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Lydia, Alexander, Ruppert, Kati. Sie alle sind Schüler eines Elitegymnasiums der DDR. Während die einen mit glühendem Blick im "Reimanns" subversive Gedanken diskutieren, sehen die anderen unschuldig einer sozialistischen Zukunft entgegen. Der Mauerfall trennt sie schlagartig von ihrer Vergangenheit. Schwankend zwischen Hass, Verweigerung und Euphorie hören sie die Beteuerungen ihrer Eltern, dass alles ganz normal sei. Dabei sieht jeder die Explosion 1989 mit anderen Augen. Dreißig Jahre später zieht jeder der Helden Bilanz. Und sieht sich vor große Fragen gestellt: Wie lange verfolgt uns die…mehr

Produktbeschreibung
Lydia, Alexander, Ruppert, Kati. Sie alle sind Schüler eines Elitegymnasiums der DDR. Während die einen mit glühendem Blick im "Reimanns" subversive Gedanken diskutieren, sehen die anderen unschuldig einer sozialistischen Zukunft entgegen. Der Mauerfall trennt sie schlagartig von ihrer Vergangenheit. Schwankend zwischen Hass, Verweigerung und Euphorie hören sie die Beteuerungen ihrer Eltern, dass alles ganz normal sei. Dabei sieht jeder die Explosion 1989 mit anderen Augen. Dreißig Jahre später zieht jeder der Helden Bilanz. Und sieht sich vor große Fragen gestellt: Wie lange verfolgt uns die Vergangenheit, oder verfolgen wir sie? Wie viel sind ihre Erfahrungen wert? Damals sind sie davongekommen, aber sie alle jagen einer Freiheit nach, noch immer. Julia Schoch macht den historischen Umbruch in privaten Leben erfahrbar. Und schreibt damit einen beeindruckenden Gesellschaftsroman für unsere Zeit.
  • Produktdetails
  • Verlag: Piper
  • Seitenzahl: 312
  • Erscheinungstermin: 1. Februar 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 132mm x 30mm
  • Gewicht: 426g
  • ISBN-13: 9783492057738
  • ISBN-10: 349205773X
  • Artikelnr.: 48038434
Autorenporträt
Schoch, Julia
Julia Schoch, 1974 in Bad Saarow geboren, lebt nach Aufenthalten in Bukarest und Paris als freie Schriftstellerin und Übersetzerin in Potsdam. Für ihr von der Kritik hochgelobtes Erzähldebüt »Der Körper des Salamanders« wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem dem Förderpreis des Friedrich-Hölderlin-Preises und dem Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis. Nach dem für den Leipziger Buchpreis nominierten Roman »Mit der Geschwindigkeit des Sommers« erschien zuletzt »Selbstporträt mit Bonaparte«. Übersetzervita: Julia Schoch wurde 1974 in der Nähe von Berlin geboren. Sie studierte Literatur und lebt als Schriftstellerin und Übersetzerin in Potsdam. Sie übersetzte u.a. Fred Vargas, Georges Hyvernaud, Saint-Exupéry, Daniel Anselme und Eugène Dabit. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Preis der Jury beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und den André-Gide-Preis.
Rezensionen
Besprechung von 15.02.2018
Ich glaube, mit Verrat fängt alles an

Jugend ohne Ort: Julia Schoch hat einen einfühlsamen Roman über jene Generation von Ostdeutschen geschrieben, die mit dem Mauerfall erwachsen wurde.

Julia Schoch ist eine Virtuosin des Erinnerungserzählens, konziser Lebensrückblicke, mit deren Hilfe sie auf ebenso leichte wie kluge Weise unsere Gesellschaft zu porträtieren versteht, ohne vom Privaten abzugehen. Die Protagonisten dieser Autorin, die aus Bad Saarow stammt und in Potsdam lebt, besitzen fast immer eine ostdeutsche Identität. Ihr neuer Roman nimmt Menschen in den Blick, die der Mauerfall - wie Schoch selbst - mitten in der Adoleszenz traf. Mit dem atemberaubend schnell abgewickelten realsozialistischen System verschwand auch ihre Verortung in der Geschichte, eine Entwurzelung, die sie mehr als der Sozialismus (oder Sartre) zu Komplizen machte. Mit großer Menschenkenntnis und psychologischem Gespür sucht die Autorin in den Biographien heutiger Mittvierziger nach Langzeitfolgen dieser Erschütterung des Urvertrauens in die Gemeinschaft.

