Insomnia - Andric, Ivo
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Eine bisher unbekannte Seite des Nobelpreisträgers Ivo Andric: Texte über die Schlaflosigkeit, das Altern und die Vergänglichkeit, herausgegeben von Michael Martens
"Hat noch wer die Welt so geliebt wie ich?" Sein ganzes Erwachsenenleben lang hat sich der Jahrhundertschriftsteller Ivo Andric, weltweit gelesen und ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für Literatur für seine historischen Romane, Notizen gemacht - Alltagsbeobachtungen, Reiseeindrücke, Charakterbilder, lakonische Kürzestgeschichten. Zu den schonungslosesten, erschütterndsten, intimsten Texten zählen jene, die sich mit der…mehr

Produktbeschreibung
Eine bisher unbekannte Seite des Nobelpreisträgers Ivo Andric: Texte über die Schlaflosigkeit, das Altern und die Vergänglichkeit, herausgegeben von Michael Martens

"Hat noch wer die Welt so geliebt wie ich?" Sein ganzes Erwachsenenleben lang hat sich der Jahrhundertschriftsteller Ivo Andric, weltweit gelesen und ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für Literatur für seine historischen Romane, Notizen gemacht - Alltagsbeobachtungen, Reiseeindrücke, Charakterbilder, lakonische Kürzestgeschichten. Zu den schonungslosesten, erschütterndsten, intimsten Texten zählen jene, die sich mit der Schlaflosigkeit, dem Altern, der Vergänglichkeit beschäftigen. Pralle Lebenslust gemischt mit Franz Kafka und Edgar Allan Poe, so lässt sich dieses großartige Buch charakterisieren, das der Andric-Biograf Michael Martens zusammengestellt hat.
  • Produktdetails
  • Verlag: Paul Zsolnay Verlag
  • Artikelnr. des Verlages: 551/05973
  • Seitenzahl: 185
  • Erscheinungstermin: 19. Oktober 2020
  • Deutsch
  • Abmessung: 188mm x 116mm x 25mm
  • Gewicht: 249g
  • ISBN-13: 9783552059733
  • ISBN-10: 3552059733
  • Artikelnr.: 59015081
Autorenporträt
Zu der Zeit, als Ivo Andric (* Dolac 1892, † Belgrad 1975) in Bosnien aufwuchs, gehörte es noch zu Österreich-Ungarn. Er studierte in Wien, Zagreb, Krakau und Graz bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs und saß wegen revolutionären, anti-österreichischen Engagements ein Jahr im Gefängnis. Nach dem Krieg und seiner Amnestie saß Ivo Andric im Nationalrat und trat in den diplomatischen Dienst ein. Sein literarisches Schaffen umfasst Gedichte, Erzählungen und Romane, wobei Andric mit "Die Brücke über die Drina" (1945) sehr bekannt wurde. Andere Werke waren Kurzgeschichten (1924/31/36), "Wesire und Konsuln" und "Das Fräulein" (beide 1945). Große Themen in seinen Büchern sind die bosnische Geschichte, das Spannungsfeld zwischen West und Ost und die Vielfältigkeit der Nationen und Religionen seiner Heimat. Andric, Anhänger des multiethnischen Staatsgedankens, war nach dem Zweiten Weltkrieg auch Vorsitzender des Schriftstellerverbandes und Abgeordneter im nun sozialistischen Jugoslawien. Den Nobelpreis für Literatur erhielt er 1961.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 13.01.2021

