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Insgesamt 205 Bewertungen
Bewertung vom 15.09.2017
Der Preis, den man zahlt
Pérez-Reverte, Arturo

Der Preis, den man zahlt


weniger gut

Mitten im spanischen Bürgerkrieg 1936, General Franco versucht gerade die verhassten marxistischen Truppen vor Madrid zurück zu drängen, gibt es in Salamanca ein franquistisches Hauptquartier das mehrere Geheimdienste des In- und Auslandes beherbergt. Der Geheimdienst SNIO nimmt dabei eine besondere Rolle ein, hinter vorgehaltener Hand werden die Agenten nur als Müllabfuhr bezeichnet, sind sie doch spezialisiert auf Unterwanderung, Sabotage und Ausschaltung feindlicher Elemente in der republikanischen Zone sowie auch im Ausland. Einer dieser Agenten, Lorenzo Falco kommt gerade von einer Mission zurück, als ihn sein Vorgesetzter darüber informiert, dass demnächst eine größere Operation in Alicante geplant ist. Eine Operation an der anscheinend mehrere Agenten auch ausländischer Dienste beteiligt sein könnten, darunter auch der Deutschen. Dazu muss sich Lorenzo hinter feindliche Linien begeben, über Land in die rote Zone nach Alicante. Dort soll er sich mit einer Untergrund-Zelle von Falangisten treffen.

Vollmundig steht im inneren Buchumschlag:“ Der Auftakt zu einer Serie rund um den charismatischen Spion Lorenzo Falco“. Eine Serie die ich so nicht weiterverfolgen werde, denn dieser Spion ist nur in einem Punkt charismatisch, in der Eroberung von Frauen. Dies tut er ziemlich oft und scheinbar wahllos. Ansonsten ist er kein Sympathieträger, weil er keinerlei Verantwortung übernimmt und von sich behauptet keine politische Überzeugung zu haben und doch steht er auf einer Seite und mordet für diese, schlimmer noch er gehorcht bis auf eine Ausnahme bedingungslos, auch wenn dies unzählige unschuldige Opfer verlangt. Er erkennt zwar dass andere ihn und seine Mitstreiter wie Marionetten tanzen lassen, unternimmt jedoch keinerlei Anstrengungen dies zu ändern. Perez- Reverte hat eine Figur entworfen die seltsam farblos und oberflächlich ist.
Auf dem hinteren Buchumschlag wird getitelt „Steven Spielberg –plus- Umberto Eco- ist gleich- Arturo Perez-Reverte“. Das kann ich leider überhaupt nicht bestätigen. Dazu fehlt es diesem Spionageroman schlichtweg an Spannungsbögen und Überraschungsmomenten.
Ein wenig affig fand ich, dass der Autor seinen Protagonisten ständig rauchen lässt, auch bei oder während seiner Einsätze. Lorenzo raucht wie ein Schlot und deckt mit der Hand die Zigarettenglut ab (das reicht zur Tarnung aus, er wird nie entdeckt). Mal ehrlich, dann müssten alle Gegenspieler keinen Geruchsinn mehr haben um das einigermaßen logisch zu erklären.
Ich hatte mich auf einen (feurigen) komplexen Spionageroman gefreut. Die Komplexität ist hier nur in einem Punkt gegeben, in der Aufarbeitung sämtlicher politischer Gruppierungen , Gesinnungen und Auseinandersetzungen im spanischen Bürgerkrieg. Mitunter verliert man leicht den Überblick.

