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buchverrückt

Bewertungen

Insgesamt 69 Bewertungen
Bewertung vom 07.11.2022
Isidor (eBook, ePUB)
Kupferberg, Shelly

Isidor (eBook, ePUB)


sehr gut

Endlich mal wieder ein Buch vom Diogenes Verlag. Ich bin sehr gespannt, denn Diogenes hat mich schließlich noch nie enttäuscht.
Ich mag Lebensgeschichten von Vertriebenen und liebe Wien, von daher ist das Buch perfekt für mich. Dass Kupferberg von ihrem eigenen Großonkel schreibt macht die Geschichte authentisch und reizt mich sehr.
Der Prolog macht bereits richtig Lust in Isidors Leben einzutauchen, es scheint die ein oder andere skurrile Anekdote zu lauern. Anhand seiner Briefe kann die Geschichte rekonstruiert werden, ein Zeichen dafür wie wichtig Tagebücher und schriftliche Aufzeichnungen sein können.
Die Erzählungen zogen mich bereits nach wenigen Seiten in ihren Bann, man taucht ein ins alte Wien, fast wie eine literarische Zeitreise. Wie schlimm muss es sein aus einer Stadt vertrieben zu werden, die man so sehr liebt.
Ein schillerndes Leben, das Isidor führt und in vollen Zügen genießt. Er ist es gewohnt, dass sich alle nach seinem Willen richten. Wie schlimm muss also die Gefangenschaft für ihn sein, er der sonst immer die Kontrolle hat? Von einem Extrem ins andere, vom Luxusleben in Gefangenschaft.
Das Buch beschreibt sehr anschaulich den weiten Weg der Familie nach Wien – Stück für Stück. Ich liebe Familiengeschichten, eine jüdische ist natürlich immer noch mal ergreifender. Kupferberg gelingt ein authentischer Blick auf das jüdische Leben in Wien. Die Ich-Erzählperspektive der Autorin lässt die Geschichte noch näher wirken.
Das Buch schildert großartig das Leben der Familie vor und nach dem Krieg. Anhand der Aufzeichnungen können die Geschehnisse sehr gut nachvollzogen werden. Es ist immer wieder zutiefst ergreifend, darüber zu lesen. Ein paar Mal musste ich das Buch erst einen Moment zur Seite legen…
Das Interview am Ende ist klasse, der Stammbaum hilft gerade am Anfang den Überblick zu behalten.
Die Danksagung ist so berührend, wie das gesamte Buch.

Bewertung vom 24.10.2022
Spaziergang zu dir selbst
Kattilathu, Biyon

Spaziergang zu dir selbst


ausgezeichnet

Ich bin ein großer Fan von Biyon, seinem Podcast und seinen Videos und ich liebe spazieren gehen im Wald. Die ideale Voraussetzung für diese Lektüre. Ich komme generell im Wald sehr schnell runter und zur Ruhe und kann wunderbar die Natur genießen. Der Wald strahlt eine Ruhe aus, die ich sehr genieße, ähnlich wie der Blick aufs Meer. Daher bin ich unfassbar gespannt, welche neuen Erkenntnisse ich über den Wald und über mich selbst über Biyon erreiche. Vermutlich wie immer auf seine positive Art, die einen einfach zum Lächeln bringen miss.
Schon im Vorwort spricht Biyon mir aus dem Herzen: der Wald beruhigt und stärkt zugleich. Der Veröffentlichungszeitpunkt ist natürlich perfekt, da der Herbst die schönste Jahreszeit im Wald ist.
„Egal wo wir hingehen, wir nehmen uns mit“ das sind so kraftvolle Sätze, die einfach direkt ins Herz gehen.
Die Illustrationen des Buches sind so schön und liebevoll gestaltet. Über die QR-Codes bekommt man das Gefühl direkt neben Biyon herzulaufen. Der ganze Stress, die ganze Hektik, auch mich zieht es immer wieder zum Ursprung auf der Suche nach Ruhe.
Biyon hat diese unvergleichliche Art einen direkt anzusprechen, man fühlt sich sehr direkt berührt von seinen warmen Worten. Das ist absolut unglaublich, denn mir war ein fremder noch nie so nah. Er kann wirklich hervorragend Verbindungen zu Menschen aufbauen.
Selbst beim Lesen komme ich bereits zur Ruhe. Man bekommt so viel Lust auf die Natur, dass man das Buch weglegt und erst einmal in den Wald eintaucht. Teile des Buches habe ich im Wald gelesen, was nochmal eine ganz andere Atmosphäre schafft, richtig erhaben und unglaublich positiv.
Geschickt webt Biyon seine eigene Geschichte und Erfahrungen ein, sodass man Biyon noch ein Stück näher kommt. Eine wunderschöne Verbindung, man fühlt sich gehört, ernst genommen und beraten.
So viel Weisheit und Schönheit in einem Buch, das Lesen ist bereits eine wertvolle Erfahrung.
Biyon und der Wald haben eine gleichermaßen beruhigende, aber auch motivierende Wirkung auf mich. Wenn man sich Zeit für dieses Buch nimmt, gibt es einem unerwartet viel.
Ich liebe Biyon und ich liebe den Wald und nach diesem Buch liebe ich beides noch ein wenig mehr.

