Eine exklusive Liebe - Adorján, Johanna

Johanna Adorján 

Eine exklusive Liebe

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Eine exklusive Liebe

"Es ist eines der schönsten Bücher der letzten Jahre, warm, schwer und leicht zugleich, klug, liebevoll – es würde verdienen, ein Riesenbestseller zu werden. Zwei Menschen, die miteinander alt geworden sind, beschließen, sich das Leben zu nehmen. Hand in Hand gehen Vera und István in den Tod, das konsequente Ende einer Liebe, die die ganze übrige Welt ausschloss." (Elke Heidenreich)

"Dieses Buch erzählt die Geschichte von Vera und István, die als ungarische Juden den Holocaust überlebten, 1956 während des Aufstands von Budapest nach Dänemark flohen und sich 1991 in Kopenhagen das Leben nahmen. Man fand sie Hand in Hand in ihrem Bett. Es ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe. Die Geschichte meiner Großeltern." Johanna Adorján

Zwei Menschen, die miteinander alt geworden sind, beschließen, sich das Leben zu nehmen. Er ist schwer krank, sie will nicht ohne ihn sein. An einem Sonntag im Herbst 1991 setzen sie ihren Plan in die Tat um. Sie bringen den Hund weg, räumen die Wohnung auf, machen die Rosen winterfest, dann sind sie bereit. Hand in Hand gehen Vera und István in den Tod, es ist das konsequente Ende einer Liebe, die die ganze übrige Welt ausschloss, sogar die eigenen Kinder.

Diskret und liebevoll rekonstruiert Johanna Adorján den Tag des Selbstmordes ihrer Großeltern, die alles andere waren als ein gewöhnliches Paar. Sie siezten sich ihr ganzes Leben, rauchten Kette und sahen umwerfend aus. Und sie hatten eine Vergangenheit, über die sie nicht sprachen. Weil sie sich nicht daran erinnern wollten. Als ungarische Juden hatten sie den Holocaust überlebt, waren Kommunisten geworden und 1956 während des Budapester Aufstands außer Landes geflohen. In Dänemark fingen sie ein neues Leben an und blickten - scheinbar - nie mehr zurück.

Sechzehn Jahre nach dem Tod ihrer Großeltern hat sich Johanna Adorján über das Gebot ihrer Familie hinweggesetzt: "Davon sprechen wir nicht." Sie hat sich auf die Suche nach den blinden Flecken im Leben ihrer Großeltern gemacht und dabei Dinge herausgefunden, die mehr mit ihr selbst zu tun haben, als sie geahnt hatte. Vor den Abgründen der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts lässt sie Vera und István wieder auferstehen: ein faszinierendes Paar, verschroben elegant, unbequem, exzentrisch. Es ist die traurige und schöne Geschichte einer großen Liebe, zugleich die Suche nach der eigenen Geschichte, und dass Johanna Adorján dafür einen leichten, bisweilen sogar komischen Ton gefunden hat, ist ihre große Kunst.

"Dieses Buch erzählt eine eindringliche, komplexe, hinreißende, leidenschaftliche, schmerzliche und oft komische Liebesgeschichte. Und eine Geschichte der Suche nach Liebe." Lily Brett


Produktinformation

  • Abmessung: 220mm x 135mm x 21mm
  • Gewicht: 358g
  • ISBN-13: 9783630872919
  • ISBN-10: 3630872913
  • Best.Nr.: 25070823
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 14.01.2009

Das Lied vom traurigen Sonntag
Johanna Adorjáns Romandebüt "Eine exklusive Liebe" als Vorabdruck in der F.A.Z.

Der 13. Oktober 1991 hätte ein ganz normaler Sonntag werden können. Vera sitzt in der Küche ihres Hauses im dänischen Charlottenlund und wartet darauf, dass der Kaffee durch die Maschine läuft. Im Aschenbecher glimmt eine Zigarette. Auf einem Ringblock notiert die Einundsiebzigjährige, was sie heute erledigen will: die Zeitung abbestellen, die Rosen für den Winter fertigmachen, Mitzi, den Hund, bei einer Freundin unterbringen. Das klingt, als stünde ein Urlaub an. In Wahrheit sind es Vorbereitungen für eine Reise ohne Wiederkehr. Denn dieser Sonntag ist der letzte Tag im Leben von Vera und ihrem schwerkranken Mann István. Am Abend wird sich das Ehepaar gemeinsam ins Bett legen, einander an der Hand nehmen und, wie es lange schon geplant war, nach Anleitung des amerikanischen Handbuchs "Final Exit" aus dieser Welt scheiden.