Bewertung vom 15.09.2017
Kreuzschnitt / Bogart Bull Bd.1
Borge, Øistein

Kreuzschnitt / Bogart Bull Bd.1


ausgezeichnet

Unfassbar traurig ist der Einstieg in diesen Kriminalroman. Aus Rache über die Verhaftung und Verurteilung eines jungen Sexualstraftäters aus gutem Haus, tötet dieser nach Absitzen seiner Haftstrafe, die Frau und minderjährige Tochter der Osloer Kriminalkommissars Bogart Bull durch einen selbst verschuldeten Autounfall. Bogart bekämpft seine grenzenlose Trauer mit Unmengen an Alkohol, erst seine geduldige Chefin und sein Vater bringen ihn dazu sich einer Entziehungskur zu unterziehen. Sechs Monate nach dem tragischen Ereignis ist er wieder im Dienst, aber noch lange entfernt von seiner ehemals brillanten Ermittlungstätigkeit. Seine Chefin möchte ihn jetzt als Verbindungsbeamten von Europol einsetzten. Jedes Jahr kommen zwei bis drei norwegische Staatsbürger innerhalb der EU gewaltsam ums Leben. Europol Niederlande versucht ein Netzwerk aufzubauen, in dem die Ermittler des jeweiligen EU-Landes Unterstützung von Kollegen aus dem Heimatland der Opfer bekommen. Der erste Fall für Bull ist die Ermordung des Magnaten Axel Krogh. Krogh, ein sogenannter Schattenmann des norwegischen Wirtschaftslebens, steht auf der Liste der reichsten Männer ganz oben. War dies ein Motiv? Doch fehlt in der riesigen Villa über Saint- Tropez nur ein einziges kleines Bild, noch dazu von einem namenlosen Künstler.


„Kreuzschnitt“ ist ein vielschichtiger komplexer Krimi, der raffiniert, drei sehr verschiedenen Zeitebenen am selben Ort miteinander verbindet.
Borge beginnt mit der Gegenwart in Norwegen und einem ziemlichen Hammer, der zugegebenermaßen schwer zu ertragen ist. Die Trauer seines Protagonisten ist fast mit den Händen greifbar. Seine Alkoholsucht vielleicht verwerflich und trotzdem nachvollziehbar. Der weitere Verlauf ist für Fans der Kriminalliteratur vorhersehbar, der Kommissar reist nach Südfrankreich und beginnt hier eine Zusammenarbeit mit seinen französischen Kollegen. Erfrischend hierbei ist die angenehme Tatsache, dass es nicht zu Grabenkämpfen zwischen den Ermittlern kommt, sondern der französische Kommissar als recht sympathisch und souverän dargestellt wird.
Dann gibt es einen ersten Schnitt und man befindet sich immer noch in Südfrankreich allerdings in der illustren Gesellschaft von Matisse, Derain und ihren Mitstreitern, auf dem Höhepunkt des Fauvismus, zu denen sich(dem Autor sei Dank) auch ein Edvard Munch gesellt.
Dramatische und ergreifende Szenen spielen sich auf der dritten Zeitebene statt. Südfrankreich während des zweiten Weltkrieges und die Rolle der französischen Widerstandskämpfer.
Aus all diesen, im ersten Moment scheinbar unzusammenhängenden Erzählsträngen, wird ein wirklich fesselnder Roman mit Crime- Effekt.
„Kreuzschnitt“ war für mich ein immens aufwühlender, ergreifender, abwechslungsreicher und spannungsgeladener Krimi, den ich sehr gerne weiterempfehle.

Bewertung vom 28.08.2017
Sieh nichts Böses / Kommissar Dühnfort Bd.8
Löhnig, Inge

Sieh nichts Böses / Kommissar Dühnfort Bd.8


ausgezeichnet

Shirazu, eine Affenfigur die sich mit beiden Armen den Unterleib bedeckt, ist die eher unbekannte vierte Figur der „drei weisen Affen“. Gefunden wird diese in der Nähe einer Leiche in einem Waldstück nahe Münchens. Die Prüfung der Leichenspürhunde der Polizeihundestaffel steht an und Doro Gutsch und Hütehund Ronja sind dementsprechend aufgeregt. Doro bezweifelt stark das Ronja die Prüfung be- und übersteht, da sie gerade heute wenig Diszipliniertheit an den Tag legt. Doch die ersten Minuten macht Ronja alles richtig, und gerade als Doro erleichtert aufatmet läuft ihr die Hündin davon und findet tatsächlich eine Leiche, die allerdings nicht Teil der Aufgabe war. Die Prüfung wird abgebrochen, da es sich augenscheinlich um ein Gewaltverbrechen handelt, der Fundort abgesperrt und Kommissar Dünfort und sein Team zusammengerufen. Dieser ist es auch, der der Figur einen großen Symbolcharakter einräumt. Doch erst einmal müssen sie die Leiche identifizieren, damit die Ermittlungen anlaufen können.

