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Benutzername: EOS
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Bewertungen

Insgesamt 91 Bewertungen
Bewertung vom 26.02.2021
Big Sky Country
Wink, Callan

Big Sky Country


gut

In diesem Coming-of-Age Roman lernen wir August kennen, dessen Eltern sehr unterschiedlichen Beschäftigungen nachgehen. Er wächst im beschaulich ländlichen Michigan auf, wo sein Vater eine Farm betreibt und August mit einbezieht in die alltäglichen Aufgaben der Landwirtschaft. Seine Mutter hingegen repräsentiert nicht den Landfrauen Typ, sondern beschäftigt sich eher mit geistigen Dingen, sie bildet sich weiter, meditiert und legt Patiencen. Sie möchte Augusts Bildung vorantreiben, während dieser es als kleiner Junge vorzieht, dem Vater zu helfen. Nach der Scheidung der Eltern zieht August jedoch mit der Mutter um, nach Montana, und sieht seinen Vater nur noch in den Ferien. Nun wird August mit einer ganz anderen Welt konfrontiert und muss sich durchschlagen. In der Schule ist er Außenseiter, und auch zu Hause findet er nicht die Unterstützung, die er sucht. Er rebelliert sowohl gegen Vater als auch Mutter und möchte seinen eigenen Weg gehen, was nicht einfach wird.
Irgendwie ist August das Produkt seiner Erziehung, er kann keine Gefühle entwickeln und verhält sich emotionslos, besonders Schwächeren gegenüber. Das zeigt sich besonders in seinem Verhalten gegenüber Tieren. Vorsicht, mir als Tierfreundin kamen die Tränen, als er Katzen brutal erschlägt, ihnen die Schwänze abschneidet oder Kühe mit Steinen bewirft. Und andere Tierquälereien treten auch später noch auf. Selbst die Mutter gibt August nicht die Fähigkeit, Mitgefühl und Respekt vor anderen Lebewesen zu vermitteln. Sie ist nur an ihrer eigenen Selbstfindung interessiert. So kommt es dazu, dass August seinen Frust und Hass auch an Menschen auslässt. Keine schönen Szenen!
Ich bin etwas enttäuscht von dem Buch, da ich ein Landleben im Stil von Kent Haruf erwartet hatte, das sich im Cover andeutete und das ich immer sehr berührend fand. In diesem Buch spielen Gleichgültigkeit und Abgestumpftheit eine große Rolle und sind bestimmt nicht die idealen Begleiter eines Jugendlichen.
Weitere negativ besetzte Inhalte sind Frauendegradierung (Frauen sind nur Spielzeug) Und das Racheprinzip (wie du mir, so ich dir).
Man kann sich natürlich erklären, warum diese negativen Umstände in Augusts Leben einen so großen Stellenwert einnehmen, aber die detaillierte Schilderung fand ich unangebracht. Außerdem weist das Buch einige Passagen auf, die vor Langeweile strotzen, weil sie alltägliche Aufgaben eines Farmers in allen Einzelheiten beschreiben.
Die Landschaftsbeschreibungen hingegen und die Hintergrundinformationen zum Leben im ländlichen Teil der USA haben mir sehr gut gefallen, so dass ich das Buch mit drei Sternen bewerte.

Bewertung vom 11.02.2021
Das Windsor-Komplott / Die Fälle Ihrer Majestät Bd.1
Bennett, S J

