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Jojo und seine kleine Schwester Kayla leben bei ihren Großeltern Mam and Pop an der Golfküste von Mississippi. Leonie, ihre Mutter, kümmert sich kaum um sie. Sie nimmt Drogen und arbeitet in einer Bar. Wenn sie high ist, wird Leonie von Visionen ihres toten Bruders heimgesucht, die sie quälen, aber auch trösten. Mam ist unheilbar an Krebs erkrankt, und der stille und verlässliche Pop versucht, den Haushalt aufrecht zu erhalten und Jojo beizubringen, wie man erwachsen wird. Als der weiße Vater von Leonies Kindern aus dem Gefängnis entlassen wird, packt sie ihre Kinder und eine Freundin ins Auto…mehr

Produktbeschreibung
Jojo und seine kleine Schwester Kayla leben bei ihren Großeltern Mam and Pop an der Golfküste von Mississippi. Leonie, ihre Mutter, kümmert sich kaum um sie. Sie nimmt Drogen und arbeitet in einer Bar. Wenn sie high ist, wird Leonie von Visionen ihres toten Bruders heimgesucht, die sie quälen, aber auch trösten. Mam ist unheilbar an Krebs erkrankt, und der stille und verlässliche Pop versucht, den Haushalt aufrecht zu erhalten und Jojo beizubringen, wie man erwachsen wird. Als der weiße Vater von Leonies Kindern aus dem Gefängnis entlassen wird, packt sie ihre Kinder und eine Freundin ins Auto und fährt zur "Parchment Farm", dem staatlichen Zuchthaus, um ihn abzuholen. Eine Reise voller Gefahr und Hoffnung.
Jesmyn Ward erzählt so berührend wie unsentimental von einer schwarzen Familie in einer von Armut und tief verwurzeltem Rassismus geprägten Gesellschaft. Was bedeuten familiäre Bindungen, wo sind ihre Grenzen? Wie bewahrt man Würde, Liebe und Achtung, wenn man sie nicht erfährt? Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt ist ein großer Roman, getragen von Wards so besonderer melodischer Sprache, ein zärtliches Familienporträt, eine Geschichte von Hoffnungen und Kämpfen, voller Anspielungen auf das Alte Testament und die Odyssee.
  • Produktdetails
  • Verlag: Verlag Antje Kunstmann
  • Artikelnr. des Verlages: .14224
  • Seitenzahl: 304
  • Erscheinungstermin: 14. Februar 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 216mm x 147mm x 30mm
  • Gewicht: 484g
  • ISBN-13: 9783956142246
  • ISBN-10: 3956142241
  • Artikelnr.: 49578596
Autorenporträt
Ward, Jesmyn
Jesmyn Ward, geb. 1977, wuchs in DeLisle, Mississippi, auf. Nach einem Literaturstudium in Michigan war sie Stipendiatin in Stanford und Writer in Residence an der University of Mississippi. Sie lehrt derzeit Englische Literatur an der Tulane University in New Orleans. Jesmyn Ward ist die erste Frau, die zweimal mit dem wichtigsten amerikanischen Literaturpreis, dem National Book Award, ausgezeichnet wurde: für "Vor dem Sturm" (Kunstmann, 2013) und für "Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt" (Kunstmann, 2018). 2017 wurde ihr auch der MacArthur Genius Grant verliehen.
Rezensionen
Besprechung von 24.02.2018
„Es ist nicht mehr
wie früher“
Jesmyn Ward erzählt umwerfend vom Südstaatenleben
Was für ein Buch! Was für eine Geschichte! Elend und Poesie, knochenharte Tatsachen, Geister und Magie, Archaisches und Gegenwärtiges, Leben und Tod, sie liegen in Jesmyn Wards Roman „Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt!“ ganz nah beieinander. Dass die schwarz-amerikanische Autorin, die 2011 für „Vor dem Sturm“ mit dem National Book Award ausgezeichnet worden war, den Preis gleich mit dem nächsten Roman als erste Frau ein zweites Mal gewinnen konnte, es verwundert keinen Augenblick. Mit seinen Bildern und Lebensgeschichten aus einer uns zutiefst fremden, dabei kulturell wie zeitlich eigentlich doch nicht fernen Welt ist dieser Gesang von Lebenden und Toten eine umwerfende Leseerfahrung.
Für die es allerdings gute Nerven braucht. Elend nämlich sind nicht nur die Lebensverhältnisse in der Familie des alten Schwarzen River Stone, elend ist insbesondere der radikal selbstbezogene Umgang seiner Tochter Leonie mit ihren beiden Kindern, Jojo und Kayla. Und das Vertrauen, dass die Toten unter uns sind und uns erscheinen können, braucht es auch. Sie verlangen, die Geschichte ihres zumeist grausamen Endes kennenzulernen, denn erst dann dürfen sie „nach Hause“ zurückkehren, und darum geht es hier insgesamt: seinen eigenen Ort, seine Zugehörigkeit zu bestimmen, im Leben wie im Tod. Es geht um Gewissheit.
Gewissheit über sich selbst ist zum Beispiel notwendig, wenn es ans Schlachten geht. Der von seinem Enkel „Pop“ genannte, trotz seines hohen Alters kräftige und zähe Großvater will für Jojo zu dessen 13. Geburtstag aus seinem sorgsam gehegten Tierbestand einen Ziegenbock schlachten. Jojo, der River nicht nur in seiner aufrechten Körperhaltung, sondern grundsätzlich in seiner Haltung dem Leben gegenüber nacheifert, will ihm zur Hand gehen. Auch er ist doch schon groß. Auch er hat keine Angst vor dem Tod und kann es aushalten, ein sterbendes Tier in seinem Blut zu sehen.
