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Benutzername: Der Medienblogger
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Bewertungen

Insgesamt 122 Bewertungen
Bewertung vom 03.05.2021
A New Season. My London Dream / My-London-Series Bd.2
Schaefers, Marnie

A New Season. My London Dream / My-London-Series Bd.2


sehr gut

Queere Geschichten sind deshalb so wichtig, weil sie vielen Menschen Identifikationsfläche bieten. Ihnen aufzeigen, dass sie mit ihren Coming-Out-Geschichten nicht alleine sind und keinesfalls abnormal. Sie können in einem Meer von Unsicherheiten und Schamgefühlen ein anonymes Gefühl des Verstandenwerdens geben, wie eine beruhigende Stimme, die dir zusichert, dass du nicht alleine bist.

Andererseits leisten sie aber für einen Großteil der Lesenden auch Aufklärungsarbeit: Auch im Jahr 2021 ist es für viele LGBTIQ*-Personen alles andere als einfach, sich zu outen und jedwede Sexualität, die von der Hetero-Norm abweicht, einzugestehen. Die große Angst: Von außen nicht akzeptiert zu werden, Abstoßung und Diskriminierung zu erfahren. Queere Werke ermutigen Leser*innen aller Art dazu, sich in die fiktiven Personen auf ihrer Suche nach Geschlechtlichkeit und Sexualität hineinzuversetzen. Ihre Zweifel, Ängste und Hoffnungen nachzuempfinden.

„A New Season: My London Dream“ kommt diesem Auftrag nach, ohne belehrend zu wirken: Das Buch bietet einen umfassenden Einblick in das Innenleben von Vincent. Er studiert in London, arbeitet leidenschaftlich in einem Blumenladen und ist trans*. Wir begleiten ihn auf seinem gesamten „Passing“-Prozess und werden Zeugen seiner Ängste, Zwänge und Überwindungen. Das ist sehr eindrucksvoll, denn seinen Kampf muss Vincent auf so vielen Ebenen führen: mit sich selbst, mit seiner Familie und den Freund*innen, mit seinem gesamten Umfeld.

Da die Hälfte des Romans aus seiner Perspektive verfasst ist, konnte ich ein enges Band zu dem Protagonisten entwickeln und fieberte mit ihm mit. Seine Triumphe und persönlichen Erfolge beflügeln mich ebenso wie mich einzelne Beleidigungen und Anfeindungen erschüttern und wachrütteln. In meiner links-grün-versifften Filterblase auf Instagram vergisst man schnell: Homo- und Transphobie sind auch heute noch Teil unseres Alltags.

Marnie Schaeffers schreibt locker und leicht, man fliegt förmlich durch die Seiten. Als angenehme Lektüre für Zwischendurch besitzt „A New Season“ das genau richtige Erzähltempo. Doch lässt sich der Autor auf über 500 Seiten erstaunlich viel Zeit, seine Handlung auszuschmücken: Das Buch verlässt vorhersehbare Pfade nur selten, der gesamte Spannungsbogen fühlt sich sehr „straight forward“ an – hier ist nur selten Platz für Überraschungen.

Neben Vincent als stark ausgearbeiteter Protagonist wirkt Tracey teils etwas glattgebügelt. Dennoch versucht sie ihm durchweg mit ihrer niedlichen Naivität und durchgehenden Freundlichkeit einen reibungslosen Einstieg in ein tolerantes Umfeld nach seinem Coming-Out zu ermöglichen. Sie setzt sich an den richtigen Stellen für ihren Partner ein, das rührt mitunter sehr. Auch einige Nebenfiguren sind teils etwas oberflächlich geraten. Die immer wiederkehrenden Blumen sind ein rührendes Detail, das die Begeisterung des Autors für die Floristik unter Beweis stellt.

So ist es vor allem das Ende, das mich etwas zähneknirschend zurücklässt: Durch das abgehackte Ende werden wichtige Schlüsselpunkte in der persönlichen Entwicklung der Figuren ausgeklammert, ja, fast schon lieblos „abgefrühstückt“. Im Folgenden einige Beispiele (Vorsicht, etwaige Spoiler!).

Wie genau geschieht die Wiederannäherung an die intoleranten Eltern, wie durchstehen die beiden Hauptfiguren ihre innere Zerrissenheit nach der Trennung, wie ergeht es Vincent mit weiterführenden geschlechtsangleichenden Operationen in seinem Körper? Hier fühlte ich mich als Lesender etwas im Stich gelassen.


Fazit
„A New Season: My London Dream“ ist etwas zu kitschig und lang geraten – und nimmt gleichzeitig einen wichtigen Aufklärungsauftrag wahr, ohne belehrend zu wirken. Das Werk unterstreicht die Wichtigkeit queerer Repräsentation in der heutigen Literatur.

3,5/5 Sterne

Bewertung vom 16.03.2021
Sie hat Bock
Lewina, Katja

Sie hat Bock


ausgezeichnet

Auch Frauen empfinden Lust und sollen das öffentlich kundtun dürfen, findet Autorin Katja Lewina. Mit „Sie hat Bock“ legt sie ein schlagfertiges Manifest feministischen Gedankengutes vor. Eine Rezension von Johannes Streb

„Sie hat Bock“: Legitimation der weiblichen Lust als Hauptaspekt
Kinder lachen auf, Jugendliche werden rot, Erwachsene schrecken zurück – die Offenheit gegenüber Sex ist hierzulande erschreckend gering. Vor allem Frauen dürften erschreckend wenig ihres sexuellen Bedürfnisses zeigen, so Lewina. Viele Sexualpartner*innen seien bei Männern ein eindeutiges Anzeichen von Attraktivität und Sex-Appeal; Frauen hingegen würden hier wegen hurenartigen Verhaltens diskreditiert werden. Auch Frauen dürfen Lust empfinden und sie zeigen, das ist einer der zentralen Aspekte des vorliegenden Werks „Sie hat Bock“.