Das Windsor-Komplott / Die Fälle Ihrer Majestät Bd.1


sehr gut

God save the Queen of Crime
In diesem Buch lernen wir die Queen in einer neuen Rolle kennen: als heimliche Ermittlerin in einem Mord, der sich in Schloß Windsor ereignete. Sie recherchiert nicht direkt, sondern dirigiert aus dem Hintergrund ihre Leute, insbesondere ihre Privatsekretärin Rozie, die aus Nigeria stammt. Die beiden sind ein perfektes Team und verstehen sich auf Detektivarbeit. Es handelt sich um einen äußerst brisanten Mord, dessen nähere Umstände nicht ans Licht der Öffentlichkeit dringen sollen, das wäre ein Skandal für die Royals!
Was ich erhofft hatte trat ein: das Buch ist durchdrungen von feinem britischen Humor, skurril und voller Ironie, sowie auch von bedeutungsträchtigen Anspielungen auf andere bekannte Royals. Das war ganz nach meinem Geschmack. Außerdem hat die Autorin augenscheinlich gut recherchiert, denn man erfährt so einiges über die Gewohnheiten und Vorlieben der Queen, die ich teilweise auch bereits aus anderen Büchern oder Zeitschriften kannte und die dadurch ergänzt wurden. Für mich sehr interessant! Auch über die Kindheit Lilibets erfährt man Details, so z.B. über ihre Gouvernante, über die ich gerade ein anderes Buch gelesen habe.
Der historische Hintergrund wird auch gestreift, so z.B. politisch wichtige Besuche oder Vereinbarungen. Aber auch rückblickend wird so einiges erwähnt, was bedeutend ist, so z.B. wie die Royals den 2. Weltkrieg erlebt haben.
Sehr schön ist die Interaktion zwischen Elizabeth II und ihrem langjährigen Ehemann Philip beschrieben. Letzterer ist bekannt für seine humorvollen, teils spöttischen Äußerungen, und dies tritt auch hier zu Tage, aber man spürt auch, dass die beiden gemeinsam durch dick und dünn gegangen sind und einander voll vertrauen.
Allerdings gab es auch bisweilen langatmige Kapitel, die vom eigentlichen Thema abwichen, so z.B. Rozies Besuch der Hochzeit ihrer Schwester in Nigeria, die ausführlich beschrieben wird oder die intensive Betrachtung der Gäste der Soirée.
Auch brauchte ich Zeit, um mich an den Schreibstil der Autorin zu gewöhnen, etliche Sätze musste ich anfangs mehrfach lesen, da mir die Bedeutung nicht sofort klar war. Leider fehlte mir auch das Wissen zum politischen Hintergrund, um die vermuteten Verschwörungstheorien zu verstehen.
Diese Nachteile überwiegen nicht die Vorteile, doch die Autorin sollte die Queen-bezogenen Passagen in den Folgebänden erweitern und dafür 'Abweichungen' unterlassen. Die Queen of Crime hat sich in meinen Augen bewährt und sollte weitermachen.

Bewertung vom 08.02.2021
Flieh, so weit du kannst
Joy, Naomi

Flieh, so weit du kannst


gut

Perfide Charaktere und endlose Intrigen
Ava arbeitet erfolgreich in der Agentur W&SP, die dem reichen PR-Guru David Stein gehört. Als die Probleme mit ihrem Freund Charlie immer größer werden, schlägt David ihr vor, dass sie, zumindest vorübergehend, im luxuriösen Haus seiner verstorbenen Tochter Olivia wohnen kann. Ava nimmt das großzügige Angebot an, aber schon bald merkt sie, dass David für diese Hilfe Gegenleistungen erwartet. Kurz darauf fühlt sie sich in dem überwachten Haus nicht mehr wohl, zumal sie auch Drohbriefe und beängstigende Textnachrichten bekommt....
Der Schreibstil ist flüssig und anschaulich, so dass man schnell in die Handlung hineinfindet. Die Autorin bedient sich des Perspektivenwechsels, so dass sich die Geschichte von verschiedenen Blickwinkeln aus entwickelt. So baut sich eine Spannung auf, die den Leser dazu motiviert, immer weiter zu lesen. Allerdings ist dabei in weiten Teilen das Augenmerk auf die sozialen Probleme der einzelnen Charaktere untereinander gerichtet, denn die gesamte Handlung wird dominiert von Lügen, Intrigen, Boshaftigkeiten und Gefühlsexzessen. Ich kann mir wahrlich nicht vorstellen, dass eine Agentur, die von so vielen negativ-gepolten und selbstverliebten Charakteren getragen wird, Bestand hat. In London gibt es zwar viele ungewöhnliche Dinge, aber das ist an der Realität vorbei konstruiert.
Dabei sind die Charakterzüge der einzelnen Protagonisten in meinen Augen stark überzeichnet, so dass man kaum jemand Sympathie entgegen bringen kann. Besonders Avas Kollegin Jade, mit der sie früher auch befreundet war, wird in stark übertriebener Weise als Soziopathin dargestellt, die keinerlei Rücksicht auf die Gefühle der anderen nimmt und durch ihre perfiden Verhaltensweisen viel Unheil anrichtet. Das geht meiner Meinung nach auch an der Realität vorbei.
Auch wird immer wieder ein furchtbares Geheimnis der zwei Hauptfiguren erwähnt, dem man gedanklich aber sehr schnell auf die Spur kommt, so dass dadurch kein Spannungsbogen über die gesamte Geschichte hinweg entsteht. Schade!
Am Ende bleibt dann noch eine grundlegende Frage offen, die man sich beim besten Willen nicht beantworten kann. Vielleicht ist sie als Cliffhanger gedacht.
Alles in allem habe ich das Buch zwar verschlungen, aber ein Thriller-Feeling kam nicht auf, sondern vielmehr ein starkes Interesse am sozialen Miteinander.

