Rotlicht - Bossong, Nora
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Alles begann mit dem altmodischen Plüsch eines Sexshops. Als Kind traute sich Nora Bossong nur, ihn aus den Augenwinkeln zu betrachten. Als junge Frau aber wagt sie sich in jene Geheimzone, in der Lust nackte Arbeit ist und unsere Sexualität und der Kapitalismus frontal aufeinanderprallen. Sie trifft harmlose Studenten bei Dildo-Präsentationen und altersweise Pornoproduzenten. Sie steht in schäbigen Sexkinos und am Salat-Buffet eines Swingerclubs. Mit funkelnder Beobachtungsgabe erzählt Nora Bossong von einer Gesellschaft, die das Verruchte immer abwaschbarer gestaltet. Und sie stellt die…mehr

Produktbeschreibung
Alles begann mit dem altmodischen Plüsch eines Sexshops. Als Kind traute sich Nora Bossong nur, ihn aus den Augenwinkeln zu betrachten. Als junge Frau aber wagt sie sich in jene Geheimzone, in der Lust nackte Arbeit ist und unsere Sexualität und der Kapitalismus frontal aufeinanderprallen. Sie trifft harmlose Studenten bei Dildo-Präsentationen und altersweise Pornoproduzenten. Sie steht in schäbigen Sexkinos und am Salat-Buffet eines Swingerclubs. Mit funkelnder Beobachtungsgabe erzählt Nora Bossong von einer Gesellschaft, die das Verruchte immer abwaschbarer gestaltet. Und sie stellt die Frage, warum das Rotlichtmilieu die echte Wollust nur an den Mann bringen will - und niemals an die Frau.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: .505/25457, 505/25457
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 238
  • Erscheinungstermin: 20. Februar 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 126mm x 22mm
  • Gewicht: 308g
  • ISBN-13: 9783446254572
  • ISBN-10: 3446254579
  • Artikelnr.: 47022497
Autorenporträt
Bossong, Nora
Nora Bossong, 1982 in Bremen geboren, studierte in Berlin, Leipzig und Rom Philosophie und Komparatistik. Im Hanser Verlag erschienen Sommer vor den Mauern (Gedichte, 2011), Gesellschaft mit beschränkter Haftung (Roman, 2012), Schnelle Nummer (Hanser Box, 2014), 36,9 Grad (Roman, 2015) und Rotlicht (2017). Nora Bossong wurde unter anderem mit dem Peter-Huchel-Preis, dem Kunstpreis Berlin und dem Roswitha-Preis ausgezeichnet.
Rezensionen
"Mit dem Reportagenband "Rotlicht" erobert sich die Erzählerin und Lyrikerin, die die Wörter differenziert zu setzen weiß, ein neues Terrain: die Erarbeitung eines umstrittenen Themas, das bis in die Abgründe der eigenen Tabus und Verdrängungen reicht." Wend Kässens, Wiener Zeitung, 29./30.04.17 "'Rotlicht': Unter diesem Titel hat Nora Bossong ein höchst lesenswertes Buch über ihre Expeditionen in die Welt der käuflichen Lust veröffentlicht." Oliver Pfohlmann, SWR2 "Die Buchkritik", 31.03.17 "Nora Bossongs Reportagen faszinieren, weil hier eine Frau die Spielregeln verletzt und zur Störenfriedin wird - und sogar die Grenze überschreitet und sich als Frau selbst Lust kauft. (...) Ein großes Leseerlebnis also, auch wegen der vielen klugen Reflexionen und Nora Bossongs genauem Blick für allgegenwärtige Brüche und irritierende Details." Oliver Pfohlmann, SWR 2 "Die Buchkritik", 31.03.17 "Bossong zeichnet in 'Rotlicht' ein facettenreiches Bild der erotischen Parallelwelt." Sandrine Gehriger, NZZ am Sonntag, 26.03.17 "Sie erzählt auf eine Art und Weise, die bestechend ist. (...) Die Erotik in diesem Buch hat eine enorme Tragik, ohne dass es in Bedauern umschlagen würde oder in Mitleid mit den Beteiligten." Ulrich Sonnenschein, hr2 kultur, 22.03.17 "Nora Bossong ist keine stille Beobachterin. Mutig übergeht sie Grenzen, kauft sogar Dienste, und beschreibt analytisch scharf, was der Kauf von Lust mit ihr selbst und mit der Beziehung zum Gegenüber macht. ... 