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Dreimal ruft sie an, sie klingt überdreht und verstört, und eigentlich sollte sie im Zug nach Rom sitzen, unterwegs zu Delia, ihrer Tochter. Wenig später wird ihre halbnackte Leiche an Land gespült. Zur Beerdigung kehrt Delia nach Neapel zurück, in die erstickende, chaotische Heimatstadt, in ihre verhasste Vergangenheit. Und sie bleibt, denn sie muss die Wahrheit wissen: Warum starb ihre Mutter? Und welche Rolle spielt Caserta, ein ehemaliger Freund ihres gewalttätigen Vaters, der plötzlich wieder auftaucht? Er jedenfalls scheint der Letzte zu sein, der die Mutter lebend gesehen hat. Zunehmend…mehr

Produktbeschreibung
Dreimal ruft sie an, sie klingt überdreht und verstört, und eigentlich sollte sie im Zug nach Rom sitzen, unterwegs zu Delia, ihrer Tochter. Wenig später wird ihre halbnackte Leiche an Land gespült. Zur Beerdigung kehrt Delia nach Neapel zurück, in die erstickende, chaotische Heimatstadt, in ihre verhasste Vergangenheit. Und sie bleibt, denn sie muss die Wahrheit wissen: Warum starb ihre Mutter? Und welche Rolle spielt Caserta, ein ehemaliger Freund ihres gewalttätigen Vaters, der plötzlich wieder auftaucht? Er jedenfalls scheint der Letzte zu sein, der die Mutter lebend gesehen hat. Zunehmend verzweifelt läuft Delia durch die Gassen der Stadt und entwirrt Erinnerungen, die sie lange unterdrückt hatte. Noch ahnt sie nicht, wie schutzlos sie sein wird, gegen das schreckliche Geheimnis ihrer eigenen Kindheit ...

Lästige Liebe ist ein psychologisches Meisterwerk von schwindelerregender Genauigkeit: eine Mutter-Tochtergeschichte über Liebe und Hass und den unlösbaren Knoten aus Lügen, Eifersucht und Gewalt, der die beiden - schicksalhaft - aneinander bindet.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Seitenzahl: 206
  • Erscheinungstermin: 27. September 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 128mm x 25mm
  • Gewicht: 360g
  • ISBN-13: 9783518428283
  • ISBN-10: 3518428284
  • Artikelnr.: 52365091
Autorenporträt
Ferrante, Elena
Elena Ferrante hat sich mit dem Erscheinen ihres Debütromans im Jahr 1992 für die Anonymität entschieden. Ihre vierbändige Neapolitanische Saga - bestehend aus Meine geniale Freundin, Die Geschichte eines neuen Namens, Die Geschichte der getrennten Wege und Die Geschichte des verlorenen Kindes - ist ein weltweiter Bestseller. Ab 2018 erscheinen im Suhrkamp Verlag auch Ferrantes jüngster Band Frantumaglia sowie ihre früheren Romane Lästige Liebe, Tage des Verlassenwerdens und Frau im Dunkeln in neuer Übersetzung.

