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Benutzername: Der Medienblogger
Danksagungen: 4 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 59 Bewertungen
Bewertung vom 01.10.2019
Der Store
Hart, Rob

Der Store


gut

Als eine aktuelle Version der Klassiker „1984“ und „Schöne neue Welt“ wird der Debütroman des US-amerikanischen Autoren Rob Hart angepriesen. Im September dieses Jahres erschien dann endlich „Der Store“ auch in den deutschen Buchhandlungen. Mich hat nicht nur das zugrundeliegende Szenario angesprochen: ein gewaltiges, marktführendes Onlineunternehmen, das nicht weniger als die Ideologie, ein perfekter Arbeitsplatz zu sein und Probleme der derzeitigen Gesellschaft und Klimapolitik zu lösen, verfolgt. Auch die äußere Gestaltung und das intensive Werben auf sozialen Netzwerken haben bereits im Vorhinein große Neugier in mir geweckt. Welche meiner Erwartungen an die Lektüre sie letztendlich erfüllen kann, das erfährst du in der folgenden Rezension.
Recht schnell konnte mich der Autor für seine Handlung begeistern. Er gibt den Plot aus drei verschiedenen Perspektiven wieder, die jeweils total unterschiedliche Positionen in der Hierarchie des Unternehmens einnehmen. Somit bekommt der Leser einen vielschichtigen Einblick in die einzelnen Ebenen der Konzeption des Onlinestores und kann sich eine eigene Meinung über die dortigen Zustände bilden.
Die drei Hauptfiguren, die aus der Ich-Perspektive von ihrer existenziellen Blase aus berichten und stellenweise aufeinandertreffen, fällen größtenteils nachvollziehbare Entscheidungen und verfolgen glaubwürdige Motivationen. Dabei erfährt man recht wenig über deren Hintergrundgeschichten, sondern konzentriert sich ungeniert auf ihren geistigen und tatsächlichen Umgang mit ‚Cloud‘.
Dabei gestaltet sich aus meiner Sicht vorwiegend die erste Hälfte des Romans als außerordentlich spannend. Einzutauchen, wie dieses unvorstellbar riesige Unternehmen im Inneren aufgebaut ist und wie ein enormes Zahnrad funktioniert, bereitet große Freude. Dabei skizziert der Autor äußerst gelungen zum Teil heute schon erreichte Zustände und entwirft innerhalb des Konzerns eine gesamte Welt mit eigenem Wertekodex, Währungssystem und innerer Sicherheitswahrung, in die er geschickt zukunftsvisionäre Technikmöglichkeiten einbaut.
Da, wo „Der Store“ so vielversprechend beginnt, enttäuscht der Roman leider in seiner zweiten Halbzeit auf vielen Ebenen. Er verliert sich zunehmend in überraschungsarmen, austauschbaren Handlungselementen, die das Spannungsniveau stark abbremsen. Man fokussiert sich geradezu krampfartig auf eine grotesk lächerliche und konstruierte Liebesgeschichte und dem inneren Konflikt über die Revolution gegen das Regime. Der konsum- und wirtschaftskritische Aspekt der dystopischen Zukunftsvision wird vollkommen außer Acht gelassen; vielmehr stürzt sich der Autor auf eine uninteressante Verfolgungsjagd, die für mich einfach nicht authentisch ist und daher nicht packt.
Letzten Endes bleiben die kritischen Aussagen des Romans für mich eher blass und hinter ihrem Potenzial zurück. Ich erwarte ja keine umfängliche Predigt über die Ausbeutung und das Konsumverhalten durch Megakonzerne wie Amazon mit erhobenem Zeigefinger, hätte mir aber dennoch sowohl etwas klarere Ecken und Kanten als auch ein stärkeres, nicht so halbgares Ende gewünscht, das die Erwartungen erfüllen kann. Daher spreche ich eine Leseempfehlung an diejenigen aus, die sich vom Klappentext angesprochen fühlen und etwas Stoff zum Nachdenken benötigen – wahrscheinlich sollte man die Erwartungen als Leser aber etwas herunterschrauben.
„Der Store“ ist ein nicht ganz ausgereiftes Werk, das zwar unterhaltsam die Geschichte rund um den Megakonzern ‚Cloud‘ und der zugrundeliegenden Ideologie erzählt, leider aber hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt.

Bewertung vom 29.09.2019
Ritter Rost und das Einhorn
Hilbert, Jörg; Janosa, Felix

