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zu den Top-Rezensenten

Benutzername: TommyB
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Bewertungen

Insgesamt 31 Bewertungen
Bewertung vom 29.10.2021
Wie schön wir waren
Mbue, Imbolo

Wie schön wir waren


ausgezeichnet

Gewaltig
Imbolo Mbue hat uns mit ihrem Roman „Wie schön wir waren“ ein Werk über Afrika geschenkt, das offensichtlich mitten aus dem Leben gegriffen ist. Ein kleines Dorf, in dem die überlieferte Tradition über allem steht, wird mit einem Ölkonzern konfrontiert, der in ihrem Tal Öl fördert. Natürlich ist dem Konzern die Umwelt egal, der Fluss wird verschmutzt, die Böden, der Brunnen, das Sterben beginnt im Dorf. Halbherzige Versprechen, denen keine Taten folgen, werden gegeben.
Was soll das Dorf tun? Und diese Geschichte, die über mehr als ein Jahrzehnt ausgebreitet wird, erzählt Imbolo Mbue in jedem ihrer Kapitel aus der Sicht eines anderen Dorfbewohners. Die Frauen kommen hier nicht zu kurz, obwohl es traditionell doch ihre Rolle ist, ihren Mann glücklich zu machen und mehr nicht Aber dieses Rollenbild beginnt zu bröckeln.
Auch wenn das Mädchen Thula sozusagen der „Rote Faden“ des Buches ist, so kommen dennoch viele andere aus ihrer Familie zu Wort. Sie erzählen die Geschichte weiter, natürlich mit Überschneidungen und geben ihre ganz persönliche Sichtweise, ihre Beweggründe preis. Das ist einfach nur großartig. Aus den Kindern der ersten Kapitel werden die zornigen jungen Kerle, die dann selbst Familie haben und auch andere Sichtweisen erleben, jetzt mit Frau und Kindern. Thula hat inzwischen in den USA studiert und kehrt nach einem Jahrzehnt zurück, einem Jahrzehnt, in dem doch dank internationaler Aufmerksamkeit so viel besser geworden sein soll. Aber nichts ist! Kann Thula den Kampf erfolgreich fortsetzen, mit neuen Ideen, mit ihrem unglaublichen Elan?

