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Ort: der Balkan, die Morawa, ein Zufluss der Donau, ein Hausboot auf dem Fluss. Zeit: eine Nacht, vom späten Abend bis zum blauenden Tagesbeginn. Personen: Ein Autor, ein ehemaliger, ruft seine Freunde, sieben an der Zahl, auf das Hotelschiff, seine Enklave, wohin er sich ein Jahrzehnt zuvor zurückgezogen hat. Die erste Überraschung erleben die Bekannten gleich beim Betreten des Boots: Der für seine Distanz zu den Frauen berüchtigte Ex-Autor empfängt sie in Begleitung einer – Angestellten?, Gefährtin?, Geliebten? Auf das Abendmahl folgt eine lange Erzählung, in der die Stimme des Autors…mehr

Produktbeschreibung
Ort: der Balkan, die Morawa, ein Zufluss der Donau, ein Hausboot auf dem Fluss. Zeit: eine Nacht, vom späten Abend bis zum blauenden Tagesbeginn. Personen: Ein Autor, ein ehemaliger, ruft seine Freunde, sieben an der Zahl, auf das Hotelschiff, seine Enklave, wohin er sich ein Jahrzehnt zuvor zurückgezogen hat.
Die erste Überraschung erleben die Bekannten gleich beim Betreten des Boots: Der für seine Distanz zu den Frauen berüchtigte Ex-Autor empfängt sie in Begleitung einer – Angestellten?, Gefährtin?, Geliebten? Auf das Abendmahl folgt eine lange Erzählung, in der die Stimme des Autors dominiert, in die sich zuweilen die Stimmen der anderen männlichen Anwesenden einpassen. Von einer gerade beendeten Rundreise des Bootsbesitzers durch das westliche Europa handelt die Erzählung. War er wirklich auf der Flucht vor einer Gefahr, etwa vor einer Frau, die ihm mit dem Tod drohte? Wie hat man sich das Symposium über den Lärm vorzustellen, an dem er angeblich in Spanien teilgenommen hat? Was hat es mit dem Treffen aller Maultrommelspieler dieser Erde vor Wien auf sich? Warum will er gerade zu diesem Zeitpunkt den Wohnort seines verstobenen Vaters in Deutschland aufsuchen? Und wo hat er die Frau getroffen? Und überhaupt: Wie lange dauerte die Reise?
In dieser romanlangen Erzählung Peter Handkes nimmt die Wirklichkeit unserer Gegenwart immer bedrückendere Gestalt an. Gleichzeitig wird das Gewicht der Welt ein anderes – ein leichteres?
Was nun erwartet den Leser? Ein »nächtliches Buch«? »Nicht wenige solcher nächtlichen Bücher hatte der Autor im Lauf seines Lebens verfasst, die vom Tageslicht in nichts aufgelöst worden waren. In nichts? Wirklich?«

Am 3. Juni 1959 erschien in der Kärntner Volkszeitung die erste literarische Publikation des noch nicht einmal 17 Jahre alten Peter Handke: eine Erzählung mit dem Titel "Der Namenlose". Auf den ersten Roman "Die Hornissen" (1966) folgten in den sich anschließenden vier Jahrzehnten mehr als sechzig Bücher. Jedes von ihnen erkundet unsere Welt auf eigene und besondere Weise neu - all diese Bücher zusammen haben unsere Sprache und Wahrnehmung, unser Denken und Handeln radikal verändert.

  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Best.Nr. des Verlages: 41950
  • 2. Auflage.
  • Seitenzahl: 560
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 560 S. 205 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 132mm x 40mm
  • Gewicht: 648g
  • ISBN-13: 9783518419502
  • ISBN-10: 3518419501
  • Best.Nr.: 22804646
Autorenporträt
Peter Handke wird am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten) geboren. Die Familie mütterlicherseits gehört zur slowenischen Minderheit in Österreich; der Vater, ein Deutscher, war in Folge des Zweiten Weltkriegs nach Kärnten gekommen. Zwischen 1954 und 1959 besucht Handke das Gymnasium in Tanzenberg (Kärnten) und das dazugehörige Internat. Nach dem Abitur im Jahr 1961 studiert er in Graz Jura. Im März 1966, Peter Handke hat sein Studium vor der letzten und abschließenden Prüfung abgebrochen, erscheint sein erster Roman Die Hornissen. Im selben Jahr 1966 erfolgt die Inszenierung seines inzwischen legendären Theaterstücks Publikumsbeschimpfung in Frankfurt am Main in der Regie von Claus Peymann.

