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Benutzername: M.M.
Wohnort: Rheinland Pfalz
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Danksagungen: 8 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 69 Bewertungen
Bewertung vom 10.11.2018
Mit der Faust in die Welt schlagen
Rietzschel, Lukas

Mit der Faust in die Welt schlagen


sehr gut

„Mit der Faust in die Welt schlagen“. Der Wut und dem Frust Ausdruck verleihen, doch damit nichts lösen.

Wir sind in den Jahren 2000 – 2004 in Ostsachsen. Die Wiedervereinigung/Wende liegt 10, bzw. 14 Jahre zurück. Die Industrie der DDR erwies sich zu großen Teilen als zu veraltet und nicht zukunftsfähig. Fabrikruinen zeugen davon. Was nicht wirtschaftlich arbeitete wurde abgewickelt. Das sind die Gesetze des Marktes. Ein Schock. Was früher dem Leben dieser Menschen in dem kleinen Ort in Ostsachsen einmal Struktur gab, ist nicht mehr. Die bisherige Ideologie hat keinen Bestand mehr. Seite 132 über gesprengte Schornsteine: „Mit jeder Sprengung verschwindet ein Relikt ihrer Geschichte“. Besser kann man das Lebensgefühl dieser Menschen nicht ausdrücken. Die Angst über den Verlust ihrer eigenen Identität.

Vor diesem Hintergrund spielt der Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ von Lukas Rietzschel. Das ganze Buch wird getragen von einer düsteren Stimmung. Dazu schreibt der Autor vielfach in kurzen, abgehackten Sätzen.

Wir lernen eine ganz normale Familie kennen, Vater, Mutter, 2 Söhne und die Großeltern. Mit der neuen Zeit hat man sich inzwischen arrangiert. Die Mutter arbeitet als Krankenschwester und der Vater ist Handwerker. Die Familie kann sich jetzt endlich ein Eigenheim bauen. Aufbruch. Als Gast dieser heilen Familie kommt Uwe dazu, ein ehemaliger Arbeitskollege des Vaters. Ein guter Arbeiter und Kumpel, jedoch arbeitslos. Seine Frau hat ihn verlassen und ist in den Westen. Es wird gemunkelt er war IM bei der Stasi, habe seine Frau bespitzelt. Ob es stimmt oder auch nicht, weiß der Leser bis zum Ende nicht genau. Er gehört zu den Verlierern der Wende und ertränkt seinen Kummer in Alkohol.

Wir gehen mit den beiden Söhnen Philipp und Tobias zur Schule, lernen deren Lehrer und Freunde kennen. Dort tauchen erstmals Nazi-Symbole auf, die mit Tüchern verhängt und dann entfernt werden. Auf die Frage was das sei, bekommen die Kinder keine erklärenden Antworten. Über die Bedeutung dieser Symbole schweigt man sich aus. Es wäre der Einstieg zu einer Vergangenheitsbewältigung. Doch darüber redet man nicht. Nur so viel sagt der Rektor, sie sollten sich von bestimmten Jugendlichen fernhalten. Verbote hatten schon immer einen besonderen Reiz, so auch hier.

Im 2. Buch, es beschreibt die Jahre von 2004 – 2006 baut sich langsam die Gewalt auf. Ist es mangelnde Bildung? Auf jeden Fall jugendliche Selbstüberschätzung, gepaart mit jugendlicher Überheblichkeit. „Die Schule ist blöd und auf dem Gymnasium lernt man nur Zeug, das man später nie braucht“, ist ein Vorwand, sich beim Lernen nicht anstrengen zu wollen. Bequemer ist es, den vermeintlichen Wortführern des neuen Freundeskreises nachzurennen, deren Sichtweisen zu den eigenen zu machen. Man braucht ein Feindbild. Es bieten sich die Amis mit 9/11 an, doch die sind zu weit weg. In greifbarer Nähe leben die Sorben. Wahrscheinlich könnten es auch Türken, Araber, Juden oder sonst wer sein. Hauptsache man kann ein Feindbild aufbauen um sich selbst gut zu fühlen. Die Ausgrenzung der Sorben ist ein weiterer Schritt. Auf Seite 150 lesen wir von einem dtsch. Bad und dem sorbischen Bad. Der Leser sieht sich mit dem Neid der Menschen untereinander konfrontiert: „Denen ging es immer besser als uns“. Endlich einen Sündenbock. Wo Neid ist, kommt auch Aggression ins Spiel. Langsam schaukelt es sich höher. Dass der Vater von Philipp und Tobias die Familie verlassen hat und zu seiner neuen Freundin gezogen ist und somit der Mensch aus dem Leben der Brüder verschwindet, der ihnen im Alltag hätte Ratgeber und Freund sein können, macht es für Tobias und Philipp noch schwerer, sich im Leben einzurichten und einen Platz zu finden. Von nun an geben die neuen Freunde Philipp und Tobias vor, was richtig und falsch ist.

Am Ende eskaliert die ganze Situation. Es wird "mit der Faust in die Welt geschlagen", aber nichts geändert.

