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Benutzername: MaWiOr
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Bewertungen

Insgesamt 2963 Bewertungen
Bewertung vom 19.10.2021
Kreuzfahrer von heute - (eBook, ePUB)
Heym, Stefan

Kreuzfahrer von heute - (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Stefan Heyms Roman „Kreuzfahrer von heute“ erschien 1948 zuerst in den USA unter dem Titel „The Crusaders“. Der Autor wollte damit die amerikanischen Leser über die Barbarei der Nationalsozialisten aufklären. Die deutsche Ausgabe erfolgte 1950 zeitgleich in der BRD („Der bittere Lorbeer. Roman unserer Zeit“) und der DDR („Kreuzfahrer von heute“). Der Roman schildert, ohne in irgendeiner Weise zu beschönigen, realistisch und eindringlich das letzte Kriegsjahr aus Sicht der amerikanischen Streitkräfte – der Zeitraum spannt sich von der Landung in der Normandie 1944 bis zu den ersten Monaten einer Militärregierung in einer Stadt im Ruhrgebiet. Dabei hat sich Heym eng an die Realität des Kriegsgeschehens gehalten, denn ein Großteil der hier dargestellten Ereignisse beruht auf Tatsachen.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen Sergeant Bing und die Angehörige einer Propagandaabteilung und einer Panzerdivision, die an der Einnahme von Paris, der Zurückschlagung der deutschen Ardennenoffensive und der Befreiung des Konzentrationslagers Paula beteiligt sind. Heym berichtet vom Lagerleben der US-Soldaten, von Flugblatt-Aktionen, von den kleinen Geschäftchen des Küchenchefs im Lager, vom Leben und Überleben der Soldaten.

Tapfer kämpfende und von ihrer Sache überzeugte Soldaten treten ebenso auf wie Armeeangehörige, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht oder in Schwarzmarktschiebereien verwickelt sind. Nach dem Krieg arbeiten einige amerikanische Verantwortliche sogar mit Handlangern des NS-Regimes zusammen, was der vielfach gepredigten grundlegenden Erneuerung Deutschlands bzw. einer wirksamen Entnazifizierung im Wege steht.

Der Roman sind jetzt als eBook in der Stefan-Heym-Werkausgabe erschienen - ergänzt durch ein Nachwort „Stefan Heyms Poetik des Engagements“ der Literaturwissenschaftlerin Therese Hörnigk.

Bewertung vom 17.10.2021
Hamlet von William Shakespeare: Lektüreschlüssel mit Inhaltsangabe, Interpretation, Prüfungsaufgaben mit Lösungen, Lernglossar. (Reclam Lektüreschlüssel XL)
Williams, Andrew

Hamlet von William Shakespeare: Lektüreschlüssel mit Inhaltsangabe, Interpretation, Prüfungsaufgaben mit Lösungen, Lernglossar. (Reclam Lektüreschlüssel XL)


ausgezeichnet

Die Tragödie „Hamlet“ von William Shakespeare ist sicher eines der bekanntesten und meistgespielten Dramen der Weltliteratur … und über viele Generationen hinweg Pflichtlektüre im Schulunterricht. Im Reclam Verlag ist mit dem entsprechenden „Lektüreschlüssel XL“ der bewährte Helfer bei der Vorbereitung auf die Unterrichtsstunden, auf Referate, Klausuren oder gar das Abitur erschienen.

Auf 160 Seiten hat Andrew Williams alles Wissenswerte und Notwendige für eine gute Vorbereitung zusammengetragen. Beginnend mit einem mehrseitigen Schnelleinstieg folgt eine ausführliche Inhaltsangabe der fünf Akte. Anschließend werden die Protagonisten des Stückes und ihre Charaktere vorgestellt, auch die Werkstruktur, die literarische Technik und die Quellen des Dramas werden detailliert beleuchtet. Breiten Raum nehmen dann die Interpretationsansätze ein, wobei der Autor einzelne Aspekte wie „Hamlets Zögern“ oder „Rache und Ehre“ betrachtet. Zu William Shakespeare und seiner Zeit gibt es ebenfalls einige Ausführungen. Abgerundet wird der hilfreiche Lektüreschlüssel mit evtl. Prüfungsaufgaben (mit Lösungshinweisen) und der Erklärung von zentralen Begriffen sowie Definitionen.