Bewertung vom 11.10.2021
Motorlegenden - James Bond 007
Tesche, Siegfried

Motorlegenden - James Bond 007


sehr gut

Ganz starker Hauptteil

Bond-Fan Siegfried Tesche hat mit den „Motorlegenden James Bond – Ein Bond ist nicht genug“ die Lücken geschlossen, die im ersten Buch offengeblieben sind. So werden jetzt weitere Bond-Autos ausführlich vorgestellt, geradezu genüsslich seziert. Wie sie aufgerüstet wurden, was sie von den Serienmodellen noch unterscheidet, wie die Promotion dafür lief, welche neuen Farben kreiert wurden und was letztendlich aus diesen Fahrzeugen wurde.
Da gibt es viel zu Staunen und noch viel mehr zum Schmunzeln. Wenn z.B. Ford sich bereit erklärt hatte, „kostenlos“ ihre Fahrzeuge für den Film Diamantenfieber zur Verfügung zu stellen, dann aber am Ende aber feststellen mussten, dass sie nur noch zu Schrott gefahrene Fahrzeuge zurückerhielten. Da wurde dann doch eine fünfstellige Summe eingefordert. Oder wie sich betuchte Menschen gefakte Wagen andrehen ließen und sich wunderten, dass sie diese nicht mit hohem Gewinn weiterverkaufen konnten. Die erstmalige Zusammenarbeit mit BMW, was ja damals in Großbritannien zu einem Aufschrei der Empörung führte, wird sehr plastisch beschrieben und insbesondere der kommerzielle Erfolg für den Autobauer vorgerechnet.
Viele Wagen werden hier vorgestellt, wer hier nicht vorkommt, ist bestimmt schon in Band 1 ausführlich besprochen worden. Ausführlich werden Stunts beschrieben, wie sie gemacht wurden, wer sie machte, was dabei schwer war. Zum Ende des Buches hin werden dann noch diverse Motorräder aus Bond-Filmen vorgestellt, hier gibt es sogar ein paar Einblicke in den neuesten Film, Drehorte und Teile der Stunts werden hier schon einmal mehr als nur angerissen.
Das ist wirklich ein starker Hauptteil, den Bond-Fans bestimmt lieben werden. Egal wieviel du weißt, hier erfährst du mehr. Doch warum wurde nach den Motorrädern nicht Schluss gemacht? Was sollen diese beiden kurzen Schlusskapitel? 6 reichlich bebilderte Seiten über drei Drehorte, zwei davon waren schon vorher im Hauptteil vorgekommen sind ehrlich gesagt einfach nur überflüssig. Den Schluss machen dann 9 Seiten über „Bond und die Frauen“. Hier wird kurz und knapp der sexistische Teil der Bond-Filme und das noch drastischere Frauenbild in den Romanen thematisiert, der kurze Ruhm, den viele Models als Bond-Girls genießen konnten, wird in Gagen, die sie danach verdienen konnten, verdeutlicht. Die Plakate für die Bondfilme mit den halbnackten Frauen, die sie zu Gespielinnen des Helden machen, werden beschrieben. Erst die Filme mit Daniel Craig beendeten diese Unsitte. Und bei der Produktion, Regie oder dem Drehbuch hatten Frauen so gut wie nichts zu sagen. So ein wichtiges Thema und dann nur 10 bebilderte Seiten, von denen zwei nur ein Foto zeigen? Hier wurde eine Chance verschenkt.
Fazit: ein wirklich gutes Buch, dem am Ende leider die Luft ausgeht.

Bewertung vom 23.09.2021
Flucht nach Patagonien
Revedin, Jana

Flucht nach Patagonien


weniger gut

Spagat
Jana Revedin versucht/begeht mit ihrem Buch „Flucht nach Patagonien“ einen Spagat zwischen den tatsächlichen Lebenslinien des Jean-Michel Frank und ihrem gleichnamigen Protagonisten. So richtig gut gelungen ist ihr das nicht. Ok, die anfänglichen autobiografischen Daten, die ihr Jean-Michel auf der Überfahrt nach Argentinien schreibt, stimmen, alles andere wäre ja auch Unsinn gewesen. Auch seine Förderin und Gönnerin Eugenia Errazuriz ist eine historische Person. Ja, und hier wird der Spagat gefährlich. Wenn es alle diese Personen und die vielen vielen weiteren Prominenten tatsächlich gab, dann muss man sehr aufpassen, keinen Unsinn zu schreiben. Zwei erste Beispiele: der tatsächliche Jean-Michel ist tatsächlich mit Anne Frank verwandt. Aber muss der Jean-Michel in diesem Buch seiner 8jährigen Nichte bereits schriftstellerisches Talent und reife Ausdruckweise bescheinigen? Muss er in Patagonien Walt Disney treffen? Weil „Bambi“ als Realfilm geplant ist?
Und dann wird es richtig ärgerlich in Argentinien, wohin Eugenia ihn 1937 mit einem Großauftrag gelockt hat. Im Kontext des Buches will sie ihn, den homosexuellen, gehbehinderten Juden weit außerhalb der Reichweite der Klauen der Nazis wissen. Doch die sind schon da und es ist Eva Braun, die dort bereits die Fäden zieht. Mal ganz ehrlich: 1937? Eva Braun? Argentinien? Prominente Nazifrau? Das ist eindeutig zu viel des Guten, das ist Blödsinn, da rettet auch keine künstlerische / schriftstellerische Freiheit diesen Unsinn. Schade!