Ritter Rost und das Einhorn


ausgezeichnet

„Mein Vater hat mich hergestellt aus dem schönsten Schrott der Welt“ – mit diesem Einleitungssatz eroberte ein Kinderbuchheld mein Herz im Sturm: Felix Janosa und Jörg Hilbert sind die kreativen Köpfe hinter der erfolgreichen Buchserie „Ritter Rost“, deren bereits achtzehnter Band kürzlich erschien und auf der zahlreiche weitere Geschichten, zwei Kinofilme, eine Animationsserie und sogar ein eigener Vergnügungspark beruhten. Die Musicals begleiteten mich durch die Kindheit und haben mich mit ihrer skurrilen Eigenart, eingängigen Ohrwurmmelodien und schierer Ideenbandbreite fesseln können. Daher war es mir ein großes Vergnügen, „Ritter Rost und das Einhorn“ anzuhören und –sehen und nun meine Eindrücke zur Lektüre in der folgenden Rezension festzuhalten – viel Spaß beim Lesen!
Direkt mit der Eröffnungsnummer, „Wenn man Ritter ist“, fühlte ich mich wieder willkommen in Schrottland. Die verschiedenen Songs, die sowohl auf der CD als auch abgedruckt im Buch vorliegen, sorgen für einen wahren Hörgenuss: Die Texte klingen klug und pfiffig, die Melodien haben echten Ohrwurmcharakter und die Arrangements fügen sich nahezu perfekt in das Handlungskorsett ein. Dabei merkt man förmlich die Freude, die Janosa an der Musik hat. Besondere Anspieltipps sind für mich persönlich der bereits genannte Song, „Atlantis“ und „Wenn Piraten baden“.
Die Handlung in „Ritter Rost und das Einhorn“ ist kurzweilig und amüsant. Der Leser darf die bereits aus etwaigen Vorgängerbänden bekannten Personen auf einer sehr kurzen Reise begleiten. Dabei ist jedoch auch für diejenigen, die „Ritter Rost“ davor noch nicht kannten, eine Übersicht und jeweils kurze Charakterisierung zu jeder Figur abgedruckt. Sie sind jeder in ihrer Eigenart besonders und liebenswürdig und bieten dem sehr jungen Zielpublikum eine breite Fläche zur Identifikation. Auch bringt das Buch einige gute und wichtige Ansätze hervor, die Stoff für Gespräche mit den Kindern bieten.
Die Gestaltung der Seiten sticht hervor – die Illustrationen von Jörg Hilbert entführen den Leser nach Schrottland und entwerfen eine eigene facettenreiche Welt, in der es viel zu entdecken gibt. Die Bilder sind farbprächtig und in ihrem Zeichenstil sehr individuell. Das Hörspiel wird von Fritz Stavenhagen vertont, der sich als hervorragender Erzähler entpuppt und durch seine sonore Stimme und brillante Artikulation zu fesseln weiß. Einige spezielle Geräuscheffekte ergänzen das Hörabenteuer passend.
Wenn man mich also abschließend fragt, ob ich „Ritter Rost und das Einhorn“ weiterempfehle, dann ist meine Antwort ein mehrfaches Ja. Denn es gibt viele Aspekte, für die ich das Buch loben könnte. Für die Leser gibt es nicht nur ein liebevoll gestaltetes, unterhaltsames Leseabenteuer, sondern auch ein hervorragendes Hörspiel mit Musicalstücken auf beeindruckendem Niveau, das zum Mitsingen und –musizieren einlädt. Man kann also auf vielerlei Art und Weise in die Welt rund um den Ritter eintauchen – und das bereitet wirklich große Freude.
„Ritter Rost und das Einhorn“ ist ein vielschichtiges Abenteuer, das verdammt viel Spaß macht.
Deswegen möchte ich volle fünf von fünf möglichen Sternen vergeben.

Bewertung vom 10.09.2019
Wie man bei Regen einen Berg in Flip-Flops erklimmt
Weston, Carol

Wie man bei Regen einen Berg in Flip-Flops erklimmt


sehr gut

Carol Weston ist eine erfolgreiche amerikanische Schriftstellerin, die bislang bereits sechzehn Bücher veröffentlicht hat. Sie betreibt nebenbei einen Online-Ratgeber für Mädchen und Erwachsene und spricht in Schulen und Fernsehsendungen. Ihr bislang neuestes Werk erschien 2017 unter dem Originaltitel „Speed Of Life“. In diesem verwendet sie biographisches Material, indem sie die Figur Kate entwirft, die Dreh- und Angelpunkt für die gesamte Handlung ist und eben genau die bereits genannten Eigenschaften der Autorin erfüllt. Auf Deutsch trägt das Buch den um einiges treffenderen Titel „Wie man bei Regen einen Berg in Flip-Flops erklimmt“. Welche Leseeindrücke ich während der Lektüre gewinnen konnte, das erfährst du in der folgenden Rezension – viel Spaß!
Die Autorin hat, auch durch eine gelungene Übersetzung, einen flüssigen und einfühlsamen Schreibstil, der nicht nur ein reibungsloses Eintauchen in das Geschehen des Romans, sondern auch in das Innenleben der Protagonistin Sofia ermöglicht: Diese ist ein sympathischer Buchcharakter, den ich schnell nachvollziehen lernte. Sie trägt eine für sie emotional turbulente Handlung gut auf den Schultern und bietet sich an als Stütze für den Leser.
Ihre besondere Stärke im Schreiben enttarnt sie in ihrem ungenierten Umgang mit der Thematik „Tod“: Es ist kein Geheimnis, dass die Mutter der Protagonistin im Buch kürzlich verstorben ist und Sofia noch immer mit den Folgen der Trauer zu kämpfen hat. Dabei gibt sie ihren Lesern auf ganz unverkrampfte Art die eindringliche Botschaft, dass es okay ist, zu trauern. Und dass die Bewältigung dieser sowohl innerlich als auch äußerlich das genaue Gegenteil von einfach ist. Weiterhin gibt sie die alltäglichen Fragen und Probleme eines jungen pubertierenden Mädchens wieder, die sich in Zweifeln über die eigene Entwicklung äußert. Diese authentische Art, einem jungen Zielpublikum solche Anliegen näherzubringen und mit ihnen so unkompliziert umzugehen, hat mir persönlich sehr gut gefallen.
In der Ausarbeitung ihrer Figuren zeigt Weston ebenfalls ihr schriftstellerisches Können. Die Figuren sind vielschichtig, abwechslungsreich und beweisen allemal ihren ganz eigenen Charme. Neben Sofia sticht vor allem ihre enge Vertrauensperson namens Kate heraus, deren Beziehung untereinander sich im Laufe des Romans noch stark verändert. Sie war eine angenehme Person, die ich aufgrund ihrer Unverfrorenheit und stetig positiven Energie als ein starkes Element innerhalb der Handlung wahrgenommen habe.
Dass ich letztendlich aber definitiv aus der Altersgruppe herausgewachsen bin, das merke ich an einigen Aspekten, die mich zufriedengestellt haben. Beispielsweise habe ich mich an dem kitschverklebten Ende gestört, das jeder Glaubwürdigkeitsebene entbehrt und fast zu krampfhaft auf ein Happy End zusteuert. Damit schließt sie eine rundum überzeugende und ungewöhnliche Familiengeschichte ab – was man aber auch auf eine weitaus weniger aufgeplusterte und versöhnliche Art und Weise hätte lösen können.
Weiterhin fehlen dem Roman, nachträglich gesehen, weitestgehend seine Alleinstellungsmerkmale. Leider hat man die verschiedenen Elemente des Werks so schnell wieder vergessen, wie man das nächste Buch angefangen hat. Und genau hier hätte ich mir ein bisschen mehr Mut vonseiten der Autorin gewünscht, auch mal andere Wege als den gerade offensichtlichsten einzuschlagen – und somit ihr Roman zu einem außergewöhnlichen zu machen, der nicht in der Konkurrenz anderer Genrevertreter erstickt.
Letztendlich kann ich aber definitiv eine Leseempfehlung für eine recht große Zielgruppe aussprechen: für Leser, die sich a) vom Klappentext angesprochen fühlen oder b) ein kurzweiliges Lesevergnügen „für Zwischendurch“ genießen wollen und c) in das vom Roman angesteuerte Zielpublikum gehören – ihr werdet mit der Lektüre sicherlich eure Freude haben.

