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Benutzername: anyways
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Bewertungen

Insgesamt 224 Bewertungen
Bewertung vom 18.05.2018
#EGOLAND
Nast, Michael

#EGOLAND


weniger gut

Nach dem Suizid seines ehemaligen Freundes Andreas Landsberger und der Sichtung dessen schriftstellerischen Nachlasses, rechnet der Erzähler (Michael Nast)mit ihrer eingeschlafenen Freundschaft ab. Er stellt starke Persönlichkeitsveränderungen seines Schriftstellerkollegen nach dem Ende ihrer Freundschaft fest, diesen will er auf den Grund gehen und recherchiert nicht nur in der losen Manuskriptsammlung des Verstorbenen, sondern auch in dessen privaten Leben und Umfeld um den von Landsberger angefangenen Roman zu beenden. (Ein sehr interessanter Aspekt- handelt der Erzähler als Freund oder als Moralist)
Eins haben alle Beteiligten gemeinsam, sie verbindet eine gewisse Leere und sogar Seelenlosigkeit. Auf welcher Ebene kreuzen sich ihre Lebenswege. Warum werden sie alle zu Opfern?

Um es vorneweg zu sagen ich war unheimlich froh als ich endlich die letzte Seite dieses Buches umblättern konnte. Das war ein hartes Stück Arbeit. Ich war unzählige Male drauf und dran es wegzulegen. Dabei hatte die Geschichte durchaus Potenzial. Es hätte ein nervenzerreißender Psychothriller werden können oder auch ein gesellschaftskritisches Buch über das Großstadtleben im 21. Jahrhundert. Ich glaube letzteres war wohl auch die Absicht des Autors, die er aber weit verfehlt, weil er sich zu sehr darauf konzentriert eine faustsche Tragödie zu inszenieren. Die ersten zweihundert Seiten waren so zäh das ich mich weniger auf die Geschichte konzentrierte sondern unbewusst anfing die alkoholartigen Getränke und jede Zigarette mitzuzählen. Ergebnis: Man kann ganz klar von Nikotin- und Alkoholabusus sprechen. Ein Wunder das man da zu solchen Intrigen noch fähig ist. Egoland ist der Versuch einer riesengroß angelegten Manipulation des Lesers, indem der Autor ihm vorspielt es wäre alles irgendwie real passiert. Dabei begeht er den für mich riesengroßen Fehler sich als Moralist aufzuspielen. Dabei sind die Charaktere im Buch ausgesprochen schwach gezeichnet, so dass man sie nur anhand ihrer Namen auseinanderhalten konnte. An ihren Charakterzügen unterschieden sie sich für mich jedenfalls kaum. Michael Nast hätte für mich genauso Andreas Landsberger sein können.
Ich vergebe nur zwei Sterne weil ich mich wirklich durch jede einzelne Seite gequält habe.

Bewertung vom 27.04.2018
Tiefer denn die Hölle / Martin Bauer Bd.2
Gallert, Peter; Reiter, Jörg