Fazit: Eine Empfehlung für jeden Schüler, der sich mit „Hamlet“ beschäftigen muss. Aber auch für jeden älteren Shakespeare-Freund ein Gewinn.

Bewertung vom 17.10.2021
Meret Oppenheim

Meret Oppenheim


ausgezeichnet

Meret Oppenheim ist eine in Deutschland geborene (1913-1985) Schweizer Künstlerin, die dem Surrealismus verpflichtet war. Ihr bekanntestes Kunstwerk wurde ihre Pelztasse: eine Kaffeetasse, mit Pelz überzogen; ebenso die Untertasse und der Kaffeelöffel. Dass ihr Werk aber viel vielseitiger war, zeigt die transatlantische Retrospektive" Meret Oppenheim. Mon exposition“ im Kunstmuseum Bern (22.10.2021 bis 13.02.2022). Die Ausstellung präsentiert das Œuvre der Künstlerin aus fünf Jahrzehnten, darunter auch die bisher wenig aufgearbeiteten Werke der Nachkriegsjahre.

Im Hirmer Verlag ist der Begleitkatalog zu dieser bemerkenswerten Ausstellung erschienen. Da die Künstlerin verfügte, dass das Kunstmuseum Bern nach ihrem Tod ein Drittel ihrer Arbeiten für seine Sammlungen auswählen konnte, besitzt das Museum einen großen Querschnitt ihres Schaffens. Das dokumentiert sich auch im umfangreichen Katalogteil, der einen Großteil der Publikation ausmacht. Auf über 150 Bildtafeln werden ausgewählte Werke präsentiert – von Gemälden über Terrakotta-Gegenständen bis hin zu Papierarbeiten. Eingeleitet wird der Katalog durch drei Essays von renommierten Kunstwissenschaftlerinnen, die unterschiedliche Schaffensperioden von Meret Oppenheim näher beleuchten.

Bewertung vom 17.10.2021
Der Spieler
Dostojewskij, Fjodor M.

Der Spieler


ausgezeichnet

Dostojewskis Kurzroman „Der Spieler“, der 1867 erschien, handelt von der Blütezeit des Glücksspiels in dem fiktiven deutschen Ort mit Namen Roulettenburg. Der Autor verarbeitete hier seine eigene Spielleidenschaft sowie eine unglückliche Liebschaft. Während eines Aufenthaltes in Wiesbaden und Baden-Baden 1865 hatte Dostojewski dreitausend Goldrubel verloren. Einen weiteren Kredit bei seinem Verleger sollte er nur bekommen, wenn er innerhalb eines Jahres einen neuen Roman liefern würde. Dostojewski ließ allerdings die Frist fast verstreichen, um seinen großen Roman „Schuld und Sühne“ zu vollenden. Ein riskantes Spiel. So musste „Der Spieler“ gewissermaßen in einer Rekordzeit von 26 Tagen entstehen.

In dem Kurort Roulettenburg warten einige Spieler, alle in finanzieller Not, auf den Tod und damit das Erbe der alten Dame Antonida Wassiljewna Taradewitschewa. Darunter ein hochverschuldeter russischer General. Doch als die Erbtante persönlich in Roulettenburg erscheint und ihr Vermögen selbst beim Spiel verliert, stirbt die Hoffnung der Erbschleicher. Die alte Dame reist ab und zurück bleibt ein verzweifelter General.

Der Ich-Erzähler des Romans ist jedoch Alexej Iwanowitsch, der Hauslehrer der russischen Generalsfamilie. Er liebt Polina, die Tochter des Generals. Auch er soll am Spieltisch sein Glück versuchen und das dringend benötigte Geld verschaffen. Sein anfänglicher Gewinn verleiht ihm das Gefühl, der Herr seines Schicksals zu sein. Als er den Gewinn seiner Angebeteten überbringt, schleudert sie ihm das Geld jedoch ins Gesicht. Um des Glücksspiels willen hat Alexej auch sein Liebesglück verspielt. Fortan zieht er von Casino zu Casino, rettungslos der Spielsucht verfallen.

