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Benutzername: M.M.
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Danksagungen: 7 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 62 Bewertungen
Bewertung vom 20.12.2018
Hippie
Coelho, Paulo

Hippie


ausgezeichnet

In dem vorliegenden Buch „Hippie“, bestätigt der Autor Paulo Coelho einmal mehr, dass er zu den ganz großen Schriftstellern der Moderne gehört. In kurzen Kapiteln, mit noch kürzeren Sätzen, bringt er ein längst vergessenes Lebensgefühl wieder zum Erwachen – die Hippie Bewegung. Meist wird es von Kindern reicher Leute initiiert (S. 212).

Der Einband zeigt dem Betrachter schon auf den ersten Blick, in welcher Zeit dieser Roman spielt. Es war die Epoche der Hippies mit Flower Power und all den poppigen Farbe. Auf nicht ganz 300 Seiten entführt Paulo Coellho den Leser in diesem „Magic Bus“, der in der Realität doch so unscheinbar aussieht und erweckt wieder das ganze Lebensgefühl der damaligen Bewegung. Von den Alten wegen der wallenden Haare und den mitunter recht wilden Bärten beargwöhnt, machten sich junge Leute auf, sich selbst zu finden oder auch zu verwirklichen, ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, was am Ende dabei herauskommen wird.

Der biographische Roman ist nicht in der Ich-Form verfasst, sondern in der 3. Person, als schreibe der Autor über einen Anderen. Das klingt mitunter etwas befremdlich, als hätte diese ganze Aufbruchsstimmung nichts mehr mit ihm zu tun. Dabei war es seine Jugend, Teil seiner Entwicklung, der erfolgreiche Schriftsteller zu werden, der er heute ist.

Das wichtigste Buch dieser Epoche hieß, „Europe On Five Dollars a Day“, geschrieben von Arthur Frommer. Daneben war noch „die unsichtbare Zeitung entstanden, weil die jungen Leute sich bei diesen Konzerten darüber austauschten, wo sie sich als Nächstes treffen und wie sie die Welt entdecken könnten – ohne in einen Touristenbus steigen zu müssen…“(S.12)

„Eine Legende wird zur Wahrheit, wenn sie nur oft genug wiederholt wird“ (S. 21)

Peru mit La Paz auf einer Höhe von 3.640 Meter, Machu Picchu, von dort nach Bolivien, verlief die Reiseroute der Hippies. Doch Paolo reist mit seiner älteren Freundin nach Brasilien und sie werden entführt. Die Beschreibung dieser Entführung hat es in sich. Doch am Ende kommen sie wieder frei – und gehen getrennte Wege. Paulo führt es auf Umwegen nach Amsterdam und läuft am Dam Karla über den Weg. Karla und ihre wechselnden Männer werden auf S. 196 folgendermaßen beschrieben: „…Sie wäre gern eine Blume gewesen, die, von der Liebe in eine Vase gestellt, in deren immer frische Wasser sie, wie eben gepflückt, auf denjenigen wartete, der den Mut – genau, das Wort: MUT – hatte, sie sich zu nehmen. Aber es kam nie jemand – besser gesagt, die Männer kamen und gingen gleich wieder, ganz verschreckt, weil sie nicht eine Blume in einer Vase vorfanden, sondern eine Naturgewalt, ein Unwetter mit Blitzen, Sturm und Donner“. Welch eine geniale Beschreibung dieser Frau.

Für einen großen Teil der Hippies ist es „IN“ Drogen zu konsumieren, wie andere Menschen Schokolade. Vieles wurde ausprobiert und als Leser bekommt man einen Überblick, was damals alles so auf dem Markt war. Nur vor „The house oft the rising Sun“ warnt Karla ihn, als Paulo unbedingt diesen Drogenplatz kennenlernen will. Vielleicht sind die Abhängigen dort zu abschreckend, jedenfalls verlässt er diesen Platz ohne etwas probiert zu haben. Die Verlockungen haben einen bitteren Beigeschmack. Auch als großes Geld zum Greifen nahe ist, siegt sein gesunder Menschenverstand.

„Magic Bus“ klingt sensationeller als es ist. Dabei handelt es sich um einen alten, klapprigen, ausrangierten Schulbus, mit dem man für wenig Geld bis Kathmandu reisen kann. Im Magic Bus geht es mit einer bunt zusammengewürfelten Gruppe auf große Reise. Jeder dieser Aussteiger, mit denen Karla und Paulo die nächsten Tage auf engstem Raum zusammen verbringen, hat seine eigene Geschichte, die wir nach und nach erfahren. Für jeden von ihnen gibt es einen triftigen Grund aus seinem Leben auszusteigen, andere Erfahrungen zu machen, das Leben in seiner – konträren - Fülle kennen zu lernen. Der Leser bekommt viel kluge und weniger kluge Lebenserfahrung präsentiert.

Bewertung vom 20.11.2018
Die Nacht der Wölfe / Indian Cowboy Bd.1
Rose Billert, Brita

Die Nacht der Wölfe / Indian Cowboy Bd.1


ausgezeichnet

Allein das Cover dieses Buches spricht von Abenteuer und machte mir schon Lust aufs Lesen. Der Protagonist des vorliegenden Romans „Indian Cowboy“ - die Nacht der Wölfe – von Brita-Rose-Billert gehört zu den Ureinwohnern Amerikas. Genauer gesagt, er ist ein Lakota.