Bewertung vom 25.01.2021
Vati
Helfer, Monika

Vati


ausgezeichnet

Was weiß ich über meinen Vater?
Diese Frage habe ich mir gestellt, nachdem ich dieses Buch gelesen hatte. Was weiß man eigentlich wirklich über die eigenen Eltern, ihren Lebenslauf, ihre Probleme, ihre Freuden und Sorgen? Als Kind ist man zunächst zu jung, um ihren Lebensweg zu erfassen, als junger Mensch ist man zu stark mit der eigenen Selbstfindung und Familiengründung beschäftigt, und danach kann es manchmal schon zu spät sein....
Monika Helfer geht in diesem Buch der Frage nach, wie ihr Vater wirklich war und wie er sein Leben gestaltet hat. Dies ist nicht ihr erstes Buch, das sich mit Familienforschung beschäftigt, denn in 'Die Bagage' beschreibt sie bereits das Leben ihrer Großeltern. Diese hatten viele Kinder, und eines davon ist die Mutter der Autorin. Ich fand es sehr interessant, nebenbei zu lesen, wie es den Kindern in ihrem Leben ergangen ist.
Josef, von seinen Kindern 'Vati' genannt, weil er das so wünscht und weil es modern ist, war im Krieg und trägt eine Beinprothese. Er ist belesen, intelligent und wurde schon als Kind respektiert. Aber er ist sehr verschwiegen, und deshalb muss die Autorin im Umfeld recherchieren, um sich ein nahezu fertiges Bild machen zu können. Josef lernte im Lazarett seine Frau kennen und lieben, mit ihr hat er insgesamt 4 Kinder, er wurde Verwalter in einem Kriegsopfererholungsheim in den Bergen, hatte somit einen verantwortungsvollen Posten und konnte seiner eigenen Famile dort ein schönes Leben bieten. Er hegt und pflegt die Bibliothek dieses Heimes und träumt davon, auch eines Tages eine solche zu besitzen. Dieser Wunsch führt zu einer krassen Entscheidung und verändert das gemütliche Familienleben. Die Familie lernt nun andere Lebensverhältnisse kennen, sehr beengt und eingeschränkt. Der Vater zerbricht daran.....
Die Autorin erzählt ruhig und gelassen von den Höhen und Tiefen ihres Lebens im Hinblick auf den Vater und die anderen Familienmitglieder. Es gibt Phasen, in denen man Vatis Entscheidungen nicht versteht, aber sie bemüht sich stets, Vatis Beweggründe zu deuten und zu erklären. Sie zeigt keine Unzufriedenheit und spricht keine Vorwürfe aus. Bewundernswert!
Historisch gesehen erleben wir die großen Entbehrungen der Nachkriegszeit mit, die engen Wohnverhältnisse, das kleine Budget, die strenge Erziehung der Kinder usw., was ich auch sehr eindrucksvoll fand.
Der Schreibstil ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, kurze Sätze, Zeitsprünge und unbekannte Phrasen (österreichische Vokabeln!), aber man gewöhnt sich schnell daran.
Ich habe das Buch sehr gerne gelesen, es hat mich zum Nachdenken gebracht und nachgewirkt. Ich denke, im Leben meiner Eltern hätte ich noch vieles Wissenswerte finden können.

