Die Gesellschaft des Zorns - Koppetsch, Cornelia
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Was noch in den 1990er Jahren undenkbar war, ist mittlerweile Alltag: Ganze Bevölkerungsgruppen verlassen den Boden der gemeinsamen Wirklichkeit, kehren etablierten politischen Narrativen zornig den Rücken oder bestreiten gar die Gültigkeit wissenschaftlichen Wissens. Der Aufstieg des Rechtspopulismus markiert nach Dekaden der Konsenskultur eine erneute Politisierung der Gesellschaft. Gängige Erklärungen für die Entstehung des Rechtspopulismus ziehen die Ereignisse der Fluchtmigration von 2015 oder vorgebliche Persönlichkeitsdefizite seiner Anhänger als Ursachen heran. Cornelia Koppetsch…mehr

Produktbeschreibung
Was noch in den 1990er Jahren undenkbar war, ist mittlerweile Alltag: Ganze Bevölkerungsgruppen verlassen den Boden der gemeinsamen Wirklichkeit, kehren etablierten politischen Narrativen zornig den Rücken oder bestreiten gar die Gültigkeit wissenschaftlichen Wissens. Der Aufstieg des Rechtspopulismus markiert nach Dekaden der Konsenskultur eine erneute Politisierung der Gesellschaft.
Gängige Erklärungen für die Entstehung des Rechtspopulismus ziehen die Ereignisse der Fluchtmigration von 2015 oder vorgebliche Persönlichkeitsdefizite seiner Anhänger als Ursachen heran. Cornelia Koppetsch dagegen sieht die Gründe in dem bislang unbewältigten Epochenbruch der Globalisierung. Wirtschaftliche, politische oder kulturelle Grenzöffnungen werden als Kontrollverlust erlebt und wecken bisweilen ein unrealistisches Verlangen nach der Wiederherstellung der alten nationalgesellschaftlichen Ordnung. Konservative Wirtschafts- und Kultureliten sowie Gruppen aus Mittel- und Unterschicht, die auf unterschiedliche Weise durch Globalisierung deklassiert werden, bilden dabei eine klassenübergreifende Protestbewegung gegen die globale Öffnung der Gesellschaft.
  • Produktdetails
  • X-Texte zu Kultur und Gesellschaft
  • Verlag: Transcript
  • Seitenzahl: 288
  • Erscheinungstermin: Mai 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 226mm x 149mm x 25mm
  • Gewicht: 438g
  • ISBN-13: 9783837648386
  • ISBN-10: 3837648389
  • Artikelnr.: 55275123
Autorenporträt
Cornelia Koppetsch, geb. 1967, ist seit 2009 Professorin für Soziologie an der TU Darmstadt. Sie studierte Soziologie, Psychologie und Philosophie und promovierte in Soziologie bei Martin Kohli und Wolf Lepenies am Graduiertenkolleg »Gesellschaftsvergleich« der Freien Universität Berlin. Weitere wissenschaftliche Stationen waren die University of Chicago, die Universität Jena und die HU Berlin. Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Sozialen Ungleichheiten, der Geschlechterverhältnisse in Paarbeziehungen, der Biografieforschung sowie des Aufstiegs der neuen Rechtsparteien.
Rezensionen
Besprechung von 08.06.2019
Die Dimension der Provokation
Veränderungen in der Tiefenstruktur von Gesellschaften: Cornelia Koppetsch erklärt Rechtspopulismus überzeugend

Cornelia Koppetschs "Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter" ist ein großer Wurf - und zwar deshalb, weil das Buch, anders als die meisten anderen der mittlerweile schwer zu überblickenden Beiträge zum Thema, der Dimension der populistischen Provokation gerecht wird. Gerecht werden heißt einerseits, den Aufstieg des Populismus nicht nur als Schluckauf des Systems, sondern als Zeichen eines "aktuellen epochalen Umbruchs" zu verstehen, als "Konterrevolution gegen Globalisierungs- und Transnationalisierungsprozesse", sprich als Reaktion auf fundamentalen gesellschaftlichen Wandel. Und es heißt andererseits, ihn somit auch als umfassende gesellschaftstheoretische Herausforderung anzunehmen.