Seitdem hat er mehr als dreißig Erzählungen und Prosawerke verfaßt, erinnert sei an: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970), Wunschloses Unglück (1972), Der kurze Brief zum langen Abschied (1972), Die linkshändige Frau (1976), Das Gewicht der Welt (1977), Langsame Heimkehr (1979), Die Lehre der Sainte-Victoire (1980), Der Chinese des Schmerzes (1983), Die Wiederholung (1986), Versuch über die Müdigkeit (1989), Versuch über die Jukebox (1990), Versuch über den geglückten Tag (1991), Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994), Der Bildverlust (2002), Die Morawische Nacht (2008), Der Große Fall (2011), Versuch über den Stillen Ort (2012), Versuch über den Pilznarren (2013).

Auf die Publikumsbeschimpfung 1966 folgt 1968, ebenfalls in Frankfurt am Main uraufgeführt, Kaspar. Von hier spannt sich der Bogen weiter über Der Ritt über den Bodensee 1971), Die Unvernünftigen sterben aus (1974), Über die Dörfer (1981), Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land (1990), Die Stunde da wir nichts voneinander wußten (1992), über den Untertagblues (2004) und Bis daß der Tag euch scheidet (2009) über das dramatische Epos Immer noch Sturm (2011) bis zum Sommerdialog Die schönen Tage von Aranjuez (2012) zu Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (2016).

Darüber hinaus hat Peter Handke viele Prosawerke und Stücke von Schriftsteller-Kollegen ins Deutsche übertragen: Aus dem Griechischen Stücke von Aischylos, Sophokles und Euripides, aus dem Französischen Emmanuel Bove (unter anderem Meine Freunde), René Char und Francis Ponge, aus dem Amerikanischen Walker Percy.

