Das Böse - Dalferth, Ingolf U.

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Ingolf U. Dalferth rekonstruiert die Sinngeschichte des Bösen am Leitfaden einer zweifachen Unterscheidung: der zwischen gut und böse, und der zwischen böse und Gott. Beide Unterscheidungen fallen nicht zusammen, solange die Differenz zwischen gut und Gott offen gehalten und nicht durch die Trennung beider Momente oder ihre wechselseitige Gleichsetzung aufgelöst wird.…mehr

Produktbeschreibung
Ingolf U. Dalferth rekonstruiert die Sinngeschichte des Bösen am Leitfaden einer zweifachen Unterscheidung: der zwischen gut und böse, und der zwischen böse und Gott. Beide Unterscheidungen fallen nicht zusammen, solange die Differenz zwischen gut und Gott offen gehalten und nicht durch die Trennung beider Momente oder ihre wechselseitige Gleichsetzung aufgelöst wird.
  • Produktdetails
  • Verlag: Mohr Siebeck
  • 2. Aufl.
  • Erscheinungstermin: Juni 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 180mm x 116mm x 20mm
  • Gewicht: 160g
  • ISBN-13: 9783161504891
  • ISBN-10: 3161504895
  • Artikelnr.: 29937656
Autorenporträt
Ingolf U. Dalferth, Dr. theol., Dr. h.c., Jahrgang 1948, ist Ordinarius für Systematische Theologie, Symbolik und Religionsphilosophie in Zürich und seit 1998 Direktor des Instituts für Hermeneutik und Religionsphilosophie. Er ist Mitglied der Theologischen Kammer der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präsident der Deutschen Gesellschaft für Religionsphilosophie und der Europäischen Gesellschaft für Religionsphilosophie sowie Hauptherausgeber der"Theologischen Literaturzeitung"(Leipzig), der"Hermeneutischen Untersuchungen zur Theologie"(Tübingen) und von"Religion in Philosophy and Theology"(Tübingen). 2005 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät Uppsala.
Rezensionen
Besprechung von 27.02.2007
Eine Lösung gibt es nicht
Ingolf U. Dalferth gegen die Verharmlosung des Bösen
Böse ist ein Übel dann, wenn es uns neben dem Leid, das es uns zufügt, auch seine Willkür und Grundlosigkeit fühlen lässt. Wir alle kennen dieses Böse, jeder kennt das Leid und die Verzweiflung. Vor allem kennen wir sie besser als das Gegenstück, das Gute. Weil es idealerweise die Überschreitung des unvollkommenen Jetzt und Hier voraussetzt, bleibt das Gute stets unbestimmt. Aber auch das Böse erleben wir, wenngleich auf andere Weise, als verstörend und unbegreiflich. Und in genau dieser Qualität, sich trotz seiner Offenkundigkeit dem Verstehen immer schon entzogen zu haben, wurzeln seine Wucht und seine Kraft.
Mit Recht spricht deshalb der Zürcher Theologe und Religionsphilosoph Ingolf U. Dalferth von den „Masken” und vom „Einbruch” des Bösen. Mag es auch wahr sein und mag ich auch wissen, dass alle Menschen sterben müssen, so folgt daraus doch keineswegs, dass ich hier und jetzt und auf diese Weise sterben muss. Das Böse, heißt das, erscheint ohne zureichende Gründe, es schädigt Lebendiges und lässt es leiden. Seiner Objektivation und allen Versuchen, es wissenschaftlich dingfest zu machen, sind deshalb wohlbestimmte Grenzen gesetzt. Ökonomische oder politische Erklärungen des Bösen, wie sie in großer Zahl kursieren, mögen jede für sich etwas Richtiges sagen, sind aber, wie Dalferth einwendet, als solche niemals hinreichend. Das Böse ist, analytisch betrachtet, ein Mischgebilde aus dem Was und dem Wie situationsbezogener Erfahrungen – anders gesagt: Das Böse ist eine kulturelle Tatsache.