Bewertung vom 09.01.2021
Miss Bensons Reise
Joyce, Rachel

Miss Bensons Reise


ausgezeichnet

Zwei verlorene Seelen, die sich finden und hochziehen
Margery Benson hat früh ihren Vater verloren und hatte danach eine freudlose und einsame Kindheit und Jugend. Sie interessiert sich für Naturwissenschaften, besonders für Käfer, und hatte den großen Traum, den goldenen Käfer in Neukaledonien zu finden, was bislang noch niemandem gelang. Ihr Vater hat ihr den Käfer vor seinem Freitod in einem Buch gezeigt. Aber wie damals (Anfang des 20.Jahrhunderts) üblich, musste sie etwas Solides lernen und wurde Hauswirtschaftslehrerin. Eines Tages wird sie von ihren Schülern gemobbt und erkennt, wie andere Menschen sie sehen: als freudlose und unförmige alte Jungfer, die keinen Bezug zum realen Leben hat. Hier setzt nun eine krasse Wende ein: sie entsinnt sich ihres Traumes von den goldenen Käfern, gibt ihren Beruf auf und sucht eine Begleitung für eine Reise nach Kaledonien, um ihrem kargen Leben endlich einen Sinn zu geben.
Sie findet eine Begleiterin, die auf den ersten Blick nicht zu ihr passt, aber im Laufe der Zeit entwickelt sich eine tiefe und emotionsgeladene Freundschaft, die beide Frauen bisher nicht kannten, denn beiden hat es an gefühlsmäßig aufrichtigen und positiven Begegnungen gefehlt. Es ist schön zu beobachten, wie beide ganz allmählich aufeinander zugehen, sich öffnen und Vertrauen entwickeln.
Das Unternehmen 'Goldener Käfer' ist voller Probleme, schwerwiegender Art, aber irgendwie löst sich immer alles in Wohlgefallen auf, so dass man das Gefühl hat, ein Märchen zu lesen, ein Märchen für Erwachsene mit ernstem Hintergrund, aber guter Botschaft. Man darf nicht alles an der Realität messen!
Was mir an diesem Buch besonders gefällt ist die Sprache, diese Wortspielereien, und auch die sprachgewaltigen Bilder. Z.B. vergleicht sie das Rüschenkleid der Konsulsgattin mit einer Hochzeitstorte und hat das Gefühl, mit einer solchen zu sprechen ....herrlich!Ich glaube, diese Sprache, auch gespickt mit reichlich Ironie, macht weitgehend den Zauber des Buches aus.
Dies war mein erstes Buch dieser Autorin, aber es hat mich überzeugt, und ich möchte es als Lesevergnügen empfehlen.

