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Gott und das Internet haben eines gemeinsam: Sie vergessen nichts. Das erfährt Simon, als er im Vorzimmer zum Paradies sitzt, um sich für einen Platz im himmlischen Reich zu bewerben. Denn auch der heilige Petrus nutzt die Cloud und weiß daher nur zu genau, dass Simons irdischer Lebenswandel alles andere als tadellos war. Da bleibt wohl nur die Hölle - mit ungeahnten Perspektiven -
"Das Wesentliche unserer Welt darzulegen und dabei der Imagination treu zu bleiben, in der alles Phantasie ist, irreal wie surreal - darin besteht die absolute Einzigartigkeit dieses Buches innerhalb der französischen Gegenwartsliteratur-" Milan Kundera
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Produktbeschreibung
Gott und das Internet haben eines gemeinsam: Sie vergessen nichts. Das erfährt Simon, als er im Vorzimmer zum Paradies sitzt, um sich für einen Platz im himmlischen Reich zu bewerben. Denn auch der heilige Petrus nutzt die Cloud und weiß daher nur zu genau, dass Simons irdischer Lebenswandel alles andere als tadellos war. Da bleibt wohl nur die Hölle - mit ungeahnten Perspektiven -

"Das Wesentliche unserer Welt darzulegen und dabei der Imagination treu zu bleiben, in der alles Phantasie ist, irreal wie surreal - darin besteht die absolute Einzigartigkeit dieses Buches innerhalb der französischen Gegenwartsliteratur-" Milan Kundera
  • Produktdetails
  • Verlag: Eichborn
  • Originaltitel: L'ordinateur du paradis
  • 1. Aufl.
  • Seitenzahl: 222
  • Erscheinungstermin: 13. August 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 205mm x 127mm x 21mm
  • Gewicht: 325g
  • ISBN-13: 9783847905929
  • ISBN-10: 3847905929
  • Artikelnr.: 57084839
Rezensionen
Der Himmel kennt keine Privatsphäre

Endlich ist der französische Autor Benoît Duteurtre auf Deutsch zu entdecken: Sein Roman "Vorzimmer zum Paradies" ist die deftige Satire über ein allzu irdisches Zwischenreich.

Man kommt aus dem Staunen nicht heraus: "Vorzimmer zum Paradies" ist tatsächlich der erste Roman von Benoît Duteurtre, der auf Deutsch vorliegt. Dabei hat er schon neunzehn weitere erfolgreich veröffentlicht: "Voyage en France" ("Reise durch Frankreich", 2001) hat den Prix Medicis erhalten, "La petite fille et la cigarette" ("Das kleine Mädchen und die Zigarette", 2005) wurde in viele Sprachen übersetzt, nur nicht in unsere. Dabei singt die französische Literaturkritik sein Loblied seit langem, große Schriftsteller wie Kundera oder Houellebecq fallen ein. Der Eichborn Verlag hat den Mangel mit Nummer zwanzig endlich behoben: Es war höchste Zeit!

"Vorzimmer zum Paradies" erzählt Leben und Nachleben von Simon Laroche, fünfzig Jahre, Beamter im höheren Dienst, Vater und potentiell untreuer Ehemann. Als Vorsitzender der "Kommission für öffentliche Freiheit" ist er mit dem Schutz der Privatsphäre betraut; er erfreut sich an Privilegien und sozialem Aufstieg. Allerdings muss er bald einsehen, dass seine Aufgabe auch sein größtes Problem ist: Zuerst hat er Schwierigkeiten mit seinem E-Mail-Programm, das außer Kontrolle gerät - Simon, der eine Schwäche für russische Pornonixen hat, befürchtet digitale Indiskretionen. Dann zeichnet ein Unbekannter private Kommentare vor einer Radiosendung auf, in denen Simon sich milde über den Emanzipationseifer von Frauen und Homosexuellen lustig macht. Das Video landet im Netz und löst ein mediales Trommelfeuer aus. Simon, der sich als fortschrittlichen Mann begreift, ist empört, aber die Kritik wächst, die Unterstützung des Staatssekretärs wackelt. Schließlich bleibt nur die Wahl zwischen Entschuldigung und Rücktritt.