Bei Koppetsch ist also der Populismus Anlass für Gesellschaftsdiagnose, und es kommt daher das große soziologische Besteck zum Einsatz: viel Bourdieu und sein Konzept des sozialen Kapitals, viel Elias und seine Theorie des Zivilisierungsprozesses, dazu alles Mögliche, was sonst noch in der Soziologie Rang und Namen hat. Auf den Leser wartet damit ein Text mit ausgesprochen hoher Begriffs- und Konzeptverdichtung und mit weit ausholenden Erklärungen. Da bekommt man auch noch einmal den Übergang von der feudalen zur moderne Gesellschaft nacherzählt und lernt in einem Buch über den Rechtspopulismus nebenbei etwas über die unter dem Begriff "viktorianischer Lebensstil" firmierende Affektmodellierung des britischen Establishments des neunzehnten Jahrhunderts.

Dieses Panorama muss aber eben als angemessene Reaktion auf ein Phänomen verstanden werden, das bedeutend mehr ist als nur der Aufstieg eines neuen Parteientypus in den Parteiensystemen des Westens. Populismus wird von Koppetsch verstanden als Protest gegen materielle und immaterielle Statusverluste, die von jenen Veränderungen in der Tiefenstruktur von Gesellschaften ausgelöst werden, die sich unter dem Oberbegriff Globalisierung oder Transnationalisierung fassen lassen.

Darunter fällt die Spaltung der Mittelklasse in eine mobile, profitierende, und in eine immobile, verlierende Fraktion; darunter fällt der Aufstieg eines neuen Dienstleistungsproletariats, dessen Lohnniveau auch wegen der Migration stagniert; es gehört die Internationalisierung der Lohnkonkurrenz dazu, weil der westliche Kapitalismus sich nun darauf verlegt hat, Firmen zu exportieren und Arbeiter zu importieren; und es gehört als Reaktion die Anrufung des Nationalen dazu bei denjenigen, die durch solche Prozesse unter die Räder geraten oder fürchten, dass ihnen das bevorsteht.

Bei Koppetsch gehört schließlich der in der einschlägigen Literatur eher selten zu findende Hinweis dazu, dass angesichts dieser umfassenden Transformationsprozesse die Anrufung des Protektionistischen und Kompensierenden und Restriktiven des nationalen Wohlfahrtsstaats alles andere als irrational oder unverständlich oder auch nur im Kern unethisch sei.

Diese miteinander verknüpften Ursachen an der neuen Spaltungslinie national/international zu verorten ist nicht vollständig neu. Die Autorin ist nicht die erste und einzige, die ihn postuliert. Aber wie das in seinen Konsequenzen bis in die kleinsten gesellschaftlichen Nischen ausgeleuchtet und hoch plausibel rekonstruiert wird, ist einzigartig. Koppetschs Erklärung gibt dabei eine überzeugende Antwort auf die schwierige sozio-ökonomische Identifizierbarkeit der populistischen Wählerschichten, indem sie die durch je eigene Statusverletzungen motivierten populistischen Koalitionen nachzeichnet, die sich aus Unterschicht, alter Mittelschicht und konservativen Milieus formen. Und sie argumentiert überzeugend gegen eine falsche Entgegensetzung von kulturellen gegen ökonomische Erklärungsansätze, indem sie beide Aspekte und deren Wechselwirkung betont und damit ebenfalls gängige Debattenlagen hinter sich lässt. Ohne dass ihre Diagnose in diesem Buch, soweit ersichtlich, auf eigener, spezifischer Forschung basiert, ist doch eine solche Deutung, zumindest für den deutschen Fall, mittlerweile recht breit empirisch abgesichert.