Doch da er zudem versteht, was die Tiere sagen, hält er es eben nicht aus. Während der Bock mit noch feuchten, ausdrucksvollen Augen ausblutet, flieht Jojo aus dem Stall.
Blut fließt hier gleich im ersten Kapitel, und es riecht auch nicht gut, denn so ist es mit dem Sterben, nicht nur dem der Tiere. Wenn die „Mam“ genannte Großmutter nach einem synkretistischen Ritual, zu dem sie ihre drogenabhängige Tochter Leonie schließlich hat bringen können, gegen Ende des Buches am Krebs eingeht, wird auch hier nichts beschönigt, und das gilt für Wards Beschreibungen des Daseins im „Lost South“ der USA im Ganzen. Armut ist im fiktiven Mississippi-Ort Bois Sauvage die eine Konstante, die andere ein alteingesessener Rassismus. Die äußere Verelendung entspricht einer inneren, Gewalt und Drogen sind die fast zwingende Folge – der Roman entwickelt in den einander abwechselnden Ich-Erzählungen von Jojo, seiner Mutter Leonie und der rastlosen Seele des ermordeten Jungen Richie, was das im Verlauf der vergangenen siebzig Jahre konkret bedeutet hat. Als 15-Jähriger ist Pop im Jahr 1948 unschuldig ins Gefängnis gekommen und hat dort Schuld auf sich geladen, paradoxerweise, um den 12-jährigen schwarzen Mithäftling Ritchie vor der Gewalt der weißen Männer zu schützen. Pops Schwiegersohn Michael wiederum, Vater von Jojo und Kayla, ist ein Weißer und sitzt seit drei Jahren im selben Gefängnis wie einst Pop. Dessen Tochter Leonie, fühllos und aggressiv gegen ihre Kinder und in ihrer panischen Liebe zu Michael unfähig, sich um sie zu kümmern, wurde während der High School schwanger. Seit drei Jahren schnupft sie Koks und wirft ein, was immer sie an Drogen kriegt: richtungslos in ihrem Leben, seit Michael zu seinem Vater, einem rassistischen Ex-Sheriff, und seiner nicht minder aggressiven Mutter zurückgekehrt ist – da war Kayla noch nicht einmal geboren.
Inzwischen arbeitet Leonie zusammen mit ihrer weißen Freundin Misty, deren schwarzer Freund im selben Gefängnis einsitzt wie Michael, in einer Bar, was sie verdienen, geht für Drogen drauf. Mams und Pops ältester Sohn Given schließlich, ein begabter, unbekümmerter 18-Jähriger, der womöglich eine Sportler-Karriere vor sich gehabt hätte, wurde vor zehn Jahren von Michaels rassistischem Cousin erschossen. „Du verdammter Idiot“, sagte da dessen Vater. „Es ist nicht mehr wie früher.“ Ist es aber doch: Der Schwarze wird aus Hass erschossen, der Weiße geht straffrei aus.
Die Toten derweil erscheinen denjenigen, die eine besondere Wahrnehmungsfähigkeit besitzen – Jojo, Leonie, wenn sie im Drogenrausch ist, schließlich auch der kleinen Kayla, der Hellfühligsten unter ihnen. Die Geister von Richie und Given fragen und mahnen die Lebenden. Und sie wollen, dass deren Geschichte anders weitergeht.
Mit schnellen Dialogen, farbig, einfühlsam und voller Sinnlichkeit erzählt Jesmyn Ward von seit Jahrhunderten gesellschaftlich sanktionierter Rückständigkeit und Brutalität – aber eben auch von der Kraft derer, die sich ihr nicht ergeben wollen, Opfer und Nicht-Opfer zugleich. Ward selbst kennt diese Welt genau, sie kommt von dort: die Erste ihrer Familie, die ein College besuchte, die Universität Stanford mit zwei Abschlüssen verließ und heute als Professorin mit ihrer Familie wieder im Süden lebt. Dass sie die Verhältnisse so gnadenlos präzise und dennoch nicht ohne Hoffnung sieht, es dürfte seinen Grund in ihrer eigenen Biografie haben.
Im Roman sind es die Kinder, die für diese Hoffnung einstehen: Jojo, der für Kayla umsorgende Mutter und beschützender Vater zugleich ist, und Kayla, die in einer vorbewussten Verbindung mit ihren Vorfahren lebt. Beide wissen im Gespräch mit den Toten wie in ihrem klaren Blick auf die Lebenden mehr als alle anderen. Und sie sind Überlebende nach einer langen Reihe gequälter und entrechteter Vorgänger. Von Leonie ins Auto verfrachtet, um zusammen mit Misty auf einer wahnwitzigen Reise Michael aus dem Gefängnis abzuholen, stirbt das Kleinkind fast an Entkräftung, Jojo werden von einem Polizisten Handschellen angelegt, die Pistole spürt er schon an seinem Kopf – doch überstehen sie in ihrer Verbundenheit alles. Es ist Kayla, die am Ende zusammen mit den Geistern deren Lied singt: „Nach Hause, sagen sie. Nach Hause.“
FRAUKE MEYER-GOSAU
Jesmyn Ward
Foto: Rogelio V. Solis/AP
Jesmyn Ward: Singt,
ihr Lebenden und ihr
Toten, singt! Roman.
Aus dem Englischen von Ulrike Becker. Kunstmann Verlag, München 2018.
304 Seiten, 22 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 10.03.2018
Die Geister Amerikas