Bewertung vom 28.12.2020
Teatime mit Lilibet
Holden, Wendy

Teatime mit Lilibet


ausgezeichnet

Gouvernante der Queen
Schon immer hat mich das englische Königshaus interessiert, vielleicht weil ich schon so oft in England war, vielleicht aber auch weil man so manches Drama mitverfolgen konnte, wobei ich hier in erster Linie an Lady Diana Spencer denke, die als Frau von Prince Charles so einiges ertragen musste, schließlich aus dem goldenen Käfig ausbrach, ihr neues Leben aber nicht lange genießen konnte. Diana hatte sich den royalen Regeln zu unterwerfen. Als sie es nicht mehr tat, wurde sie in ein schlechtes Licht gerückt und ausgeschlossen.
Ähnlich geht es der Protagonistin in diesem Buch, Marion Crawford, einer jungen emanzipierten Lehrerin, die die Erziehung der beiden Töchter des Herzogs von York übernimmt, Elisabeth und Margaret. Eigentlich hatte sie andere Pläne, sie wollte die Ärmsten der Armen unterrichten, um ihnen einen sozialen Aufstieg zu ermöglichen, aber alsbald findet sie ihre Berufung darin, die Prinzessinnen, die keine Schule besuchen, mit dem realen Leben bekannt zu machen. Sie findet schnell Zugang zu den beiden Kindern, und besonders Lilibet ist sehr anhänglich und lernfreudig. Sie fahren gemeinsam mit der U-Bahn, kaufen bei Woolworths ein oder besuchen Museen. Die Betreuung der Mädchen ist ein Fulltime Job, und so bleibt Marion nicht viel Zeit für ihr Privatleben. Sie ist in ihrer Rolle gefangen, versucht des öfteren auszubrechen, was aber durch royale Überredungskunst zerschlagen wird. So arbeitet sie 16 Jahre lang in diesem Beruf, erlebt die Prinzessinnen als Produkt ihrer Erziehung und sieht einen Familienersatz darin. In dieser Zeit schwebt Marion zwischen zwei sehr verschiedenen Welten, auf der einen Seite Dekadenz und Luxus, auf der anderen Seite präsentiert sich die Realität in Form von Hunger, Armut und Verzweiflung. Wohin gehört sie? Schon bald ist der Sog des royalen Umfeldes so stark, dass ihr eigenes Zuhause einengend erscheint.
Sehr interessant finde ich den Einblick in die politischen Geschehnisse in dieser Zeit, besonders im 2.Weltkrieg, als die Deutschen England immer wieder zu erobern versuchten. Diese entbehrungsreiche Zeit, die auch die Royals betraf, war mir in ihrer Härte nicht bekannt. Auch den Rücktritt Eduards VIII bekommen wir hautnah mit, sowie die Ächtung seiner Geliebten Wallis Simpson durch die Royals.
Als die Prinzessinnen älter werden und Beziehungen knüpfen, fühlt sich Marion überflüssig und sieht keine verantwortungsvollen Aufgaben mehr. Sie beendet das Dienstverhältnis, merkt aber, dass sie immer noch den Royals verpflichtet bleibt. Als sie ein Buch über ihre Zeit mit den Kindern schreibt, kommt es zum Bruch, denn sie hat gegen die royalen Regeln verstoßen.
Wendy Holdens Schreibstil ist gut zu lesen und beinhaltet Elemente des skurrilen englischen Humors, so manche Szene lässt den Leser grinsen.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen, denn es beinhaltet zahlreiche Informationen über die Kindheit der Queen, ihre Vorlieben, ihre Ticks, ihr Verhältnis zu ihrer Schwester, das Kennenlernen von Philip. Auch wenn Fiktion dabei ist, denke ich, dass die Grundsätze real sind. Ich habe das Buch genossen und empfehle es gern weiter. Ein Muss für alle England- und Royal Fans!

Bewertung vom 22.12.2020
Vergessene Gräber / Mara Billinsky Bd.5
Born, Leo

Vergessene Gräber / Mara Billinsky Bd.5


ausgezeichnet

Späte Rache
Ein Serienmörder treibt in Frankfurt sein Unwesen, mehrere junge Leute werden brutal misshandelt und getötet, alle sind wohlbehütet aufgewachsen und haben eine erfolgsversprechende Zukunft vor sich. Was haben die Opfer gemeinsam? Was verbindet sie , so dass genau diese auserwählt wurden? Mara Billinsky ermittelt....
Seit ich Mara im ersten Band dieser Reihe kennenlernen durfte, bin ich ein Billinsky Fan. Sie ist eine außergewöhnliche Ermittlerin, was schon bei ihrem Outfit anfängt: alles schwarz, daher ihr Spitzname 'Krähe'. Aber auch ihre Fahndungsmethoden sind oftmals spektakulär, anfangs sogar gewöhnungsbedürftig. Sie liebt Alleingänge und ist deswegen schon mehrmals gerügt worden. Aber auf der anderen Seite hat ihr Instinkt oft die richtige Fährte aufgedeckt. Gut, viele Autoren versuchen, einzigartige Ermittler darzustellen, aber keine davon kann in meinen Augen Mara das Wasser reichen. Ihre Aktionen sind für mich nachvollziehbar und schlüssig. Sie geht auf sehr legere Weise mit ihrem Chef um, und dieser hat Mara schätzen gelernt.
Der Schreibstil ist flüssig und anschaulich. Leo Born bedient sich des Perspektivenwechsels, so dass der Spannungsbogen hoch bleibt. Durch häufige Cliffhanger am Ende der Kapitel möchte man immer weiterlesen und das Buch nicht weglegen. Mir persönlich hat dies sehr gut gefallen.
In diesem Buch kommt außer der Spannungskomponente noch ein sehr emotionaler Aspekt hinzu, denn Mara, die früh ihre Mutter verlor und sich von ihrem Vater nicht verstanden und geliebt fühlte, nähert sich ihm an, da auch er das Bedürfnis verspürt, sich mit seiner Tochter auszusöhnen. Alles sehr bedeutungsvoll und ansprechend. Ich bin auf die weitere Entwicklung gespannt.
Bleibt noch, Maras Kollege Rosen zu erwähnen, der anfangs sehr unscheinbar und zurückhaltend war, vielleicht sogar ängstlich, und deshalb die Recherchearbeit den Ermittlungen vor Ort vorzog. Durch Maras Einfluss und Unterstützung hat er sich beachtlich gewandelt und tritt mehr in Aktion. Ich hoffe, dass die positive Entwicklung weiter anhält.
Alles in allem hatte ich eine wunderbare Thriller-Lesezeit und freue mich bereits jetzt auf den nächsten Band.