Bewertung vom 15.09.2021
Nichts als Gutes
Slupetzky, Stefan

Nichts als Gutes


ausgezeichnet

Wahrhaftigkeiten
Der österreichische Autor Stefan Slupetzky hat mit „Nichts als Gutes“ ein tolles Werk geschaffen. „Nihil nisi bene“ – dieser alte Wahlspruch wird von ihm sehr frei ausgelegt. Über Tote soll man nur Gutes sagen und so konfrontiert uns der Autor mit fiktiven Grabreden, auf fiktive Menschen und von ebenso fiktiven Menschen. Den Anfang macht der Chef des Grabredners, der jetzt plötzlich selbst reden muss, weil sein bester Angestellter verstorben ist. Was da so zutage kommt …
Überhaupt kommt so einiges zutage in diesen Reden, Neid, Eifersucht, Wahnsinn oder auch nur kleine Geheimnisse und Wahrheiten über Verstorbene. Immer aus dem Blickwinkel des fiktiven Redners sehr überzeugend geschrieben. Eine Grabrede endet mit dem Heiratsantrag an die frische Witwe. Eine andere will ich hier in voller Länge wiedergeben, die Grabrede für Padre Lorenzo, der Mitglied im Schweigekloster Certosa di San Benedetto war (aus dem Italienischen übersetzt): …
Ja, das ist der Humor des Stefan Slupetzky, absolut ungewöhnlich. Wundert es, dass er auch im realen Leben so manche Schrulle hat? Er wirkte mit an der Entwicklung des „Transzebra Portable“, eines transportablen Zebrastreifens für den Eigenbedarf.

Bewertung vom 25.08.2021
Instagrammatik
Herr Schröder

Instagrammatik


sehr gut

Schule 2.Null (-Nummer)
Johannes Schröder, der Lehrer und Comedian, hat erneut zugeschlagen. Nach „World of Lehrkraft“ folgt jetzt die Instagrammatik. Und hier geht es zur Sache. An der Schule des Deutschlehrers Herrn Schröder („Schrödi“) will die neue Schulleiterin Frau Windkamp -nomen est omen- für ganz neuen Wind sorgen, alles voll digital. Und unser lieber Schrödi tappt von einem Fettnäpfchen ins nächste. Verbindung mit dem Smartboard? Fehlanzeige. Mit dem per App gemieteten Roller Schüler aufsuchen? Voll peinlich, und für die Rückfahrt reicht die Akkuladung nicht. So gibt es einen Fail nach dem anderen.
Doch Schrödi wäre nicht Schrödi, wenn er nicht noch ein paar Asse im Ärmel hätte. Gemeinsam mit anderen unzufriedenen Lehrern und Schulangestellten plus einem seiner Schüler schafft er es, die Luftnummer von Frau Windkamp zu entlarven, die bedenkenlos alle erreichbaren Daten der Kinder verkauft hat. Allerdings ist Schrödi dabei so ungefähr der letzte, der den wirklichen Durchblick über die Aktion hat. Seine Stärke sind halt die verschnörkelten Sätze, aber echte Taten vertraut man ihm lieber nicht an.
Kurz gesagt: Witzig

Bewertung vom 20.07.2021
Die Morgenröte - Sie nehmen dir dein Leben
Richter, Noah