Bewertung vom 17.10.2022
Zehn Jahre du und ich
Hughes, Pernille

Zehn Jahre du und ich


sehr gut

Ein spannendes und neues Thema. Auch ich mochte nicht jeden Partner meiner guten Freundinnen, daher interessiert es mich sehr, ob ein Schicksalsschlag wirklich dazu führen kann einer Person so nah zu kommen, wie im Klappentext angedeutet.
Liebesroman, die sich nicht offensichtlich als Liebesschnulzen anpreisen, sondern eine Tiefe andeuten interessierten mich schon immer.
Ich mag das Cover und vor allem den Umschlag, der sich wie eine schützende Box um das Buch schließt und gleichzeitig als Lesezeichen dient. Der Prolog geht unverblümt in die Vollen, das erste Kapitel beginnt mit Allys Beerdigung, die sie selbst bis ins kleinste Detail geplant hatte. Selbst auf der Beerdigung gehen sich Becca und Charlie richtig an, keine Spur von „was sich neckt, das liebt sich“. Ein rasanter Einstieg und es bleibt spannend.
Auch wenn Ally tot ist, agiert sie trotzdem und hat die Fäden in der Hand. Becca und Charlie sehen sich an Allys Todestag bei ihrer Mutter wieder, denn freiwillig würden sich ihre Wege wohl nie wieder kreuzen und dann beginnt auch schon das erste Abenteuer.
Man verschlingt die Seiten, weil man an den Punkt kommen will, wo die beiden sich endlich näher kommen. Die Mischung ist sehr gut: das Leben geht weiter, aber Ally ist auf liebevolle Art und Weise noch präsent im Leben von Charlie. Ally hat für jedes Jahr eine Aufgabe für Becca und Charlie und man freut sich beim Lesen wie ein kleines Kind auf die nächste Aufgabe.
Man wünscht sich solche Freunde, die einen nie vergessen, wirklich sehr berührend. Beide kommen auf ihre eigene Art und Weise über Allys Tod hinweg, aber sie sind immer durch Ally miteinander verbunden.
Eine wirklich schöne Geschichte über Freundschaft, Liebe, Tragödien und das kleine und große Glück. Einige Aufgaben sind so absurd und witzig, dass man auf der Stelle mitmachen möchte. Als Leser hat man durchweg das Gefühl live dabei zu sein.
Die Spannung bleibt erhalten, da man sich die Frage stellt, was passiert, wenn die Aufgaben enden. Man wird nicht enttäuscht, sondern mit einem berührenden Ende belohnt. Es bleibt ein gutes Gefühl nach dem Zuklappen des Buches.