Sein Werk wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. Die Formenvielfalt, die Themenwechsel, die Verwendung unterschiedlichster Gattungen (auch als Lyriker, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur ist Peter Handke aufgetreten) erklärte er selbst 2007 mit den Worten: "Ein Künstler ist nur dann ein exemplarischer Mensch, wenn man an seinen Werken erkennen kann, wie das Leben verläuft. Er muß durch drei, vier, zeitweise qualvolle Verwandlungen gehen."
Rezensionen
Besprechung von 12.01.2008
Ein dunkler Morgen, wie geschaffen zum Aufbrechen
Einen solchen Peter Handke gab es noch nicht: Die „Morawischen Nacht” ist die Erzählung einer rigorosen Selbstprüfung
Der Bus ist alt, trägt noch die gelbe Farbe der österreichischen Post und stößt dicken, schwarzen Rauch aus. Er steht eines Morgens in einem Dorf auf dem Balkan, nimmt seine Passagiere auf und fährt auf die Schnellstraße, die in einigem Abstand am Dorf vorbeiführt. Erst allmählich werden die Umstände dieser Reise offenbart: Über das Land ist ein Krieg hinweggegangen. Zwar sind neue Brücken an die Stelle der alten, zerstörten errichtet worden. Aber das Dorf ist eine Enklave in einer feindlichen Umgebung, und die Fahrt führt in die Hauptstadt: nach Belgrad. Der Leser ergänzt die Namen: Hier ist vom Kosovo die Rede, und das Dorf ist eine serbische Enklave. Aber die Namen tun eigentlich nichts zur Sache. Denn dies ist keine Reportage, sondern eine Erzählung in Bildern, die so präzis und lebendig sind, dass der Leser sofort seinen Platz findet neben dem Erzähler, auf denselben verschlissenen Sitzen, und neben ihm betrachtet er die kauenden, Sudoku lösenden Mitreisenden.
„Sie bissen weiterhin stier in ihre Äpfel, daß es nur so knirschte und krachte; steckten sich die Kopfhörer in die Ohren und drehten an ihren Musikgeräten den Ton so hoch, daß, jenseits von Melodie, Gesang und Instrument, auch jenseits eines irgendwie mitzuerlebenden Rhythmus, nichts als ein Scheppern, alles durchdringend, um sich griff, vor dem nirgends in dem Passagierraum, selbst bei dem Gedröhn des Motors, ein Entkommen war; schlugen, das erste Rätsel gelöst, mit großer Gebärde die Seite um zum nächsten Rätsel; kämmten sich ausführlich; bohrten in der Nase; steckten sich, einer nach dem anderen, Zigaretten in den Mund (freilich ohne zu rauchen); drückten in einem fort an ihren Mobiltelefonen herum (nur so zum Zeitvertreib).” Da reisen sie dann hin, diese schwankenden Gestalten, in ihren harten, unförmigen, schwarzen Lederjacken. Und anstatt sich, wie der Erzähler von ihnen erwartet hätte, im Schmerz über den Krieg und dessen Folgen untröstlich zu gebärden, hocken sie stumpf und stumm im Bus, ein jeder für sich.
Einen Peter Handke wie diesen hat es noch nicht gegeben. Der Autor der „Morawischen Nacht” ist jung, klar und rücksichtslos auch gegenüber sich selbst. Er geht auf die Wirklichkeit zu, mit schnellen, entschlossenen Schritten. Zwar hat er seine Sprache behalten, seinen klassischen, kleinteiligen, mäandrierenden, immer wieder durch Fragen unterbrochenen Prosastil, und gewiss setzen sich in dieser langen Erzählung ältere Bücher Peter Handkes fort: Orte und Figuren aus der „Stunde der wahren Empfindung” (1975), der „Wiederholung” (1986) und auch aus dem „Jahr in der Niemandsbucht” (1994), die Selbstbesichtigung eines Schriftstellers aus dem „Nachmittag eines Schriftstellers” (1987).
Aber die Anlage, die Erzählform dieses Buches ist anders, als Peter Handke je gearbeitet hat: Das liegt zum einen daran, dass die Reise, von der in der „Morawischen Nacht” erzählt wird, einem vorgeschriebenen, über feste Stationen verlaufenden Weg folgt – einem Weg, der zudem aus Leben und Werk Peter Handkes vertraut ist. Und es liegt daran, dass es Peter Handke mit der Selbstbefragung ernst meint: nicht nur, indem er die vertrauten Einwände gegen sich und seine Bücher prüft, mit großer Offenheit und deutlichen Vorbehalten auch sich selbst gegenüber, sondern auch, weil er vorangehen, etwas Altes bewältigen und etwas Neues beginnen will: „Ein dunkler klarer Morgen war das, wie geschaffen zum Aufbrechen.” Die „Morawische Nacht”, nur scheinbar eine aus den Fugen geratene Erzählung, ist ein kompaktes, intensives und immer wieder auch sehr spannendes Werk.