Lewina tritt in „Sie hat Bock“ für Selbstmündigkeit und Emanzipation ein
„Sie hat Bock“, das ist der kämpferische Titel eines mutigen Buchs, das versucht, tiefgreifende sexistische Überzeugungen aufzubrechen. Die Autorin tritt für weibliche Selbstmündigkeit ein, für Emanzipation von konservativen Konstrukten und für die Legitimation weiblicher Lust. Es ist menschlich, etwas zu wollen – und nicht nur gewollt zu werden.

Dabei kritisiert sie offen und nimmt kein Blatt vor den Mund. Trotz vieler Anzweiflungen und Negativberichte über die aktuelle Situation klingt ihre Argumentation nie gejammert: Lewina begründet ihre Argumente schlüssig und erklärt ihre Standpunkte anhand subjektiver Erlebnisse. Sie erhebt nicht den Anspruch, dass ihre Eindrücke verallgemeinert ebenso gelten.

Konstruktive Handlungsanweisungen statt ewiger Kritik
Ich bewundere den Mut der Autorin, sich über jahrelang festgefahrene gesellschaftliche Konfessionen hinwegzusetzen. Sie stellt eine offene, tolerante und aufgeklärte Gesellschaft als anstrebenswerte Vision in Aussicht, in der Sex kein Tabuthema und Frauen allumfassend gleichgestellt sind – und gibt dafür zahlreiche konstruktive Handlungsvorschläge, die wir alle umsetzen könnten, um dafür einzugestehen.

Der Aufbau des Buchs ist schlüssig; in zahlreichen kurzen Kapiteln sie beleuchtet viele verschiedene Aspekte, in denen feministische Denkweisen förderlich wirken könnten. Ihr Schreibstil reißt schnell mit. Sie schreibt sehr locker, das Lesen fühlt sich angenehm an, sie verzichtet (oftmals) auf eine unnötig derbe Ausdrucksweise. Trotz einer knappen Buchlänge von gerade einmal 220 Seiten doppelten sich einige Erkenntnisse; diese erzähltechnischen Längen hätten nicht sein müssen.

Unzählige Denkanstöße inspirieren
Für „Sie hat Bock“ möchte ich insgesamt eine unbedingte Leseempfehlung für jede*n aussprechen: Nicht nur für Frauen, die sich in ihrer Position bekräftigt fühlen, sondern auch für Männer und alle, die bereit sind, sich selbst zu ändern, um endlich eine Gleichberechtigung herzustellen. Katja Lewina gibt so viele Denkanstöße, dass mein gesamtes Buch voller Post-Its vollgeklebt ist. Außerdem führt sie einige Recherchequellen auf, die das weitere Einlesen in die Thematik ermöglichen.

Fazit
„Sie hat Bock“ ist ein überzeugendes Manifest über das weibliche Geschlecht – es ist Zeit, aufzuwachen und etwas zu bewegen. Inspirierendes Lesehighlight!

5/5 Sterne – Lesehighlight

Bewertung vom 14.03.2021
Lektionen für ein richtig gutes Leben
Konopka, Nono

Lektionen für ein richtig gutes Leben


sehr gut

Nono Konopka schaffte das Unmögliche: Mit seinem Kumpel Max reiste er in neun Monaten von Berlin nach Peking – mit dem Fahrrad. In dem Ratgeber „Lektionen für ein richtig gutes Leben“ berichtet er über diesen Trip. Eine Rezension von Johannes Streb

Was möchte ich in meinem Leben erreichen? Wo gehöre ich nach dem Abi hin, welchen Weg soll ich einschlagen? Diese existenziellen Fragen nach der eigenen Bestimmung und dem inneren Glück beschäftigen viele Jugendliche und junge Erwachsene. Konopka nimmt sich dieser Zweifel und Ängste an und präsentiert in „Lektionen für ein richtig gutes Leben“ seine eigene Definition eines „richtig guten“ Lebens.

Weltreise auf Drahtesel als spektakulärer Ausgangspunkt
Die Weltreise auf dem Drahtesel ist (natürlich) ein spektakulärer Ausgangspunkt für dieses Werk. Ich hing dem Autoren an den Lippen, was die Hintergründe und exklusiven Informationen zum Roadtrip anbelangt. Der Protagonist, durch dessen Augen wir als Leser*innen sehen, präsentiert sich als sympathischer und inspirierender Zeitgenosse. Über den zweiten Reisenden namens Max erfahren wir über die gut 250 Seiten Buchlänge leider recht wenig.

Das Buch ist gegliedert in zwölf einzelne Tipps, die Nano seinem Publikum mit auf den Weg gibt. Sie bauen größtenteils nicht aufeinander auf, können also auch in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Auf seiner Reise sei er oft in Gedankenkarussells gerutscht und habe sich Gedanken darüber gemacht, was denn für ein glückliches Leben notwendig sei. Die Herleitung dieser Lektionen und seine Argumentation, wie er zu diesen Erkenntnissen gelangte, werden schön deutlich.

Autor erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit seiner Lektionen
Dennoch finde ich seinen Hinweis zu Beginn lobens- und nennenswert, dass er mit diesen Hilfestellungen keineswegs einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Seine Motivation wirkt ansteckend, befeuernd – schließlich konnte er mit genau dieser Selbstdisziplin zwei Grundschulen in Guatemala errichten und zahlreichen Kindern Bildung und die Chance auf ein ebenfalls „richtig gutes Leben“ ermöglichen. Die Lektionen sind aber nicht als allgemeingültig zu werten.