Inge Löhnig hat es mir am Anfang ihre Krimireihe um den Ermittlern Dünfort und seinem Team nicht leicht gemacht. Ich hatte große Schwierigkeiten Sympathien zu entwickeln. Mittlerweile hat sich das sehr geändert, denn ihre Protagonisten sind schon auffallend normal. Keine drogen- oder alkoholsüchtigen Ermittler mit ungezählten Eheschließungen und Scheidungen. Ihre Akteure sind erfrischend bodenständig und kämpfen dementsprechend, außerhalb ihrer Arbeit, mit dem ganz normalen Alltag.
Ein weiteres Merkmal das recht typisch für die Autorin ist, sind die am Anfang vielen verschiedenen Erzählstränge. Eine solche Vielzahl das man im ersten Moment glaubt, den roten Faden zu verlieren. Dem ist jedoch nicht so, denn die vielen losen Fäden werden sehr geschickt miteinander verbunden.
In „Sieh nichts Böses“ beweist die Autorin wieder ihr ausgezeichnetes Gespür für brisante Themen. Verbrechen die in den eigenen vier Wänden stattfinden, die natürlich vor der Außenwelt versteckt werden. Themen wo gerne mal weggehört und weggesehen wird. Neben dem eigentlichen Kriminalfall zeichnet Inge Löhnig auch ein großes gesellschaftspolitisches Problem, ein Tabuthema weil die Gedanken daran allein erschreckend genug sind, und doch passiert es jede Minute in Deutschland. Gewalt in der Familie. Gewalt ob in verbaler oder nonverbaler Form gegen Partner und Kinder.

Ein flüssiger Schreibstil, perfekte Spannungsbögen und geschickte Irreführungen bei der Tätersuche runden für mich diesen sehr guten Krimi ab.

Bewertung vom 22.08.2017
Projekt Orphan
Hurwitz, Gregg

Projekt Orphan


gut

Evan Smoak, angeblicher Importeur von Industriereinigern versteckt sich hinter dem Pseudonym Nowhere-Man. Wobei „Nowhere“ sein Spitzname aus dem geheimen Regierungsprojekt Orphan stammt. Das ist auch das einzige was ihn an die Vergangenheit erinnern soll, wären ihm nicht andere Orphan-Agenten auf den Fersen um den abtrünnigen Evan zu eliminieren. Das Orphan-Projekt war eine Kaderschmiede für hochkarätige menschliche Killermaschinen, irgendwann wurde Evan dies zuviel und ab jetzt arbeitet er auf eigene Faust. Sein aktueller Fall ist ein Mädchen, das sich etwas zu freizügig im Internet präsentiert hat, nicht ahnend dass sie damit einem Mädchenhändlerring in die Karten spielt. Sie ist extrem verzweifelt. Sie fürchtet um das Leben ihrer Eltern und Geschwister. Von dem Vater einer Schulkameradin, der ihre Verzweiflung erkennt, bekommt sie eine Nummer. Sie ruft dort an und der Evan übernimmt den Fall… kostenlos. Auf der Suche und Elimination der Hintermänner dieses Mädchenhändlerrings, wird Evan gekidnappt. Diese Leute sind jedoch wesentlich professioneller. Evan beschleicht der Verdacht, das sein alter Widersacher beim Orphan- Projekt, Charles Van Sciver in tatsächlich aufgespürt haben könnte. Doch es soll ganz anders kommen….

Das ist mein erstes Buch von Gregg Hurwitz, anscheinend das zweite um seinen Protagonisten Evan. Die Idee eines einsamen Rächers ist zwar nicht neu und erinnert mich, sieht man mal von den einschlägigen Comic-Helden ab, ein wenig an „Jack Reacher“ mit Tom Cruises oder auch Denzel Washington in „The Equalizer“, hat jedoch einige weitere Aspekte die mein Interesse geweckt haben. Anfänglich hatte ich ein wenig Probleme mit Hurwitz abgehakten Schreibstil, das Lesen war für mich am Anfang etwas sehr holprig. Meine Erwartungen an das Buch wurden im ersten Drittel genau getroffen, es gab reichlich Spannungsbögen und interessante Wendungen. Leider flacht das dann stetig ab. Das kommt zum einen daher, dass sich der Protagonist ständig in einer quasi Endlosschleife aus frustranen Fluchtversuchen und Vergangenheitsbewältigung befindet. Untermalt wird das Ganze von einem Sammelsurium aus Erklärungen zu (nehme ich an sämtlichen fernöstlichen) Nahkampftechniken mit genauer Beschreibung und Bezeichnung. Hier muss ich sagen, dass meine Aufmerksamkeit deutlich nachliess. Diese Seiten habe ich quasi quer gelesen. Es zeichnet den Autor zwar aus so viel Recherche betrieben zu haben. Für mich wäre hier weniger, deutlich mehr gewesen. Auch der Showdown am Ende und die vielen klitzekleinen Happy Ends ließen die Spannung vom Anfang des Buches nicht wiederbeleben. Schade.