Dostojewski schildert in dem Roman genau (und aus eigener Erfahrung) die Typologie der Glücksspieler. Zu seinem 200. Geburtstag ist dieses realistische, psychologische Meisterwerk, das in die menschlichen Abgründe hineinleuchtet, in einer Übersetzung von Werner Creutziger als aufbau taschenbuch erschienen. In einer Nachbemerkung beleuchtet der Literaturwissenschaftler Michael Wegner kurz die Protagonisten und literarischen Vorbilder des Romans.

Bewertung vom 17.10.2021
Serafina Black - Der Schatten der Silberlöwin
Beatty, Robert

Serafina Black - Der Schatten der Silberlöwin


ausgezeichnet

Die junge Serafina Black lebt mit ihrem Vater verborgen in den dunklen Kellergewölben eines Herrenhauses. Niemand darf sie bemerken, daher wagt es Serafina nur in der Dunkelheit, ihr Versteck zu verlassen. Während einer nächtlichen Streiftour beobachtet sie, wie ein junges Mädchen von einem gruseligen Mann in einem Mantel verschlungen wird. Alle suchen nach dem Mädchen. Sind vielleicht auch anderen Kinder in Gefahr?

Um bei der Suche zu helfen, muss Serafina ihr Schattendasein verlassen. Serafina freundet sich mit Braeden, dem Neffen des Lords, an, dem das Anwesen gehört, von dem sie hört, dass schon einige Kinder aus der Umgebung verschwunden sind. Der Mann im Mantel ist also ein ernstzunehmender Gegner. Die Jagd nach dem Täter ist nicht ungefährlich, denn Serafina und Braeden könnten ja selbst zu Opfern des geheimnisvollen Entführers werden. Bei ihrer gefährlichen Suche erfährt Serafina auch viel über ihre Vergangenheit und Familie. Eine faszinierende Geschichte für junge LeserInnen ab 11 Jahre.

Bewertung vom 17.10.2021
Der Spieler
Dostojewskij, Fjodor M.

Der Spieler


ausgezeichnet

Dostojewskis Kurzroman „Der Spieler“, der 1867 erschien, handelt von der Blütezeit des Glücksspiels in dem fiktiven deutschen Ort mit Namen Roulettenburg. Der Autor verarbeitete hier seine eigene Spielleidenschaft sowie eine unglückliche Liebschaft. Während eines Aufenthaltes in Wiesbaden und Baden-Baden 1865 hatte Dostojewski dreitausend Goldrubel verloren. Einen weiteren Kredit bei seinem Verleger sollte er nur bekommen, wenn er innerhalb eines Jahres einen neuen Roman liefern würde. Dostojewski ließ allerdings die Frist fast verstreichen, um seinen großen Roman „Schuld und Sühne“ zu vollenden. Ein riskantes Spiel. So musste „Der Spieler“ gewissermaßen in einer Rekordzeit von 26 Tagen entstehen.

In dem Kurort Roulettenburg warten einige Spieler, alle in finanzieller Not, auf den Tod und damit das Erbe der alten Dame Antonida Wassiljewna Taradewitschewa. Darunter ein hochverschuldeter russischer General. Doch als die Erbtante persönlich in Roulettenburg erscheint und ihr Vermögen selbst beim Spiel verliert, stirbt die Hoffnung der Erbschlei-cher. Die alte Dame reist ab und zurück bleibt ein verzweifelter General.

Der Ich-Erzähler des Romans ist jedoch Alexej Iwanowitsch, der Hauslehrer der russischen Generalsfamilie. Er liebt Polina, die Tochter des Generals. Auch er soll am Spieltisch sein Glück versuchen und das dringend benötigte Geld verschaffen. Sein anfänglicher Gewinn verleiht ihm das Gefühl, der Herr seines Schicksals zu sein. Als er den Gewinn seiner Angebeteten überbringt, schleudert sie ihm das Geld jedoch ins Gesicht. Um des Glücksspiels willen hat Alexej auch sein Liebesglück verspielt. Fortan zieht er von Casino zu Casino, rettungslos der Spielsucht verfallen.

Zu Dostojewski 200. Geburtstag ist dieses realistische, psychologische Meisterwerk, das in die menschlichen Abgründe hineinleuchtet, in der bewährten Übersetzung von Elisabeth Markstein (aus dem Jahre 1992) im Reclam Verlag erschienen.

Bewertung vom 17.10.2021
Ein kleiner Held (eBook, ePUB)
Dostojewski, Fjodor M.