Tiefer denn die Hölle / Martin Bauer Bd.2


sehr gut

Bei der Überprüfung der Pumpenanlage in der stillgelegten Zeche Walsum findet der zuständige Ingenieur eine Leiche. Der Polizist der daraufhin den Fundort inspiziert, erleidet eine Panikattacke, dies veranlasst seinen Kollegen den katholischen Polizeiseelsorger Monsignore Vaals als Beistand hinzuzurufen. Dieser jedoch bricht beim Anblick der mit unzähligen Stichwunden und Honig übergossenen Leiche, mit einem Herzinfarkt zusammen. Nun wird sein Kollege der evangelische Polizeiseelsorger Martin Bauer zur Zeche gerufen. Unterdessen trifft auch Hauptkommissarin Verena Dohr an der Zeche ein und übernimmt die Ermittlungen. Monsignore Vaals kommt im Krankenwagen wieder kurz zu Bewusstsein und flüstert Bauer einen Namen zu. Kannte Vaals den Toten? Bauer macht sich auf die Suche nach den Hintergründen, sehr zum Ärger von Verena, muss sie doch nun Bauers Alleingänge wieder vor ihrem Vorgesetzten rechtfertigen.
„Tiefer denn die Hölle“ ist ein Krimi mit sehr viel Lokalkolorit. Die seit Jahrhunderten durch den Bergbau geprägte und veränderte Landschaft wird genauso detailliert beschrieben wie der gesellschaftliche Einschnitt nach dem Ende des Bergbaus. Ein Krimi der mit einem stetigen Spannungsaufbau punkten kann.
Und doch konnte er mich nicht so ganz überzeugen. Zum einen lag es an der Charakterisierung der Protagonisten und sonstigen Akteure. Der ständige Geschlechterkampf in einer Kommissariat mit den dazugehörigen Intrigen war deutlich zu ausufernd. Die familiären Verhältnisse des Martin Bauers hatten für mich auch einen unglaubwürdigen Beigeschmack und es gab einige Stellen die für mich ebenso unwahrscheinlich waren, wo das Autorenduo zu sehr übertrieben hat. Das fängt schon bei der Szene in der Zeche Walsum an. Warum wird bei einer Panikattacke ein Seelsorger gerufen? Das erscheint mir trotz der Erklärung die die Autoren geben nicht sinnvoll. Des Weiteren ist der Raub aus dem Krankenhaus ebenso unlogisch, der bedarf nämlich erheblich mehr Aufwand, Umsatz und Material, und ist von einer Person allein nicht in zehn Minuten zu schaffen. Auch macht das Autorenduo wieder den eklatanten Fehler zu behaupten, die Oberschwester auf Station angetroffen zu haben, die auch noch explizit zu dem Patienten Auskunft geben konnte. Nochmal zum Verständnis, einer Oberschwester, (neudeutsch: Pflegedienstleitung) unterstehen mehrere Stationen und Pflegerische Bereiche, sie hat in erster Linie Verwaltungstechnische Aufgaben zu erledigen. Ihr unterstehen mehrere Stationsleitungen (früher „Öse“ aus dem Wort Stationöse abgeleitet) inklusive deren pflegerisches Personal. Ihre Vorgesetzte ist die/der Pflegedienstleiter/in, der alle Oberschwestern/-pfleger unterstehen. Martin Bauer kann also an einem Freitagabend weder die Oberschwester noch die Stationsleitung (denn die ist in der Regel auch nur bis zum Nachmittag da) angetroffen haben. Wahrscheinlicher ist es, das hier die diensthabende und schichtleitende Schwester gemeint gewesen ist. Klingt zwar nicht so schön wie Oberschwester würde aber der Realität entsprechen. Schon zur Zeiten der „Schwarzwaldklinik“ wurde dieser Unsinn verbreitet (in den Achtzigern war der Pflegeschlüssel allerdings höher. Eine Oberschwester hatte „nur“ das pflegerische Personal einer einzigen Fachabteilung/Klinik zu betreuen und ging einmal wöchentlich zur Chefarztvisite mit.). Ganz zum Schluss ist mir als Leserin auch nicht erklärt worden warum der Täter seine Opfer mit diesen Unmengen an Honig überschüttet hat.
Gefallen hat mir jedoch, dass die Autoren Wert darauf gelegt haben mal ein „weißes“ Schaf der katholischen Kirche zu präsentieren. Ganz berührend fand ich auch die Tagebuchaufzeichnungen des Mädchens im Umgang mit dem Suizid ihrer Mutter.
Fazit: Ein solider Krimi, mit einem abscheulichen Verbrechen das noch über Generationen nachwirkt und einigen fachspezifischen Schwächen.

Bewertung vom 27.04.2018
Spreewaldrache / Klaudia Wagner Bd.3
Dieckerhoff, Christiane