„Wie man bei Regen einen Berg in Flip-Flops erklimmt“ ist ein kurzweiliges Lesevergnügen, das durch seinen süßen Charme gut unterhält

Bewertung vom 09.09.2019
Eve of Man (I)
Fletcher, Tom; Fletcher, Giovanna

Eve of Man (I)


gut

Das Ehepaar Giovanna und Tom Fletcher entwerfen in ihrem gemeinsamen Werk „Eve of Man – Die letzte Frau“ die bedrückende Vision einer Gesellschaft, die keine Frauen mehr gebären kann. Doch in diesem Szenario gibt es die eine gewaltige Ausnahme – Eve, die als einziges Mädchen wider Erwarten gesund zur Welt kommt und an der nun nicht weniger als die Hoffnungen der gesamten Menschheit auf weitere Existenz haften. Der Roman setzt sich stark mit einer moralischen Frage auseinander: Wie viel Verantwortung darf man ihr auflasten? Welche weiteren Leseeindrücke ich aus der Lektüre gewinnen konnte, das erfährst du in der folgenden Rezension – viel Spaß!
Das im Roman etablierte System übte auf mich große Faszination aus. Dem Autorenpaar gelingt ein balancierter Akt zwischen den Erwartungen und Hoffnungen sowohl der Wissenschaft als auch der restlichen Menschheit und der Selbstbestimmtheit der jungen Protagonistin. Dabei befindet sich man als Leser in einer neutralen Position, da man die Ideologie aus verschiedenen Perspektiven betrachten darf und somit als abwägender Beobachter auftritt: So setzte auch ich mich während der Lektüre mit der Frage auseinander, ob und wenn ja, wie sehr man die Freiheit eines Individuums für das Gemeinwohl einschränken darf.
Durch einen authentischen und einfach zu lesenden Schreibstil führen die Autoren ihre Leser schnell in die Umstände ein. Leider verlieren sie sich auf einer gut vierhundertfünfzig Seiten langen Strecke doch mehrmals in repetitiven Abläufen, die stark an Aufmerksamkeit und Geduld des Publikums einbüßen. Zu lange passiert nichts, zu angestrengt konzentriert man sich auf einzelne Facetten – fast grenzten die sich ständig untereinander ähnelnden Gedankenspiele der Figuren für mich an schlaffe Demotivation und Langeweile. Gut hundert Seiten herauszustreichen, hätten dem Buch keine essenziellen Inhalte entzogen und stattdessen eine straffere, stärker ausgeglichene Handlung zur Folge gehabt.
Eve funktioniert als nahbarer Protagonist, die eine überzeugende Entwicklung durchschreitet und gleichzeitig als Dreh- und Angelpunkt für die gesamte Handlung fungiert. Ihre Gefühle für Bram, die erst das Hinterfragen ihrer eigenen Situation lostreten, scheinen zwar etwas sehr weitgeholt, erfahren hier aber an so schwerer Gewichtung, dass es zynisch wäre, sie anzuzweifeln – eben weil sie die Basis sind, auf die der Roman baut. Bram ist ein Stück weit das genaue Gegenteil zu ihr; er ist impulsiv und wild entschlossen. Obwohl sie im Laufe des Buchs nur wenig persönlich miteinander interagieren, ist die Sehnsucht nacheinander der führende Leitgedanke.
Der sozialkritische Aspekt ist meiner Meinung nach sehr gelungen, bleibt aber hinter seinen Möglichkeiten zurück. Der Antagonist ist zu glatt gebügelt; die Fronten sind zu sehr in das alte Gut-Böse-Korsett gezwängt. Der Leser bekommt nur wenige Informationen über den Zustand der gesamten Bevölkerung, sondern blickt nur in einen Einschnitt der gegen die Ungerechtigkeiten protestierenden Bevölkerungsgruppe und der am längeren Hebel sitzenden Machtausübenden. Den Fokus zu weiten, hätte dem Buch zumindest aus meiner Sicht gut getan. Aber dennoch ist positiv anzumerken, dass das Autorenpaar es schafft, durch einige interessante Ansätze sowohl auf der moralischen als auch der machtpolitischen Ebene zum Nachdenken anzuregen.
Wenn ich jetzt abschließend zu einem Fazit meinerseits gelange, dann stehe ich dem ersten Band von „Eve of Man“ mit gemischten Gefühlen gegenüber. Er schöpft sein großes, durch ein hervorragendes und hochspannendes Grundszenario gegebenes Potenzial nicht vollständig aus. Der Roman erzählt eine zum Ende hin rasante Handlung, die in einem großen, wenngleich vorhersehbaren Showdown mündet, die viele gute, lobenswerte Spuren verfolgt. Für beinahe jedes positive Argument fallen mir aber einige negative Aspekte ein, die das Buch besser gemacht hätten als das Mittelmaß, in dem es leider für mich abschließend angesiedelt ist.

