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Benutzername: bookloving
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Bewertungen

Insgesamt 73 Bewertungen
Bewertung vom 06.07.2020
Halligmord / Minke-van-Hoorn Bd.1 (eBook, ePUB)
Henning, Greta

Halligmord / Minke-van-Hoorn Bd.1 (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

*Spannender Hallig-Krimi mit tollem Nordseeflair*
Mit dem Krimi „Halligmord“ hat Greta Henning, einer unter Pseudonym schreibenden deutschen Autorin, einen interessanten und fesselnden Auftakt zu ihrer neuen Krimi-Reihe vorgelegt, die an der idyllischen Nordseeküste im Küstenstädtchen Jüstering und auf den vorgelagerten, kleinen Halligen spielt. Im Mittelpunkt steht die junge, sympathische Ermittlerin Minke van Hoorn, die als frisch gebackene Kommissarin in ihre nordfriesische Heimat zurückkehrt und den Dienst am ehemaligen Arbeitsplatz ihres verstorbenen Vaters antritt.
Die kleinen Marschinseln inmitten der Nordsee, ein beschauliches Küstenstädtchen und das faszinierende Wattenmeer stellen ein einzigartiges Setting für einen Krimi mit viel Lokalkolorit dar. Greta Henning schafft es mit Leichtigkeit die besondere Atmosphäre der fiktiven Schauplätze u. Eigenheiten der Einheimischen lebendig und stimmungsvoll einzufangen. Die Autorin hat einen eingängigen, anschaulichen Schreibstil, so dass man rasch mitten hinein in die Handlung gezogen wird. Noch bevor Minke ihren ersten Arbeitstag in der neuen Polizeiwache antreten kann, wird sie sie direkt zu ihrem ersten Fall gerufen. Ein Skelett auf der Hallig Nekpen gibt Rätsel auf, zumal bald feststeht, dass es sich hierbei nicht um einen alten Wikinger handelt, sondern um einen vor Jahrzehnten bei einem tragischen Unfall verschollenen Halligbewohner. Tatkräftig stürzt sich Minke in die Ermittlungen zu diesem kniffligen Cold Case, befragt die alteingesessenen Familien und beginnt immer tiefer in deren Vergangenheit zu graben.
Mit einem häufigen Wechsel der sehr kurz gehaltenen Erzählstränge gelingt es der Autorin, rasch Tempo und Spannung in die Handlung zu bringen. In Einschüben erhalten wir zudem aufschlussreiche Rückblicke auf vergangene Ereignisse aus den unterschiedlichen Perspektiven der Beteiligten und interessante Einblicke in jenen schicksalsträchtigen Abend auf Nekpen. Aber nicht nur die geschickt platzierten Szenenwechsel und die Verwendung von Cliffhanger bringen Bewegung in das Geschehen, sondern auch die eingestreuten Passagen mit den Schilderungen des verschwundenen Sohns des Deichgrafen Jasper sowie Einblicken in die Gedankenwelt des anonym bleibenden Täters heizen die Spannung zusätzlich an. Durch geschickt gelegte falsche Fährten und so manche unerwartete Wendung ist der Krimi ideal zum Mitermitteln. Auch wenn es Minke nicht leicht hat, die Mauer des Schweigens zu durchbrechen, lässt sie sich nicht abschrecken und merkt bald, dass fast ein jeder ihr nicht die Wahrheit erzählt und versucht, ein dunkles Geheimnis zu verbergen. Zudem ist Minke bei ihren schwierigen Ermittlungen fast völlig auf sich allein gestellt, denn ihr phlegmatischer Assistent Klaus sieht seiner Pensionierung in wenigen Tagen entgegen und ist vorrangig damit beschäftig, seine Abschiedsparty in der Dienststelle zu organisieren – was natürlich für eine äußerst unterhaltsame Episoden sorgt.
Ihre verschiedenen Charaktere hat die Autorin vielschichtig und lebensnah angelegt. Auch ihre Handlungsweisen sind gut nachzuvollziehen. Die Nebenfiguren sind durchweg gut gelungen und werden abhängig von ihrer Rolle glaubhaft und interessant ausgearbeitet. Das Privatleben der sympathischen Hauptfigur Minke und einigen Details zu ihrer Vergangenheit werden nur kurz angerissen, sind interessant und runden ihre Charakterzeichnung insgesamt ab.
Mit dem aufkommenden Sturm verdichtet sich die eher ruhige Geschichte zum Ende hin immer mehr und gipfelt schließlich in einem stürmischen Finale. Die erschreckende Auflösung von Minkes erstem Fall und die Aufklärung der Geschehnisse in Vergangenheit und Gegenwart sind insgesamt in sich schlüssig und glaubhaft.
Ich bin schon sehr gespannt auf den zweiten Band und einen neuen Kriminalfall für die sympathische Ermittlerin.
FAZIT
Insgesamt ein spannender, eher ruhiger aber sehr unterhaltsamer Krimi-Auftakt - mit einem mysteriösen Cold Case, viel Lokalkolorit und tollem Nord