2 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 22.10.2018
Arminuta
Di Pietrantonio, Donatella

Arminuta


ausgezeichnet

Was empfindet ein Mädchen, dass mit 13 Jahren plötzlich erfährt, dass ihre Eltern gar nicht ihre Eltern sind? Die heißgeliebte Mutter stellt sich als die Cousine ihrer leiblichen Mutter dar und sagt dabei gleichzeitig. die richtigen Eltern wollten sie nun zurück haben. "Arminuta" von Donatella Di Pietrantonio lässt den Leser an diesem sozialen Abstieg teilhaben.

Erzählt wird aus der Sicht von Arminuta.

Aus einem schönen Leben in einem Haus in Strandnähe, mit eigenem Zimmer und schönen Kleidern, wird sie trotz ihres Protestes zu ihrer unbekannten Familie gebracht. Welch ein Schock! Ihre leibliche Familie lebt in ärmlichen Verhältnissen. Der Vater arbeitet in einer Ziegelei und verdient nur das Nötigste. Die Brüder entpuppen sich als Gelegenheitsarbeiter, die nächtelang außer Haus bleiben und dabei auch krummen Geschäften nicht abgeneigt sind. Schlafen die Brüder mit den Mädchen in einem Zimmer, so dass diese alle körperlichen Regungen ihrer Brüder mitbekommen, so muss Arminuta mit ihrer jüngeren Schwester, die nachts immer wieder einnässt, von nun an sogar das Bett teilen. Zu Beginn hat diese Familie nicht mal einen Platz für sie.

Warum wollten diese Leute ihr Kind zurück, wenn sich niemand freut dass sie da ist? Dass man sie über den Grund ihrer Rückkehr belogen hatte, wird dem Mädchen, welches man im Dorf nur noch Arminuta nennt, schnell klar. Ganz bestimmt ist ihre frühere Mutter schwer erkrankt oder womöglich schon gestorben, sonst hätte sie nie gewollt, dass sie so leben muss. In ihrem Kopf spielt Arminuta alle tragischen Möglichkeiten durch, die dazu haben führen können, dass sie aus ihrem früheren "Paradies" vertrieben wurde.

Anfangs fühlt sie sich wie das 5. Rad am Wagen, als ungebetener Esser. Erst langsam erobert sie sich mit Hilfe ihrer Schwester ihren Platz in der Familie. Diese Schwester, die mit 10 Jahren die Mutter bittet, sie zu schlagen, damit Arminuta keine Gewalt erleben muss. Sie sei daran gewöhnt. Wie sehr muss dieses Kind die neue Schwester lieben.

Armut - Verbitterung - Gewalt scheinen in dieser Familie Hand in Hand zu gehen. Ist die richtige Mutter lieblos oder ist sie nur durch die Armut und das entbehrungsreiche Leben so geworden? Als Leser hinterfragt man diese Familienstruktur. Erst als der älteste Bruder durch einen Unfall sein Leben verliert, zeigt die Mutter Gefühl - unendliche Trauer um ihren verlorenen Sohn. Auf einmal fühlt man als Leser mit dieser Frau, deren Leben nur wenige Freuden für sie bereit hielt. So sieht Armut aus.

Wollte Arminuta zu Anfang ihre neue Familie schnellstens wieder verlassen, so keimt im Laufe der Zeit eine geschwisterliche Liebe zu ihrer Schwester auf, die sie lehrt in der Armut zu überleben. Die beiden Schwestern geben sich gegenseitig Trost und am Ende bleibt mir als Leser die Hoffnung, dass Arminuta ihrer Schwester hilft, aus diesem trostlosen sozialen Umfeld auszubrechen.

Mir gefiel besonders die Sprache dieses Buches. Diese gab mir als Leserin das Gefühl, als lebte ich mitten in dieser Familie, säße mit ihnen am Tisch, wenn es ein ärmliches Mahl oder auch einen fetten Schinken gab, von dem alle ein Stück abhaben wollten.

Die Autorin muss man sich merken. Sie hat dem Leser etwas zu sagen. Ein großes Lob auch an die Übersetzerin.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 22.10.2018
Am Anfang des Weges / Die Fotografin Bd.1 (2 MP3-CDs)
Durst-Benning, Petra

Am Anfang des Weges / Die Fotografin Bd.1 (2 MP3-CDs)


sehr gut

Sobald ich das Cover dieses Hörbuches "Die Fotografin" von Petra Durst-Benning sah, wurde auch sofort meine Neugierde geweckt. Man weiß auf den ersten Blick, in welcher Zeit dieser Frauenroman spielt - in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts. Das ist gleichzeitig auch das Außergewöhnliche an diesem Buch, denn das Leben vieler Frauen dieser Zeit war vorprogrammiert. Sie fügten sich in die Erwartungen ihrer Eltern und sahen ihre eigene Erfüllung in einer guten Heirat und der Erziehung der Kinder. Wer arbeiten musste, war damals durchweg sehr arm.

