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Benutzername: EOS
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Bewertungen

Insgesamt 50 Bewertungen
Bewertung vom 05.01.2020
Nebeljagd
Hofelich, Julia

Nebeljagd


ausgezeichnet

Vorverurteilung oder Wahrheit?
Eine Frau wird in einem kleinen Dorf ermordet, und sofort fällt der Verdacht auf ihren Pflegesohn Johann Haug, der nie ein gutes Verhältnis zu ihr hatte. Außerdem steht er in Verdacht, seine frühere Freundin vor 20 Jahren grausam ermordet zu haben, was aber nie bewiesen wurde. Ohne ausreichende Beweise wird eine Gerichtsverhandlung initiiert, und Linn Geller ist seine Pflichtverteidigerin. Sie ist in ständigem Zweifel was Haugs Schuld betrifft und recherchiert auf eigene Faust, da sie das Gefühl hat, dass hier einiges verschleiert werden soll. Sie sieht sich der abweisenden Front der Dorfgemeinschaft gegenüber, die sich ihre feste Meinung gebildet hat und nicht davon abweicht.
Genau wie die Verteidigerin werden auch die Leser immer wieder in verschiedene Denkrichtungen gelenkt, so dass man bis zum Ende hin in Unsicherheit bleibt, ob Johann Haug wirklich ein Mörder ist. Diese Komplexität, die den Leser immer wieder in Sackgassen führt und die ein Umdenken erfordert, erzeugt eine durchgreifende Spannung, denn man möchte unbedingt die Wahrheit erfahren.
Am Anfang erschien mir der Kriminalroman etwas langatmig, vielleicht lag es daran, dass ich den Vorgängerband nicht kannte und erstmal in das Geschehen hineinfinden musste. Aber die Spannung steigerte sich ständig und ließ mich das Buch nicht mehr aus der Hand legen.
Der Schreibstil ist flüssig und leicht. Die Charaktere sind gut ausgearbeitet und erscheinen realitätsnah. Linn ist eine Anwältin, die sich durch Ehrgeiz und Hartnäckigkeit auszeichnet. Auch persönliche Bedrohungen schüchtern sie nicht ein. Wir erfahren zwar auch etwas über das Privatleben der Anwälte/Ermittler, aber das hält sich in Grenzen und ist so völlig akzeptabel. Die Szenerie wird intensiv und sehr atmosphärisch beschrieben, besonders die unsägliche Verbohrtheit und der Starrsinn der Dorfbewohner.
Ein sehr spannendes und in sich schlüssiges Buch, das ich gern gelesen habe. Besonders die sich steigernde Spannung habe ich genossen. Und ich möchte dementsprechend eine eindeutige Lesempfehlung aussprechen.