Bewertung vom 16.08.2022
Freizeit
Kaspari, Carla

Freizeit


sehr gut

Das Cover ist frisch und bunt, passend zur Leichtigkeit des Sommers. Bereits beim Klappentext hatte Carla mich. Ich war sofort verbunden, besonders die Suche nach der Leichtigkeit in einem eigentlich durchaus erfüllten Leben. Eine Woche nach dem ich das Buch beam, hörte ich Carla Kaspari in einer Lesung und wusste: dieses Buch musst du jetzt direkt beginnen. Die Spannung stieg und was soll ich sagen, bereits nach wenigen Seite war ich into the game und Teil der Geschichte. Der Schreibstil ist besonders, schwer zu erklären. Obwohl das Buch in der dritten Form geschrieben ist, fühle ich mich Franziska verbundener als in den meisten Ich-Erzählungen. Manchmal fühlt es sich an, als hätte Carla aus meinem Leben und meinen Gedanken zitiert. I feel you möchte man der Protagonistin zurufen.
Kaspari hat genau den Stil der Zeit getroffen, selbstkritisch, manchmal ernüchternd, fast stumpf und immer mit einem Augenzwinkern und einer Spur Ironie für den aktuellen Insta-Lifestyle. Man bekommt selbst Lust auf Franziskas Romanpassagen, ein Roman im Roman, wirklich eine erfrischende Idee.
Kaspari gelingt der perfekte Spagat, manchmal wirkt Franziska wir jede x-normale Frau ihrer Generation, aber dann schimmert wieder ganz deutlich das Besondere durch. Man möchte Franziska als Freundin haben, einen Flat-White mit ihr trinken und stundenlang über das Leben quatschen.
Teil II beginnt genauso lässig, wie Teil I endet. Man identifiziert sich voll mit den kleinen und großen Problemen dieser Generation. Kaspari gelingt eine kritische Betrachtung ohne zu sehr zu werten und genügend Spielraum für die Bildung der eigenen Meinung. Das gefällt mir ungemein gut.
Die Beobachtungsgabe ist überragend mit einem durchaus klaren Blick. Es fühlt sich an, als wären einige Sätze direkt aus meinem Kopf gekommen. Ich fühlte mich Franziska nah und das ist das Beste, das eine Autorin erreichen kann.
Tolles Buch, tolle Story, ich war von Anfang bis zum Ende drin. Es geht um Freundschaft, es geht um Liebe, ein bisschen Coming-Age, aber doch viel mehr!

Bewertung vom 28.07.2022
Ein unendlich kurzer Sommer
Pfister, Kristina

Ein unendlich kurzer Sommer


sehr gut

Erwartet habe ich einen seichten Sommerroman. Bekommen habe ich so viel mehr.
Der eine Sommer, der alles verändert. Wir alle kennen ihn, wir alle vermissen ihn. Ich bin gespannt, welche Geschichte hinter diesem Sommer steckt.
Zuerst gefällt mir das Cover, aber vor allem das Miniinterview im Buchumschlag mit Kristina Pfister, es macht direkt Lust auf Urlaub und sonne und bringt den Leser direkt in die richtige Stimmung das Buch einer so sympathischen Autorin zu lesen.
Weglaufen, um anzukommen.
Weglaufen, um sich selbst zu finden.
Das Gefühl, wenn einem alles zu viel wird und man einfach mal raus muss. Die sprichwörtliche Decke, die einem auf den Kopf fällt, kennt wohl jeder zu gut.
Das Buch hat mir gezeigt, dass sich Verlust immer anders anfühlen kann. Er kann drastisch sein, wie der Tod eines geliebten Menschen oder sich leise in ein vermeintlich perfektes Leben schleichen. Lale verlässt ihr altes Leben, reißt aus und landet ausgerechnet auf einem Campingplatz in einem 300-Seelen-Kaff, betrieben von Gustav, einem mürrischen pensionierten Lehrer und erlebt dort den Sommer ihres Lebens.
Jeder auf dem Campingplatz lenkt sich auf seine Art und Weise ab und die handwerklichen Tätigkeiten, egal welcher Natur, lenken den Geist für einen Moment ab und bringen ihn zur Ruhe. Die Protagonisten verbindet alle die Suche nach etwas. Sie verlassen dafür ihre Komfortzone und wachsen über sich hinaus. Ich glaube an Schicksal und das sich Menschen aus einem bestimmten Grund zu einem bestimmten Zeitpunkt treffen. Dieses Buch ist der beste Beweis dafür.
Vermutet habe ich einen leichten Sommerroman, bekommen habe ich eine ergreifende Geschichte mit Tiefgang. Man möchte mit Lale, Chris, James, Gustav und Flo am Lagerfeuer sitzen und singen, sich ihre Geschichten anhören und ihre Tränen trocknen.
Ein philosophischer Sommerroman, der einen zum Träumen und Nachdenken bringt. Wunderschön wie eine laue Sommernacht voller Sterne. Man spürt die Wärme und die Kälte, man leidet mit. Dieses Buch zauberte mir im Hochsommer eine Gefühls-Gänsehaut.

