Sings For Only The Lonely (60th Anniv. Edt.) - Sinatra,Frank
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Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 25.11.2018

9. Begabt, traurig zu sein

Frank Sinatra hatte eine Menge Talente, und eines seiner größten war vermutlich das Talent zum Traurigsein. Aber Sinatras Sorgen, Sinatras Kummer waren fast immer von der Art, dass die meisten seiner Fans sehr gerne mit ihm getauscht hätten. Damals, 1958, als er "Only the Lonely" aufnahm, sein liebstes und sein traurigstes Album, damals war er frisch geschieden von Ava Gardner, der schönen, erwachsenen Schauspielerin, die, wie Sinatra immer wieder sagte, die größte Liebe seines Lebens war und anscheinend blieb; und die Grund genug war, dass der Mann, der sie verloren hatte, den Rest seines Lebens trauerte. Andererseits zögerte Sinatra nicht lange, wenn sich die Gelegenheit ergab, Affären mit so begehrenswerten Frauen wie Lauren Bacall oder Shirley MacLaine anzufangen; und kurz zuvor, bei den Dreharbeiten zu Vincente Minnellis Melodram "Some Came Running", hatte die andere große Affäre seines Lebens begonnen, die mit Dean Martin, dem Whisky, der ganzen unterhaltsamen Mischung aus leben, singen, trinken und auf der Bühne stehen mit den paar Freunden, die man bald das "Rat Pack" nannte. (Und hieß Sinatras größte Liebe nicht Sinatra?)

Es wäre also ein grundsätzliches Missverständnis, wenn man glaubte, die "torch songs" (wie man in Amerika die Lieder über die verlorene Liebe nennt) auf "Only the Lonely" seien direkt und quasi authentisch der Ausdruck der Trauer des Frank Sinatra - und wenn das Album jetzt wiederveröffentlicht wird, einmal in einer neu bearbeiteten Monoversion, und, neu abgemischt, in Stereo: dann kann man gut hören, woran das liegt.

Diese Stimme, wegen der er ja den Kampf- und Ehrennamen "The Voice" hatte, diese Stimme scheint auch über den Sänger zu kommen, fast wie eine Naturgewalt. Und das Zusammentreffen dieser Stimme mit den Songs, die scheinbar nur für sie geschrieben wurden, erzeugen gewissermaßen einen Sog der Traurigkeit, der sich Sinatra dann auch nicht mehr entziehen kann. "Guess I'll Hang My Tears out to Dry" von Sammy Cahn und Jule Styne haben auch andere interpretiert. Wenn es Sinatra singt, braucht man eine extrem lange Wäscheleine. Man kann es auch so herum sagen: Diese Songs, diese Stimme sind weniger Ausdruck einer Traurigkeit; vielmehr erzeugen sie die Sehnsucht, traurig (oder zumindest melancholisch) zu werden. Und Sinatra gibt sich dieser Sehnsucht hin. Tatsächlicher Liebeskummer ist dafür nicht nötig, authentische Gefühle würden nur stören, wie immer, wenn es Popmusik ist. Und Sinatra war immer mehr Pop als Jazz.

Insofern sind auch die Outtakes sehr interessant. Da versucht Sinatra Billy Strayhorns "Lush Life" zu singen; und er setzt immer wieder an und bekommt es nicht hin: "I used to visit all those very gay places, those come-what-may places. Where one relaxes in the axis of the wheel of life . . ." Zu viel Kunst. Zu wenig Gefühl.

Claudius Seidl

Frank Sinatra: "Only the Lonely" (Capitol Records)

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