In Motivik und intimer Erzählweise schließt das Buch an Schochs vorhergehende Werke an, ist aber weiter gefasst. Statt der Vertiefung in eine (gescheiterte) Einzelbeziehung haben wir diesmal ein Panoptikum vor uns: "Schöne Seelen und Komplizen" ist ein Generationenroman im vollen Wortsinn, nimmt sich kaleidoskopisch eine ganze Schulklasse eines DDR-Elitegymnasiums zum Gegenstand. Allein sechzehn Ich-Erzähler treten auf, zahlreiche weitere Figuren begegnen uns in den miteinander verwobenen Berichten. Ein Unterschied zu den früheren Büchern besteht auch darin, dass wir sämtlichen Erzählern zu zwei Zeitpunkten begegnen, in der Gegenwart - hier hat die Retrospektion ihren Platz - und im Moment der weltgeschichtlichen Umwälzungen von 1989 bis 1992, die den mit ersten Liebeserfahrungen vollauf beschäftigten Zeitgenossen freilich kaum als solche erscheinen.

Lydia etwa kehrt wie betäubt von ihrem ersten Ausflug in den Westen zurück, nicht weil sie der Kapitalismus überwältigt hätte, sondern weil sie im Bus den zuvor ob seines Dissidentenhabitus angehimmelten Jungregisseur Arno mit einer Rothaarigen entdeckt hat, ein Verrat, der auf ihren Verrat an Tomas folgte, der Beginn eines Lebens auf der Lauer: "Ich glaube, mit Verrat fängt alles an." Die ersten Seiten des Romans spielen noch vor dem Mauerfall, und obwohl es die letzten Atemzüge der DDR sind, ist noch alles da: Das Regime überwacht und straft nach alter Herren Manier. So muss sich Ruppert vor dem obrigkeitstreuen Schulrektor und zwei Überwachern für einen falschen Satz verantworten, ein anderer Lehrer versucht, den widerstrebenden Alexander mit Nachdruck für den Armeedienst zu rekrutieren: "Diplomlehrer für Deutsch/Geschichte, das wäre doch eine tolle Kombination für dich, rief er, das wirst du doch nicht aufs Spiel setzen."

Die fröhlich pubertierenden Schüler indes bilden trotz aller jugendlichen Intrigen eine verschworene Gemeinschaft, in der selbst eine belächelte Systemverteidigerin wie Kati - ihr Vater ist ein hohes Tier in der Partei - ihren Platz hat. Die Wende ist in ihrem Koordinatensystem nur indirekt zu bemerken, auch weil der Schulunterricht einfach weiterläuft. Allerdings werden nun mehr und mehr Lehrer ausgetauscht, und das zuvor Gelernte gilt zu großen Teilen als wertlos. Der neue Rektor aus dem Westen erweist sich auf seine Weise freilich ebenfalls als Überwacher. Dass sie eine Zeitenwende erleben, kommt den Jugendlichen immer wieder schockartig zu Bewusstsein, wenn etwa Martin der Amerikanerin Megan erklärt: "Es gibt keine Mütter und Väter mehr . . . Seit dem Mauerfall lebt jeder sein Leben." Und Vivien, von Liebeskummer umwölkt, erkennt bereits die Gefahr, dass man den Umbruch auch als Rechtfertigung wird nutzen können: "alles, was uns später nicht gelingt, das ganze öde Leben, schieben wir einfach auf jetzt, auf das, was gerade abläuft um uns herum."

In der Tat lässt sich diese Strategie im zweiten Teil des Buches wiederfinden, wenngleich nicht bei sämtlichen Protagonisten. Zumal ihnen vieles gut gelungen ist. Die im Osten für sie vorgesehene Kader-Karriere haben die meisten schlicht auf westliche Weise verwirklicht. Sie sind Paradevertreter egozentrischer Bürgerlichkeit geworden, einige glücklich, andere nicht. Was jedoch alle eint, ist das geheime Band der annullierten Jugend. "Sie haben alle aus demselben vergifteten Brunnen getrunken. Sie sind infiziert mit dem Gift der alten Zeit", fasst es der genialische Autist Bodo zusammen. Mehr staunend als melancholisch blicken die nicht mehr jungen und noch nicht alten Helden nun auf ihr eben noch so klaffend offenes, aber dann meist in Richtung Paareinsamkeit verunfalltes Leben, das vom Ende her gesehen wie ein mit schlafwandlerischer Sicherheit abgeschrittener Schneckenweg anmutet, der in immer enger werdenden Zirkeln um eine leere Mitte führt, in die man früher oder später hineinstürzen wird. Halt sucht man da wieder aneinander.