Bewertung vom 31.12.2019
Die Weihnachtsgeschwister
Hennig von Lange, Alexa

Die Weihnachtsgeschwister


ausgezeichnet

Weihnachtsdisharmonie
Alle Jahre wieder treffen sich die Geschwister Tamara, Elisabeth und Ingmar zu Weihnachten mit ihren Familien bei ihren Eltern und verbringen dort die Weihnachtstage. Sie übernachten im Hotel in der Nähe, weil sie weiter entfernt wohnen. So sehen sie sich nicht allzu oft und die Weihnachtstreffen verlaufen in Disharmonie und offener Aggressivität.
Durch die Entfernung voneinander ist bei den Geschwistern, die ehemals liebevoll miteinander umgegangen sind und sich gegenseitig gestützt haben, eine Entfremdung eingetreten, die geschmacklose Beschimpfungen und Unterstellungen zulässt. Rücksichtslos wird auf den Gefühlen der anderen herumgetreten.
Die geplagten Eltern wollen diesen Zustand nicht länger hinnehmen und brechen alte Traditionen, um ihre Kinder wachzurütteln und zum Miteinander statt Gegeneinander zurückzuführen. So kocht z.B. die Mutter die Willkommenssuppe aus Dosen anstatt der liebevollen frischen Zubereitung. Schließlich sind die Eltern verschwunden, als die Geschwister an der Tür klingeln. Keiner öffnet....
Die Autorin versteht es großartig, die einzelnen Hauptprotagonisten in Szene zu setzen. Sie beschreibt die Charaktere sehr realitätsnah, mit einem Hauch Sarkasmus und mit allen Rissen in dem schönen Schein. Sicherlich werden diese Züge bisweilen etwas überspitzt dargestellt, aber das erhöht den Unterhaltungswert. Man fühlt sich als unsichtbarer Zuschauer des Geschehens mittendrin und genießt die eigene Anonymität, denn so wird man nicht in die 'Weihnachtsaggressionen' hineingezogen.
Das Buch ist abwechslungsreich geschrieben, in ständigem Perspektivwechsel, was die Komplexität der Anfeindungen symbolisiert. Außerdem kommt so nie Langeweile auf, obwohl nicht wirklich viel passiert. Der Schreibstil gefällt mir sehr gut, weil er lebhaft, lustig und sehr ausschmückend ist.
Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, in der Vorweihnachtszeit, und so manchen Bezug zu unserem bevorstehenden Weihnachtsfest hergestellt. Wie sieht es bei uns aus? Sind wir frei von Disharmonien? Das Buch hat mich in mancher Weise zum Nachdenken angeregt ...., und deshalb vergebe ich volle fünf Sterne für eine gute, abwechslungsreiche und tiefgehende Lektüre, die die Botschaft der Liebe mit sich führt.

Bewertung vom 20.12.2019
Die Zeit der vergessenen Kinder
Kliemann, Charlotte

Die Zeit der vergessenen Kinder


ausgezeichnet

Vergangenheitstraumata und ihre Spätwirkungen
In diesem Buch lernen wir Martin und Claudia kennen, die beide in ihrer Kindheit/Jugend traumatische Erlebnisse hatten, die bis zur Gegenwart nachwirken. Martin, der Sohn einer Roma, ist Journalist, geschieden, Vater zweier Kinder und erlebte in seiner Kindheit eine unglaublich erschreckende Phase, ausgelöst von seiner Mutter. Claudia wurde als Kind von ihrer Mutter im Stich gelassen, sie hat auch zwei Kinder, und ihr Mann hat seinem Leben willentlich ein Ende gesetzt. Die beiden lernen sich durch einen ungewöhnlichen Zufall kennen, sind sich sympatisch und spielen mit dem Gedanken, ihr weiteres Leben gemeinsam zu verbringen.
Wer jetzt meint, es handele sich um eine Liebesgeschichte, liegt daneben, denn es ist in erster Linie der Versuch einer Vergangenheitsbewältigung. Die Frage bleibt, ob psychotische Erlebnisse, selbst wenn sie schon lange zurückliegen, überwunden werden können. Oder verhindern sie, dass eine Beziehung, basierend auf Vertrauen und Zuneigung, entstehen kann?
Der Schreibstil ist flüssig und gut verständlich. Die Autorin bedient sich verschiedener Erzählebenen, so dass die Geschichte mal in der Vergangenheit und mal in der Gegenwart spielt. So baut sie eine Spannung auf, die den Leser dazu zwingt, weiter zu lesen. Mir persönlich hat dies sehr gut gefallen.
In der Vergangenheit verfolgen wir das Leben von Martins Mutter als Kind, die durch ihre Zugehörigkeit zu einer Roma-Familie ein hartes und unstetes Leben auf der Flucht führt. Die Erlebnisse sind so einschneidend, dass sich eine Psychose entwickelt, die sie zeitlebens mit sich trägt. In der Gegenwart wird Martins Sicht der Dinge geschildert, die verzweifelten Versuche, eine neue Beziehung aufbauen zu können.
Charlotte Kliemann versteht es hervorragend, die Gefühlswelt der einzelnen Protagonisten so intensiv zu schildern, dass man in die Romanwelt abtaucht und ganz nah am Geschehen ist.
Das Buch wirkt nach, man kann es nicht in einem Rutsch lesen, obwohl es spannend ist, und man immer wissen möchte, wie es weiter geht. Aber es beinhaltet so einschneidende Erlebnisse, dass man Zeit zum Nachdenken benötigt.
Mich hat die Erzählebene in der Vergangenheit am meisten berührt, ich habe einiges erfahren über die Verfolgung der Roma während der Nazizeit und über ihre Familienstrukturen. Hier hätte ich gern noch mehr gelesen....Die Gefühlsebenen der Gegenwart waren mir bisweilen etwas zu intensiv, denn immer nur Zögern oder Abwarten führt nie zum Ziel. Und wenn die Probleme unüberschaubar bleiben, sollte ich mir professionelle Hilfe suchen.
Alles in allem hat mich das Buch stark beeindruckt, es hat seine Spuren hinterlassen, und ich kann es wirklich empfehlen. Trotz der sporadischen Längen auf der Gefühlsebene ist mir das Buch fünf Sterne wert.

