Love - King, Stephen

Love

Roman

Stephen King 

Aus d. Amerikan. v. Wulf Bergner
 
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Love

Das Böse kommt nachts. -Das Herz stirbt zuletzt.

Liseys berühmter Mann ist tot - und sein Nachlass weckt albtraumhafte Erinnerungen und Ahnungen in ihr, die bald grausame Gewissheit werden ...

In Stephen Kings vielleicht dichtestem und persönlichstem Roman geht es um die Geheimsprache der Liebe und die Allgegenwart des Wahnsinns.

Lisey ist seit zwei Jahren Witwe. Bereits lange vor seinem Tod hat ihr Mann Scott Landon - ein hochangesehener Romanautor - für sie eine Spur mit Hinweisen ausgelegt, die sie nun immer tiefer in seine von Dämonen bevölkerte Vergangenheit führt. Stück für Stück werden sorgsam verdrängte Erinnerungen in ihr wach: an eine andere Welt, die sie einst mit Scott besucht hat, tagsüber ein märchenhaftes Paradies, während nachts überall das Böse lauert. Ob Scott dort auf sie wartet, damit sie ihn ins Leben zurückholt? Plötzlich tritt ein Verrückter auf den Plan, der sich Zack McCool nennt und es auf Scotts schriftstellerischen Nachlass abgesehen hat. Und um seine Forderungen zu bekräftigen, verletzt er Lisey auf bestialische Weise ...

"Ein großer Wurf!" Spiegel

"Mit 'Love' hat Stephen King seinen seit langem besten Roman geschrieben." Süddeutsche Zeitung

"'Love' ist auf jeden Fall ein Lese-Erlebnis." Stern


Produktinformation

  • Verlag: Heyne
  • 2008
  • Ausstattung/Bilder: 2008. 749 S.
  • Seitenzahl: 752
  • Heyne Bücher Nr.43293
  • Deutsch
  • Abmessung: 187mm x 121mm x 50mm
  • Gewicht: 522g
  • ISBN-13: 9783453432932
  • ISBN-10: 3453432932
  • Best.Nr.: 22836746
Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 24.10.2006

Angst und Nähe
Stephen Kings "Love" ist der anrührende Roman einer Ehe

Stephen und Tabitha King sind seit 1971 verheiratet - Kings Weltruhm als Autor scheint der Verbindung nichts anhaben zu können. Sein Roman "Love", der heute weltweit erscheint, setzt ihr nun ein Denkmal.

"Es ist eine Liebesgeschichte mit Monstern. Einige davon sind Menschen." Wenn ein alles andere als maulfauler Schriftsteller wie Stephen King eine Lesung unveröffentlichter Romanpassagen so wortkarg ankündigt, darf man sich auf einen Text gefaßt machen, an dem selbst für die Verhältnisse dieses notorisch arbeitswütigen Menschen außergewöhnlich ernsthaft gefeilt worden ist.

Als King im Juni letzten Jahres auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten des von seinem Freund John Irving und dessen Frau gegründeten "Maple Street School"-Projekts in Manchester, Vermont, nach dieser nüchternen Ankündigung aus "Lisey's Story" las, fiel Kennern im Publikum auf, daß da ein Tonfall wiedergefunden war, den man, was immer King als Schriftsteller seither sonst an Kunstfertigkeit und Reife dazugewonnen haben mochte, seit "The Shining" (1977) von ihm so nicht mehr …

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Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung von 21.11.2006

Ein Faden im Netz der Liebe
Aufgegeben hatte man ihn ja ohnehin nie: Mit „Love” hat Stephen King jenseits von Horror und Fantasy seinen seit langem besten Roman geschrieben Von Burkhard Müller
Stephen King hat eine Muse, die küsst wie ein MG. Zweitausend neue Druckseiten pro Jahr können als Schnitt gelten, und das seit mehr als dreißig Jahren, und was ein Writer’s Block ist, weiß King offenbar gar nicht. Kings Schreiben scheint sich in den ruhigen, vegetativ gesicherten Rhythmen einer Stoffwechselfunktion zu vollziehen. Er selbst sagt dazu – er selbst oder, wieder einmal, eines seiner Alter Egos, ein Romanheld, der als Schriftsteller im dünnbesiedelten nordöstlichen Bundesstaat Maine zu Hause und mit ebensolcher Emsigkeit am Werk ist wie der, der ihn erschaffen hat: „Er hatte behauptet, wenn er ein Buch schreibe, nehme er einen im Gras liegenden leuchtend bunten Faden auf und folge ihm, um zu sehen, wohin er führe. Manchmal riss der Faden, sodass man mit leeren Händen dastand. Aber manchmal – wenn man Glück hatte, wenn man kühn war, wenn man nicht lockerließ – führte er einen zu einem Schatz.”
Der bunte Faden im Gras, der einlädt, ihm zu …