Jesmyn Ward ist die Erbin von Faulkner und Toni Morrison. Ihr neuer Roman festigt diesen Ruf.

Von Verena Lueken

Körper in der Schwüle. Tiere, die miteinander sprechen. Pflanzen mit Heilkräften und Steine, die den Weg zum Tod weisen. Geister, die auf Bäumen wohnen oder plötzlich im Auto zwischen den anderen Passagieren sitzen. Ein Großvater, Pop, der versucht, seinem Enkel zu zeigen, dass ein schwarzer Mann außer drogenabhängig, gewalttätig oder Opfer von Gewalt auch noch etwas anderes sein kann, nämlich fürsorglich, vernünftig und vorausschauend. Eine Mutter, der das Muttergen fehlt. Ein Baby, das sich einen Großteil des Buchs lang erbricht und dann die Toten von den Bäumen nach Hause führt. Das Ganze geschrieben in einem Ton, in dem manchmal alttestamentarischer Zorn aufblitzt, meistens aber eine Form physischer Metaphorik die körperlichen Gegebenheiten auf fast unerträgliche Weise spürbar macht. Hunger. Durst. Schmerzen. Angst. Übelkeit. Rausch. Die Stimme, der wir folgen, ist von fern mit Faulkner verwandt, wenn sie näher kommt, mit Toni Morrison. Die Übersetzerin Ulrike Becker hat das auch im Deutschen hörbar gemacht.