Spreewaldrache / Klaudia Wagner Bd.3


sehr gut

Im Spreewald droht eine jahrzehntelange Familienfehde erneut zu eskalieren. Vor 25 Jahren geschah schon einmal ein Unglück, hinter vorgehaltener Hand munkelt man auch von einem Mord. Jetzt wird ein weiterer Spross eines der Clans tätlich angegriffen. Zufällig weilen Klaudia und ihr Team von der Kripo Lübben gerade bei der Mutter des Opfers, anlässlich eines Teamtages. Fast erleichtert bietet sich Klaudia an die Mutter zum Krankenhaus nach Cottbus zu fahren. Sowohl bei Mutter und Sohn hat sie das Gefühl das Beide lügen. Warum kann sie sich allerdings nicht erklären. Es gibt aber in Lübben jemanden der viele Geheimnisse aus dem Spreewald kennt. Schiebschick der alte Fährmann, das Spreewaldlexikon auf zwei Beinen, wie Klaudia ihn liebevoll nennt. Den lädt sie aus diesem Grund auch auf ein Bier ein. Doch Schiebschick gibt sich recht einsilbig und kurz darauf geschieht ein Mord. Mit der Ruhe im Spreewald ist es erst einmal vorbei.
Christiane Dieckerhoff hat in ihren beiden vorherigen Büchern sehr interessante und auch ungewöhnliche Mordserien thematisiert. Der neue Fall um eine alte Familienfehde versprach eine ebensolche packende Handlung. Ganz so kommt diese jedoch an die vorherigen Bücher nicht heran. Vieles bleibt im Ungewissen denn alle Beteiligten schweigen oder lügen, erschwerend kommt hinzu, dass die Verwandtschaftsverhältnisse für einen Außenstehenden schwer zu durchschauen sind. Das hat die Autorin recht authentisch rübergebracht. Der Spannungsaufbau ist für den Leser dadurch jedoch recht gering. Gefallen hat mir das die Autorin mehr den Fokus auf den Fall und die herbstliche Szenerie im Spreewald legt. Kommissarin Klaudia agiert weniger im privaten Umfeld sondern ist durch den Ausfall ihres Partners gezwungen, sich ganz auf die Ermittlungen zu konzentrieren und die haben es wegen der schon erwähnten teilweise sehr undurchsichtigen Familienverhältnisse in sich. Oft genug muss Kommissar Zufall herhalten.
Wenn mich auch der neue Fall nicht ganz so überzeugen konnte, bin ich doch begeistert, wie die Autorin diese recht eigentümliche Landschaft im Spreewald beschreibt. Da ich die Gegend um Lübben schon kennenlernen durfte, waren die Schilderungen dieses, auf mich immer sehr entspannend wirkenden Landstriches, wie ein kleiner Urlaub vom Alltag. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich unter der Brücke auf dem Cover schon durchgefahren bin ;).

Bewertung vom 28.03.2018
Schweigegelübde / Emma Vaughan Bd.2
Bierach, Barbara

Schweigegelübde / Emma Vaughan Bd.2


gut

Oxycodon, ohne geht es für die Ermittlerin bei der irischen Polizei in Sligo, Emma Vaughan schon seit Jahren nicht mehr. Seit dem verhängnisvollen Unfall vor zehn Jahren. Auch wenn sie die Tabletten in der Regel verschrieben bekommt, ist es ihrem Chef, Superintendent Paul Murrey, ein Dorn im Auge und er ordnet für Emma eine ärztliche Untersuchung an, die leider auch ein Drogenscreening beinhaltet. Also fährt Emma ins Sligo General und lässt sich untersuchen. Der Mann ihrer besten Freundin, Dr. Michael McCaffrey sieht sie dort zufällig und bittet sie um ein Gespräch. Anscheinend sind seit Weihnachten mehrere Patienten mit sehr guten Überlebensperspektiven plötzlich und unerwartet an einem Herzanfall verstorben. Die Häufung dieser Todesursache verunsichert McCaffrey und er bittet Emma der Sache mal nachzugehen. In der kleinen irischen Stadt Sligo gibt es eigentlich kein spezielles Mordermittlerteam, Murray hat jedoch eine eigene Elitegruppe gegründet, die Serious Crime Unit, die er gerne bei gewaltsamen Toden einsetzt. Emma wurde nach ihrem letzten Fall, der noch immer ungeklärt ist, aus diesem Team verbannt. Mit ihrem neuen Verdacht beordert sie Murrey jedoch ganz schnell wieder zurück.

