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Ort: der Balkan, die Morawa, ein Zufluss der Donau, ein Hausboot auf dem Fluss. Zeit: eine Nacht, vom späten Abend bis zum blauenden Tagesbeginn. Personen: Ein Autor, ein ehemaliger, ruft seine Freunde, sieben an der Zahl, auf das Hotelschiff, seine Enklave, wohin er sich ein Jahrzehnt zuvor zurückgezogen hat. Die erste Überraschung erleben die Bekannten gleich beim Betreten des Boots: Der für seine Distanz zu den Frauen berüchtigte Ex-Autor empfängt sie in Begleitung einer – Angestellten?, Gefährtin?, Geliebten? Auf das Abendmahl folgt eine lange Erzählung, in der die Stimme des Autors…mehr

Produktbeschreibung
Ort: der Balkan, die Morawa, ein Zufluss der Donau, ein Hausboot auf dem Fluss. Zeit: eine Nacht, vom späten Abend bis zum blauenden Tagesbeginn. Personen: Ein Autor, ein ehemaliger, ruft seine Freunde, sieben an der Zahl, auf das Hotelschiff, seine Enklave, wohin er sich ein Jahrzehnt zuvor zurückgezogen hat.
Die erste Überraschung erleben die Bekannten gleich beim Betreten des Boots: Der für seine Distanz zu den Frauen berüchtigte Ex-Autor empfängt sie in Begleitung einer – Angestellten?, Gefährtin?, Geliebten? Auf das Abendmahl folgt eine lange Erzählung, in der die Stimme des Autors dominiert, in die sich zuweilen die Stimmen der anderen männlichen Anwesenden einpassen. Von einer gerade beendeten Rundreise des Bootsbesitzers durch das westliche Europa handelt die Erzählung. War er wirklich auf der Flucht vor einer Gefahr, etwa vor einer Frau, die ihm mit dem Tod drohte? Wie hat man sich das Symposium über den Lärm vorzustellen, an dem er angeblich in Spanien teilgenommen hat? Was hat es mit dem Treffen aller Maultrommelspieler dieser Erde vor Wien auf sich? Warum will er gerade zu diesem Zeitpunkt den Wohnort seines verstobenen Vaters in Deutschland aufsuchen? Und wo hat er die Frau getroffen? Und überhaupt: Wie lange dauerte die Reise?
In dieser romanlangen Erzählung Peter Handkes nimmt die Wirklichkeit unserer Gegenwart immer bedrückendere Gestalt an. Gleichzeitig wird das Gewicht der Welt ein anderes – ein leichteres?
Was nun erwartet den Leser? Ein »nächtliches Buch«? »Nicht wenige solcher nächtlichen Bücher hatte der Autor im Lauf seines Lebens verfasst, die vom Tageslicht in nichts aufgelöst worden waren. In nichts? Wirklich?«

Am 3. Juni 1959 erschien in der Kärntner Volkszeitung die erste literarische Publikation des noch nicht einmal 17 Jahre alten Peter Handke: eine Erzählung mit dem Titel "Der Namenlose". Auf den ersten Roman "Die Hornissen" (1966) folgten in den sich anschließenden vier Jahrzehnten mehr als sechzig Bücher. Jedes von ihnen erkundet unsere Welt auf eigene und besondere Weise neu - all diese Bücher zusammen haben unsere Sprache und Wahrnehmung, unser Denken und Handeln radikal verändert.