Krieger, Karin
Karin Krieger übersetzt vorwiegend aus dem Italienischen und Französischen, darunter Bücher von Claudio Magris, Anna Banti, Armando Massarenti, Margaret Mazzantini, Ugo Riccarelli, Andrea Camilleri, Alessandro Baricco und Giorgio Fontana. Sie war mehrfach Stipendiatin des Deutschen Übersetzerfonds und erhielt 2011 den Hieronymusring.
Rezensionen
"Absolute Pflichtlektüre für alle Fans der Neapolitanischen Saga."
The Atlantic 08.05.2018
Besprechung von 07.11.2018
Eine Mutter verschwindet
Nach dem Erfolg der „Neapolitanischen Saga“ erscheint Elena Ferrantes Debütroman in einer fabelhaften
Neuübersetzung. In „Lästige Liebe“ zeigt sich schon ihr feines Gefühl für Frauenfiguren
VON KATHLEEN HILDEBRAND
Genau an Delias Geburtstag, dem 23. Mai, wird die Leiche ihrer Mutter am Strand eines Ferienorts angeschwemmt. Sie trägt nichts als einen BH aus feiner Spitze. Ein teures Stück, wie die Mutter es in ihrem Leben nie getragen hat. Dieses effektvolle Detail wird in Elena Ferrantes Debütroman, der 1992 erschien und jetzt in einer fantastischen neuen Übersetzung von Karin Krieger vorliegt, noch eine Rolle spielen. Und doch führt die Autorin der Welterfolgsreihe von der „genialen Freundin“ ihre Leser mit dieser Andeutung auf eine nicht ganz richtige Fährte.
Delia, die längst erwachsene Tochter, reist aus Rom in ihre Heimatstadt Neapel und beginnt zu recherchieren: Wer war der Mann, von dem die Mutter kurz vor ihrem Tod am Telefon gesagt hatte, er wolle ihr etwas antun und der Tochter auch? Wie ist Amalia ums Leben gekommen? War es Mord, ein Unfall oder hat sie sich das Leben genommen? All das sind Krimi-Fragen, aber Delias Nachforschungen führen sie nicht zu Mördern und Verschwörern, sondern tief hinab in ihre eigenen, teils trügerischen Kindheitserinnerungen.
Erinnerungen an einen Mann namens Caserta, der früher ein Verehrer – und vielleicht der Liebhaber – ihrer Mutter Amalia war und ihr in den letzten Monaten ihres Lebens erneut den Hof gemacht hat. Und zu ihrem eifersüchtigen Vater, der Amalia in Delias Kindheit regelmäßig blutig schlug, ihr bis zuletzt nachgestellt und sie bedroht hat. Der nie akzeptieren konnte, dass sie ihn viele Jahre zuvor verlassen hat.
Es gibt viele solcher „lästigen Lieben“ in diesem schmalen, ungemein klugen Roman. Zuerst einmal ist da die Mutterliebe, die Delia lästig geworden ist. Wenn ihre Mutter sie besucht, nervt sie deren Geschäftigkeit, sie ekelt sich vor ihr, will sie nicht berühren. Aber nach ihrem Tod erwacht eine alte, nie zufriedenzustellende Tochterliebe in ihr. Delia beginnt sich nach etwas zu sehnen, das die meisten Töchter gerade nicht wollen: nach einer geradezu physischen Identität mit der Mutter.
Passend dazu fließt und quillt der Roman beinahe über vor Körperlichkeit. Als Delia den Sarg der Mutter trägt – ungehörig für eine Frau! – setzt ihre Menstruation ein, Tampons und blutige Schlüpfer spielen eine Rolle und immer wieder der frühere Widerwille der Tochter gegen den Mutterkörper. Delia erinnert sich, wie sie Amalia einmal gefragt hat, ob sie nach der Trennung vom Vater Liebhaber gehabt habe. „Nein“, sagt Amalia, und Delia ist sicher, dass sie lügt. Wie zum Beweis ihrer Keuschheit hebt Amalia „ihr Kleid bis zur Taille, wobei ihre großen, ausgeleierten rosa Unterhosen sichtbar wurden. Kichernd sagte sie etwas Wirres über ihr schlaffes Fleisch und ihren Hängebauch“. Delia denkt: „Und vor allem wünschte ich mir, dass sie sich bedeckte.“
Das arme, grobe, vor lauter Leben stinkend brodelnde Neapel wird in Ferrantes Beschreibung, wie später in der „genialen Freundin“, zum Höllenschlund eines alten Patriarchats und seiner scheinbar widersprüchlichen Regeln. Der Alltag der Frauen ist durchsetzt mit großen und kleinen Unterdrückungsgesten, mit verschiedenen Formen von Belästigung. Da sind die obszönen Bemerkungen auf der Straße, die früher Amalia galten und heute Delia. Die Verachtung, die Amalia von ihrem eigenen Bruder entgegenschlug, weil sie ihren brutalen Mann verlassen hat. Als der Ehemann, da ist Delia noch ein Kind, einmal glaubt, ein Mann habe sie im Gedränge der Straßenbahn angefasst, ohrfeigt er Amalia und nicht den Fremden. „Vielleicht, um sie dafür zu bestrafen, dass sie die Körperwärme des anderen durch den Stoff ihres Kleides auf der Haut gespürt hatte.“
Natürlich kann man Elena Ferrante auch in ihrem Debüt kaum anders als feministisch lesen. Aber Frauen und Männer sind bei ihr nicht einfach in gegnerischen Lagern, sondern bleiben vielmehr ineinander verstrickte, ewige Fremde. Wie die Brutalität der Männer beschreibt Ferrante die weibliche Nachsicht diesen Männern gegenüber. Als ein Kindheitsfreund sie beinahe vergewaltigt, denkt Delia im Gehen: „Aber ich war ihm doch dankbar dafür, dass er mir nur ein Minimum an Schmerz und Demütigung zugefügt hatte.“
Mit ihrem überwältigenden tiefenpsychologischen Feingefühl lässt Ferrante auch die Frauen nicht aus der Verantwortung. Neben der internalisierten Verachtung für den eigenen oder den mütterlichen Körper zeigt sich das im Verrat des Mädchens Delia, der Jahrzehnte zuvor zu einer Familientragödie geführt hat – und vielleicht zum Tod der Mutter im Meer.
Am Ende ist Delias Suche nach der verlorenen Mutter eine Ehrenrettung. Die Tochter beginnt Amalia nicht mehr nur, wie als Kind, als verantwortungslose Verführerin zu sehen, die sich und ihre Töchter mit ihren Flirtereien in Gefahr bringt. Und auch nicht bloß als nervige Alte mit Hängebauch. Sondern als eine Frau, die mit ihren geringen Möglichkeiten Widerstand gegen einen Verhaltenskodex geleistet hat, mit dem Männer ihr wie allen Frauen die Lust an der eigenen Lust, an Körperlichkeit und Lebensfreude verbieten wollten.
Als Delia zuletzt an dem Strand sitzt, an dem ihre Mutter starb, hat sie zumindest diese „lästige Liebe“ in etwas anderes verwandelt. In eine rohe, schmerzhafte Liebe, die sich von der eigenen Identität nie wird trennen lassen. Elena Ferrante entlässt die Leser ihres Debütromans nicht mit dem befriedigten, aufgeklärten Gefühl, mit dem man aus einer Kriminalgeschichte geht. Sondern durchgewalkt, erschüttert und emanzipiert wie nach einer guten Psychoanalyse.
Das vor lauter Leben stinkend
brodelnde Neapel wird zum
Höllenschlund des Patriarchats
Szene aus „L’Amore Molesto“ (1995), der Verfilmung des Debütromans von Elena Ferrante von Mario Martone mit Anna Bonaiuto in der Hauptrolle.
Foto: imago/Prod.DB
Elena Ferrante: Lästige Liebe. Aus dem Italienischen von Karin Krieger. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 206 Seiten, 22 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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»Es ist diese überreizte Atmosphäre, die aus Lästige Liebe eine fesselnde Lektüre macht.«
Maike Albath, DIE ZEIT 04.10.2018