Die Morgenröte - Sie nehmen dir dein Leben


schlecht

Gequirlte Sch …
Es tut mir leid, aber das Buch „Die Morgenröte“ von Noah Richter erfüllt keinerlei Erwartungen, die ich mir gestellt habe, nachdem ich den Klappentext gelesen habe. Das Einzige, was halbwegs gut ist, ist die Beschreibung der handelnden Personen bzw. wie sich im Laufe des Buches entwickeln. Aber sonst? Eine Geschichte, die so dumm simpel gestrickt ist, die -wie auch im Vorgänger-Roman 2,5 Grad- jeden aber auch wirklich jeden Bezug zur bundesdeutschen Realität vermeidet, eine Geschichte, die einfach nur schlecht ist!
Ein gefeierter Schlagerstar verkündet auf einem Konzert, dass er in diesem September für die Bundestagswahl antreten wird. Hurra! Und innerhalb kürzester Zeit ist seine „Bewegung“ extrem erfolgreich. Natürlich sind sie noch rechter als die AfD, trotzdem, haben sie riesigen Zulauf. Sie engagieren junge Hacker, die die neuen Medien ausnutzen, um ihre Botschaften an möglichst viele Wähler/innen zu senden. Gleichzeitig wird der politische Gegner diffamiert wo es nur geht. Sie gehen buchstäblich über Leichen. Und das alles mit 15 Millionen, die natürlich aus Russland kommen. Herr Strache lässt grüßen. Geht es noch blöder? 15 Millionen? Für einen Bundestagswahlkampf? Plus später noch einmal 12 als Spenden? Der Gipfel der Dummheit ist aber, dass der Autor sich nicht die Mühe gemacht hat, das deutsche Wahlrecht zumindest ein wenig zu studieren: Nur Parteien mit klarer Struktur, mit demokratischer (!) Struktur können zur Wahl zugelassen werden. Dazu benötigen sie Kandidaten, Kandidatenlisten und jede Menge Unterschriften aus Kreis- und Landesverbänden. Aber die Morgenröte will das alles ja nicht sein. Aber damit kann sie keinen Wahlkampf betreiben. Das ist wirklich gequirlte Sch…, was der Autor uns hier vorsetzt.

Bewertung vom 16.05.2021
Der Donnerstagsmordclub / Die Mordclub-Serie Bd.1
Osman, Richard

Der Donnerstagsmordclub / Die Mordclub-Serie Bd.1


ausgezeichnet

Very British aka Miss Marple hoch 4
Wer kennt sie nicht, die schrullige Miss Marple von Agatha Christie, im Film so herrlich von Margaret Rutherford dargestellt. Die alte Frau, die die kriminalfälle besser löst, als Scotland Yard. Und das versetzen wir in die Gegenwart, in eine luxuriöse Altersresidenz und setzen gleich 4 alte Menschen zusammen, deren Hobby es ist, ungelöste alte Kriminalfälle noch einmal aufzurollen und nach den wahren Tätern zu suchen. Es ist halt ein Hobby, es hat natürlich keine direkten Folgen. Aber dann: passiert ein Mord in ihrem unmittelbaren Umfeld, der Partner des Eigentümers wird nach einem Streit mit demselben ermordet.
Jetzt gehen Elizabeth, die ehemalige Geheimagentin, Ibrahim, der Wissenschaftler und Pedant, Ron, der ehemalige Gewerkschaftsführer, so streitsüchtig wie eh und je und die Neue in der 4er-Runde, Joyce, die ehemalige Krankenschwester, deren sehr erfolgreiche Tochter ihr hier das Leben und die Wohnung finanziert, aufs Ganze. Sie wollen helfen, sie nutzen ihr Insiderwissen, sie tricksen anfangs die Polizei aus, sehr amüsant, um dann doch konstruktiv mit Chris, dem ermittelnden Inspektor und Donna, der unterschätzen Ermittlerin zusammen zu arbeiten. Allerdings unter dem Vorbehalt, dass sie natürlich möglichst immer vorher wissen wer da mit wem was hatte. Hier kommen Elizabeth ihre alten Kontakte zugute, Joyce spannt ihre Tochter ein, um die Geschäftsbücher zu prüfen, da wird schon mal eine zusätzliche Leiche extra ausgebuddelt, extern untersucht und dann wieder vergraben, damit die Polizei sie auch finden kann.
Das alles ist so herrlich leicht überdreht, ohne verrückt zu sein, es ist amüsant, die Beschwerden des Alters kommen ebenso wenig zu kurz, wie die privaten Probleme der Ermittler. Und das, ohne von der Story abzuschweifen. Als der Hauptverdächtige („cui prodest“ – wer hat den größten Nutzen?) des ersten Mordes dann aber selbst das zweite Mordopfer wird, drehen unsere 4 Alten und die Polizei erstmal fürchterlich am Rad und sortieren sich neu. Jetzt treten uralte Mordfälle in den Vordergrund, doch wer ist so alt? Schnell sind die Bewohner der Residenz und damit auch unsere Hobby-Detektive im Fokus der Ermittlungen, als eine dritte Leiche nach Jahrzehnten gefunden wird. Das ist einfach nur herrlich, insbesondere wenn sich Ibrahim und Ron gegenseitig 7 von 10 Verdachtspunkten für den zweiten Mord geben.
Zum Schluss wird alles gelöst und es gibt ein relativ freundliches Happy-End – relativ, denn es geht nicht ohne neue Todesfälle.