Bewertung vom 22.08.2017
Sommer unseres Lebens
Wulf, Kirsten

Sommer unseres Lebens


sehr gut

Sommer 1989.
Miriam sucht eine Begleitung mit Beteiligung an den Benzinkosten nach Portugal, woraufhin Hanne sich bei ihr meldet, ihr italienischer Mitbewohner hat sie zufällig darauf gebracht. Im Norden Deutschlands flüchtet Claude vor ihrem spießigen Elternhaus. Irgendwo in Frankreich stößt sie dann zu Hanne und Miriam. Unvergessliche Tage verbringen die jungen Frauen und geben sich das Versprechen, nach genau 25 Jahren wieder zu kommen um dann ihren gemeinsamen Fünfzigsten zu feiern….wieder an einem Strand in Portugal.
Sommer 2014
Hanne ist geschieden und Mutter von vier Kindern. Da bleibt nicht viel Zeit in der Vergangenheit zu verweilen, und doch hat sie all die Jahre gespart um sich diesen Traum vom Wiedersehen zu Erfüllen.
Miriam ist verheiratet, hat zwei Kinder und ein unheimlich stressiges Leben. Wo soll sie jetzt noch dieses nostalgische Treffen unterbringen?
Claude, Wirtin eines Hamburger Strandlokals, ihr steht finanziell das Wasser bis zum Hals. Vielleicht ist ja das Wiedersehen auf ihrer Fluchtroute möglich?


Eigentlich ist dieser Roman ein liebevoll ausgeschmückter Reiseführer über Portugal, gewürzt mit einer bezaubernden Geschichte über drei Frauen am Anfang und in der Mitte ihres Lebens. Der Road-Trip überzeugt durch die beeindruckend vielseitige Darstellung der Architektur portugiesischer Städte, der Beschreibung der landschaftlichen Naturschönheiten und dem Auf- und Ab in der Beziehung der drei Freundinnen. Jede startet mit einem großen Geheimnis in dieses Wiedersehen. Es dauert eine geraume Zeit bis sich jede öffnen kann. Der ganz normale Zickenkrieg der sich aus der Konstellation der drei unterschiedlichen Charaktere ergibt, beschreibt die Autorin mit einer Leichtigkeit und ohne erhobenen Zeigefinger. Irgendwie habe ich mich in allen dreien ein bisschen wieder gefunden. Die Autorin wechselt stetig zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, daraus ergibt sich ein komplexes Bild über die Zeit zu Beginn ihrer Freundschaft und zu deren Wiederbeleben.
Fazit: Ein wundervolles Buch über die Freundschaft.