Babara Bierach lässt ihre Protagonistin nicht nur im Fall eines „Todesengel“ ermitteln, sondern spannt auch den Bogen zum ersten Fall und bringt die dunkle irische Vergangenheit und die Schreckensherrschaft der IRA mit ins Spiel. Das alles unter einen Hut zu bringen ist ihr jedoch nicht sehr gut gelungen. Eine stark unter Opioide stehende Ermittlerin ist per se schon nicht recht arbeitstauglich. Die Ausfallerscheinungen und Nebenwirkungen spürt man bei der Ermittlerin jedoch kaum. Das ist nicht so ganz nachvollziehbar. Auch das die gesamten Krankenunterlagen direkt zum Vorgesetzten geschickt werden halte ich selbst in Irland für ausgeschlossen. Den Hinweis dass die Ermittlerin drogenabhängig ist kann schon weitergeleitet werden, müsste jedoch eine sofortige Suspendierung nachziehen. Der Fall des Todesengels war für mich persönlich auch zu schnell klar, weil es einfach viel zu viele Hinweise gibt. Dann gibt es noch einen Griff in die Asservatenkammer, nächtliche Besuche ehemaliger IRA-Mitglieder, jede Menge Geld und aus allen keine schlussreichen Konsequenzen. Das für mich spannendste an diesem Buch war lediglich die Aufarbeitung des ersten Falles vom vorherigen Buch. Dieser Erzählstrang war durchaus interessant und fesselnd.

Bewertung vom 28.03.2018
Der Pub der guten Hoffnung
Zöbeli, Alexandra

Der Pub der guten Hoffnung


sehr gut

Wie kann man Jemanden lieben und gleichzeitig Abgrundtief hassen? Das Leben von Sam und Hannah wird durch eine entsetzliche Tragödie schmerzlich verändert. Ihr eigener Sohn, den sie innig liebten, ist bei einem Amoklauf, den er selbst verursachte, ums Leben gekommen. Fassungslosigkeit über diese Tat und gleichzeitig Trauer über den Verlust des Sohnes müssen nun verarbeitet werden. Doch sie können es nicht gemeinsam. Fast über Nacht verlieren sie den Halt zueinander und dann kommen noch die ausgesprochenen und unausgesprochenen Vorwürfe des Umfeldes hinzu. Hannah zieht sich nach einem Selbstmordversuch komplett zurück und Sam lässt sich daraufhin von seinem Freund Daniel überreden ein paar Wochen in dessen Ferienhaus in Schottland zu verbringen. Nachdem ihn der Schulrat dann auch noch freistellt, weil Sam in den Augen der Eltern seiner Schüler nicht mehr geeignet ist als Lehrer, er außerdem keine Ruhe mehr vor der Journalistenmeute, die ihn Tag für Tag vor seinem Haus auflauert, hat, nimmt Sam das Angebot an. Mit seinem alten Motorrad macht er sich auf den Weg von der Schweiz nach Walisien.



Für einen (Liebes)Roman ist der Einstieg wirklich äußerst traumatisch. Das birgt mitunter die Gefahr, dieser Tragödie entweder zu viel oder zu wenig Raum und Tiefe innerhalb der Geschichte zu geben. Ich kann jetzt auch im Nachhinein nicht beurteilen ob es der Autorin wirklich gelungen ist, durch
einen etwas distanzierten Sprachstil gelingt es ihr jedoch das Ausmaß der Tragödie zu beschreiben, den Leser dadurch aber nicht zu überfordern. Das hat mir recht gut gefallen.
Obwohl erst Sam viel Platz eingeräumt wird seine Geschichte zu erzählen, kommt auch im späteren Verlauf Hannah dazu ihre Sicht darzustellen. Das schien mir recht gut gelungen obwohl ich finde das Alexandra Zöbeli ihr Augenmerk etwas zu sehr auf die „verständnisvollen“ (Muster)Männer legt. Aber vielleicht darf man sich in einem Roman die(Traum) Männer ja auch schönschreiben. Alles in allem muss man der Realität jedoch ins Auge schauen, den Verarbeitungsprozess, den die beiden Protagonisten hier durchleben ist von der Tragödie an sich und einem Selbstmordversuch mal abgesehen, doch allzu optimistisch und eher eine Wunschvorstellung.
Trotz meiner Anmerkungen bin ich recht gut unterhalten worden. Die Autorin pflegt einen einfachen, aber schönen Schreibstil der nicht unbedingt viel Spannung aufbaut, jedoch viel über die wunderschöne Gegend rund um Wales preisgibt und trotz aller Widrigkeiten Optimismus versprüht. Das passende Buch eigentlich zum Abschalten, wenn ich mich nicht immer wieder selbst an die Tragödie erinnert hätte. Zum Glück gibt die Autorin am Ende des Buches noch ein paar Einblicke in die Entstehungsgeschichte dieses Romans. Da ich diese sehr gut nachvollziehen konnte, kann ich mit diesem Wissen sagen, dass ich mich gut unterhalten fühlte.