Johanna Adorján, Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, lässt der Selbstmord ihrer Großeltern bis heute nicht los. Den aufmerksamen Lesern ihrer Texte mag die Verbundenheit der …

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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Judith Luig hat den sehr persönlich gehaltenen Essay der Journalistin Johanna Adorjan über ihre jüdisch-ungarischen Großeltern, die sich 1991 im Kopenhagener Exil gemeinsam das Leben nahmen, vor allem auf die Rolle der Frau hin gelesen, respektive die der Großmutter Vera. Entlang eines Fragenkatalogs, der durch Gespräche mit Familie und Freunden sowie eigenen Erinnerungen abgearbeitet wird, rekonstruiert die Enkelin die wechselvolle Geschichte von Vera und Istvan Adorjan. Wie die Rezensentin betont, taucht im Verlauf der Erzählung neben der außergewöhnlichen exklusiven Liebe, die das Ehepaar lebenslang miteinander verbindet, eine weitere Liebe auf, die sich zwischen Johanna und Vera entspinnt: "Hier sucht eine Enkelin am Vorbild der Großmutter nach Antworten auf die Frage nach der eigenen Weiblichkeit", konstatiert Luig, die der Autorin Respekt für ihren Mut zollt, die selbst eingenommene Frauenrolle zu überprüfen, auch wenn daraus eine gewisse Unentschlossenheit resultiere.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 12.03.2009

Bis in den Tod
„Eine exklusive Liebe”: Die Journalistin Johanna Adorján erzählt vom ungewöhnlichen Lebenslauf ihrer Großeltern
Johanna Adorján erzählt „die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe. Die Geschichte meiner Großeltern”, und weil man diese Ankündigung oder Ankündigungen wie diese in letzter Zeit ein bisschen zu oft gelesen hat, fängt man die Lektüre mit leicht verhaltenem Interesse an. Noch eine Familienbiographie also? Noch ein Stück aus der Geschichtswerkstatt? Nicht nur in der Literatur, sondern auch und noch vielmehr in der profaneren Erzählkunst von Journalisten, Prominenten und ganz normalen Laien ist die eigene Familie zum Lieblingsgegenstand avanciert. Kein Wunder, wir haben alle eine Familie, und da keine Familie für sich beanspruchen darf, interessanter zu sein als irgendeine andere, genießt im Prinzip jede Familienerzählung dasselbe Recht auf Gehör und will schon deshalb geschrieben sein.. Und ganz besonders gilt das für jene Familienerzählungen (und das sind auch beinahe schon wieder alle), die von Tätern und Opfern des Nationalsozialismus erzählen. Aber auch, wenn wir das Recht einer jeden Geschichte auf …

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"Johanna Adorjáns Roman über "Eine exklusive Liebe" ist noch viel besser und bewegender als alle schreiben. (...) Adorjáns Buch verdient jedes nur denkbare Lob." (Elke Heidenreich)

"Dass die Autorin (...) überhaupt alles, mutig und mit beißendem Witz, stets aufs Neue hinterfragt, macht ihr Buch über einen düsteren Sonntag zu einem glänzenden Stück."

"Dass die Autorin (...) überhaupt alles, mutig und mit beißendem Witz, stets aufs Neue hinterfragt, macht ihr Buch über einen düsteren Sonntag zu einem glänzenden Stück."

"Aus der exklusiven Liebe der Großeltern ist ein sehr feines Buch geworden, sanft geschrieben, bewegend und doch immer wieder auch sehr komisch." Christine Westermann / WDR2
Johanna Adorján, 1971 in Stockholm geboren, studierte in München Theater- und Opernregie. Seit 1995 arbeitet sie als Journalistin, seit 2001 in der Feuilleton-Redaktion der "FAS". "Eine exklusive Liebe" ist ihr erstes Buch.