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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Mit Sympathie hat Rezensentin Kristina Graf den vierzigsten Roman von Stephen King gelesen, aus ihrer Sicht sein bisher ambitioniertestes und persönlichstes Buch. Grafs Inhaltsskizze klingt schwer autobiografisch: die Witwe eines Horror-Schriftstellers räumt nach dessen Tod sein Arbeitszimmer auf und dringt noch einmal tief ins gemeinsame Leben, aber auch in die Psyche des Verstorbenen ein. Auf eine äußere Handlung werde so gut wie verzichtet. Die Rezensentin findet das Buch experimental und voller Wortspiele und -erfindungen. Allerdings scheinen ihr gerade dadurch die Grenzen von Kings literarischen Fähigkeiten recht deutlich zu werden. Doch das tut ihrer Sympathie keinen Abbruch, weil diese Schwächen den authentischen Charakter des Buchs unterstreichen. Trotzdem wäre die Rezensentin nicht unglücklich, wenn sich King nach diesem "Freischreibversuch" wieder seinem populären eigentlichen Metier zuwenden würde.

© Perlentaucher Medien GmbH
Stephen King, geb. 1947 in Portland, Maine, war zunächst als Englischlehrer tätig, bevor ihm 1973 mit seinem ersten Roman 'Carrie' der Durchbruch gelang. Seither hat gilt er als einer der erfolgreichsten Schriftsteller weltweit. Im November 2003 erhielt er den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk. Stephen King lebt mit seiner Frau Tabitha in Bangor, Maine.

Leseprobe zu "Love" von Stephen King

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Für die Öffentlichkeit sind die Ehefrauen berühmter Schriftsteller praktisch unsichtbar, und niemand wusste das besser als Lisey Landon. Ihr Mann hatte den Pulitzerpreis und den National Book Award gewonnen, aber Lisey hatte in ihrem Leben nur ein einziges Interview gegeben: für die bekannte Frauenzeitschrift, in der die Artikelserie "Ja, ich bin mit ihm verheiratet!" erscheint. Sie hatte ungefähr die Hälfte des fünfzig Zeilen langen Interviews auf die Erklärung verwendet, dass ihr Kosename sich auf "CeeCee" reimte. Der größte Teil der anderen Hälfte hatte mit ihrem Rezept für langsam gebratenes Roastbeef zu tun gehabt. Liseys Schwester Amanda sagte, das zu dem Interview gehörende Foto lasse Lisey dick aussehen.

Keine von Liseys Schwestern war über das Vergnügen erhaben, Aufregung zu provozieren ("Stunk zu machen", wie ihr Vater sich immer ausgedrückt hatte) oder die schmutzige Wäsche anderer Leute durchzuhecheln, aber die Einzige, bei der es Lisey schwerfiel, sie zu mögen, war ebendiese Amanda. Amanda, die älteste (und sonderbarste) der ehemaligen Debusher-Girls aus Lisbon Falls, lebte gegenwärtig allein in einem Haus, das Lisey ihr zur Verfügung gestellt hatte: ein wetterfestes Häuschen nicht allzu weit vom Castle View entfernt, sodass Lisey, Darla und Cantata sie im Auge behalten konnten. Lisey hatte es ihr vor sieben Jahren gekauft, fünf bevor Scott gestorben war. Jung gestorben war. Vorzeitig abberufen worden war, wie man so schön sagte. Lisey konnte noch immer nicht recht glauben, dass er seit zwei Jahren nicht mehr da war. Es erschien ihr länger her zu sein und zugleich nur einen Wimpernschlag.