Bewertung vom 28.03.2018
Wenn Martha tanzt
Saller, Tom

Wenn Martha tanzt


ausgezeichnet

2001 ist Thomas Wetzlaff nicht ganz freiwillig in New York. Nach dem Tod seiner Großmutter hat er in deren Nachlass einen Schatz von immensem Wert gefunden. In einem schlichten Notenheft versteckt, fand er die Tagebuchaufzeichnungen seiner Urgroßmutter Martha. Das wirklich brisante darin ist, das Martha in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts wohl mit zu den Studentinnen des legendären Bauhaus in Weimar zählte und sich viele ihrer Mitstudenten in ihrem Buch verewigt haben. Skizzen von Paul Klee, Oskar Schlemmer und Lyonel Feininger machen diesen Fund spektakulär und könnten Thomas Familie auf den Schlag unfassbar reich machen. Doch wie kommt ein Mädchen aus eher einfachen Verhältnissen lebend, von Pommern nach Weimar?

Das 20. Jahrhundert ist geprägt durch zwei Weltkriege, Vertreibung, bittere Armut, Zerstörung, Zerfall von Staaten und Staatsformen aber auch von einem Lebenshunger, einer Aufbruchstimmung und einer ersten gewaltigen Emanzipationswelle. Seit 1919 dürfen Frauen wählen und haben Lehrfreiheit. Tom Saller lässt seine Protagonistin genau in dieser Atmosphäre heranwachsen und lässt durch sie die neue Lehranstalt für Industrie, Gewerbe und Handwerk in Weimar, besser bekannt als „Bauhaus“ wieder auferstehen. Er skizziert eine Familiengeschichte die nicht ganz unrealistisch ist. Sehr gut gefallen haben mir die fast wie nebenbei erwähnten später dann zu einigem Ruhm gekommene Persönlichkeiten und das Leben in Pommern zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Dabei erhebt er nie den Zeigefinger, hier meine ich insbesondere die Nazizeit. Er schildert die Ereignisse aus Sicht der Dorfbewohner, weit abgeschieden vom politischen Geschehen in Berlin, die sich der neuen Zeit wohl oder über anpassen. Die Mehrzahl erst nicht mitschwimmend mit dem braunen Sumpf, sich aber nur bedingt wehren können und viele sich ganz langsam anpassen um zu überleben . Genauso hat meine Oma diese Zeit immer beschrieben.
Eine ganz wunderbare Familiengeschichte, geprägt von vielen Tragödien und Schicksalsschlägen durch das politische Zeitgeschehen und der trotzdem der Zauber einer grandiosen Vergangenheit anhaftet. Ein wenig musste ich mich allerdings an den Schreibstil des Autors gewöhnen. Ich könnte jetzt jedoch nicht sagen, was mich störte, vielleicht war es wirklich nur etwas ungewohnt, die recht kurzen Kapitel, der Wechsel zwischen zwei großen Erzählsträngen und der Voranstellung von winzigen Fragmenten des Zeitgeschehens zwischen 1900 bis 1940. Nur einen winzigen Minuspunkt habe ich anzumerken. Die Verknüpfung mit einem weltverändernden Ereignis kurz nach der Jahrtausendwende in Amerika fand ich dann doch etwas übertrieben, obwohl es für die Geschichte schlüssig ist.

