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Kansas im Jahre 1857: Hier, im Mittleren Westen der USA, lebt der junge Sklave Henry Shackleford. Hier tobt auch der Krieg zwischen überzeugten Sklavenhaltern und bibeltreuen Abolitionisten besonders wüst. John Brown ist einer derjenigen, die beseelt davon sind, Gottes Willen durchzusetzen und die Schwarzen in die Freiheit zu führen. Als er zufällig in einer Kneipe auf Henrys grausamen Master trifft - einen weithin bekannten und berüchtigten Sklavenhalter -, kommt es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung, in deren Folge beide fliehen müssen: sowohl John Brown als auch der junge Henry, der…mehr

Produktbeschreibung
Kansas im Jahre 1857: Hier, im Mittleren Westen der USA, lebt der junge Sklave Henry Shackleford. Hier tobt auch der Krieg zwischen überzeugten Sklavenhaltern und bibeltreuen Abolitionisten besonders wüst. John Brown ist einer derjenigen, die beseelt davon sind, Gottes Willen durchzusetzen und die Schwarzen in die Freiheit zu führen. Als er zufällig in einer Kneipe auf Henrys grausamen Master trifft - einen weithin bekannten und berüchtigten Sklavenhalter -, kommt es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung, in deren Folge beide fliehen müssen: sowohl John Brown als auch der junge Henry, der irrtümlicherweise für ein Mädchen gehalten wird und schnell begreift, dass dies seine Vorteile hat ....
  • Produktdetails
  • Verlag: Btb
  • Seitenzahl: 464
  • Erscheinungstermin: 16. September 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 219mm x 144mm x 30mm
  • Gewicht: 724g
  • ISBN-13: 9783442754892
  • ISBN-10: 3442754895
  • Artikelnr.: 42686517
Autorenporträt
McBride, James
James McBride - Autor, Musiker, Drehbuchschreiber, Journalist - wurde weltberühmt durch seinen autobiografischen Roman "Die Farbe von Wasser". Das Buch gilt inzwischen als Klassiker in den Vereinigten Staaten, es stand zwei Jahre lang auf der New York Times Bestsellerliste. McBrides Debüt "Das Wunder von St. Anna" wurde vom amerikanischen Kultregisseur Spike Lee verfilmt. Für "Das verrückte Tagebuch des Henry Shackleford" erhielt McBride den renommierten National Book Award.

Löcher-Lawrence, Werner
Werner Löcher-Lawrence, geb. 1956, studierte Journalismus, Literatur und Philosophie, arbeitete als wissenschaftlicher Assistent an der Universität München und als Lektor in verschiedenen Verlagen. Er ist der Übersetzer von u.a. Ethan Canin, Patricia Duncker, Michael Ignatieff, Jane Urquhart.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Wer allzu politisch korrekte Maßstäbe an diesen, auf Grundlage weitreichender Recherchen geschriebenen, "famosen 'Südstaaten'-Roman" legt, wird bei der Lektüre nicht weit kommen, erklärt Rezensent Martin Zähringer. Das Buch handelt von dem Sklavenjungen und Ich-Erzähler Henry Shackleford, der nach dem Tod seines Vaters unter die Fittiche des historischen Abolitionisten John Brown gerät, der Shackleford allerdings für ein Mädchen hält, so der Kritiker weiter. Dass der frisch befreite Junge die neuerlangte Freiheit erstmal als gefährlicher als die Sklaverei wahrnimmt und nur wegen seines Status als Mädchen vor einem Kriegseinsatz bewahrt bleibt, zählt neben der Tatsache, dass seine Titelfigur - im Übrigen genau wie er selbst - auch weiße Anteile aus seinem Familienstammbaum geerbt hat - , zu den provokanteren Aspekten des in den USA zwar mit dem National Award ausgezeichneten, aber dennoch kontrovers diskutierten Romans, so Zähringer. Nicht in der Andacht, sondern in der "Dekonstruktion" geschehe hier die Würdigung, stellt Zähringer unter Hinweis fest, dass aber auch im eher uneindeutigen Gelände dieses Romans selbstredend die weißen Sklavenhalter als die eigentlich verkommenen Subjekte dargestellt werden.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 20.01.2016
Als Mädchen durch Kansas reiten

Was für ein Etikettenschwindel: James McBrides "Das verrückte Tagebuch des Henry Shackleford" ist viel mehr, als sein Titel verspricht - nämlich ein großer amerikanischer Geschichtsroman.