Knarrendes Parkett
Das Schlaflosigkeits-Tagebuch des jugoslawischen Nobelpreisträgers Ivo Andrić
Als der jugoslawische Schriftsteller Ivo Andrić im März 1975 in Belgrad starb, hinterließ er ein Buchprojekt, das schon sehr weit gediehen war, in dem aber noch einige Unschlüssigkeit steckte. Mit seinen Romanen „Die Brücke über die Drina“ und „Wesire und Konsuln“ und seinen Erzählungen war er nach dem Zweiten Weltkrieg berühmt geworden, für sie hatte er 1961 den Literaturnobelpreis erhalten.
Aber er hatte zugleich über Jahrzehnte hinweg, von 1915 bis 1974, Reflexionen, Beobachtungen, Erinnerungsfragmente, Traumreste in immer neue Notizbücher eingetragen. Aus der Fülle dieser Notizen traf er, inzwischen 82 Jahre alt, eine Auswahl für sein letztes Buch, aber die Nachlassverwalter fanden außerdem ein Konvolut mit dem Titel „Insomnia“, das einfach nur da war, ohne eine Verfügung, was damit geschehen solle. Sie entschieden sich, es der Auswahl hinzuzufügen, die ein Jahr nach dem Tod des Autors unter dem Titel „Wegzeichen“ erschien.
Nun sind die „Insomnia“-Notizen, ein schmaler, großartiger Beitrag zur Literatur der Schlaflosigkeit, zum ersten Mal auf Deutsch erschienen, übersetzt und herausgegeben von Michael Martens, dem langjährigen Südosteuropa-Korrespondenten der FAZ und Verfasser der Ivo-Andrić-Biografie „Im Brand der Welten. Ein europäisches Leben“ (2019), der in seinem Nachwort die zahlreichen Schlaflosen aus den Romanen und Erzählungen um ihren Autor versammelt.
Der ist ein Schlafloser ganz eigener Art. Ihm fehlt der erzählerische Zusammenhang, er ist in jeder der kürzeren oder längeren Notizen mit sich allein. Schreibt er noch in der durchwachten Nacht? Am Tag darauf? Und wann überhaupt? Nur sehr wenige Einträge sind datiert. Dieser zum Beispiel: „In dem Raum neben meinem Schlafzimmer, von dem mich eine halboffene Tür trennt, beginnt das Parkett mit den ersten Nachtstunden vielsagend zu knarren und zu knacken. Und je weiter die Nacht fortschreitet und je kälter sie wird, desto lauter wird das Knacken, sodass es zuweilen ganz den Anschein hat, als gehe dort jemand umher und wolle sich unbemerkt nähern oder davonschleichen.“
Zum einen ist diese Passage eine der Skizzen, aus denen das Selbstporträt des Schlaflosen entsteht, in dessen Welt die akustische Dimension und das Ohr eine Hauptrolle spielen, weil Geräusche wecken und am Einschlafen hindern können. Zum anderen ist sie, weil auf das Jahr 1940 datiert, mit einer konkreten Lebenssituation verbunden.
Es wird ein Berliner Parkett gewesen sein, das knarrte. Seit 1939 war Ivo Andrić Gesandter an der Botschaft des Königreichs Jugoslawien in der Hauptstadt des nationalsozialistischen Deutschlands, als die Wehrmacht Anfang April 1941 sein Land überfiel, war seine Mission abrupt beendet.
Es gibt gelegentlich Ausblicke auf den Akteur in der politisch-historischen Welt, der in diesem Schlaflosen steckt, etwa wenn er sich an den Ton und Rhythmus der Soldatenstiefel auf den Fluren des Gefängnisses in Maribor erinnert, wo er nach dem Attentat in Sarajevo 1914 einsaß. Aber im Zentrum steht die Selbsterkundung des Schlaflosen, die Erforschung des Reiches der Schlaflosigkeit, in das er verbannt ist. Einmal beschreibt er sich als Neuankömmling in diesem Land, als jemanden, der noch äußere Anlässe, unangenehme Erlebnisse am Tage brauchte, um nachts wach zu liegen. Dann verschwinden die Anlässe, und er scheint sich damit abgefunden zu haben, dass Nacht und Schlaflosigkeit verschmelzen und „mich der Schlaf, selbst wenn er kommt, nicht stärkt“.