Bewertung vom 19.07.2017
Bea macht blau
Hennig, Tessa

Bea macht blau


sehr gut

Bea, Anfang fünfzig, verheiratet mit Matthias und Mutter einer gerade erwachsenen Tochter, freut sich wie verrückt auf deren Abiball. Sie platzt fast vor Stolz, hat ihre „Lütte“ doch einen traumhaften Zensuren Durchschnitt, der es ihr ermöglicht sich in München einschreiben zu lassen, damit ist sie zwar von zu Hause weg, aber nicht so weit, dass man sich nicht gegenseitig fix besuchen könnte, auch an den Unterhaltskosten kann die Familie so sparen. Doch Beas blumige Tagträume werden jäh zerstört, denn ihre Tochter denkt gar nicht daran nach München zu gehen. Sie geht nach Passau mit ihrem Freund! Nachdem Bea diesen Schock noch nicht ganz verdaut hat, und ihr der Trennungsschmerz sehr zu schaffen macht, findet sie heraus, dass ihr Mann sich seit geraumer Zeit auch mit einer anderen Frau vergnügt. Der Eine unterstellt ihr auch nicht mehr glücklich in der Ehe gewesen zu sein, die Andere wirft ihr einen mütterlichen Kontrollzwang vor. Tief verletzt will Bea eigentlich nur noch fort, an einen Ort wo sie wieder Kraft und Energie tanken kann. Da fällt ihr ihr Lieblingsort aus der Kindheit ein, San Sebastian im Baskenland. Früher war sie jeden Sommer dort, zusammen mit ihrer Schwester. Hals über Kopf bricht sie auf.
Tessa Hennigs Bücher sind mir durch vorablesen bekannt und auch ein wenig ans Herz gewachsen. Die Autorin schafft es Alltägliches gut zu verpacken und unterhaltsame Romane mit viel Humor zu kreieren. In "Bea macht blau" kommt ein Thema zur Sprache, das mich auch schon seit einiger Zeit umtreibt: die Kinder werden flügge und brechen in ihr eigenes selbständiges Leben auf. Mein Fall in das berühmte Loch wird abgepuffert durch einen Vollzeitjob, bei der Protagonistin eher nicht.
Was mir sehr deutlich aufgefallen ist, sind die wirklich vielen Aneinanderreihungen von Klischees vom untreuen Ehemann, über die aufmüpfige Tochter, die zankhafte Schwester bis hin zur Helikopter-Mama. Ich empfinde das nicht ganz unrealistisch und Tessa Hennig versteht es auch sehr gut aus all diesem trotzdem ein sehr unterhaltsames Buch zu machen. Besonders gefallen haben mir die Beschreibung der Naturschönheiten, der Kunst und Kultur und auch der kurze politische Abriss des Baskenlandes. Da wurde meine Neugier doch sehr geweckt. Etwas zu dick aufgetragen, und deshalb ziehe ich der sonst ganz gut gelungenen Story einen Punkt ab, ist die wirklich haarsträubenden Aufklärung der Familienverhältnisse der Protagonistin.

Bewertung vom 18.07.2017
Du sollst nicht leben / Marina Esposito Bd.6
Carver, Tania

Du sollst nicht leben / Marina Esposito Bd.6


ausgezeichnet

Darren Richards, seines Zeichens Kleinkrimineller und immer high, erwacht in einem ihm unbekannten Raum, vor ihm steht ein Mann der sich mit einer Gasmaske unkenntlich gemacht hat. Sein erster Gedanke ist Flucht. Doch das lässt sich nicht in die Tat umsetzen, denn er ist mit Isolierband an den Stuhl, auf dem er sitzt, gefesselt. Sein Entführer verlangt von ihm Gerechtigkeit. Darren hat vor längerer Zeit einen unverzeihlichen Fehler mit tödlichem Ende begangen, nur durch einen Verfahrensfehler entging er einer (gerechten) Haftstrafe. Der Entführer verlangt nun Gerechtigkeit von Darren. Als Erpressungsmittel dienen ihm Darrens Freundin Cloe und das gemeinsame Baby Shannon. Kurze Zeit später erhält Detective Inspector Phil Brennan einen Anruf. Der Anrufende beordert ihn in den Birminghamer Stadtteil Hockley in welchem sich ein Tatort befinden soll. Auf die Frage von Phil nach dem Namen des Anrufers, erwidert dieser nur „Nemisis“.
Unterdessen befindet sich die Profilerin und Ehefrau von Phil Brennan, Marina Esposito, auf dem Weg nach Colchester, in die psychiatrische Klinik „Finister House“. Hier soll sie auf Bitten ihrer Freundin Anni Hepburn die weibliche Insassin Joanna Marsh, eine Frau die acht Babyleichen vergrub, begutachten. Doch nicht nur dies macht Anni zu schaffen. Es gibt eine weitere Insassin, eine Frau die verstörende Ähnlichkeiten mit einer verstorbenen Psychopathin aufweist, und schlimmer noch, sie gibt sich als diese aus und verlangt Marina zu sprechen.