Moderne und ansprechende Innengestaltung
Gestützt werden seine Reiseeindrücke und -anekdoten von abwechslungsreichen und farbprächtigen Bildern, die einen großen Kopfkino-Effekt hervorrufen und der Leser*in einen detaillierten Einblick in die Expedition ermöglichen. Die Buchseiten sind insgesamt sehr ansprechend und modern gestaltet – sie verleiten zum gemütlichen Schmökern.

Nonos Schreibstil mag zwar insgesamt locker und einfach zu lesen sein (ich las das Buch innerhalb von zwei Tagen aus); dennoch empfand ich den strikten Aufbau und die Gliederung in zwölf Lektionen teils als wenig überraschend und spannungsarm. Einige Erkenntnisse doppelten sich, teils wiederholten sich sogar ganze Phrasen. Das wirkt schnell ermüdend.



Weniger Reisebericht, mehr Motivationsbuch

Ich gebe zu, mit der falschen Erwartungshaltung an das Buch herangegangen zu sein: Hinter dem Cover vermutete ich weniger ein Motivations- und Coachbuch, sondern vielmehr einen tagebuchartigen Erfahrungsbericht über die Reise. Es waren weniger die Lektionen, sondern mehr die Erlebnisse während der Radtour, die mich interessierten – erstere stehen aber deutlich im Vordergrund.

Insgesamt bereitete mir „Lektionen für ein richtig gutes Leben“ nichtsdestotrotz unterhaltsame und inspirierende Lesestunden. Die Endszene rundet das Sachbuch auf rührende Art und Weise ab und weckt großes Interesse gegenüber der Netflix-Dokumentation „Biking Borders“, die sich den beiden Radlern widmet.

Fazit
In „Lektionen für ein richtig gutes Leben“ erzählt Nono Konopka spannende Anekdoten über seine total verrückte Fahrradreise rund um den Globus – und schildert, wie sein perfektes Leben aussieht. Das ist motivierend!

3,5 Sterne

Bewertung vom 14.03.2021
Zwischen uns tausend Bilder
Alaei, Neda

Zwischen uns tausend Bilder


sehr gut

Der Verlust eines geliebten Menschen hinterlässt eine klaffende Lücke in unser aller Leben. Der Umgang mit Trauer, Depressionen und Tod ist zentraler Aspekt von „Zwischen uns tausend Bilder“ – eine Rezension von Johannes Streb.

Die 14-jährige Sanna verlor vor einigen Jahren ihre Mutter – und seitdem ist in ihrer Familie nichts mehr so, wie es war. Ihr ging nicht nur ihre Mama als Ansprechpartnerin verloren, sondern sämtliche Stabilität im Leben: Ihr Vater hat seitdem mit Depressionen zu kämpfen, den Haushalt muss sie eigenständig schmeißen, emotionalen Zusammenhalt bekommt sie nur selten zu spüren.

Ich wünschte, man könnte es fotografieren, das Gefühl, der letzte Mensch auf Erden zu sein.

Sanna trägt Handlung von „Zwischen uns tausend Bilder“ authentisch auf den Schultern

Sie entpuppt sich über die zweihundert Seiten Buchlänge als jederzeit nachvollziehbare und sympathische Protagonistin. Ihre beherrschte, oft selbstlose Handlungsweise empfand ich oft als inspirierend und bewundernswert – ich möchte ja weiß Gott nicht in ihrer Haut stecken.

Denn ihre persönliche Situation spitzt sich zunehmend zu; ihr Willen, die Situation trotz all der Bausteine, die ihr in den Weg gelegt werden, eigenständig zu meistern, ist unermesslich. Das Buch lässt trotz der bedrückenden Umstände noch genügend Platz für Hoffnung und jugendliche Fantasien: Die schwedische Band „Kent“ beispielsweise ist ein berührender Auffangplatz für sie, der sie mit ihrem Vater verbindet und ihr Kraft schenkt.

Fotografie als authentische Leidenschaft

Die Fotografie ist ihr persönlicher Fluchtweg aus der Alltagswelt hinein in eine analoge Welt, in der sie ihrer Fantasie freien Lauf und ihre Sorgen loslassen kann. Die Leidenschaft für das Auge hinter dem Sucher kaufe ich ihr als Leser jederzeit ab.

Die Idee, mit einer Einwegkamera abwechselnd zu fotografieren und somit eine intime Atmosphäre zu schaffen, stellt einen spannenden Dreh- und Angelpunkt für die gesamte Handlung dar.

Mehr Hintergrundinformationen wären wünschenswert

Die Nebenfiguren in „Zwischen uns tausend Bilder“ sind größtenteils gut ausgearbeitet. Die Leser*innen erhalten einen glaubwürdigen Einblick in ihre innere Handlung. Jedoch fielen mir vor allem bei Sannas Schulkolleg*innen einige plumpe, fast karikative Charakterdarstellungen auf. Die Selbstreflexion ihrer Freund*innen, die sie oftmals vernachlässigten und im Stich ließen, geriet für meinen Geschmack etwas zu kurz.

Ebenfalls fehlten mir einige Informationen zu dem familiären Hintergrund: Ursachen und Auswirkungen des Tods der Mutter, Verlauf über das emotionale Loch, in das der Vater fällt, und Auskunft über seine Lyrik, um nur einige Beispiele zu nennen. Zudem bleibt die Frage offen, ob sich die Familie von den Vorkommnissen erholen und wie sie sich weiterhin entwickeln wird. Etwas mehr Ecken und Kanten hätte ich mir hier gewünscht.