  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Best.Nr. des Verlages: 41950
  • 2. Auflage.
  • Seitenzahl: 560
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 560 S. 205 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 132mm x 40mm
  • Gewicht: 648g
  • ISBN-13: 9783518419502
  • ISBN-10: 3518419501
  • Best.Nr.: 22804646
Autorenporträt
Peter Handke, geboren am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten), Sohn einer zur slowenischen Minderheit in Österreich gehörenden Mutter und einem deutschen Vater, besuchte zwischen 1954 und 1959 das Gymnasium in Tanzenberg und das dazugehörige Internat. Nach dem Abitur im Jahr 1961 studierte er in Graz Jura. Im März 1966, Peter Handke hat sein Studium vor der letzten und abschließenden Prüfung abgebrochen, erscheint sein erster Roman, im selben Jahr erfolgt die Inszenierung seines inzwischen legendären Theaterstücks "Publikumsbeschimpfung" in Frankfurt in der Regie von Claus Peymann. Seitdem hat er zahlreiche Erzählungen und Prosawerke verfasst. Darüber hinaus hat Peter Handke viele Prosawerke und Stücke von Schriftsteller-Kollegen ins Deutsche übertragen. Sein Werk wurde mit vielen internationalen Preisen geehrt, u. a. 2014 mit dem "Ibsen Award", 2015 mit dem "Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis" und 2016 mit dem "Würth-Preis für Europäische Literatur".
Rezensionen
Besprechung von 12.01.2008
Ein dunkler Morgen, wie geschaffen zum Aufbrechen
Einen solchen Peter Handke gab es noch nicht: Die „Morawischen Nacht” ist die Erzählung einer rigorosen Selbstprüfung
Der Bus ist alt, trägt noch die gelbe Farbe der österreichischen Post und stößt dicken, schwarzen Rauch aus. Er steht eines Morgens in einem Dorf auf dem Balkan, nimmt seine Passagiere auf und fährt auf die Schnellstraße, die in einigem Abstand am Dorf vorbeiführt. Erst allmählich werden die Umstände dieser Reise offenbart: Über das Land ist ein Krieg hinweggegangen. Zwar sind neue Brücken an die Stelle der alten, zerstörten errichtet worden. Aber das Dorf ist eine Enklave in einer feindlichen Umgebung, und die Fahrt führt in die Hauptstadt: nach Belgrad. Der Leser ergänzt die Namen: Hier ist vom Kosovo die Rede, und das Dorf ist eine serbische Enklave. Aber die Namen tun eigentlich nichts zur Sache. Denn dies ist keine Reportage, sondern eine Erzählung in Bildern, die so präzis und lebendig sind, dass der Leser sofort seinen Platz findet neben dem Erzähler, auf denselben verschlissenen Sitzen, und neben ihm betrachtet er die kauenden, Sudoku lösenden Mitreisenden.
„Sie bissen weiterhin stier in ihre Äpfel, daß es nur so knirschte und krachte; steckten sich die Kopfhörer in die Ohren und drehten an ihren Musikgeräten den Ton so hoch, daß, jenseits von Melodie, Gesang und Instrument, auch jenseits eines irgendwie mitzuerlebenden Rhythmus, nichts als ein Scheppern, alles durchdringend, um sich griff, vor dem nirgends in dem Passagierraum, selbst bei dem Gedröhn des Motors, ein Entkommen war; schlugen, das erste Rätsel gelöst, mit großer Gebärde die Seite um zum nächsten Rätsel; kämmten sich ausführlich; bohrten in der Nase; steckten sich, einer nach dem anderen, Zigaretten in den Mund (freilich ohne zu rauchen); drückten in einem fort an ihren Mobiltelefonen herum (nur so zum Zeitvertreib).” Da reisen sie dann hin, diese schwankenden Gestalten, in ihren harten, unförmigen, schwarzen Lederjacken. Und anstatt sich, wie der Erzähler von ihnen erwartet hätte, im Schmerz über den Krieg und dessen Folgen untröstlich zu gebärden, hocken sie stumpf und stumm im Bus, ein jeder für sich.