Ein kleiner Held (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Anlässlich des 200. Geburtstag des russischen Schriftstellers Fjodor M. Dostojewski, der eigentlich für dickleibige Romane bekannt ist, ist in der Penguin Edition mit „Ein kleiner Held“ ein schmaler Band mit drei Erzählungen erschienen. In der titelgebenden Geschichte, entstanden 1857, begegnet uns ein Elfjähriger als Ich-Erzähler. Der Junge wird zu Ver-wandten auf ein Gut nahe Moskau geschickt. Bei einer Gesellschaft erweckt er die Aufmerksamkeit einer jungen Blondine, die ihn bei jeder Gelegenheit neckt, woraufhin der Knabe rot anläuft. Seinen heldenhaften Mut beweist er schließlich bei einem riskanten Ritt auf einem noch nicht zugerittenen Pferd, das ein anderer, als erfahrener Reiter geltender Gast nicht zu besteigen gewagt hatte.

Die Geschichte „Die Sanftmütige“ (1876) – eine Ehegeschichte – erzählt von einer Selbstmörderin, die sich ein paar Stunden zuvor aus dem Fenster gestürzt hat und in der Hand eine Ikone festhielt. Nun sitzt ihr Ehemann in der Wohnung neben der aufgebahrten Leiche seiner Frau und reflektiert rückwirkend über das kurze Zusammenleben mit ihr. In der sentimentalen Erzählung „Roman in neun Briefen“ (1845) geht es um alte Liebschaften, kleine gemeine Anspielungen an die früheren Leben der Ehefrauen und um Geld.

Ergänzt wird der Erzählband durch ein Nachwort des Schriftstellers Eckhard Henscheid, der sich dem „ganz großen Humoristen“ Dostojewski widmet.

Bewertung vom 17.10.2021
Gehen allein unter Menschen
Muñoz Molina, Antonio

Gehen allein unter Menschen


ausgezeichnet

Antonio Munoz Molina (Jg. 1956) zählt zu den wichtigsten spanischen Schriftstellern der Gegenwart. Sein Werk wurde mehrfach ausgezeichnet. In „Gehen allein unter Menschen“ begegnen wir ihm als schreibenden Flaneur, als anonymen Spaziergänger, der in Madrid, aber auch in Lissabon, Paris oder New York unterwegs ist. Für ihn ist die Straße „das Büro der verlorenen Momente“. Hier ist er den Geräuschen des Lebens auf der Spur, ist ganz Ohr und hört mit seinen Augen. Er ist der Blick, „der sich nicht einen Wimpernschlag ablenken lässt.“ Erliest jedes geschriebene Wort, dem er auf seinen Weg begegnet. Und natürlich hat er stets ein Notizbuch dabei.

Entstanden sind so mosaikartigen Beobachtungen und Notizen – meist nur eine Seite lang – die Augenblicke festhalten. Er berichtet vom Leben auf den Straßen, belauscht den Rhythmus der Stadt. Täglich entdeckt er etwas Alltägliches, das doch außergewöhnlich ist. Dann wandelt er auf den Spuren von Walt Whitman, Walter Benjamin, Edgar Allan Poe oder James Joyce, deren Leben in der Stadt er erzählerisch immer wieder streift.

In den Texten wird die Straße gewissermaßen zur Erzählung. So wie Munoz Molina ein-fach nicht aufhören kann zu schauen, kann der Leser / die Leserin nicht aufhören, dem Autor auf seinen Spaziergängen zu folgen, denn seine Texte und Gedanken sind Garant für Unterhaltung und eigenes Reflektieren. Man kann das Buch an jeder beliebigen Stelle aufschlagen und vertieft sich sofort in diese Mischung aus Selbstreflexion und literarischem Essay.

Bewertung vom 17.10.2021
Das Dritte Reich und seine Verschwörungstheorien
Evans, Richard J.

Das Dritte Reich und seine Verschwörungstheorien


ausgezeichnet

Seit Menschengedenken breiten sich Falschmeldungen und Verschwörungstheorien aus – auch in unserem so aufgeklärten 21. Jahrhundert. Die Vorstellung, Geschichte sei das Ergebnis geheimnisvoller Machenschaften, ist so alt wie die Geschichte selbst. Doch nirgendwo ist die Ausbreitung von Verschwörungstheorien und „alternativen Fakten“ offensichtlicher als in der revisionistischen Darstellung der Geschichte des Dritten Reiches.