Die erste Ebene wird eingerahmt von einer zweiten, späteren, in der Simon gestorben ist und sich im "Vorzimmer zum Paradies" befindet; die Erzählung wechselt in die erste Person. Die irdischen Irrungen enthalten bereits eine Satire, die freilich eine bittere Note hat, denn Simon erregt Mitleid. Die Schilderung des Jenseits treibt das Spiel weit toller: "Das Erste, was ich nach dem Erwachen sah und was sich in mein Gedächtnis brannte, war ein Wartesaal: eine große hässliche Halle mit langen Reihen aneinandergeschraubter, orangefarbener Plastikstühle. An einer Seite des Raums versprühten drei Grünpflanzen ihren synthetischen Charme, und an den Wänden warben mehrere Poster für einen hochmodernen Badeort mit Hotelburgen, künstlichen Inseln, Segelbooten und Bungalows an goldenen Stränden. Darüber stand in großen Lettern: ,Hol dir dein Ticket fürs Paradies.'" Die Übergangsregion zwischen Paradies, Fegefeuer und Hölle erweist sich als banale "Quarantänezone", als neoliberaler Bürokratiealbtraum, der die unerquicklichsten Auswüchse des Diesseits fortführt, Friedrich von Hayeks, Milton Friedmans und Ronald Reagans postmortalem Wirken sei Dank.

Auf Simon, zur Nummer 25 756 223 degradiert, warten böse Überraschungen. Selbstsicher füllt er das Sündenformular aus - "Ich fühlte mich geneigt, mein irdisches Leben in gewisser Hinsicht gar als bemerkenswert zu qualifizieren" -, muss jedoch feststellen, dass die himmlische Überwachung perfekt funktioniert. Wegen der demographischen Entwicklung muss man "den Verhältnissen, Quoten und Verfügbarkeiten Rechnung tragen", die Auslese wurde deutlich verschärft. Jeder minimale Verstoß gegen die politische Korrektheit wird geahndet: "Wir besitzen eine Kopie der Aufzeichnung der Überwachungskamera des Lokals!", verkündet sein Anwalt Derek Rubinstein. Weit schlimmer, alle Browserprotokolle liegen vor, Simons Besuche auf "Russenpuppen.xxx", seine Vorliebe für Natascha sind bekannt - der Himmel kennt keine Privatsphäre.

So scharf und fetzig das klingt, Duteurtre beerbt eine ehrwürdige Tradition: Die Satire hat das Irdische schon des Öfteren aus jenseitiger Perspektive kritisiert. Das berühmteste Beispiel ist Erasmus von Rotterdams "Papst Julius vor der Himmelstür" (1517), eine Satire, die Lebenswandel und Politik Julius II. attackiert. Duteurtres Travestie - "Die Erde war ein Abklatsch des Himmels und der Himmel ein Abklatsch der Erde" - baut zudem auf den Religionsanthropologien seit Ludwig Feuerbach auf, die behaupten, dass der Mensch das Jenseits nach seinem Bild gestaltet. Vor allem jedoch steht der Text in der Tradition des "conte philosophique", der seit der Aufklärung in Frankreich beliebten philosophischen Erzählung, die sich durch Kürze und Thesenhaftigkeit auszeichnet.

Um Thesen geht es: Duteurtre will der politischen Korrektheit und der neoliberalen Wirtschaftswelt gleichermaßen an den Kragen; er beklagt den Verlust der Privatsphäre im digitalen Zeitalter. Sein Roman wirft das alles in den Topf der Gegenwartskritik, zögert aber, die logisch daraus folgende Position eines Konservativen einzunehmen. Demonstrationsobjekt ist Simon: Das Medienopfer dient als abschreckendes Exempel für eine Kritik, die universell ist, wenn es um den Verlust der Privatsphäre geht, und französisch wird, wenn sie Forderungen nach moralischer Transparenz in Sexualität und Politik als Hysterie abtut.

