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Benutzername: bookloving
Wohnort: Munich
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Bewertungen

Insgesamt 29 Bewertungen
Bewertung vom 23.06.2019
Dry (eBook, ePUB)
Shusterman, Neal; Shusterman, Jarrod

Dry (eBook, ePUB)


sehr gut

*Aufrüttelnde Dystopie *
Mit dem Jugendroman „Dry“ ist dem bekannten US-amerikanischen Autoren Neal Shusterman und seinem Sohn Jarrod eine sehr eindringlich und packend erzählte Dystopie gelungen, die man einfach nicht mehr aus der Hand legen kann. Im Mittelpunkt ihrer fiktiven, aber sehr realistisch anmutenden Geschichte beschreiben die beiden Autoren sehr anschaulich und aufrüttelnd, wie erschreckend schnell unsere zivilisierte Gesellschaft durch eine Wasserknappheit in eine existentielle Krise gerät und ein gnadenloser Kampf ums Überleben beginnt.
Der lebendige, jugendliche und mitreißende Schreibstil der beiden Autoren sorgt dafür, dass man sich schnell in das schockierende, authentisch wirkende Katastrophenszenario und in die verzweifelte Lage der Menschen hineinversetzen kann, sogar ständig ihren Durst verspürt. Dass der Roman aus der Feder von zwei verschiedenen Autoren stammt, merkt man diesem äußerst beeindruckenden Buch nicht an.
Erzählt wird die Geschichte aus wechselnden Perspektiven jeweils in der ersten Person, wobei wir die sich bald überschlagenden Geschehnisse aber hauptsächlich aus Alyssas Sicht miterleben. Kurze, eingeschobene Textpassagen geben uns Lesern darüber hinaus einen nachdrücklichen und umfassenderen Einblick in die bedrohliche Lage im gesamten Bundesstaat Florida.
Die Autoren haben ihre Dystopie äußerst realistisch, abwechslungsreich und packend gestaltet. Dabei schrecken sie auch nicht vor einigen sehr grausamen Passagen zurück, um die Verrohung der Menschen im Überlebenskampf zu verdeutlichen.
Am Beispiel von Alyssa und ihrer Familie erleben wir hautnah die Auswirkungen der Wasserkrise mit. Sehr glaubwürdig sind ihre persönliche Entwicklung und charakterlicher Wandel angesichts der Ereignisse zu verfolgen - vom ganz gewöhnlichen, sorgenfreien Teenager von nebenan, den dieser Notstand völlig unvorbereitet trifft bis hin zu einem taffen, kämpferischen Mädchen, das über sich hinauswachsen muss und schließlich überlebensnotwendige, manchmal auch fragwürdige Entscheidungen treffen muss. Ein weiterer zentraler Charakter ist Kelton, der etwas seltsame Nachbarsjunge von Alyssa, der sich mit seiner Familie als "Prepper" auf einen Ernstfall jeglicher Art bereits akribisch vorbereitet hat und nun auf ausgearbeitete Strategien für den eingetretenen Notfall zurückgreifen kann.
Im Verlauf der Geschichte treten noch zahlreiche weitere Charaktere wie beispielsweise Alyssas kleiner Bruder Garrett, die Aussteigerin Jacqui oder der undurchsichtige Henry auf, die je nach ihrer Rolle von den Autoren sehr authentisch und vielschichtig ausgearbeitet sind und für so manche Überraschung und herbe Enttäuschung gut sind. Insgesamt erleben wir im Laufe der Handlung eine ganze Bandbreite an möglichen Verhaltensweisen, die eine derartige Katastrophe in jedem von uns heraufbeschwören kann. Von Solidarität und rührender Aufopferungsbereitschaft blicken wir auch in die Abgründe der Menschen wie Verrat, Egoismus, Gewaltbereitschaft und Skrupellosigkeit. Sehr glaubhaft zeigen sie die sich verschiebenden Grenzen zwischen Gut und Böse und den zunehmenden Verlust des Moralinstinkts bei den Betroffenen auf.
Mit einigen überraschenden Wendungen zieht der Spannungsbogen immer weiter an. Geschickt lassen die Autoren die Ausnahmesituation für die verschiedenen Figuren immer mehr eskalieren und die sich überschlagende Handlung auf ein sehr mitreißendes, dramatisches Finale zulaufen. Der insgesamt sehr nachdenklich stimmende Roman klingt mit einem für meinen Geschmack leider etwas unrealistischen, überraschenden Ende aus, das aber recht stimmig und für ein Jugendbuch durchaus passend gewählt ist.
FAZIT
Eine lesenswerte, aufrüttelnde Dystopie – fesselnd und sehr realitätsnah geschrieben.

Bewertung vom 22.06.2019
Hannah und ihre Brüder
Balson, Ronald H.