Die so begründete Herausforderung an die Erkenntnis ist klar, und sie ist beträchtlich. Die Wirklichkeit des Bösen verlangt nach einem probaten, gegenstandsangemessenen Beschreibungsrepertoire. Dalferth wählt den Weg einer ideengeschichtlich reflektierten Phänomenologie, die den wissenschaftlichen Objektivismus um die Ansprüche der Einpersonenperspektive ergänzt. Programmatisch wird damit das Böse in seiner Doppelung als Widerfahrnis und als Erlebnis erschlossen. Neben der Feststellung der Tatsachen zählt dabei auch und ganz wesentlich, wie die Betreffenden das Widerfahrnis aufnehmen und was es ihnen bedeutet. Ausgehend von diesen elementaren Bestimmungen regt Dalferth an, zwischen Sachfragen, Handlungsfragen, Sprachfragen und Sinnfragen methodisch zu unterscheiden.
Eine Anti-Theodizee
Die Klärung der Sachfragen sei die Domäne der Wissenschaften, die darüber Auskunft geben sollen, was der Fall ist und wie es dazu kam; Handlungsfragen fallen in die Zuständigkeit der Ethik, die Verantwortlichkeiten kläre und Handlungsmaximen ausgebe; Sprachfragen seien Sache der Philosophie, die Verstehensprozesse und Begrifflichkeiten prüfe; Sinn- und Orientierungsfragen nachzugehen schließlich sei die Aufgabe lebensweltlicher und religiöser Praxis, in der es darum gehe, den Betroffenen zu helfen, die Welt zu verstehen und auch nach der Erfahrung des Bösen auf menschliche Weise weiterzuleben.
Das Fragenquartett wirkt ein bisschen buchhalterisch und papieren. Es bewährt sich aber da, wo es Redeweisen auseinanderzuhalten und die Komplexität eines Phänomens zu bewahren gilt, dessen Erfahrungsräume mit einzelwissenschaftlichen und für sich genommen „einsinnigen” Herangehensweisen dramatisch verkürzt werden. Wiederholt beharrt Dalferth auf diesem Punkt. Seine „Sinngeschichte einer Denkform” ist in weiten Teilen als Replik angelegt, die den mit Beginn der Neuzeit vermehrt aufkommenden Verharmlosungsgeschichten entgegentritt.
Die Strategien der „Entbösung des Bösen”, wie Dalferth im Anschluss an Odo Marquard formuliert, sind zahlreich, und als einschlägiges Beispiel präsentiert er die Idee des Fortschritts. Der Fortschritt funktionalisiert das Böse als Antrieb einer Dynamik, die auf lange Sicht zum Guten führen, ja es überhaupt erst freisetzen soll: moralphilosophisch durch das warnende Beispiel und die erfolgreiche Überwindung des Lasters, wirtschaftsphilosophisch durch das Ausleben und das anschließende Aufgehen egoistischer Einzelinteressen im Gemeinwohl, geschichtsphilosophisch durch die notwendige Entbindung des Negativen und seine subtile, den historischen Akteuren unbewusste Wiedereingliederung in den Selbstfindungsprozess des Geistes durch die List der Vernunft. Hier – am Beispiel Hegels – und nirgends sonst nimmt Dalferth den Begriff auf, der vor dem Hintergrund der Problemgeschichte als die entscheidende theoretische Vorgabe einer religionsphilosophischen Studie über das Böse zu erwarten gewesen wäre: den Begriff der Theodizee.