Das Buch hat eine Rahmenhandlung: Auf einem auf der Morawa, einem Nebenfluss der Donau, verankerten Hausboot lebt ein Mann, der einmal ein Schriftsteller war. Bei ihm versammelt sich eines Abends eine Gruppe von Freunden, mit deren Hilfe die Reisen des „Ehemaligen”, des „Ex-Autors” erzählt werden – von den Freunden, von ihm selbst, im Zwiegespräch. Die erste Reise führt mit dem alten Bus aus der Enklave zur nächsten Grenzstadt. Die zweite führt auf eine dalmatinische Insel mit dem phantastischen Namen „Cordura”, hinter der sich unschwer die Insel Krk erkennen lässt, auf der Peter Handke im Sommer 1964 die „Hornissen”, seinen ersten Roman, schrieb. Ziel der dritten Reise ist ein Kongress über „Lärm und Geräusche”, der irgendwo auf einer versteppten spanischen Hochebene stattfindet. So geht die Reise fort: nach Wien, wo der Erzähler in die Weltversammlung der Mundorgel-Spieler gerät, in einen Kurort im Südharz, wo der Vater begraben liegt, nach Kärnten, in die „Stammgegend”. Und gewiss muten immer wieder Figuren, Orte, Ereignisse phantastisch an, wie erträumt oder mit dem Willen zur Verrückung erfunden – aber der Duktus ist ein anderer: Es sind Orte der (auch ironischen) Prüfung, durch die es auf dieser Reise geht, und Peter Handke will diese Prüfungen bestehen und seinen Leser überzeugen wie nie zuvor. Deswegen verleiht er seiner Erzählung, in der Mitte des Buches und durchaus zustimmend, eine Genrebezeichnung, die sich bei diesem Autor ganz unerhört ausnimmt: „also etwas wie eine imaginierte Reportage”.
Peter Handkes Reportagen finden gleichsam im Rücken der journalistischen Reportage statt. Er sieht sie von hinten, sie selbst und die vielen, nicht zuletzt kleinen Dinge, die sie selbst nicht wahrnimmt, weil sie mit Großem und Aktuellem beschäftigt zu sein meint. Deswegen eignet seinen Reportagen etwas methodisch Poetisches zu, deswegen tragen sie einen Zug von Programm und Handlungsanweisung. Er will, dass seine Abkehr sichtbar bleibt. Er fährt in den scheinbar wirklichen Lauf der Dinge, erzählt Abgelegenes, Unglaubliches, Märchenhaftes. Aber er tut es mit dem Gestus: Schau, das habe ich mir ausgedacht, und dabei wird er zuweilen sogar flapsig. Denn ebenso wenig, wie er erlauben möchte, dass sich der Leser in der falschen Gewissheit des Realistischen wiegt, will er zulassen, dass dieser ihm in die poetische Überhöhung entkommt – und wenn ihm Behinderte durch das Bild taumeln, dann arrangiert er sie zwar so, als hätte er sie einem Gemälde von Breughel entliehen, lässt sie aber an einer großen Plakatwand vorbeiziehen. Und er besteht auf der doppelten oder gar dreifachen Erzählperspektive: Bloß keine falsche Unmittelbarkeit. Und erst recht keine „Schicksale, Charaktere, Aktionen: nichts für ihn.”
Auf der Insel „Cordura” lernt der Erzähler, dass die Liebe zur Dichtung und die Liebe zur Frau nicht zusammengehören. Der „schreibende Geliebte” sei etwas Unmögliches, versichert er. Zwar sind die Freunde, die zu Beginn der „Morawischen Nacht” auf das Hausboot des Schriftstellers klettern, überrascht, ihn in Gesellschaft einer Frau anzutreffen – einer allegorischen Schönheit, hinter der sich der Balkan, hinter der sich aber womöglich auch das menschliche Gegenüber schlechthin verbergen mag. Aber das geht nur, weil er ein „Ehemaliger”, ein „Ex” ist – und wenn am Ende die Sonne aufgeht, der Tag und also die Arbeit beginnt, ist diese Frau wieder verschwunden. Und die Liebesgeschichte, immer wieder angekündigt, wird allenfalls in Fragmenten, in Anläufen und Splittern erzählt.
Die „Morawische Nacht” ist eine Erzählung über das Erzählen. Und das heißt auch: Es ist eine Erzählung davon, wie einem Erzähler nicht nur das Erzählen, sondern auch die Zuhörer und Leser abhanden kamen. Und darüber, warum das so war. Und darüber, was man anders und besser machen kann. „Wenn bei Homer sieben, oder waren’s neun Städte sich darum gestritten haben, die Stätte seiner Geburt zu sein, so werden in deinem Fall neun mal sieben abstreiten, daß du aus ihnen stammst”, wird der Erzähler einmal verflucht – und genau das wird er verhindern, indem er seinem Gegenüber wieder ins Gesicht schaut.
So geht es am Ende um eines: um die „Flucht- und Trutzburg”. Das Hausboot auf der Morawa ist eine: „Keinen an sich heranlassen, für sich selber sorgen.” Die Enklave ist eine. Die Heimat ist eine. Das Alleinsein ist eine. Und das Schreiben ist auch eine. „Kummerecken” sind sie allemal. Vielleicht aber braucht man gar keine Flucht- und Trutzburgen. „Genug im Abseits. Schluß mit dem Alleingehen”, ruft dem Erzähler im Karst eine heitere Gemse zu: „Auf mit dir, du Tiefland-Trottel.” THOMAS STEINFELD
PETER HANDKE: Die morawische Nacht. Erzählung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 562 Seiten, 28 Euro.
Dieser Autor ist jung, klar und rücksichtslos auch gegenüber sich selbst.
Wenn am Ende die Sonne aufgeht, und also die Arbeit beginnt, ist die Frau wieder verschwunden.
Über diesen Fluss führt längst wieder eine Brücke, und auch ein Hausboot soll es geben: Die Morawa nach dem Krieg. Foto: AP
Gut eingespielt: Peter Handkes Maultrommel Foto: Eberhard Wolf
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Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Besprechung von 05.01.2008
Der Prinz von Nirgendwo