Bewertung vom 07.07.2022
Bekenntnisse eines Betrügers
Raina, Rahul

Bekenntnisse eines Betrügers


sehr gut

Das Cover ist witzig und auffällig, allein schon durch die gelbe Farbe. Der Klappentext weckt das Gefühl dieses sarkastische Werk direkt beginnen zu müssen und was soll ich sagen: wenn der Rest des Buches so witzig und ironisch ist, wie das erste Kapitel, dann hat Raina alles richtig gemacht und ich bin an einem Tag mit dem Buch durch. Man schüttelt sich vor Lachen über den Selbstwitz gepaart mit durchaus ernst zu nehmender Gesellschaftskritik, ich amüsiere mich köstlich und bin selten so gut unterhalten worden.
Der Schreibstil ist sehr sarkastisch, aber dennoch beschönigt er nichts und webt geschickt Kritik an Indien ein, fast beiläufig, aber äußerst klar und scharf. Die Sätze sind intelligent, die Vergleiche göttlich, man möchte Ramesh stundenlang zuhören / lesen. Sein Prüfungsbetrug ist ein richtiges Business und es gibt allerlei zu planen und man versteht schnell warum Ramesh ein Meister seines Faches ist. Und als der dicke Rudi als Bester abschneidet, nimmt die Geschichte erst so richtig Fahrt auf.
Achtung: nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln lesen, man läuft Gefahr die anderen zu erschrecken, wenn man laut loslacht bei Sätzen wie „ Wir wären miteinander und aneinander gewachsen, hätten die Stärken und Schwächend es anderen kennen gelernt und sonstigen westlichen Unsinn“. So bissig die Texte auch sind, so liebevoll werden die Menschen beschrieben, die Ramesh am Herzen liegen. Die Mischung wühlt auf und geht ans Herz. Eindringliche Themen wie Rassismus, Denken in Schichten und Gewalt und Armut werden thematisiert und das ohne Witz und gesellschaftliche Probleme so wirkungsvoll kombiniert. Schön und grausam zugleich, meinen höchsten Respekt vor Rahul Raina ein wahrer Wortkünstler.
Es wird nur noch witziger als er mit seinem neureichen „Kunden“ Rudi zusammen wohnt, der einfach das volle Klischee eines Papa-Sohnes bedient und so gar keinen Plan vom Leben hat. Von einem anderen Satz, wird es auf einmal wieder unfassbar tief: Glück, Sehnsucht, das Gefühl nicht genug zu sein  der Wechsel nimmt den Leser völlig gefangen. Man durchlebt die gesamte Palette der Gefühle innerhalb von ein paar Seiten. Nicht nur witzig, sondern auch spannend, ein Genuss dem Handlungsverlauf zu folgen. Der zweite Teil ist genauso intelligent, flüssig und fesselnd wie der erste Teil. So zieht es sich bis zum Ende durch Danke für diese tolle Lektüre.

Bewertung vom 08.06.2022
Das Leben eines Anderen
Hirano, Keiichir_

Das Leben eines Anderen


sehr gut

Das Thema interessiert und berührt mich sehr, da mich Identitätsdiebstahl sehr interessiert, egal ob im Internet oder in der Realität. Japanische Autoren sind in meinem Bücherregal eher spärlich vertreten, daher war ich umso gespannter. Das Cover ist geheimnisvoll und eher unauffällig, passt aber wunderbar zum Inhalt des Buches. Die Einführung stimmt den Leser bereits sehr gut ein und erzeugt die notwendige Spannung. Das Buch beginnt mit Ries tragischer Lebensgeschichte und obwohl man weiß, dass Daisuke tot ist, fragt man sich was vorgefallen ist und hat zig offene Fragen und Gedanken im Kopf. Der Schreibstil ist sehr gut, sehr fesselnd und die Seiten sind spannungsgeladen. Als wäre der Tod ihres geliebten Mannes nicht bereits schlimm genug, wird ihr der Boden unter den Füßen weggezogen, als sie erfährt, dass ihr Mann niemals der Mann war, für den sie ihn gehalten hat. Immer wieder fragt man sich, wie jemand so eine Lebenslüge verkraftet? Wie schließt man Frieden, wenn man keine direkte Antwort mehr von der betroffenen Person erhält? Wie erzählt man seinen Kindern eine Geschichte, die man ja selbst nicht einmal annähernd versteht? Der Anwalt Kido findet schnell am eigenen Leib heraus, wie einfach und schnell man sich eine neue Identität aneignen kann und wie viel Spaß und Spannung das Spiel mit der Lüge machen kann. Das Vorspielen falscher Tatsachen ist so einfach und doch so voller Faszination. Es wird sehr gut beschrieben, wie schnell man in so einer Situation die Kontrolle verliert, besonders wenn das Umfeld, in diesem Fall Kidos Ehe, eher instabil ist.
Die japanische Geschichte und die dramatische Erdbebensituation werden gekonnt in die Handlung eingebunden und sind äußerst interessant, da für mich völlig unbekannt.
Das Buch erzeugt kontinuierlich Spannung. Immer wenn man glaubt, man hat eine Spur, liegt man falsch und die Spannung ist kaum aushaltbar. Das liegt wohl auch an dem speziellen Thema und an dem gekonnten Wechsel zwischen akribischer Recherche und Zufalls-Spuren, auf die Kido sich begibt.
Und immer wieder im Hintergrund die Frage, wie schlimm das eigene Leben sein muss, dass man bereit ist seine eigene Identität aufzugeben.
Es ist schwer über dieses Buch nicht zu viel zu verraten, nur so viel: es ist voller Überraschungen und uneingeschränkt lesenswert für alle, die in eine neue Geschichte eintauchen wollen und spannungsgeladene Seiten suchen.