Während Simon sich in der himmlischen Wartezone leidlich einrichtet, sieht er seine Chancen aufs Paradies schwinden. Es droht das Fegefeuer - "eine Art Flüchtlingslager" - oder die Hölle. Allerdings ist sich Simon nach einem Videogespräch mit seiner im Paradies weilenden Mutter gar nicht sicher, in Letzteres zu wollen: Die Tiefgebräunte kann dem Fruchtcocktail am Hotel-Pool wenig abgewinnen; einzig Mister Ling Hoo, einem "dicken Chinesen in Badehose, der sich hinter ihr in einem Liegestuhl lümmelte", verdankt sie Lebensfreude. Eine Bettenbunker-Pauschalreise bis in alle Ewigkeit? Die Hölle bietet spannendere Möglichkeiten: Das ist die etwas vorhersehbare Pointe von "Vorzimmer zum Paradies".

Duteurtre, 1960 im normannischen Sainte-Adresse geboren, Urenkel des Präsidenten René Coty, hat ein Doppeltalent: Der Schriftsteller hat Musikwissenschaften studiert, mit Komponisten wie Ravel zusammengearbeitet, Bühnentexte und eine Geschichte der Operette in Frankreich verfasst; er moderiert die Sendung "Étonnez-moi Benoît" auf France Musique. In beiden Künsten polemisiert er gegen avantgardistischen Formalismus. Den kann man seinen Texten nicht vorwerfen, sie erzählen fröhlich und entfalten ein soziales Panorama. Das gilt auch für die autobiographischen Romane, etwa "À nous deux, Paris!" ("Zu uns beiden, Paris!", 2012), der das berühmte Ende von Balzacs "Vater Goriot" zitiert und damit einen zentralen Einfluss verrät. Die Liebe zum Gesellschaftsroman verbindet Duteurtre mit Houellebecq, Kundera, Frédéric Beigbeder und anderen, die sich um die Zeitschrift "L'Atelier du roman" ("Die Romanwerkstatt") scharen; neben dem Urgestein OuLiPo, der Minuit-Schar und dem Kollektiv Inculte handelt es sich um die wichtigste literarische Gruppierung in Frankreich. Am nächsten steht Duteurtre Houellebecq, und man stellt überrascht fest, dass Letzterer weniger isoliert und originell ist, als das aus deutscher Perspektive scheint. Auch Houellebecq schreibt Thesenromane, auch Houellebecq entlarvt die Versatzstücke unserer Zeit und macht es sich zugleich in ihnen bequem. Intellektuell und formal ist die Entfernung klein, in der literarischen Intensität hingegen spürbar: Houellebecqs Romane wirken überzeugender, seine Figuren entwickeln mehr Eigenleben: Ihr Leiden an der sozialen und sexuellen Misere der Gegenwart nimmt mit, unter der banalen Oberfläche weckt er Hoffnungen und Ängste. Wenn hingegen Simon Trost bei der Radiomoderatorin Daisy sucht, dann rührt das ein wenig, wenn er sieht, wie der platte Rapsong zweier Vorstadtbengel mehr bewegt als seine intellektuelle Arbeit, dann ist man ein wenig enttäuscht - mehr nicht. Dass Duteurtre existentielle Dringlichkeit vermitteln kann, zeigt der New-Wave-Roman "À nous deux, Paris!" besser.

Aber das ist das Pferd von hinten aufgezäumt. "Vorzimmer zum Paradies" ist vor allem eine deftige Satire: ironisch, ätzend, unterhaltsam. Mit seinem Roman will Duteurtre zum Nachdenken anregen, ist Voltaire näher als Balzac. Das gelingt ihm hervorragend, ein ums andere Mal erkennt man schmunzelnd Auswüchse und Abgründe unserer Gegenwart. Und wünscht sich, unbedingt mehr von diesem begabten Freigeist zu lesen.