Es gibt kein Aufbegehren, kein großes Aufbäumen gegen die Schlaflosigkeit in diesen Nachtgedanken. Sie nehmen mit stoischer Resignation alle Leiden der Nacht in sich auf, darunter „kurze, aber schreckliche und widerwärtige, wie grausam ausgewählte Träume“, die den Schlaf vertreiben. Einen Ausweg versperrt dieser Schlaflose sich selbst, die Schlafmittel. Er hat dafür gute Gründe: „Wenn ich mit Hilfe einer Tablette schlafe, träume ich, dass ich schlafe. Über mir und um mich entsteht so etwas wie mein Doppelgänger, mehrfach größer als ich, aber ganz aus leichter, durchsichtiger Materie. Er flirrt, steigt und fällt im Rhythmus des Schlafs, während sich unter ihm undeutlich ein kleiner, dunkler und wache Mensch abzeichnet. Das bin ich und mit mir ist all mein altes Denken und Zittern, das mich nicht einschlafen lässt oder nach kurzem, ersten Schlaf weckt. Deshalb plage ich mich lieber ohne Schlaf, als Schlafmittel zu nehmen.“
Zur schlaflosen Nacht gehören die Dämonen. Hier sind es die Angst als Grundgefühl der eigenen Existenz, die Scham im Blick auf jäh auftauchende Momente Erinnerungen, die Einsicht, von Kindheit an in einer Welt des Verdachts gelebt zu haben.
Vor allem aber sind diese Nachtgedanken die Aufzeichnungen eines schlaflosen Schriftstellers. Die stoische Resignation, mit der er sein Schicksal auf sich nimmt, hat ein starkes Gegenüber, den stoischen Stil. Die Herrschaft der Schlaflosigkeit mag noch so streng sein, der Tribut, den der Körper zahlt, noch so hoch, das Denken und Zittern, das den Schlaf vertreibt, noch so zermürbend, die Prosa bleibt kompakt, beherrscht, luzide.
Unmissverständlich gibt sie zu verstehen, dass sie die letzten Geheimnisse ihres Autors nicht preiszugeben gedenkt. Nichts liegt diesem Autor ferner als ein journal intime, die Preisgabe des Ich. Oft schreibt er von sich in der dritten Person. Er mag es, wenn sich in der Nacht die Gedanken und Worte selbständig machen und um ihn herumtanzen, aber dann fängt er sie mit dem Lasso seiner Prosa ein.
Übrigens nicht nur die Dämonen der Nacht und der Schlaflosigkeit, sondern auch Erinnerungen an das Lateinbuch im Gymnasium von Sarajevo und an missglückte Liebesabenteuer, zudem ein launiges Capriccio über einen Konzertabend mit Mozart, Liszt und Brahms und, wie es sich für ein Buch wie dieses gehört, Nachtigallen.
„Ich bin ein leidenschaftlicher und aufmerksamer Leser von Tagebüchern, persönlichen Aufzeichnungen und Erinnerungen“, schreibt er, aber das Tagebuchschreiben betrachtet er mit äußerstem Misstrauen, von Memoiren will er schon gar nichts wissen. Er wittert in beidem die Eitelkeit und die Lüge. Vielleicht hat Michael Martens recht mit seiner Vermutung, Ivo Andrić hätte die Veröffentlichung von „Insomnia“ eher nicht gebilligt. Aber immerhin war da die Unschlüssigkeit, die Nicht-Vernichtung. Zum Glück.
LOTHAR MÜLLER
Der Autor hätte
die Veröffentlichung des Buches
eher nicht gebilligt
Berlin bei Nacht: Seit 1939 war Ivo Andrić Gesandter an der Botschaft des Königreichs Jugoslawien in der deutschen Hauptstadt.
Foto: Arkivi/Getty Images
Grausame Träume: Ivo Andrić an seinem Belgrader Schreibtisch.
Foto: AFP
Ivo Andrić: Insomnia. Nachtgedanken. Herausgegeben, aus dem Serbischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Michael Martens. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2020. 192 Seiten, 20 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensent Lothar Müller ahnt, dass der jugoslawische Schriftsteller Ivo Andric die Herausgabe seiner Nacht-Notizen aus dem Nachlass eher nicht gewollt hätte. Müller selbst freut sich über das Buch, in dem der Autor seine nächtlichen Reflexionen zur eigenen Schlaflosigkeit festhält, über knarrendes Parkett in der Nacht, die eigenen Dämonen, Nachtigallen, aber auch über Erlebtes und Durchlittenes. Der "stoische", luzide Stil überrascht Müller umso mehr. Intimes soll der Leser nicht erwarten, meint er.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Die Herrschaft der Schlaflosigkeit mag noch so streng sein, der Tribut, den der Körper zahlt, noch so hoch, das Denken und Zittern, das den Schlaf vertreibt, noch so zermürbend, die Prosa bleibt kompakt, beherrscht, luzide." Lothar Müller, Süddeutsche Zeitung, 12.01.21