Aus Rezensentensicht ist der große Wurf vielleicht mit drei Problemen verbunden: mit der Überplausibilisierung der eigenen Interpretation, mit einem Mangel an systematischer komparativer Perspektive und mit einem nicht immer gelungenen Theorieimport. Was das Erstere anbetrifft, so impliziert der große Wurf das große Bild, das manchmal aber nur zum soziologischen Wimmelbild wird: das Verschwinden der Körperbehaarung aus der Öffentlichkeit, die Renaissance von Abi-Feiern, Mesut Özil, die Bankenrettung, der Manufactum-Katalog und die emotionale Grammatik spätmoderner Konsummuster, China, die Anhebung von Freibadgebühren, das Internet, das Städtemarketing und das New Public Management - man fragt sich bisweilen, welche Beobachtung eigentlich nicht ins Panorama gepasst hätte.

Damit im Zusammenhang steht das Fehlen einer systematisch angelegten komparativen Perspektive: Vieles ist vor dem Hintergrund des deutschen Falls hoch plausibel, Beispiele von außerhalb werden dort anekdotisch zugespielt, wo sie passen. Schließlich ist es unumgänglich, dass sich ein so großer, synthetisierender Entwurf vielfältiger Theorieimporte bedient. Die fallen jedoch bisweilen eklektisch und nicht immer überzeugend aus: Wendy Browns Geraune als Beleg dafür, dass Mauern grundsätzlich nie funktionieren (wirklich?), der Marxismus der siebziger Jahre eines Immanuel Wallerstein als Beleg dafür, dass die Arbeiterklasse des Westens heutzutage nur ihre "postkoloniale Dividende" verteidigen würde (ernsthaft?), Peter Sloterdijk als Referenz für eine Theorie der neuen "Zornunternehmer" und dann noch ein wenig Nietzsche fürs Ressentiment.

Der generelle Befund bleibt aber davon im Wesentlichen unberührt. Wenn eine der Schlussfolgerungen der Autorin nach acht inhaltlich dichten, theoretisch intensiven Kapiteln lautet, dass man dem Rechtspopulismus politisch nicht einfach nur mit "Aufklärung" wird begegnen können, so hält doch dieses Buch für jeden Interessierten eine geballte Ladung soziologischer Aufklärung zum Phänomen bereit.

PHILIP MANOW

Cornelia Koppetsch: "Die Gesellschaft des Zorns". Rechtspopulismus im globalen Zeitalter.