Bewertung vom 03.12.2019
Der Fund
Aichner, Bernhard

Der Fund


ausgezeichnet

Diese bietet sich für Rita Dalek, als sie beim Auspacken von Bananenkisten in dem Supermarkt, in dem sie arbeitet, einen außergewöhnlichen Fund macht: eine große Menge Kokain, das sicherlich bei einem anderen Adressaten landen sollte. Rita, die schon einige Schicksalsschläge hinter sich hat und ein bescheidenes Leben führt, obwohl sie so fleißig arbeitet, sieht plötzlich darin die Möglichkeit, ihr Leben durchgreifend zu ändern.....sie nimmt den Fund mit nach Hause! Rita ahnt noch nicht, welche Folgen diese Entscheidung nach sich zieht....
Dies war mein erstes Buch von Bernhard Aichner, und ich denke, es wird nicht mein letztes sein. Was mir ganz besonders gefallen hat, ist der Schreibstil. Ganze Kapitel sind reine Dialoge, immer unter Mitwirkung des ermittelnden Kommissars, der verschiedene Zeugen befragt, wodurch sich nach und nach die Geschehnisse nachvollziehen lassen. Wie bei einem Puzzle ergibt sich langsam ein Gesamtbild. Sehr bemerkenswert fand ich auch die Kapitel, in denen die Geschehnisse rückblickend in der Zukunft beschrieben werden (z.B. 'eine Stunde später wird Rita.....'), außergewöhnlich und gelungen. Und dann der ständige Perspektivwechsel zwischen Vergangenheit (was passierte bis zu Ritas Tod?) und Gegenwart (die Ermittlungen in Dialogform). Alles sehr beeindruckend!
Das Buch lebt nicht von blutrünstigen Horrorszenen, obwohl so einiges passiert, was einen hohen Grad von Gewalttätigkeit beinhaltet. Es ist die empathische Schilderung einer Entscheidung und ihrer Folgereaktionen. Und das fesselt einen so sehr, dass man das Buch nicht aus der Hand legen möchte. Die Protagonistin Rita ist trotz ihrer unehrlichen Machenschaften sehr sympathisch. Man freut sich mit ihr, denn man gönnt ihr einen Umschwung in ihrem harten Leben, und man leidet auch mit ihr, denn das Unheil lässt sich nicht aufhalten.
Auch die anderen Protagonisten sind nachvollziehbar in Szene gesetzt, z.B. der reiche Psychopath Bachmair, dessen unberechenbarer Charakter sehr überzeugend geschildert wird.
Alles in allem war das Buch für mich ein Lesevergnügen, und ich spreche eine deutliche Lesempfehlung aus. Ich hätte gern mehr davon!

Bewertung vom 04.11.2019
Heimat ist ein Sehnsuchtsort / Heimat-Saga Bd.1
Münzer, Hanni