Doch die Protagonistin Mimi hat ganz anderes im Sinn. Zwar ist sie mit Heinrich, einem angehenden Pfarrer befreundet und ihre Eltern erwarten eine baldige Eheschließung, doch noch rechtzeitig entdeckt Mimi, dass sie in dieser Rolle nicht glücklich werden würde. Sie wird Wanderfotografin wie ihr Onkel Josef, den sie bewundert.

Was mir an diesem Buch sehr gefiel ist, die Autorin lässt immer wieder Historisches einfließen, das sie gut recherchiert hat. Auch über die Leinenweberstadt Laichingen, in der Mimi letztendlich landet, als sie ihren Onkel Josef besuchen will da er erkrankt ist und Pflege braucht. Die gedrückte Stimmung in dieser Stadt, mit der Armut der Menschen die als Weber arbeiten müssen da es sonst nichts gibt um Geld zu verdienen, bringt die Autorin sehr gut rüber. Der Arbeitgeber in seiner Gier, sein Gehilfe der ihm zu Diensten ist und alles tut sein Wohlgefallen zu erringen, wurden mir beim Hören regelrecht gegenwärtig. In Gedanken sah ich die Leute in ihrer abgetragenen Kleidung am Tisch sitzen, vor einem Teller mit schwarzem Brei. Die Armut ist überall greifbar und man fühlt sich beim Hören fast mitten drin. Der Autorin ist ein sehr interessantes Spiegelbild der damaligen Lebensumstände gelungen. So dürfte es in vielen Familien tatsächlich ausgesehen haben. Frauen die Kinder kriegen, die sie nicht ernähren können und die ihnen in den Armen sterben, wie bei Eveline.

Über den vielschichtigen Inhalt dieses Hörbuches möchte ich sonst nichts erzählen.

Lediglich das plötzliche Ende der Hör-CD war unangenehm. Aber wie ich nun weiß, es gibt eine Fortsetzung. Die Geschichte ist auch noch nicht zu Ende erzählt, denn es fehlt noch der nötige Schuss Romantik.

Normalerweise stehe ich nicht so auf Frauenromane, aber dieses Hörbuch hat mir, in seiner Ausgewogenheit von Roman und Informationen sehr gut gefallen. Es ist ein Hörbuch das ich sehr gerne empfehle, da es handwerklich gut gemacht ist.

Bewertung vom 17.10.2018
Stärker denn je
Rosenkranz, Déborah

Stärker denn je


ausgezeichnet

"Stärker denn je", ein Buch oder soll ich besser sagen Lebensbericht von Déborah Rosenkranz, der es in sich hat. Als ich am Ende angelangte, war ich erst mal einige Tage völlig sprachlos angesichts dessen, was die Autorin den Leser von sich wissen lässt. In diesem Buch erlaubt uns Déborah, dass wir ganz tief in ihre verletzte Seele schauen. Was wir da erblicken, lässt niemanden unberührt.
Das Cover zeigt uns eine strahlende Frau, mit leuchtenden Augen, einem lachenden Mund und langen, blonden Haaren. Im Grunde das wahrgewordene Klischee oder der Inbegriff einer aktiven und erfolgreichen Frau, die ihr Leben fest in den eigenen Händen hält.

Doch auch solche Frauen haben eine verletzbare Seele.

Die Geschichte beginnt, als sich Déborah Hals über Kopf in einen wundervollen, charismatischen Mann (Luc) verliebt, der ihr das Gefühl gibt, endlich den Menschen gefunden zu haben, den sie für ihr Leben braucht. Wie heißt es? Die Liebe macht einen blind.

So auch Déborah. Es scheint, als habe sie den Märchenprinzen getroffen, von dem alle kleinen Mädchen träumen. Sogar ihre Gedanken und ihre christliche Lebenseinstellungen scheinen auf gleicher Wellenlänge zu sein. Welch ein seltenes Glück!

Doch die dunklen Wolken bleiben nicht aus. Luc verlangt von Déborah, dass sie sich ihm immer mehr widmet, unterordnet und ihren eigentlichen Lebensinhalt - die Musik - schleifen lässt. Ja, dass sie sich von ihrem engsten Mitarbeiter trennt und sich voll auf ihn, Luc, konzentriert. Die ersten Anzeichen, dass diese große Liebe vielleicht doch recht einseitig ist und nur ungenügend erwidert wird, zeigen sich recht schnell. Doch wie oben geschrieben, Liebe macht blind. Déborah will die drohenden Wolken nicht sehen, nimmt sich immer mehr zurück damit die Liebe erhalten bleibt. Das geht so lange bis von ihr, der erfolgreichen, christlichen Sängerin, nicht mehr viel übrig ist. Trotz allem Sich-Selbst-Kleinmachen und Anpassen kommt unweigerlich die Trennung von Luc.

Was danach kommt ist Liebesleid in größtem Ausmaß. Natürlich sagen die Leute beschwichtigend, jeder hat mal Liebeskummer im Leben und glaubt es nicht aushalten zu können. Doch für den, der dies gerade erlebt ist es die größte Pein. All das bringt Déborah dem Leser rüber.