Einen Peter Handke wie diesen hat es noch nicht gegeben. Der Autor der „Morawischen Nacht” ist jung, klar und rücksichtslos auch gegenüber sich selbst. Er geht auf die Wirklichkeit zu, mit schnellen, entschlossenen Schritten. Zwar hat er seine Sprache behalten, seinen klassischen, kleinteiligen, mäandrierenden, immer wieder durch Fragen unterbrochenen Prosastil, und gewiss setzen sich in dieser langen Erzählung ältere Bücher Peter Handkes fort: Orte und Figuren aus der „Stunde der wahren Empfindung” (1975), der „Wiederholung” (1986) und auch aus dem „Jahr in der Niemandsbucht” (1994), die Selbstbesichtigung eines Schriftstellers aus dem „Nachmittag eines Schriftstellers” (1987).
Aber die Anlage, die Erzählform dieses Buches ist anders, als Peter Handke je gearbeitet hat: Das liegt zum einen daran, dass die Reise, von der in der „Morawischen Nacht” erzählt wird, einem vorgeschriebenen, über feste Stationen verlaufenden Weg folgt – einem Weg, der zudem aus Leben und Werk Peter Handkes vertraut ist. Und es liegt daran, dass es Peter Handke mit der Selbstbefragung ernst meint: nicht nur, indem er die vertrauten Einwände gegen sich und seine Bücher prüft, mit großer Offenheit und deutlichen Vorbehalten auch sich selbst gegenüber, sondern auch, weil er vorangehen, etwas Altes bewältigen und etwas Neues beginnen will: „Ein dunkler klarer Morgen war das, wie geschaffen zum Aufbrechen.” Die „Morawische Nacht”, nur scheinbar eine aus den Fugen geratene Erzählung, ist ein kompaktes, intensives und immer wieder auch sehr spannendes Werk.
Das Buch hat eine Rahmenhandlung: Auf einem auf der Morawa, einem Nebenfluss der Donau, verankerten Hausboot lebt ein Mann, der einmal ein Schriftsteller war. Bei ihm versammelt sich eines Abends eine Gruppe von Freunden, mit deren Hilfe die Reisen des „Ehemaligen”, des „Ex-Autors” erzählt werden – von den Freunden, von ihm selbst, im Zwiegespräch. Die erste Reise führt mit dem alten Bus aus der Enklave zur nächsten Grenzstadt. Die zweite führt auf eine dalmatinische Insel mit dem phantastischen Namen „Cordura”, hinter der sich unschwer die Insel Krk erkennen lässt, auf der Peter Handke im Sommer 1964 die „Hornissen”, seinen ersten Roman, schrieb. Ziel der dritten Reise ist ein Kongress über „Lärm und Geräusche”, der irgendwo auf einer versteppten spanischen Hochebene stattfindet. So geht die Reise fort: nach Wien, wo der Erzähler in die Weltversammlung der Mundorgel-Spieler gerät, in einen Kurort im Südharz, wo der Vater begraben liegt, nach Kärnten, in die „Stammgegend”. Und gewiss muten immer wieder Figuren, Orte, Ereignisse phantastisch an, wie erträumt oder mit dem Willen zur Verrückung erfunden – aber der Duktus ist ein anderer: Es sind Orte der (auch ironischen) Prüfung, durch die es auf dieser Reise geht, und Peter Handke will diese Prüfungen bestehen und seinen Leser überzeugen wie nie zuvor. Deswegen verleiht er seiner Erzählung, in der Mitte des Buches und durchaus zustimmend, eine Genrebezeichnung, die sich bei diesem Autor ganz unerhört ausnimmt: „also etwas wie eine imaginierte Reportage”.
Peter Handkes Reportagen finden gleichsam im Rücken der journalistischen Reportage statt. Er sieht sie von hinten, sie selbst und die vielen, nicht zuletzt kleinen Dinge, die sie selbst nicht wahrnimmt, weil sie mit Großem und Aktuellem beschäftigt zu sein meint. Deswegen eignet seinen Reportagen etwas methodisch Poetisches zu, deswegen tragen sie einen Zug von Programm und Handlungsanweisung. Er will, dass seine Abkehr sichtbar bleibt. Er fährt in den scheinbar wirklichen Lauf der Dinge, erzählt Abgelegenes, Unglaubliches, Märchenhaftes. Aber er tut es mit dem Gestus: Schau, das habe ich mir ausgedacht, und dabei wird er zuweilen sogar flapsig. Denn ebenso wenig, wie er erlauben möchte, dass sich der Leser in der falschen Gewissheit des Realistischen wiegt, will er zulassen, dass dieser ihm in die poetische Überhöhung entkommt – und wenn ihm Behinderte durch das Bild taumeln, dann arrangiert er sie zwar so, als hätte er sie einem Gemälde von Breughel entliehen, lässt sie aber an einer großen Plakatwand vorbeiziehen. Und er besteht auf der doppelten oder gar dreifachen Erzählperspektive: Bloß keine falsche Unmittelbarkeit. Und erst recht keine „Schicksale, Charaktere, Aktionen: nichts für ihn.”