Bewertung vom 08.09.2019
Krieg der Städte / Mortal Engines Bd.1
Reeve, Philip

Krieg der Städte / Mortal Engines Bd.1


sehr gut

Science-Fiction-Autoren entwerfen in ihren Büchern oftmals ein futuristisches Bildnis: Wie werden sich technische Entwicklungen, menschliche Entscheidungen und umwelttechnische Faktoren verändern – ja, wie sieht das Leben in der Zukunft aus? Philip Reeve etabliert im Auftaktband der erfolgreichen „Moral Engines“-Saga das Prinzip des sogenannten Städtedarwinismus: Sich auf Rollen bewegende Traktionsstädte fressen kleinere Dörfer auf; diese wiederum bedienen sich an noch kleineren Ortschaften und so weiter. Der Roman wird eröffnet durch eine solche Sequenz, in der London die Jagd auf die kleine Schürferstadt Salthook eröffnet. Welche Eindrücke ich aus der Lektüre gewinnen konnte, das erfährst du in der folgenden Rezension. Viel Spaß!
Das bereits in der Einleitung skizzierte Szenario übte auf mich große Faszination aus. Es erschien mir total innovativ und unverbraucht – ja, nahezu revolutionär – und bietet als Kulisse eine unerquickliche Fülle an Möglichkeiten für den Autor, das gesamte Potenzial auszuschöpfen. Philip Reeve etabliert eine hochspannende Vision der zukünftigen Gesellschaft, die sich zunehmend in autonome Organismen, also einzelne Städte auf Rädern, zersplittert und ebenfalls mit dem Auseinanderdriften der Arm-Reich-Schere zu kämpfen hat.
Dass gleich zwei Figuren aus sozial unterschiedlichen Milieus als Protagonisten fungieren, deren eigene Handlungsstränge stetig parallel zueinander laufen, empfinde ich als gelungene Methode, eine vielschichtige Geschichte zu erzählen, die das Geschehen aus den Extremen der Perspektive beleuchtet. Die Spannung ist so auf einem konstant hohen Niveau. Das Erzähltempo bleibt über die mehr als dreihundert Seiten recht rasant – der Autor erschafft geschickt auf seiner Strecke einzelne Höhepunkte, ohne dabei das angestrebte Ziel aus den Augen zu verlieren.
Philip Reeve besitzt einen Schreibstil, an den ich mich zunächst gewöhnen musste. Zwar packt er seine Leser flink und begeistert sie schnell für sein Szenario; so schreibt er aber doch häufig seltsam hölzern und ungelenk. Seinen Figuren fehlt es an nötigem Tiefgang – die Hauptfigur Tom wirkt in ihrem Umfeld häufig wie eine von den Umständen vorangetriebene Marionette, der es an einem eigenen Wertesystem mangelt, mit der sie die Entwicklungen betrachtet. Sie ist nicht der Stütz- und Bezugspunkt für den Leser, wie sie es sein sollte. Bei der Ausarbeitung von fiktiven Räumen, die seine Charaktere betreten, beweist er hingegen großes Talent, da man sie sich hervorragend bildlich vorstellen kann – und hier sicherlich ein gutes Fundament für die visuelle Gestaltung der 2018 erschienenen Buchverfilmung bietet.
Die einzelnen Handlungsstränge lassen zunächst recht lange im Dunkeln darüber, welche Richtung der Roman letztendlich einschlagen wird. Reeve kreiert aber sehr gekonnt einen atemlosen Showdown, der geschickt offene Enden miteinander verbindet, und einige unvorhergesehene Wendungen bereithält. Somit entlässt uns der Autor in ein recht klares Ende, sodass „Krieg der Städte“ durchaus als eigenständiges, alleinstehendes Werk betrachtet werden kann, aber definitiv Lust auf die drei bereits erschienen Folgebände weckt.
Hester als großer Gegenpol zu Tom funktioniert ziemlich gut. Sie ist, ganz im Gegenteil zu ihm, zu einem klaren Ziel hingewandt und vertritt eigene Motivationen, die durch ihre bewegende Hintergrundgeschichte für mich nachvollziehbar hervortreten. Als Antagonist kristallisiert sich immer deutlicher eine bestimme, hier aber namenlos bleibende Figur heraus, deren Anregungen zwar verständlich, aber doch enttäuschend blass und uninteressant bleiben. Weiter möchte ich kurz anmerken, dass mich die geistige Entwicklung der Figur Thaddeus Valentine nicht überzeugt hat – der Gedankenumschwung auf den letzten Seiten ist sehr unglaubwürdig.
Letztendlich überwiegt aber doch sehr deutlich das Positive.

[...] - Die Fortsetzung finden Sie, der begrenzten Zeichenanzahl geschuldet, auf meinem Blog.