Déborah Rosenkranz lässt uns nicht nur an ihrem anfänglichen Liebesglück teilhaben, sondern auch später an dem ganzen Leid, dass sie zu zerbrechen droht bis hin zu ihrem neuen Lebensmut. Vor allem aber daran, woran sie sich immer wieder festhält: Ihrem unerschütterlichen Glauben an Gott, seiner Gnade, Liebe und Hilfe.

Immer wieder streut sie Bibelverse oder Psalmen in den Text ein, dass man als Leser das Gefühl haben könnte, diese Zeilen wurden extra für sie geschrieben und warteten immer nur darauf, von ihr entdeckt und beherzigt zu werden. Welch tröstenden Worte!

"Stärker denn je" ist ein junges Buch und vom Schreibstil stark amerikanisch angehaucht. Es ist viel vom Weinen die Rede. Jedoch, wenn man bedenkt, dass Déborah in den USA wo es ein großes Feld für christliche Musik gibt, erfolgreich ist, kann man dies entsprechend einordnen.

Besonders gefiel mir das Ende ab dem 15. Kapitel, als sie ihr Handeln selbst reflektiert. Die folgenden Seiten zeigen eine nachdenklich gewordene Déborah Rosenkranz. Auf Seite 202 beschreibt sie, wie schnell sich Frauen auf eine Beziehung einlassen - viel zu schnell, oftmals aus Angst, sonst verlassen zu werden. Dazu noch etliche andere kluge Gedankengänge.

Dieses Buch kann vielen (jungen) Frauen in ihrem unendlichen Liebeskummer/Liebesleid eine große Hilfe sein. Vor allem die Erkenntnis, dass zuerst etwas durchlebt und aufhören muss, damit etwas Neues beginnen kann, dürfte den Betroffenen neuen Mut geben.

Von mir ohne Kommentar.
Seite 205: "Protect the gift" (Beschütze deine Gabe).

Bewertung vom 24.09.2018
Das rote Adressbuch, 6 Audio-CDs
Lundberg, Sofia

Das rote Adressbuch, 6 Audio-CDs


sehr gut

Kurzmeinung: In ihrem Adressbuch hat Doris viele Namen vermerkt und zu jeder Person gibt es eine besondere Geschichte.
Anfang und Ende

Das Cover des Hörbuchs "Das rote Adressbuch" deutet schon darauf hin, dass es sich hierbei um einen Frauenroman handelt.

Es beginnt damit, dass Doris auf ihre Pflegerin wartet, eine nicht sehr einfühlsame Dame. Aber solche Personen soll es ja auch in Pflegeberufen geben. Wir erleben Doris in ihrer körperlichen Eingeschränktheit und wie sie trotzdem ihr Leben in den eigenen vier Wänden meistert. Dieser Anfang berührte mich sehr. Wie viele ältere Menschen leben einsam in ihrer Wohnung, die sie krankheits- oder altersbedingt kaum mehr verlassen können. Doch Doris ist, obwohl schon über 90 Jahre alt, anders. Sie hat keine Angst vor der neuen Technik und hält, obwohl sie meist zu Hause ist, über das Internet Kontakt bis über den großen Ozean.

Doch wenn sie alleine ist, blickt sie gerne auf ihr Leben zurück und lässt den Leser - im Falle des Hörbuchs den Hörer - daran teilnehmen. Von ihrem Vater bekam sie als Kind ein rotes Adressbuch geschenkt, im dem sie alle ihre Lieben, die sie im Laufe ihres Lebens kennen lernt, vermerken soll. Interessante, aber auch boshafte Menschen kreuzen ihren Weg, in unterschiedlichen Lebenslagen.

Doris erzählt auch von ihrer Kindheit, die so liebevoll begann. Doch nach dem Tode ihres Vaters kann die Mutter ihre beiden Töchter nicht ernähren und Doris muss in Dienst gehen. Es beginnt ein hartes und später auch ein sehr schönes Leben.

Sie steigt auf. V om Dienstmädchen zum Model.

In Paris kommt ihr Typ gut an und sie macht Karriere. Doch die Modewelt lässt sie oberflächlich werden. Schöne Kleider und Schuhe fordern nun ihr ganzes Denken. Doch der schöne Schein bekommt auch schnell seine Risse.

In Paris lernt sie Allan ihre große Liebe kennen und verliert ihn nach einigen glücklichen Monaten wieder. Der 2. Weltkrieg steht vor der Tür und die Ereignisse überschlagen sich. Mit ihrer jüngeren Schwester reist sie Allan in die USA nach und hofft dort auf ein glückliches, gemeinsames Leben. Doch der Krieg wirft alle ihre Pläne über den Haufen und das Leben nimmt unerwartete Wendungen. Am Ende landet sie wieder in Stockholm wo ihre Reise begann. Doch was sich in der Zwischenzeit ereignet, hat es in sich. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

Bis etwa zur Mitte der 4. CD bekäme dieses Hörbuch von mir auf jeden Fall 5 Sterne als Bewertung. Doch dann wird es für meinen Geschmack doch etwas zu überfrachtet und wirkt auf mich trivial.