Bewertung vom 06.07.2020
Ich bleibe hier
Balzano, Marco

Ich bleibe hier


ausgezeichnet

*Ein berührender Roman*
In „Ich bleibe hier“ greift der italienische Autor Marco Bolzano ein dunkles Kapitel aus der bewegten Vergangenheit Südtirols auf und widmet sich der berührenden Geschichte des kleinen Bergbauerndorfs Graun und seinem traurigen Schicksal im Wandel der Zeiten und als Spielball der politischen Interessen. Bolzano erzählt zugleich eine berührende Geschichte über Heimatverbundenheit, Entwurzelung, Verlusten, Leid, Widerstand und Tapferkeit.
Angesiedelt ist die vielschichtige Handlung im Vinschgau zwischen den 1930er bis in die frühen 1950er Jahre. Rückblickend berichtet die Ich-Erzählerin u. Protagonistin Trina über ihr ereignisreiches Leben, erzählt von ihren geplatzten Zukunftsträumen, ihrem nur kurzen Familienglück und durchleidet erneut viele für sie sehr schmerzliche Erlebnisse. Im nüchternen, sehr emotionsarmen Stil einer Chronistin hat Trina ihre Familiengeschichte für ihre verschwundene Tochter zu Papier gebracht und lässt uns am kargen, entbehrungsreichen Leben im deutschsprachigen Vinschgau jener Zeit teilhaben. Schon bald hat mich die dichte und bedrückende Atmosphäre von Trinas Erinnerungen gefangen genommen und gefesselt. Oftmals schwingt beim Lesen der sachlichen Schilderungen ihrer bedrückenden Lebensgeschichte die Frage mit, wie viel Desillusionierung, Unglück und Leid ein Mensch in seinem Leben überhaupt ertragen kann und was ihn weiterleben lässt. Mit Trina hat der Autor eine überaus tiefgründige, sehr authentische Figur geschaffen, die mich sehr beeindruckt hat. Ausführlich protokolliert sie aber auch viele dramatische Ereignisse im Verlauf der bewegten Zeiten, die die Geschicke des Dorfs bedroht und das Leben seiner Bewohner sehr einschneidend bestimmt haben.
Gekonnt greift Balzano in seinem Roman eine wenig bekannte Seite in der jüngeren Geschichte Südtirols auf, das mit dem italienischen Faschismus und dem nahtlos nachfolgenden Nationalsozialismus gleich von zwei totalitären Diktaturen heimgesucht wurde. Zudem schwebte immer wieder das Damoklesschwert eines unheilvollen Staudammprojekts über der Zukunft des Tales und drohte ihre Heimat zu vernichten. Gekonnt lässt Balzano die sorgsam recherchierten historischen Abläufe in die persönliche Geschichte von Trinas Familie einfließen.
Äußerst bewegend ist es mitzuerleben, wie eine radikale Italienisierung unter Mussolini und die forcierte Siedlungspolitik die einheimische Bevölkerung unter Druck setzte und in verfeindete Lager gespaltete. Das Verbot der deutschen Amtssprache wurde von den Faschisten gezielt als perfides Mittel der Unterdrückung eingesetzt. Verschärft wurde ihre Lage noch durch ein zwischen Mussolini und Hitler geschlossenes Abkommen zur Umsiedlung der Südtiroler, wodurch sie sich für die deutsche Staatbürgerschaft und Auswanderung ins Deutsche Reich entscheiden mussten oder beim Bleiben in ihrer Heimat Kultur und Sprache aufzugeben hatten. Auch der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bringt für die Familie von Trina und Erich weitere Herausforderungen und folgenschwere Entscheidungen mit sich. Als nach Kriegsende schließlich das Staudammprojekt trotz massiver Proteste rücksichtslos realisiert wird, wird die Heimat vieler alteingesessener Familien dem sinnlosen Fortschritt geopfert und ein Stück Kulturlandschaft unwiederbringlich zerstört.
Als ein Meister der leisen Töne versteht es Marco Balzano hervorragend, die Emotionen und Gedankenwelt seiner Hauptfiguren einzufangen und die erlebte Tragödie aus Perspektive der Einheimischen glaubhaft darzustellen. Ihre schmerzlichen Wunden und ihr bewegendes Schicksal, das man stellvertretend für das reale Leid der Menschen in jener Zeit miterlebt, entfalten eine außerordentliche Kraft aus sich heraus und stimmen sehr nachdenklich.
FAZIT
Eine berührende, großartig erzählte Geschichte über das Schicksal des kleinen Südtiroler Bergbauerndorfs Graun, die die Erinnerung an ein unrühmliches Kapitel in der jüngeren Geschichte Italiens wach halten möchte!