NIKLAS BENDER

Benoît Duteurtre: "Vorzimmer zum Paradies". Roman.

Aus dem Französischen von Ulrike Werner. Eichborn Verlag, Köln 2015. 224 S., geb., 18,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 11.11.2015

Der Himmel kennt keine Privatsphäre

Endlich ist der französische Autor Benoît Duteurtre auf Deutsch zu entdecken: Sein Roman "Vorzimmer zum Paradies" ist die deftige Satire über ein allzu irdisches Zwischenreich.

Man kommt aus dem Staunen nicht heraus: "Vorzimmer zum Paradies" ist tatsächlich der erste Roman von Benoît Duteurtre, der auf Deutsch vorliegt. Dabei hat er schon neunzehn weitere erfolgreich veröffentlicht: "Voyage en France" ("Reise durch Frankreich", 2001) hat den Prix Medicis erhalten, "La petite fille et la cigarette" ("Das kleine Mädchen und die Zigarette", 2005) wurde in viele Sprachen übersetzt, nur nicht in unsere. Dabei singt die französische Literaturkritik sein Loblied seit langem, große Schriftsteller wie Kundera oder Houellebecq fallen ein. Der Eichborn Verlag hat den Mangel mit Nummer zwanzig endlich behoben: Es war höchste Zeit!

"Vorzimmer zum Paradies" erzählt Leben und Nachleben von Simon Laroche, fünfzig Jahre, Beamter im höheren Dienst, Vater und potentiell untreuer Ehemann. Als Vorsitzender der "Kommission für öffentliche Freiheit" ist er mit dem Schutz der Privatsphäre betraut; er erfreut sich an Privilegien und sozialem Aufstieg. Allerdings muss er bald einsehen, dass seine Aufgabe auch sein größtes Problem ist: Zuerst hat er Schwierigkeiten mit seinem E-Mail-Programm, das außer Kontrolle gerät - Simon, der eine Schwäche für russische Pornonixen hat, befürchtet digitale Indiskretionen. Dann zeichnet ein Unbekannter private Kommentare vor einer Radiosendung auf, in denen Simon sich milde über den Emanzipationseifer von Frauen und Homosexuellen lustig macht. Das Video landet im Netz und löst ein mediales Trommelfeuer aus. Simon, der sich als fortschrittlichen Mann begreift, ist empört, aber die Kritik wächst, die Unterstützung des Staatssekretärs wackelt. Schließlich bleibt nur die Wahl zwischen Entschuldigung und Rücktritt.

Die erste Ebene wird eingerahmt von einer zweiten, späteren, in der Simon gestorben ist und sich im "Vorzimmer zum Paradies" befindet; die Erzählung wechselt in die erste Person. Die irdischen Irrungen enthalten bereits eine Satire, die freilich eine bittere Note hat, denn Simon erregt Mitleid. Die Schilderung des Jenseits treibt das Spiel weit toller: "Das Erste, was ich nach dem Erwachen sah und was sich in mein Gedächtnis brannte, war ein Wartesaal: eine große hässliche Halle mit langen Reihen aneinandergeschraubter, orangefarbener Plastikstühle. An einer Seite des Raums versprühten drei Grünpflanzen ihren synthetischen Charme, und an den Wänden warben mehrere Poster für einen hochmodernen Badeort mit Hotelburgen, künstlichen Inseln, Segelbooten und Bungalows an goldenen Stränden. Darüber stand in großen Lettern: ,Hol dir dein Ticket fürs Paradies.'" Die Übergangsregion zwischen Paradies, Fegefeuer und Hölle erweist sich als banale "Quarantänezone", als neoliberaler Bürokratiealbtraum, der die unerquicklichsten Auswüchse des Diesseits fortführt, Friedrich von Hayeks, Milton Friedmans und Ronald Reagans postmortalem Wirken sei Dank.