Bewertung vom 28.03.2018
Zu nah / Frankie Sheehan Bd.1
Kiernan, Olivia

Zu nah / Frankie Sheehan Bd.1


gut

Frankie Sheehan, Detective im Dubliner Police Department hat eine vierjährige Ausbildung zur Kriminaltechnikerin und Profilerin gemacht, 15 Jahre ist sie stetig die Karriereleiter bis zum Detective hochgeklettert und vor zwei Jahren dann zum Detective Chief Super, doch ihr letzter Fall wäre für sie fast tödlich ausgegangen. Nach mehrmonatiger Pause steht sie jetzt wieder vor einem Tatort. Eigentlich möchte ihr Vorgesetzter ihr die Leitung in dieser Ermittlung nicht zumuten, doch auch bei der Dubliner Polizei herrscht Personalmangel, und so übergibt er zähneknirschend Frankie den Fall.
Eleanor Costello, angesehene Wissenschaftlerin wird erhängt in ihrem Schlafzimmer aufgefunden. Ein Nachbar der sie seit mehreren Tagen nicht gesehen hat, hat die Polizei verständigt. Zuerst sieht alles nach einem Selbstmorde aus, doch schon während der Tatortbesichtigung wird klar, das Eleanor niemals ohne Hilfestellung die Selbsttötung hätte vollziehen können. Während der Recherchen zum bisherigen Lebenslauf der Wissenschaftlerin treten doch einige Absonderlichkeiten zu Tage und dann geschieht ein weiterer Mord.

„Zu nah“ hat einiges Potenzial für einen spannenden Thriller, doch leider sprang der Funke bei mir nicht über. Das liegt für meine Empfindungen zuallererst am Schreibstil der Autorin. Sie wählte, die für dieses Genre gar nicht so untypische Version der Ich-Form. Eigentlich ist man da als Leser mitten im Geschehen, „sieht“ man doch alles durch die Augen der Protagonistin. Hier ist jedoch das Gegenteil der Fall, seltsam distanziert (manchmal auch kopfschüttelnd wegen ihrer unlogischen Übersprunghandlungen) folgt man der Ermittlerin. Frankie wird mit einer ordentlichen beruflichen Laufbahn ausgestattet, sie verhält sich aber wie der einsame Wolf, der keinen Wert auf Teamarbeit legt. Da erscheint es mir unlogisch das sie es zum Detective Chief Super geschafft haben soll. Auch sämtliche Teammitglieder bleiben seltsam farblos. Was mich aber am meisten störte war die seltsame Verbindung die Frankie zu der Ermordeten fast krampfhaft herzustellen versuchte und die ständige Erwähnung von Budgetkürzungen. Gerade letzteres wird von der Autorin zum Ende des Buches ständig erwähnt, da soll der Fall sogar abgeschlossen werden obwohl es noch viel zu früh ist und längst nicht alle Spuren erkaltet sind. Somit war aus meiner Sicht gar kein Spannungsaufbau möglich. Wie gesagt „zu nah“ bietet einiges Potenzial, mich konnte es gar nicht überzeugen.

Bewertung vom 28.03.2018
Das Vermächtnis des Künstlers
McBane, Gordon

Das Vermächtnis des Künstlers


gut

Am 4. September 1985 kommt das Ehepaar Humphrey und Linda Murray aus Rotherham in England, bei einem Hausbrand ums Leben. Dieser tragischen Geschichte wohnt ein Mysterium bei, denn alles Hab und Gut der Eheleute verbrannte, bis auf ein völlig unbeschädigtes Ölgemälde, welches sich im Keller befand, da wo das Feuer laut der Feuerwehr ausbrach.
Gordon McBane nimmt sich in seinem Thriller des Mysteriums der weinenden Kinder von Bragolin an. Tatsächlich beruhen diese Geschehnisse auf wahren Begebenheiten. Es kam in den achtziger Jahren, vorwiegend in England zu einer regelrechten Brandepidemie, über 40 Fälle wurden registriert. Allen Hausbränden war gemeinsam, das sie zerstörerisch waren nur jeweils ein Gegenstand wurde verschont. Ein Ölgemälde eines Malers, dessen wahre Identität bis heute nicht restlos geklärt ist. Über sechzig Bilder von weinenden Kindern soll „Bragolin“ angefertigt haben, ein Großteil wird mit den verheerenden Hausbränden in Verbindung gebracht.
An die Entdeckung dieses Mysteriums und den real existierenden Bericht aus der „SUN“ knüpft der Autor an und konstruiert seinen Thriller. Dazu schickt er seinen Protagonisten Dr. George Mallory, Dozent für Psychologie und Parapsychologie an der Universität von Virginia, auf Einladung einer Museumskuratorin nach Venedig. Eben jene alte Dame hat es sich zum Ziel gesetzt sämtliche Bilder Bragolins zu sammeln und in ihrem Museum auszustellen. Ebenso möchte sie die Herkunft der Bilder und die Identität des Malers restlos klären. George soll in seiner Eigenschaft als Parapsychologe das dunkle Geheimnis erforschen. Es fehlen jedoch noch zwei Bilder. Das Portrait eines Jungen und eines Mädchens von denen man annimmt dass sie Geschwister sind. George ist fasziniert und beginnt mit seinen Ermittlungen.