Bewertung vom 02.05.2021
Die Toten vom Gare d'Austerlitz
Lloyd, Chris

Die Toten vom Gare d'Austerlitz


sehr gut

Kann man im Krieg Gerechtigkeit einfordern?
Am Tag der deutschen Besetzung von Paris im Juni 1940 wird Kommissar Giral an den Bahnhof Austerlitz gerufen. Vier Unbekannte liegen tot in einem Güterwaggon, sie wurden offensichtlich mit Giftgas ermordet. Und Edouard („Eddi“) Giral verbeißt sich in den Fall, legt sich mit seinem Vorgesetzten, mit den Deutschen, mit ihm bekannten Pariser Verbrechern, mit der Gestapo und mit seinem eigenen Sohn an, um die Wahrheit zu ermitteln. Doch das ist für den schwer vom Ersten Weltkrieg traumatisierten und früher kokainabhängigen Kommissar viel schwerer als vermutet. Ständig handelt er sich Schläge ein, wird von den Besatzern schikaniert und behindert, ein Mord soll ihm in die Schuhe werden. Doch auch Eddie kann falsch spielen und nutzt das. Ein langer Showdown rund um den Tag, an dem Adolf Hitler Paris urplötzlich besuchte, beendet das Buch nicht ganz, ohne die Rätsel zu lösen. Aber Eddie blickt schlussendlich fast wie in einem Epilog durch, zunächst etwas überraschend aber doch konsequent in der Erzählung.
Das historisch ergänzende Nachwort ist ausgesprochen lesenswert, wenn man die Lektüre durch hat. Ob die vielen Rückblenden ins Jahr 1925 wirklich nötig sind, sei dahingestellt. Sie erzählen viel von Eddie, sie erklären viel von ihm, aber das hätte auch anders und kürzer gemacht werden können.

Bewertung vom 17.04.2021
Der Abstinent
McGuire, Ian

Der Abstinent


ausgezeichnet

Aber wehe, wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe
Ian McGuire hat mit „Der Abstinent“ eine sehr dichte Geschichte über einen irischen Polizisten in Manchester von 1867 geschrieben, der die dortigen „Fenians“, die selbst ernannten allerdings wenig kriegerischen Kämpfer für die irische Unabhängigkeit, kontrollieren soll. Seine Vorgesetzten achten O‘Connor überhaupt nicht, sie hören nicht auf ihn, als Ire ist er nicht anerkannt.
Als drei Fenians öffentlich hingerichtet werden, kommt ein irisch stämmiger Soldat aus den USA nach Manchester, um Rache zu nehmen. O‘Connor erfährt davon, aber seine Informanten werden enttarnt und ermordet. Zeitgleich erscheint sein Neffe, der aus den USA fliehen musste. Er wird mit falschen Versprechungen geködert, für die Polizei zu arbeiten und soll sich bei den Fenians einschleichen und den Amerikaner aufspüren. Immerhin weiß er, wie er aussieht. Bis hierher und bis zum vereitelten Attentat auf den Bürgermeister ist das eine stringente Geschichte, doch danach sind dem Autor die Pferde durchgebrannt.
Jetzt folgt ein Twist nach dem anderen. O’Connor wird inhaftiert, der Attentäter schafft es zurück nach New York, wird aber von den eigenen Leuten kaltgestellt, mit Geld versorgt und weggejagt. Zufällig findet er seinen Onkel wieder und kommt auf dessen Farm unter. O’Connor sucht ihn um Rache zu nehmen, findet ihn tatsächlich und verzichtet dann urplötzlich auf die Rache, wird aber dann von ihm erschossen, sein junger Schützling wird ein Straßenprediger in San Franzisko und verdient sich seinen Lebensunterhalt mit … Egal, das ist jetzt definitiv weit mehr als eine Wendung zuviel.
Also 80% eine gute Geschichte mit etwas historischem Hintergrund, denn diese anfangs erwähnte Hinrichtung hat es tatsächlich gegeben, man bekommt eine gute Beschreibung der Typen und der Lebensumstände im 19. Jahrhundert. Der Schluss dagegen ist zu schnell, zu sprunghaft und überhaupt nicht mehr glaubwürdig.