Hannah und ihre Brüder


sehr gut

*Bewegender Roman mit beklemmendem geschichtlichen Hintergrund*
In seinem fesselnden Roman hat sich der US-amerikanische Autor und Rechtsanwalt Ronald H. Balson eines schwierigen historischen Themas und finsteren Kapitels deutscher Geschichte angenommen – der Judenverfolgung und dem Holocaust unter den Nationalsozialisten im Dritten Reich. Im Mittelpunkt der äußerst ergreifenden, fiktiven Geschichte steht der über 80-jährige polnische Jude und Ausschwitz-Überlebende Ben Solomon und das Schicksal seiner Familie zu Zeiten des 2. Weltkrieges in Polen während des Naziregimes.
Auf einer Spendengala bedroht der hochbetagte Ben den hochangesehenen, reichen Mäzen von Chicago Elliot Rosenzweig mit einer Waffe und beschuldigt diesen, der ehemalige SS-Offizier Otto Piontek und ein als „Schlächter von Zamość“ gesuchter Naziverbrecher zu sein. Mit diesem Ausgangsszenario ist dem Autor ein sehr packender Einstieg in seinen bewegenden Roman geglückt, denn gebannt möchte man mehr über die Hintergründe von Bens ungeheuerlichen Anschuldigungen erfahren.
Äußerst fesselnd ist es daher mit zu verfolgen, ob es dem von Ben engagierten Team, bestehend aus der Anwältin Catherine Lockhart und ihrem Freund, Privatdetektiv Liam Taggert, gelingen wird, die Wahrheit ans Licht zu bringen und aussagekräftige Beweise zu finden, um den ehemals besten Freund von Ben und mutmaßlichen Naziverbrecher zu enttarnen. Immer wieder kommen Zweifel auf, ob sich der alte Mann nicht doch geirrt hat und es sich nicht doch um eine Verwechslung handelt. In eingeschobenen Rückblenden erzählt Ben seine aufrüttelnde Geschichte, die im besetzten Polen der 1940er-Jahre seinen Anfang nimmt und eng mit seinem Freund Otto aus Kindertagen und seiner großen Liebe und späteren Frau Hannah verbunden ist. Aufwühlend und sehr eindringlich erzählt der Autor von Bens furchtbaren Erinnerungen an die Vergangenheit und die unglaubliche Wandlung, die Otto, sein Freund und Ziehbruder, im Laufe der Naziherrschaft genommen hat. Sehr berühren schildert der Autor, wie Ben und seine Familie in dieser so extrem menschenverachtenden Zeit ums nackte Überleben kämpfen mussten, dennoch immer wieder Stärke, Mut und Hoffnung fanden und neben all der bedrückenden Trostlosigkeit versucht haben, füreinander da zu sein und anderen zu helfen. Ronald H. Balson versteht es, die schockierenden Grausamkeiten, das Leid der Juden und die unmenschlichen Zustände in den Ghettos sehr anschaulich und glaubwürdig darzulegen. Allerdings hat er bei einigen Episoden zum zusätzlichen Spannungsaufbau mit etwas unglaubwürdigen, hochdramatischen Verwicklungen ein wenig übertrieben. Geschickt unterbricht der Autor Bens sehr bewegende und detaillierte Rückblicke in die Vergangenheit und lässt uns die sich zuspitzenden Geschehnisse in der Gegenwart rund um Bens Anwältin Catherine und Detektiv Liam verfolgen. Diese müssen sich mit juristischen Details auseinandersetzen und ihre verzweifelte Suche nach einem stichhaltigen Beweis für Bens Anschuldigungen wird schrittweise zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Äußerst nervenaufreibend ist auch dieser Handlungsstrang gestaltet, denn es gibt zahlreiche Versuche Ben mundtot zu machen, um die unliebsamen Ermittlungen zur Vorbereitung eines Prozesses einzustellen, und einige unerwartete Wendungen, bis die Geschichte schließlich in einem mitreißenden Finale endet.
Die gut ausgearbeiteten Charaktere und Balsons angenehmer, eindringlicher Schreibstil lassen diesen Roman trotz seiner bedrückenden Thematik zu Judenverfolgung und Holocaust zu einem wahren Page Turner werden.
Ich bin schon sehr gespannt auf eine Fortsetzung dieser Reihe und den nächsten Fall für das Ermittler-Team Catherine Lockhardt und Liam Taggart.
FAZIT
Ein eindringlich geschriebener, bewegender Roman, der mit dem Wissen um die geschichtlichen Hintergründe unter die Haut geht, und eine packende Geschichte, die man nicht so schnell vergisst. Sehr lesenswert!

Bewertung vom 22.06.2019
POLYGLOTT on tour Reiseführer Berlin (eBook, ePUB)
Blisse, Manuela; Lehmann, Uwe

POLYGLOTT on tour Reiseführer Berlin (eBook, ePUB)