Das Autorenduo Tania Carver ist einfach ein Garant für Spannung und Nervenkitzel. Seit ihrem ersten Buch verfolge ich ihre Serie um Phil Brennan und Marina Esposito und es ist immer noch so, dass die Geschichten mich packen und ich das Buch nicht aus der Hand legen kann, bis ich endlich weiß wer der Täter ist und aus welcher Motivation er heraus diese Taten begeht. Dieses Mal jedoch musste ich mich dabei ertappen, dass ich am Anfang fast ein wenig Sympathie mit dem Täter hatte. Bestraft er doch Menschen die sich grober Vergehen strafbar gemacht haben ohne dafür belangt worden zu sein bzw. belangt werden zu können. Gut die Umsetzung der „gerechten Strafe“ ist mir dann doch zu grausam und zu blutig. Genau das machen allerdings die Bücher von Carver aus. Wie im vorherigen Buch gibt es wieder parallel verlaufende Handlungsstränge, die sich nur an einer winzigen Schnittstelle kreuzen. Ansonsten erleben Marina und Phil auf ganz unterschiedliche Weise die Abgründe menschlichen Denkens und Handelns.
Ich verwende den Begriff Pageturner nur selten. Auf dieses Buch trifft er jedoch vollkommen zu. Ein Buch das mich zwei Stunden gefesselt hat. Jedes Mal wenn die Dramatik in einem der beiden Erzählstränge nachließ, wechselte die Perspektive und der jeweils andere Strang wurde weiter erzählt. Dadurch blieb die Spannung die ganze Zeit erhalten.
Im Gegensatz zu „Morgen früh wenn du willst“ gefallen mir die Titelwahl und die Covergestaltung deutlich besser. Also volle Punktzahl für diesen Nervenkitzel.

Bewertung vom 29.06.2017
Tiefe Schuld / Toni Stieglitz Bd.2
Obermeier, Manuela

Tiefe Schuld / Toni Stieglitz Bd.2


ausgezeichnet

Geocaching, was im heimischen Kinderzimmer noch total aufregend und spannend klang, ist nach wiederholtem umherirren im Wald, auf der Suche nach dem versteckten Schatz, für Fabian und Cem ziemlich Nerv tötend. Da sie beide aber unbedingt ein Erfolgserlebnis brauchen, trennen sie sich und jeder sucht auf seine Weise. Bis Cem einen markerschütternden Schrei von Fabian hört, panisch vor Angst macht er sich auf die Suche nach seinem Freund.
Unterdessen sitzt Kommissarin Toni Stieglitz bei ihren Eltern zum verkrampften Anstandsbesuch mit Kaffeekränzchen als der von ihr sehnlichst herbeigewünschte Anruf aus dem Dezernat tatsächlich eintrifft. In einem Waldstück im Westen von München , in der Aubinger Lohe, wurde von zwei Jungs die geocachen waren, die Leiche einer Frau gefunden. Toni muss mit Entsetzen feststellen das die Frau, anhand ihrer multiplen Blutergüsse und Brandnarben, Opfer schwerster Misshandlungen wurde. Eine Parallele zu ihrer Vergangenheit wird ihr schmerzlich bewusst. Hätte sie auch so enden können, wenn sie bei ihrem gewalttätigen Freund Mike geblieben wäre? Sehr zum Unmut ihres Vorgesetzten schießt sich Toni deshalb auch sofort auf den Ehemann der Toten ein. Doch sind die Dinge wirklich so wie sie scheinen?
Ich war sehr überzeugt vom Debüt der Autorin und auch der Nachfolger konnte mich vollkommen überzeugen. Auf der einen Seite finde ich es immer sehr reizvoll, wenn eine Fachfrau (Fachmann) sich dem Schreiben widmet, weil ich dann das Gefühl bekomme mehr Wahrheit als Fiktion zu lesen. Der Einstieg in diesen Fall ist ebenso spannend und fesselnd geschrieben. Allein wie die Jungs in dem doch etwas düster wirkendem Wald umherirren verursacht schon eine ganz schöne Gänsehaut.
Die Spannungsbögen sind ebenfalls gut gesetzt und der Leser wird immer wieder herausgefordert, weil die Autorin geschickte Wendungen einsetzt. Sehr gut ausgeleuchtet finde ich die verschiedensten Arten von körperlicher und seelischer Misshandlungen und das man diese nicht auf den ersten Blick erkennt.
Das Dezernatsleben insbesondere das Interagieren mit den Kollegen stellt Manuela Obermeier für mich sehr authentisch dar. Die Kollegen arbeiten allesamt viel und lange, aber nicht ununterbrochen. Ein Aspekt der mir in einigen Krimis immer negativ auffällt und unrealistisch ist, wenn man das Gefühl bekommt, der Protagonist arbeitet 48 Stunden pro Tag.
Auf der anderen Seite bin ich bei Krimiserien in der Regel immer am Privatleben der Protagonisten interessiert. Die Figur der Toni, die strebsame, erfolgreiche, charakterlich nicht ganz umgängliche ist etwas Besonderes. Die Szene in der sie ihren Eltern an den Kopf schleudert, das ihr Mann sie misshandelt empfinde ich als Leserin auch ein wenig als Befreiungsschlag, weil die Dinge endlich auf den Tisch sind und nicht ewig versteckt werden (und sich vielleicht auf folgende Bücher noch ewig hinziehen). Das gefällt mir auch am Schreibstil der Autorin: klar, flüssig ohne Schnörkel und trotzdem (oder gerade deshalb) spannend.