„Zwischen uns tausend Bilder“ hätte sich etwas mehr Zeit lassen können

Natürlich ist die kurze Buchlänge von gerade einmal zweihundert Seiten angenehm zum „Zwischendurch-Lesen“. Neda Alaeis Schreibstil reißt von Beginn an mit – er ist einfach zu lesen, einfühlsam und stellenweise poetisch. Das Erzähltempo reißt nie ab und weist keine spannungstechnischen Lücken auf.

Wenn sich die Lektüre aber etwas mehr Zeit gelassen hätte, hätte sie eine deutlich tiefer greifende Wirkung erzielen können. Dennoch bietet „Zwischen uns tausend Bilder“ durchgehend gute Unterhaltung und führt die jugendliche Zielgruppe gut an die düsteren Thematiken heran. Daher möchte ich eine uneingeschränkte Leseempfehlung aussprechen.

Fazit
„Zwischen uns tausend Bilder“ ist ein Buch, das mir das Herz wärmen konnte. Es führt jugendliche Leser*innen feinfühlig an ernste Thematiken heran.

Bewertung vom 08.03.2021
Influence - Fehler im System
Linker, Christian

Influence - Fehler im System


ausgezeichnet

Wir sind digital, vernetzt, jederzeit online. Suchmaschinen und soziale Netzwerke legen sich wie eine zweite Ebene, eine Art Parallelwelt über unsere Realität. Ich bin es gewohnt, ständig erreichbar zu sein, jeder*m jederzeit zur Verfügung zu stehen. Doch was ist, wenn das gesamte Internet durch einen Hacker-Angriff zusammenbricht? Was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Christian Linker wagt in seinem Thriller „Influence – Fehler im System“ das Gedankenexperiment.

Dass Christian Linker seine jugendlichen Leser*innen in klugen Handlungsbogen an brisante Thematiken heranführen kann, bewies er zuletzt in seinem Near-Future-Roman „Toxische Macht“. Dieses Buch konnte mich so sehr fesseln, dass ich sofort zu seinem Thriller „Influence“ griff, um mich erneut von seinem schreibtechnischen Können zu überzeugen und einige spannende Lesestunden zu verbringen.

Hochspannendes Szenario reißt von erster Seite an mit
Hinter dem Zusammenbruch des Internets verbirgt sich ein extrem spannendes Szenario, das mich sofort packen konnte und zum Nachdenken und Selbstreflektieren anregt.

Dieser gedankliche Exkurs in „Was wäre, wenn…?“-Manier fördert eine erschreckende Zukunftsvision zutage, da diese internationale Katastrophe schon bald erschreckende Ausmaße ausnimmt. Die leider, wenn man die Geschichte „sacken“ lässt, auf mich ziemlich realistisch wirken.

Spannende Protagonisten mit unterschiedlichem Bezug zur digitalen Welt
„Influence“ bietet ein sympathisches und anregendes Protagonisten-Duo: Beide Figuren treffen aus völlig unterschiedlichen Motiven aufeinander und entwickeln unter dem Druck der Umstände eine spannende Dynamik. Ihr Bezug zur digitalen Realität ist mehrfach Reibepunkt für interessante Diskussionen, in die ich mich mehrfach gerne eingeklinkt hätte.

Fesselnde Handlung mit thematischer Tiefe
Das technische Handwerk stimmt im vorliegenden Werk völlig – der gut zu lesende Schreibstil ermöglicht einen flüssigen Einstieg in die Handlung, die mich sofort packen und erst 300 Seiten später wieder loslassen sollte. In „Influence“ gibt es keine einzige Spannungslücke; die Geschichte entwickelt sich tempo- und wendungsreich.

Was für mich an diesem Exkurs am meisten fesselte, war die thematische Tiefe. Inwiefern ist das Internet ein Machtinstrument oder, mehr noch, eine eigene Realitätsebene? Würde uns ein Zusammenbruch der Server in den Ruin stürzen oder kann unsere Gesellschaft auch non-digital existieren und sich koordinieren? Gleichzeitig finden aber auch kritische Stimmen an digitalen und ausbeuterischen Strukturen Platz in diesem Buch.

Ständige Aufmerksamkeit – ein Druckfaktor?
Inwiefern lassen wir uns von dieser ständigen Erreichbarkeit, des ständig auf uns gerichteten Scheinwerfers aus der Bahn werfen? Unter Druck setzen? Spüren wir nicht selbst oft genug Ermüdungserscheinungen und Pausendrang aufgrund des Algorithmus auf Instagram und den ganzen WhatsApp-Nachrichten, die uns minütlich erreichen?

Ist hier auch eine erholsame „Neue Langsamkeit“ denkbar, die uns innehalten und uns auf die verbindenden Elemente sozialer Netzwerke konzentrieren lassen – unabhängig von Konkurrenzdenken und der Suche nach Anerkennung.

Ende gerät etwas platt und plakativ
Dieses alltägliche Thema bringt der Thriller genau auf den Punkt. Er ist knapp gefasst, spannend, brisant. Mein einziger wirklicher Kritikpunkt: das zu gewollte und abstruse Ende. Auch wenn wir bei Christian Linker immer mit einem offenen Ende rechnen müssen, wirkt dieser Abschluss konstruiert zugespitzt und unangenehm plakativ. Ich wünschte mir, der Autor hätte hier zu einer filigraneren und weniger rustikalen Wendung gefunden.

Dennoch möchte ich hier eine uneingeschränkte Leseempfehlung für „Influence“ aussprechen.

Fazit:
In „Influence – Fehler im System“ zeigt Christian Linker einmal mehr sein Talent, brisanten Diskussionsstoff in eine von der ersten Seite an packende Handlung einzubetten. Extrem spannendes Buch!