Leseprobe zu "Eine exklusive Liebe" von Johanna Adorján

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Leseprobe zu "Eine exklusive Liebe" von Johanna Adorján

Am 13. Oktober 1991 brachten meine Großeltern sich um. Es war ein Sonntag. Eigentlich nicht der ideale Wochentag für Selbstmorde. An Sonntagen rufen Verwandte an, Bekannte wollen vorbeikommen, um gemeinsam mit dem Hund spazieren zu gehen, ein Montag zum Beispiel erschiene mir viel geeigneter. Aber gut, es war Sonntag, es war Oktober, ich stelle mir einen klaren Herbsttag vor, denn das Ganze ereignete sich in Dänemark, in Charlottenlund, wo meine Großeltern wohnten, einem Vorort von Kopenhagen, in dem alle Häuser einen Garten haben und man seine Nachbarn beim Vornamen nennt. Ich stelle mir vor, dass meine Großmutter am Morgen als Erste aufwacht. Dass sie aufwacht und ihr erster Gedanke ist, dass dies der letzte Morgen ist, an dem sie aufwacht. Dass sie nie wieder aufwachen wird, nur noch einmal einschlafen. Meine Großmutter setzt sich schnell auf, schlägt die Decke zur Seite und schlüpft mit den Füßen in die Stoffschuhe, die sie jeden Abend ordentlich neben dem Bett abstellt. Dann steht sie auf, eine schlanke Frau von einundsiebzig Jahren, streicht sich das Nachthemd glatt, und durchquert leise, um meinen Großvater nicht zu wecken, die paar Meter zur Tür.

Im Flur empfängt sie schwanzwedelnd der Hund, Mitzi, eine Irish-Terrier-Dame, lieb, phlegmatisch, nicht besonders gehorsam. Meine Großmutter kommt gut mit ihr zurecht. Sie spricht Ungarisch mit ihr. "Jö kis kutya", sagt meine Großmutter, nachdem sie die Tür zum Schlafzimmer leise hinter sich geschlossen hat, guter kleiner Hund. Sie hat einen Bass wie ein Mann. Wahrscheinlich kommt das von den vielen Zigaretten, sie raucht eigentlich pausenlos. Ich könnte in meiner Vorstellung von diesem Morgen noch einmal zurückgehen und ihr gleich nach dem Aufwachen schon eine brennende Zigarette zwischen die Finger stecken, Marke Prince Denmark, extra stark (Werbeslogan: Prince Denmark ist Männersache). Ja, spätestens als sie die Pantoffeln anhatte, wird sie sich eine angezündet haben. Es riecht also, während sie dem Hund im Flur über den Kopf streichelt und gleichzeitig hinter sich leise die Schlafzimmertür zuzieht, nach frischem Rauch.

Etwas später mischt sich zum Zigarettenrauch der Geruch von Kaffee. Für feine Nasen auch ein Hauch "Jicky" von Guerlain. Meine Großmutter hat einen Morgenmantel übergezogen, einen Kimono aus Seide, den ihr mein Vater einmal aus Japan mitgebracht hat, sie trägt ihn locker in der Taille zusammengebunden und sitzt jetzt am Küchentisch. Zwischen den Fingern der linken Hand hält sie eine brennende Zigarette. Sie hat lange, elegante Finger und hält die Zigarette ganz weit oben, nahe der Fingerkuppen, als wäre eine Zigarette etwas Kostbares. Meine Großmutter wartet darauf, dass der Kaffee endlich durchgelaufen ist. Vor ihr auf dem Tisch liegen ein Füller und ein Block.

Wer meine Großmutter jetzt sehen würde, könnte meinen, sie langweile sich. Ihre Augenbrauen stehen so weit über ihren Augen, das sie von ganz alleine aussehen wie hochgezogen, schwere Lider verleihen ihrem Gesichtsausdruck eine leicht blasierte Müdigkeit. Auf Fotos aus jungen Jahren sieht meine Großmutter ein bisschen aus wie Liz Taylor. Oder Lana Turner. Oder ein anderer Filmstar aus dieser Zeit mit dunklen langen Haaren und Wangenknochen, die wie gemeißelt wirken. Sie hat eine kurze gerade Nase und einen kleinen Mund mit geschwungener Unterlippe. Nur ihre Wimpern sind vielleicht etwas zu kurz, um perfekt zu sein, und sie zeigen gerade nach unten.