Aus dem deutschen Kino kennt man das ja schon lange: die verquere Neubetitelung fremdsprachiger Filme. Das beste Beispiel hierfür ist die Änderung des anspielungsreichen Hitchcock-Titels "Rope" in das betuliche "Cocktail für eine Leiche". Einer der experimentellsten, auch technisch avanciertesten Filme seiner Zeit wurde so auf das Niveau einer Klamotte heruntergestuft. Aber was ist der Zweck solcher Umetikettierungen? Die Senkung voreilig vermuteter Rezeptionshemmnisse?

Solches hatte möglicherweise auch der deutsche Verlag des 2013 im Original erschienenen Romans von James McBride im Sinn. Was hierzulande als eine x-beliebige Abenteuererzählung mit Blödelei-Versprechen daherkommt, ist tatsächlich einer der wichtigsten amerikanischen Romane der letzten Jahre: verfasst von einem hochangesehenen Autor, dessen Familienbiographie "The Color of Water" (1995) bereits als moderner Klassiker gehandelt wird; ausgezeichnet mit einem der renommiertesten Buchpreise der Vereinigten Staaten, dem National Book Award. Der auch klanglich schöne Ursprungstitel lautet: "The Good Lord Bird". Auf irgendwelche Verrücktheiten deutet hier also gar nichts hin; und die Gattungsbezeichnung als Tagebuch ist ganz einfach falsch.

McBrides Roman setzt mit einem "Prolog" ein, der als Zeitungsartikel aus dem Jahr 1966 gestaltet ist. Es geht darin um ein Bündel "seltener Neger-Unterlagen", die in einer Baptistenkirche im Bundesstaat Delaware gefunden wurden. Aufgezeichnet wurden sie von einem Kirchendiakon, der sie dann aber verstecken musste, weil sie Ungeheuerliches dokumentieren: die in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreichenden Lebenserinnerungen des Henry Shackleford, der sich als Kind dem berüchtigten Abolitionisten John Brown anschloss, nachdem dieser ihn aus der Versklavung befreit hatte. Bei dieser Befreiung kam es zu einem folgenschweren Missverständnis: Brown hielt Henry für ein Mädchen, machte aus ihm also kurzerhand eine Henrietta, was sich dieser auch gefallen ließ - zunächst nur, um sich vor der Beteiligung an gewaltsamen Befreiungsaktionen zu schützen, dann aber auch aus innerer Neigung heraus.

"The Good Lord Bird" gehört also dem Genre der sogenannten "passing novel" an, das in der amerikanischen Literatur in verschiedensten Spielformen anzutreffen ist, insbesondere auch - wie hier - in Verbindung mit einem "slave narrative": Infolge der fälschlichen Fremdzuschreibung durch seinen Befreier versucht Henry, als Mädchen durchzukommen, und er hat damit tatsächlich Erfolg. Dies aber liegt weniger an der Raffinesse seiner Geschlechter-Inszenierung; der Grund ist vielmehr rassenproblematischer Art: "Denn auch wenn ich mich dran gewöhnt hatte, als Lüge zu leben (als Mädchen, meine ich), sah ich die Sache doch so: Schon das Neger-Sein ist eine Lüge, weil da keiner dein wirkliches Ich sieht. Keiner weiß, wie's in dir drin aussieht. Du wirst nur nach deinem Äußeren beurteilt, wie genau deine Farbe auch ist. Mulatte, farbig, schwarz, es ist egal. Für die Welt bist du ein Neger." Auf diese Weise verbindet der Roman, der recht frei zwischen Fakten und Fiktion changiert, gleich zwei für Amerika hochbrisante (und hochaktuelle) Zentralthemen, nämlich "race" und "gender".

Der Erzähler entwirft ein ungeschöntes und sehr eindrucksvolles Porträt des Mittleren Westens, in dem die politischen Konflikte zwischen Sklavenbefürwortern und Abolitionisten vor dem Bürgerkrieg besonders wüst ausgefochten worden sind - vor allem von dem sogenannten "Bleeding Kansas". Dabei stehen klassische Westernimpressionen, die sich nur filmisch imaginieren lassen ("Ein Schneesturm kam über uns, als wir Pikesville verließen ... In Decken gerollt, lagen wir unter Planen, der Schnee wehte uns in die Gesichter, und nicht weit heulten die Wölfe"), neben Bildern von extremer naturalistischer Härte: das "Hurenhaus", in dem Henry für einige Zeit unterkommt, dahinter ein höllisch stinkender "Sklavenpferch".