Heimat ist ein Sehnsuchtsort / Heimat-Saga Bd.1


ausgezeichnet

Beeindruckende Familiensaga
Was für ein Buch! Es hinterlässt eindeutig Spuren, die noch lange nachwirken...
Laurenz ist der Sohn eines schlesischen Bauern, der sich zur Musik berufen fühlt und deshalb nicht wie seine Brüder den Hof der Eltern erben möchte. Aber das Schicksal hat andere Pläne, denn kurz nachdem er seine große Liebe Annemarie kennengelernt hat, muss er doch nach Petersdorf zurückkehren, um seine Mutter zu unterstützen, die zwei Söhne im Krieg verloren hat und deren Ehemann schwer kriegsgeschädigt heimkehrt. Zusammen mit Annemarie betreibt er nun den Hof und wächst in seine neue Rolle gut hinein. Sein Glück ist vollkommen, als Annemarie ihm zwei Töchter schenkt. In diesem ersten Teil lernen wir das ruhige, relativ harmonische und naturverbundene Leben der Familie Sadler kennen. Aber so bleibt es nicht, denn der 2. Weltkrieg naht und alles gerät durcheinander. Aus der Idylle wird Chaos, aus der Zufriedenheit wird Angst, die Familiengemeinschaft zerbricht mehr und mehr...
Mich hat das Leben der Familie Sadler sehr berührt, ich habe mich mit ihnen gefreut, aber auch mit ihnen gelitten. Das Geschehen war für mich so spannend, dass ich das Buch kaum aus den Händen legen konnte. Ich habe mich wie ein stilles Familienmitglied gefühlt, das das Geschehen auf dem Bauernhof und rund um Petersdorf beobachtet. Der Schreibstil ist einerseits flüssig und angenehm zu lesen, andererseits sehr intensiv in seinen Beschreibungen, so dass man sich sofort in die Geschichte einfühlen kann. Die Spannung hat bis zum Ende des Buches angealten, sogar noch darüber hinaus, denn ich bin jetzt schon voller Erwartung auf den 2. Band. Dies war mein erstes Buch von Hanni Münzer, und es hat mich überzeugt.
Hier wirkt nichts konstruiert, sondern die Handlung kommt völlig authentisch rüber. Ebenso hat mich der historische Hintergrund überzeugt, und ich denke, dass die Autorin hier intensive Recherchearbeit betreiben musste. Sie beschreibt die Auswirkungen des 2.Weltkriegs in allen Facetten und in all ihrer Härte. Besonders bemerkenswert finde ich, dass sie auch den Blick auf die vielen Tieropfer lenkt, die den 2. Weltkrieg kennzeichnen. Dies tritt häufig in den Hintergrund, aber es gab auch hier Millionen Opfer, die grausam missbraucht wurden.
Hauptprotagonistin ist Kathy Sadler, die ältere Tochter des Ehepaares. Sie ist sehr intelligent, einfühlsam, fürsorglich, tierlieb und eine Kämpfernatur, so schnell gibt sie nicht auf. Sie ist ehrlich und geradlinig, man wünscht sich, sie zu kennen. Auch die anderen Charaktere sind lebensnah und authentisch.
Ganz besonders haben mir die 'Zugaben' gefallen: die Personenliste, die vielsagenden Zitate zu Beginn eines jeden Kapitels, der historische Abriss und die Feldpostbriefe im Anhang.
Alles in allem ein Buch, das ich jederzeit empfehlen werde und was ich auch schon getan habe. Sehr lesenswert und volle Sternchenzahl!