Sie ist auch an ihrem letzten Tag noch eine schöne Frau. Ihre Haut ist vom Sommer gebräunt, ein tiefes, fast schmutziges Braun, die Wangenknochen scheinen noch höher gerutscht zu sein. Die Haare trägt sie kinnlang gestuft. Mit den Jahren sind sie borstig wie Draht geworden, wie eine dicke, dunkelgraue Kapuze umrahmen sie ihr Gesicht. Am Morgen des 13. Oktober 1991 sitzt meine Großmutter am Küchentisch. Während sie darauf wartet, dass der Kaffee fertig durch die Maschine gelaufen ist, notiert sie sich auf ihren Ringblock, was zu erledigen ist. Zeitung abbestellen, schreibt sie. Rosen für den Winter fertig machen. Sie hat keine Brille auf, sie braucht keine, trotz ihrer einundsiebzig Jahre, worauf sie sehr stolz ist. Vor ihr auf dem Tisch glimmt eine Zigarette im Aschenbecher. Es knistert, wenn die Glut sich weiter ins Papier frisst.

Meine Großmutter schreibt: Mitzi. Als sie den Füller absetzt, löst sich ein Klecks Tinte von der Feder, breitet sich auf dem Papier zu einem nassen blauen Fleck aus und lässt das Wort Mitzi darin verschwinden. Egal. Sie wird es sich schon merken können. Sie ist es in den letzten Tagen so oft durchgegangen, dass sie die Punkte ohnehin auswendig weiß. Sie schaltet das Radio an, ein kleines tragbares Plastikradio, das neben dem Toaster steht. Es kommt etwas von Bach. Ist ja Sonntag.

Am Morgen des 13. Oktober 1991 taucht mein Großvater mit einem rasselnden Atemzug aus dem Schlaf auf und ist sofort hellwach. Er greift nach seiner Brille, die auf dem Nachttisch liegt, und wirft einen Blick auf den Wecker. Neun Uhr. Er weiß, was für ein Tag es ist. Es muss ihm nicht erst einfallen, er wusste es auch im Schlaf. Aus der Küche sind Geräusche zu hören, die entstehen, wenn jemand versucht, besonders leise die Spülmaschine auszuräumen. Und, leise, das Bach a-Moll-Violinkonzert. Ist es die Aufnahme mit Menuhin? Er bleibt noch ein paar Takte liegen, dann setzt er sich auf, was für ihn anstrengend ist. Jede Bewegung erschöpft ihn, im Sitzen angekommen, muss er sich erst mal kurz ausruhen. Dann, als gäbe er sich innerlich einen Ruck, fährt er sich einmal mit beiden Händen flach über den Kopf, streicht sich die Haare nach hinten und zu den Seiten, wo sie hingehören. Und steht, ganz langsam, auf.

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Am 13. Oktober 1991 brachten meine Großeltern sich um. Es war ein Sonntag. Eigentlich nicht der ideale Wochentag für Selbstmorde. An Sonntagen rufen Verwandte an, Bekannte wollen vorbeikommen, um gemeinsam mit dem Hund spazieren zu gehen, ein Montag zum Beispiel erschiene mir viel geeigneter. Aber gut, es war Sonntag, es war Oktober, ich stelle mir einen klaren Herbsttag vor, denn das Ganze ereignete sich in Dänemark, in Charlottenlund, wo meine Großeltern wohnten, einem Vorort von Kopenhagen, in dem alle Häuser einen Garten haben und man seine Nachbarn beim Vornamen nennt. Ich stelle mir vor, dass meine Großmutter am Morgen als Erste aufwacht. Dass sie aufwacht und ihr erster Gedanke ist, dass dies der letzte Morgen ist, an dem sie aufwacht. Dass sie nie wieder aufwachen wird, nur noch einmal einschlafen. Meine Großmutter setzt sich schnell auf, schlägt die Decke zur Seite und schlüpft mit den Füßen in die Stoffschuhe, die sie jeden Abend ordentlich neben dem Bett abstellt. Dann steht sie auf, eine schlanke Frau von einundsiebzig Jahren, streicht sich das Nachthemd glatt, und durchquert leise, um meinen Großvater nicht zu wecken, die paar Meter zur Tür.