sehr gut

*Toller City-Guide für Berlin*
Der Reiseführer „POLYGLOTT on tour Berlin – 15 individuelle Touren durch die Hauptstadt“ von den Autoren Manuela Blisse und Uwe Lehmann ist ein nützlicher City-Guide, der es Berlinbesuchern sehr erleichtert, ihren Aufenthalt an der Spree zu organisieren, sich einen Überblick über das unglaublich vielfältige Angebot der Stadt zu verschaffen und sich durch den Großstadtjungle zu manövrieren.
Egal, ob man nun zum ersten Mal die Stadt besucht oder vielleicht als Berlin-Fan vieles schon kennt, dieser handliche City-Guide mit seinem ansprechenden Design ist der ideale Reisebegleiter, um sich in das aufregende Treiben der quirligen Hauptstadt zu stürzen und immer wieder etwas Neues zu entdecken.
Das Tolle bei der interaktiven eBook-Version sind die praktischen Verlinkungen beispielsweise zur Touren- oder Onlinekarte, zu öffentlichen Verkehrslinienplänen oder auch von den Tourenstationen im Text direkt in die Detailkarte, was das Auffinden der Adressen deutlich vereinfacht. Zahlreiche Querverlinkungen auf den Seiten ermöglichen ein schnelles, unkompliziertes Navigieren durch den Reiseführer und Weblinks bei den jeweiligen Tipps können genutzt werden, um an weitere Informationen zu kommen. Für alle, die es lieber konventionell haben, gibt es den Reiseführer natürlich auch in Printform mit der guten alten Faltkarte.
Die „Top 12 HIGHLIGHTS“ zu Beginn geben einen raschen Überblick über die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt.
Von Kunsterlebnissen auf der Museumsinsel, Shoppingvergnügen am Potsdamer Platz und Kurfürstendamm, musikalischen Events, gastronomischen Genüsse in Kreuzberg und Prenzlauer Berg oder einem kleinen Badeausflug an den Wannsee ... hier dürfte wirklich für jeden Geschmack etwas dabei sein.
Die Autoren haben 15 sehr ausgeklügelte Touren von unterschiedlicher Länge ausgearbeitet, die viel Abwechslung bieten und zu spannenden Locations und außergewöhnlichen Entdeckungen in den unterschiedlichen Stadtvierteln führen. Ob man nun zum Shoppen über den Kudamm oder lieber durch den Tiergarten spazieren möchte, einem mehr der Sinn nach Museen steht oder lieber ins Szeneviertel am Prenzlauer Berg eintaucht, hier findet wohl jeder eine interessante Tour.
Ausgesuchte Adressen, Hinweise zu Ausstellungen, Konzerten, Veranstaltungen und Empfehlungen für kleine Abstecher bieten die Gelegenheit, Menschen zu treffen und deren Alltag kennenzulernen und somit auch ganz nah ans Lebensgefühl der Berliner heranzukommen
In den ansprechend gestalteten „TYPISCH“ Kapiteln wie beispielsweise „Was steckt dahinter“ erfahren wir kleine Geheimnisse und fesselnde Geschichten mit einem Blick hinter die Kulissen. Im Kapitel "50 DINGE, die Sie… erleben, probieren, bestaunen, mit nach Hause nehmen oder besser bleiben lassen sollten" gibt es jede Menge hilfreiche Tipps zu Besonderem und Typischen in Berlin.
Im Kapitel „REISEPLANUNG & ADRESSEN“ finden sich schließlich ausführliche und sehr hilfreiche Informationen zu den Stadtvierteln im Überblick, aber auch zu Anreise, Stadtverkehr, Unterkünften, nützliche Gastrotipps, Veranstaltungen und vielem mehr.
Die kurzen Kapitel „INFOS VON A BIS Z“, „MINI-DOLMETSCHER BERLINERISCH“ und der „CHECKLISTE BERLIN“ runden den City-Guide Berlin perfekt ab.
FAZIT
Für jeden, der einen entdeckungsreichen Städtetrip nach Berlin plant, ist dieser City-Guide ein unverzichtbarer Reisebegleiter. Mit seiner übersichtlichen Gestaltung und unglaublich vielen, nützlichen Informationen sorgt er dafür, dass einem auf der Erkundungstour durch Berlin nichts entgeht.

Bewertung vom 02.06.2019
Ins Watt gebissen (eBook, ePUB)
Kölpin, Regine

Ins Watt gebissen (eBook, ePUB)


sehr gut

*Gemütliche Urlaubslektüre *
Mit „Ins Watt gebissen“ ist der deutschen Autorin Regine Kölpin ein kurzweiliger und humorvoller Wohlfühlkrimi mit nettem Nordseeküsten-Flair gelungen.
Es ist der vielversprechende Auftakt einer neuen Küsten-Krimi-Reihe um ein eigenwilliges Hobby-Ermittler-Team, bestehend aus dem verschrobenen Alten Ino Tjarks mit seiner kleinen Windmühle hinterm Deich, seiner unternehmungslustigen Haushälterin Gerda und der neugierigen Bäckersfrau Theda.
Angesiedelt ist die Handlung in Friesland im beschaulichen Tjarkshusen und Horumersiel - eigentlich eine friedvolle, dörflich geprägte Gegend an der Nordseeküste … gäbe es da nicht den ehrgeizigen Kurdirektor Alois Winterscheid mit seinem umstrittenen Großprojekt, der eines Tages ausgerechnet hinter Inos Haus ermordet aufgefunden wird. Natürlich fühlt sich Gerda, die sich als eine Art Miss Marple vom Wangerland versteht, gleich dazu berufen, ihre Schnüffelnase überall reinzustecken und auf eigene Faust auf Mördersuche zu gehen – und das mit ihren ganz eigenen Methoden.
Mit ihrem witzigen, lockeren Schreibstil und netten skurrilen Einfällen sorgt die Autorin von Beginn an für gute Unterhaltung, so dass es großen Spaß macht, das liebenswerte, selbsternannte Detektivgespann auf ihren Befragungstouren und Nachforschungen zu begleiten. Schon bald sind sie den recht erfolglos ermittelnden Kommissaren Fürchtenicht, Meiers und Dietrich immer eine Naselänge voraus, denn die Einheimischen geben sich gegenüber den „Bullen“ höchst wortkarg und naturgemäß wenig auskunftsfreudig. Die Handlung schreitet recht unaufgeregt und ruhig voran, und die Ermittlungen laufen anfangs sehr gemächlich in alle möglichen Richtungen. So es gibt zwar immer neue Indizien und Verdächtige, doch eine heiße Spur fehlt lange Zeit. Mehr Dynamik erhält der Fall dann im letzten Drittel, denn nach einigen unerwarteten Wendungen überschlagen sich die Ereignisse regelrecht und zum Ende gibt es dann doch noch das erhoffte, spannende Finale.
Der Krimi lebt von seinen herrlich schrulligen, sympathischen Charakteren, vor allem natürlich dem netten Ermittler-Gespann Gerda, Ino und Theda, die man mit all ihren Eigenheiten, ihrer Verschrobenheit und witzigen Ideen einfach ins Herz schließen muss. Die zahlreichen Einheimischen liefern zudem einen abwechslungsreichen, oft humorvollen Rahmen für den Krimi und stellen das skurrile, aber liebenswerte Personal für den Mordfall dar.
Auch wenn man richtige Spannung bei diesem gemütlichen Friesland-Krimi vergeblich sucht, gibt es doch genug bei dieser amüsanten und unterhaltsamen Geschichte zum vergnüglichen Miträtseln und Spekulieren. Die Auflösung des kuriosen Kriminalfalls wirkte für meinen Geschmack zwar etwas konstruiert, ist aber insgesamt in sich schlüssig.
Schön, dass man sich auf eine Fortsetzung der neuen Küsten-Krimi-Reihe mit den liebgewonnenen Charakteren rund um die geniale Miss Marple vom Wangerland Gerda und manch einer schrulligen Nebenfigur freuen darf!
FAZIT
Ein gemütlicher Wohlfühlkrimi und kurzweiliger Auftakt einer neuen Küsten-Krimi-Reihe - mit einem liebenswert-schrulligen Hobby- Ermittlerteam, viel friesischem Flair und einer „steifen“ Prise Humor.
Empfehlenswert für alle, die eine amüsante, unterhaltsame Urlaubslektüre suchen!