Bewertung vom 07.09.2019
Simon vs. the Homo Sapiens Agenda
Albertalli, Becky

Simon vs. the Homo Sapiens Agenda


ausgezeichnet

Es ist zweifelsohne ein waschechter Publikumsliebling – mit zahlreichen Preisen überschüttet und auch in der Bloggerlandschaft hochgepriesen: Die Rede ist von Becky Albertallis Debütroman „Simon vs. the homo sapiens agenda“; im Deutschen „Nur drei Worte“. Das Werk befasst sich mit einem Jugendlichen, der mitten in seiner Phase des Coming-outs steht, und kann mit einer spielerischen Leichtigkeit eine große Inspiration für alle Menschen sein, die sich in einer ähnlichen Lage befinden. Welche Leseeindrücke ich aus der Lektüre gewinnen konnte, das erfährst du in der folgenden Rezension.

Ja, ich habe vorliegendes Buch auf Englisch gelesen – und es nicht bereut. Die Schriftstellerin hat einen leicht zu lesenden, authentischen Schreibstil, der so gut den jugendlichen Nerv der Zeit trifft, ohne ihn zu sehr nachahmen zu wollen. Mit ihrem Charakter Simon entwirft sie eine glaub- und liebwürdige Hauptfigur, in deren emotional chaotisches Inneres man als Leser gerne schlüpft. Seine Motivationen, Ängste und Entscheidungen werden nachvollziehbar und verständlich dargestellt.

Die Autorin schafft einen unverkrampften Umgang mit dem Thema Homosexualität: Sie stellt sie nämlich als vollkommen normal dar – und ist genau durch diese Tatsache so revolutionär. Dabei beschönigt sie keineswegs die Umstände; gerade das Coming-out erfährt genau die Gewichtung, die ihm im heutigen Umfeld (leider) immer noch zusteht. Die Verzweiflung und der äußere Druck des Protagonisten, sich geradezu outen zu müssen, porträtiert Albertalli eindrucksvoll und macht somit die emotionale Beklemmung und Einengung nahezu greifbar.

Auch die übrigen Personen können durch ihre vielschichtigen, farbenfroh-schillernden Charakterzüge glänzen und erweitern das Ensemble rund um die Titelfigur um wertvolle Mitglieder. Dabei ist vor allem Simons gefühlsmäßiges Gegenstück Blue eine spannende Ergänzung: Die ganzen E-Mail-Passagen zwischen den beiden knistern förmlich vor unter den Zeilen verstecktem Charme und bringen eine angenehme Abwechslung in den sonstigen Schreibfluss aus Simons Ich-Perspektive.

Aus erster Linie kann ich berichten, dass „Simon vs. the homo sapiens agenda“ für diejenigen, die sich gerade in einer Phase der sexuellen Orientierung oder des öffentlichen Bekundens der eigenen Ausrichtung befinden, ein wertvoller Mutmacher ist, der durch seine schiere Warmherzigkeit den Glauben an die Menschheit zurückgibt. Ich kann mich nicht erinnern, ein ähnliches Buch gelesen zu haben, das mir derartig aus dem Herzen spricht – und mir einfach gut tut! Es bestärkt den Leser in seiner eigenen Auslebung und zeigt, dass man nicht alleine ist. Dass es nicht immer einfach ist, ja, aber dir der Mut, die eigene Sexualität offen kundzutun, langfristig helfen wird.

Und ja, ich kann verstehen, wenn man vorliegende Lektüre etwa als zu kitschig empfindet – aber so ist es doch die vordergründige Absicht der Autorin, eine gewöhnliche Liebesgeschichte zu erzählen. Allein durch den beiläufig erscheinenden Fakt, dass ihre Hauptfigur eben nicht heterosexuell ist, eröffnet sie diese Thematik einem breiteren Lesepublikum und weist dadurch die Banalität von Homophobie auf. Und wenn mich ein Buch motiviert, aufzustehen, zu sagen, dass ich schwul bin; dann ist das ein langfristiger Effekt, den „Simon vs. the homo sapiens agenda“ auf mich hat und dem ich ihm hoch anrechne. Ich möchte mich herzlich bei der Autorin für dieses fortschrittliche, ja befreiende Werk bedanken, das schon so lange notwendig war.

„Simon vs. the homo sapiens agenda“ ist ein großartiges, inspirierendes Lesehighlight und ein warmherziger, wichtiger Mutmacher, der mir wahrlich aus dem Herzen spricht.

Bewertung vom 03.09.2019
Der Turm der Gefangenen / Evolution Bd.2
Thiemeyer, Thomas

Der Turm der Gefangenen / Evolution Bd.2


gut

Im direkten Anschluss an den ersten Band schreibe ich nun meine Rezension zum Mittelteil der Jugendbuchtrilogie „Evolution“, der den Titel „Der Turm der Gefangenen“ trägt. Die Handlung rund um Jem, Lucie und ihre Freunde setzt unmittelbar nach dem Ende von Teil 1 ein – für all diejenigen, die jedoch zuvor ihr Gedächtnis auffrischen wollen, ist eine Zusammenfassung des bisher Geschehenen abgedruckt. Wie mir die vorliegende Lektüre – auch im direkten Vorgleich zu seinem Vorgänger – gefallen hat, das erfährst du in der folgenden Rezension.