transcript Verlag, Bielefeld 2019. 282 S., br., 19,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 03.07.2019
Querfronten
der Verlierer
Cornelia Koppetsch und Carlo Strenger
über Rechtspopulismus und liberale Eliten
VON GUSTAV SEIBT
Dass der Aufstieg des Rechtspopulismus etwas mit der Globalisierung zu tun hat, ist kein neuer Gedanke. Am griffigsten hat ihn 2017 David Goodhart formuliert, als er die Unterscheidung von „Anywheres“ und „Somewheres“ einführte, die Differenz zwischen denen, deren Arbeits- und Kommunikationsfeld die ganze Welt ist, und den anderen, die auf vertraute Umgebungen, einen funktionierenden Nationalstaat mit Sozial- und Sicherheitsleistungen angewiesen sind.
Die „Anywheres“ sind vielsprachige Kosmopoliten, die ihren Laptop überall aufschlagen können, die als Kreative Vielfalt schätzen, Probleme weder mit migrantischen Kulturen noch mit neuen Geschlechterverhältnissen haben. Die Gegenseite erscheint dabei oft zurückgeblieben, ängstlich und undynamisch; es seien „Abgehängte“, meist einheimische, also weiße Männer aus sterbenden Industrien. Sie sind die Überlebenden des Entindustrialisierungsschubs seit den Siebzigerjahren. Das sei die Kundschaft der neuen Rechtsparteien, der Brexit-Bewegung, von Donald Trump.
Dass dieses Bild nicht vollständig ist, fällt allerdings auch schon länger auf: Parteien wie die AfD, der Front National oder die italienische Lega sind voll mit Bildungsbürgern, kleinem Mittelstand, auch Wohlhabende fehlen nicht. Die Sache ist also komplizierter. Die Darmstädter Soziologin Cornelia Koppetsch publiziert nun den in deutscher Sprache bisher ambitioniertesten Versuch, den Rechtspopulismus mit einer Gegenwartsdiagnose zu verbinden. Das Buch ist sehr hilfreich, selbst wenn man nicht jede einzelne Beobachtung schlüssig findet (die meisten sind es). Es bietet seinen Lesern präzise Kriterien, ihren eigenen Ort in dem großen Bild zu suchen. Damit leistet Koppetsch einen unschätzbaren Beitrag zur Öffnung des Gesprächs. Koppetsch wirkt oft unparteilich bis zur Kälte; den die Atmosphäre vergiftenden Moralismus vermeidet sie nach Kräften, und das gibt am Ende auch ihren Beobachtungen zu der Entzivilisierung, die mit dem Rechtspopulismus einhergeht, gehörige Wucht.
Auch Koppetsch versteht den Rechtspopulismus als Antwort auf die nicht bewältigte Globalisierung. Er sei eine Protestbewegung, vergleichbar dem linken Protest von 1968. Vergleichbar heißt hier auch charakteristisch anders: Linke Protestbewegungen kämen aus aufsteigenden, im Aufstieg blockierten Gruppen, die Anhänger rechter Protestbewegungen überwiegend aus sozial absteigenden Gruppen. Die einen drängen auf Öffnung, die anderen auf Schließung. „Öffnung“ ist ein Prozess nach innen wie nach außen. Die Öffnung zu neuen Lebensformen, Geschlechterrollen, für Eingewanderte, geht spätestens seit 1989 einher mit der Öffnung von Grenzen für Warenströme, internationale Arbeitsteilung, einen globalen Wirtschaftsraum.
Die kulturell liberale Linke mag noch so oft den „Neoliberalismus“ verdammen, strukturell ist sie mit ihm verbündet, das ist eine der erfrischend unwillkommenen Nachrichten von Koppetsch. Leistungsbereite, berufstätige Frauen der westlichen Wohlstandszonen etwa verlassen sich gern auf migrantische weibliche Haushaltskräfte, die aus dem globalen Prekariat stammen. Den Zusammenhang von linkem Protest und sozialer Entformalisierung mit den Bedürfnissen einer konsumistischen Wirtschaft hatte übrigens Panajotis Kondylis schon kurz nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation ausbuchstabiert.