Auf der Insel „Cordura” lernt der Erzähler, dass die Liebe zur Dichtung und die Liebe zur Frau nicht zusammengehören. Der „schreibende Geliebte” sei etwas Unmögliches, versichert er. Zwar sind die Freunde, die zu Beginn der „Morawischen Nacht” auf das Hausboot des Schriftstellers klettern, überrascht, ihn in Gesellschaft einer Frau anzutreffen – einer allegorischen Schönheit, hinter der sich der Balkan, hinter der sich aber womöglich auch das menschliche Gegenüber schlechthin verbergen mag. Aber das geht nur, weil er ein „Ehemaliger”, ein „Ex” ist – und wenn am Ende die Sonne aufgeht, der Tag und also die Arbeit beginnt, ist diese Frau wieder verschwunden. Und die Liebesgeschichte, immer wieder angekündigt, wird allenfalls in Fragmenten, in Anläufen und Splittern erzählt.
Die „Morawische Nacht” ist eine Erzählung über das Erzählen. Und das heißt auch: Es ist eine Erzählung davon, wie einem Erzähler nicht nur das Erzählen, sondern auch die Zuhörer und Leser abhanden kamen. Und darüber, warum das so war. Und darüber, was man anders und besser machen kann. „Wenn bei Homer sieben, oder waren’s neun Städte sich darum gestritten haben, die Stätte seiner Geburt zu sein, so werden in deinem Fall neun mal sieben abstreiten, daß du aus ihnen stammst”, wird der Erzähler einmal verflucht – und genau das wird er verhindern, indem er seinem Gegenüber wieder ins Gesicht schaut.
So geht es am Ende um eines: um die „Flucht- und Trutzburg”. Das Hausboot auf der Morawa ist eine: „Keinen an sich heranlassen, für sich selber sorgen.” Die Enklave ist eine. Die Heimat ist eine. Das Alleinsein ist eine. Und das Schreiben ist auch eine. „Kummerecken” sind sie allemal. Vielleicht aber braucht man gar keine Flucht- und Trutzburgen. „Genug im Abseits. Schluß mit dem Alleingehen”, ruft dem Erzähler im Karst eine heitere Gemse zu: „Auf mit dir, du Tiefland-Trottel.” THOMAS STEINFELD
PETER HANDKE: Die morawische Nacht. Erzählung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 562 Seiten, 28 Euro.
Dieser Autor ist jung, klar und rücksichtslos auch gegenüber sich selbst.
Wenn am Ende die Sonne aufgeht, und also die Arbeit beginnt, ist die Frau wieder verschwunden.
Über diesen Fluss führt längst wieder eine Brücke, und auch ein Hausboot soll es geben: Die Morawa nach dem Krieg. Foto: AP
Gut eingespielt: Peter Handkes Maultrommel Foto: Eberhard Wolf
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Als "selbstironische Bilanz (s)eines Dichterlebens" würdigt Andreas Breitenstein das neue Werk Peter Handkes, das ihn rundum überzeugt. Die Erzählung um einen ehemaligen Autor, der auf der Suche nach seinem verlorenen Selbst durch Europa reist, das Grab seines Vaters und seiner Mutter besucht, seinen Bruder, Politiker, Schulkameraden, Dichterkollegen trifft und mit Romanfiguren spricht, um am Ende wieder zu seinem Hausboot "Morawische Nacht" in Porodin zurückzukehren und mit Freunden zu feiern, nimmt nach Ansicht Breitensteins den entspannten Ton des Vorgängerwerks "Kali" auf, um ihn weiterzuführen Richtung "Revision und Versöhnung". Er würdigt die "gedankliche Reife" und "epische Weite" des Werks, das sich durch wunderbare Reise-Episoden, Meditationen und Alltagsbeobachtungen, autobiografische Erinnerungen und poetologische Reflexionen auszeichnet. Und nicht zuletzt findet er in dem Buch auch eine selbstironische Selbstprüfung Handkes.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 06.01.2008
Weg von hier, hinüber in die Welt!
Peter Handke verabschiedet sich vom Balkan