Bewertung vom 01.11.2019
Der zehnte Gast
Lapena, Shari

Der zehnte Gast


sehr gut

Tödliches Wochenende und kein Entrinnen
Es sollte ein stressfreies und erholsames Wochenende in einem einsamen Hotel in den Catskill Mountains werden, aber stattdessen wird es zu einem Kampf ums Überleben. Hilfe zu holen, ist unmöglich, da durch einen eisigen Schneesturm ein Stromausfall entsteht und das Hotel von der Außenwelt regelrecht abgeschnitten ist. Zehn Gäste und das Betreiber-Duo beschließen, das Beste aus der Situation zu machen, was aber misslingt, denn schon bald gibt es den ersten Todesfall....
Der Leser sollte hier keine blutgetränkten Action-Szenen erwarten, hier läuft alles bedächtig ab, aber trotzdem voller atmosphärischer Spannung.
Durch den flüssigen Schreibstil und die detaillierten Beschreibungen findet man sich als Leser schnell mitten im Geschehen bzw. in der Abgeschiedenheit des Hotels wieder und beobachtet am Kaminfeuer unter einer Kuscheldecke die anwesenden Personen. Peu à peu lernt man immer mehr über die individuellen Stärken und Schwächen der einzelnen Gäste und kann miträtseln, wer wohl als Mörder in Frage kommt und warum. Alle Anwesenden haben ihre Probleme mitgebracht, die ganz unterschiedlicher Natur sind, und sie hoffen, durch die Entspannung in diesem Wellnesshotel eine Lösung zu finden oder zumindest erste Schritte dahin zu unternehmen.
Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, was viel Abwechslung mit sich bringt. Denn dadurch dass wir immer mehr erfahren, wechselt man ständig zwischen den potentiellen Tätern. Die Autorin lenkt einen sehr geschickt auf eine falsche Spur, von der man dann etwas später merkt, dass sie im Sande verläuft, und man orientiert sich neu. So macht das Miträtseln Spaß.
Was mir nicht gefällt ist, dass einiges sehr konstruiert und wirklichkeitsfern wirkt, weshalb ich in der Bewertung ein Sternchen abziehe. Außerdem erfolgt ganz am Schluss noch ein Clou, der mir persönlich sehr missfällt, mehr möchte ich darüber nicht verraten.
Alles in allem habe ich mich durch dieses Buch gut unterhalten gefühlt, ich konnte es vor Spannung teilweise kaum aus der Hand legen, habe miträseln können und möchte deshalb eine Empfehlung für alle Freunde des Cosy Crime aussprechen.

Bewertung vom 30.10.2019
Bis ihr sie findet / DCI Jonah Sheens Bd.1
Lodge, Gytha

Bis ihr sie findet / DCI Jonah Sheens Bd.1


sehr gut

Aurora ist 14, als ihre Schwester sie mitnimmt zu einer Party ihrer Clique, die im Wald und mit einer anschließenden Übernachtung im Freien stattfindet. Alle sind etwas älter als Aurora und haben ihre festen Vorstellungen, was sie von einer solche Fete erwarten. Aurora fühlt sich schnell im Abseits, weil sie keinen Alkohol trinkt, keine Drogen nimmt und keinen Partner hat. Sie fühlt sich dort nicht wohl und möchte am liebsten nach Hause. Als die anderen am nächsten Morgen erwachen, ist Aurora verschwunden, und eine groß angelegte Suchaktion bleibt erfolglos.
Nach 30 Jahren wird dort eine Leiche durch Zufall entdeckt, und DCI Jonah Sheens weiß sofort, dass es sich um Aurora handelt, was sich dann auch bestätigt. Sofort wird der Cold Case wieder aufgerollt, und Sheens sieht sich vielen Fragen gegenüber.
Zunächst einmal muss ich sagen, dass die Spannung, die bereits im Prolog einsetzt durch den Fund eines Fingerknochens, bis zum Schluss aufrecht erhalten wird, man ist gefesselt vom Geschehen und süchtig nach weiteren Details jener Nacht, die durch die intensiven Ermittlungen sukzessiv ein Gesamtbild ergeben. Man kann wunderbar miträtseln, wer als Täter in Frage kommt, landet aber immer wieder auf einer falschen Spur und muss wieder umdenken.
Der Schreibstil ist flüssig und leicht. Erzählt wird auf zwei Ebenen, vor 30 Jahren und aktuell. Beide Ebenen sind interessant, in der aktuellen laufen die Ermittlungen ab, und in der anderen werden die Ereignisse damals aus Auroras Sicht präsentiert. Leider gibt es ein paar Szenen, die meiner Meinung nach überflüssig sind, da sie ohne Bedeutung für die Handlung sind.
Durch die andauernden Verhöre setzt bald eine interessante Gruppendynamik ein, wobei keiner wirklich Rücksicht auf andere nimmt, jeder möchte sich reinwaschen von Schuldzuweisungen. Wie im richtigen Leben!
Keiner ist mir wirklich sympathisch, da gelogen und intrigiert wird. Die Ermittler kommen unscheinbar rüber, haben mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen und sind ebenfalls keine Sympathieträger.
In der Mitte des Buches kommt es zu einigen Längen, da die Ermittlungen auf der Stelle treten und bisweilen schon Bekanntes wiederholt wird. Aber ansonsten hat mir das Buch gut gefallen und ich möchte es allen empfehlen, die gern miträtseln, Cozy Crime mögen und nicht auf blutgetränkte Action aus sind.