Der Schreibstil von Thomas Thiemeyer ist einfach zu lesen, die Kapitellänge angenehm kurz, sodass man auch diesen Band zügig beenden kann. Das bereits bekannte Figurenensemble wird durch einige Figuren erweitert, die diese Lektüre um einige bemerkenswerte Facetten ergänzen. Die Protagonisten treffen paradoxerweise in der Zukunft auf Zivilisation, die in jeglicher Hinsicht atavistisch erscheint. Das Aufeinandertreffen verschiedener Weltansichten und die Reibung aneinander sind ziemlich interessant. Dieses neue System, auf das die Freunde treffen, wird jedoch unzureichend erläutert – wie ist es zu diesem rückschrittlichen Entwicklungen gekommen; woraus speist sich die Denkart dieser Menschen? – schließlich sind Veränderung und das Ende der Menschheit doch zentrale Themen dieser Trilogie!

Die schwächelnde charakterliche Ausarbeitung, die ich an „Die Stadt der Überlebenden“ bemängelt habe, scheint hier ein Stück weit besser gelungen zu sein. Ich hatte nicht so oft das Gefühl, die Figuren wie durch ein Fernglas zu beobachten, sondern ihre Motive und Beweggründe wirklich nachvollziehen zu können. Diese Verbesserung resultiert, so meine These, aus der Figur Marek: Er hat sich seit Teil 1 aus seiner Klischeerolle als aufmüpfiger Möchtegernanführer befreit und eine starke Veränderung durchlebt, die jeder Glaubwürdigkeit entbehrt – seine Motive werden lediglich oberflächlich angerissen und stoßen bei mir keineswegs auf Nachvollziehbarkeit. Dass ich jedes Mal erzürnt die Stirn runzeln musste, wenn er ins Spiel trat, lenkt die Aufmerksamkeit stark von den übrigen Charakteren ab, deren eventuelle Defizite somit nicht so stark hervortreten.

Der zivilisationskritische Aspekt wird durch die Entdeckungen der Jugendlichen stärker hervorgehoben: Der Mensch als höchstes Wesen und die Handlungsweisen der Charaktere im Umgang mit fremden Spezies werden kritisch hinterfragt. Das Aufeinandertreffen mit den Squids ist eines der Höhepunkte des Romans – hier entblößt der Autor das gesamte Potenzial seines Szenarios. Gerne mehr in diese Richtung, Herr Thiemeyer!

Leider ist auch in „Der Turm der Gefangenen“ ein frühes Stadium der Orientierungslosigkeit festzustellen. Welcher Aspekt fungiert als treibende Kraft; wohin entwickelt sich die Geschichte fort? – Fragen, die (noch) keine Antwort finden. Das Aufsuchen der Zeitspringer als mögliche Rückkehr nach Hause; das Sammeln von Informationen über den Verbleib der Menschheit; die Auseinandersetzung mit der Spezies der Squids; das Retten der Burgleute; die Flucht und die sich entflammende Liebesgeschichte zwischen den Hauptfiguren – das alles sind Handlungsstränge, die wie in dem Roman angerissen werden, aber wie Puzzleteile auf die Verbindung untereinander warten. Und so wird sich erst rückwirkend mit dem Ende des dritten Teils herausstellen können, wie ich die gesamte Trilogie empfinde. Denn erst da zeigt sich, welchen Weg der Autor für seine Reihe vorsieht und einschlägt.

Insgesamt bleibt die vorliegende Lektüre etwa auf dem gleichen Niveau wie sein Vorgänger, wenn sie nicht sogar ein kleines Stück besser ist. Ein offenes und vielversprechendes Ende machen Lust auf den abschließenden Band der Reihe. Denjenigen, die den ersten mochten, kann ich also diesen zweiten Teil ebenfalls ans Herz legen.

„Evolution: Der Turm der Gefangenen“ ist eine packende Fortsetzung, die die Handlung auf ähnlichem Niveau wie ihr Vorgänger weiterführt.

Bewertung vom 03.09.2019
Die Stadt der Überlebenden / Evolution Bd.1
Thiemeyer, Thomas

Die Stadt der Überlebenden / Evolution Bd.1


gut

Im deutschen Sprachgebrauch definiert der Begriff „Evolution“ allgemein die langsame, bruchlos fortschreitende Entwicklung besonders großer oder großräumiger Zusammenhänge. Jem und Lucie finden sich nach einer Notlandung nicht länger in der Welt wieder, die sie zuvor verlassen haben – sondern in einem menschenverlassenen, von Pflanzen bewachsenen Areal, in dem es die gesamte Tierwelt auf sie abgesehen zu haben scheint. Mit dem Terminus „Evolution ist unaufhaltsam. Evolution ist unausweichlich. Sie macht vor niemandem halt. Auch nicht vor uns“ führt Star-Autor Thomas Thiemeyer in das Szenario seiner gleichnamigen Jugendbuchtrilogie aus dem Arena-Verlag ein. Wie mir die Lektüre gefallen hat, das erfährst du in der folgenden Rezension.

Der rasante Beginn ermöglicht dem Leser einen reibungslosen, flotten Einstieg in das Geschehen. Thiemeyer schafft es, seine jugendliche Zielgruppe schnell an das Szenario heranzuführen und für sich zu begeistern. Das Buch ist leicht zu lesen, die Kapitellänge ziemlich kurz, sodass man für die Lektüre keinen hohen Zeitaufwand benötigt und auch „Lesemuffel“ hiermit ihren Spaß haben dürften.

Das Szenario hat viel Potenzial. Ich konnte mir bei den lebhaften Schilderungen des Autors die überwucherte Umgebung, die sich buchstäblich von der Natur zurückgeholt wurde, gut vorstellen und innerhalb dieser Welt von wilder Schönheit versinken. Thiemeyer trägt sekundär zivilisationskritische Noten heran, indem er seine Vision einer unbeschadeten, friedlichen Landschaft teilt. So würde es hier ohne Menschen aussehen – das ist der Ton, der dabei mitschwingt und, ohne zu sehr mit dem moralischen Zeigefinger zu argumentieren, zum Nachdenken anregt.