Für jede dieser Figuren einen eigenen, absolut glaubhaften Ton gefunden zu haben macht den Wert des Buches aus. Dass Kati auch ein Vierteljahrhundert später noch verängstigt damit rechnet, ein Komplott werde gegen sie geschmiedet, ist so nachvollziehbar wie Franziskas Verzweiflung an ihrem schwäbischen Ehemann ("das Gefühl, ich würde meine Vergangenheit verraten, wenn ich sein Urteil unterstützte"), Stefanies Frage, was von ihren Erfahrungen "überhaupt brauchbar ist", oder die Organisationsobsession Rebekkas, die auch in der wiedervereinigten Republik an der "schrecklichen Ergebenheit der Menschen" leidet. Mit Bindungen haben hier fast alle ihre Probleme, aber darin unterscheiden sie sich kaum von ihren Zeitgenossen aus dem Westen. Das Gefühl, von der "Weltgeschichte verfolgt" zu werden, kann wie bei Lydia schließlich auch dazu führen, gerade deshalb an einer Beziehung, deren Feuer erloschen ist, festzuhalten.

Nicht zufällig geht es auf den letzten Seiten um Fotografien. Sie können das Verschwinden der Zeiten nicht aufhalten, aber sichtbar machen. Der Fotograf Stephen Shore schaffe es gar, versichert uns Ellen, vorausschauend melancholisch zu fotografieren. Aber mehr noch, er entdecke in dem bevorstehenden Untergang wieder einen Anfang, in diesem Fall einen Jungen am Fenster. Etwas Ähnliches versucht - von der anderen Seite her - diese stilsichere Erzählung, die damit weit mehr ist als ein Wenderoman mit Epilog. Sie unterscheidet sich etwa von Peter Richters "89/90" nicht nur durch die stärkere literarische Durchformung und eine größere Empathie für die Figuren (hier marodieren keine Skinhead-Banden durch rechtsfreie Räume), sondern vor allem durch die Ausrichtung aufs Grundsätzliche: kein Schnappschuss, sondern eine Langzeitbelichtung, auf der Glück und Unglück, Erwartung und Kompromisse, Eros und Karrieren abstrakte Muster bilden, aber dabei eine tiefere Sehnsucht sichtbar machen. Trotz einiger arg prononcierter Bezüge - muss Alexander als Historiker ausgerechnet einen Vortrag mit dem Titel "The German Unification - a Myth?" halten? - ist die innere Konsistenz dieses vielstimmigen Ringens mit der fast zu großen, jede Rückbindung abgetrennt habenden Freiheit beeindruckend, ja, geradezu erhellend.

OLIVER JUNGEN

Julia Schoch: "Schöne Seelen und Komplizen". Roman.