Als Lisey endlich dazu kam, sich daranzumachen, sein Büro auszuräumen - eine Flucht großer und schön beleuchteter Räume, die ursprünglich nur der Heuboden über einer Scheune gewesen waren -, war Amanda am dritten Tag aufgekreuzt, nachdem Lisey bereits mit der Bestandsaufnahme der ausländischen Ausgaben (von denen es Hunderte gab) fertig war, aber sonst noch nicht mehr hatte tun können, als eine Liste der Möbel zu erstellen, auf der Sternchen jene Stücke bezeichneten, von denen sie glaubte, sie behalten zu sollen. Sie wartete darauf, dass Amanda sie fragte, wieso sie um Himmels willen nicht schneller arbeite, aber Amanda stellte keine Fragen. Während Lisey von der Möbelfrage zu einer lustlosen (und ganztägigen) Betrachtung der in dem größten Schrank gestapelten Pappkartons mit alter Korrespondenz überging, schien Amandas gesamte Aufmerksamkeit weiter den eindrucksvollen Haufen und Stapeln von Memorabilien zu gelten, die auf ganzer Länge an der Südwand des Arbeitszimmers aufgetürmt waren. Sie tigerte vor dieser schlangenartigen Ansammlung auf und ab, sagte wenig oder nichts, schrieb aber häufig rasch etwas in ein kleines Notizbuch, das sie stets zur Hand hatte.

Lisey sagte nicht Was suchst du? oder Was notierst du dir da? Wie Scott mehr als einmal festgestellt hatte, besaß Lisey etwas, was bestimmt zu den seltensten menschlichen Gaben gehörte: Obwohl sie jemand war, der sich um den eigenen Kram kümmerte, störte es sie nicht, wenn man sich um anderer Leute Kram kümmerte. Das heißt, solange man keine Sprengsätze herstellte, um jemanden damit zu bewerfen, und in Amandas Fall waren Sprengsätze immer im Bereich des Möglichen. Sie war die Art Frau, die herumschnüffeln musste, die Art Frau, die früher oder später den Mund aufmachen würde.

Ihr Ehemann war 1985 von Rumford aus, wo sie gelebt hatten ("wie zwei in einem Abwasserrohr festsitzende Vielfraße", hatte Scott nach einem Nachmittagsbesuch gesagt, den er nie zu wiederholen geschworen hatte), nach Süden abgehauen. Ihr einziges Kind, eine Tochter namens Intermezzo, kurz Metzie gerufen, war 1989 (mit einem Fernfahrer als Liebhaber) nach Kanada gegangen. "Eine flog nach Norden, eine nach Süden übers Land, eine konnt' nicht halten ihren Lästerrand." Das war in ihrer Kindheit ein Holperreim ihres Vaters gewesen, und diejenige von Dandy Dave Debushers Mädchen, die niemals ihren Lästerrand halten konnte, war bestimmt Manda, die erst von ihrem Mann sitzen gelassen und dann von ihrer Tochter verschmäht worden war.

Auch wenn es manchmal schwierig war, Amanda zu mögen, hatte Lisey nicht gewollt, dass sie allein dort unten in Rumford lebte, und obwohl sie sich nie darüber geäußert hatten, war Lisey sich sicher, dass Darla und Cantata das Gleiche empfanden. Deshalb hatte sie darüber mit Scott gesprochen und das kleine Cape-Cod-Haus gefunden, das für 97000 Dollar bar auf den Tisch zu haben war. Wenig später war Amanda nach Norden gezogen, wo man sie leicht kontrollieren konnte.

Jetzt war Scott tot, und Lisey war endlich dazu gekommen, das Ausräumen seiner Schreibwerkstatt in Angriff zu nehmen. Gegen Mittag des vierten Tages waren die ausländischen Ausgaben in Kartons verpackt, die Korrespondenz war gekennzeichnet und in eine gewisse Ordnung gebracht, und sie hatte eine gute Vorstellung davon, welche Möbelstücke abtransportiert werden und welche bleiben würden. Weshalb hatte sie also das Gefühl, so wenig getan zu haben? Sie hatte von Anfang an gewusst, dass dies keine Aufgabe war, die sich beschleunigen ließ. Nicht zu reden von all den lästigen Briefen und Anrufen (und mehr als nur ein paar Besuchen), die sie seit Scotts Tod erhalten hatte. Letztlich würden die Leute, die sich für Scotts unveröffentlichten Nachlass interessierten, wohl bekommen, was sie wollten, allerdings nicht bevor sie auch bereit war, es ihnen zu überlassen. Dieser Punkt war ihnen anfangs nicht klar gewesen; sie hatten es nicht gefressen, wie es so schön hieß. Inzwischen glaubte sie aber, dass die meisten auf dem Laufenden waren.