Peter Handkes neues Buch "Die morawische Nacht" treibt die bösen Gespenster der letzten Jahre aus.

Das wäre doch schön: ein Buch, in dem beinahe nichts geschieht. Ein flüchtiges Buch, das in den Zwischenräumen lebt, zwischen den Zeilen, wie man so sagt, zwischen den Wörtern und den Buchstaben. Ein Buch, in dem man anstreichen kann beim ersten Lesen, unendlich viel anstreichen; und alles, was man angestrichen hat, die Signalwörter, die Skandalwörter, erweist sich dann, beim zweiten Lesen, als leer und nichtig, im Grunde überflüssig. Die Anstrichworte heißen zum Beispiel "Balkan" und "Krieg" und "zwischen den Kriegen" und "vereintes Europa", "Schuld" und "Amok", immer wieder "Amok" und "Gewalt".

Stattdessen bleibt das Nichtige. Eintagsfliegen, die einen Tag lang leben, wie auch sonst? Ein Himmel in Blau, eine Leserin, die einen Autor zupft, um sich zu vergewissern, dass es ihn gibt. Ein Buch auf einem Haufen Sperrmüll. Ein Erzähler, der Brombeeren isst, am Grab seiner Mutter. Und später erscheint sie ihm sogar im Schlaf, die Mutter, die sich umgebracht hat, damals, als der Erzähler sie alleingelassen hatte. Das Gefühl der Schuld hat ihn fast erdrückt, ein Leben lang, und nun erscheint sie ihm und sagt: "Du mit deinem ewigen Schuldbewusstsein und deinem Schuldsuchen auch bei anderen. Du bist unschuldig, du dummer Kerl."

Das neue Buch von Peter Handke ist in schönes Dunkelblau gebunden, es heißt "Die morawische Nacht" und handelt von einem Erzähler, der auf sein Hausboot auf dem Fluss Morawa in Serbien die Freunde seines Lebens eingeladen hat, um ihnen eine Geschichte zu erzählen. Es ist die Geschichte eines Rückwegs. Zurück ins eigene Leben, an die Orte, an denen alles begann. Der Erzähler, der uns als Ex-Autor vorgestellt wird, ein Mann, den die europäische Presse vor einer Weile beinahe einstimmig für verrückt erklärt hat, wandert durch Europa und sucht Spuren seiner selbst, Spuren seines früheren Lebens. Die Stadt in Spanien, in der er sein erstes Buch geschrieben hat und wo er die erste Liebe seines Lebens fand. Der Ort im Harz, wo sich seine Eltern einst begegnet sind; der Herkunftsort des Vaters, den er niemals sah; das Grab des Vaters und das Grab der Mutter. Und schließlich sein altes Heimatland, Österreich, das er früh verließ, sein Heimatdorf, das Geburtshaus, den Bruder, den er eine Ewigkeit nicht sah und der ihn zunächst nicht einmal wiedererkennt.

Handke-Leser werden ihren Handke in jeder Zeile wiedererkennen. Es ist ja der alte Handke, die Motive sind aus vielen seiner etwa siebzig bislang veröffentlichten Bücher bekannt; auch seine guten alten Alter Ego Gregor Keuschnigg und Filip Kobal sind wieder da. Trotzdem läuft man gerne wieder mit, all die 560 Seiten lang läuft man mit, und nach einer Weile stellt sich das Handke-Gefühl ein. Dieses Ahnen einer anderen Welt, dieses andere Schauen auf die Dinge, diese Verwunderung zunächst über das Nebeneinander des Wahrscheinlichsten und des Unwahrscheinlichsten. Und das Ausbleiben der Verwunderung nach einer Weile des Lesens.