Bois Sauvage ist der Name des fiktiven Ortes, an dem die Figuren dieses Romans zu Hause sind. Er klingt nach Hitze und nach Feuchtigkeit, nach wilden Tieren auch. Es ist ein Ort, an dem ein schwarzer Junge, der eine Wette gewinnt, vom weißen Verlierer erschossen werden kann, und ein Gericht entscheidet, es war ein Jagdunfall. Ein Ort, an dem dieser Junge seiner Schwester, wenn sie high ist, was häufig vorkommt, nach seinem Tod als Geist erscheint. Es ist ein Ort, an dem Menschen verschiedener Hautfarben, wenn sie jung sind, miteinander schlafen und sich lieben, weiße Menschen aber, wenn sie älter sind, darauf mit großem Hass reagieren. Das erfundene Bois Sauvage liegt im echten Mississippi.

Jesmyn Ward kennt die Gegend, sie ist dort aufgewachsen, und auch ihr erster Roman, "Vor dem Sturm", spielt hier. Es ist der Teil des Landes, an dem wie nirgendwo sonst alles, was Amerika erschüttert, zusammenkommt - der Rassismus, die Armut, die Opioidkatastrophe, das Gefängniselend. Die Spuren der Sklaverei wie die Nachwehen von Hurrikan Katrina. Die Legenden, die Schreie der Toten, die Erinnerungen an Hundejagden, an Vergewaltigungen, an Lynchmorde. Die Vergangenheit, die nicht vergangen ist.

Von diesem Ort bricht eine kleine Gesellschaft zu einer Fahrt zur Parchman Farm auf, so heißt mit Spitznamen das Gefängnis, aus dem Michael dieser Tage entlassen wird. Michael ist der Freund von Leonie und Vater ihrer Kinder Jojo und Kayla, die sie hinten ins Auto gepackt hat. Mit dabei ist noch ihre Freundin Misty. Die beiden verstehen sich nicht nur, weil Misty einen schwarzen und Leonie einen weißen Freund hat, sie also beide Männer anderer Hautfarbe lieben, sondern auch, weil sie gern high miteinander werden und immer eine, wenn die andere zögert, für Nachschub sorgt.

Es erzählen drei Figuren: Der zwölfjährige Jojo konzentriert sich auf seine Babyschwester Kayla, die so krank ist auf der Autofahrt, dass wir fürchten müssen, sie wird nicht überleben. Außerdem hat sich zwischen ihnen der Geist von Richie niedergelassen, der mit Jojos Großvater Pop einst in der Parchman Farm einsaß und wissen will, wie er auf seiner Flucht zu Tode kam. Jojo soll ihm helfen, das aus Pop herauszukriegen, wenn sie zurück sind. Jojo will ihn loswerden, will aber auch das Ende von Richies Geschichte hören, das ihm sein Großvater bisher nicht erzählt hat. Leonie wiederum denkt vor allem an Michael, daran, wie sie sich kennenlernten, wie sie sich lieben und dass sie eine Familie sind, selbst wenn sie sich für Familie eigentlich nicht besonders interessiert. Und sie denkt an ihre sterbende Mutter und an ihren toten Bruder Given, von dem sie wünschte, er wäre leibhaftig da. Richie wiederum beobachtet, was im Auto vorgeht, und erzählt, was im Gefängnis geschah und wie Pop es war, der ihn rettete. Und dann plötzlich verließ.

In diesen drei Erzählerstimmen verschwimmen die Erinnerungen mit den Ereignissen heute, werden der Verkehrspolizist, der Jojo Handschellen anlegt, und der Gefängnisaufseher, der Richie auspeitschte, zu Brüdern. Aber sie lieben einander nicht. Sie hassen nur gemeinsam. Liebe ist zwischen den anderen, zwischen Pop und Mam, Jojo und Kayla, Leonie und Michael, und Jesmyn Ward widmet sich ihnen mit geduldiger Zärtlichkeit. Was bedeutet, dass nicht nur das Elend, die Grausamkeit von Geschichte wie Gegenwart alle Aufmerksamkeit wert ist, sondern auch das, was in diesen Figuren durch Literatur zu retten war.

Jesmyn Ward: "Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt". Roman.

Aus dem Amerikanischen von Ulrike Becker. Kunstmann Verlag, München 2018. 300 S., geb., 22,- [Euro].

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