Koppetschs wichtigste Feststellungen betreffen zwei Grundtatsachen. Der soziale Raum, in dem die neuen Kämpfe stattfinden, reicht über die Container der Nationalstaaten, in denen sich die Industriemoderne abspielte, hinaus; es geht um einen globalen Klassenkampf. Längst gibt es ein globales Unten, ein weltweites Dienstleistungsprekariat. Und zweitens handelt es sich bei diesem Konflikt immer auch um Kulturkämpfe. Beides zusammen konstituiert neue Fronten und begünstigt unerwartete Koalitionen. Es geht weniger als oft geglaubt um materielle Deklassierung, viel mehr um kulturelle Verlusterfahrungen. So wird das auch humanistische, oft national kodierte hochkulturelle Bildungswissen in der global verflüssigten, digital vernetzten Aufmerksamkeitsökonomie radikal entwertet. Ein Kanon versinkt, ein neuer ist nicht in Sicht, dafür aber tausend Trends. Nicht nur industrielles Kapital wird verschrottet, sondern auch kulturelles. (Dass Koppetsch starke Anleihen bei Pierre Bourdieu macht, ist konsequent.)
Dabei entstehen neue Bündnisse, die sich kaum auf gemeinsame Klassenlagen zurückführen können, von entmachteten Eliten, enttäuschten Familienvätern, altmodischen Gebildeten, Ostdeutschen mit entwerteten Biografien beispielsweise. Die Beschreibung der Vielfalt rechtspopulistischer Motive ist Koppetschs wichtigste Leistung; pauschale moralische Verdammungen fallen danach deutlich schwerer. Umgekehrt ist ihre Schilderung der Gegenseite ziemlich unnachsichtig. Hier lohnt ein längeres Zitat zu den neuen Eliten, auch als Stilprobe: „Das postindustrielle Bürgertum kultiviert entgegen seiner vor sich hergetragenen Nonchalance ein Maximum an zivilisatorischer Selbstbindung. Dabei hat es entgegen dem von ihm selbst gepflegten Selbstbild, sozial inklusiv zu sein, ein historisch nahezu unübertroffenes Niveau an Exklusivität erlangt. Lebenslanges Lernen, der Konsum schier unerschöpflicher Mengen von Wissens- und Kulturgütern, Kodeverfeinerungen und die permanente Optimierung aller Lebensvollzüge ist der Preis, den die Privilegierten für ihre Zugehörigkeit zu entrichten haben. Weniger begünstigte Milieus, die vor dem Hintergrund dieser avancierten Standards als weniger kultiviert, weniger gesundheitsbewusst und weniger selbstdiszipliniert erscheinen, werden von den Mitgliedern des postindustriellen Bürgertums intuitiv aussortiert und wirkungsvoll daran gehindert, in die Machtzentren aufzuschließen.“
Mit einem breiten Bataillon von Begriffen beackert Koppetsch ihr Feld. Auf die beunruhigenden globalen Öffnungen antworten diejenigen, die nicht mitkommen wollen, mit Tribalisierung, also Stammesbildung in Ressentimentgemeinschaften (Koppetsch spricht von „Neogemeinschaften“, um deren Künstlichkeit zu konturieren), mit einem nichtinklusiven Heimatbegriff, mit alternativen Wahrheiten und geschlossenen Kommunikationskreisen.
Koppetsch nennt ihr eigenes Verfahren „theoriegeleitete Empathie“. Vielleicht ist darum ihre Diagnose vom Klassencharakter des so locker daherkommenden Weltbürgertums so unnachsichtig, denn sie schreibt ja selbst als ein Mitglied dieser Schicht, zu der natürlich auch die international vernetzte Wissenschaft gehört.