Der amerikanische Historiker Richard J. Evans beleuchtet in seinem Buch umfassend diese „erstunkenen und erlogenen“ Verschwörungstheorien, die in letzter Zeit zu neuem Leben erwacht sind. Im ersten Kapitel beleuchtet er die berüchtigte gefälschte antisemitische Hetzschrift „Die Protokolle der Weisen von Zion“, die ein klassisches Beispiel für die Gefährlichkeit von Verschwörungstheorien sind. Dabei geht es um die Frage, inwieweit der Antisemitismus selbst eine Verschwörungstheorie ist. Das zweite Kapitel befasst sich mit der Dolchstoßlegende, der zufolge die deutsche Niederlage im Ersten Weltkrieg das Ergebnis eines Komplotts war, das die deutschen Streitkräfte unterminierte.

Der Reichstagsbrand (im dritten Kapitel) in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 bot den neuen nationalsoz. Machthabern den Vorwand, bürgerliche Freiheiten aufzuheben. Dazu gab es eine kommunistische Version des Brandes. Evans unterzieht diese Theorien einer kritischen Prüfung. Der überraschende und unangekündigte Flug von Rudolf Heß am 10. Mai 1941 wird im vierten Kapitel aufgegriffen. Das fünfte und letzte Kapitel widmet sich dem hartnäckigen Gerücht, Hitler sei 1945 nach Argentinien geflohen.

All diese Phantasien und Fiktionen, Erdichtungen und Fälschungen überführt Evans der bewussten Lüge zu politischen Zwecken. Darüber hinaus fordert er auch eine kritische Auseinandersetzung mit heutigen Verschwörungstheorien.

Bewertung vom 16.10.2021
They Rocked the City
Eichener, Volker

They Rocked the City


ausgezeichnet

In den 1960er Jahren war die Jugend gefrustet von einer Gesellschaft, die autoritär, intolerant und konsummaterialistisch ausgerichtet war. 1968 wurde dann zu einem Schlüsseljahr der Gesellschaftsgeschichte. In diesem Jahr erreichten die Proteste der rebellierenden Jugend ihren Höhepunkt. Es fand ein gesellschaftlicher und politischer Wandel statt, der in der Nachkriegszeit seinesgleichen sucht.

Der Soziologe und Politwissenschaftler Volker Eichener zeigt ausführlich und eindrucksvoll, welche Rolle die Rockmusik bei diesem Umbruch der verkrusteten Gesellschaft spielte. Die Rockmusik als wichtiger Bestandteil der Gegenkultur hatte nicht nur in den 1960er Jahren eine besonders intensive Wirkung, bis heute ist sie weitgehend eine Form der Rebellion und des Protestes geblieben. Anhand zahlreicher Songtexte zeigt der Autor, wie politisch und gesellschaftskritisch die Rockmusik der damaligen Zeit war. So werden besonders einflussreiche Songs auf ihren Inhalt und ihre Wirkung analysiert. Aber nicht nur Pete Seeger, Joan Baez, Bob Dylan, The Beatles, Jimi Hendrix, Janis Joplin, The Doors oder The Rolling Stones aus den 1960er Jahren waren musikalische Vorbilder der Jugendrevolte, auch spätere Musikrichtungen wie Punk, Rap oder Hip-Hop oder die Neue Deutsche Welle trugen in unterschiedlichem Maße eine politische Botschaft in sich.

Auf 700 Seiten beleuchtet Eichener, wie die Rockmusik der Treibstoff nicht nur für jugendliche Rebellion sondern auch für neue Lebensformen, Selbstverwirklichung, Demokratisierungsprozesse und Grundrechte war. Auch die Forderung nach einer Umgestaltung der kapitalistischen Wirtschaftssystems spielte mitunter eine Rolle. Die Abhandlung ist jedoch keine Verklärung mit dem Abstand von fünfzig Jahren, die Widersprüchlichkeiten der Rockmusik (Geld, Plagiate oder Drogen) werden ebenfalls angesprochen. Aber wie resümiert der Autor in seinem Vorwort: „Auch Gitarrengötter sind letztlich nur Menschen mit ihren menschlichen Schwächen.“

Fazit: Eine umfassende Analyse der poltischen und gesellschaftlichen Wirkung von Rockmusik.