Bewertung vom 19.12.2020
Ohne Schuld / Polizistin Kate Linville Bd.3 (10 Audio-CDs)
Link, Charlotte

Ohne Schuld / Polizistin Kate Linville Bd.3 (10 Audio-CDs)


ausgezeichnet

Auf zwei Frauen wird ein hinterhältiger Mordanschlag verübt, an verschiedenen Orten und auf verschiedene Weise. Es stellt sich jedoch durch kriminaltechnische Untersuchungen heraus, dass auf beide mit derselben Waffe geschossen wurde. Wo liegt die Überlappung zwischen den beiden Fällen? Beide Frauen scheinen denjenigen zu kennen, der ihnen nach dem Leben trachtet, aber sie schweigen....Kate Linville, die gerade die Stelle gewechselt hat und bei der Scarborough Police anfangen soll, beginnt mit ihren Ermittlungen, die sie vor große Herausforderungen stellen und sie auch in immense Gefahr bringen. Schließlich offenbart sich ein grausames Geheimnis, das seinen Ursprung vor mehr als 10 Jahren hatte.
Die Geschichte verläuft in verschiedenen Handlungsträngen, die Charlotte Link zum Ende hin perfekt verbindet. Für mich bleibt keine Frage offen. Man erkennt im Laufe der Kapitel die Zusammenhänge und ist bestürzt, zu welchen abstrusen Handlungen ein Mensch in der Lage ist. Auf der anderen Seite zeigt sich, dass auch Jahre später kriminelle Zusammenhänge noch aufgedeckt werden können. Es gibt in diesem Kriminalroman kein erlösendes 'Happy End', aber das empfinde ich als realistisch, denn auch im realen Leben verläuft nicht alles nach Wunschdenken.
Spannung zieht sich durch das ganze Buch, teilweise auch auf psychologischer Ebene. Gegen Ende gibt es außerdem thrillerähnliche Szenen, die die aufreibende Jagd nach dem Täter begleiten.
Der Schreibstil ist flüssig und anschaulich Die Szenerie wird ausführlich beschrieben, so dass man sich alles gut vorstellen kann, ohne sich dabei in unwichtigen Details zu verlieren. Aber auch die Gedankengänge der Protagonisten sind exzellent beschrieben
Das ist Charlotte Link - Krimikost, wie man sie kennt. Und ich spreche eine klare Lese-/Hörempfehlung aus.