Ach, Indianer, wird so manch einer sagen und denkt an Pferde, Pfeil und Bogen, an Kriegsbemalung, Kriegspfad, Feuerwasser und Federschmuck. Vielleicht noch an die Romane von Karl May oder an die vielen Western die in den 60ern gedreht wurde, bei denen Indianer meist die Weißen überfielen, ihren Skalp oder deren schöne Frauen wollten und die guten Weißen gegen die bösen Rothäute gewannen.

In dem vorliegenden Roman lernen wir Indianer der Neuzeit kennen. Sie wohnen größtenteils in ihren Reservaten, wo sie in ihren Traditionen als auch in der modernen Zeit leben können. Für viele der Bewohner ein Drahtseilakt. Der Alkoholismus unter dieser Volksgruppe ist legendär. Direkt zu Beginn des Buches konfrontiert uns die Autorin mit der Problematik des leicht zugänglichen Alkohols, der viele Ureinwohner zerstört. Das ist ein ganz großes Problem sowohl des letzten als auch dieses Jahrhunderts. Dazu kommt vielfach noch die mangelnde Bildung.

Im Vorspann lernen wir Ryan Black Hawk, ein Lakota, im Alter von 16 Jahren kennen, als er trinkt, Gras raucht, und nach einer durchzechten Nacht von seinen Freunden total besoffen und high vor der Haustür seines Elternhauses abgeliefert wurde. Sein Vater greift ihn am Kragen und schleift ihn unter kaltes Wasser, ist bitterböse über dieses Verhalten, doch seine Standpauke dringt nur schemenhaft durch den Alkohol- und Drogennebel in Ryans Hirn. Erst als die Polizei am nächsten Morgen auftaucht und nach dem Fahrer und Beifahrer des Autos fragt, mit denen Ryan die vergangene Nacht unterwegs war, fängt dieser an zu denken. Seine beiden Saufkumpane haben sich mit dem Auto überschlagen und dabei tödlich verletzt.

In diesem Moment nimmt sich Ryan vor, keinen Tropfen Alkohol mehr anzurühren und seinem Leben einen Sinn zu geben. So lernen wir ihn auf den nachfolgenden Seiten in diesem Roman auch kennen - als einen verantwortungsvollen jungen Lakota, der sein Ziel vor Augen hat. Ich muss gestehen, von da an wurde mir Ryan von Seite zu Seite immer sympathischer. Irgendwie sah ich ihn vor mir, mit seinem langen blauschwarzen Haar und der olivfarbenen Haut.

Da die Familie Geld braucht um die Farm zu halten, meldet er sich in einem Rekrutierungsbüro, kommt zur Air Force und wird zu einem Fahrer mit Sonderaufgaben (Personenschützer) ausgebildet. Die Beschreibung der harten Ausbildung bei der US Army, als auch wie es sich als Angehöriger des US Air Force lebt, ist der Autorin gut gelungen und sie bringt dies auf nur wenigen Seiten komplett rüber. Ryans besondere (indianische) Fähigkeiten werden schnell von seinem Vorgesetzten erkannt, gefördert und kommen in seiner neuen Tätigkeit voll zum Einsatz. Er ist präzise, schnell und kann sich völlig lautlos, als auch unsichtbar für seine Feinde, in der Natur bewegen. Das liest sich sowas von spannend, dass ich das Buch nicht mehr weglegen konnte. Der Roman hat aber auch seine komischen Seiten, z. B. als Ryan die Ehefrau und durchgeknallte Tochter eines Vorgesetzten zum Flughafen fahren muss, mit all den Begleiterscheinungen dieser eigenartigen Tour. Selbst auf abfällige, rassistische Äußerungen hat er gelernt, nicht zu reagieren.

Dass Ryan auf Gönner trifft die sein Talent erkennen und schätzen, als auch auf Schurken die ihm nach dem Leben trachten und in eine Falle locken, das versteht sich wohl von selbst. Spannung pur. Es ist ein moder