Zugleich - und provozierenderweise - steckt McBrides Roman voller Komik, was vor allem an Brown liegt, einer jener mythischen, schon vielfach besungenen, literarisierten und filmisch inszenierten Figuren der amerikanischen Geschichte, die hier als ein zauseliger, eigenbrötlerischer Greis beschrieben wird: "Sein Gesicht ... war ein zerfurchter Wischlappen." Diese komische Überzeichnung Browns wiederum bricht sich in der ungezügelten Brutalität seines Feldzugs, die an Tarantinos "Django Unchained" denken lässt; das geht bis zur Spaltung der Köpfe seiner Gegner mit dem Schwert. Henry kommentiert diese Erbarmungslosigkeit, die mit heftigem religiösem Fanatismus einhergeht, auf eine sehr allgemeine und darin übertragbare Weise: "Er war wie alle, die sich im Krieg befanden, und glaubte Gott an seiner Seite. Alle haben sie im Krieg Gott an ihrer Seite. Das Problem ist, dass der keinem erzählt, für wen er ist."

Was Brown zu einer komplexen, literarisch reizvollen Figur macht, ist seine fast kindliche Naivität, sein unumstößlicher Glaube an die ,gute Sache', der allerdings insofern völlig verblendet ist, als er die Lage der zu Befreienden, ihr wahres Befinden und Wollen, zu keinem Zeitpunkt zur Kenntnis nimmt - eine Form der positiven Diskriminierung also. "Der Neger" ist für Brown ein reines Abstraktum, eine blanke Projektionsfläche für ganz subjektive Gerechtigkeitsideen, während er die unterschiedlichen Interessen dieser stark heterogenen ,Gruppe' nicht einmal zur Kenntnis nimmt. Diese Ignoranz rächt sich beim spektakulären Überfall auf das Waffenlager in Harpers Ferry, Virginia, im Jahr 1859, auf den die Handlung im letzten Drittel zuläuft: Die "Bienen", also die Sklaven, von denen Brown glaubt, sie würden in Massen herbeiströmen, um mit ihm zu den Waffen zu greifen, bleiben in ihrem Stock - der großgedachte Aufstand bleibt aus und wird niedergeschlagen.

Brown ist aus Henrys Perspektive also mehreres zugleich: zweifellos ein Verrückter (zu ihm würde das Wort tatsächlich passen) und ein schlimmer Bluthund, aber auch ein heldenhafter Streiter für die Unterdrückten, der am Ende sogar eine Art Apotheose erfährt. Dies hat historische Gründe: Die Geschehnisse, von denen hier erzählt wird, gelten heute als Katalysator des wenig später begonnenen Bürgerkrieges - und damit als Voraussetzung für die Abschaffung der Sklaverei.

Der deutsche Verlag hat sich dafür entschieden, "The Good Lord Bird" als schlichten Unterhaltungsroman herauszubringen. Berechtigt scheint dies allenfalls im Blick auf die packende Erzählweise, also: die plastische Figurenzeichnung, den narrativen Zug auf das spannungsgeladene Ende hin, den weitgehenden Verzicht auf erzählerische Selbstreflexion. Hält man sich hingegen den brisanten Problemgehalt dieses Geschichtsromans vor Augen, so liegt darin eine grobe Vereinfachung, die übrigens auch der ambivalenzbewussten Übersetzerleistung von Werner Löcher-Lawrence nicht gerecht wird. Vielleicht muss der Vergleich mit Mark Twains "Huckleberry Finn", der in amerikanischen Besprechungen regelmäßig gezogen wurde, auch dahingehend verstanden werden: Die Auffassung, dass sich rasantes Erzählen, doppelbödige Komik und subtile Kritik nicht zwangsläufig ausschließen, hat zumindest in Amerika eine lange Tradition.

KAI SINA.

James McBride: "Das verrückte Tagebuch des Henry Shackleford". Roman.

Aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence. btb Verlag, München 2015. 464 S., geb., 19,99 [Euro].

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