Bewertung vom 12.04.2021
Gefangen und frei
Sheff, David

Gefangen und frei


gut

Interessant
„Die wahre Geschichte“ von Jarvis Jay Masters, der in der Todeszelle von San Quentin sitzend zum Buddhismus findet. Nicht etwa „nach einer wahren Begebenheit“, was ja der Beliebigkeit Tür und Tor öffnet, sondern tatsächlich real.
Jarvis ist natürlich schwarz, natürlich in den miesesten Verhältnissen aufgewachsen, die es nur gibt, ständig im Konflikt mit dem Gesetz, durch alle möglichen Maßnahmen und Arreste gegangen, also sozusagen der „klassische“ Todessträfling in den USA. Noch in San Quentin, wo er wegen diverser Raubüberfälle einsaß, radikalisiert er sich noch weiter, tritt einer gefürchteten schwarzen Gang bei. Und das wird ihm zum Verhängnis. Als ein Gefängniswärter ermordet wird, steht er urplötzlich vor Gericht, weil er angeblich das Messer hergestellt habe. Und er wird zum Tode verurteilt.
Viele Jahre lebt er in Isolation m Todestrakt, das ist noch eine Extra-Verschärfung der Haftbedingungen. Die UN nennt so etwas übrigens Folter. Eher zufällig kommt er zum Meditieren und nimmt Kontakt zu einem hohen buddhistischen Lehrer auf, der sich tatsächlich seiner annimmt. Und so durchläuft er 4 Schritte der Erkenntnis, und der Leser verfolgt diese. Rückschläge, Zweifel, und Verzweiflung inklusive.
Schritt 1: Leiden – also das Leiden überhaupt sehen, nicht nur das eigene.
Schritt 2: Die Ursache des Leidens – Jarvis stellt sich seinen Urängsten, seinen Kindheitserlebnissen und bekommt so einen besseren Blick auf sich selbst.
Schritt 3: Das Ende des Leidens – das ist eher der falsche Ausdruck, mag ein Übersetzungsfehler sein. Jarvis entdeckt sein „Mitleid“ (buchstäblich) für seine Mitgefangenen, die Wärter und für seine Umgebung. Inzwischen ist er durch eigene Publikationen einigermaßen bekannt geworden und viele Menschen schreiben ihm, teilen ihm ihre Nöte mit und er gibt ihnen Ratschläge. Im Gefängnis selbst sorgt er für mehr Frieden.
Schritt 4: Der Weg aus dem Leiden – Jarvis erkennt zum wiederholten Male, dass sein nicht endender Aufenthalt im Gefängnis, im Todestrakt auch etwas Gutes hat. Schon früher hat er einer weiteren Lehrerin im Gespräch anvertraut, dass er inzwischen auf der Straße tot gewesen wäre, hätte er weitergemacht wie vorher. Und jetzt, nachdem auch der erfolgversprechendste Ansatz eines Wiederaufnahmeverfahrens komplett gescheitert ist, kämpft er sich aus der Verzweiflung heraus und trifft folgenschwere Entscheidungen.
Das alles ist ausgesprochen interessant, allerdings teilweise auch langatmig. Die Realität im Gefängnis, ihre Beschreibung kommt doch etwas zu kurz und extrem dünn ist die Geschichte der vielen Gerichtsverfahren. Hier habe ich mehr erwartet. Das Buch bewirbt sich selbst mit dem „Buddhist in der Todeszelle“ und du erfährst ganz viel über den Buddhismus und sehr wenig über den Todestrakt.