Bewertung vom 02.06.2019
Lago Mortale (eBook, ePUB)
Conti, Giulia

Lago Mortale (eBook, ePUB)


sehr gut

*Ruhiger Piemont-Krimi mit viel Lokalkolorit*
Mit ihrem Piemont-Krimi „Lago mortale“ hat Giulia Conti, dem italienisch klingenden Pseudonym einer deutscher Journalistin und Reisebuchautorin, ein vielversprechendes Debüt und interessanten Auftakt zu einer neuen Krimi-Reihe vorgelegt. Im Mittelpunkt der Geschichte steht der ehemalige deutsche Polizeireporter und Halbitaliener Simon Strasser aus Frankfurt, der eher zufällig in einen mysteriösen Todesfall verwickelt wird und - typisch neugieriger Journalist – beginnt, seine eigenen Nachforschungen anzustellen.
Sehr schön stimmt das hübsche Cover mit einem typischen Touristen-Postkartenmotiv auf den eher ruhigen Krimi mit viel Lokalkolorit ein und entführt den Leser mitten in eine schöne, weniger bekannte Urlaubsregion von Norditalien an den pittoresken Lago d`Orta in Piemont. Dort lässt es sich der sympathische Protagonist in seinem Häuschen am See seit einigen Jahren gut gehen und arbeitet als freiberuflicher Journalist.
Neben der idyllischen Landschaft und interessanten Schauplätzen beschreibt die Autorin auch die Atmosphäre rund um den Lago d`Orta lebendig und sehr anschaulich. Zudem lässt sie historisches Hintergrundwissen und ein bisschen Gesellschaftskritik in die Handlung mit einfließen. Man merkt an vielen Details, dass die seit 20 Jahren in einem kleinen Dorf am See lebende Autorin die Schauplätze hervorragend kennt und spürt ihre Liebe für das Land und die regionale Küche mit ihren kulinarischen Köstlichkeiten. Gekonnt fängt sie die italienische Lebensart und das herrliche Flair der malerischen piemontesischen Gegend ein, so dass beim Lesen des Krimis ein herrliches Urlaubsfeeling aufkommt. Schade nur, dass dem Krimi keine Umgebungskarte mit den wichtigsten, erwähnten Schauplätzen zur besseren Orientierung beigefügt ist.
Die Autorin versteht es, mit ihrem ansprechenden Schreibstil und den atmosphärisch dichten Beschreibungen die Handlung abwechslungsreich und unterhaltsam zu gestalten, so dass kaum Längen aufkommen.
Man ahnt schnell, dass an der offiziellen Theorie eines tragischen Segelunfalls des Industriellensohns Marco etwas faul ist. Gespannt verfolgt man Strassers auf eigene Faust betriebenen Nachforschungen, die vor allem der ermittelnden Polizistin Carla Moretti immer mehr ein Dorn im Auge sind. Die Handlung schreitet insgesamt recht gemächlich voran und lässt genug Raum für die persönlichen Probleme der Hauptfigur und detaillierte Beschreibungen von Land und Leuten. Die verschiedenen Verdächtigen und mögliche Motive sind glaubwürdig ausgearbeitet, so dass man beim Lesen gut miträtseln kann. Auch wenn die sehr ruhige Geschichte zum Ende hin immer mehr an Fahrt aufnimmt, hätte ich mir insgesamt etwas mehr Spannungsmomente gewünscht. Nach einigen unerwarteten Wendungen zieht der Spannungsbogen schließlich deutlich an und gipfelt in einem mitreißenden Showdown. Die Auflösung des Falls ist mit einer logischen Erklärung der Ereignisse in sich schlüssig und glaubhaft.
Die verschiedenen Charaktere sind glaubwürdig und lebendig beschrieben, und wurden abhängig von ihrer Rolle auch recht vielschichtig ausgearbeitet. Viel Raum wird vor allem der sympathischen Hauptfigur Simon Strasser und seinen privaten Problemen eingeräumt, so dass wir den Journalisten mit seinen Ecken und Kanten recht gut kennenlernen. Ich bin schon gespannt, auf eine Fortsetzung der Reihe und einen neuen Fall für den ehemaligen Polizeireporter.
FAZIT
Insgesamt ein ruhiger, aber sehr unterhaltsamer Krimi-Auftakt in Piemont - mit einem interessanten Fall, viel Lokalkolorit rund um den idyllischen Lago d‘ Orta und tollem italienischem Flair. Ein idealer Urlaubskrimi!

