalls beachtet.

Der in der Überschrift genannte Titel weist bereits sehr klar auf das Thema des vorliegenden Buches hin. In dem 160-seitigen Buch, welches eine stattliche Größe aufweist (ca. 25,7 cm/30,7 cm), werden über 70 großformatige Karten wichtige Aspekte aus vier historischen Epochen dargelegt. Unterschieden wird zwischen Frühzeit und Antike, Mittelalter, Neuzeit sowie 20. und 21. Jahrhundert. Die geringste Kartenanzahl entfällt auf das Mittelalter, wobei trotzdem die wichtigsten Ereignisse beziehungsweise Prozesse erwähnt werden.

Jedes Kapitel beginnt mit einer Zeitleiste, die sich über zwei Seiten schlängelt und einen guten Überblick über die jeweilige Epoche gibt. Anschließend beginnen gleich die Karten, welche zwar einen thematischen Schwerpunkt haben, aber natürlich auch wie bei klassischen Karten einen geografischen Bezug herstellen. Für jede Karte gibt es eine eigene Legende, die auch wirklich notwendig ist, da die digital erarbeiteten Karten teilweise recht stark gefüllt sind.Man muss aber ganz klar sagen, dass es hier sehr große Unterschiede gibt. Manche Karten wirken recht leer, andere sind sehr voll und zeichnen sich durch viel Text aus. Da die Redakteure sehr darauf bedacht waren, dass die Leserlichkeit trotzdem nicht eingeschränkt ist, fühlt man sich bei manchen Karten zunächst etwas erschlagen. Die Gestaltung ist generell aber sehr klar und farbig, auch sehr modern.

Als Zielgruppe sehe ich eher größere Leser (ab 8) mit Interesse an Geschichte und einem guten Denkvermögen, da manche Zusammenhänge recht komplex sind. Es handelt sich aufgrund der vielen Texte eher nicht um ein Buch, das man gemeinsam mit kleinen Lesern betrachtet. Trotzdem lädt es aber zum Entdecken ein und vermittelt auch wissen, wenn man nicht den gesamten Text liest.

Erwähnen möchte ich auch noch, dass es sich endlich mal um ein Buch mit historischen Themen handelt, welches nicht die rein europäische Perspektive zeigt. So gibt es zum Beispiel auch Karten die sich mit der Öffnung Japans oder Indiens Unabhängigkeit beschäftigen. Gerade solche Themen tauchen leider viel zu selten in anderen Kinderbüchern auf, wecken aber sehr schnell das Interesse von Kindern und Jugendlichen, da ihr Wissen in diesen Bereichen noch sehr oberflächlich ist.

Fazit: Das Buch wirkt zunächst etwas überladen, beinhaltet aber sehr interessante und wichtige Aspekte der Geschichte. Sie werden ziemlich bunt dargestellt, sprechen aber die Zielgruppe dadurch direkt an. Ich empfehle einen dringenden Blick in das Buch und ein Verschenken an interessierte Kinder im Verwandten- und Freundeskreis.