Was mir wiederum gegen Ende des Hörbuches sehr gut gefiel ist, dass ihre Nichte sie nicht nur als kranke alte Frau sieht, sondern als Frau, die Wert auf ihr Äußeres legt. Die Haare von Doris werden schön frisiert, Lippenstift und Lidschatten aufgetragen. Auch eine alte Dame hat das Recht sich als Frau und schön zu empfinden. Ein Aspekt, der im wirklichen Leben oftmals vergessen wird.

Die beiden Sprecherinnen tragen viel dazu bei, dass man diesem Hörbuch gerne lauscht.

Bewertung vom 13.09.2018
Die Frauen von Ivy Cottage
Klassen, Julie

Die Frauen von Ivy Cottage


gut

Der historische Roman "Die Frauen von Ivy Cottage" von Julie Klassen ist der zweite Band einer Reihe.
Was mich auf Anhieb faszinierte war das Cover. Es beinhaltet Jane Austin und Charles Dickens gleichermaßen und bekäme von mir auf jeden Fall 5 Sterne.

Die haupten weiblichen Personen in diesem Roman - Rachel, Mercy, Jane und auch deren Schwiegermutter Thora - sind mir noch aus dem ersten Band bekannt. Deshalb hatte ich auch keine Schwierigkeiten sofort wieder in das Geschehen einzusteigen. Doch auch wer den ersten Band nicht kennt, wird sich schnell in die Handlung einfinden und die Personen unterscheiden, bzw. zuordnen können. Jede von ihnen ist auf ihre ganz persönliche Art individuell. Das vorliegende Buch - genau wie der vorherige Band - ist in sich abgeschlossen.

Wir lesen von den Schwierigkeiten der Frauen sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es ist noch die Zeit, da Männer ein Erbe antraten, auch wenn sie nur entfernte Verwandte waren und Töchter/Frauen sehen mussten wo sie blieben und von was sie sich ernähren konnten. Doch die Frauen in Ivy Cottage waren einfallsreich und hatten Durchhaltevermögen. Vor allem, sie hielten zusammen und halfen sich gegenseitig. Ein Roman über Freundschaft und Nächstenliebe, den Anderen in der Not nicht im Stich lassen.

Natürlich spielen auch Männer in diesem Buch eine Rolle. Doch mir kam es so vor, als kämen sie in erster Linie als passender oder gewünschter Ehepartner in Betracht. Hauptsächlich dreht es sich darum, in wen welche Frau verliebt ist und ob der Mann auch in sie verliebt ist - oder in eine andere. Das ist wiederum etwas, das mich störte. Es klang mir einfach zu süßlich. Mir kam es so vor, als seien nahezu alle Männer zu haben, bzw. auf Freiers Füßen. Natürlich spielen auch gesellschaftlichen Zwänge eine Rolle, denen die Menschen der damaligen Zeit wesentlich mehr ausgesetzt waren als heute. Und trotzdem geht es von Anfang an darum: Wer mit wem? In der damaligen Zeit, in der Männer noch nach eigenem Ermessen über Frauen bestimmen konnten, hatte Heirat wohl weniger mit Liebe zu tun, sondern es war vielfach Geld zu Geld. Von den Eltern wurde arrangiert und die richtige Frau für den Sohn, der richtige Mann für die Tochter ausgesucht. Als soziale Hilfe blieb vielen Frauen das Armenhaus. Diese soziale Komponente hätte ich gerne stärker heraus gearbeitet gehabt. Das ist, was die Bücher von Charles Dickens so einzigartig machen.

In dem vorliegenden Buch bestimmen eindeutig die Frauen, was in dem Ort so abgeht - auch wenn der Friedensrichter ein Mann ist.

"Die Frauen von Ivy Cottage" ist voll und ganz ein Frauenroman, Unterhaltungsliteratur. Wer also Liebhaber dieses Genres ist und außerdem noch auf historische Romane steht, der wird vollauf begeistert sein. Zudem liest sich das Buch sehr flüssig.

Ich selbst stehe eher auf Realitätsnähe. Einige Passagen fand ich auch langatmig und es wären etliche Seiten einzusparen gewesen, ohne das der Inhalt darunter gelitten hätte. Aber das ist eine ganz persönliche Einstellung.

Bewertung vom 13.09.2018
Ida, 10 Audio-CDs
Adler, Katharina

Ida, 10 Audio-CDs


ausgezeichnet

Dieses Hörbuch "Ida", nach einem Roman von Katharina Adler, ist ein biographischer Roman ganz nach meinem Geschmack. Das Leben ihrer Urgroßmutter diente der Autorin als Grundlage. Ganz sicher gab es in der Biographie von Ida Leerstellen, die von der Autorin mit viel Einfühlungsvermögen und Phantasie aufgefüllt wurden. So könnte das Leben, die Empfindungen Idas wohl gewesen sein.