Ein Manko gibt es jedoch bei diesem Buch. Ich war, als ich es das erste Mal in der Hand hielt, irritiert das dieses Buch 399 Seiten haben soll, von der Dicke hätte ich es um 100 Seiten weniger geschätzt. Die Seiten sind wirklich extrem dünn, das Umblättern muss demzufolge sehr vorsichtig passieren damit keine Seite eventuell zu Schaden kommt. Das steht für mich in keinem Verhältnis zu dem Preis. Da wünsche ich mir vom Ullstein Verlag ein Umdenken in Sachen Kosteneffizienz.

Bewertung vom 18.05.2017
Die zwei Leben der Florence Grace
Rees, Tracy

Die zwei Leben der Florence Grace


ausgezeichnet

Die zwei ....... Leben der Florence Grace

Die raue Landschaft Cornwells mit ihren Hügeln und Mooren ist die Heimat der jungen Florrie Buckley. Ihre Mutter verlor sie schon kurz nach ihrer Geburt, ihren geliebten Vater mit acht Jahren. Nun wächst sie wohlbehütet und mit Liebe überschüttet bei ihrer Großmutter Nan auf, wird sowohl von der jungen engagierten Lehrerin Lacey und der alten Rilla, der Dorfhexe, unterrichtet. Doch Nan’s Gesundheitszustand verschlechtert sich mit den Jahren. Am Sterbebett, Florrie ist jetzt ein Teenager, eröffnet ihr die Großmutter, das es noch eine andere Familie gibt, berüchtigt und sehr wohlhabend, und Nan diese kontaktiert hat, um Florrie in deren Hände nach ihrem Tod abzugeben. Nach Nan’s Tod findet sich Florrie plötzlich in der Metropole Londons wieder, die sich so völlig von ihrem bisherigen Leben auf dem Land unterscheidet, wieder. Von Anfang an glaubt sie hier in der reichen, unnahbaren und fast feinseligen Familie nie glücklich zu werden. Lediglich ihre beiden Cousins Sanderson und Turlington geben ihr in dieser Zeit ein wenig Halt.

Tracy Rees hat mich schon mit „Amy Snow“, ihrem Debüt sehr berührt, so dass ich auch ihr zweites Buch unbedingt lesen wollte. Auch in diesem entführt sie uns ins viktorianische Zeitalter und erzählt eine Aschenputtel Geschichte mal anders und ganz neu. Auf der einen Seite das karge, entbehrungsreiche jedoch glückliche Leben auf dem Land und auf der anderen Seite die gesellschaftlichen Zwängen und Dogmen einer fast falsch verstandenen Heraufbeschwörung von Traditionen in einer Familiendynastie, in dem jedes Familienmitglied seine dunklen Geheimnisse hat und eigene manchmal fast undurchschaubare Ziele verfolgt. Eine wunderbare Geschichte um Liebe, Familie und Freiheitswillen. Gerade letzterer ist für eine junge Frau am Ende des 19. Jahrhunderts fast unmöglich bis unwahrscheinlich ihn auszuleben. In ihrem mitreißenden Schreibstil lässt ihn die Autorin, durch ihre bezaubernde Protagonistin, möglich werden.
Das „alte“ London ersteht in diesem Roman wieder auf, sowohl die dunklen berüchtigten Orte als auch die noblen Viertel. Tracy Rees beweist hier durch viele kleine Erzählstränge eine außerordentlich gründliche Recherche des damaligen Lebens. Ebenso begeistert war ich von den Naturschönheiten Cornwells. Ein bisschen eine Darstellung von Licht und Schatten, man ahnt das letzteres wohl eher auf London zutrifft. Eine tragische, verzehrende und fast aussichtslose Liebe runden das Bild einer zauberhaften Lektüre ab, in der man sich regelrecht vergraben kann.