Auf Simon, zur Nummer 25 756 223 degradiert, warten böse Überraschungen. Selbstsicher füllt er das Sündenformular aus - "Ich fühlte mich geneigt, mein irdisches Leben in gewisser Hinsicht gar als bemerkenswert zu qualifizieren" -, muss jedoch feststellen, dass die himmlische Überwachung perfekt funktioniert. Wegen der demographischen Entwicklung muss man "den Verhältnissen, Quoten und Verfügbarkeiten Rechnung tragen", die Auslese wurde deutlich verschärft. Jeder minimale Verstoß gegen die politische Korrektheit wird geahndet: "Wir besitzen eine Kopie der Aufzeichnung der Überwachungskamera des Lokals!", verkündet sein Anwalt Derek Rubinstein. Weit schlimmer, alle Browserprotokolle liegen vor, Simons Besuche auf "Russenpuppen.xxx", seine Vorliebe für Natascha sind bekannt - der Himmel kennt keine Privatsphäre.

So scharf und fetzig das klingt, Duteurtre beerbt eine ehrwürdige Tradition: Die Satire hat das Irdische schon des Öfteren aus jenseitiger Perspektive kritisiert. Das berühmteste Beispiel ist Erasmus von Rotterdams "Papst Julius vor der Himmelstür" (1517), eine Satire, die Lebenswandel und Politik Julius II. attackiert. Duteurtres Travestie - "Die Erde war ein Abklatsch des Himmels und der Himmel ein Abklatsch der Erde" - baut zudem auf den Religionsanthropologien seit Ludwig Feuerbach auf, die behaupten, dass der Mensch das Jenseits nach seinem Bild gestaltet. Vor allem jedoch steht der Text in der Tradition des "conte philosophique", der seit der Aufklärung in Frankreich beliebten philosophischen Erzählung, die sich durch Kürze und Thesenhaftigkeit auszeichnet.

Um Thesen geht es: Duteurtre will der politischen Korrektheit und der neoliberalen Wirtschaftswelt gleichermaßen an den Kragen; er beklagt den Verlust der Privatsphäre im digitalen Zeitalter. Sein Roman wirft das alles in den Topf der Gegenwartskritik, zögert aber, die logisch daraus folgende Position eines Konservativen einzunehmen. Demonstrationsobjekt ist Simon: Das Medienopfer dient als abschreckendes Exempel für eine Kritik, die universell ist, wenn es um den Verlust der Privatsphäre geht, und französisch wird, wenn sie Forderungen nach moralischer Transparenz in Sexualität und Politik als Hysterie abtut.

Während Simon sich in der himmlischen Wartezone leidlich einrichtet, sieht er seine Chancen aufs Paradies schwinden. Es droht das Fegefeuer - "eine Art Flüchtlingslager" - oder die Hölle. Allerdings ist sich Simon nach einem Videogespräch mit seiner im Paradies weilenden Mutter gar nicht sicher, in Letzteres zu wollen: Die Tiefgebräunte kann dem Fruchtcocktail am Hotel-Pool wenig abgewinnen; einzig Mister Ling Hoo, einem "dicken Chinesen in Badehose, der sich hinter ihr in einem Liegestuhl lümmelte", verdankt sie Lebensfreude. Eine Bettenbunker-Pauschalreise bis in alle Ewigkeit? Die Hölle bietet spannendere Möglichkeiten: Das ist die etwas vorhersehbare Pointe von "Vorzimmer zum Paradies".