Erzählt wird die Lebensgeschichte Idas vom Ende her. Nach ihrer gelungenen Flucht aus Österreich, über Paris und Casablanca kommt Ida in den USA an - ist endlich in Sicherheit. Doch wie eine glückliche Gerettete gibt sie sich nicht. Ida stellt Ansprüche an ihren Sohn Kurt, den Dirigenten, und behandelt dessen Ehefrau schroff. Im Grunde erwartet der Leser eine dankbare und großmütige Haltung, da ihr Sohn alle Hebel in Bewegung gesetzt hat, seiner Mutter die Ausreise aus Österreich und die Einreise in die USA zu ermöglichen. Doch das ist nicht Idas Art. Sie begehrt auf, wie sie seit ihrem 15. Lebensjahr immer im Leben aufbegehrt hat.

Geboren gegen Ende des 19. Jahrhunderts, in eine wohlhabende, jüdische Familie, wird sie ganz im Sinne der damaligen Zeit erzogen. Es war die Zeit der Doppelmoral. Die Männer - in diesem Fall Idas Vater - tobte sich vor der Ehe aus, infizierte sich mit einer Geschlechtskrankheit und gab diese nach der Eheschließung ohne Skrupel an seine Ehefrau weiter. Männer wurden zu Lebemännern, durften alles und von den Frauen wurde selbstverständlich erwartet, dies zu erdulden. Es wurde entschieden, Dienstmädchen konnten nicht zur Pflege des Familienoberhauptes herangezogen werden, da man ihnen so etwas nicht zumuten durfte. Also muss Ida im Alter von 8 Jahren die Pflege des Vaters übernehmen. Wie schrecklich! Er nennt sie liebevoll "mein Äuglein". Da fragt man sich doch glatt, was hat sich die Mutter, hat sich der Vater nur dabei gedacht, ihrer Tochter so etwas wie die Pflege des geschlechtskranken Vaters zu übertragen? Und da wundert man sich, wenn diese Tochter später kleine Hysterien hat!

Ida lebt ansonsten das Leben einer höheren Tochter, bekommt eine entsprechende Ausbildung in mehreren Sprachen, was sich später als Glücksfall entpuppt. Bereits im frühen Alter erleidet sie sexuelle Übergriffe, auf die Karin Adler aber seltsamerweise nicht genau eingeht. Als Ida ihrem Vater davon berichtet, bezichtigt er sie, alles erfunden zu haben, glaubt dem lüsternen Mann mehr als der eigenen Tochter. Welch eine Schmach für Ida. Der Vater brachte sie zur Therapie zu Dr. Freud, der ihm selbst einmal sehr geholfen hatte. Die Psychoanalyse steckt noch in den Kinderschuhen. Bekannt wird dieser Fall von Sigmund Freud als Fall Dora und ging in die Geschichte der Psychotherapie ein.

Von der Ida, die in einem wohlhabenden Haushalt aufwuchs, später als Ehefrau einen Salon führte, in dem nichts zu kostspielig war, Geld kaum eine Rolle spielte und den Gästen jeder Wunsch an den Augen abgelesen wurde, bis zu der Ida, die in den USA in einer Taschenfabrik Lederstücke zuschneidet um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, liegt ein weiter und steiniger Weg.

Der Autorin ist es sehr gut gelungen, diesen sozialen Abstieg von Ida dem Leser nahe zu bringen. Andere Frauen wären an den ganzen Herausforderungen gescheitert - doch nicht Ida. Ich stelle sie mir als hoch aufgerichtete Frau mit aufrechtem Rückgrad vor. Diese Körperhaltung spiegelt für mich die Persönlichkeit wider. Immer Haltung bewahren.

Als die Nazis auch in Österreich die Oberhand gewinnen ist es für Ida Zeit, ihr geliebtes Wien zu verlassen. Durch Freunde ihres politisch aktiven Bruders kommt sie nach Paris. Doch wie bei so vielen Menschen in der damaligen Zeit überwiegt auch bei ihr die Meinung, dass es schon nicht so schlimm kommen wird. Im letzten Moment kann sie noch Paris verlassen und kommt auf vielen Umwegen endlich in den USA an. Dieser Teil von Idas Leben beschrieb die Autorin so mitreißend, dass ich Zeit und Raum vergaß und völlig in dem Hörbuch versank.

Bewertung vom 19.05.2018
Stadtwild
Lettow-Vorbeck, Nicolas Bogislav von

Stadtwild


ausgezeichnet

Dass der Autor Nicolas Bogislav von Lettoe-Vorbeck viel Herzblut in diesen kleinen Führer über "Stadtwild - Von Amsel bis Zauneidechse" gesteckt hat, spürt der Leser allein schon beim Durchblättern der ersten Seiten.

Auf einer Seite das Bild eines Tieres und auf der anderen die Beschreibung, macht(e) es mir zum Vergnügen, in diesem Buch zu blättern und lesen. Die Tiere werden auch nicht nach Gattungen zusammengefasst, sondern sind rein nach dem Alphabet geordnet. Das ist ein Nachteil, wenn man wie ich, einen Käfer im Garten findet und wissen will, wie dieses kleine Krabbeltier nun genau heißt. Für solche Fälle empfiehlt sich ein fachlicheres Nachschlagewerk, bei dem z. B. die Käfer alle zusammen abgebildet sind, mit der genauen Bezeichnung darunter.