Meine Meinung:
Von den ersten 300 bis 350 Seiten war ich restlos fasziniert. Nicht nur wegen der Spannung die der Autor zu erzeugen vermag, sondern vielleicht auch, dass vieles auf Tatsachen beruht. Das ist schon mächtig gruselig. Ich bin diesen Seiten atemlos gefolgt und habe nebenbei viel parallel recherchiert und kann bestätigen dass der Autor sich akribisch mit diesem Thema auseinandergesetzt hat und für uns Leser wirklich spannend kompakt verpackt hat. In dem Moment wo McBane allerdings das Gebiet der nachweisbaren Fakten verlässt endet auch abrupt die Spannung und alles was ich vorher als angenehm empfand, hier diesbezüglich seinen recht ausschweifenden Schreibstil und seine oft weit ausholenden fantasievollen Beschreibungen von Landschaft und Leuten, wirkten auf einmal ermüdend weil sie für meinen Geschmack die Geschichte übertrieben lang werden ließen. Alles kam mir irgendwie disharmonisch vor. Was mich jedoch nach einiger Zeit richtig störte, war sein fast inflationäres bedienen im Fundus der Rhetorischen Stilmittel. Ein Beispiel hierzu: „Es wollte Ihre Augen?“ fragte Dr. Verlmonte hypertonisch. Also hysterisch oder schrill hätte ich verstanden, hypertonisch ist wirklich eine solche Übertreibung die mich zum Kopfschütteln veranlasste. Ich habe mich jedoch weiter tapfer durch die restlichen 400 Seiten gequält, nur um festzustellen, dass der erste Teil sang und klanglos endet. Ich nehme jetzt also an das McBane diese Geschichte auf weiteren 1400 Seiten zerredet. Das ist wirklich schade.

Bewertung vom 16.03.2018
Deichfürst (eBook, ePUB)
Hoorn, Heike van

Deichfürst (eBook, ePUB)


gut

Endlich können die Arbeiten am Emsspeerwerk nach über einem Jahr wieder aufgenommen werden. Die Gegner, allesamt Anhänger verschiedenster Organisationen der Ökofraktion, haben das Nachsehen. Der wirklich unausstehliche Unternehmer, Tadeus de Vries will seinen Erfolg mit ordentlich Bier feiern, 24 Stunden später liegt er in einer zugenagelten Kiste in einer Baugrube des Riesenprojektes. Der erste große Fall für den frisch zugezogenen Kriminalhauptkommissar Stephan Möllenkamp und ungewollt bekommt er Unterstützung von einer Lokalreporterin.

In zwei großen Erzählsträngen die sich stetig abwechseln, liefert Heike van Hoorn die Motive die zum gewaltsamen Abbleben des Tadeus de Vries auf der einen Seite und auf der anderen Seite wird der Mord an ihm aufgeklärt. Leider leidet darunter die Spannung enorm. Fand ich den ersten Erzählstrang deutlich interessant, viel mir die Verfolgung der Ermittlungsarbeit doch deutlich schwerer. Die vollmundige Ankündigung eines neuen Dreamteams kann ich so nicht bestätigen. Weder agieren die Lokalreporterin und der Kommissar wirklich miteinander, sondern jeder für sich, dazu kommt, das für mein Empfinden wirklich zu viel Wert auf „Kommissar Zufall“ gelegt wird. Auch das eigentliche Team um den Kommissar scheint irgendwie nicht an einem Strang zu ziehen, jeder ist dort Einzelkämpfer. Als dann auch noch Maike, die Frau des Kommissar Möllenkamp anfängt mit zu ermitteln empfand ich dies deutlich als zu viel des Guten.
Eigentlich liebe ich Regionalkrimis, weil sie in der Regel die Eigenarten ihrer Bewohner so herrlich erfrischend zeichnen und natürlich die landschaftlichen Reize für mich immer sehr interessant sind. Dies gelingt der Autorin wirklich gut und stimmte mich einigermaßen versöhnlich. Sie flicht auch genügend Plattdüütsch ein um die Originalität zu unterstreichen. Warum die Fußnoten allerdings am Ende des Buches und nicht wie üblich am Ende einer Seite auftauchen verstehe ich nicht. Wer blättert bei einem ebook schon ganz nach hinten. Wirklich schade.