Bewertung vom 28.05.2019
Die schwarzen Wasser von Venedig (eBook, ePUB)
Schreiber-Wicke, Edith

Die schwarzen Wasser von Venedig (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

*2 fesselnde Fälle für Commissario Gorin*
Ein Doppelband mit zwei spannenden Jugendkrimis vor der atemberaubenden Kulisse Venedigs!
Der unverwechselbare Commissario Gorin ermittelt wieder…
Bei dem Jugendbuch “Die schwarzen Wasser von Venedig“ von der österreichischen Autorin Edith Schreiber-Wicke handelt sich um einen Doppelband, dessen zwei Kriminalromane bereits als Einzeltitel unter „Freier Fall“ und unter „Schatten der Angst“ in den Jahren 2006 und 2007 veröffentlich wurden.
Die beiden Fälle bieten thematisch interessante Fälle und eine anspruchsvolle Handlung, so dass die beiden Jugendkrimis entgegen der Verlagsangabe eher für Mädchen und Jungen ab 15 Jahren geeignet sind und auch erwachsene Leser bestens unterhalten können.
Die Autorin lässt ihren sympathischen Commissario Roberto Gorin in zwei sehr fesselnden und recht komplexen Fällen ermitteln, die vor der wundervollen Kulisse der prächtigen italienischen Lagunenstadt Venedig angesiedelt sind.
Der angenehme, lebendige Schreibstil der Autorin lässt uns Leser schnell in die Geschichten eintauchen. Die Personen und Venedig mit seinen interessanten Schauplätzen und Sehenswürdigkeiten sind sehr liebevoll und bildhaft beschrieben, so dass automatisch das Kopfkino anläuft. Auch die vielen eingestreuten italienischen Ausdrücke, deren Bedeutung sich allerdings nur aus dem Zusammenhang ergibt, sorgen für eine tolle authentische Atmosphäre und versetzen uns in das herrliche Flair eines Kurzurlaubs in der romantischen Stadt.
Mit viel Gespür beschreibt die Autorin aber auch die Schattenseiten der Stadt zwischen Reichtum und Verfall, die fest in Touristenhand ist, und eine Gesellschaft zwischen Prestige und Existenznöten. Immer wieder lässt sich ihre geschickt eingebaute Gesellschaftskritik zwischen den Zeilen lesen.
Äußerst gut gelungen ist die Figur des vielschichtig angelegten Ermittlers Commissario Roberto Gorin, der dem berühmten Commissario Brunetti aus Donna Leons Venedig-Krimis wirklich Konkurrenz macht. Er ist ein wundervoller, hochsympathischer und sehr authentischer Charakter mit Ecken und Kanten, der mich mit seiner ehrlichen, menschlichen und niemals unfehlbaren Art sehr überzeugen konnte.
Es macht großen Spaß ihn bei den Ermittlungen zu seinen beiden Fällen zu begleiten, seine Beharrlichkeit und sein untrügliches Bauchgefühl bei der Aufklärung der Taten mitzuerleben. Sehr eindrucksvoll sind auch seine private Seite und sein Familienleben herausgearbeitet. Seine Arbeit ist oft ein Drahtseilakt zwischen Pflichtgefühl und seinen familiären Verpflichtungen gegenüber seiner Frau und seinem von Geburt an behinderten Sohn, und stellt den Commisario häufiger vor echte Gewissensnöte.
Die übrigen Nebencharaktere sind auch entsprechend ihrer Rollen in der Handlung interessant und sehr glaubwürdig ausgearbeitet.
Die Ermittlungen in beiden Fällen schreiten zwar eher ruhig und gemächlich voran. Mit einer Vielzahl von Verdächtigen und überraschenden Wendungen sind die Fälle jedoch recht undurchsichtig angelegt, so dass die Handlung dennoch sehr fesselnd ist. Die Auflösungen am Ende sind in sich schlüssig und insgesamt sehr realitätsnah.
FAZIT
Zwei spannende Jugendkrimis im Herzen Venedigs, die nicht nur Jugendliche hervorragend unterhalten können - mit interessanten, komplexen Fällen, viel venezianischem Lokalkolorit und einem sehr liebenswerten Commissario Gorin.