Es gab viele Wörter für das Zeug, das Scott hinterlassen hatte. Das einzige, das sie wirklich verstand, war Memorabilien, aber es gab noch ein weiteres, ein komisches Wort, das wie Inkunkabilla klang. Auf die hatten es die ungeduldigen Leute, die Schmeichler, die Zornigen abgesehen: Scotts Inkunkabilla. Lisey fing an, die Leute in Gedanken als Inkunks zu bezeichnen.

2

Was sie vor allem empfand, besonders seit Amanda aufgekreuzt war, war Mutlosigkeit, so als hätte sie entweder die Aufgabe selbst weit unterschätzt oder ihre Fähigkeit, sie bis zum unvermeidlichen Ende durchzuziehen, (heftig) überschätzt - die aufzuhebenden Möbel, die unten in der Scheune eingelagert waren, die eingerollten und mit Klebeband zugeklebten Teppiche, der gelbe Ryder-Möbelwagen in der Einfahrt, wo er seinen Schatten auf den Bretterzaun zwischen ihrem Garten und dem der Galloways von nebenan warf.

Ach, und nicht zu vergessen das traurige Herzstück dieses Büros, die drei Desktop-Rechner (eigentlich waren es vier gewesen, aber der in Scotts Sammlerecke war jetzt weg, wofür Lisey selbst gesorgt hatte). Jeder war neuer und kleiner als sein Vorgänger, aber selbst der neueste war noch immer ein großes Desktop-Modell, und alle waren funktionsfähig. Sie waren auch passwortgeschützt, aber Lisey wusste nicht, wie die Passwörter lauteten. Sie hatte nie danach gefragt und auch sonst keine Ahnung, welcher Elektronikmüll auf den Festplatten der Computer gespeichert sein mochte. Einkaufslisten? Gedichte, Erotika? Sie war sich sicher, dass er einen Internetzugang gehabt hatte, hatte aber keine Ahnung, welche Seiten er dort besucht hatte. Amazon? Drudge Report? Hank Williams Lives? Madam Cruellas Golden Showers & Tower of Power? Sie neigte dazu, Letzteres nicht für möglich zu halten, sich einzubilden, sie hätte die Rechnungen dafür sehen müssen, aber in Wirklichkeit war das natürlich Bockmist. Hätte Scott einen Tausender im Monat vor ihr verbergen wollen, hätte er das tun können. Und die Passwörter? Der Witz war, dass er sie ihr vielleicht sogar verraten hatte. Sie vergaß solches Zeug nur, das war alles. Lisey nahm sich vor, es mit ihrem Namen zu versuchen. Vielleicht nachdem Amanda für heute heimgefahren war. Was allem Anschein nach nicht so bald passieren würde.

Lisey lehnte sich zurück und blies sich das Haar aus der Stirn. Bei diesem Tempo komme ich erst im Juli zu den Manuskripten, dachte sie. Die Inkunks würden überschnappen, wenn sie sähen, in welchem Schneckentempo ich vorankomme. Vor allem dieser letzte.

Der Letzte - das war vor fünf Monaten gewesen - hatte es geschafft, nicht zu explodieren, hatte es geschafft, weiter sehr höflich zu sprechen, bis sie anfing zu glauben, er könnte anders sein. Lisey hatte ihm erzählt, Scotts Büro stehe nun seit nahezu eineinhalb Jahren leer, aber sie habe schon fast die Energie und Willenskraft gesammelt, um dort hinaufzugehen und anzufangen, die Räume zu putzen und alles aufzuräumen.

Der Name ihres Besuchers war Professor Joseph Woodbody von der Anglistikfakultät der University of Pittsburgh gewesen. Die Pitt war Scotts Alma Mater gewesen, und Woodbodys Seminar "Scott Landon und der amerikanische Mythos" war äußerst beliebt und äußerst gut besucht. Außerdem hatte er dieses Jahr vier Doktoranden, die über Scott Landon promovierten, weshalb es wohl unvermeidbar war, dass der Inkunk-Krieger in den Vordergrund trat, als Lisey so vage Ausdrücke wie eher früher als später und fast bestimmt irgendwann diesen Sommer benutzte. Erst als sie ihm versicherte, sie werde ihn anrufen, "wenn der Staub sich gesetzt" habe, geriet Woodbody jedoch wirklich aus der Fassung.