Bewertung vom 13.10.2019
Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle
Turton, Stuart

Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle


ausgezeichnet

Wie in einem Escape Rätsel muss sich Aiden Bishop gefühlt haben, als er zu einem Maskenball auf dem alten Landgut Blackheath eingeladen wird, denn sehr schnell muss er feststellen, dass der Aufenthalt dort eine Bedrohung für ihn darstellt, denn er kann diesem Ort nicht ohne Weiteres entkommen. Er hat nur eine Chance, wenn er ein bestimmtes Rätsel löst bzw. in diesem Fall einen Mord aufklärt. Evelyn Hardcastle, die Tochter des Hauses, wurde ermordet, und dieses Geschehen soll Aiden aufklären, ansonsten kann er Blackheath nicht verlassen.
Hinzu kommt noch, dass Aiden sich jeden Tag in einem anderen Körper der anwesenden Gäste wiederfindet, er also das Geschehen immer wieder aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Und jeden Tag spult sich das gleiche Geschehen wieder ab, hier grüßt täglich das Murmeltier! Durch die jeweils veränderte Perspektive erfährt er aber Schritt für Schritt mehr und das Rätsel wird langsam durchschaubar. Bis es aber soweit ist, muss man sich durch viele Wendungen schlängeln, die einen oft auch auf die falsche Fährte locken. Das Schlimmste ist, dass man wirklich nicht weiß, wer tatsächlich vertrauenswürdig ist. Und dann kommt das überraschende Ende mit der Auflösung, die man dann doch wieder nicht erwartet hat, die aber in sich logisch durchdacht ist.
Mich hat immer wieder verwundert, wie der Autor es geschafft hat, alle Fäden des Geschehens im Auge zu behalten, wo doch die Komplexität der verschiedenen Perspektiven so gewaltig ist. Aber Stuart Turton hat dies vollbracht, es bleiben keine Fragen offen und man bleibt erstaunt zurück.
Ich glaube, dass ich bislang keinen Kriminalroman gelesen habe, der meine Konzentration so stark gefordert hat. Dies ist kein Buch, das man mal eben so zur Entspannung liest, denn bei der kleinsten Unaufmerksamkeit verliert man den roten Faden und muss zurück. Am Ende hatte ich das Gefühl, etwas Anspruchsvolles erfolgreich beendet zu haben. Puh!
Ich möchte eine klare Leseempfehlung aussprechen, denn hier handelt es sich um ein gut durchdachtes fiktives Meisterwerk.

Bewertung vom 17.09.2019
Gestern ist ein ferner Ort
Berges, Joaquín

Gestern ist ein ferner Ort


sehr gut

Schutzlügen - wie weit dürfen sie gehen?
Celia, eine Journalistin, wird nach einem Schlaganfall aus dem Krankenhaus entlassen, ist aber nicht völlig geheilt, sondern leidet an partieller Amnesie. Da sie in einen normalen Alltag zurückkehren möchte, versucht sie auf unterschiedliche Weise, ihre Erinnerungen wieder lebendig werden zu lassen. Sie fährt z.B. an Orte, die in ihrem früheren Leben eine Rolle gespielt haben, um Anstöße für die Reaktivierung ihres Gedächtnisses zu bekommen.
Noch naheliegender sind natürlich die Befragungen der Menschen, die zu ihrem sozialen Umfeld gehört haben, Familie, Freunde, Bekannte und Nachbarn. Hier jedoch fällt Celia bald auf, dass diese Personen auf manche Fragen merkwürdig reagieren, so als ob sie fremdbestimmt antworten. Wer hat da seine Finger im Spiel und versucht, Celia etwas zu verheimlichen? Schon bald findet sie heraus, dass ihre Tochter Paula bestimmt, was sie wissen darf und was nicht. Wie weit darf eine solche Bevormundung der eigenen Mutter gehen? Dies ist die zentrale Frage in diesem Buch, und der Leser kann sich selbst eine Meinung bilden, indem er Celias Leben in der Rekonvaleszenz verfolgt.
Das Buch ist sehr emotionsgeladen und entführt den Leser in eine Situation, die für die meisten von uns unbekannt ist. Ich habe mich mit Celia über jeden kleinen Fortschritt gefreut und habe mit ihr gelitten, wenn sie wieder enttäuscht wurde. Der Autor schafft es, uns Celias Gefühlsleben nahezubringen, und ich habe mich oft gefragt, wie ich in einer solchen Situation reagieren würde.
Der Schreibstil ist einfach und klar. Er passt damit hervorragend zu Celias momentanem Zustand, denn durch Fragen nach einfachen Alltagsgegebenheiten möchte sie ihren Horizont immer mehr erweitern. Es passiert nichts Spektakuläres, manchmal hat man sogar das Gefühl, dass sich Längen einschleichen, aber trotzdem ist eine gewisse Spannung da, die einen gern weiterlesen lässt.
Die Protagonistin ist wunderbar einfühlsam beschrieben, wir erleben sie mit all ihrer Unsicherheit, aber auch mit all ihrer Freude über Fortschritte. Wir sehen sie in ihrem innigen Verhältnis zu ihrem Hund Charlie, ihrer Enkelin Alba und ihrer Haushälterin Rosario.
Am Ende bleibt allerdings einiges offen. Man wüßte gern, wie sich das weitere Mutter/Tochter Verhältnis gestaltet oder wie Celia ihren Lebensherbst zu gestalten gedenkt. Trotzdem kann ich das Buch empfehlen, es entführt uns in eine ganz andere Welt, erlaubt uns ungewohnte Einblicke und stimmt nachdenklich.