Bewertung vom 11.03.2019
Lola
Love, Melissa Scrivner

Lola


sehr gut

*Fesselndes, rasantes Thrillerdebüt*
Mit ihrem Debüt „Lola“ hat die US-amerikanische Schriftstellerin Melissa Scrivner Love einen mitreißenden, unglaublich fesselnden Thriller geschrieben, der als “Bester Erster Roman” für den Edgar Allan Poe Award nominiert wurde.
Die Autorin hat für ihren Thriller ein sehr interessantes Setting im skrupellosen Latino-Bandenmilieu von South Central Los Angelos und eine rasante, wendungsreiche und komplexer werdende Handlung entworfen. Mühelos taucht man als Leser in ein großartiges und aufwühlendes Leseerlebnis ab und kann das Buch bald nicht mehr aus der Hand legen. Als Drehbuchautorin von TV-Serien hat die Autorin ein gutes Gespür für filmreife Szenen, kann diese sehr anschaulich umsetzen und lässt beim Leser ein eindrückliches Kopfkino entstehen.
Gekonnt nimmt uns die Autorin mit in eine uns recht fremde, düstere Welt des brutalen Drogenmilieus und gibt uns beklemmende Einblicke in das Leben ihrer äußerst faszinierenden Hauptfigur, der 26-jährigen Latina Lola Vasquez, die unversehens in einen Krieg zwischen zwei rivalisierenden Drogenkartellen hineingezogen wird und um ihr Leben bangen muss. Sehr lebendig und authentisch schildert die Autorin den schockierenden Alltag der kleinen Latino-Gang mitten im multikulturellen Moloch L.A., der geprägt ist von Skrupellosigkeit, Verrat, Rassismus, Frauendiskriminierung, Drogenabhängigkeit, Kriminalität, Gewalt, Waffen, Vernachlässigung und Missbrauch von Kindern und dem allgegenwärtigen Tod. Doch gibt es auch berührende, zwischenmenschliche Momente, die den Zusammenhalt der Menschen in ihrem Viertel und das Verantwortungsbewusstsein füreinander trotz der widrigen Umstände aufblitzen lassen.
Die Autorin hat mit ihrer überaus taffen Protagonistin Lola einen einzigartigen, authentisch wirkenden Charakter geschaffen, aus deren Perspektive die Geschichte erfrischend sachlich und abgeklärt erzählt wird. Lola ist eine vielschichtige und unglaublich starke Heldin, die beim Leser durchaus ambivalente Gefühle weckt. Als Tochter einer drogensüchtigen Mutter hat sie eine sehr schwierige Kindheit hinter sich, kennt die Abgründe der menschlichen Existenz und ist in dieses brutale Milieu hineingewachsen, was sie rücksichtslos und oft kaltherzig werden lassen. Als vermeintlich unscheinbare und unauffällige chica in einem von hartgesottenen Männern dominierten Umfeld lenkt sie ihre kleine Gang äußerst brillant, effizient und gerissen im Verborgenen und lässt ihren Freund Garcia nach Außen als Bandenchef auftreten. Eine überaus große Faszination geht von dieser ehrgeizigen, intelligenten Protagonistin aus, die zwar schockierend abgebrüht, kaltblütig und skrupellos ihren Job erledigt und oft recht fragwürdige Entscheidungen trifft. Neben ihrer dunklen Seite ist sie eine einfühlsame, fürsorgliche und sympathische Frau, die wie eine Gute unter all den Bösen wirkt und bei ihrem verzweifelten Überlebenskampf Respekt und Anerkennung verdient. Die Autorin hat mit Lola keine strahlende Überheldin geschaffen, sondern eine glaubwürdige, schillernde Figur mit vielen Schwächen und einigen fatalen Fehlentscheidungen, die den Leser aber mit ihrem großen Herz und guten Absichten auch berühren kann.
Doch auch die Bösewichte und übrigen Nebenfiguren sind mehrdimensional, lebendig und glaubwürdig ausgearbeitet.
Der Autorin gelingt es hervorragend, uns mit ihrer spannenden, packend erzählten Handlung und einigen unerwarteten Wendungen bestens zu unterhalten. Ihr abwechslungsreicher, anschaulicher Schreibstil liest sich trotz einiger recht brutaler, blutrünstiger Szenen sehr angenehm. Einige dramaturgische Schwächen und ungenau recherchierte, unglaubwürdige Details fallen bei der ansonsten hervorragenden Umsetzung kaum negativ ins Gewicht. Auf eine Fortsetzung mit Lola als offizielle Anführerin der Crenshaw Six darf man schon sehr gespannt sein!
FAZIT
Ein fesselndes, aufwühlendes Thrillerdebüt - rasant und wendungsreich mit der faszinierenden, sehr taffen Latina Lola!