Er sagte, die Tatsache, dass sie das Bett eines großen amerikanischen Schriftstellers geteilt habe, qualifiziere sie nicht dafür, als seine literarische Nachlassverwalterin zu fungieren. Das, sagte er, sei eine Aufgabe für einen Fachmann, und seines Wissens besitze Mrs. Landon nicht einmal einen College-Abschluss. Er erinnerte sie an die Jahre, die seit Scott Landons Tod bereits verstrichen waren, und die ständig zunehmenden Gerüchte. Angeblich gab es haufenweise unveröffentlichte Arbeiten Landons - Kurzgeschichten, sogar Romane. Konnte sie ihn nicht wenigstens für kurze Zeit in sein Arbeitszimmer lassen? Ihn ein bisschen in den Karteikästen und Schreibtischschubladen nachforschen lassen, und wäre es auch nur, um die wildesten Gerüchte zu widerlegen? Natürlich könne sie die ganze Zeit dabeibleiben - das verstehe sich von selbst.

"Nein", hatte sie gesagt und Professor Woodbody die Tür gewiesen. "Ich bin noch nicht so weit." Sie hatte die Tiefschläge des Mannes ignoriert - oder es zumindest versucht -, weil er offenbar doch so verrückt war wie alle anderen. Das hatte er nur geschickter und etwas länger getarnt. "Und wenn ich's bin, werde ich mir alles ansehen wollen, nicht nur die Manuskripte."

"Aber ..."

Sie hatte ernst genickt. "Alles beim Alten."

"Ich verstehe nicht, was Sie damit meinen."

Natürlich tat er das nicht. Das hatte zur vertraulichen Sprache ihrer Ehe gehört. Wie oft war Scott hereingeschneit und hatte gerufen: "He, Lisey, ich bin wieder da - alles beim Alten?" Womit er gemeint hatte: Ist alles in Ordnung, ist alles cool? Aber wie die meisten Schlagworte (Scott hatte ihr das einmal erklärt, aber Lisey hatte es bereits gewusst) hatte auch dieses eine innere Bedeutung. Ein Mann wie Woodbody konnte die innere Bedeutung von alles beim Alten nie erfassen. Lisey hätte sie ihm den ganzen Tag lang erklären können, und er hätte sie trotzdem nicht verstanden. Weshalb? Weil er ein Inkunk war, und wenn es um Scott Landon ging, interessierte die Inkunks nur eines.

"Spielt keine Rolle", hatte sie an jenem Tag vor fünf Monaten zu Professor Woodbody gesagt. "Scott hätte es verstanden."

3

Hätte Amanda sie gefragt, wo die Dinge aus Scotts "Sammlerecke" eingelagert seien - die Preise und Plaketten und solches Zeug -, hätte Lisey gelogen (was sie für jemanden, der das selten tat, leidlich gut konnte) und gesagt: "In einem Schließfach in Mechanic Falls." Amanda fragte jedoch nicht. Sie blätterte nur immer demonstrativer in ihrem kleinen Notizbuch und versuchte offenbar, ihre jüngere Schwester dazu zu bringen, das Thema mit der geeigneten Frage anzuschneiden, aber auch Lisey fragte nicht. Sie dachte lediglich, wie leer diese Ecke jetzt doch war, wie leer und uninteressant, seit so viele von Scotts Erinnerungsstücken verschwunden waren. Entweder vernichtet (wie der Computermonitor) oder zu schlimm zerkratzt und verbeult, um gezeigt zu werden; eine solche Ausstellung hätte mehr Fragen aufgeworfen, als sie je hätte beantworten können.

Schließlich gab Amanda nach und schlug ihr Notizbuch auf. "Sieh dir das an", sagte sie. "Sieh's dir einfach an."