Ja, auch Jugoslawien kommt wieder vor. Der Kampf darum hatte Handke beinahe mit der ganzen Welt entzweit. Die Wut und der Anklagefuror, die immer wieder auch in seine Prosawerke drängten, hatten seiner Kunst nicht gutgetan. Handke suchte nicht mehr. Handke hatte gefunden. Die Bücher waren enger geworden, härter, schwerer, das Öffnende hatte sich zurückgezogen zugunsten einer klaren Haltung, eines Hasses oft in höchster Not. In Notwehr gegen den Rest der Welt, der sich, wie Peter Handke es sah, hinter einem allzu klaren Serbien-Feindbild verbunkert hatte. Handke verteidigte das Recht auf sein eigenes Bild, seine Wahrheit mit aller Macht und mit allem Furor, der einem Einzelnen zur Verfügung steht.

Es war immer ein sonderbares Nebeneinander von leisester Innenschau, Graswispernlauschen, von Pilzbetrachtung und ewigem Suchen auf der einen Seite und den großen Welt-Behauptungen auf der anderen, den maßlosen Angriffen gegen Kirche, Staaten, Akademien. Im Kampf "Einer gegen alle" glaubte der eine zu immer größeren Worten Zuflucht suchen zu müssen, um die Übermacht zu übertönen.

Im Juni 1977 hat Peter Handke einmal an seinen Lebensfreund, den Schriftsteller Hermann Lenz, geschrieben: "Das Leben fällt mir manchmal schwer und keine Gewohnheit stellt sich ein. Aber irgendeinmal muß man sich doch weggedacht haben können und schön gleichgültig gegen dieses aufdringliche Stück Ich werden. Aber ob man dann vor lauter Haltung nicht erst recht zusammenbricht?"

Das ist der Schriftsteller Peter Handke: das Leben, das Schreiben ohne Gewohnheit, das immer wieder neue Denken, neue Schauen, die Sehnsucht nach dem Sich-Wegdenken, Sehnsucht nach dem Ankommen und zugleich die große Angst davor, weil es dann zu Ende sein könnte mit dem Schreiben für immer.

Das neue Buch erzählt von dieser Angst. Der Erzähler, der seine Freunde auf das Boot geladen hat, um von seinen Reisen zu erzählen, ist, wie gesagt, ein Ex-Autor, einer, der sich frei gemacht hat vom Schreiben, einer, der nicht mehr schreiben will und kann. So reist er dahin, schreibt nichts, legt nichts fest, lässt sich nicht festlegen, sucht und verwirft, und am Ende ist er wieder zum Autor geworden, ganz ohne "Ex-". Wie es dazu kam?

Die Geschichte der morawischen Nacht ist auch die Geschichte eines Abschieds von einem Traum. Von dem Traum Jugoslawien, dem Traum eines großen Vielvölkerstaates, der gleich jenseits der Grenze am Rande des österreichischen Dorfes begann, in dem Peter Handke aufgewachsen ist. Handke hatte sich schon in seinen letzten beiden Prosabüchern behutsam von diesem Traum gelöst, im "Don Juan" in eine Frauenwelt hinein, in dem rasanten Filmbuch "Kali" in eine rasende Jeepfahrt in die Unterwelt. Zu Beginn des neuen Buches sind wir mit dem Erzähler noch einmal in einer serbischen Enklave im Kosovo. Traurig, ruhig und mitleidsvoll beschreibt Handke das Unglück der Bewohner, die in einer Busfahrt durch das sie umgebende feindliche Land, unaufhörlich mit Steinen beworfen, zu dem Friedhof ihrer Ahnen fahren, den es nicht mehr gibt. Die Gräber wurden zerstört, aber sie sitzen da und denken zurück und weinen gemeinsam. Der Erzähler zieht sich zurück. Die Wut, seine Wut, leiht er dem Busfahrer, der die Trauernden durch den Steinhagel fuhr und der ins Land hinausruft: "Euer Haß auf jeden, der nicht eurer Staatsangehöriger ist, auf alles, was nicht Staat ist! Keinen Stolz bezieht ihr aus eurem Staat, sondern die Legitimierung und Verewigung eures Hassens."