Piper Verlag, München 2018. 314 S., geb., 20,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 16.03.2018
Süßer Vogel Jugend
Liebe und Politik in Zeiten der Maueröffnung:
Julia Schochs vielstimmiger Roman „Schöne Seelen und Komplizen“
VON HUBERT WINKELS
Literarische Chroniken des Lebens in der DDR gibt es viele und gute. Die meisten sind in einigem Abstand zum Ende des Staates entstanden. Von Ingo Schulze über Uwe Tellkamp bis Eugen Ruge oder Uwe Kolbe. Ihre Autoren sind in die DDR „hineingeboren“, waren ihr skeptisch bis feindselig gesinnt und versuchen ohne Eifer und Zorn, das Leben unter den Bedingungen der Diktatur zu erfassen. Mit Komik, Melancholie oder analytischer Schärfe, manchmal nachsichtiger, manchmal etwas bitter.
Julia Schoch, 1974 in Bad Saarow geboren und seit der Kindheit in Potsdam lebend, gehört nicht ganz in diese Reihe, obwohl ihre Erzählungen und Romane durchweg von Bedrohungen und Verlusterfahrungen Ostdeutscher handeln. Ihre Helden sind allesamt in existenzielle Situationen gestellt, sie sind einsam und idiosynkratisch. Auch unter den totalitären Lebensbedingungen eines säkularen Staates erleben sie eine metaphysische Erschütterung, für die sie keine Worte haben, und die auch der Erzähler eher in Stimmung, Beleuchtung, Langsamkeit und Abseitigkeit erfasst. Gute, traurige, fast meditative Stücke sind das, kalt und konzentriert auf wenige Elemente. Der Roman „Mit der Geschwindigkeit des Sommers“ von 2009 ist hier vorbildlich.
Julia Schochs neuer Roman „Schöne Seelen und Komplizen“ ist dem noch nah, andererseits aber doch etwas ganz anderes. Er ist viel größer und kaleidoskopisch gedacht, erzählt von Dutzenden Personen, aus siebzehn verschiedenen Jugendperspektiven im ersten Teil über die Potsdamer Schulerfahrungen von 1989 bis 1992, und aus fast noch einmal so vielen Erwachsenenperspektiven fünfundzwanzig Jahre später im zweiten Teil. Er verkoppelt die Einzelerzählungen über Sehnsucht, Liebe, Angst, Verrat und das über ein Vierteljahrhundert. Allein diese vielen Fäden zusammenzuhalten und auf kleinem Raum zu verknüpfen, ist eine Meisterleistung. Eigentlich ist der Roman viel umfangreicher, als es seine dreihundert Seiten anzeigen.
Sein rätselhafter Titel stammt aus Jean-Paul Sartres Theaterstück „Die Fliegen“. Im ersten von insgesamt zweiundvierzig Kapiteln, die alle mit den Namen der jeweiligen Ich-Erzähler versehen sind, wird er zitiert. Lydia Gebauer gehört zu einer kleinen privaten Abordnung von Schülern der Potsdamer Käthe-Kollwitz-Oberschule, die einen bereits dreißigjährigen Regisseur besuchen, um mit ihm über die Inszenierung eines Theaterstücks zu sprechen. Es soll wohl „Farm der Tiere“ sein, der Orwell-Roman, den jener Arno eigens dramatisiert hat. Kein Wort fällt über die Unmöglichkeit dieses Ansinnens im real existierenden Sozialismus/Animalismus.
Lydia hat ein ganz anderes Anliegen. Sie möchte viel lieber Sartres antikisierendes Freiheitsdrama „Die Fliegen“ zur Aufführung bringen, ebenfalls am Ende des Zweiten Weltkriegs veröffentlicht. Wie viel Geschichte, Revolution und Verrat kommen ins Spiel, wie viel allegorisches Geschehen um Gewalt, Rache, Freiheit und Schuld tun sich auf! „Ich hatte das Gefühl, die anderen würden mich durchschauen, wenn ich Ihnen sofort mit diesem Stück komme. Dass Sie dann wüssten, dass ich nur wegen Tomas auf die Bühne wollte. Ich hatte mir vorgestellt, ich würde die Schwester spielen. Dann hätte ich in Tomasˋ Richtung schreien können: Geh, schöne Seele. Ich kann nichts anfangen mit schönen Seelen: einen Komplizen wollte ich.“
Soviel Geschichte, Kunst und Rebellion, um so zu enden, im Schrei nach Aufmerksamkeit. In einem Sehnsuchtsschrei mit schönen rätselhaften Worten, denn von Liebe wird man nicht ohne Einschränkung reden dürfen. Denn die Fünfzehnjährige, die Tomas beeindrucken möchte, mit dem sie was hat, lässt sich am Ende vom Lied von Freizeitregisseur Arno küssen. Arno ist eigentlich Heizer und geht bald darauf mit einer anderen. Lydia hat Tomas verraten und wird in ihren eigenen Augen selbst verraten. Heiliges Schicksal!, das ist der pubertäre Stoff, aus dem die großen Gefühle sind. Sozialismus hin, Kapitalismus her. Sartre hier, Orwell da. Das ist nur eine von Dutzenden gleichrangigen Episoden. Was ist es, das zählt?, fragt der Roman, nicht überhaupt und immer, sondern jetzt und hier? Er weigert sich, das Private dem Politischen und Geschichtlichen unterzuordnen. Im Gegenteil, er zieht seine Kapriolen, seine Verve und sein Raffinement aus dem Spiel mit eben dieser prekären Unterscheidung von privat und politisch.