Bewertung vom 13.11.2018
Die wundersame Mission des Harry Crane
Cohen, Jon

Die wundersame Mission des Harry Crane


sehr gut

Das Buch, „Die wundersame Mission des Harry Crane“ von Jon Cohen ist ein liebenswertes Buch, das den Leser zum Träumen bringt. Was ist real und was ist märchenhaft?
Real ist der Wald, der im Mittelpunkt des Denkens von Harry Crane steht. Was er darüber denkt und sagt gleicht einer Liebeserklärung. Seite 315: „Ein stiller ungestörter Wald ist voller Leben“. Wie wahr! Von Harry hören wir von dem Zusammenleben der Bäume, ihrer Sprache und dass Bäume untereinander kommunizieren, mitunter eine Symbiose eingehen. Wer wie ich in direkter Nähe eines Waldes lebt, bekommt ein Gefühl für das, wovon er spricht. Seite 52 heißt es, „Im Wald verändert sich alles“ und auf Seite 73 „“Der Wald holt sich alles zurück“. Wie wahr. Brachliegende Flächen entwickeln sich von selbst zu lichten Wäldern, auch wenn der Mensch sich nicht darum kümmert. Man schaue sich nur in den National Parks in den USA um. Nach Vulkanausbrüchen oder schweren Waldbränden regeneriert sich der Wald von selbst. Natur pur.
All das liebt Harry Crane seit seiner Kindheit. Die Bäume sprechen zu ihm, weshalb es ganz selbstverständlich für ihn war, dass er in dem baumlosen Wald, bei der Forstbehörde in den USA anheuert und einen Schreibtischjob übernahm. Doch glücklich wurde er dabei nicht. Das Lebendige des Waldes kam für ihn dabei abhanden. Also suchte er sein Glück in der Lotterie, in der Hoffnung, dass er eines Tages den großen Gewinn macht, seine Stelle aufgeben und seine Liebe zum Wald vor Ort ausleben kann. Doch während er dem finanziellen Glück nachrannte, wurde ihm sein größtes privates Glück durch einen Unfall genommen: Seine geliebte Frau Beth.
Harry verarbeitet seine Trauer in Arbeit und noch mehr Arbeit. Alles was seine Kollegen vom Schreibtisch haben wollen, wird bei ihm abgeladen. Erst als sein Bruder eine riesige Summe Dollars als Entschädigung für den Unfalltot seiner Frau erkämpft, bricht Harry aus seinem dumpfen Leben aus. Er flüchtet. Wohin? Natürlich in den Wald.
Doch Harry ist nicht alleine mit seinem Kummer. Bei diesem Wald gibt es Amanda mit ihrer Tochter Oriana. Amand verlor genau zu der Zeit als Beth durch einen Unfall starb, ganz plötzlich ihren Ehemann. Ein großer, kräftiger Mann, strotzend vor Leben stirbt einfach so. Wie sagt man das seinem Kind? Amanda versucht es ihrer Tochter verständlich zu machen, doch Oriana flüchtet sich ins Märchenhafte, wird Dauergast in der örtlichen Bücherei und träumt sich ihre eigene Welt. Glaubt ihren Vater in anderer Gestalt im Wald finden zu können und legt für ihn überall Essen aus.
In dieser Situation treffen Oriana und Harry aufeinander. Natürlich im Wald. Harry zieht in das Baumhaus ein, dass Oriana von ihrem Vater bekam und ist nun seinen Bäumen so nah wie noch nie zuvor. Jeder Baum wird von da an von ihm erobert, indem er bis in die höchsten Gipfel klettert. Das liest sich richtig spannend. Seine Art, die Trauer um Beth zu bewältigen.
Amanda beobachtet diesen seltsamen Menschen, der so mir nichts, dir nichts in ihrem und Orianas Leben auftauchte. Zu ihrer Freude stellt sie fest, dass Harry ihrer Tochter hilft, über den Verlust des Vaters hinweg zu kommen. Zusammen lesen Harry und Oriana das Buch des alten Grum. Seite 188: „Dazu sind Bücher doch da, oder? Um einen zu trösten, zu beruhigen, auf andere Gedanken zu bringen“. Denn, S. 196: „Alles hat eine Geschichte“.
Bis etwas zum 20. Kapitel hat mich dieses Buch völlig in seinen Bann gezogen und ich hätte nicht nur 5, nein am liebsten 6 Sternchen vergeben. Doch ab da wird es mir zu märchenhaft und es war nicht mehr so mein Buch. Vielleicht bin ich einfach zu realistisch für das, was auf den folgenden Seiten noch kommt.
Im Grunde besteht „Die wundersame Mission des Harry Crane“ aus zwei Büchern, einem realen und einem märchenhaften, die zu einem Roman zusammen gefügt wurden.
Am Ende noch ein Satz, der mir besonders gefiel: „Lieben und loslassen, das ist der ewige Kreislauf“.

Bewertung vom 10.11.2018
Mit der Faust in die Welt schlagen
Rietzschel, Lukas

Mit der Faust in die Welt schlagen


sehr gut

„Mit der Faust in die Welt schlagen“. Der Wut und dem Frust Ausdruck verleihen, doch damit nichts lösen.

Wir sind in den Jahren 2000 – 2004 in Ostsachsen. Die Wiedervereinigung/Wende liegt 10, bzw. 14 Jahre zurück. Die Industrie der DDR erwies sich zu großen Teilen als zu veraltet und nicht zukunftsfähig. Fabrikruinen zeugen davon. Was nicht wirtschaftlich arbeitete wurde abgewickelt. Das sind die Gesetze des Marktes. Ein Schock. Was früher dem Leben dieser Menschen in dem kleinen Ort in Ostsachsen einmal Struktur gab, ist nicht mehr. Die bisherige Ideologie hat keinen Bestand mehr. Seite 132 über gesprengte Schornsteine: „Mit jeder Sprengung verschwindet ein Relikt ihrer Geschichte“. Besser kann man das Lebensgefühl dieser Menschen nicht ausdrücken. Die Angst über den Verlust ihrer eigenen Identität.

Vor diesem Hintergrund spielt der Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ von Lukas Rietzschel. Das ganze Buch wird getragen von einer düsteren Stimmung. Dazu schreibt der Autor vielfach in kurzen, abgehackten Sätzen.

Wir lernen eine ganz normale Familie kennen, Vater, Mutter, 2 Söhne und die Großeltern. Mit der neuen Zeit hat man sich inzwischen arrangiert. Die Mutter arbeitet als Krankenschwester und der Vater ist Handwerker. Die Familie kann sich jetzt endlich ein Eigenheim bauen. Aufbruch. Als Gast dieser heilen Familie kommt Uwe dazu, ein ehemaliger Arbeitskollege des Vaters. Ein guter Arbeiter und Kumpel, jedoch arbeitslos. Seine Frau hat ihn verlassen und ist in den Westen. Es wird gemunkelt er war IM bei der Stasi, habe seine Frau bespitzelt. Ob es stimmt oder auch nicht, weiß der Leser bis zum Ende nicht genau. Er gehört zu den Verlierern der Wende und ertränkt seinen Kummer in Alkohol.