Diese globale Klasse sei, so Koppetschs brisanteste These, durch seine reale Exklusivität mitschuldig an Prozessen der Entzivilisierung, die derzeit viele so erschrecken. Dabei wird Norbert Elias ihr zweiter Hauptgewährsmann. Zivilisierung, so hatte es Elias beschrieben, ist ein Prozess von oben nach unten. Die höchsten Klassen vermitteln ihre Verfeinerungen an die nachrückenden, aufstiegswilligen unteren Klassen. Die damit einhergehenden Selbstzwänge und Affekthemmungen werden wirksam, solange sie belohnt werden. Dieser Zusammenhang sei heute zerrissen. Auf der einen Seite steht eine Kultur von Selbstoptimierung, Leistungsbereitschaft, Achtsamkeit, wählerischem Konsum, Arbeit als Selbstverwirklichung; auf der anderen erscheint all das als leeres Versprechen und hohle Lüge. Enthemmter Zorn kann ganz nüchtern als zurückgedrehte Zivilisierung begriffen werden.
Auf dieser anderen Seite stehen nicht nur die wenig gebildeten Prekären, sondern beispielsweise auch „Gelehrte, die den Anschluss an die Strukturen der Bologna-Universitäten wie auch an die globalen Aufmerksamkeitsökonomien verloren haben“. Mit solchen Passagen lädt Koppetsch jeden Leser zur Selbstprüfung ein: Wo stehe ich in solchen Gewinn- und Verlustkurven? Gerade für intellektuelle Berufe ist das Bild kaum weniger zwiespältig als überall sonst. Klassische Printjournalisten etwa sind wohl eher Verlierer als Gewinner im neuen digitalisierten Weltzustand.
Eine anschauliche Ergänzung zu solchen Diagnosen bietet Carlo Strengers kleine Brandschrift über die „verdammten liberalen Eliten“. Strenger, der als Psychoanalytiker arbeitet, zeigt an typisierten Fällen, unter wie viel Stress die weltläufige Oberschicht steht. Sie ist selbst ein „Stamm“, wenn auch ein großer – Strenger schätzt sie für die entwickelten Gesellschaften auf zwanzig bis dreißig Prozent der Bevölkerung, insgesamt auf zweihundert bis dreihundert Millionen Menschen. Möglich wurde ihre Vernetzung durch die neuen Kommunikationstechnologien; auch hier wird die Kontur einer transnationalen, nicht mehr in Schichten, sondern in Punkten und Flicken darstellbaren Klassengesellschaft sichtbar, die die weniger Globalisierten so beunruhigt.
Strengers Essay mündet in einen flammenden Appell an die Eliten, zu denen der Autor sich selbst zählt. Sein Rezept lautet umfassende Bildung. Man solle die Populisten angreifen, ohne ihre Wähler herunterzuputzen. Der Aufruf zur Bildung ist immer gut; allerdings müsste er mit einer schonungslosen Bestandsaufnahme heutiger Bildungsinstitutionen einhergehen, der freudlosen Bologna-Universität ebenso wie der in Empfindlichkeitskämpfen verstrickten Elite-Universitäten. Sehr begeisternd ist nicht, was sich gerade in den akademischen Institutionen der entwickelten Länder abspielt.
Bildend ist Koppetschs Buch, und zwar für das Publikum, das so etwas zu lesen vermag und dem auch ihr nüchterner Scharfblick gilt. Der Ärger, den es absehbar bei vielen auslösen wird, ist sehr befreiend.
Cornelia Koppetsch: Die Gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter. Transcript Verlag, Bielefeld 2019. 284 Seiten, 19,99 Euro.
Carlo Strenger: Diese verdammten liberalen Eliten. Wer sie sind und warum wir sie brauchen. Suhrkamp Verlag. Berlin 2019. 171 Seiten, 16 Euro.
Längst gibt es ein globales
Unten, ein weltweites
Dienstleistungsprekariat
Enthemmter Zorn kann nüchtern
als zurückgedrehte Zivilisierung
begriffen werden