'Rotlicht' ist eine radikale Reportage und ein fantastisch geschriebener Essay, in dem der weibliche Blick männliche, entwürdigende Machtstrukturen entlarvt." Susanne Schürmanns, WDR Fernsehen "Westart live", 13.03.17 "Nach der Lust bleibt eine große Traurigkeit. Nora Bossong hat ein Buch geschrieben, das toll zu lesen und im Abgang schwer zu ertragen ist. Der Eintrittspreis für ihre große Reportage, die Licht ins Rotlicht bringen will, ist auf den ersten Blick nicht hoch: sie schreibt elegant-essayistisch, klar und mit dezentem Witz." Katrin Schumacher, MDR Kultur "Sachbuch der Woche", 08.03.17 "Nora Bossong schafft es, ihre Beobachtungen nicht voyeuristisch wirken zu lassen. 'Rotlicht' ist wie ein Dokumentarfilm, der ohne billige Effekte auskommt. Und der nicht dabei stehenbleibt, Beobachtungen wiederzugeben, sondern immer wieder darüber reflektiert, was hinter den rotlackierten Türen vor sich geht." Andreas Heimann, stern.de, 01.03.17 "Sprachlich brillant. (...) Ein Sittenporträt über eine Tabuzone, die uns eigentlich egal ist, aber Nora Bossong fordert uns auf, genauer hinzuschauen." rbb "Stilbruch", 23.02.17 "Diese Reportagen aus der Welt der käuflichen Lust zeichnen ein eindrucksvolles und deprimierendes Bild, sie sind gut geschrieben, beobachten genau und beurteilen klug." Manuela Reichart, Deutschlandradio Kultur, 23.02.17 " 'Rotlicht' hat das Zeug zum neuen (nicht nur feministischen) Standardwerk, wenn es um das Geschäft mit Sexualität geht - und die Rolle der Frauen dabei. Das liegt vor allem an der analytischen Schärfe, mit der Nora Bossong zu Werke geht. (...) Ein astreines Mittel gegen das Gschamig-Sein. Und damit hochpolitisch: Denn nur wer genau hinschaut, kann ungerechte Strukturen bekämpfen." Anne Haeming, Spiegel Online, 22.02.17 " 'Rotlicht' ist ein Hybrid, Reportage und literarischer Essay, der auf hohem Reflexionsniveau konkret bei seinem Gegenstand bleibt. (...) Nora Bossong ist auch in ihren Romanen eine Autorin mit starker Anbindung an gesellschaftliche Realitäten. 'Rotlicht' erscheint als eine konsequente Fortschreibung." Christoph Schröder, Süddeutsche Zeitung, 23.02.17…mehr
Besprechung von 08.04.2017
Nora Bossong und das Rotlicht

Als sie noch klein war, fiel ihr ein Sexshop auf. Sie wusste nicht, um was für ein Geschäft es sich handelte, aber es war ihr klar, dass es anders wirkte als die Läden der Umgebung. Denn anders war der Umgang der Erwachsenen mit dem Shop. Später, als junge Frau, hat Nora Bossong einen Blick in das Geschäft getan. Der Umgang der Menschen mit der Sexualität, angesiedelt irgendwo zwischen Befreiung und Warencharakter, hat die Schriftstellerin so interessiert, dass sie sich nach mehreren Romanen und Gedichtbänden auf eine Erkundungsreise durch die Erlebniswelten begeben hat, die Männer und Frauen unserer Zeit sich zum Gewinn von Lust und Geld eingerichtet haben: Stripclubs, Sexmessen, Swingerclubs, Darkrooms, Laufhäuser, Straßenstrich. Im Februar ist "Rotlicht" bei Hanser erschienen, am Dienstag stellt die 1982 in Bremen zur Welt gekommene Bossong ihren Band im Hessischen Literaturforum vor. Am Sitz des Forums im dritten Stock des Frankfurter Künstlerhauses Mousonturm spricht sie von 20 Uhr an darüber, was Männer und Frauen von all dem haben. Und was sie davon hält.

balk.