Im Flur empfängt sie schwanzwedelnd der Hund, Mitzi, eine Irish-Terrier-Dame, lieb, phlegmatisch, nicht besonders gehorsam. Meine Großmutter kommt gut mit ihr zurecht. Sie spricht Ungarisch mit ihr. »Jö kis kutya«, sagt meine Großmutter, nachdem sie die Tür zum Schlafzimmer leise hinter sich geschlossen hat, guter kleiner Hund. Sie hat einen Bass wie ein Mann. Wahrscheinlich kommt das von den vielen Zigaretten, sie raucht eigentlich pausenlos. Ich könnte in meiner Vorstellung von diesem Morgen noch einmal zurückgehen und ihr gleich nach dem Aufwachen schon eine brennende Zigarette zwischen die Finger stecken, Marke Prince Denmark, extra stark (Werbeslogan: Prince Denmark ist Männersache). Ja, spätestens als sie die Pantoffeln anhatte, wird sie sich eine angezündet haben. Es riecht also, während sie dem Hund im Flur über den Kopf streichelt und gleichzeitig hinter sich leise die Schlafzimmertür zuzieht, nach frischem Rauch.
Etwas später mischt sich zum Zigarettenrauch der Geruch von Kaffee. Für feine Nasen auch ein Hauch »Jicky« von Guerlain. Meine Großmutter hat einen Morgenmantel übergezogen, einen Kimono aus Seide, den ihr mein Vater einmal aus Japan mitgebracht hat, sie trägt ihn locker in der Taille zusammengebunden und sitzt jetzt am Küchentisch. Zwischen den Fingern der linken Hand hält sie eine brennende Zigarette. Sie hat lange, elegante Finger und hält die Zigarette ganz weit oben, nahe der Fingerkuppen, als wäre eine Zigarette etwas Kostbares. Meine Großmutter wartet darauf, dass der Kaffee endlich durchgelaufen ist. Vor ihr auf dem Tisch liegen ein Füller und ein Block.
Wer meine Großmutter jetzt sehen würde, könnte meinen, sie langweile sich. Ihre Augenbrauen stehen so weit über ihren Augen, das sie von ganz alleine aussehen wie hochgezogen, schwere Lider verleihen ihrem Gesichtsausdruck eine leicht blasierte Müdigkeit. Auf Fotos aus jungen Jahren sieht meine Großmutter ein bisschen aus wie Liz Taylor. Oder Lana Turner. Oder ein anderer Filmstar aus dieser Zeit mit dunklen langen Haaren und Wangenknochen, die wie gemeißelt wirken. Sie hat eine kurze gerade Nase und einen kleinen Mund mit geschwungener Unterlippe. Nur ihre Wimpern sind vielleicht etwas zu kurz, um perfekt zu sein, und sie zeigen gerade nach unten.
Sie ist auch an ihrem letzten Tag noch eine schöne Frau. Ihre Haut ist vom Sommer gebräunt, ein tiefes, fast schmutziges Braun, die Wangenknochen scheinen noch höher gerutscht zu sein. Die Haare trägt sie kinnlang gestuft. Mit den Jahren sind sie borstig wie Draht geworden, wie eine dicke, dunkelgraue Kapuze umrahmen sie ihr Gesicht. Am Morgen des 13. Oktober 1991 sitzt meine Großmutter am Küchentisch. Während sie darauf wartet, dass der Kaffee fertig durch die Maschine gelaufen ist, notiert sie sich auf ihren Ringblock, was zu erledigen ist. Zeitung abbestellen, schreibt sie. Rosen für den Winter fertig machen. Sie hat keine Brille auf, sie braucht keine, trotz ihrer einundsiebzig Jahre, worauf sie sehr stolz ist. Vor ihr auf dem Tisch glimmt eine Zigarette im Aschenbecher. Es knistert, wenn die Glut sich weiter ins Papier frisst.
Meine Großmutter schreibt: Mitzi. Als sie den Füller absetzt, löst sich ein Klecks Tinte von der Feder, breitet sich auf dem Papier zu einem nassen blauen Fleck aus und lässt das Wort Mitzi darin verschwinden. Egal. Sie wird es sich schon merken können. Sie ist es in den letzten Tagen so oft durchgegangen, dass sie die Punkte ohnehin auswendig weiß. Sie schaltet das Radio an, ein kleines tragbares Plastikradio, das neben dem Toaster steht. Es kommt etwas von Bach. Ist ja Sonntag.