Bewertung vom 04.03.2021
Jenseits der Goldenen Brücke / Cassardim Bd.1
Dippel, Julia

Jenseits der Goldenen Brücke / Cassardim Bd.1


gut

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Die spirituelle Frage, ob der Mensch nach dem Ableben weiterhin existiert und wenn ja, in welcher Form, beschäftigt uns bereits seit Jahrhunderten und förderte diverse Ansätze zutage: Sei es die strikte Ablehnung dieses Gedankenkonstrukts, sei es die religiöse Vorstellung eines entfernten Ortes, dessen Pforten durch den Tod als Hemmschwelle geöffnet werden, oder sei es die Inkarnation, das Weiterleben in einem anderen Körper. Willkommen in Cassardim…

Klappentext verrät Details des handlungstechnischen Ideenreichtums

In ihrem Jugendroman „Cassardim – Jenseits der goldenen Brücke“ entwirft Julia Dippel eine eigene Vision für die Welt, in die menschliche Seelen nach ihrem Sterben gelangen. Dort herrschen seit Generationen diktatorische Zustände, die aufgebrochen werden müssen. Und ein Herz, das dabei eventuell erobert werden kann. Denn wenn man dem Klappentext diese Informationen entnimmt, werden bereits Großteile der Handlung vorweggenommen. Der Roman erscheint trotz seines Ideenreichtums etwas überraschungskarg und konstruiert.

Der bildmalende, detailverliebte Schreibstil ermöglicht den Leser*innen ein Ganzkörperversinken in das magische Szenario. Dieses besticht durch viele kluge Ideen und auf visueller Ebene. Der Ort für verstorbene Seelen, die vor dem Chaos gerettet werden müssen, ist ein überzeugendes Gedankenexperiment. Außerdem verwickelt die Autorin ernste Thematiken in eine fantastische und verträumte Geschichte.

„World-building“ von Cassardim braucht erschreckend lange

Um dem Lesepublikum klarzumachen, welchen Bogen die Geschichte schlägt und welche Aspekte im Fokus stehen, braucht die Autorin erschreckend lange. Das erste Viertel möchte nicht ganz in das Handlungsgefüge passen und sticht durch ewiges Herumdrucksen und spannungstechnisch klaffende Lücken negativ hervor. Worum geht es in diesem Buch, welchen Herausforderungen müssen sich die Figuren stellen, nach welchen Regeln funktioniert die Welt? Es brauchte Zeit, diese Fragen beantwortet zu sehen und mich in dem Szenario zurechtzufinden.

Nach Startschwierigkeiten gelingt es dem Buch in seiner zweiten Hälfte aber erzähltechnsich umso besser, seine Leser*innen zu fesseln und am Ball zu behalten. Gerade weil sich die Handlung die Zeit und Atem nimmt, um sich zu etablieren, geht gegen Ende hin eine gewisse Vertrautheit mit den Orten und Figuren einher. Einige offene Stränge wecken in mir definitiv Lust auf den Folgeband.

Überzeugende emanzipierte Protagonistin

Amaia ist eine überzeugende Bad-Ass-Protagonistin, die mit ihrer sturen, aber emanzipierten und klaren Denk- und Handlungsweile die Geschichte gut auf den Schultern trägt. Ich war aber doch etwas irritiert, wie schnell sie sich widerstandslos in die neuen Umstände einfügt und nur selten hinterfragt. Auch die Liebesgeschichte gerät über weite Teile stereotyp und vorhersehbar, stört den Lesefluss aber nicht weiter. Insgesamt liegt hier ein unterhaltsamer und überzeugender Einstieg in eine fantasievolle Reihe vor, den ich gerne weiterempfehle.

Fazit:

„Cassardim – Jenseits der goldenen Brücke“ hält, was es verspricht, und bietet fantastische Unterhaltung und eine überzeugende Vision für das Leben nach dem Tod.

Bewertung vom 26.02.2021
Concrete Rose
Thomas, Angie

Concrete Rose


ausgezeichnet

Maverick ist 17. Er ist es gewohnt, dass sein Vater nicht für ihn da ist – denn der steckt wegen des Drogengeschäfts im Gangleben hinter Gittern. Mit seiner Mutter muss Mav den Haushalt alleine stemmen. Bis er eines Tages erfährt, dass er selbst Vater ist – und er droht in dieselben Muster der Rücksichtslosigkeit abzudriften... Das alles in Angie Thomas' drittem Roman »Concrete Rose«.

Mit "The Hate U Give" landete die US-amerikanische Schriftstellerin einen Weltbestseller und legte mit ihrer klugen Beobachtungsgabe den richtigen Roman zur richtigen Zeit vor. Starr fungierte als Bindeglied zwischen dem weißen, privilegierten Bürgertum und dem verarmten Viertel, in dem sie mit ihrer Familie lebt. Thomas führte mir glaubwürdig meine Machtposition vor die Augen, der ich mir zuvor nicht so bewusst war.

Im vorliegenden Werk »Concrete Rose« begeben wir uns einige Jahre in die Vergangenheit, begleiten Starrs Vater Maverick durch das Ende seiner Jugend und die damit verbundenen Probleme. Schnell wurde ich warm mit dem Protagonisten – die Autorin hat ein Gespür dafür, ihr Publikum schnell in das Szenario zu involvieren.

Maverick ist eine sehr glaubwürdige und komplexe Figur. In seine Ängste, Sorgen und Hoffnungen erhalten wir als Leser*innen einen tiefgründigen und glaubwürdigen Einblick. Auch die restlichen Figuren sind gut ausgearbeitet und es bereitet große Freude, sie auf den etwa 400 Seiten Buchlänge zu begleiten.