Doch diesen Anspruch auf Fachliteratur hatte der Autor erst gar nicht. Auf mich wirkt es so, als wolle er den Leser und Betrachter neugierig auf das machen, was man ansonsten gerne übersieht oder auch nicht wahrnimmt. Die Spinnen und Käfer sind da das beste Beispiel. Viele finden sie eklig und schütteln sich. Doch schaut man sich diese Tiere mal aus der Nähe an, erkennt man ihre Schönheit und ihren wunderbaren Bewegungsablauf. Bei mir verschwindet keines dieser Tiere im Staubsauger oder wird sonstwie getötet. Sie werden alle in Ruhe gelassen und höchstens mit einem weichen Tuch gefangen und dann vor die Tür gesetzt.

Auch von den kurzen Beschreibungen, die oftmals recht humorvoll daher kommen, wird kein Leser überfordert sein. Will man mehr wissen, kann man im Internet recherchieren oder in wissenschaftlichen Büchern nachlesen.

Ich würde dieses Buch als gelungene Motivierung, Neugierde für die Tierwelt zu entwickeln, bezeichnen. Vor allem Kinder werden ihre Freude daran haben und angeregt werden, genauer hinzuschauen, was die Stadt an Tierleben so zu bieten hat. Wenn das gelingt, dürfte ein Ziel des Autors schon erreicht sein. Eine Stadt bietet eben doch mehr als nur Straßen, Beton und Hochhäuser.

Mit der Bewertung schwankte ich zwischen 4 und 5 Sternchen. Aber da dieses Nachschlagewerk so kindgerecht daherkommt und man merkt, wieviel Achtung für die einzelnen Kreaturen darin verarbeitet wurde, entschied ich mich für 5 Sternchen.

Bewertung vom 17.05.2018
Putzfrau bei den Beatles
Rabisch, Birgit

Putzfrau bei den Beatles


ausgezeichnet

Wer die Zeit der "Beatles" miterlebt hat, dem geht bei der Lektüre dieses Unterhaltungsromans das Herz auf. Überall konfrontiert uns die Autorin Birgit Rabisch in dem Roman "Putzfrau bei den Beatles" mit deren Liedtexten, die genau auf das jeweilige Kapitel abgestimmt zu sein scheinen.

Doch zum Inhalt: Jana, eine angehende Schriftstellerin, noch voller Trennungsschmerz da die große Liebe zerbrach, sucht eine Arbeitsstelle die ihr Zeit zum Schreiben lässt, als auch ein Einkommen sichert, von dem sie leben kann. Die gut bezahlte Stelle als Putzfrau in einer Altmänner WG kommt ihr da gerade gelegen. Das Yellow Submarine, ein quietschgelbes Haus mit allem Komfort für gebrechliche ältere Herren, findet sofort ihr Interesse.

Die 4 WG Bewohner stellen sich ihr als John, George, Paul und Ringo vor. In Wirklichkeit heißen sie natürlich anders, hatten bis auf Paul auch alle sehr bürgerliche Berufe. Doch nun im Alter können sie das ausleben, was sie sich als Schülerband einmal wünschten: Täglich zusammen fetzige Musik machen. Sie fühlen sich wie die Beatles. Über allem schwebt der Hauch der 60er und während des Lesens hört man im Hinterkopf die Beatles singen und spielen: "It been a hard days night....".

Durcheinander gewirbelt wird die stille Ordnung von Leander, der eines Tages vor der Tür steht und behauptet, der Enkel von Paul zu sein. Welch ein Schock! Paul wusste nicht einmal, dass er eine Tochter hatte - und nun einen Enkel, der bei ihm leben will, da seine Eltern tödlich verunglückten?

Fortan dreht sich alles um diesen Enkel, der auf keinen Fall vom Jugendamt gefunden werden und zu den anderen Großeltern zurück gebracht werden will. Leander ist wie ein Lebenselexiert für die Vier. Plötzlich sind die künstlichen Gelenke oder die beiden Herzinfarkte nicht mehr so wichtig. Der Physikprofessor unterrichtet Leander in Mathe und natürlich Physik, der Rollstuhlfahrer, früher Pädagoge, in Erdkunde, da er trotz Behinderung schon die ganze Welt bereist hat und den Rest der Unterrichtsstunden teilt man sich auf. Jeder gibt etwas und erhält dafür umso mehr zurück. Paul, der sein Leben lang in Bands spielte und doch nie auf einen grünen Zweig damit kam, unterrichtet seinen Enkel in Musik, lernt dafür im Gegenzug aus den Erzählungen von Leander seine tödlich verunglückte Tochter kennen. Eine späte Vaterschaft könnte man es nennen.

Die Autorin schreibt in einem flüssig lesbaren Stil. Mir hat der Roman sehr gut gefallen, bringt er doch den früheren Zeitgeist der Beatles Ära voll rüber. Und dann diese Liedtexte.... Während des Lesens hatte ich diese laufend im Ohr. Ich hörte John Lennon mit seiner unverkennbaren Stimme singen: "Imagin all the people..." oder auch mit Paul zusammen "Help" und natürlich "Yesterday". Dieses Gestern umarmt die WG Bewohner während des ganzen Romans.