Bewertung vom 06.07.2020
flüchtig
Achleitner, Hubert

flüchtig


ausgezeichnet

*Ein faszinierendes Debüt*
Mit seinem Roman „flüchtig“ hat der der Österreicher Hubert Achleitner ein faszinierendes und tiefgründiges Debüt vorgelegt, das mich den berührenden und nachdenklich stimmenden Momenten aber auch seinem frischen Erzählstil sehr begeistern konnte. Hubert Achleitner ist den meisten eher als kreativer Musiker und Künstler Hubert von Goisern bekannt, hat einst den sogenannten „Alpenrock“ salonfähig gemacht erfunden und erfreut sich immer noch einer großen Fangemeinde im deutschsprachigen Raum.
Der Autor nimmt uns in seiner beschwingten, mitreißenden und wundervoll warmherzig erzählten Geschichte mit auf einen ereignisreichen und abenteuerlichen Roadtrip, der die Figuren von den österreichischen Bergen über etliche Zwischenstopps wie einem friedvollen Hippiecamp in den Alpen bis nach Nordgriechenland führen wird.
Die fesselnde Geschichte um die 55-jährige Hauptfigur Maria, die ihrem eingefahren Leben entflieht und von heute auf morgen in den Süden flüchtet, lässt Achleitner weitgehend von der Nebenfigur Lisa, einer Reisebekanntschaft und späteren Freundin Marias, rückblickend aber keineswegs chronologisch erzählen. Zudem streut er aber auch immer wieder weiterführende Passagen aus Sicht eines allwissenden Erzählers ein. So erfahren wir über Zufallsbekanntschaften und bedeutsame Begebenheiten während ihrer gemeinsamen Reise, lernen in verschiedenen Episoden Marias Ehemann Herwig und Auszüge aus ihren bewegenden Lebensgeschichten aber auch eine ganze Menge interessante, mal mehr und mal weniger wichtige Nebenfiguren kennen. Nach und nach erhalten wir immer mehr Einblicke in die Gründe für Marias plötzliche Flucht aus ihrer unglücklichen, festgefahrenen Ehe und einem unerfüllten Leben. Ihre Reise wird zu ihrer persönlichen Suche nach dem Sinn des Lebens, einem emotionalen Trip in ihr Seelenleben, und lässt sie schließlich sich selbst finden.
Überhaupt scheinen sich in dieser berührenden Geschichte viele Figuren auf einer Art Flucht zu befinden – vor dem derzeitigen Leben, vor schmerzvollen Erfahrungen, vor Verantwortung, vor sich selbst. Alle sind sie auf der Suche nach ein bisschen Glück, Freiheit, Liebe und Anerkennung, angetrieben von hoffnungsvollen Träumen nach einem anderen, besseren, erfüllteren Leben. Immer wieder greift der Autor den Begriff „flüchtig“ als eine Art Leitmotiv in der Geschichte auf und zeigt spielerisch seine unterschiedlichen Bedeutungen auf.
Die vielschichtige und sehr liebevolle Charakterisierung der interessanten, teilweise recht eigenwilligen Figuren mit all ihren Ecken und Kanten ist dem Autor hervorragend gelungen. Sehr gut konnte ich mich in ihr Innenleben hineinversetzen und ihre Handlungen nachvollziehen. Schade ist nur, dass sich die Geschichte durch die Vielzahl an eingeführten Charakteren fast ein wenig von der Hauptfigur Maria abzuwenden scheint.
Achleitner versteht es, besondere Stimmungen sehr feinfühlig einzufangen und immer wieder eine unnachahmliche Atmosphäre heraufzubeschwören. Insbesondere die Naturgewalten ziehen sich als roter Faden durch die Handlung und scheinen bisweilen, die Geschicke der Charaktere zu leiten. Und natürlich spielt auch die die Musik eine wichtige Rolle in diesem Roman. Die vielen musikalischen Verweise und die vielen eingestreuten Musiktitel, die als eine Art Playlist die Handlung durchziehen, sind sehr schön in die Geschichte eingewoben und verleihen dem Roman das gewisse Etwas.
FAZIT
Ein faszinierendes, sehr gelungenes Debüt mit einer bewegenden, tiefgründigen Geschichte über die Liebe, Sehnsucht, die Suche nach Glück und einem erfüllten Leben. Lesenswert!

Bewertung vom 06.07.2020
Dunkles Lavandou / Leon Ritter Bd.6 (eBook, ePUB)
Eyssen, Remy

Dunkles Lavandou / Leon Ritter Bd.6 (eBook, ePUB)


sehr gut

*Leon Ritters packender sechster Fall *
Mit seinem Krimi „Dunkles Lavandou“ hat der deutsche Autor Remy Eyssen bereits den sechsten Fall seiner Leon-Ritter-Krimi-Reihe vorgelegt, die vor dem wundervollen Setting der südfranzösischen Provence angesiedelt ist, und in deren Mittelpunkt der sympathische, aus Deutschland stammende Rechtsmediziner Leon Ritter und seine Lebensgefährtin Capitaine Isabelle Morell stehen. Es ist aber nicht notwendig die vorherigen Bände dieser Krimi-Reihe gelesen zu haben, denn der Autor hat zum Verständnis wichtige Vorkenntnisse geschickt in die Handlung eingebunden.
Eyssen versteht es erneut hervorragend, das stimmungsvoll eingefangene provenzalische Lokalkolorit und obligatorische südfranzösische 'Savoir-vivre' mit einer spannenden Handlung zu verbinden. Gekonnt entführt uns der Autor mit seinen lebendigen, anschaulichen Schilderungen in den kleinen, idyllischen Fischerort Le Lavandou an der Mittelmeerküste während der Vorsaison und weckt in uns Lesern Reiselust. Mühelos tauchen wir ein in das quirlige Treiben in den Gassen des beliebten Touristenorts an der Côte d’Azur, genießen das wunderschöne Urlaubsflair und die malerische Landschaft zwischen dem blauen Meer und den dicht bewaldeten Hügeln des Massif des Maures. Man merkt an den detaillierten Beschreibungen der Schauplätze und der authentischen Atmosphäre deutlich, dass der Autor diese Gegend gut kennt und er Land und Leute sehr mag. Insbesondere der Kontrast zwischen der Beschaulichkeit und Idylle des Touristenorts und den dunklen, unheilvollen Geheimnissen, die in der Einsamkeit des wilden Hinterlands lauern, konnte mich sehr fesseln.
Die Handlung ist sehr wendungs- und abwechslungsreich angelegt, so dass sich die Spannung trotz des recht ruhigen Erzähltempos bis zum rasanten Finale zunehmend steigert. Insbesondere die ominösen Hinweise auf einen religiös-rituellen Hintergrund und die eingestreuten Kapitel aus Sicht der Opfer, die über ihr qualvolles Martyrium berichten, sorgen für zusätzlichen Nervenkitzel. Die Ermittlungsarbeit zum verzwickten Fall gestaltet sich äußerst schwierig und liefert viele widersprüchliche Spuren und zahlreiche Verdächtige. Somit eignet sich der Krimi ideal zum Mitermitteln und vielfältigen Kombinieren. Zudem versteht es der Autor hervorragend, uns auf so manche falsche Fährte zu locken.
Auch das Privatleben der beiden Hauptfiguren kommt zwischendrin nicht zu kurz und lockert die Handlung immer wieder auf. Die verschiedenen Charaktere sind glaubhaft und lebensnah angelegt und haben mir gut gefallen. Sehr gelungen ist vor allem die sehr sympathische Hauptfigur Leon Ritter, der auch dieses Mal an allen Fronten zu kämpfen hat und mit seinen Theorien über den Täter kaum Unterstützung findet. Faszinierend fand ich es, ihn bei seiner gewissenhaften Arbeit und seiner einfühlsamen Vorgehensweise mitzuerleben; wie es ihm gelingt, den Toten die Wahrheit über ihre letzten qualvollen Stunden zu entlocken und mögliche H. Selbst ungewöhnliche Spuren und winzigste Details entgehen seinem besonders scharfen Blick nicht. Auch die Nebenfiguren wurden abhängig von ihrer Rolle mit ausreichend Tiefgang ausgearbeitet.
Zum Ende hin überschlagen sich die Ereignisse und halten so manche Überraschung für uns bereit. Die Auflösung des Falls und die Aufklärung der Hintergründe sind in sich schlüssig und glaubhaft. Schade nur, dass auf einige Details und Zusammenhänge nicht mehr eingegangen wurde und auch das Motiv des Täters sehr nebulös bleibt.
FAZIT
Ein fesselnder, recht düsterer Krimi mitten in einer der schönsten Urlaubsregionen Frankreichs - mit viel provenzalischem Lokalkolorit, einem verzwickten brutalen Fall und dem sehr sympathischen Rechtsmediziner Leon Ritter.