Meine Lieblingsfigur: Mr. Wyatt, der Mav mit seinen aberklugen und weisen Räten zur Seite steht und der ihm bald als eine der wenigen Stützen in Leben noch bleibt.

Angie Thomas hat einen angenehmen und flüssigen Schreibstil, der den Einstieg in die Handlung sehr einfach macht. Sie schreibt authentisch, trifft den Nerv der heutigen Jugend, ohne gekünstelt zu wirken. Man möchte das Buch schnell nicht mehr aus der Hand legen.

Zügig spitzen sich die Konflikte in »Concrete Rose« merklich zu. Die stetig wachsende Überforderung des Protagonisten überträgt sich wie die Nervosität vor einem großen Auftritt auf die Leser*innen. Sie schließt sich gnadenlos, langsam um mich wie eine Schraubzwinge. Diese innere Unruhe und der nie enden wollende Stress sind "zwischen den Zeilen" sehr gut spürbar – auch wenn deren Triebkräfte teils stark überzogen sind.

Insgesamt kommt »Concrete Rose« um einiges leichtfüßiger und naiver daher als seine Vorgänger ("The Hate U Give", "On The Come Up"). An einigen Stellen fehlt es ihm an dem Sprengkraft und Zündstoff, die Angie Thomas' erste Romane so brisant machten.

Rassismus als strukturelles Problem kommt in diesem Werk eher unterschwellig zur Sprache. Der brodelnde Konflikt zwischen verschiedenen sozialen Schichten eskaliert weniger. Die größte Stärke dieses Buches ist vielmehr die authentische Darstellung der slumartigen Umgebung, in der Mav aufwächst.

Er durchgeht in »Concrete Rose« eine immense innere Entwicklung und muss sich zwangsweise mit den Themen "Schuld" und "Verlust" auseinandersetzen. Dabei hat sich in seinem Umfeld ein Wertesystem etabliert, das seiner eigenen Logik folgt – zu meinen eigenen Überzeugungen ist es aber überwiegend gegensätzlich.

Was bedeutet Verantwortung? Inwiefern muss ich für meine Mitmenschen und für mich selbst Verantwortung übernehmen? Inwiefern bin ich für meine eigenen Fehler zuständig? Darf ich die Schuld auf das Umfeld schieben, in dem ich aufgewachsen bin? Das Stichwort der Verantwortung taucht immer wieder als zentraler Aspekt im vorliegenden Werk auf.

Insgesamt fällt mir durch die fehlende Schlagkraft und einige absurde handlungstechnische Schlenker ein kleiner qualitativer Abstrich gegenüber "The Hate U Give" auf. Nichtsdestotrotz möchte ich euch an dieser Stelle »Concrete Rose« uneingeschränkt ans Herz legen – schon lange habe ich ein Buch nicht mehr so gebannt und gerne gelesen wie dieses.

»Concrete Rose« zeichnet ein authentisches Bild aus der Vergangenheit von Starrs Vater. Das Buch zeigt, wie wichtig Verantwort

Bewertung vom 31.12.2020
Rico, Oskar und das Mistverständnis / Rico & Oskar Bd.5
Steinhöfel, Andreas

Rico, Oskar und das Mistverständnis / Rico & Oskar Bd.5


sehr gut

Als ich zum neuesten und letzten Teil der Reihe rund um Rico und Oskar griff, ahnte ich nicht, eine wie große Freude es mir bereiten würde, in eine Welt zurückzukehren, die mich schon als kleines Kind schon begeistert hat. Mit "Rico, Oskar und das Mistverständnis" legt Beststellerautor Andreas Steinhöfel den fünften und (vorerst) letzten Band der erfolgreichen Reihe rund um die charismatischen Nachwuchsdetektive vor.

Erfolgsrezept funktioniert noch immer
Rico und Oskar haben eine neue Mission: Den Spielplatz, der sich zum regulären Treffpunkt ihrer gemeinsamen Clique etabliert hat, zu retten. Das Grundstück soll nämlich durch einen Immobilienmakler, der seine Geschäfte eher schlecht als recht abzuwickeln scheint, verkauft werden. Sie beginnen zu ermitteln, um das Unausweichliche zu umgehen – und stecken bald schon tiefer in Verstrickungen als beabsichtigt.

Das Erfolgsrezept, mit dem Steinhöfel seine beiden Figuren zu einem festen Begriff in der zeitgenössischen deutschen Kinderliteratur hat aufsteigen lassen, funktioniert nach all den Jahren noch immer. Er entwirft mit Fingerspitzengefühl und liebevollen Beobachtungen realistische Figuren und zeigt so, dass er sein junges Zielpublikum ernst nimmt. Durch die persönliche Ich-Erzählung erhalten die Leser:innen einen tiefen Einblick in Ricos innere Handlung: Er lernt langsam, wie er sein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom selbstbewusst in seinen Alltag integriert und erkennt, dass ihn diese Verhaltensstörung nicht weniger wertvoll macht.

Steinhöfel beweist erneut erzähltechnische Raffinesse
Sein Pendant Oskar ist in so vielen Hinsichten das genaue Gegenteil zu ihm und deshalb ergänzen sich die beiden zu einem so hervorragenden Team, das es eine wahre Freude ist, sie zu beobachten. Sie halten sich gegenseitig auf dem Boden und sind loyal dem anderen gegenüber. In diesem Teil erhält dieses Band eine neue ernsthafte Ebene: Denn durch einen eifersüchtigen Streit wird ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt.