Bewertung vom 10.01.2018
Die Lichter von Paris
Brown, Eleanor

Die Lichter von Paris


ausgezeichnet

Es ist wieder soweit! Einmal im Jahr fliegt die fünfunddreißigjährige Madeleine vom winterlichen Chicago in die Südstaaten nach Magnolia um ihre Mutter zu besuchen. Sie tut dies ungern, denn das Verhältnis zwischen den Beiden ist seltsam kühl und distanziert, jedoch liegt ihr noch das letzte Streitgespräch mit ihrem Mann schwer im Magen, deshalb kommt ihr diese Zwangspause gerade recht. Dieses Mal erwartet sie neben dem stets vorwurfsvollen Blick ihrer Mutter eine viel größere Überraschung, denn ihr Elternhaus soll verkauft werden. Trotz des angespannten Verhältnisses plant Madeleine ihre Mutter zu unterstützen, um sich nicht mit den Problemen, die sie zu Hause in Chicago erwarten, auseinander zu setzen, denn Philips letztes Wort war „Scheidung“, als er ging.
Beim Ausräumen des Dachbodens stößt Madeleine auf einen alten Koffer und entdeckt die Tagebücher ihrer Großmutter Margie. Sofort ziehen sie deren Eintragungen in ihren Bann. Seltsam ähnlich empfindet sie die Gedanken- und Gefühlswelt der Großmutter und kann sie deshalb so gar nicht mit der Person vergleichen die sie noch kennengelernt hat. Was ist diesem jungen, lebenslustigen Mädchen passiert, die im Alter doch eher streng und unnachgiebig war?

Der rote Faden in dieser Geschichte ist eher ein Konglomerat an unerfüllten Wünschen, Träumen, Sehnsüchten und fehlender Kommunikation, Empathie und Einfühlungsvermögen in der Familie, hübsch eingebettet in einen goldenen Käfig voller gesellschaftlicher Zwänge. Großmutter und Enkelin passen vom Aussehen und ihren Charaktereigenschaften nicht in das enge Korsett, das ihnen die Gesellschaft und die Familie geschnürt haben. Sie wollen frei in ihren Entscheidungen sein. Auf zwei Ebenen werden die beiden Lebensgeschichten und auch Lebenslügen erzählt. Mit Margie, der Großmutter, wandelt man im Paris der zwanziger Jahre. Eine ungemein spannende Zeit, so kurz nach dem 1. Weltkrieg, geprägt von einer unglaublichen Gier nach Leben, nach den langen dunklen und verstörenden Zeiten. Mit Madeleine erlebt man achtzig Jahre später einen etwas unspektakulären aber befreienden Ausbruch aus ihrem goldenen Käfig.
Ich empfand beide Geschichten als sehr authentisch, echt und ungemein interessant. Auch wenn wir in einer Welt der doch schon recht fortgeschrittenen Emanzipation leben, lassen wir Frauen uns doch gerne in ein enges Korsett aus Zwängen schnüren. Ja wir können und dürfen jetzt unser eigenes Geld verdienen und gleichzeitig Kind und Kegel ver- und umsorgen. Trotzdem lassen wir uns, teilweise nur zu gerne, noch davon überzeugen, dass wir eine bessere Akzeptanz erhalten, wenn wir nur immer jung aussehen und natürlich superschlank sind mit einer Kleidergröße von 32/34. Und wir machen leider mit.
Ich hatte mit Großmutter und Enkelin eine ganz wunderbare Lesezeit und kann diesen Roman sehr empfehlen.