Am Morgen des 13. Oktober 1991 taucht mein Großvater mit einem rasselnden Atemzug aus dem Schlaf auf und ist sofort hellwach. Er greift nach seiner Brille, die auf dem Nachttisch liegt, und wirft einen Blick auf den Wecker. Neun Uhr. Er weiß, was für ein Tag es ist. Es muss ihm nicht erst einfallen, er wusste es auch im Schlaf. Aus der Küche sind Geräusche zu hören, die entstehen, wenn jemand versucht, besonders leise die Spülmaschine auszuräumen. Und, leise, das Bach a-Moll-Violinkonzert. Ist es die Aufnahme mit Menuhin? Er bleibt noch ein paar Takte liegen, dann setzt er sich auf, was für ihn anstrengend ist. Jede Bewegung erschöpft ihn, im Sitzen angekommen, muss er sich erst mal kurz ausruhen. Dann, als gäbe er sich innerlich einen Ruck, fährt er sich einmal mit beiden Händen flach über den Kopf, streicht sich die Haare nach hinten und zu den Seiten, wo sie hingehören. Und steht, ganz langsam, auf.
Menschen, die in den letzten Wochen ihres Lebens bei meinen Großeltern zu Besuch waren, die eintraten in ihr kleines, höhlenartiges, gemütlich voll gestelltes, verrauchtes Haus, sahen meinen Großvater entweder gar nicht, weil er schlief. Oder sie trafen ihn auf dem Sofa im Wohnzimmer an, müde und sehr dünn - in wenigen Monaten war sein Gewicht von 70 auf 58 Kilogramm gefallen, er sah aus wie geschrumpft. Da saß er, von Kissen gestützt, und stand auch dann nicht auf, wenn der Besuch sich verabschiedete. Er hatte Probleme mit dem Herzen.

Kundenbewertungen zu "Eine exklusive Liebe" von "Johanna Adorján"

3 Kundenbewertungen (Durchschnitt 3 von 5 Sterne bei 3 Bewertungen ***** gut)
***** ausgezeichnet
 
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***** gut
 
(1)
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(1)
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Bewertung von diejai.blog.de aus Köln am 01.08.2011 ***** schlecht
Aufmerksam geworden auf das Buch bin ich durch den Klappentext, welcher mich gleich angesprochen hat. Erwartet hatte ich eine schöne Liebesgeschichte, vielleicht auch ein bisschen eine Art Märchen für Erwachsene und mit diesen Erwartungen bin ich auch an das Buch ran gegangen. Allerdings hat sich schnell gezeigt, dass das Buch diesen Erwartungen nicht gerecht wird, denn es ist ganz anders.

Johanna Adorján rekonstruiert zum einen den letzten Tag ihrer Großeltern, zum anderen begibt sie sich auf Spurensuche in die Vergangenheit. Hier geht sie eigenen Erinnerungen nach, dann jedoch auch den Erinnerungen von Freunden und Bekannten der Großeltern, mit denen sie sich trifft. Hier fand ich es manchmal etwas verwirrend durchzublicken, weil ich nicht recht wusste wer jetzt wann wo ist. Die Informationen, welche Johanna so erhält, stellen ein Grundgerüst der Geschichte ihrer Großeltern dar, geben jedoch keine genaueren Hintergründe bekannt. Zudem fließt auch noch Johannas Suche nach der eigenen Identifikation mit ein und sie erzählt zum Beispiel von ihren Erfahrungen mit einem Onlinedating-Portal für Juden. Insgesamt wurde das alles zu viel, die Autorin ist nicht in die Tiefe gegangen und somit ist die ganze Geschichte aus meiner Sicht nur sehr oberflächlich geblieben. Auch die Nähe zu den Protagonisten hat mir gefehlt, aber ich konnte einfach keine Beziehung zu ihnen aufbauen. Fast war es mir als würde ich einen einfachen Lebenslauf, aber eben keine Lebensgeschichte lesen.

