Die morawische Nacht - Handke, Peter

Peter Handke 

Die morawische Nacht

Erzählung

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Die morawische Nacht

Ort: der Balkan, die Morawa, ein Zufluss der Donau, ein Hausboot auf dem Fluss. Zeit: eine Nacht, vom späten Abend bis zum blauenden Tagesbeginn. Personen: Ein Autor, ein ehemaliger, ruft seine Freunde, sieben an der Zahl, auf das Hotelschiff, seine Enklave, wohin er sich ein Jahrzehnt zuvor zurückgezogen hat.
Die erste Überraschung erleben die Bekannten gleich beim Betreten des Boots: Der für seine Distanz zu den Frauen berüchtigte Ex-Autor empfängt sie in Begleitung einer – Angestellten?, Gefährtin?, Geliebten? Auf das Abendmahl folgt eine lange Erzählung, in der die Stimme des Autors dominiert, in die sich zuweilen die Stimmen der anderen männlichen Anwesenden einpassen. Von einer gerade beendeten Rundreise des Bootsbesitzers durch das westliche Europa handelt die Erzählung. War er wirklich auf der Flucht vor einer Gefahr, etwa vor einer Frau, die ihm mit dem Tod drohte? Wie hat man sich das Symposium über den Lärm vorzustellen, an dem er angeblich in Spanien teilgenommen hat? Was hat es mit dem Treffen aller Maultrommelspieler dieser Erde vor Wien auf sich? Warum will er gerade zu diesem Zeitpunkt den Wohnort seines verstobenen Vaters in Deutschland aufsuchen? Und wo hat er die Frau getroffen? Und überhaupt: Wie lange dauerte die Reise?
In dieser romanlangen Erzählung Peter Handkes nimmt die Wirklichkeit unserer Gegenwart immer bedrückendere Gestalt an. Gleichzeitig wird das Gewicht der Welt ein anderes – ein leichteres?
Was nun erwartet den Leser? Ein »nächtliches Buch«? »Nicht wenige solcher nächtlichen Bücher hatte der Autor im Lauf seines Lebens verfasst, die vom Tageslicht in nichts aufgelöst worden waren. In nichts? Wirklich?«

Am 3. Juni 1959 erschien in der Kärntner Volkszeitung die erste literarische Publikation des noch nicht einmal 17 Jahre alten Peter Handke: eine Erzählung mit dem Titel "Der Namenlose". Auf den ersten Roman "Die Hornissen" (1966) folgten in den sich anschließenden vier Jahrzehnten mehr als sechzig Bücher. Jedes von ihnen erkundet unsere Welt auf eigene und besondere Weise neu - all diese Bücher zusammen haben unsere Sprache und Wahrnehmung, unser Denken und Handeln radikal verändert.



Produktinformation

  • Verlag: Suhrkamp
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 560 S.
  • Seitenzahl: 560
  • Best.Nr. des Verlages: 41950
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 132mm x 40mm
  • Gewicht: 648g
  • ISBN-13: 9783518419502
  • ISBN-10: 3518419501
  • Best.Nr.: 22804646
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 12.01.2008

Ein dunkler Morgen, wie geschaffen zum Aufbrechen
Einen solchen Peter Handke gab es noch nicht: Die „Morawischen Nacht” ist die Erzählung einer rigorosen Selbstprüfung
Der Bus ist alt, trägt noch die gelbe Farbe der österreichischen Post und stößt dicken, schwarzen Rauch aus. Er steht eines Morgens in einem Dorf auf dem Balkan, nimmt seine Passagiere auf und fährt auf die Schnellstraße, die in einigem Abstand am Dorf vorbeiführt. Erst allmählich werden die Umstände dieser Reise offenbart: Über das Land ist ein Krieg hinweggegangen. Zwar sind neue Brücken an die Stelle der alten, zerstörten errichtet worden. Aber das Dorf ist eine Enklave in einer feindlichen Umgebung, und die Fahrt führt in die Hauptstadt: nach Belgrad. Der Leser ergänzt die Namen: Hier ist vom Kosovo die Rede, und das Dorf ist eine serbische Enklave. Aber die Namen tun eigentlich nichts zur Sache. Denn dies ist keine Reportage, sondern eine Erzählung in Bildern, die so präzis und lebendig sind, dass der Leser sofort seinen Platz findet neben dem Erzähler, auf denselben verschlissenen Sitzen, und neben ihm betrachtet er die kauenden, Sudoku lösenden Mitreisenden.
„Sie …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 05.01.2008

Der Prinz von Nirgendwo

Sein Balkan ist nicht mehr von dieser Welt: Mit der langen Erzählung "Die morawische Nacht" wendet sich Peter Handke der eigenen Vergangenheit zu und läutet gelassen sein Alterswerk ein.