Wir gehen mit den beiden Söhnen Philipp und Tobias zur Schule, lernen deren Lehrer und Freunde kennen. Dort tauchen erstmals Nazi-Symbole auf, die mit Tüchern verhängt und dann entfernt werden. Auf die Frage was das sei, bekommen die Kinder keine erklärenden Antworten. Über die Bedeutung dieser Symbole schweigt man sich aus. Es wäre der Einstieg zu einer Vergangenheitsbewältigung. Doch darüber redet man nicht. Nur so viel sagt der Rektor, sie sollten sich von bestimmten Jugendlichen fernhalten. Verbote hatten schon immer einen besonderen Reiz, so auch hier.

Im 2. Buch, es beschreibt die Jahre von 2004 – 2006 baut sich langsam die Gewalt auf. Ist es mangelnde Bildung? Auf jeden Fall jugendliche Selbstüberschätzung, gepaart mit jugendlicher Überheblichkeit. „Die Schule ist blöd und auf dem Gymnasium lernt man nur Zeug, das man später nie braucht“, ist ein Vorwand, sich beim Lernen nicht anstrengen zu wollen. Bequemer ist es, den vermeintlichen Wortführern des neuen Freundeskreises nachzurennen, deren Sichtweisen zu den eigenen zu machen. Man braucht ein Feindbild. Es bieten sich die Amis mit 9/11 an, doch die sind zu weit weg. In greifbarer Nähe leben die Sorben. Wahrscheinlich könnten es auch Türken, Araber, Juden oder sonst wer sein. Hauptsache man kann ein Feindbild aufbauen um sich selbst gut zu fühlen. Die Ausgrenzung der Sorben ist ein weiterer Schritt. Auf Seite 150 lesen wir von einem dtsch. Bad und dem sorbischen Bad. Der Leser sieht sich mit dem Neid der Menschen untereinander konfrontiert: „Denen ging es immer besser als uns“. Endlich einen Sündenbock. Wo Neid ist, kommt auch Aggression ins Spiel. Langsam schaukelt es sich höher. Dass der Vater von Philipp und Tobias die Familie verlassen hat und zu seiner neuen Freundin gezogen ist und somit der Mensch aus dem Leben der Brüder verschwindet, der ihnen im Alltag hätte Ratgeber und Freund sein können, macht es für Tobias und Philipp noch schwerer, sich im Leben einzurichten und einen Platz zu finden. Von nun an geben die neuen Freunde Philipp und Tobias vor, was richtig und falsch ist.

Am Ende eskaliert die ganze Situation. Es wird "mit der Faust in die Welt geschlagen", aber nichts geändert.

2 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 22.10.2018
Arminuta
Di Pietrantonio, Donatella

Arminuta


ausgezeichnet

Was empfindet ein Mädchen, dass mit 13 Jahren plötzlich erfährt, dass ihre Eltern gar nicht ihre Eltern sind? Die heißgeliebte Mutter stellt sich als die Cousine ihrer leiblichen Mutter dar und sagt dabei gleichzeitig. die richtigen Eltern wollten sie nun zurück haben. "Arminuta" von Donatella Di Pietrantonio lässt den Leser an diesem sozialen Abstieg teilhaben.

Erzählt wird aus der Sicht von Arminuta.

Aus einem schönen Leben in einem Haus in Strandnähe, mit eigenem Zimmer und schönen Kleidern, wird sie trotz ihres Protestes zu ihrer unbekannten Familie gebracht. Welch ein Schock! Ihre leibliche Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen. Der Vater arbeitet in einer Ziegelei und verdient nur das Nötigste. Die Brüder entpuppen sich als Gelegenheitsarbeiter, die nächtelang außer Haus bleiben und dabei auch krummen Geschäften nicht abgeneigt sind. Schlafen die Brüder mit den Mädchen in einem Zimmer, so dass diese alle körperlichen Regungen ihrer Brüder mitbekommen, so muss Arminuta mit ihrer jüngeren Schwester, die nachts immer wieder einnässt, von nun an sogar das Bett teilen. Zu Beginn hat diese Familie nicht mal einen Platz für sie.

Warum wollten diese Leute ihr Kind zurück, wenn sich niemand freut dass sie da ist? Dass man sie über den Grund ihrer Rückkehr belogen hatte, wird dem Mädchen, welches man im Dorf nur noch Arminuta nennt, schnell klar. Ganz bestimmt ist ihre frühere Mutter schwer erkrankt oder womöglich schon gestorben, sonst hätte sie nie gewollt, dass sie so leben muss. In ihrem Kopf spielt Arminuta alle tragischen Möglichkeiten durch, die dazu haben führen können, dass sie aus ihrem früheren "Paradies" vertrieben wurde.

Anfangs fühlt sie sich wie das 5. Rad am Wagen, als ungebetener Esser. Erst langsam erobert sie sich mit Hilfe ihrer Schwester ihren Platz in der Familie. Diese Schwester, die mit 10 Jahren die Mutter bittet, sie zu schlagen, damit Arminuta keine Gewalt erleben muss. Sie sei daran gewöhnt. Wie sehr muss dieses Kind die neue Schwester lieben.