Dalferth verzichtet auf den Begriff fast völlig, und das hat Gründe. Mit fortschreitender Lektüre entpuppt sich der vorliegende Essay über das Böse als eine Anti-Theodizee. Dalferth will die Reihe der Versuche in der Theodizee, also der Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel in der Welt, nicht nur nicht fortsetzen, sondern verwirft sie – Vorbehalte Kants variierend – als vorgreifende Verfehlungen eines Phänomenbestandes, der eben gerade dadurch ausgezeichnet sei, durch nichts und niemanden gerechtfertigt zu sein. Das Böse, so das Argument, ist das schlechthin Ungerechtfertigte, das ganz und gar Unverständliche, Sinnwidrige. Weil sie in einem elementaren Verständnis unlösbar ist, darf die Frage nach dem Bösen nicht durch Scheinlösungen beschwichtigt, sondern muss als ein hartnäckiges Problem verstanden werden, als eine Frage, von der gesagt werden muss, dass sie auch nach der Rationalisierung durch Wissenschaft und Politik in einem nachdrücklichen Verständnis des Wortes „bleibt”.
Dass im Horizont solchen Insistierens die „Ästhetik des Bösen” und ähnliche Themenfindungen gar nicht erst in den Blick kommen, ist nur folgerichtig. Angesichts der Ungeheuerlichkeit des wahrhaft Bösen kann es sich nur um Zeugnisse traditionsvergessenen Übermuts handeln, um Sperenzchen. Für Dalferth bezeugen solche Unternehmungen den „Verlust der kosmologischen, theologischen und anthropologischen Orientierungsintegrale der Vergangenheit”. Mit Bekenntnissen wie diesem gibt Dalferth die lange durchgehaltene Gratwanderung zwischen Philosophie und Theologie schließlich auf, um das Böse als den letzten und tiefsten Grund all der Übel zu präparieren, die Menschen ertragen müssen. So gipfelt sein Essay in der Ontologisierung des Bösen und baut es als substantielle Größe auf, als Hypostase.
Die Konsequenzen der, wie Dalferth einräumt, durchaus unzeitgemäßen Singularisierung des Bösen reichen weit. In keiner Weise etwa darf das Böse, wie heutzutage Kulturwissenschaftler einander nachsprechen, als „Konstrukt” gesehen werden. Das Böse, setzt Dalferth solchen Leichtfertigkeiten schroff und unmissverständlich entgegen, ist wirklich. „Es ist nicht böse, weil es so beurteilt wird, so dass das Urteil es erst böse machte, sondern es wird zu Recht so beurteilt, weil es böse ist, also so erfahren werden müsste, wie es beurteilt wird, wenn es erfahren würde, wie es ist.” Das ist kunstvoll und tiefsinnig gesagt, in der entscheidenden Wendung aber aphilosophisch, weil rein theologisch gedacht. Dem philosophischen Begreifen des Bösen sind solche Rückversicherungen versagt, und es müsste beides hinter sich lassen – den fröhlich plappernden Postmodernismus der Konstrukte ebenso wie den modernitätskritischen Archaismus der Hypostasen. RALF KONERSMANN
INGOLF U. DALFERTH: Das Böse. Essay über die kulturelle Denkform des Unbegreiflichen. Mohr Siebeck Verlag, Tübingen 2006. 215 Seiten, 24 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Ingolf U. Dalferths Essay über das Böse hat bei Rezensent Ralf Konersmann großen Eindruck hinterlassen. Er lobt den Ansatz des Theologen und Religionsphilosophen, dieses komplexe Phänomen mittels einer ideengeschichtlich reflektierten Phänomenologie zu beschreiben und als "wirklich" und nicht als "Konstrukt" anzusehen. Besonders instruktiv findet er Dalferths kritische Darstellung der Verharmlosungsgeschichte des Bösen, die die "Entbösung des Bösen" betreibe. Zurückhaltend betrachtet er demgegenüber die Ontologisierung und Hypostasierung des Bösen, die Dalferth vornehme. Zwar würdigt der Rezensent die entscheidenden Passagen als "kunstvoll und tiefsinnig gesagt". Aber sie scheinen ihm am Ende doch "aphilosophisch", weil "rein theologisch" gedacht. So hebt er abschließend hervor, dass ein philosophischer Begriff des Bösen sowohl den "Postmodernismus der Konstrukte" als auch Dalferths Weg eines "modernitätskritischen Archaismus der Hypostasen" hinter sich lassen müsste.

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