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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Nichts Schlechtes kann Rezensent Christoph Schröder an Nora Bossongs Band über die deutsche Welt der kommerzialisierten Sexualität finden. "Rotlicht" ist ein Hybrid aus Reportage und Essay, erklärt Schröder, in dem das erzählende Ich auch sich selbst und die eigene Position nicht außer acht lässt, sondern immer wieder reflektiert und in Frage stellt und das ganz ohne moralinen Beigeschmack. Durch Erotikmessen, Berliner Swingerclubs, Stundenhotels, Verrichtungsboxen und Bordelle zieht die Autorin, Orte an denen "Einsamkeit und Geilheit" sich zu einem oft deprimierenden und verstörenden Ganzen vermengen, um ihrem Gegenstand näher zu kommen, um zu verstehen, wie Lustgewinn und die Offenheit des Privaten zusammenhängen, lesen wir. Konsequent, lehrreich und absolut lesenswert, lobt der Rezensent.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 23.02.2017
LITERATUR
Wie in Stundenhotels die Zeit vergeht
Von Bumsbussen, Badelatschen und Verrichtungsboxen: In ihrem Reportage-Band
„Rotlicht“ unternimmt Nora Bossong Streifzüge durch Erotikmessen und die Welt des Sex-Gewerbes
VON CHRISTOPH SCHRÖDER
Die Erotikmesse Venus in Berlin gilt mit mehr als 400 Ausstellern aus fast vierzig Ländern als die größte Fachmesse für, so die offizielle Sprachregelung, „Internet-, Multimedia- und Adult-Entertainment“. Wer sich auf Recherche nach dem Geschäft mit der Sexualität und der Lust begibt, kommt an der Venus nicht vorbei. Eine Frau auf einer Bühne, so beschreibt es Nora Bossong, führt sich einen Analdildo ein. Ein durchschnittlich aussehendes Paar betrachtet die Szene; währenddessen streichelt der Mann seiner Frau zärtlich den Nacken. Ein paar Meter weiter vollzieht eine Frau in der offenen Tür eines VW-Busses den Cunnilingus an einer anderen Frau. Dazu dröhnt ein Song aus den Lautsprechern: „Ich fahre den Bumsbus / Deine Mama will Zungenkuss / Drum trage ich Mundschutz / Hohoho!“ Ist das alles sehr traurig? Oder unfreiwillig komisch? Oder beides zugleich?
Man erfährt in Nora Bossongs „Rotlicht“ aufschlussreiche Details über die heimlichen Freizeitaktivitäten in diesem Land: „Die Datenmenge, die von der Porno-Website YouPorn übertragen wird, überbietet längst die von YouTube, und es ist mehr als nur ein Witz, wenn manche behaupten, ohne den immensen Pornokonsum im Netz bräuchten wir den Breitbandausbau nicht so dringend.“
„Rotlicht“ ist ein Hybrid, Reportage und literarischer Essay, der auf hohem Reflexionsniveau konkret bei seinem Gegenstand bleibt. In der Fußballersprache würde man sagen: Nora Bossong ist, stets in männlicher Begleitung, dorthin gegangen, wo es wirklich wehtut, wo sich Einsamkeit und Geilheit in kommerzialisierten Kontexten zu einem häufig deprimierenden Gesamtbild vermischen. Es verschlägt sie in einen Berliner Swingerklub, in dem es in etwa so ungezwungen zugeht wie auf dem Ordnungsamt und wo auf einem tristen Buffet Nudelsalat zur Stärkung bereitsteht (die offenbar obligatorischen Badelatschen nicht zu vergessen). An die Ravensberger Straße nach Dortmund, wo in sogenannten Verrichtungsboxen im Jahr 2007 circa 500 Prostituierte den größten Straßenstrich Deutschlands bildeten; Frauen, die fast allesamt aus derselben Stadt, dem bulgarischen Plovdiv, stammten. Und in einem gespenstischen Kellergewirr in Hamburg irrt Bossong gemeinsam mit unerlösten Männern durch die Halbdunkelheit von Kinosälen, sieht traurige Onanisten und Touristinnen, die sich offenbar tatsächlich freiwillig zum Gruppensex hierher begeben haben.