Der Ex-Autor verabschiedet sich von diesem Hass, von diesem Balkan, von dieser Gegenwart: "Weg wünschte er sich von diesem finsteren Balkan in die Lichterkettenmetropolen mit den sonor hupenden Taxis zwischen den Wolkenkratzerschluchten, mit den Brücken, auf denen jedes Liebespaar etwas wie ein Friedensgruß war." Weg also von hier, hinüber in die Welt, wie sie früher war oder wie sie einmal sein könnte. Eine Vorstellungswelt aus der Vergangenheit. Oder einer Zukunft.

So wandert er umher. Nimmt teil an einem Kongress der Lärmgeschädigten, die zu jedem Gewaltakt gegen den allgegenwärtigen Krach der Welt und dessen Verursacher bereit sind. Ist Zuschauer und Zuhörer bei einem Treffen der Maultrommelspieler dieser Welt, die am Ende in ein schrilles Aufspielen der Nationalhymnen ihrer Herkunftsländer verfallen. Es ist ein Schrecken, den er flieht, der Ex-Autor. Doch der größte Schrecken ist die Frau, die eine Frau, die ihn liebt, die ihn verfolgt.

"Zur Hölle mit ihr", heißt es schon zu Beginn. Und "Zur Hölle mit dir" dann ganz zum Schluss. Bevor er zuschlägt. Zunächst noch "ein Lächeln von ihr, im Glauben, er rede im Spiel und seine Sätze meinten eher das Gegenteil. Aber schon hatte er sich auf sie gestürzt und auf sie eingeschlagen, einmal bloß, bloß? so stark, daß sie stracks zu Boden fiel".

Er war die ganze Zeit vorbeigezogen an lauter Monstern auf seiner Wanderung, an Schreckensboten und Schreibbedrohern. Doch hier, kurz vor dem Schluss, "entpuppt sich als nächstes Monstrum in der Geschichte der Erzähler selbst". Ja, ein Monstrum, das zuschlägt, wenn es eingeengt wird von einer anderen Macht. Ein brutaler Schläger, der sich seine Freiheit erkämpft. Ja, ein Monstrum, aber eines, das monströs handeln musste, wie er sich selbst bescheinigt: "Er hatte recht gehandelt. Triumph!", ruft er sich am Ende zu.

Als Leser ist man da nicht ganz so schnell mit dem Freispruch bei der Hand. Die Gewalt des Erzählers bleibt als Schock zurück. Ein Autor kämpft sich frei, mit aller Macht. Von allen Zwängen frei, frei von Schuld, frei von allem, um wieder zum Schreiben zu finden. Und zum Sehen, jenseits des Zeitungssehens: "Am nächsten Morgen, was stand da in der Zeitung? Nichts, und wieder nichts. Tags darauf stieg jemand auf eine Leiter aus Strohhalmen, und sie hielt, und am Abend desselben Tages drückte jemand auf eine Klinke, und die Tür ging auf. Ein paar Tage später spielte jemand auf einer Maultrommel ,Der Tod und das Mädchen' und jemand schüttelte beim Weinen den Kopf."

Am Ende ist nichts mehr da. Er kehrt zurück, doch das Boot ist fort. Die Enklave ist fort. Die Morawa ist versiegt, und auch die Freunde gibt es nicht mehr oder hat es nie gegeben. Er schreibt ein Buch, schreibt es wie früher in der Nacht: "Nicht wenige solcher nächtlichen Bücher hatte der Autor im Lauf seines Lebens verfaßt, die vom Tageslicht in nichts aufgelöst worden waren. In nichts? Wirklich?"

Ja - fast nichts. Keine Botschaft, keine Nachricht, nur Schönheit als Ahnung und Lesen als Glück. Fast nichts - und mehr denn je.

VOLKER WEIDERMANN

Peter Handke: "Die morawische Nacht". Suhrkamp 2008. 560 Seiten, 28 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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