Armut - Verbitterung - Gewalt scheinen in dieser Familie Hand in Hand zu gehen. Ist die richtige Mutter lieblos oder ist sie nur durch die Armut und das entbehrungsreiche Leben so geworden? Als Leser hinterfragt man diese Familienstruktur. Erst als der älteste Bruder durch einen Unfall sein Leben verliert, zeigt die Mutter Gefühl - unendliche Trauer um ihren verlorenen Sohn. Auf einmal fühlt man als Leser mit dieser Frau, deren Leben nur wenige Freuden für sie bereit hielt. So sieht Armut aus.

Wollte Arminuta zu Anfang ihre neue Familie schnellstens wieder verlassen, so keimt im Laufe der Zeit eine geschwisterliche Liebe zu ihrer Schwester auf, die sie lehrt in der Armut zu überleben. Die beiden Schwestern geben sich gegenseitig Trost und am Ende bleibt mir als Leser die Hoffnung, dass Arminuta ihrer Schwester hilft, aus diesem trostlosen sozialen Umfeld auszubrechen.

Mir gefiel besonders die Sprache dieses Buches. Diese gab mir als Leserin das Gefühl, als lebte ich mitten in dieser Familie, säße mit ihnen am Tisch, wenn es ein ärmliches Mahl oder auch einen fetten Schinken gab, von dem alle ein Stück abhaben wollten.

Die Autorin muss man sich merken. Sie hat dem Leser etwas zu sagen. Ein großes Lob auch an die Übersetzerin.

Bewertung vom 22.10.2018
Am Anfang des Weges / Die Fotografin Bd.1 (2 MP3-CDs)
Durst-Benning, Petra

Am Anfang des Weges / Die Fotografin Bd.1 (2 MP3-CDs)


sehr gut

Sobald ich das Cover dieses Hörbuches "Die Fotografin" von Petra Durst-Benning sah, wurde auch sofort meine Neugierde geweckt. Man weiß auf den ersten Blick, in welcher Zeit dieser Frauenroman spielt - in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts. Das ist gleichzeitig auch das Außergewöhnliche an diesem Buch, denn das Leben vieler Frauen dieser Zeit war vorprogrammiert. Sie fügten sich in die Erwartungen ihrer Eltern und sahen ihre eigene Erfüllung in einer guten Heirat und der Erziehung der Kinder. Wer arbeiten musste, war damals durchweg sehr arm.

Doch die Protagonistin Mimi hat ganz anderes im Sinn. Zwar ist sie mit Heinrich, einem angehenden Pfarrer befreundet und ihre Eltern erwarten eine baldige Eheschließung, doch noch rechtzeitig entdeckt Mimi, dass sie in dieser Rolle nicht glücklich werden würde. Sie wird Wanderfotografin wie ihr Onkel Josef, den sie bewundert.

Was mir an diesem Buch sehr gefiel ist, die Autorin lässt immer wieder Historisches einfließen, das sie gut recherchiert hat. Auch über die Leinenweberstadt Laichingen, in der Mimi letztendlich landet, als sie ihren Onkel Josef besuchen will da er erkrankt ist und Pflege braucht. Die gedrückte Stimmung in dieser Stadt, mit der Armut der Menschen die als Weber arbeiten müssen da es sonst nichts gibt um Geld zu verdienen, bringt die Autorin sehr gut rüber. Der Arbeitgeber in seiner Gier, sein Gehilfe der ihm zu Diensten ist und alles tut sein Wohlgefallen zu erringen, wurden mir beim Hören regelrecht gegenwärtig. In Gedanken sah ich die Leute in ihrer abgetragenen Kleidung am Tisch sitzen, vor einem Teller mit schwarzem Brei. Die Armut ist überall greifbar und man fühlt sich beim Hören fast mitten drin. Der Autorin ist ein sehr interessantes Spiegelbild der damaligen Lebensumstände gelungen. So dürfte es in vielen Familien tatsächlich ausgesehen haben. Frauen die Kinder kriegen, die sie nicht ernähren können und die ihnen in den Armen sterben, wie bei Eveline.

Über den vielschichtigen Inhalt dieses Hörbuches möchte ich sonst nichts erzählen.

Lediglich das plötzliche Ende der Hör-CD war unangenehm. Aber wie ich nun weiß, es gibt eine Fortsetzung. Die Geschichte ist auch noch nicht zu Ende erzählt, denn es fehlt noch der nötige Schuss Romantik.

Normalerweise stehe ich nicht so auf Frauenromane, aber dieses Hörbuch hat mir, in seiner Ausgewogenheit von Roman und Informationen sehr gut gefallen. Es ist ein Hörbuch das ich sehr gerne empfehle, da es handwerklich gut gemacht ist.

Bewertung vom 17.10.2018
Stärker denn je
Rosenkranz, Déborah

Stärker denn je


ausgezeichnet

"Stärker denn je", ein Buch oder soll ich besser sagen Lebensbericht von Déborah Rosenkranz, der es in sich hat. Als ich am Ende angelangte, war ich erst mal einige Tage völlig sprachlos angesichts dessen, was die Autorin den Leser von sich wissen lässt. In diesem Buch erlaubt uns Déborah, dass wir ganz tief in ihre verletzte Seele schauen. Was wir da erblicken, lässt niemanden unberührt.
Das Cover zeigt uns eine strahlende Frau, mit leuchtenden Augen, einem lachenden Mund und langen, blonden Haaren. Im Grunde das wahrgewordene Klischee oder der Inbegriff einer aktiven und erfolgreichen Frau, die ihr Leben fest in den eigenen Händen hält.