Wir verfolgen hauptsächlich Jem und Lucie als tragende Protagonisten, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird. Bei der Figurenausarbeitung habe ich mir weitaus mehr Tiefe gewünscht. Die Charaktere kratzen oft lediglich an der Oberfläche, die Motive nur grob skizziert. Leider bedient sich der Autor dabei vergangener, hölzerner Klischees, die schon lange nicht mehr den jugendlichen Zeitgeist treffen. Einige Personen wirken so stark marionettenhaft, ja starr in ihrem eigenen Tun und nicht wie einzelne schillernde Individuen, die zum Treffen eigener Entscheidungen befähigt sind.

Zudem weiß „Die Stadt der Überlebenden“ nicht so recht, wo es hinmöchte. Ich habe den zweiten Band im direkten Anschluss gelesen und konnte keinen thematischen Abbruch erkennen. Das vorliegende Buch hat keinen eigenen Spannungsbogen; innerhalb der Trilogie kein Alleinstellungsmerkmal; kein wirkliches Ziel, auf das es hinarbeitet. Es mangelt an einer antreibenden Kraft, die das Geschehen nach vorne treibt; und so wirkt der Roman teilweise nur wie eine Aneinanderreihung etappenweise spannender Sequenzen. Hier wünsche ich mir mehr Konsequenz bei der Ausarbeitung einer eigenen Grundhandlung für jeden Band der Trilogie, die im Schatten des Gesamtkonzepts steht.

Letztendlich lässt sich sagen, dass dieser Auftakt zur Jugendbuchreihe „Evolution“ ein nettes Leseabenteuer für eine junge Zielgruppe ist – mehr aber auch nicht. Ich fühlte mich über dreihundertfünfzig Seiten hinweg gut unterhalten, einen bleibenden Eindruck konnte der Roman in mir jedoch nicht hinterlassen. Daher spreche ich speziell für diejenigen eine Empfehlung aus, die sich vom Klappentext angesprochen fühlen.

„Evolution“ ist ein rasantes Leseabenteuer mit interessantem Grundszenario, das trotz einiger erzählerischer Schwächen kurzweilige Unterhaltung bietet.

Bewertung vom 01.09.2019
Spinster Girls 02 - Was ist schon typisch Mädchen?
Bourne, Holly

Spinster Girls 02 - Was ist schon typisch Mädchen?


gut

Holly Bourne ist Autorin der großen „Spinster Girls“-Trilogie, die im dtv-Verlag erschienen ist. Jeder Band wird aus der Perspektive eines der drei Mitglieder des ursprünglichen „Spinster Clubs“ erzählt – einer Gruppe, die sich über alltägliche Probleme eines weiblichen Menschen austauschen. Zentral steht im zweiten Band „Was ist schon typisch Mädchen?“ Protagonistin Lottie, die aufgrund eines sexistischen Vorfalls ein Experiment startet, das bald schon viel größere Ausmaßen annimmt als zunächst gedacht. Ob dieser Teil mit dem hervorragenden Auftakt der Reihe mithalten kann und welche weiteren Leseeindrücke ich aus der Lektüre gewinnen konnte, erfährst du in der folgenden Rezension.

Die Autorin schafft einen unmittelbaren Einstieg in das Geschehen, sodass man sich als Leser schnell wieder in dem Szenario zurechtfindet. Der Perspektivwechsel von Band zu Band stellt sich zügig als kluge Idee heraus, da der Fortgang der Handlung nun durch ein neues Augenpaar beobachtet werden kann und der Roman somit einen eigenen Charakter verliehen bekommt, der ihn von seinem Vorgänger deutlich abgrenzt.

Der Schreibstil von Bourne ist lebendig und mitreißend. Sie erzählt die Geschichte so gewitzt, dass es teilweise so wirkt, als würde sie dir gerade von der besten Freundin erzählt werden. Die einzigartige Chemie zwischen den drei Mädchen des „Spinster Clubs“ stimmt auch in diesem Band und es bereitet echte Freude, sie während ihres Alltags zu begleiten.

Dass sich eine Jugendbuchreihe auf so herrlich unkomplizierte und unverkrampfte Art und Weise mit einer wichtigen Thematik wie Sexismus umgehen kann, das beweist dieser Band erneut. Mir hat das Buch echt die Augen geöffnet, wie genderunterschiedlich man sich teilweise in der Gesellschaft äußert. Doch hat „Was ist schon typisch Mädchen?“ mit einigen Schwächen zu kämpfen, durch die er im direkten Vergleich zum Vorgänger ermattet.

Lottie eignet sich nämlich nur bedingt als Protagonistin für den vorliegenden Roman. Auf Dauer entpuppt sie sich als sehr anstrengende Person, bei der es schwer fällt, sie über vierhundert Seiten lang zu begleiten; sie steht sich im Laufe des Buchs häufig selbst im Weg. Zwar selbstreflektiert sie gegen Ende hin, so fühlt sich der Großteil aber stark angestrengt und repetitiv an, da ständig auf dieselben Elemente Bezug genommen wird.