Bewertung vom 05.05.2018
Die Ausreißer - Sehnsucht nach Meer
Feurer, Melissa C.

Die Ausreißer - Sehnsucht nach Meer


ausgezeichnet

Das Jugendbuch "Die Ausreißer - Sehnsucht nach Meer" von Melissa C. Feurer war innerhalb weniger Wochen das 2. außergewöhnliche Buch aus dem fontis Verlag, das ich gelesen habe. Ganz sicher werde ich die Neuerscheinungen dieses Verlages von nun an im Blick behalten.

Doch zurück zu diesem Buch.

Was treibt junge Menschen dazu, von zu Hause wegzulaufen? Wie schlimm muss es sich für einen Jugendlichen anfühlen, wenn dieser glaubt, dem Alltag in der Schule oder seiner Familie entfliehen zu müssen? Das Gefühl Unerträgliches auszuhalten, ist in diesem Jugendbuch das Thema.

Für Nele ist die Scheidung ihrer Eltern, das Verlassenwerden von ihrem Vater, mehr als sie ertragen kann. Nichts ist nach seinem Weggang mehr so, wie es einmal war. Als ob das nicht schon genug wäre, wird sie von ihren Mitschülerinnen in der Schule auch noch ihrer überflüssigen Pfunde wegen gemobbed. Ihre Schwachpunkte sind von Mitschülerinnen schnell ausgemacht und um sich selbst gut und mächtig zu fühlen, wird Nele täglich von bestimmten Mädchen verbal attackiert. Sie selbst ist zu schwach, als dass sie sich dagegen wehren könnte. Niemand scheint zu sehen, wie sie leidet. Bis es eines Tages zuviel wird und Lars, ein bisher unsichtbarer Mitschüler, diesem Treiben ein Ende bereitet.

Dabei hat Lars selbst Probleme genug. Sein Vater, der den frühen Tod seiner Frau nie verkraften konnte ertränkt seinen Schmerz seit Jahren in immer mehr Alkohol. War er früher mal ein liebevoller Vater? Lars Erinnerung kennt nur dessen Alkoholexzesse, in denen sich sein Vater bis zur Bewusstlosigkeit betrinkt. Doch damit nicht genug. Er beschimpft seinen Sohn aufs Übelste, schlägt auf ihn ein und wenn Lars zu Boden geht, versetzt er ihm auch noch schmerzhafte Tritte mit seinen Schuhen. Doch die Scham über dieses schäbige Zuhause und die Erniedrigungen durch seinen Vater, lässt nicht zu, dass Lars jemandem Einblick in seinen Alltäg gewährt. Aushalten. Er sorgt dafür, dass niemand die blauen Flecken der ewigen Schläge zu sehen bekommt und womöglich Verdacht schöpft.

Und da ist Joshua, der mit seiner getreuen Hündin auf einem Weg ohne Ziel ist. Laufen - egal wohin. Nur weg. Doch die Hündin wird von einem Auto erfasst und verletzt. Was nun? Wohin?

Genau an diesem Punkt kreuzen sich die Wege von Joshua und Lars, der Mitleid mit dem blutenden Hund hat und ohne groß zu überlegen Joshua zu sich nach Hause mitnimmt um die Wunde des Hundes zu verbinden. Als Joshua nach einigen Tagen weiter zieht fragt er Lars, ob er nicht mitkommen will. Und Lars steht mit einem Rucksack auf dem Rücken vor Neles Tür, fragt ob sie mit ihm und Joshua weglaufen möchte. Sie will, hat die Hoffnung ihren Vater überreden zu können, wieder zu seiner Familie zurück zu kommen.

So machen sie sich zu dritt auf die Reise. Meist zu Fuß, aber auch per Anhalter. "Im Gehen spricht es sich gut, weil man sich nicht anschauen muss", heißt es an einer Stelle. Mit jedem Schritt wächst das Vertrauen untereinander und die Jugendlichen können loslassen, endlich aussprechen was bisher unaussprechlich war.

Die Autorin schafft es, dem Leser die Sorgen und Nöte der jungen Menschen nahe zu bringen. Die üblichen Floskeln, "das wird schon wieder", helfen da nicht. Automatisch fragt man sich, sind Erwachsene tatsächlich so sehr mit sich selbst beschäftigt und dadurch blind ihren Kindern gegenüber? Ja, das gibt es.

Später lernen wir noch Angel kennen, die zu der Gruppe stößt, sich so gar nicht arrangieren will und mit ihrer Schnodderigkeit nur die Unordnung in ihrem Inneren verbirgt. Sich ritzt sich bis das Blut über die Arme läuft, um den anderen Schmerz, tief innen, zu überdecken.

Vier verlorene Seelen unterwegs Richtung Meer.

Dies ist ein Jugendbuch der besonderen Art. Fesselnd von der ersten bis zur letzten Seite. Ich würde es nicht nur Heranwachsenden sonder auch Eltern empfehlen zu lesen. Automatisch überdenkt man als Elternteil sein Verhalten und fragt sich, "höre ich wirklich immer richtig hin"?