Eher oberflächlich gehalten war für mich auch die Geschichte, welche für mich dem Klappentext nach im Mittelpunkt stand, nämlich den gemeinsamen Selbstmord der Großeltern. Natürlich wurde darüber gesprochen und er wurde auch erwähnt, ging jedoch zu sehr unter zwischen den ganzen anderen, teils unwichtig erscheinenden Nebengeschichten. Auch wurde gar nicht genau deutlich, warum die Liebe der beiden so exklusiv, so groß, so einzigartig war. Was hat diese Liebe ausgemacht? All diese Fragen bleiben offen und es gesellen sich weitere dazu. War es wirklich die Liebe der Großeltern, die sie so sehr Verband gemeinsam in den Tod zu gehen? Oder war es vielleicht, dass die Großmutter alleine recht unfähig wirkte und ohne ihren Mann gar nicht zur recht gekommen wäre? Denn die Art, wie sie Dargestellt wird, lässt solche Rückfragen durchaus zu.

Insgesamt hatte ich mir von dem Buch mehr erhofft und war daher etwas enttäuscht statt einer schönen Geschichte einen stellenweise lieblos wirkenden Lebenslauf zu lesen. Das Buch hat auf jeden Fall Potential ist aus meiner Sicht jedoch zu unkonstruiert und hat mir zu viele Ecken und Kanten, so dass kein rundes Leseereignis daraus geworden ist.

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Broschiertes Buch

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Bewertung von Buchwurm aus Ober-Ramstadt am 28.02.2010 ***** gut
Habe das Buch am vergangenen Sonntag gelesen. Johanna Adorján schreibt in einem angenehm zu lesenden und fesselnden Stil über ihre Großeltern, die als Juden den Holocaust überlebten, 1956 während des Aufstands von Budapests von Ungarn nach Dänemark flohen und sich im Herbst 1991 das Leben nahmen. Sie bebildert zwei exzentrische Persönlichkeiten, die sich zeitlebens siezten, aber nicht ohne den anderen leben wollten. Also beschaffen sie sich, als István schwer krank wird, das Skandalbuch "Final Exit", eine Anleitung zum Selbstmord, und planen ihren gemeinsamen Suizid...

Was soll oder kann man über solch ein Buch sagen? Irgendwie fehlen mir die Worte.

(Rezension vom 21.11.2009)

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Bewertung von Lisega am 07.07.2009 ***** ausgezeichnet
Durch ein Interview mit der Autorin bin ich auf dieses Buch aufmerksam geworden. Obwohl ich sonst nicht so gerne Biografien lese, habe ich mich auf diese Geschichte über die außergewöhnlichen Großeltern, die den gemeinsamen Freitod gewählt haben, eingelassen. Die Lektüre habe ich nicht bereut: Johanna Adorjans Sprache gefällt mir (muss öfters die F.A.S. lesen) und die zwei wechselnden Erzählperspektiven - zum einen wird der Verlauf des letzten Tages im Leben der Großeltern beschrieben, zum anderen ihre Lebensgeschichte - geben dem Buch einen interessanten und ansprechenden Aufbau. Der erste Teil, der Tag vor dem Selbstmord, ist sehr anrührend und gelungen rekonstruiert, der zweite Teil, die Lebensgeschichte, bleibt allerdings sehr bruchstückhaft und oft ein bisschen oberflächlich, denn die Großeltern selbst haben wenig aus ihrer Vergangenheit erzählt und von noch lebenden Freunden ist auch nicht viel zu erfahren. Deshalb muss Johanna Adorjan sich großteils auf ihre Erinnerungen an das "exklusive" Paar verlassen. Irgendwie erfährt man dadurch in dem Buch sogar fast mehr über sie als über das eigentliche Thema, die Großeltern. Alles in allem aber eine trotz des traurigen Themas schöne und gelungene Familiengeschichte.

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