Doch auch solche Frauen haben eine verletzbare Seele.

Die Geschichte beginnt, als sich Déborah Hals über Kopf in einen wundervollen, charismatischen Mann (Luc) verliebt, der ihr das Gefühl gibt, endlich den Menschen gefunden zu haben, den sie für ihr Leben braucht. Wie heißt es? Die Liebe macht einen blind.

So auch Déborah. Es scheint, als habe sie den Märchenprinzen getroffen, von dem alle kleinen Mädchen träumen. Sogar ihre Gedanken und ihre christliche Lebenseinstellungen scheinen auf gleicher Wellenlänge zu sein. Welch ein seltenes Glück!

Doch die dunklen Wolken bleiben nicht aus. Luc verlangt von Déborah, dass sie sich ihm immer mehr widmet, unterordnet und ihren eigentlichen Lebensinhalt - die Musik - schleifen lässt. Ja, dass sie sich von ihrem engsten Mitarbeiter trennt und sich voll auf ihn, Luc, konzentriert. Die ersten Anzeichen, dass diese große Liebe vielleicht doch recht einseitig ist und nur ungenügend erwidert wird, zeigen sich recht schnell. Doch wie oben geschrieben, Liebe macht blind. Déborah will die drohenden Wolken nicht sehen, nimmt sich immer mehr zurück damit die Liebe erhalten bleibt. Das geht so lange bis von ihr, der erfolgreichen, christlichen Sängerin, nicht mehr viel übrig ist. Trotz allem Sich-Selbst-Kleinmachen und Anpassen kommt unweigerlich die Trennung von Luc.

Was danach kommt ist Liebesleid in größtem Ausmaß. Natürlich sagen die Leute beschwichtigend, jeder hat mal Liebeskummer im Leben und glaubt es nicht aushalten zu können. Doch für den, der dies gerade erlebt ist es die größte Pein. All das bringt Déborah dem Leser rüber.

Déborah Rosenkranz lässt uns nicht nur an ihrem anfänglichen Liebesglück teilhaben, sondern auch später an dem ganzen Leid, dass sie zu zerbrechen droht bis hin zu ihrem neuen Lebensmut. Vor allem aber daran, woran sie sich immer wieder festhält: Ihrem unerschütterlichen Glauben an Gott, seiner Gnade, Liebe und Hilfe.

Immer wieder streut sie Bibelverse oder Psalmen in den Text ein, dass man als Leser das Gefühl haben könnte, diese Zeilen wurden extra für sie geschrieben und warteten immer nur darauf, von ihr entdeckt und beherzigt zu werden. Welch tröstenden Worte!

"Stärker denn je" ist ein junges Buch und vom Schreibstil stark amerikanisch angehaucht. Es ist viel vom Weinen die Rede. Jedoch, wenn man bedenkt, dass Déborah in den USA wo es ein großes Feld für christliche Musik gibt, erfolgreich ist, kann man dies entsprechend einordnen.

Besonders gefiel mir das Ende ab dem 15. Kapitel, als sie ihr Handeln selbst reflektiert. Die folgenden Seiten zeigen eine nachdenklich gewordene Déborah Rosenkranz. Auf Seite 202 beschreibt sie, wie schnell sich Frauen auf eine Beziehung einlassen - viel zu schnell, oftmals aus Angst, sonst verlassen zu werden. Dazu noch etliche andere kluge Gedankengänge.

Dieses Buch kann vielen (jungen) Frauen in ihrem unendlichen Liebeskummer/Liebesleid eine große Hilfe sein. Vor allem die Erkenntnis, dass zuerst etwas durchlebt und aufhören muss, damit etwas Neues beginnen kann, dürfte den Betroffenen neuen Mut geben.

Von mir ohne Kommentar.
Seite 205: "Protect the gift" (Beschütze deine Gabe).

Bewertung vom 24.09.2018
Das rote Adressbuch, 6 Audio-CDs
Lundberg, Sofia

Das rote Adressbuch, 6 Audio-CDs


sehr gut

Kurzmeinung: In ihrem Adressbuch hat Doris viele Namen vermerkt und zu jeder Person gibt es eine besondere Geschichte.
Anfang und Ende

Das Cover des Hörbuchs "Das rote Adressbuch" deutet schon darauf hin, dass es sich hierbei um einen Frauenroman handelt.

Es beginnt damit, dass Doris auf ihre Pflegerin wartet, eine nicht sehr einfühlsame Dame. Aber solche Personen soll es ja auch in Pflegeberufen geben. Wir erleben Doris in ihrer körperlichen Eingeschränktheit und wie sie trotzdem ihr Leben in den eigenen vier Wänden meistert. Dieser Anfang berührte mich sehr. Wie viele ältere Menschen leben einsam in ihrer Wohnung, die sie krankheits- oder altersbedingt kaum mehr verlassen können. Doch Doris ist, obwohl schon über 90 Jahre alt, anders. Sie hat keine Angst vor der neuen Technik und hält, obwohl sie meist zu Hause ist, über das Internet Kontakt bis über den großen Ozean.