Das kann man ganz gut an den weiteren Lydia-Gebauer-Stationen in diesem Episodenroman der vielen Namen und Geschichten sehen. Wir begegnen ihr wieder im Moment der Grenzöffnung in Berlin. Gleich zu Beginn des Kapitels heißt es: „Als ich Arno zusammen mit der Rothaarigen im Bus sah, zog sich mir alles zusammen.“ Es geschieht beim ersten Grenzübertritt überhaupt. Die Bedeutung dieses Moments erschließt sich vollständig in dem pathetischen Satz: „Jemand, der so küsst, lebt in einer anderen Welt, einer höheren.“ Es ist der Kuss und nicht der Mauerfall! Wenn Lydia die ganze Kette von Zufällen verdammt, die zum Anblick dieser verfluchten Liebschaft führt, dann ist unter der Trabipanne, einem Telefonat, einer folgenden Busfahrt usw. eben auch die Grenzöffnung. Ein kleines Ärgernis unter anderen.
Den Episoden aus den 89er- bis 92er-Jahren korrespondieren im zweiten Teil Geschichten von „heute“, fünfundzwanzig Jahre später, 2015. Lydia ist jetzt mit dem früheren Alphatier der Kollwitz-Schule, Wolf Rutschky, verheiratet, einem Architekten. Sie sind in Paris, um ihre Ehekrise zu kitten, sitzen im Bus zur Cinématèque und bekommen ganz am Rande etwas von einem Attentat mit. Es wird der Anschlag auf das Bataclan gewesen sein. Was so zusammengerafft wie überinszeniert wirkt, läuft im Roman ganz unterschwellig mit. Große Ereignisse und schwere Zeichen werden beiläufig eingeschliffen in den Alltag diverser Lebensläufe, sie werden dezentriert. Und dennoch bestimmen sie hintergründig die Entwicklungen.
Da der Roman in der Ich-Form, im zweiten Teil sogar in Form persönlicher, weit zurückblickender Rechenschaftsberichte verfasst ist, lesen wir immer nur subjektive Kompilationen und Reflexionen. Es fehlt das Zentrum. Was zählt, entzieht sich. Es ist immer im Begriff zu verschwinden. Die Erzählungen folgen erinnernd den Einschlägen der Zeit, die sich als Schicksal darbieten. Dabei überlagern sich große Geschichte und die unscheinbaren Spuren des Normalen. In den späteren Geschichten herrscht eine Sehnsucht nach den Sehnsüchten der frühen Jahre. Als ob das Leben immer dort wäre, wo der Erzählende gerade nicht ist. Die Berichte des seltsamen, autistisch wirkenden Außenseiters Bodo Stamm bringen es auf den Punkt. Er erzählt schließlich post mortem von seinen Versuchen, das Leben zu archivieren: „Seit meiner Entkörperung sind all diese Dinge nur noch Fundstücke ohne Archiv (schiere Materialität), die als Spuren einer verschwundenen Zeit durch den unendlichen Raum der Gegenwart treiben.“
Eine Ahnung von diesem Verschwinden – der Zukunft von allem, was ist – zieht sich durch sämtliche Erinnerungsstücke. Die ostdeutsche Herkunft ist darin ebenso gelöst wie die Gegenwart mit all ihren Krisen in der Mitte des Lebens. Dieses Gefühl zu vermitteln in einem ganz und gar anschaulichen, ja szenischen Schreiben, ist die Kunst Julia Schochs. Und dies in Dutzenden deutlich unterschiedenen Figurenreden zu tun, eine ganz besondere.
„Jemand, der so küsst, lebt
in einer anderen Welt,
in einer höheren.“
Auf der Suche nach den Spuren einer verschwundenen Zeit: die Schriftstellerin Julia Schoch.
Foto: Regina Schmeken
Julia Schoch: Schöne Seelen und Komplizen. Roman.
Piper Verlag, München 2018. 315 Seiten, 20 Euro.
E-Book 16,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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"Ein luzides, vielstimmiges Buch über die Politik im einzelnen Leben.", Berliner Zeitung, 07.07.2018
»Eine Ahnung von diesem Verschwinden – der Zukunft von allem, was ist – zieht sich durch sämtliche Erinnerungsstücke. Die ostdeutsche Herkunft ist darin ebenso gelöst wie die Gegenwart mit all ihren Krisen in der Mitte des Lebens. Dieses Gefühl zu vermitteln in einem ganz und gar anschaulichen, ja szenischen Schreiben, ist die Kunst Julia Schochs.«, Süddeutsche Zeitung, 16.03.2018