Manda hielt ihr die erste Seite hin. Auf den blauen Linien, von den kleinen Metallbügeln links bis zum äußersten Blattrand rechts (wie eine codierte Nachricht von einem dieser auf den Straßen herumlaufenden Verrückten, denen man in New York ständig begegnet, weil für die öffentlich finanzierten Irrenanstalten nicht mehr genug Geld da ist, dachte Lisey matt), standen dicht gedrängt Zahlen. Die meisten waren umkringelt. Ganz wenige waren von Quadraten umgeben. Manda blätterte um, und nun waren zwei mit demselben Zeug vollgekritzelte Seiten zu sehen. Auf der nächsten Seite hörten die Zahlen in der Mitte auf. Die letzte schien 856 zu sein.

Amanda bedachte sie mit dem schrägen, rotwangigen, leicht lächerlichen hochmütigen Ausdruck, der früher, als sie zwölf und die kleine Lisey erst zwei gewesen war, bedeutet hatte, dass Manda hingegangen war und etwas auf eigene Faust unternommen hatte. Tränen für irgendjemanden würden folgen; meistens für Amanda selbst. Lisey merkte, dass sie mit gewissem Interesse (und leichtem Grausen) darauf wartete, was dieser Ausdruck wohl diesmal bedeuten würde. Amanda hatte sich, seit sie aufgekreuzt war, so verrückt benommen. Vielleicht lag das nur an dem trüben, schwülen Wetter. Wahrscheinlicher war jedoch, dass es mit dem plötzlichen Verschwinden ihres langjährigen Freundes zu tun hatte. Falls Manda vor der nächsten Periode emotionaler Stürme stand, weil Charlie Corriveau sie hatte sitzen lassen, musste Lisey sich wohl auf einiges gefasst machen. Banker hin oder her, sie hatte Corriveau nie leiden können, sie hatte ihm nie getraut. Wie konnte man auch einem Mann trauen, nachdem man beim Frühjahrs-Kuchenverkauf zugunsten der Bücherei mitbekommen hatte, wie die Jungs unten im Mellow Tiger ihn "Shootin' Beans" nannten? Was für eine Art Spitzname war das für einen Banker? Was sollte er vor allem bedeuten? Charlie wusste doch bestimmt, dass Manda schon früher psychische Probleme gehabt hatte ...

"Lisey?", fragte Amanda. Auf ihrer Stirn standen tiefe Falten.

"Entschuldige", sagte Lisey, "ich war nur ... einen Augenblick lang nicht ganz da."

"Das bist du öfter nicht", sagte Amanda. "Ich schätze, das hast du von Scott. Pass jetzt auf, Lisey. Ich habe auf jede seiner Zeitschriften und das gelehrte Zeug eine kleine Zahl geschrieben. Auf die Sachen, die drüben an der Wand gestapelt sind."

Lisey nickte, als würde sie verstehen, worauf dies hinauslief.

"Ich habe die Zahlen mit Bleistift geschrieben und nicht fest aufgedrückt", fuhr Amanda fort. "Immer wenn du mir den Rücken zugekehrt hast oder irgendwo anders warst. Weil ich dachte, wenn du es plötzlich doch bemerkst, verlangst du vielleicht, dass ich damit aufhöre."

"Hätte ich nicht." Sie nahm das kleine Notizbuch, das vom Schweiß seiner Besitzerin schon ganz schlaff war. "Achthundertsechsundfünfzig! So viele!" Und sie wusste, dass die entlang der Wand aufgestapelten Druckerzeugnisse nicht zu denen gehörten, die sie selbst hätte lesen und im Haus haben wollen - Zeitschriften wie O und Good Housekeeping und Ms. -, stattdessen hießen sie Little Swanee Review, Glimmer Train oder Open City, manche hatten auch unverständliche Namen wie Piskya.

"Noch ziemlich viel mehr", sagte Amanda und wies mit dem Daumen auf die Stapel aus Büchern und Zeitschriften. Als Lisey sie nun eingehender betrachtete, sah sie, dass ihre Schwester recht hatte. Das waren weit mehr als achthundertfünfzig und ein paar Zerquetschte. Ganz sicher. "Insgesamt fast dreitausend, und wo du sie hintun willst oder wer sie haben wollen könnte, weiß ich beim besten Willen nicht. Nein, achthundertsechsundfünfzig ist nur die Zahl von denen mit Bildern von dir drin."Das war so unbeholfen ausgedrückt, dass Lisey es zuerst nicht verstand. Als sie es schließlich tat, war sie entzückt. Auf die Idee, dass es einen so unerwarteten Bildervorrat geben könnte - solch eine versteckte Chronik ihrer gemeinsamen Jahre -, war sie nie gekommen. Doch als sie jetzt darüber nachdachte, erschien ihr das nur logisch. Sie waren über fünfundzwanzig Jahre verheiratet gewesen, als er gestorben war, und Scott war in all diesen Jahren ein passionierter, ruheloser Reisender gewesen, unermüdlich unterwegs zu Lesungen und Vorträgen kreuz und quer durchs ganze Land, und hatte bis zu neunzig Hochschulen im Jahr ...