Steinhöfel hat einen humorvollen und authentischen Schreibstil, der sich durch den kreativen Ideenreichtum auszeichnet: Die "Bingokugeln" etwa als Verdeutlichung der niedrigen Konzentrationsschwelle kannte ich noch aus den vorherigen Bänden; ebenso die unterhaltsamen Lexikoneinträge, die sich Rico in sein Tagebuch notiert, wenn er einen schwierigen Fachbegriff nicht kennt. Besonders herausstellen möchte ich aber die einzelnen perspektivischen Wechsel: Getarnt als Auszüge eines fiktiven Buchs namens "Oscars kapitale Abenteuer", werden einzelne Szenen zeitlich an den Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zurückgeworfen. Das ist Steinhöfels sprachlich-stilistische Liebeserklärung an die Romane der Autorin Hedwig Courths-Mahler.

Einige Längen in der Handlung
Auch wenn handwerklich in diesem Buch wirklich alles stimmt, hätte ich mir ein wenig mehr Tempo während der Erzählung gewünscht. Teilweise entwickelt sich die Handlung für meinen Geschmack etwas zu langsam; etwas kürzere Kapitel hätten dem Werk sicherlich nicht geschadet. Die einzelnen Längen zwischendurch haben mich öfter aus dem Lesefluss gerissen. Der Autor verrennt sich zunehmend in ein verwirrendes Spiel, bei dem das Dickicht der einzelnen Figuren und deren Motive nur schwer zu durchdringen ist. Das sind kleine Makel, die nicht hätten sein müssen.

Insgesamt ist aber auch "Rico, Oskar und das Mistverständnis" wieder ein Buch, das man, wenn man die vorherigen Bücher mochte, auf keinen Fall verpassen darf: Dieser Sprachwitz (alleine schon der knuffige Buchstabenverdreher im Buchtitel!), die spannenden Perspektivwechsel, die gut ausgearbeiteten Figuren, deren Freundschaft zu zerbröckeln droht – all das sind Elemente, die diese Reihe unverwechselbar machen. Von mir gibt es natürlich eine klare Leseempfehlung.


Auch der fünfte Teil der berühmten Reihe, "Rico, Oskar und das Mistverständnis" kann durch seine sympathische Art und die herausragende Erzählweise punkten und sowohl junge als auch ältere Le

Bewertung vom 23.11.2020
The Music of What Happens
Konigsberg, Bill

The Music of What Happens


gut

Jordan ist schlank, introvertiert, literaturbegeistert, lebt zusammen mit seiner Mutter in einer kleinen Wohnung. Das Einzige, was von seinem Vater übrig ist: Ein leerstehender Food-Truck. Seine Mutter ist psychisch überfordert; das finanzielle Überleben der Familie bleibt an ihm hängen. Er befürchtet das Schlimmste. Bis Max auftaucht und fortan in dem alten Wagen mithilft. Eine besondere Beziehung beginnt.

Jordan und Max sind die beiden Hauptfiguren, aus deren Sicht die Geschichte abwechselnd erzählt wird: Beide tragen ihre eigenen Sorgenpakete mit sich herum, in ihnen brodelt ein Emotionskochtopf. Nur so viel: Die Triggerwarnung zu Beginn des Romans ist nicht ohne Grund angebracht.

Die Ansprache von ernsten Thematiken wie Rassismus, Sucht, sexueller Missbrauch und Selbstzweifel ist einer der stärksten Aspekte des Buchs. Der Autor personifiziert einige Tabuthemen durch seine zwei unterschiedlichen Protagonisten und zeigt den Leser:innen, dass der Umgang mit den eigenen Ängsten alles andere als einfach ist, sie mit diesen Problemen aber nicht alleine sind.

Der Schreibstil lädt zum gemütlichen Schmökern ein. Schnell konnte ich mich in dem Geschehen zurechtfinden und mit dem kleinen Figurenensemble anfreunden. Trotz eines stolzen Buchumfangs von etwa vierhundertfünfzig Seiten fühlte ich mich durchweg gut unterhalten. Sowohl der flüssige Einstieg als auch der unmittelbare Schluss erinnerten mich vom Charakter eher an eine Kurzgeschichte.

Was Max und Jordan für mich aber am authentischsten machte, waren die sich rasch wechselnden Gedankenströme während eines Chats oder Gesprächs: Wie leicht Menschen von Bemerkungen eingeschüchtert, verletzt und besorgt werden – und welche Macht daher mit der Verwendung unserer Sprache einhergeht. Diese inneren Reaktionen der beiden zeigen das Fingerspitzengefühl für kleine Alltagsbeobachtungen des Autoren.

Leider lässt sich der gesamte Handlungsbogen schnell durchschauen. Dass die beiden mehr verbindet als "nur" eine Freundschaft und dass dieses Buch gewiss nicht ohne Happy End auskommt, ist bereits nach dem ersten Kapitel ersichtlich. Ich hätte mir mehr Mut zum Ausbrechen aus gewohnten Strukturen und weniger Schwenker in kitschdurchtränkte Situationen gewünscht. Dadurch wäre der gesamte Roman abwechslungsreicher geworden.

Zudem störte ich mich mehrfach an den durchweg eintönigen und blassen Nebencharakteren. Da gibt es die typisch maskulinen Jungs, die nur über Videospiele reden und sexuelle Witze machen, und die klischeehaften besten Freundinnen von einem schwulen Jugendlichen, deren Klatschgespräche vor Belanglosigkeit nur so triefen. Das erinnert mich an unzählige, mehr schlecht als recht produzierte Hollywood-Streifen, denen "Heteronormativ!" mit wasserfestem Edding auf das verblasste DVD-Cover geschrieben wurde.

Der Roman möchte zwar progressiv wirken und Jugendlichen Fläche zur Identifikation bieten, scheitert bei diesem Versuch aber durch seine altertümlich wirkenden Ansichten. Jordan und Max reduzieren ihr Gegenüber selbst zu oft auf ihre Sexualität, als auf den Menschen dahinter zu schauen – und genau da liegt das Problem.