Sein Balkan ist nicht mehr von dieser Welt: Mit der langen Erzählung "Die morawische Nacht" wendet sich Peter Handke der eigenen Vergangenheit zu und läutet gelassen sein Alterswerk ein.

Von Hubert Spiegel

Zu der Zeit, da diese Geschichte spielt, waren aus einer anderen Zeit noch ein paar übrig, die der Idee oder dem Hirngespinst von einem zusammenhängenden großen Land auf dem Balkan, in einem anderen Europa nachhingen." Aber es sind nur noch wenige, vereinzelte, und sie wissen, dass am Gang der Geschichte nicht mehr zu rütteln ist. Immer weniger werden sie, dezimiert durch plötzliche, nicht selten gewaltsame Todesfälle und Selbstmorde. Wer übrig bleibt, wird wunderlich, paranoid, verrückt. Zum Schluß sind es nur noch drei, die an einer letzten "Konferenz" teilnehmen. Sie findet statt in der slowenischen Delana Dolina, einer kreisrunden tiefen Grube im Karst oberhalb von Triest, der "Mutter aller Karste."

Hie kommen ein ausgemergelter ehemaliger amerikanischer Außenminister, eine zierliche japanische Motorradrennfahrerin und ein "abgedankter Autor" zusammen, um des "alten Karstweltreiches" zu gedenken und die Erde nach "Balkansitte" mit ein paar Tropfen aus ihren Weingläsern zu tränken, den Entschwundenen zum Gedächtnis. Über ihren Köpfen hängt eine alte Schiffsglocke, kyrillisch wie lateinisch beschriftet, mit am Glockenrand festgerostetem Klöppel. Und jetzt blähen die drei wie auf ein geheimes Zeichen ihre Backen und pusten den Klöppel an, um die Glocke zum Klingen zu bringen. Aber es gelingt ihnen nicht, nicht einmal dem "Ehedem-Autor, dem man doch einmal den epischen Atem nachgesagt hatte . . ." Erst als sie sich abwenden, hören sie in ihrem Rücken "doch noch etwas wie einen Klang, eher ein klägliches Bimmeln, oder ein bloßes Rascheln, wohl nur in der Einbildung? Nur?"

Nein, Peter Handkes Balkan ist nicht mehr von dieser Welt. Mit dieser Szene, die Züge des Märchenhaften, Versponnenen, aber auch Ironisch-Satirischen trägt, verabschiedet Handke seinen Traum vom vereinten Jugoslawien. Der Balkan, das war Peter Handkes Privatmythologie, scheinbar unauflöslich mit der Vergangenheit des Schriftstellers verknüpft, mit seiner Kindheit, seinen Vorfahren, seinen ersten Reisen und ersten Büchern, und deshalb eine Angelegenheit, die mit Zähnen, Klauen und allen anderen ihm zu Gebote stehenden Mitteln verteidigt werden musste. Mit seinem jüngsten, in diesen Tagen erscheinenden Buch "Die morawische Nacht" lässt Handke seinen Traum fahren, um seine Freiheit wiederzugewinnen. Es ein Befreiungsbuch, das eine zur Obsession gewordene Leidenschaft verabschieden möchte, gewiss nicht leichtfertig, aber doch erstaunlich leichtherzig, wie es scheint. Das kleine, wie zaghaft nachgeschobenene fragende "Nur" am Ende der beschriebenen Szene ist in Wirklichkeit ein auftrumpfendes "Nur", ein Fanfaren-Nur: Es verkündet Abschied und Rückkehr zugleich, einen Abschied von den Landkarten und Grenzen der Wirklichkeit und die Rückkehr ins Reich der Poesie und in die eigene Vergangenheit, die Handke mit diesem Buch wiedergewinnt, weil er darin aufgehört hat, sein ganzes Tun und Wesen mit einer Kindheits- und Traumlandschaft unauflöslich zu verknüpfen.