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"Was ihr Buch über die stringent explizierten Thesen und Argumentationsketten hinaus lesenswert macht, ist die Kontrastierung ihrer Erklärungsversuche des grassierenden Rechtspopulismus mit einem anderen epochalen Wandlungsprozess: der 68er-Bewegung. Die Gegenüberstellung macht sichtbar, wie der fortwährende Wandel, die Permanenz der Modernisierung Menschen auch verstören kann, weil ihre Werte marginalisiert und sie heimatlos gemacht werden." Frauke Hamann, Soziopolis, 15.08.2019 O-Ton: "Wer sind eigentlich die Eliten, die gegenwärtig so viel Zorn auf sich ziehen?" - Cornelia Koppetsch im Interview bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 07.08.2019. "Die Soziologin Cornelia Koppetsch hat [...] ein brillantes, theoriegesättigtes Buch vorgelegt, das aufzeigt, wie unser politisches, gesellschaftliches, wirtschaftliches System in seinen Institutionen, Hierarchien und Ritualen dem Ende entgegengeht." Michael Knoll, www.intellecture.de, 30.07.2019 "Ein anregendes Buch." Floris Biskamp, 22.07.2019 "Sehr gelungen." Jens Balzer, Deutschlandfunk - Lesart, 18.07.2019 "[The book] is refreshing clear-sighted and evoid of speechifying patronizing undertones. It faces its subject on equal footing." The German Times, 7 (2019) "Ganz sicher ist, dass Cornelia Koppetschs [...] Buch eine der soziologisch fundiertesten, erhellendsten und daher beachtenswertesten Untersuchungen zu dem virulenten Thema Rechtspopulismus ist." www.christa-tamara-kaul.de, 6 (2019) "Kaum jemand hat die Lebenslügen der Kosmopoliten in jüngster Zeit radikaler und lustvoller aufgespießt als Cornelia Koppetsch." Hans Monath, Der Tagesspiegel, 11.07.2019 O-Ton: "Gefühle des Scheiterns geben Rechtspopulisten Auftrieb" - Cornelia Koppetsch im Gespräch bei SWR2 am 09.07.2019. "An dem Text kann man sich reiben, und man muss ihm sicher nicht in jedem Detail zustimmen. Auf jeden Fall regt er dazu an, anders als in den üblichen Diskussionen im Freundes- oder Bekanntenkreis über das Phänomen Rechtspopulismus zu sinnieren und rationales Denken an die Stelle von Dämonisierung zu setzen." 10.07.2019 O-Ton: "Wer wählt AfD - und warum?" - Cornelia Koppetsch im Interview bei Deutschlandfunk - Tacheles am 06.07.2019. O-Ton: "Warum Rechtspopulisten so erfolgreich sind" - Cornelia Koppetsch im Interview bei Deutschlandfunk Kultur am 03.07.2019. "Bildend ist Koppetschs Buch, und zwar für das Publikum, das so etwas zu lesen vermag und dem auch ihr nüchterner Scharfblick gilt. Der Ärger, den es absehbar bei vielen auslösen wird, ist sehr befreiend." "Ist Cornelia Koppetsch eine Rechtspopulisten-Versteherin? Keineswegs, sondern eine Soziologin, die ihr Handwerk kann." Edith Kresta, taz, 22.06.2019 "Ein großer Wurf - und zwar deshalb, weil das Buch [...] der Dimension der populistischen Provokation gerecht wird." Philip Manow, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.06.2019 O-Ton: "Wir sind aus der politischen Lethargie erwacht" - Cornelia Koppetsch im Interview beim Deutschlandfunk am 10.06.2019. O-Ton: "Leben wir in einer 'Gesellschaft des Zorn"? - Cornelia Koppetsch im interview bei WDR 5 Scala am 05.06.2019. "Das derzeit wohl anregendste Buch zum politischen und gesellschaftlichen Umbruch." Adam Soboczynski, DIE ZEIT, 23 (2019) O-Ton: "Den Streit mit den Rechtspopulisten muss man aushalten" - Cornelia Koppetsch im Interview bei der Neuen Zürcher Zeitung am 17.05.2019. O-Ton: "Die Liberalen, die den Ton angeben, erteilen Denkverbote" - Cornelia Koppetsch im Interview beim SPIEGEL am 10.05.2019. Besprochen in: WDR Cosmo, 22.05.2019 www.faz.net, 09.06.2019, Rainer Frank Perlentaucher Bücherbrief, 09.06.2019 www.links-lesen.de, 6 (2019) Gunther Hartwig, Südwest Presse 28.06.2019 www.lehrerbibliothek.de, 09.07.2019, Dieter Bach www.bnr.de, 05.07.2019, Armin Pfahl-Traughber Deutschlandfunk Kultur, 18.07.2019, Ingeborg Breuer www.arminwolf.at, 20.07.2019, Armin Wolf ttt - titel, thesen, temperamente, 28.07.2019 26.07.19 Christian Modehn www.intellecture.de, 30.07.2019, Michael…mehr