Ebenfalls hat der Roman selbst mit einigen sexistischen Problemen zu kämpfen: Der männliche Teil der Bevölkerung wird generalisierend mit negativen Attributen verknüpft, ja geradezu heruntergestuft. Was an sich schon problematisch ist, da die Autorin ja zur Gendergleichheit und nicht zu einer Überdominanz der Frau aufrufen möchte – dieses Gleichgewicht sehe ich hier nicht gegeben. Lässt man jegliche feministische Aspekte zur Seite, unterscheidet sich die Lektüre nicht stark von anderen Vertretern ihres Genres und deren belanglosen Plots: Die Protagonistin verliebt sich zunächst gegen ihren Willen in einen erst stumpfsinnigen scheinenden Jungen, der sich offen als antifeministisch ausgibt und der ihr allein wegen seines Äußeren gefällt. Das ist doch ein Widerspruch in sich selbst, oder etwa nicht?

Auch erscheint mir der enorm große Erfolg, mit der ihr öffentliches Experiment gekrönt ist, etwas unrealistisch und weit hergeholt. Natürlich kann die Autorin hier ein inspirierendes Fazit für ihre Leser ziehen und somit ihre Botschaft verdeutlichen; die Glaubwürdigkeit des Romans leidet jedoch ein Stück weit darunter.

Der Konflikt, dem sich die Hauptfigur zunehmend ausgesetzt ist, mildert zumindest teilweise die Tragweite meiner genannten Kritikpunkte. Lottie befindet sich in einer Phase der Selbstorientierung: Ist ihr sexistisches Experiment oder doch ihre akademische Zukunft wichtiger; sollte man die eigenen Ziele mit aller Gewalt erreichen, wenn sich die gesamte Umgebung gegen dich zu stellen scheint? , [...]

Fortsetzung auf meinem Blog, siehe Beschreibung.

Bewertung vom 01.09.2019
Ich gehöre ihm
Gilges, Angela

Ich gehöre ihm


ausgezeichnet

Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wo ich bei dieser Rezension anfangen soll: Im Februar erschien im Oetinger Taschenbuchverlag ein Buch, das meiner Meinung nach viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat – ein Buch, das mich vollkommen überrumpelt hat und auf dessen Wucht ich nicht gefasst war. So ist diese Rezension weniger eine kritische Bewertung als vielmehr eine Buchempfehlung anzusehen. „Ich gehöre ihm“ von Angela Gilges widmet sich wichtigen Tabuthemen wie sexueller Gewalt und Zwangsprostitution und gibt Betroffenen eine Stimme.

Die Autorin hat einen mitreißenden, sehr direkten Schreibstil; sie redet nicht lang „um den heißen Brei herum“, würde man im Volksmund vermutlich sagen. Allein der beklemmende Prolog zieht sofort jegliche Aufmerksamkeit des Lesers an sich und lässt ihn bis zum letzten Kapitel, der letzten Seite, dem letzten Wort nicht mehr los – ja, ich habe die Lektüre an einem einzigen Abend ausgelesen.

Mit Caro etabliert sie eine junge greifbare Protagonistin, die aus dem echten Leben hätte stammen können, so realistisch entwirft die Autorin das Bild ihrer Hauptfigur. Die charakterliche Ausarbeitung in diesem Roman ist außerordentlich gut gelungen. Zwar ist das Figurenensemble zahlenmäßig stark reduziert; Gilges haucht jedoch jedem Individuum genau das richtige Maß an Tiefe ein, sodass jedwede Motive nachvollziehbar erscheinen.

Vor allem aber die Beziehung zwischen Caro und Nick, die hier die tragende Rolle erfährt, wird so plastisch dargestellt, dass ihr verzweifeltes Klammern an (un)erfüllte Wünsche verständlich ist: Sie, und das muss man sich unbedingt vor Augen führen, jederzeit Opfer der Umstände und keineswegs schuldig durch eigene Schwäche. Die innere Entwicklung erscheint äußerst glaubwürdig, von blindem erstem Durch-rosarote-Brille-Sehen bis zur vollständigen Abhängigkeit. Als Leser war ich gut in das Szenario involviert, habe mit den Figuren mitgefühlt und konnte mich sehr gut in die verschiedenen Rollen hineinversetzen.

Ihre Direktheit rechne ich der Lektüre hoch an: Sie will schockieren, möchte unter allen Umständen darauf aufmerksam machen, dass so etwas in der wahren Welt geschieht. Dabei hält sie nicht nur ein eindrucksvolles Plädoyer über die Unterdrückung und schamlose Ausnutzung junger, hilfloser Mädchen bis hin zur Zwangsprostitution auf dem Strich, sondern funktioniert auch als mitreißende Familiengeschichte, die die menschlichen Abgründe näher beleuchtet. Es wird nicht zu sehr mit moralisch erhobenem Zeigefinger erzählt. Der Perspektivwechsel im letzten Drittel des Buchs gibt einen spannenden Einblick in das Innenleben eines Außenstehenden, der in das Szenario ungewollt involviert wird. Das stetige Unterdruckstehen und die Unsicherheit über die nächsten Handlungsmöglichkeiten werden besonders gut deutlich.

Das Ende ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben – eine äußerst düstere und eindringliche Vision, die eine wichtige Geschichte geeignet abschließt. Hier wird geschickt der Bogen zum Anfang der Handlung geschlagen und ein erschreckender Teufelskreis geschlossen, der im Kopf bleibt. Auch im direkten Vergleich zum gleichnamigen ARD-Film (den ich mir im direkten Anschluss zu Gemüte geführt habe) möchte ich die Lektüre als Leseempfehlung herausstellen: Das Buch vermittelt seine Botschaft durch mehr Härte und Bodenständigkeit und viel tieferen Einblicken in die verletzte Gefühlswelt der Figuren, als es der Film schafft.

„Ich gehöre ihm“ ist eine wichtige und schockierende Lektüre, die ich jedem ans Herz legen kann – sie wird dich noch bis weit nach dem Ende fesseln.