Bewertung vom 25.05.2022
Verheizte Herzen
Crossan, Sarah

Verheizte Herzen


gut

Das Cover ist Geschmackssache, ich bin kein Fan großer Blumen, aber es fällt auf jeden Fall auf. Der Titel ist äußerst passend und der Klappentext vielversprechend. Als Erstes kam mir in den Sinn, dass das Thema wirklich mal neu ist. Persönlich habe ich keine Bezugspunkte dazu, da ich noch nie Geliebte war

Bewertung vom 18.05.2022
Die sieben Schalen des Zorns
Thiele, Markus

Die sieben Schalen des Zorns


ausgezeichnet

Das Cover des Buches wirkt im ersten Moment wie ein 08/15 Krimi, der Titel weckt bei mir keine Assoziationen, ergibt nach der Lektüre aber durchaus Sinn.
Der Klappentext ist kurz, aber aussagekräftig. Er erinnert mich an Gott von Ferdinand von Schirach, daher war ich sehr gespannt und hatte hohe Erwartungen im Hinblick auf Spannung und gute Unterhaltung an das Buch.
Nicht nur der Schutzumschlag, auch das Buch ist schön gestaltet, der schwarze Einband ist ein toller Kontrast und passt super zum Thema. Das Thema ist mir nicht unbekannt, da ich bereits einiges über Sterbehilfe gelesen haben, daher war der persönliche Einstieg ins Thema sofort gegeben. Tatsächlich ist dies ein Thema, das mich sehr beschäftigt. Angst vorm Sterben habe ich nicht, aber davor, dass ich mein Leben voller Schmerzen beenden will, aber es nicht mehr selbst kann. Dieses sensible Thema greift Thiele sehr gut auf und trifft damit einen Nerv. Hier muss Deutschland seine Gesetze wirklich überarbeiten und die Bedürfnisse der Gesellschaft neu denken.
Ich habe bereits „Das Echo des Schweigens“ gelesen und war restlos begeistert. Thielen ist ein sehr guter Jurist und ein noch besserer Autor.
Die Charaktere werden langsam eingeführt, jeder mit seiner eigenen starken Seite und seiner persönlichen Geschichte. Zu Beginn hatte ich Sorge, dass mich der Plot zu sehr an Schirach erinnert, aber auch wenn Thiele sehr sachlich schildert, hat er doch einen ganz anderen, überzeugenden Erzählstil. Er schreibt sehr eindringlich und ansprechend ohne zu werten oder aufdringlich zu sein.
So sehr es auch fesselt, si schwer ist es an einigen Stellen zu lesen. Max Kindheitserinnerungen ließen mir die Tränen übers Gesicht laufen und ich war so erschüttert, dass ich das Buch sogar kurz weglegen musste.
Mit leisen Worten zeigt Thiele dem Leser unauffällig zwischen der Handlung, worauf es wirklich ankommt, was man bereut, wenn es zu spät ist und was im Leben wirklich zählt. Man trägt das Buch im Herzen, aber auch im Kopf. Nie habe ich ein Buch gelesen, dass die Bedürfnisse von Herz und Kopf so treffend auf den Punkt bringt, ohne belehrend daher zu kommen. Die Kapitel springen in der Zeit, aber ich bin noch nie so schnell und tief in das jeweilige Jahrzehnt eingetaucht und habe die Handlung um mich herum vergessen.
Das Buch geht so viel tiefer, als zu Anfang erwartet. Sterbehilfe ist nur eine der vielen existenziellen Fragen, um die es in diesem Roman geht. Man hinterfragt alles: die verschiedenen Blickwinkel der Protagonisten, aber auch seine eigene Meinung zum Thema.
Beim lesen traut man keinem mehr, was einen riesen Spannungsaufbau erzeugt. Ein überaus gelungenes Buch, dass mich aus so vielen Gründen gefesselt hat. Eine ganz klare Leseempfehlung für ein Buch mit Tiefgang, das auch nach dem Lesen noch in einem arbeitet.