Bewertung vom 11.05.2017
Die Grausamen
Katzenbach, John

Die Grausamen


ausgezeichnet

Zwei vom Schicksal gebeutelte Detektives , denen man eine (letzte) Chance gibt, finden ihre neue Arbeitsstelle im Keller. „Cold Cases“, ungelöste alte Mordfälle, damit dürfen sich die Beiden jetzt beschäftigen. Für Gabe, der bei einem tragischen Segelbootunfall seinen Schwager, den Zwillingsbruder seiner Frau verlor, und mit ihm im Nachhinein auch seine ganze Familie, besteht ebenfalls die Verpflichtung sich seinem Alkoholproblem zu stellen. Marta Rodriguez-Johnson hat mit anderen Dämonen zu kämpfen. Die alleinerziehende Witwe eines Marines erschoss ohne Absicht ihren langjährigen Partner wären einer Drogenrazzia. Ein Trauma über das weder sie noch ihre Kollegen aus dem Drogendezernat hinweg kommen.
Beide sichten jetzt die schier endlosen Aktenstapel alter ungelöster Mordfälle, haben allerdings Schwierigkeiten Anknüpfungspunkte für ein erneutes Aufrollen der Fälle zu finden. Bis Marta nach schier endlosen Wochen des Aktenstudiums vier Fälle auffallen, die eine gewisse Ungewöhnlichkeit darstellen. Vier Mordfälle aus dem Jahr 1997 die anscheinend von unterschiedlichen Tatwaffen und Mördern begangen wurden. Die einzige Gemeinsamkeit sind bei allen vier Fällen dieselben ermittelnden Beamten. Das ist das eigentlich ungewöhnliche, die beiden Beamten hatten eine immense Erfolgsquote, galten als unschlagbares Duo und nur diese vier Mordfälle konnten sie nicht aufklären? Bei ihren weiteren Nachforschungen stoßen sie außerdem auf den Fall der Vermissten Tessa. Ein dreizehnjähriges Mädchen die aus einer noblen Wohngegend verschwunden ist, und deren Leiche auch Jahre später nie gefunden wurde. Hängen die Fälle zusammen? Kaum jedoch das Marta und Gabe versuchen die losen Enden zu verknüpfen gibt es auch schon den ersten Toten…

John Katzenbach gehört mit Recht zur Elite der Thrillerautoren. Mich wunderte nur die allzu offensichtliche Ähnlichkeit zu Jussi Adler-Olsons Dezernat Q. Ungelöste Mordfälle, Büro im Keller (Verlies) und aufs Abstellgleis verbannte Ermittler. Allerdings zeichnet er beide Protagonisten so ausführlich dass dieses kleine Manko, mir zwar auffiel mich allerdings nicht weiter störte. Der eigentliche Fall (Fälle) ist so verworren und komplex, das man als Leser zusammen mit Marta und Gabe vor einem schier aus unendlichen Teilen bestehenden Puzzles steht. Immer wenn man glaubt in welche Richtung die Auflösung vielleicht liegen könnte, kommt die nächste Wendung. Zwischenzeitlich gibt man die Hoffnung ganz auf, und dann kommt Katzenbachs unglaublich guter Schreibstil dazu, man fliegt förmlich durch die Seiten, das sind mit über 550 Seiten nicht wenige.

Fazit: Ein unglaublich spannender Thriller mit einer komplexen Story und einem etwas außergewöhnlichem Motiv des Täters.

Nachtrag: Ich könnte schwören, das das Spinnennetz vom Cover nachts im Dunkeln leuchtet.