Bewertung vom 11.03.2019
Allee unserer Träume
Gerold, Ulrike; Hänel, Wolfram

Allee unserer Träume


ausgezeichnet

*Etwas enttäuschender Roman vor historischem Hintergrund*
Im Mittelpunkt des interessanten historischen Romans „Allee unserer Träume” von den deutschen Autoren Ulrike Gerold und Wolfram Hänel steht nicht nur die bewegende Lebensgeschichte ihrer jungen Architektin Ilse, sondern auch die faszinierenden Hintergründe zum Bau der größten sozialistischen Prachtstraße der DDR - der Stalinallee, die später in Karl-Marx-Allee umbenannt wurde. Beim Bau ihrer “sozialistischen Hauptstadt” wollten die Machthaber der DDR nach dem Zweiten Weltkrieg mit diesem repräsentativen Vorzeigeprojekt in Berlin städtebauliche Akzente setzen und Arbeiterpaläste als Aushängeschild der sozialistischen Gesellschaft errichten.
In ihrer Geschichte verwebt das Autorenduo Gerold und Hänel sehr geschickt des fiktive Schicksal der jungen Architektin Ilse als Teil des zuständigen Architektenteams mit den unterschiedlichsten Arbeitsphasen des ehrgeizigen Bauprojekts vom Entwurf, der Planung bis hin zur Realisierung. Sehr fesselnd ist es mitzuerleben, wie die Hauptfigur als einzige Frau in der damals reinen Männerdomäne mit den namhaften Architekten konkurrieren, um Anerkennung und für die Umsetzung ihrer architektonischen Idealvorstellungen kämpfen muss. Ihr anfänglicher Enthusiasmus wird schnell gebremst, denn Ilse wird bald klar, dass sie sich bei ihren Entwürfen der Ideologie und den politischen Vorgaben der DDR-Größen unterordnen mussten und Prachtbauten ganz im Stil des sozialistischen Klassizismus der Sowjetunion schaffen sollten.
Wie die Autoren in ihrer vorangestellten Vorbemerkung betonen, sollte ihr Roman keine eigentliche Dokumentation des Baus der Karl-Marx-Allee werden. Daher haben sie sich auch etlicher fiktiver Freiheiten bei der Handlung, der Chronologie der Ereignisse aber auch der örtlichen Begebenheiten bedient. “Manchmal sind erfundene Geschichten schöner” - so ihr Credo. So wurden auch die bekannten Planer und Architekten der Stalinallee wie Hans Scharoun oder Hermann Henselmann durch erfundene Charaktere ersetzt. Dennoch lassen sie einige historische Persönlichkeiten wie beispielsweise den SED-Generalsekretär Ulbricht oder den berühmten Dramatiker Bertold Brecht in der Handlung auftauchen, um ihrer Geschichte mehr Authentizität zu verleihen. Leider ist es den Autoren aber nicht sehr gut gelungen, das “sozialistisch” geprägte Flair des Arbeiter-und Bauern-Staats und die unterschiedlichen Schauplätze anschaulich und lebendig einzufangen, so dass ich mich in die damalige Zeit nicht gut hineinversetzen konnte.
In die Haupthandlung sind recht unchronologisch immer wieder Kapitel mit Rückblenden in Ilses Vergangenheit eingeschoben, die uns die sympathische Protagonistin, ihre Jugend und Persönlichkeit näher bringen. Ihre lebendige Charakterisierung ist den Autoren recht gut gelungen. Sie wird als eine äußerst mutige, zielstrebige und starke Frau dargestellt, die trotz vieler Widerstände und Schicksalsschläge unbeirrt ihren Weg geht und für ihren Traum, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten und als Architektin zu arbeiten, gekämpft hat. Schade ist allerdings, dass es bei der Schilderung einiger Episoden in ihrem Leben neben einigen Längen auch unerklärliche Leerstellen gibt, so dass einige von Ilses Handlungen für mich zu vage oder nicht nachvollziehbar waren.
FAZIT
Ein interessanter historischer Roman über eine junge Architektin und ihren Traum von der größten sozialistischen Prachtstraße der DDR - abwechslungsreich und unterhaltsam geschrieben, aber mit zu wenig historischem “Flair” und einigen Längen im Mittelteil!

Bewertung vom 11.03.2019
Was uns erinnern lässt
Naumann, Kati

Was uns erinnern lässt


ausgezeichnet

*SEHR BEWEGENDE FAMILIENGESCHICHTE*
In ihrem neuen Roman „Was uns erinnern lässt“ erzählt die deutsche Autorin Kati Naumann eine großartige, sehr bewegende Familiengeschichte, die sich über mehrere Generationen erstreckt und von einem dunklen, leidvollen Geheimnis umgeben wird.
Angesiedelt ist die Handlung am Rennsteig, dem bekannten Höhen- und Wanderweg über den Kamm des Thüringer Waldes im deutsch-deutschen Grenzgebiet. Gekonnt greift Naumann in ihrer sehr einfühlsam und eindringlich geschilderten Geschichte ein wenig bekanntes, unrühmliches Kapitel der ostdeutschen Vergangenheit auf und macht uns auf die damalige Staatswillkür und die tragischen Schicksale von unzähligen DDR-Bürgern aufmerksam. Hierbei hat sie ihre Familiensaga geschickt in eine fesselnde Rahmenhandlung eingewoben, die uns mitnimmt auf eine eindrucksvolle Suche nach universellen Grenzerfahrungen und der Bedeutung von Heimat und uns mit ihrer Intensität rasch in ihren Bann zieht.
Man spürt beim Lesen sehr deutlich die vielfältigen persönlichen Bezüge der Autorin zum Thema und ihre Verbundenheit zum Thüringer Wald.
Das geschilderte Schicksal ihrer Familie Dressel ist zwar fiktiv, doch basieren die sehr anschaulich geschilderten Begebenheiten auf fundierten Recherchen der Autorin zu historischen Fakten aus Archiven und auf unzähligen Gesprächen mit Zeitzeugen, in denen sie unglaubliche und leidvolle Lebensgeschichten von Bewohnern erfuhr, die in den Sperrgebieten lebten und in der DDR zwangsumgesiedelt wurden. Viele sehr eindrückliche und lebendige Szenen stammen auch aus Erinnerungen an ihre eigene glückliche Kindheit, die sie bei den Großeltern im Südthüringischen Sperrgebiet am idyllischen Rennsteig verbrachte, und eigenen Erfahrungen am innerdeutschen Grenzgebiet. Hervorragend gelungen ist der Autorin auch die einfühlsame, vielschichtige Figurenzeichnung ihrer vielen oft so unterschiedlichen Charaktere, die sehr authentisch und lebendig wirken. So hat man bald das Gefühl, die fiktiven Figuren persönlich zu kennen. Der fesselnde, eindringliche Schreibstil der Autorin ist sehr ansprechend und lässt sich sehr angenehm lesen.
Der Roman wird auf verschiedenen Zeitebenen erzählt; zum einen spielt er in der Gegenwart, mit Milla als eine der Hauptfiguren und zum anderen in der Vergangenheit mit der Familie Dressel. Dieser historische Handlungsstrang erstreckt sich über einen Zeitraum von 1945 bis in die 1977er Jahre. Durch einen Wechsel der Handlungsstränge und den verschiedenen Schauplätzen wird der Spannungsbogen allmählich immer mehr gesteigert. Zusätzliche Spannung erhält die Geschichte durch das unheilvoll über allem schwelende Familiengeheimnis, das den Dressels bis in die heutige Generation viel Leid, Traurigkeit und Unfrieden beschert hat und uns Lesern viel Stoff zum Spekulieren bietet. Sehr anschaulich hat die Autorin herausgearbeitet, wie es den Menschen damals gelungen ist, in einem penibel überwachten Sperrgebiet ein halbwegs normales Leben zu führen. Zugleich führt sie uns sehr deutlich vor Augen, welche verheerenden Auswirkungen die Zwangsumsiedlungen und staatliche Willkür auf die Bürgern damals hatten und wie sehr auch noch Jahrzehnte später diese Erlebnisse ihr Leben prägen.
Ein durchaus beklemmender, bedrückender Roman der deutsch-deutschen Geschichte, der sehr lehrreich für die Gegenwart ist, und eine melancholische Geschichte über eine verlorene Zeit, die aber mit ihrem versöhnlichen Ausklang auch sehr zuversichtlich in die Zukunft blicken lässt und eine tröstliche und heilsame Kraft der unvergesslich schönen Erinnerungen heraufbeschwört.
FAZIT
Eine eindrucksvoll erzählte, sehr bewegende Familiengeschichte und gelungene Aufarbeitung einer bedrückenden Episode aus der deutsch-deutschen Geschichte.
Ein sehr lesenswertes Buch, das zum Nachdenken anregt und noch länger nachwirkt!