Das setzt nicht Verzicht voraus, sondern Verwandlung. Handkes Balkan ist nicht mehr von dieser Welt, und deshalb kann er ihn jetzt überall finden, im Harz zum Beispiel. Hierhin zieht es den Erzähler, weil hier der Vater begraben liegt, den er nie gekannt hat. Das Grab ist eingeebnet, statt des erwarteten Gedächtnisortes, Ziel der nie so bezeichneten Pilgerschaft, liegt ein "vollkommen flaches, Gras durchwachsenes Schotterviereck" vor ihm, leer und flach wie ein Blatt Papier. Und wie ihm zuvor auf einer Adria-Insel ein sprechender Hund die Leviten gelesen hat, weil er eine frühere Geliebte mit einem Kind sitzengelassen hatte, ist es nun ein Zitronenfalter, der sich in ein uraltes Weib verwandelt, eine "Harzeinheimische", die ihren Stock gegen den Erzähler schwingt.

Soeben noch hatte er in stolzem Selbstmitleid geschwelgt, "Ah, meine verdammte Vaterlosigkeit! Ohne Vater: außerhalb des Rechts", nun fliegen ihm die Vorwürfe nur so um die Ohren: "Ja, verdammter Vaterloser, Du! Hältst Dich für unverwundbar, weil du nie einen Vater gehabt hast . . . Deinen Vater los: der Freieste der Freien? Nicht doch, mein Lieber: keines-Vaters-Kind wird nie ein Erwachsener . . .". So geht es weiter, ein Verbannter sei der Erzähler, ein Ortloser, ein Prinz des freien Raumes habe er sein wollen und sei doch nur ein "Prinz von Nirgendwo, Prinz-ohne-Raum" geworden.

Prinz ohne Raum, das ist ein Titel von stolzester Bescheidenheit, wie er Peter Handke gefallen dürfte. Überhaupt liegt immer wieder etwas durchaus Genüssliches in den Vorwürfen und Selbstbezichtigungen, mit denen Handke seinen Erzähler traktiert. Idiot, Dorftrottel, Hausstock, Verräter, zweifach Unfähiger - kein Zwiegespräch kommt ohne Beleidigungen aus. Und dieser Erzähler, so eigensinnig, verstockt, bärbeißig und hochfahrend er sich auch gibt, braucht das Zwiegespräch mit Pflanzen, Menschen, Tieren und immer wieder, in den raren Sekundenbruchteilen des gelingenden Lebens, mit den Dingen. Dass ihn eine Gemse als "Tiefland-Trottel bezeichnet, nimmt er ebenso gelassen hin wie die Suada des falschen Freundes Melchior. In dieser Episode erweist sich der Journalist und Schriftsteller als skrupelloser Konkurrent, ja mehr noch, als Plagiator und Todfeind. Die Dichtung sei tot, einzig die Zeitungssprache sei lebendig und der schreibende Arrangeur der einzige Nachfolger des abgedankten Poeten: "Und du, mein Teuerster, auf den Müllhaufen der Geschichte mit dir . . . Ich bin das Monstrum, das jubiliert." Aber der tödliche Zweikampf bleibt aus: Der Erzähler wünscht den Rivalen einfach zum Teufel, und sein Wunsch wird erfüllt.

Dass die Sache der Poesie so einfach nicht zu bewahren ist, weiß Handke nur allzugut. Im Zwiegespräch mit einem echten Freund, dem Wiener Volksund Zaubermärchendramatiker Ferdinand Raimund, stellt der mittlerweile durch Österreich reisende Erzähler die Frage, ob es noch Märchen zu erzählen gebe. Die Antwort lautet: "Nein. Oder bestenfalls in Bruchstücken, Märchen, die eine Sekunde dauern."