Von Hubert Spiegel

Zu der Zeit, da diese Geschichte spielt, waren aus einer anderen Zeit noch ein paar übrig, die der Idee oder dem Hirngespinst von einem zusammenhängenden großen Land auf dem Balkan, in einem anderen Europa nachhingen." Aber es sind nur noch wenige, vereinzelte, und sie wissen, dass am Gang der Geschichte nicht mehr zu rütteln ist. Immer weniger werden sie, dezimiert durch plötzliche, nicht selten gewaltsame Todesfälle und Selbstmorde. Wer übrig bleibt, wird wunderlich, paranoid, verrückt. Zum Schluß sind es nur noch drei, die an einer letzten "Konferenz" teilnehmen. Sie findet statt in der slowenischen Delana Dolina, einer kreisrunden tiefen Grube im Karst oberhalb von Triest, der "Mutter aller Karste."

Hie kommen ein ausgemergelter ehemaliger amerikanischer Außenminister, eine zierliche japanische Motorradrennfahrerin und ein "abgedankter Autor" zusammen, um des "alten Karstweltreiches" zu gedenken …

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Martin Krumbholz nimmt etwas überrascht und vielleicht auch ein bisschen erleichtert zur Kenntnis, dass das neue Buch von Peter Handke, das schon im Titel den Balkan als Reflexionszentrum angibt, keinerlei Zündstoff für politische Debatten enthält. Ein Schriftsteller, den man laut Rezensent getrost als Alter Ego Handkes lesen kann, wenn das Buch ansonsten auch keinen autobiografischen Hintergrund hat, hat Freunde auf sein Hausboot auf der Morawa eingeladen und erzählt ihnen eine Nacht lang von Erinnerungen einer Reise durch Europa, fasst der Rezensent zusammen. Politisch wie poetologisch gibt sich dieses Buch "defensiv" und beschwört nicht nur den "Balkan" als utopischen Ort jenseits politischer Auseinandersetzungen, sondern verteidigt auch die Literatur als Anschauungskunst gegenüber zweckgebundenem Schreiben. Für Krumbholz ist das jüngste Buch Handkes ein grandioses Werk, das, wenn es über ein Treffen von Maultrommlern in Wien oder über eine "multikulturelle Krypta" erzählt, mit wunderbar unmittelbaren und anschaulichen Beobachtungen aufwartet, die in dieser Form bei keinem anderen Autor heute zu finden sind, wie der Rezensent berückt preist.

© Perlentaucher Medien GmbH

"Der Autor der Morawischen Nacht ist jung, klar und rücksichtslos auch gegenüber sich selbst. Er geht auf die Wirklichkeit zu mit schnellen, entschlossenen Schritten." (Süddeutsche Zeitung)

»Ich lese fast ausschließlich Bücher, die im Zusammenhang mit meiner Arbeit stehen. Die morawische Nacht von Peter Handke werde ich mir als Nächstes vornehmen, ohne berufliche Gründe: Ich habe Handke kürzlich während eines Filmfestivals in Serbien kennengelernt, er war dort Jurymitglied. Ein faszinierender Typ.«  

"Der Autor der Morawischen Nacht ist jung, klar und rücksichtslos auch gegenüber sich selbst. Er geht auf die Wirklichkeit zu mit schnellen, entschlossenen Schritten." Thomas Steinfeld Süddeutsche Zeitung
Peter Handke, geb. am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten). Die Familie mütterlicherseits gehört zur slowenischen Minderheit in Österreich; der Vater, ein Deutscher, war in Folge des Zweiten Weltkriegs nach Kärnten gekommen. Zwischen 1954 und 1959 besucht er das Gymnasium in Tanzenberg und das dazugehörige Internat. Nach dem Abitur im Jahr 1961 studiert er in Graz Jura. Im März 1966, Peter Handke hat sein Studium vor der letzten und abschließenden Prüfung abgebrochen, erscheint sein erster Roman Die Hornissen. Im selben Jahr 1966 erfolgt die Inszenierung seines inzwischen legendären Theaterstücks Publikumsbeschimpfung in Frankfurt in der Regie von Claus Peymann. Seitdem hat er mehr als dreißig Erzählungen und Prosawerke verfasst. Darüber hinaus hat Peter Handke viele Prosawerke und Stücke von Schriftsteller-Kollegen ins Deutsche übertragen. Sein Werk wurde mit zahlreichen internationalen Preisen geehrt. Die Formenvielfalt, die Themenwechsel, die Verwendung unterschiedlichster Gattungen (auch als Lyriker, Essayist, Drehbuchautor und Regisseur ist Peter Handke aufgetreten) erklärte er selbst 2007 mit den Worten 'Ein Künstler ist nur dann ein exemplarischer Mensch, wenn man an seinen Werken erkennen kann, wie das Leben verläuft. Er muß durch drei, vier, zeitweise qualvolle Verwandlungen gehen.'

Leseprobe zu "Die morawische Nacht" von Peter Handke

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