Bewertung vom 02.03.2019
Die zehn Lieben des Nishino
Kawakami, Hiromi

Die zehn Lieben des Nishino


sehr gut

*Nishino und die Flüchtigkeit von Liebe*
“Die zehn Lieben des Nishino" ist der neue Roman der bekannten und mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichneten japanischen Autorin Hiromi Kawakami, der nun in deutscher Übersetzung erschienen ist. Hierin thematisiert Kawakami nicht nur die Flüchtigkeit und Unberechenbarkeit der Liebe in der heutigen Zeit, sondern auch vom schwierigen Verhältnis zwischen Mann und Frau. Zugleich gewährt sie uns einen aufschlussreichen Einblick in die uns oftmals fremde und unverständliche japanische Mentalität und Kultur.
Kawakami versteht es, mit ihrem schnörkellosen, prägnanten Schreibstil, wundervoll poetischen Bildern und ihrem ruhigen, einfühlsamen Erzählfluss eine unnachahmliche Atmosphäre entstehen zu lassen, die mich gefangen genommen hat.
Im Mittelpunkt ihres neuen Romans steht der gutaussehende, überaus charmante aber etwas distanziert wirkende Nishino, der als “moderner Don Juan” und perfekter Liebhaber stets von den Frauen umschwärmt wird, aber dennoch zeitlebens keine erfüllende, dauerhafte Beziehung zu einer Frau aufbauen kann. Oftmals hat er sogar auf der Suche nach wahrer Liebe seine Liebschaften parallel zueinander laufen. Auf sehr ungewöhnliche Art portraitiert die Autorin ihren rätselhaften Protagonisten Nishino, denn lässt sie ihn nicht persönlich seine Lebensgeschichte erzählen, sondern zehn Geliebte Nishinos kommen zu Wort, die in jeweils in sich abgeschlossenen Kapiteln aus ihrer subjektiven Perspektive über ihre kurzzeitige Liebesbeziehung zum ihm und ihre Trennung berichten. In einzelnen, scheinbar unbedeutende Episoden und willkürlich aneinandergereihten Schilderungen der so unterschiedlichen Frauen wie dem Kennenlernen, ihrem Zusammensein auf teilweise sehr eigenwilliger Basis, alltägliche Belanglosigkeiten, ja sogar merkwürdige Dreiecksbeziehungen formt sich allmählich ein fragmentarisches, zwiespältiges Bild über den Charakter und die Lebensgewohnheiten des Protagonisten.
Insgesamt erfährt der Leser in den zehn nicht chronologisch angeordneten Episoden und stets subjektiv eingefärbten Erzählungen der Geliebten sehr viel über Nishinos Leben und seine Gewohnheiten, vor allem über seine Beziehungsängste, Selbstverliebtheit und der Widersprüchlichkeit seiner Gefühle und seiner Wunschvorstellung von Liebe. Dennoch schwingt beim Lesen stets auch ein Zweifel am Wahrheitsgehalt der Berichte mit. So kam mir bisweilen der Verdacht, ob Nishino nicht seine Gespielinnen oftmals getäuscht hat und ihnen bewusst etwas vorgespielt hat. So bleibt mein Eindruck von Nishinos Persönlichkeit bis zuletzt vage - eine faszinierende Annäherung an einen undurchsichtigen, unnahbaren Charakter, der seinen eigenen Mikrokosmos geschaffen hat.

FAZIT
Ein außergewöhnlicher, sehr ruhiger und atmosphärisch dichter Roman aus Japan, zu dem man allerdings nicht leicht Zugang findet!