Aus solchen Märchenbruchstücken besteht dieses Buch: die Reminiszenz an das erste Buch und die erste Geliebte auf einer Adria-Insel, die Harzreise zum toten Vater, der Weltkongress der Maultrommelspieler unweit von Wien, die Begegnungen mit den alten Freundden Gregor Keuschnig und Filip Kobal aus den Büchern "Die Stunde der wahren Empfindung" (1975) und "Die Wiederholung" (1986), schließlich das Wiedersehen mit dem Bruder beim lange hinausgezögerten Besuch im Heimatdorf - all das sind Binnenepisoden, unterbrochen von oft verrätselten Sekundenmärchen, Reiseskizzen und der Schilderung zahlloser Zufallsbegegnungen. Erstaunlich unverblümt verhandelt Handke hier Intimes und Autobiographisches, die Familiengeschichte ebenso wie die verstörende Erfahrung der Ablehnung, die er seinem missglückten Engagement für Serbien zuzuschreiben hat, oder das schwierige Verhältnis des Dichters zu Frauen.

Wie schon in seinem letzten Roman "Kali" betreibt Handke auch im neuen Buch eine krude Remythisierung des Geschlechterverhältnisses unter deutlich misogynen Vorzeichen. Die Frau, das bedeutet, in den Worten des "alten Kumpans" Raimund nichts Gutes: "Achtung, Frau, Achtung, Verrat, Achtung, Todeszone." Aber auch die Gegenstimme ertönt aus dem Reich der Toten: Es ist die Mutter, die den Sohn zurechtweist, ihm alle Schuldgefühle nehmen will und das "Wunschlose Unglück", das ihr der Sohn im berühmten frühen Buch attestierte, kurzerhand zurückweist: "Genug der Schuld und der Schuldsuche. Genug des Selbstmarterns und des Marterns der anderen . . ."

Peter Handke vergibt sich selbst - und nebenbei, noch ein Sekundenmärchen, auch Deutschland und Österreich. Er spricht mit seinen Toten, erklärt sich zum mal "durchgedrehten", mal "abgedankten Autor", um zurückzukehren als Autor eines Buches, das unübersehbar den Beginn des Alterswerks markiert. Handke hat Vergnügen daran gefunden, sich von außen zu betrachten und mitunter zu lächeln über das, was er da sieht. "Die morawische Nacht" ist der Versuch eines Dichters, mit sich und der Welt ins Reine zu kommen. Für jemanden, der den Streit oft mehr zu lieben schien als den Frieden, ist das erstaunlich gut gelungen.

- Peter Handke: "Die morawische Nacht". Erzählung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 559 S., geb., 28,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Martin Krumbholz nimmt etwas überrascht und vielleicht auch ein bisschen erleichtert zur Kenntnis, dass das neue Buch von Peter Handke, das schon im Titel den Balkan als Reflexionszentrum angibt, keinerlei Zündstoff für politische Debatten enthält. Ein Schriftsteller, den man laut Rezensent getrost als Alter Ego Handkes lesen kann, wenn das Buch ansonsten auch keinen autobiografischen Hintergrund hat, hat Freunde auf sein Hausboot auf der Morawa eingeladen und erzählt ihnen eine Nacht lang von Erinnerungen einer Reise durch Europa, fasst der Rezensent zusammen. Politisch wie poetologisch gibt sich dieses Buch "defensiv" und beschwört nicht nur den "Balkan" als utopischen Ort jenseits politischer Auseinandersetzungen, sondern verteidigt auch die Literatur als Anschauungskunst gegenüber zweckgebundenem Schreiben. Für Krumbholz ist das jüngste Buch Handkes ein grandioses Werk, das, wenn es über ein Treffen von Maultrommlern in Wien oder über eine "multikulturelle Krypta" erzählt, mit wunderbar unmittelbaren und anschaulichen Beobachtungen aufwartet, die in dieser Form bei keinem anderen Autor heute zu finden sind, wie der Rezensent berückt preist.

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