Doch wenn sie alleine ist, blickt sie gerne auf ihr Leben zurück und lässt den Leser - im Falle des Hörbuchs den Hörer - daran teilnehmen. Von ihrem Vater bekam sie als Kind ein rotes Adressbuch geschenkt, im dem sie alle ihre Lieben, die sie im Laufe ihres Lebens kennen lernt, vermerken soll. Interessante, aber auch boshafte Menschen kreuzen ihren Weg, in unterschiedlichen Lebenslagen.

Doris erzählt auch von ihrer Kindheit, die so liebevoll begann. Doch nach dem Tode ihres Vaters kann die Mutter ihre beiden Töchter nicht ernähren und Doris muss in Dienst gehen. Es beginnt ein hartes und später auch ein sehr schönes Leben.

Sie steigt auf. V om Dienstmädchen zum Model.

In Paris kommt ihr Typ gut an und sie macht Karriere. Doch die Modewelt lässt sie oberflächlich werden. Schöne Kleider und Schuhe fordern nun ihr ganzes Denken. Doch der schöne Schein bekommt auch schnell seine Risse.

In Paris lernt sie Allan ihre große Liebe kennen und verliert ihn nach einigen glücklichen Monaten wieder. Der 2. Weltkrieg steht vor der Tür und die Ereignisse überschlagen sich. Mit ihrer jüngeren Schwester reist sie Allan in die USA nach und hofft dort auf ein glückliches, gemeinsames Leben. Doch der Krieg wirft alle ihre Pläne über den Haufen und das Leben nimmt unerwartete Wendungen. Am Ende landet sie wieder in Stockholm wo ihre Reise begann. Doch was sich in der Zwischenzeit ereignet, hat es in sich. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Bis etwa zur Mitte der 4. CD bekäme dieses Hörbuch von mir auf jeden Fall 5 Sterne als Bewertung. Doch dann wird es für meinen Geschmack doch etwas zu überfrachtet und wirkt auf mich trivial.

Was mir wiederum gegen Ende des Hörbuches sehr gut gefiel ist, dass ihre Nichte sie nicht nur als kranke alte Frau sieht, sondern als Frau, die Wert auf ihr Äußeres legt. Die Haare von Doris werden schön frisiert, Lippenstift und Lidschatten aufgetragen. Auch eine alte Dame hat das Recht sich als Frau und schön zu empfinden. Ein Aspekt, der im wirklichen Leben oftmals vergessen wird.

Die beiden Sprecherinnen tragen viel dazu bei, dass man diesem Hörbuch gerne lauscht.

Bewertung vom 13.09.2018
Die Frauen von Ivy Cottage
Klassen, Julie

Die Frauen von Ivy Cottage


gut

Der historische Roman "Die Frauen von Ivy Cottage" von Julie Klassen ist der zweite Band einer Reihe.
Was mich auf Anhieb faszinierte war das Cover. Es beinhaltet Jane Austin und Charles Dickens gleichermaßen und bekäme von mir auf jeden Fall 5 Sterne.

Die haupten weiblichen Personen in diesem Roman - Rachel, Mercy, Jane und auch deren Schwiegermutter Thora - sind mir noch aus dem ersten Band bekannt. Deshalb hatte ich auch keine Schwierigkeiten sofort wieder in das Geschehen einzusteigen. Doch auch wer den ersten Band nicht kennt, wird sich schnell in die Handlung einfinden und die Personen unterscheiden, bzw. zuordnen können. Jede von ihnen ist auf ihre ganz persönliche Art individuell. Das vorliegende Buch - genau wie der vorherige Band - ist in sich abgeschlossen.

Wir lesen von den Schwierigkeiten der Frauen sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es ist noch die Zeit, da Männer ein Erbe antraten, auch wenn sie nur entfernte Verwandte waren und Töchter/Frauen sehen mussten wo sie blieben und von was sie sich ernähren konnten. Doch die Frauen in Ivy Cottage waren einfallsreich und hatten Durchhaltevermögen. Vor allem, sie hielten zusammen und halfen sich gegenseitig. Ein Roman über Freundschaft und Nächstenliebe, den Anderen in der Not nicht im Stich lassen.

Natürlich spielen auch Männer in diesem Buch eine Rolle. Doch mir kam es so vor, als kämen sie in erster Linie als passender oder gewünschter Ehepartner in Betracht. Hauptsächlich dreht es sich darum, in wen welche Frau verliebt ist und ob der Mann auch in sie verliebt ist - oder in eine andere. Das ist wiederum etwas, das mich störte. Es klang mir einfach zu süßlich. Mir kam es so vor, als seien nahezu alle Männer zu haben, bzw. auf Freiers Füßen. Natürlich spielen auch gesellschaftlichen Zwänge eine Rolle, denen die Menschen der damaligen Zeit wesentlich mehr ausgesetzt waren als heute. Und trotzdem geht es von Anfang an darum: Wer mit wem? In der damaligen Zeit, in der Männer noch nach eigenem Ermessen über Frauen bestimmen konnten, hatte Heirat wohl weniger mit Liebe zu tun, sondern es war vielfach Geld zu Geld. Von den Eltern wurde arrangiert und die richtige Frau für den Sohn, der richtige Mann für die Tochter ausgesucht. Als soziale Hilfe blieb vielen Frauen das Armenhaus. Diese soziale Komponente hätte ich gerne stärker heraus gearbeitet gehabt. Das ist, was die Bücher von Charles Dickens so einzigartig machen.

In dem vorliegenden Buch bestimmen eindeutig die Frauen, was in dem Ort so abgeht - auch wenn der Friedensrichter ein Mann ist.