Bewertung vom 08.09.2019
ATME! (eBook, ePUB)
Merchant, Judith

ATME! (eBook, ePUB)


sehr gut

Sehr positiv aufgefallen ist mir an diesem Buch der ungewöhnliche Schreibstil, der durch die überwiegend kurzen und teilweise abgehackten Sätze Hektik und Panik ausdrückt. Man kann förmlich die Verzweiflung der Protagonistin Nile spüren, die durch die Stadt rast, um ihren Freund Ben zu finden. Dieser ist nämlich auf kuriose Weise verschwunden, während Nile ein Kleid für die anstehende Hochzeit der beiden anprobiert. Er hatte vorn im Geschäft im Wartebereich gesessen, aber als Nile ihm das neue Kleid zeigen will, ist er nicht mehr dort, wo sie ihn zuletzt gesehen hat, und eine dramatische Suche beginnt....Angst und Verzweiflung prägen von nun an Niles Tage, die sich ausschließlich darum drehen, Ben zu finden. Und diese Panik drückt die Autorin durch ihren rasanten Schreibstil sehr treffsicher aus. Man sieht Nile förmlich vor sich, immer außer Atem, bevor sie schnell wieder den nächsten Gedanken bzw. die nächste Aktion startet.
Und zu diesem Geschehen passt auch das Cover wunderbar, denn die abgebildete Frau entspricht Nile bei ihrer panischen Suche nach ihrem Lebenspartner. Auf dem Cover dreht sie sich um und wirkt gehetzt, was dem Erzählstil hervorragend entspricht. Auch die Farben schwarz und weiß passen sehr gut, denn Niles Gedanken wechseln zwischen Hoffnung und Liebe auf der einen Seite sowie Trauer und Hass auf der anderen.
Nachdem Nile mir anfangs sehr sympathisch war, da sie so besorgt nach ihrer großen Liebe Ben sucht und einen ungeheuren Aktionismus an den Tag legt, ändert sich dieses im Laufe des Buches, da viele ihrer Aktionen total überzogen sind und andere Personen empfindlich getroffen werden. Ich muss jedoch sagen, dass die Autorin die psychotische Frau sehr treffend und umfassend beschrieben hat.
Ich habe das Buch sehr gern gelesen, da es durchweg spannend war und ich einfach der Auflösung entgegen fieberte. Am Ende wurde ich jedoch enttäuscht, da das Ende nicht klar abgrenzbar ist zwischen Fantasie und Wirklichkeit. Deshalb habe ich auch einen Stern abgezogen.
Insgesamt jedoch ist das Buch empfehlenswert! Und es wirkt nach....ich habe noch länger über diese verzwickte Situation nachgedacht und jetzt im Moment auch schon wieder.