Kundenbewertungen zu "Love" von "Stephen King"

7 Kundenbewertungen (Durchschnitt 3.9 von 5 Sterne bei 7 Bewertungen   sehr gut)
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Bewertung von sommersonne am 22.10.2013   ausgezeichnet
Ich finde das Buch so langweilig und langatmig. wie ein noch nie gelesenes Buch von ihm. Bin jetzt bei Seite 289 und sehe keinen Grund auch nur eine Seite weiter zu lesen.

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Bewertung von feuer_teufelchen am 13.09.2012   ausgezeichnet
Die Geschichte war anders als ich erwartet hatte aber durchaus lesenswert.
Kann es nur empfehlen.

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Bewertung von aline aus kübelberg am 04.01.2010   ausgezeichnet
meiner meinung nach eines seiner besten bücher ich habe es fast in einem rutsch durchgelesen,man kann es einfach garnich mehr aus der hand legen!

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Bewertung von Caro aus Ingolstadt am 02.07.2008   gut
Meiner Meinung nach ein recht gutes Buch, obwohl die Spannung sich langsam aufbaut. Am Anfang ist die Handlung ziemlich zäh, wird aber ab ungefähr der Mitte des Buches deutlich spannender...

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Bewertung von unbekanntem Benutzer am 01.01.2008   gut
Ich fand das Buch zwar gut, aber an Meisterwerke wie "shining" oder "es" reicht es bei weitem nicht heran. Aber lesenwert ist es auf jeden Fall!

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Bewertung von Polar aus Aachen am 07.09.2007   weniger gut
Wenn sich Stephen King an einer Liebesgeschichte versucht, zucken eingefleischte King-Fans sicher zusammen, doch wer King aus Shining kennt, weiß, daß das Übernatürliche nicht zu Kurz kommen wird. Vor allem dann wenn im Mittelpunkt ein Schrifsteller steht. Scott Landon ist allerdings schon tot und die Geschichte windet sich um seine zurückgebliebene Frau Lisey, die allmählich dem Wahnsinn verfällt, indem sie Scotts Stimme hört und dessen manischen Vorstellungen anheimfällt. Hinter allem versteckt sich eine schreckliche Familiengeschichte und genau hier beginnt das ganze Konstrukt King'scher Romankunst durchzuscheinen. Es muß natürlich eine Schauergeschichte her, es muß natürlich das Böse im Vergangenen ruhen, dem Alltag entspringen. Die Geschichte langweilt, weil man Liseys Stimme überdrüssig wird. Das alles hat King bereits spannender zu erzählen vermocht. Hier ist der Anspruch, mit einem Bein im Literarischen und mit dem zweiten in der simplen Welt des Horror zu stehen, nicht gelungen. Love ist über weite Strecken Witwengewäsch. Man wartet sehnsüchtig darauf, daß Lisey endlich den Grund erfährt, wieso alles so ist, wie es ist. Nicht als Einstieg für einen Leser geeignet, der zum ersten Mal sich Stephen King zuwendet.

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Buch mit Leinen-Einband

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Bewertung von Nadine aus Sachsenheim am 03.08.2007   sehr gut
Eigentlich mag ich Stephen King gar nicht. Bekam jedoch das Buch von meinem Bruder geschenkt und wollte es "anstandshalber" auch lesen. Die ersten 300 Seiten waren etwas langweilig und mühsam zu lesen. King erschafft sich eine eigene Welt mit viel Fantasie. Doch mit der Weile liest man sich in diese Welt ein und versteht auch die spezielle Sprache von King. Zum Schluss hin wird es immer spannender. Ich bin wirklich überrascht von diesem Buch, da es anders ist als die anderen Bücher von King. Wirklich lesenswert

Diese Bewertung bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Buch mit Leinen-Einband

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