Bewertung vom 07.04.2022
Im Rausch des Aufruhrs
Bommarius, Christian

Im Rausch des Aufruhrs


ausgezeichnet

Öfter mal etwas Neues probieren war mein Motto für dieses Buch. Daher widme ich mich diesmal einem Sachbuch zur deutschen Geschichte, genauer gesagt zum Jahr 1923, obwohl ich Geschichtsbüchern seit der Schulzeit bewusst aus dem Weg gehe. Das Cover spricht mich nicht direkt an, was aber wie gesagt an meiner offenkundigen (früheren) Abneigung gegenüber Geschichtsbüchern liegt. Dafür bin ich absoluter Fan der goldenen Zwanziger und um es vorweg zu nehmen: jetzt auch von Geschichtsbüchern, wenn sie so geschrieben sind wie dieses hier.
Die Aufteilung des Buches nach Kalendermonaten spricht mich direkt an und passt hervorragend zur restlichen sehr guten Strukturierung dieser Lektüre. Die Schwarzweiß-Fotos zu Beginn der Kapitel sind mit einer liebevollen und informativen Bildbeschreibung versehen und heben sich auf schwarzem Hintergrund sehr schön ab.
Wie bereits erwähnt bin ich im Geschichtsbereich wirklich nicht bewandert, daher war ich umso gespannter, ob dieses Buch mich zu fesseln vermag. Die kurzen Einführungen in kursiver Schrift vor jedem Monat und die prägnanten Erklärungen sind auch für Geschichtslaien verständlich formuliert. Mit einer Prise Humor und Sarkasmus kommen die kurzen, intelligent formulierten Sätze daher.
Vielleicht ist es sogar von Vorteil, dass ich einige Personen nicht kenne, so hat man eine vorurteilsfreie Sicht auf die Geschehnisse. Das Buch ist voller schöner Sätze wie „wer die Welt von unten kennt, kennt die Sehnsucht nach ganz oben!“. Treffende Formulierungen, die wunderbar in die damalige Zeit passen. Das Buch bietet Informationen wie am Fließband, ohne auch nur einmal überladen zu wirken, im Gegenteil, es ist äußerst fesselnd. Die Übergänge sind fließend, eine Formulierung ist gekonnter, als die andere.
Es macht absolut Lust auf deutsche Geschichte, immer wieder habe ich es zur Seite gelegt, um noch mehr Hintergründe zu recherchieren. Bereits im Monat Februar war ich überwältigt davon, was in einem Jahr alles geschehen kann. Die Inflation wird immer wieder eingebracht und steht für die Schnelligkeit und den Verfall der Werte.
Während des Lesens musste ich immer wieder an meine verstorbene Oma denken, die 1925 geboren ist. Wenn es ein Buch schafft, dass man sich herbeisehnt mit seiner Verwandtschaft nochmal über die Zeit zu sprechen und Fragen zu stellen, hat man als Autor alles richtig gemacht.
Jeder Bereich, sei es Literatur, Unterhalten, Landwirtschaft oder Kunst, ist unfassbar spannend erzählt. Da ich aus dem Ruhrgebiet komme ist der Bezug dazu ebenfalls ein weiterer interessanter Punkt.
In der aktuellen Situation ist es durchaus beklemmend über die grausamen Zustände zu lesen, gerade die Knappheit der Lebensmittel und die Inflation lesen sich wie ein worst case Szenario unserer baldigen Zukunft. Dennoch ist das Buch uneingeschränkt empfehlenswert und die Kurzbiografien und weiteren Werdegänge der deutschen Persönlichkeiten am Ende des Buches runden dieses großartige Buch erfolgreich ab.