"Die Frauen von Ivy Cottage" ist voll und ganz ein Frauenroman, Unterhaltungsliteratur. Wer also Liebhaber dieses Genres ist und außerdem noch auf historische Romane steht, der wird vollauf begeistert sein. Zudem liest sich das Buch sehr flüssig.

Ich selbst stehe eher auf Realitätsnähe. Einige Passagen fand ich auch langatmig und es wären etliche Seiten einzusparen gewesen, ohne das der Inhalt darunter gelitten hätte. Aber das ist eine ganz persönliche Einstellung.

Bewertung vom 13.09.2018
Ida, 10 Audio-CDs
Adler, Katharina

Ida, 10 Audio-CDs


ausgezeichnet

Dieses Hörbuch "Ida", nach einem Roman von Katharina Adler, ist ein biographischer Roman ganz nach meinem Geschmack. Das Leben ihrer Urgroßmutter diente der Autorin als Grundlage. Ganz sicher gab es in der Biographie von Ida Leerstellen, die von der Autorin mit viel Einfühlungsvermögen und Phantasie aufgefüllt wurden. So könnte das Leben, die Empfindungen Idas wohl gewesen sein.

Erzählt wird die Lebensgeschichte Idas vom Ende her. Nach ihrer gelungenen Flucht aus Österreich, über Paris und Casablanca kommt Ida in den USA an - ist endlich in Sicherheit. Doch wie eine glückliche Gerettete gibt sie sich nicht. Ida stellt Ansprüche an ihren Sohn Kurt, den Dirigenten, und behandelt dessen Ehefrau schroff. Im Grunde erwartet der Leser eine dankbare und großmütige Haltung, da ihr Sohn alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, seiner Mutter die Ausreise aus Österreich und die Einreise in die USA zu ermöglichen. Doch das ist nicht Idas Art. Sie begehrt auf, wie sie seit ihrem 15. Lebensjahr immer im Leben aufbegehrt hat.

Geboren gegen Ende des 19. Jahrhunderts, in eine wohlhabende, jüdische Familie, wird sie ganz im Sinne der damaligen Zeit erzogen. Es war die Zeit der Doppelmoral. Die Männer - in diesem Fall Idas Vater - tobte sich vor der Ehe aus, infizierte sich mit einer Geschlechtskrankheit und gab diese nach der Eheschließung ohne Skrupel an seine Ehefrau weiter. Männer wurden zu Lebemännern, durften alles und von den Frauen wurde selbstverständlich erwartet, dies zu erdulden. Es wurde entschieden, Dienstmädchen konnten nicht zur Pflege des Familienoberhauptes herangezogen werden, da man ihnen so etwas nicht zumuten durfte. Also muss Ida im Alter von 8 Jahren die Pflege des Vaters übernehmen. Wie schrecklich! Er nennt sie liebevoll "mein Äuglein". Da fragt man sich doch glatt, was hat sich die Mutter, hat sich der Vater nur dabei gedacht, ihrer Tochter so etwas wie die Pflege des geschlechtskranken Vaters zu übertragen? Und da wundert man sich, wenn diese Tochter später kleine Hysterien hat!

Ida lebt ansonsten das Leben einer höheren Tochter, bekommt eine entsprechende Ausbildung in mehreren Sprachen, was sich später als Glücksfall entpuppt. Bereits im frühen Alter erleidet sie sexuelle Übergriffe, auf die Karin Adler aber seltsamerweise nicht genau eingeht. Als Ida ihrem Vater davon berichtet, bezichtigt er sie, alles erfunden zu haben, glaubt dem lüsternen Mann mehr als der eigenen Tochter. Welch eine Schmach für Ida. Der Vater brachte sie zur Therapie zu Dr. Freud, der ihm selbst einmal sehr geholfen hatte. Die Psychoanalyse steckt noch in den Kinderschuhen. Bekannt wird dieser Fall von Sigmund Freud als Fall Dora und ging in die Geschichte der Psychotherapie ein.

Von der Ida, die in einem wohlhabenden Haushalt aufwuchs, später als Ehefrau einen Salon führte, in dem nichts zu kostspielig war, Geld kaum eine Rolle spielte und den Gästen jeder Wunsch an den Augen abgelesen wurde, bis zu der Ida, die in den USA in einer Taschenfabrik Lederstücke zuschneidet um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, liegt ein weiter und steiniger Weg.

Der Autorin ist es sehr gut gelungen, diesen sozialen Abstieg von Ida dem Leser nahe zu bringen. Andere Frauen wären an den ganzen Herausforderungen gescheitert - doch nicht Ida. Ich stelle sie mir als hoch aufgerichtete Frau mit aufrechtem Rückgrad vor. Diese Körperhaltung spiegelt für mich die Persönlichkeit wider. Immer Haltung bewahren.

Als die Nazis auch in Österreich die Oberhand gewinnen ist es für Ida Zeit, ihr geliebtes Wien zu verlassen. Durch Freunde ihres politisch aktiven Bruders kommt sie nach Paris. Doch wie bei so vielen Menschen in der damaligen Zeit überwiegt auch bei ihr die Meinung, dass es schon nicht so schlimm kommen wird. Im letzten Moment kann sie noch Paris verlassen und kommt auf vielen Umwegen endlich in den USA an. Dieser Teil von Idas Leben beschrieb die Autorin so mitreißend, dass ich Zeit und Raum vergaß und völlig in dem Hörbuch versank.