"'Insomnia' wird vermutlich nicht beim Einschlafen helfen, dafür liest es sich zu schön." Gregor Sander, Deutschlandfunk Kultur, 12.01.21

"Zur sinnlich-literarischen Dichte dieser vielstimmigen Aufzeichnungen gesellt sich eine philosophische Intensität, die sie an die Seite der großen Schlaflosigkeitsdenker des 20. Jahrhunderts rückt." Gregor Dotzauer, Der Tagesspiegel, 05.01.21

"Immer ist da eine existenzielle Dimension, und die ist es auch, die diese aufrichtigen, alle Eitelkeiten ignorierenden Skizzen zu einem literarischen Gewinn machen." Ulrich Rüdenauer, SWR2 Lesenswert, 30.12.20

"Seine nächtlichen Aufzeichnungen öffneten die skeptische Sicht auf große Themen wie Würde, Altern, Vergänglichkeit, Sterben. Davon enthält der Band etliche Glanzstücke, wie auch scharf gezeichnete Alltagseindrücke, Charakterstudien, Reisebilder, Aphorismen." Oliver vom Hove, Wiener Zeitung, 09.01.21

"Ein kleines, schmales Buch von sehr, sehr großem Gewicht." Lothar Müller, SWR2 Lesenswert, 05.01.21

"Als Autor kann man sich keinen besseren Exegeten als den Journalisten und Übersetzer Michael Martens wünschen." Wolfgang Paterno, Profil, 14.12.20

"Sensible Beobachtungen in dunklen Stunden, erhellende Aphorismen ... ein sehr persönlicher Zugang zum Denken eines Weltgewandten." Norbert Mayer, Die Presse, 11.12.20

"Eine sehr dichte, lateinische Prosa, ... unglaublich komprimiert." Gregor Dotzauer, SWR2 Lesenswert, 05.01.21

"Konzis formulierte Denkbilder und Miniaturen aus vier Jahrzehnten, in denen der jugoslawische Nobelpreisträger des Jahres 1961 beobachtet, wie er seine Jugend verliert, aber nichts von seinen nächtlichen Qualen." Gregor Dotzauer, Der Tagesspiegel, 07.12.20

"Die in Sprache geformten Gedanken eines der größten Autoren des vergangenen Jahrhunderts in dessen wohl einsamsten Stunden, in denen er den Stab nicht über andere bricht und zwar zweifelt, sich aber trotz eigener und fremder Leiden nicht von der Welt abkehrt." Roland Zschächner, der Freitag, 03.12.20

"Wenn man diese Notizen zu lesen beginnt, erfasst einen umgehend der Tonfall eines großen Schriftstellers ... Hier treibt ein unfreiwillig Wachliegender Gewissenserforschung in einer Schonungslosigkeit, die erschreckend ist. ... ein schmaler aber imposanter Band" SWR Bestenliste, 23.11.20

"Nicht nur in langen Winternächten erweist sich dieses Resultat der Marter als ein Schatz, als eine wunderbare Lektüre - nicht nur, wenn sich der Schlaf einmal nicht einstellen sollte." Bernhard Flieher, Salzburger Nachrichten, 02.12.20

"In glasklarer, eleganter Prosa, die Michael Martens in ein ebensolches Deutsch übersetzt hat, lotet der Romancier seine Verzweiflungen und Abgründigkeiten, seine Melancholien und quälenden Selbstzweifel aus." Günter Kaindlstorfer, Ö1 Ex libris, 22.11.20

"Michael Martens, Autor der brillanten Andric-Biografie 'Im Brand der Welten', übersetzte die Miniaturen zur Schlaflosigkeit und eröffnet damit
eine neue Perspektive auf den großen europäischen Schriftsteller." Stefanie Panzenböck, Falter, 04.11.20

"Ivo Andric gibt in diesem geglückten Sammelband schonungslose Einblicke in sein unruhiges Seelenleben. ... Meditationen über das (versäumte) Leben, das Alter, die Vergänglichkeit - und die Scham." Bernd Melichar, Kleine Zeitung, 07.11.20
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