Bewertung vom 05.12.2020
Die Hornisse / Tom Babylon Bd.3
Raabe, Marc

Die Hornisse / Tom Babylon Bd.3


ausgezeichnet

Von der Vergangenheit eingeholt
Dies ist der dritte Teil der Tom Babylon Reihe, aber ich denke, man kann dem Thriller auch folgen, ohne die beiden vorherigen Bände zu kennen. Es gibt zwar immer wieder mal Anspielungen auf die ersten beiden, aber nicht so intensiv, dass man näheres wissen müsste. Trotzdem kann ich die ersten beiden Bände empfehlen. Sie stehen diesem Buch in Spannung und Thrill nicht nach.
Brad Galoway ist ein gefeierter Rockstar, viele Fans verehren ihn regelrecht. Nach einem Konzert in der Berliner Waldbühne überreicht ihm eine zunächst unbekannte Frau einen geheimnisvollen Umschlag. Am nächsten Tag wird Galloways Leiche im Gästehaus der Polizei gefunden, grausam gequält und ausgeblutet. Tom und Sita suchen nach der unbekannten Frau und erleben eine üble Überraschung....Was nun folgt ist eine Hetzjagd auf den Mörder, wobei Tom eine sehr unglückliche Position inne hat.
In einem weiteren Handlungsstrang geht es 30 Jahre zurück, und wir erleben Inge, die es in der DDR nicht mehr aushält und mit ihren Kindern über Ungarn fliehen möchte.
Man fragt sich zunächst, was beides miteinander zu tun hat, aber erst so ganz allmählich verweben sich die beiden Zeitebenen miteinander, und man erlebt so manche Überraschung. Das macht das Buch wahnsinnig spannend, zweimal habe ich bis in die Nacht hinein gelesen, weil ich einfach nicht aufhören konnte. Ich habe mitgerätselt, meine Theorien aufgestellt, wieder verworfen, weil ich neuen Input bekam usw. Herrlich!!! Das nenne ich einen wahren Thriller.
Marc Raabes Schreibstil ist flüssig und anschaulich. Durch häufige Cliffhanger am Ende eines Abschnitts und oftmaligem Perspektivenwechsel baut er eine Spannung auf, die den Leser dazu zwingt, weiter zu lesen. Mir persönlich hat dies sehr gut gefallen.
Auch finde ich sehr interessant, wie Vergangenheit und Gegenwart miteinander verwoben sind. Die Machenschaften in der DDR waren offensichtlich sehr rücksichtslos und berechnend, sie wirken bis in die Gegenwart hinein.
Es gibt eine Sache, die mich stört, und dies ist die sporadische Kommunikation Toms mit seiner verschwundenen Schwester Viola. Das wirkt auf mich wie eine unbehandelte Psychose und passt irgendwie nicht zu dessen Erscheinungsbild. Das hat er schon in den beiden ersten Bänden getan, jetzt reicht es....
Ich bin gespannt auf den nächsten Band, der sicherlich folgen wird, da wir im letzten Satz etwas erfahren, das eine Fortsetzung unbedingt erfordert. Ich freue mich jetzt bereits darauf.....

Bewertung vom 01.12.2020
Wittgensteiner Schatten
Halbe, Sandra

Wittgensteiner Schatten


ausgezeichnet

Sehnsucht nach der Wahrheit
Robert Hellmar ist ein verurteilter Mörder, er hat vier Frauen getötet und sitzt bereits jahrelang im Gefängnis, ohne dass jemand etwas über seine Motive weiß. Da er nun unheilbar erkrankt ist, möchte er endlich Klarheit schaffen und die Motive klarlegen.
Caroline König, eine Polizeibeamtin, wurde vom Dienst beim BKA suspendiert, nachdem sie einen dienstlichen Fehltritt begangen hat. Sie hofft, in ihrer Heimatstadt Bad Laasphe Zerstreuung zu finden und diese Lebenskrise zu bewältigen. Sie zieht bei ihrer Mutter ein, und kurze Zeit später wird sie gebeten, mit Robert Hellmar über seine Motive zu sprechen und damit den Fall neu aufzurollen. Dieser Mann möchte, dass Caro selbst den Motiven auf die Spur kommt und gibt deshalb nur Hinweise, die letztendlich zur Wahrheit führen.
Das Besondere an diesem Kriminalroman ist, dass er sozusagen von hinten aufgerollt wird. Die Taten haben bereits stattgefunden, ein Mann wurde verurteilt, und nun, 10 Jahre später, beginnt die nervenaufreibende Recherche nach den Motiven. Und hier öffnet sich ein nicht erwarteter gefühlsmäßiger Abgrund, der den Leser erschaudern lässt. Immer mehr Hintergründe werden aufgedeckt und bilden ein schlüssiges Ganzes, wobei mir besonders die psychischen Verwicklungen gefallen haben, auch diejenigen von Caroline.
Sandra Halbes Schreibstil ist flüssig und gut verständlich, es gibt keine unklaren Aussagen. Sie schreibt aus wechselnden Perspektiven (früher und heute) und führt diese am Ende so zusammen, dass keine Fragen offen bleiben. Das hat mir gut gefallen.
Der Roman ist hier ein Regionalkrimi rund ums Wittgensteiner Land, aber ich denke, dass er als regionunabhängiger Roman, vielleicht mit fiktiven Orten, ebenso überzeugen könnte.
Nebenbei geht es auch um Caros borstigen Charakter, dessen Ursachen aufgedeckt werden und die ein Umdenken bewirken, von psychologischer Sicht sehr interessant.
Alles in allem hat dieser Kriminalroman eine starke Tendenz zum Psychokrimi, den ich gerne als sehr lesenswert empfehle, nicht nur für Wittgenstein-Fans!