Bewertung vom 19.06.2020
Schatten und Licht / Fräulein Gold Bd.1
Stern, Anne

Schatten und Licht / Fräulein Gold Bd.1


ausgezeichnet

*Gelungener Auftakt einer historischen Hebammen-Saga*
Der Roman „Fräulein Gold-Schatten und Licht“ ist der gelungene Auftakt einer neuen großartigen historischen Trilogie aus der Feder der deutschen Autorin Anne Stern, in deren Mittelpunkt die junge Berliner Hebamme Hulda Gold steht. Mit ihrer stimmigen Mischung aus zarter Liebesgeschichte, fesselndem Kriminalfall und der faszinierend ambivalenten Kulisse der 1920er Jahre in Berlin hat mich diese unterhaltsame Saga von Beginn an in ihren Bann gezogen.
Durch Sterns lebendigen und sehr anschaulichen Schreibstil gelingt es rasch, in die historische Vergangenheit des Jahres 1922 und in die unterhaltsame, aber auch fesselnde Geschichte um die sehr eigenwillige, selbstbewusste Hauptfigur Hulda Gold einzutauchen. Als sehr aufgeweckte, überall beliebte Hebamme ist sie im Berliner Elendsviertel Bülowbogen unterwegs und kann es sich wegen ihrer übergroßen Neugier nicht verkneifen, eigene Nachforschungen zum rätselhaften Tod einer älteren Prostituierten anzustellen. Dabei dauert es auch nicht lange, bis sie mit dem ermittelnden Kommissar North aneinandergerät. Schließlich gelingt es den beiden aber doch, allerdings mit Hilfe einiger Zufälle, die Hintergründe von Ritas traurigem Tod aufzudecken.
Gekonnt entführt uns Stern ins Berlin der Goldenen 1920er Jahre - eine pulsierende Metropole im Wandel der Zeiten, allgegenwärtig noch die Auswirkungen des 1. Weltktriegs und ein Leben voller Kontraste und Abgründe, in dem Fortschritt, Luxus und Reichtum, aber auch bittere Armut, Verwahrlosung und Kriminalität nah beieinanderliegen. Gekonnt und atmosphärisch dicht portraitiert Stern das facettenreiche Alltagsleben und schillernde Nachtleben in der damaligen Hauptstadt der Weimarer Republik. Sie lässt uns am Schicksal der kleinen Leute teilhaben, gibt uns Einblick in die komplizierten politischen Verhältnisse der damals sehr labilen Demokratie und vermittelt insgesamt ein sehr stimmiges, authentisches und recht düsteres Bild der damaligen Zeit.
Die Geschichte lebt neben der sehr lebendig eingefangenen, zeitgeschichtlichen Kulisse vor allem von seinen interessanten und vielschichtig angelegten Figuren. Die verschiedenen Charaktere sind allesamt detailliert und liebevoll ausgearbeitet, so dass sie äußerst lebensnah wirken.
Die Ermittlungen führen uns zu vielen abgründigen Seiten der Gesellschaft, dorthin wo Elend, Armut, Prostitution, Alkoholismus und Verbrechen allgegenwärtig sind. In eingeschobenen Passagen mit Auszügen aus einem Notizbuch der verstorbenen Rita Schönbrunn erhalten wir schrittweise Einblicke in das bedrückende Leben dieser Frau, die uns schrittweise an ihrem tragischen Schicksal und ihrem sozialen Abstieg teilhaben lassen. Nach dem Epilog zum Ausklang darf man sehr gespannt sein, wie sich die Geschichte zwischen Hulda und Karl weiterentwickeln wird und ob es bald einen neuen packenden Fall für das immerhin erfolgreiche Ermittlerteam aus Hebamme und Kommissar geben wird.
FAZIT
Ein gelungener Auftakt einen neuen Hebammen-Saga mit einer stimmigen Mischung aus zarter Liebesgeschichte, fesselndem Kriminalfall, sympathischen Charakteren und viel Berliner Flair!