Was sucht sie dort? Zum einen, versteht sich, Erkenntnis über den Zusammenhang von drastischer Offenheit des eigentlich Privaten und Lustgewinn. In der hell ausgeleuchteten Sauberkeit professioneller sexueller Akte erkennt Nora Bossong zugleich auch den Geheimnisverlust: „Klärt uns die omnipräsente Pornografie auf oder verschließt sie unseren Blick, unser Gefühl für die eigene Sexualität?“
Erst wenn man erfährt, mit welchen nach heutigen Maßstäben harmlosen Produktionen der selbst ernannte Schweizer Pornokönig Edi Stöckli, der zum Interview standesgemäß in Limousine mit Chauffeur vorfährt, Skandale ausgelöst hat, erschließt sich das Ausmaß der heute selbstverständlich gewordenen Tabubrüche.
Das Reizvolle an „Rotlicht“ ist nicht zuletzt die fragile Position des erzählenden Ich. Es verfügt über keine fest gefügten moralischen und ästhetischen Maßstäbe, vielmehr ändert sich seine Position je nach Gesprächspartnern und deren Argumentationslinien, und es befragt im Fortgang der Reportage auch das eigene Empfinden von Erotik.
Früher, so erzählen die Mitarbeiterinnen in einem Wohnungsbordell, sei alles besser gewesen; die Freier hätten noch Respekt gehabt und anständig bezahlt. Heute, so heißt es an anderer Stelle, fühle eine Sexarbeiterin sich gut behandelt, wenn sie nicht geschlagen werde. Überhaupt, das Wort „Sexarbeiterin“. Bossong benutzt es zu Beginn wie selbstverständlich, in Anerkennung dessen, dass es sich dabei um einen ebenso ehrenwerten und legitimen Beruf handelt wie jeder andere.
Doch im Verlauf der Recherchen kommen Zweifel auf: Stimmt das überhaupt? Zunehmend gerät Bossong das eklatante Missverhältnis zwischen männlicher und weiblicher Lust in den Blick. Ist der Sexberuf ein Ausdruck des vermeintlichen Rechts des Mannes auf Geschlechtsverkehr? Sind weibliche Körper lediglich ein Instrument der Triebabfuhr? Gibt es in diesem Beruf überhaupt die Möglichkeit, seine Würde zu behalten?
In einem Stundenhotel (auch das gibt es noch) mietet sich Nora Bossong mit zwei ungarischen Frauen ein, um sich zu unterhalten. Sie lässt sie ausreden, sonst nichts. Es ist eines der stärksten Kapitel. Man erfährt darin sehr viel, nicht nur über Arbeitsbedingungen, sondern vor allem auch über die europäische Wirklichkeit, über Abhängigkeiten, familiäre Verpflichtungen, finanzielle Zwänge. Nora Bossong ist auch in ihren Romanen eine Autorin mit starker Anbindung an gesellschaftliche Realitäten. „Rotlicht“ erscheint als eine konsequente Fortschreibung – mit einer auffälligen Leerstelle am Schluss.
Gemeinsam mit einem Freund geht Bossong in einem Wohnungsbordell mit einer jungen Bulgarin, Jelena, auf ein Zimmer. Sie verhandeln den Preis für Sex zu dritt; Bossong bezahlt mit EC-Karte. Das werde unauffällig abgebucht, verspricht man ihr. Jelena ist ebenso unsicher in dieser Situation wie ihre beiden Besucher. Und dann: Schnitt. Was in diesem Zimmer tatsächlich geschehen ist oder nicht, erfahren wir nicht. Man(n) wird einwenden, das sei prüde, dabei ist es in Wahrheit nur konsequent: Bossong entzieht sich der mythischen Überhöhung des Milieus. Sie hält den distanzierten Blick auf unsere durchsexualisierte Gegenwart bis zum Ende aufrecht. Oder anders gesagt: Sie schützt das Intime gegen den Voyeurismus.
Nora Bossong: Rotlicht. Carl Hanser Verlag, München 2017. 240 Seiten, 20 Euro. E-Book 15,99 Euro.
Zu Beginn benutzt Bossong das
Wort „Sexarbeiterin“ problemlos,
später wird es ihr fragwürdig
Wo sich Einsamkeit und Geilheit deprimierend vermischen: Fassade eines Bordells.
Foto: Reinhard Eisele / mauritius images
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