Die Eigenschaft "schwul" scheint für sie wichtiger zu sein als Persönlichkeit und Charisma. Anstatt sich dieser Denkweise entschieden entgegenzutreten, beugen sie sich der gesellschaftlichen Norm und gewähren homophobe Witze schmallippig. Und das im Jahr 2020 (wobei, die amerikanische Originalausgabe erschien bereits letztes Jahr).

Umso erfreulicher finde ich daher die charakterliche Entwicklung, die sowohl die beiden Protagonisten als auch einige der Nebenfiguren durchschreiten – indem sie lernen, dass Kommunikation ein Schlüsselbegriff für die Lösung vieler Konflikte ist, dass man sich die eigene Schwäche selbst eingestehen darf, dass man oftmals Menschen verletzt, ohne es zu wollen. Diese Erkenntnisse geben der Leserschaft motivierende Botschaften mit auf den Weg.

«The Music of What Happens» ist kurzweilig und kitschig – Kopf aus, Herz

Bewertung vom 23.11.2020
Wenn ich die Augen schließe
Reed, Ava

Wenn ich die Augen schließe


gut

Hektik, Eile, schnell die Schuhe anziehen, Mütze aufziehen, Rucksack auf den Rücken, die Tür hinter mir zuziehen und abschließen, loslaufen, sonst verpasse ich den Zug – ach Mist, ich habe meine Maske vergessen. Ich hasse es, Dinge zu vergessen, mich nicht mehr an etwas erinnern können, die Makel menschlichen Erinnerungsvermögens so unter die Nase gerieben zu bekommen. Stell dir aber mal vor, dir fehlen schwerwiegendere Erinnerungen: beispielsweise, wie du dich in bestimmten Momenten gefühlt hast? Wer bist du, wenn sich die eigenen Emotionen fremd anfühlen?

Erinnerungslücken aufholen, sich selbst hinterfragen
Protagonistin Norah muss sich genau mit diesen Problemen herumschlagen. Nach einem schweren Autounfall mit Alkohol hinter dem Steuer wacht sie schwerverletzt im Krankenhaus auf; ihr Genesungsprozess ist langsam, ja schwerfällig. Sie stellt eine "Ausprobierliste" auf, um jede ihr fehlende Empfindung nachzuholen und sich selbst besser kennenzulernen.

Dieses grundlegende Szenario trägt so viel Potenzial in sich: Norah versucht, Erinnerungslücken aufzuholen, sich und eigene Entscheidungen zu hinterfragen, das eigene Umfeld aus einer völlig neuen Perspektive zu sehen. Den Leser:innen wird ein detaillierter Einblick in die innere Handlung der Protagonistin gewährt. Sie fühlt sich fremd in ihrem eigenen Körper, in ihrer vertrauten Umgebung – ein Umstand, der für uns nur schwer greifbar ist.

Plot bietet nur wenige Überraschungen
Ava Reeds Schreibstil ist flüssig zu lesen; recht schnell fühlte ich mich in das Szenario involviert. Teilweise störten mich jedoch einzelne, kindlich klingende Formulierungen, die durch ihren plumpen Ausdruck aus dem sonstigen Korsett hinausfielen.

Leider entwickelt sich die Handlung genau so, wie ich es nach dem ersten Kapitel bereitserwartete. Man erwartet eine überraschende Wendung, die aus gewohnten Wegen herausbricht – vergeblich. Norahs Gegenpart ist der schmächtige, unscheinbare Sam, aus dessen Sicht ebenfalls einige Kapitel erzählt werden. Seine Ängste und Erwartungen sind für meinen Geschmack etwas zu oberflächlich ausgearbeitet; hier merkt man zu deutlich, dass der Fokus des Romans auf Norah liegt.

Erkenntnisse kalenderspruchreif aufgebauscht
Viele weitere Nebenfiguren scheinen hinter ihrer Funktion für das Szenario unterzugehen: Da gibt es den wenig sympathischen, gut aussehenden Freund, die oberflächliche beste Freundin und die ehrfürchtige kleine Schwester. Ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl für den Entwurf dieser Charaktere hätte mehr Abwechslungsreichtum in die Geschichte gebracht. Hier finden wir nun ein ziemlich offensichtliches Gegenspiel zwischen den bösen Mobber:innen und Opfern. Dies hätte um einiges raffinierter und weniger plakativ erzählt werden können.

Norah kommt im Laufe des Buchs zu vielen neuen Erkenntnissen und hinterfragt eigene Handlungsweisen selbstkritisch. Diese werden zu ganzen Mutmacher-Passagen aufgebauscht, die so wirken, als seien ein schmieriger Kalenderspruch per Copy & Paste eingefügt worden. Dass sie innerhalb so kurzer Zeit zu solch einer umfassenden Selbstreflexion fähig ist, wirkt unglaubwürdig.

Ernster Umgang mit Mobbing und Selbstzweifeln
Nichtsdestotrotz weiß das Engagement der Autorin wertzuschätzen, ihr großes Lesepublikum für so ernste und wichtige Thematiken zu nutzen. Sie wählt behutsame Worte, um ihren Leser:innen zu zeigen, das sie es wert sind, so zu sein, wie sie sind und sich nicht für das Umfeld zu verbiegen. Sie zeigt, wie schmerzhaft Worte und weitere kleine Erniedrigungen im Alltag sein und welche Selbstzweifel sie auslösen können, ohne allzu drastisch und überzogen zu wirken. Das ist die große Stärke der vorliegenden Lektüre.


«Wenn ich die Augen schließe» zeigt anrührend den Wert des Sichtreubleibens. In dem interessanten Szenario wäre insgesamt viel mehr Potenzial gewesen.