Bewertung vom 09.06.2020
Beute
Meyer, Deon

Beute


ausgezeichnet

*Äußerst packender Page Turner *
Mit dem jüngsten Roman „Beute“ des südafrikanischen Bestseller-Autors Deon Meyer geht seine Bennie Griessel-Reihe bereits in die 6. Runde. Angesiedelt vor dem faszinierenden Setting in Südafrika ist ihm eine äußerst packende Mischung aus fesselnden Kriminalermittlungen, rasantem Agententhriller und brisanter politischer Hintergrundstory gelungen, die für jede Menge Spannung und Nervenkitzel sorgt und zudem mit einer netten Prise Humor gewürzt ist. Doch auch für mich als Neueinsteigerin in die Reihe lässt sich der aktuelle Band ohne Probleme als Standalone lesen.
Mit seinem sprachgewaltigen, packenden Schreibstil und seinen seiner detaillierten Beschreibungen versetzt uns Deon Meyer gekonnt in dieses so andersartige Land Südafrikas. Rasch tauchen wir ein in eine Welt voller Kontraste und erleben hautnah die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eigenheiten dieses Landes, das faszinierende Sprachgemisch aus Englisch und Afrikaans sowie die Besonderheiten im alltäglichen Miteinander der multiethnischen Bevölkerung mit. Geschickt streut Meyer in seine Dialoge immer wieder Wörter und Begriffe aus dem Afrikaans ein, deren Bedeutung und Aussprache in einem kurzen, sehr interessanten Glossar am Ende des Romans erläutert werden.
Der Autor hat für seinen Page Turner eine politisch brisante, topaktuelle Hintergrundstory gewählt, die mich durch ihre Realitätsnähe von Beginn an fesseln und mit den gut recherchierten und anschaulich aufbereiteten Fakten sehr überzeugen konnte. Gekonnt zeigt er in seiner Handlung die vielfältigen Auswirkungen des sogenannten „State Capture“, der alltäglichen staatlichen Korruption und schockierenden kriminellen Machenschaften der schwarzen, südafrikanischen Führungselite, die zunehmende Gefährdung der Demokratie auf und thematisiert die große Unzufriedenheit der Bevölkerung und Verbitterung der ehemaligen Freiheitskämpfer der „struggles“ angesichts der Misswirtschaft, Korruption und Selbstbereicherung in ihrem Land und des Verrats ihrer Ideale.
Die anspruchsvolle Geschichte wird in zwei parallel zueinander laufenden, sich einander abwechselnden Handlungssträngen erzählt, die Deon Meyer genial miteinander verwoben hat. Zum einen begleiten wir die spannenden und recht vielschichtigen Ermittlungen der „Valke“ rund um den rätselhaften, von oberster Stelle rasch als „Selbstmord“ deklarierten Todesfall eines Personenschützers in einem Luxuszug. Der zweite Handlungsstrang beschäftigt sich mit den fesselnden Geschehnissen rund um den in Bordeaux lebenden ehemaligen südafrikanischen Top-Geheimdienstagenten und ANC-Scharfschützen Tobela. Erst nach und nach wird dem Leser immer klarer, welche Rolle er in der ganzen Geschichte spielt und wie sein brisanter Auftrag mit den laufenden Ermittlungen in Südafrika zusammenhängt.
Der Autor versteht es, mit recht kurz gehaltenen Kapiteln, geschickt gesetzten Cliffhangern und rasche Schauplatzwechseln für ein hohes Tempo und viel Spannung zu sorgen.
Deon Meyer gelingt es hervorragend, seine Hauptfiguren sehr vielschichtig und lebensnah zu beschreiben. Auch über die Kollegen im Team erfährt man mehr über ihre persönlichen Hintergründe und Probleme, so dass sie allesamt sehr plastisch wirken.
Auf die beiden Top-Ermittler Griessel und seinen Kollegen Cupido wartet eine nervenaufreibende Aufklärungsarbeit, bei der sie immer wieder an ihre Grenzen stoßen, bewusst ausgebremst werden und daher so manche Hürde zu überwinden haben. Doch ermitteln sie beharrlich auf eigene Faust weiter, um die Wahrheit ans Licht zu bringen, so dass am Ende nicht nur ein weiterer mysteriöser Todesfall aufgeklärt wird, sondern schließlich auch Verstrickungen aufdeckt werden, deren erschütternde Ausmaß keiner der Beteiligten für möglich hielt.
FAZIT
Ein äußerst packender Page Turner mit tollen Charakteren, einem vielschichtigen Fall, einer brisanten, topaktuellen Hintergrundstory, hohem Tempo sowie aufschlussreichen Einblicken in die Lebenswirklichkeit