Duteurtre, 1960 im normannischen Sainte-Adresse geboren, Urenkel des Präsidenten René Coty, hat ein Doppeltalent: Der Schriftsteller hat Musikwissenschaften studiert, mit Komponisten wie Ravel zusammengearbeitet, Bühnentexte und eine Geschichte der Operette in Frankreich verfasst; er moderiert die Sendung "Étonnez-moi Benoît" auf France Musique. In beiden Künsten polemisiert er gegen avantgardistischen Formalismus. Den kann man seinen Texten nicht vorwerfen, sie erzählen fröhlich und entfalten ein soziales Panorama. Das gilt auch für die autobiographischen Romane, etwa "À nous deux, Paris!" ("Zu uns beiden, Paris!", 2012), der das berühmte Ende von Balzacs "Vater Goriot" zitiert und damit einen zentralen Einfluss verrät. Die Liebe zum Gesellschaftsroman verbindet Duteurtre mit Houellebecq, Kundera, Frédéric Beigbeder und anderen, die sich um die Zeitschrift "L'Atelier du roman" ("Die Romanwerkstatt") scharen; neben dem Urgestein OuLiPo, der Minuit-Schar und dem Kollektiv Inculte handelt es sich um die wichtigste literarische Gruppierung in Frankreich. Am nächsten steht Duteurtre Houellebecq, und man stellt überrascht fest, dass Letzterer weniger isoliert und originell ist, als das aus deutscher Perspektive scheint. Auch Houellebecq schreibt Thesenromane, auch Houellebecq entlarvt die Versatzstücke unserer Zeit und macht es sich zugleich in ihnen bequem. Intellektuell und formal ist die Entfernung klein, in der literarischen Intensität hingegen spürbar: Houellebecqs Romane wirken überzeugender, seine Figuren entwickeln mehr Eigenleben: Ihr Leiden an der sozialen und sexuellen Misere der Gegenwart nimmt mit, unter der banalen Oberfläche weckt er Hoffnungen und Ängste. Wenn hingegen Simon Trost bei der Radiomoderatorin Daisy sucht, dann rührt das ein wenig, wenn er sieht, wie der platte Rapsong zweier Vorstadtbengel mehr bewegt als seine intellektuelle Arbeit, dann ist man ein wenig enttäuscht - mehr nicht. Dass Duteurtre existentielle Dringlichkeit vermitteln kann, zeigt der New-Wave-Roman "À nous deux, Paris!" besser.

Aber das ist das Pferd von hinten aufgezäumt. "Vorzimmer zum Paradies" ist vor allem eine deftige Satire: ironisch, ätzend, unterhaltsam. Mit seinem Roman will Duteurtre zum Nachdenken anregen, ist Voltaire näher als Balzac. Das gelingt ihm hervorragend, ein ums andere Mal erkennt man schmunzelnd Auswüchse und Abgründe unserer Gegenwart. Und wünscht sich, unbedingt mehr von diesem begabten Freigeist zu lesen.

NIKLAS BENDER

Benoît Duteurtre: "Vorzimmer zum Paradies". Roman.

Aus dem Französischen von Ulrike Werner. Eichborn Verlag, Köln 2015. 224 S., geb., 18,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Endlich! Rezensent Niklas Bender freut sich über die überfällige Übersetzung eines Romans von Benoit Duteurtre. Dass es allerdings erst beim zwanzigsten Roman geklappt hat, kann er überhaupt nicht verstehen. Denn Duteurtre ist für ihn nicht nur ein verlässlicher Vertreter der "conte philosophique", des thesenartigen Romans also, sondern auch in Sachen Gesellschaftsroman ein Houellebecq ebenbürtiger Erzähler, versichert der Rezensent. Wenn Duteutres Held Simon wegen digitaler Indiskretionen im Himmel Ärger bekommt, kommt das laut Bender fetzig und kritisch rüber, aber auch ein bisschen vorhersehbar pointiert. Dass die Helden bei Houllebecq Bender besser mitfühlen lassen, kann der Rezensent dem Autor nachsehen.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Ein ums andere Mal erkennt man schmunzelnd Auswüchse und Abgründe unserer Gegenwart. Und wünscht sich, unbedingt mehr von diesem begabten Freigeist zu lesen." Niklas Bender, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.11.2015 "[...]Und genau deshalb ist dieses schmale Buch so ein Juwel: Fantasie trifft auf Wirklichkeit - und siegt." Klaus Welzel, Rhein-Neckar-Zeitung, 22.08.2015 "Der französische Autor entwirft ein fantastisches Szenario, in das seine Gesellschaftskritik humorvoll eingebettet ist." Britta Helmbold, Ruhr Nachrichten, 13.10.2015