Bewertung vom 08.06.2020
Miracle Creek
Kim, Angie

Miracle Creek


ausgezeichnet

*Vielschichtiger, mitreißender Roman*
Mit ihrem Debüt «Miracle Creek» ist der in Südkorea geborenen und in den USA lebenden Autorin Angie Kim ein vielschichtiger, mitreißender Roman gelungen, der mich mit seiner faszinierenden Mischung aus fesselndem Gerichtsdrama und tragischer Familiengeschichte hervorragend unterhalten konnte.
Feinfühlig und sehr eindringlich erzählt die Autorin in ihrem Roman von einem undurchdringlichen Geflecht aus kleinen Lügen und Unwahrheiten, die schließlich eine Kettenreaktion von fatalen Ereignissen nach sich ziehen und mit dem Tod zweier Menschen in einer großen Katastrophe enden. Geschickt beleuchtet sie zudem komplexe Themenfelder wie die Assimilation von Immigrantenfamilien und dem Bewahren der eigenen Identität im fremden Land aber auch der Mutterrolle, unerfülltem Kinderwunsch und der komplizierten Dynamik von Mutter-Kind-Beziehungen, dem Umgang mit behinderten Kindern sowie der Opferbereitschaft von Eltern. Es ist ein tiefgründiger Roman, der betroffen macht, uns Lesern einen Spiegel vorhält und zum Nachdenken anregt.
Zu Beginn lässt uns die Autorin im vorangestellten Kapitel „Der Vorfall“ hautnah an den letzten, verhängnisvollen Minuten vor der Katastrophe, dem Brand und der Explosion der HBO-Kammer in Miracle Creek teilhaben. Quasi als Augenzeugen folgt man gebannt dem etwas wirren Bericht von Young Yoo aus der Ich-Perspektive. Der nachfolgende, fast ein Jahr nach der furchtbaren Tragödie angesiedelte Hauptteil des Romans ist als ein Gerichtsdrama angelegt. Über vier Tage hinweg nimmt der Leser Anteil an dem Prozess gegen Henrys angeklagte Mutter Elizabeth, in dem die Brandstiftung und der mutmaßliche Mord an dem 8-jährigen, autistischen Henry und Kit, einer Mutter von 5 Kindern, verhandelt werden. Geschickt lässt die Autorin bei den Befragungen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung nach und nach verschiedene Figuren, wie Freunde, Verwandte und Bekannte der Angeklagten, aber auch die Mitglieder der koreanischen Familie Yoo, zu Wort kommen und lässt den Leser so an deren unterschiedlichen Sichtweisen teilhaben. Je weiter die Gerichtsverhandlung voranschreitet und je mehr Hintergründe und neue Erkenntnisse zu den Geschehnissen enthüllt werden, desto deutlicher wird, dass jeder der Beteiligten etwas zu verbergen hat. Jeder der Protagonisten hat Geheimnisse, die er sorgsam verbirgt und eine breite Palette abdecken wie beispielsweise Neid, Eifersucht, Begierde, Rivalität oder Verbitterung. Der permanente Wechsel zwischen den Perspektiven, eingestreute Andeutungen und implizierte Vorahnungen erzeugen beim Leser ein ungutes Gefühl und steigern die Spannung ungemein. Nach und nach enthüllt die Autorin immer neue Widersprüche, unzählige Unwahrheiten und bewusste Lügen. Von Kapitel zu Kapitel zeigen immer neue Details, wie verschiedene Ereignisse, Missverständnisse, fehlender Kommunikation und die unglückliche Verkettung fatale Fehlentscheidungen schließlich in dieser Tragödie münden konnten.
Aus den vielen Puzzlesteinchen ergibt sich schließlich ein bedrückendes und nachdenklich stimmendes Gesamtbild.Hervorragend gelungen sind der Autorin ihre unterschiedlichen Charaktere, die sie sehr vielschichtig, lebendig und mit nuancierten Persönlichkeiten ausgearbeitet hat, so dass ihre Entscheidungen und Handlungen stets nachvollziehbar und glaubwürdig sind. Mit außerordentlich gutem, psychologischem Feingespür enthüllt sie menschliche Sehnsüchte, Wunschdenken, folgenschwere Fehlurteile und allzu menschliche Irrtümer und zeigt uns letztlich die Komplexität des Lebens auf.
FAZIT
Ein vielschichtiger, eindringlicher Roman über verborgene Geheimnisse, kleine Lügen und menschliche Abgründe. Großartig geschrieben, spannend und lesenswert!

Bewertung vom 11.05.2020
Je tiefer das Wasser
Apekina, Katya

Je tiefer das Wasser


ausgezeichnet

*HERAUSFORDERNDES ROMANDEBÜT*
Mit „Je tiefer das Wasser” ist der Autorin Katya Apekina, die in Moskau geboren wurde und im Alter von drei Jahren mit ihrer Familie in die USA übersiedelte, ein bemerkenswertes Romandebüt gelungen, das einen mit seiner Intensität unter die Haut geht und lange Zeit nicht mehr loslässt.
Im Mittelpunkt des erschütternden Familiendramas steht das Schicksal der beiden Schwestern Mae und Edith. Schon bald kann man sich der enormen Sogwirkung dieser dramatischen, verwirrenden Erzählung nicht mehr entziehen und ist gefesselt von der eindringlichen, beklemmend-düsteren Stimmung. Mit immer neuen Einblicken in das Leben einer dysfunktionalen Familie wird man von einem fatalen Strudel an Emotionen und Obsessionen in die Tiefe gezogen und wird mit den Abgründen der menschlichen Psyche konfrontiert.
In recht kurzen Kapiteln werden die Geschehnisse abwechselnd aus der Ich-Perspektive der beiden Hauptfiguren erzählt. Geschickt präsentiert die Autorin die beiden Sichten in unterschiedlichen Erzählformen und verleiht den beiden Schwestern sehr individuelle, unverwechselbare Stimmen. Maes Perspektive ist rückblickend in der Vergangenheitsform verfasst und enthält gelegentliche Bezüge zur Gegenwart, während Edies Sicht in der Gegenwartsform ist. Zudem sind Perspektiven weiterer Nebenfiguren aus dem näheren Umfeld der Familie wie beispielsweise ihr Vater Dennis, ihre Tante Diana oder die neue Freundin ihres Vaters Amanda, eingeschoben. Daneben finden sich Ausschnitte aus Briefen, Tagebüchern, Telefonaten, Interviews und psychiatrischen Notizen.
Sehr anschaulich hat Apekina die Seelenzustände der beiden sehr unterschiedlichen Geschwister und ihre vielschichtigen, ambivalenten Charaktere in teilweise drastischen Szenen herausgearbeitet. Während Edie sich für die psychisch kranke Mutter verantwortlich fühlt, sie aus der Psychiatrie retten möchte und auf Konfrontation zum Vater geht, sucht Mae die Aufmerksamkeit des Vaters und ist froh dem unerträglichen Alltag mit der labilen Mutter entkommen zu sein. Allmählich beginnt sie in die Rolle ihrer Mutter zu schlüpfen und die Grenzen zu ihrem eigenen Selbst scheinen sich in beängstigender Weise aufzulösen. Äußerst instabile Persönlichkeiten lernen wir kennen, die von den Schatten der Vergangenheit gezeichnet sind. Nahezu jeder Charakter hat mit seinen inneren Dämonen zu kämpfen, versucht der Spirale aus Zweifeln, Wut, Trauer, Schuldzuweisungen, Egozentrik, Selbstbetrug und seelischen Verletzungen zu entkommen, seine Impulse zu verstehen und sich schließlich neu zu definieren. Die Autorin zeichnet das verstörende Bild einer ungesunden, selbstzerstörerischen Familiendynamik, aus der keiner der Betroffenen unbeschädigt entkommen kann.
Sehr versiert erzählt die Autorin ihre chaotisch und unstrukturiert wirkende Geschichte in verschiedenen, nicht stringenten Episoden, die dennoch Bezug aufeinander nehmen u. gekonnt ineinanderfließen. Allmählich fügen sich immer mehr Fragmente aus einem vielfältigen Stimmengewirr zusammen, die die Geschehnisse aus unterschiedlichsten Sichtweisen beleuchten u. individuelle Wahrnehmungen widerspiegeln. Ungemein fesselnd aber auch eine große Herausforderung ist es für uns Leser, die Hintergründe und Ereignisse aus einer verwirrenden Mischung von Vermutungen und bruchstückhaften Details allmählich selbst zu einem eigenen Gesamtbild zusammen zusetzen. Wie im wirklichen Leben wird man bei diesem Roman die absolute Wahrheit nicht finden und muss sich damit abfinden, dass Widersprüche und einige Geschehnisse ungeklärt bleiben. So sind schließlich viele Deutungen der Fantasie der Leser überlassen.
Äußerst passend zur Geschichte um die zwei Schwestern beendet die Autorin ihren Roman mit einem offenen, aber stimmigen Ausklang.
FAZIT
Ein intensives, bewegendes Romandebüt mit einer verstörenden, sehr faszinierenden Geschichte, die den Leser auf ganzer Linie herausfordert.

Bewertung vom 11.05.2020
Milchmann
Burns, Anna

Milchmann


sehr gut

*Intensiver, aufrüttelnder aber sehr anstrengend zu lesender Roman*
Der Roman » Milchmann « aus der Feder der nordirischen Autorin Anna Burns wurde bereits 2018 mit dem Man Booker Prize - dem bedeutendsten britischen Literaturpreis - ausgezeichnet und ist nun auch auf Deutsch erschienen.
Es ist ein faszinierender, aufwühlender und äußerst eindringlich geschriebener Roman mit sehr bissigem Humor, der eine sehr ernste und erstaunlich aktuelle Thematik behandelt, macht er doch deutlich wie nachhaltig der Alltag durch einen Bürgerkrieg beeinträchtigt werden kann und welche Auswirkungen die permanente Gewalt auf die Zivilgesellschaft hat.
Obwohl die Autorin bewusst Handlungsort, Schauplätze u. Zeitkolorit unkenntlich gemacht hat, fällt einem die Verortung der Handlung nicht schwer. Ihre Geschichte ist während des Nordirland-Konflikts in den 1970ger Jahren in einem katholischen Viertel in Belfast angesiedelt – einem Bürgerkrieg, in dem Autobomben, Erschießungskommandos und Tote den Alltag beherrschten.
Bereits der verstörende Beginn des Romans mit dem ersten Satz „Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb." konfrontiert uns mit einer schockierenden Welt voller Gewalt und Brutalität.
Die 18-jährige namenlose Ich-Erzählerin schildert rückblickend über eine Verkettung von ungeheuerlichen Ereignissen, die man zunächst gar nicht richtig einzuordnen vermag. Unbeabsichtigt hat die junge Erzählerin die Aufmerksamkeit eines über 40-jährigen Manns, der ein hochrangiger und hochgeschätzter Untergrundkämpfer ist und von allen „Milchmann“ genannt wird, auf sich gezogen. Aus Sicht der Erzählerin erfahren wir hautnah wie sehr die permanente Angst vor Begegnungen mit Milchmann und die kursierenden Gerüchte ihr nicht nur psychisch sondern zunehmend auch physisch zusetzen.
Die Autorin bedient sich einer besonderen, Mitte des 18. Jahrhunderts eingeführten, nicht-linearen Erzähltechnik, bei welcher der Erzählschwerpunkt weniger auf der eigentlichen Handlung liegt, sondern eher assoziative und sehr ausschweifende Betrachtungen an Erzähltes anknüpfen. Obwohl es anfangs äußerst schwierig ist, sich in den ungewöhnlichen, sehr anstrengenden Schreibstil der Autorin mit viel schwarzem Humor hineinzufinden, dauert es nicht lange, bis man dem sehr authentisch wirkenden, inneren Monolog und endlos mäandrierenden Gedankenfluss der Ich-Erzählerin gebannt folgt. Die sehr vielschichtig angelegte Protagonistin wird als eine eigenwillige, kritisch eingestellte und sehr clevere junge Frau geschildert, die am liebsten den Kopf in alte Schmöker aus dem 18. Jahrhundert steckt und im Gehen liest, um bloß nicht aufzufallen. Von allen Seiten wird sie mit verschiedensten Erwartungen konfrontiert und unter Druck gesetzt, so dass sie weit davon entfernt ist, ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.
Sehr unmittelbar nehmen wir Anteil an der intensiven Innenansicht der Hauptfigur, ihren abschweifenden Gedanken und ambivalenten Einstellung zu ihrem Alltag und dem Leben in ihrem Bezirk, das geprägt ist von Tratsch, Misstrauen, Verleumdungen, Bespitzelungen und permanenter Angst. Alles unterliegt den strengen, oft widersinnigen Regeln der Gemeinschaft, denen man sich unterzuordnen hat. Gekonnt beschwört die Autorin einen unglaublich komplexen, höchst beklemmenden und kafkaesk anmutenden Mikrokosmos herauf, der sich während der langandauernden Konflikte herausgebildet und immer absurdere Züge angenommen hat.
Trotz aller Surrealität erzählt Anna Burns aber auch eine sehr beklemmende, authentische Geschichte über gesellschaftliche Entwicklungen, die auch auf andere Regime oder Bürgerkriegsgebiete übertragbar ist und sogar als Mahnung vor aktuellen Entwicklungen gedeutet werden kann.

Bewertung vom 11.05.2020
Raffael - Das Lächeln der Madonna
Martin, Noah

Raffael - Das Lächeln der Madonna


ausgezeichnet

*GROSSARTIGER HISTORISCHER ROMAN*
Mit seinem großartigen Debüt „Raffael - Das Lächeln der Madonna“ hat der deutsche Autor und Kunsthistoriker Noah Martin einen lehrreichen und äußerst fesselnden historischen Roman über Raffael Sanzio, einen der bedeutendsten Maler der Renaissance, vorgelegt, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 500. Mal jährt. Mit einer interessanten Mischung aus packendem Abenteuerroman, tragischer Liebesgeschichte und anschaulicher Vermittlung von kunsthistorischen Details und geschichtlichen Fakten ist Noah Martin ein opulentes, überaus überzeugendes Epos gelungen, das Fans von anspruchsvollen, historischen Romanen begeistern wird.
Gekonnt entführt uns Martin in seiner packenden und wendungsreichen Geschichte ins Italien zur Zeit der Renaissance. Mühelos tauchen wir dank des wort- und bildgewaltigen Schreibstils in die atemberaubende Kulisse des reichen Oberitaliens mit seinen unzähligen Stadtstaaten und Provinzen ein und erleben eine schillernde, bewegte Zeit voller Intrigen, Korruption, Mordkomplotte und grausamer Eroberungskriege.
Im Mittelpunkt des Romans steht das kurze, aber ereignisreiche Leben, die künstlerische Entwicklung und das überaus produktive Schaffen des jungen Raffael Sanzios (1483-1520), einem wahren Universalgenie und bedeutendsten Meister der Hochrenaissance, und natürlich auch die verwickelte, tragische Geschichte über seine heimliche Liebe zur hübschen Bäckerin Margherita Lutti aus Siena.
Äußerst detailverliebt und opulent hat Martin seine Handlung mit zahlreichen faszinierenden Hintergrundgeschichten angelegt und die fesselnde Lebens- und Liebesgeschichte Raffaels darin eingebettet. Im Laufe der vielschichtigen Handlung begegnen wir etlichen bekannten historischen Persönlichkeiten.
Ob nun die brutalen Schlachtszenen von Cesare Borgias Kriegszügen, Szenen aus dem Alltag hinter den Mauern des Vatikans mit intriganten Kardinälen und dem machtbesessenen, skrupellosen Papst Alexander VI. oder Raffaels Erlebnisse während seines rastlosen Schaffens und seine Begegnungen mit den berühmten Künstlern Michelangelo oder Leonardo da Vinci – Martin ist es hervorragend gelungen, ein facettenreiches Sittengemälde jener Zeit zu zeichnen. Gekonnte bringt er uns auch die damaligen Zustände in den Städten, die Alltagsprobleme der einfachen Bevölkerung sowie die hochkomplexe politische Lage nahe.
Hervorragend hat der Autor die sorgfältig recherchierten historischen Details zu den gesellschaftlichen, kunsthistorischen und politischen Hintergründen der damaligen Zeit mit seiner interessant inszenierten und sehr spannenden fiktiven Geschichte verwoben, die mit ihren zahlreichen Erzählsträngen und häufigen Szenenwechseln für viel Abwechslung sorgt.
Die detaillierten, lebendigen Beschreibungen der zahlreichen Charaktere und Schauplätze wirken authentisch und facettenreich, so dass man sich als Leser alles sehr plastisch vorstellen kann. Der lebendige, ausdrucksvolle Schreibstil des Autors ist sehr angenehm zu lesen, wobei für meinen Geschmack einige Dialogen sprachlich allerdings etwas zu modern geraten sind.
Äußerst lehrreich sind auch viele Passagen, in denen auf die Herstellung der damals verwendeten Farbpigmente, seinen Entwurfsmethoden und speziellen Vorbereitungsprozesse bei seinen Gemälden und Fresken eingegangen wird. Trotz seiner recht kurzen Schaffensphase hat ein umfangreiches Werk hinterlassen, das wir auch heute noch als beeindruckende Altar- und Madonnenbilder, prächtigen Gemälden sowie den grandiosen Ausmalungen der Stanzen im Vatikan bewundern können.
Dieser Roman hat mich auf die Arbeiten dieses außergewöhnlich talentierten Künstlers aus der Renaissance neugierig gemacht und ist zugleich eine wundervolle Liebeserklärung an Raffael und sein Schaffen.
FAZIT
Ein beeindruckender, fesselnder historischer Roman zu Zeiten der italienischen Renaissance – opulent, mitreißend erzählt, hervorragend recherchiert, und äußerst lehrreich.
Ein großartiges, sehr lesenswertes Debüt!