Wer wir waren, 1 Audio-CD - Willemsen, Roger

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Roger Willemsens letztes Buch sollte "Wer wir waren" heißen. Es sollte die Versäumnisse der Gegenwart aus der Perspektive derjenigen erzählen, die nach uns leben werden. Dieses Buch werden wir nie lesen können. Umso stärker wirkt eine Rede, die Roger Willemsen noch im Juli 2015 gehalten hat: Sie ist nicht nur das melancholische Resümee und die scharfe Analyse eines außergewöhnlichen Zeitgenossen, sondern zugleich das leidenschaftliche Plädoyer für eine "Abspaltung aus der Rasanz der Zeit". Sie ist ein Aufruf an die nächste Generation, sich nicht einverstanden zu erklären. Roger Willemsen hat…mehr

Produktbeschreibung
Roger Willemsens letztes Buch sollte "Wer wir waren" heißen. Es sollte die Versäumnisse der Gegenwart aus der Perspektive derjenigen erzählen, die nach uns leben werden. Dieses Buch werden wir nie lesen können. Umso stärker wirkt eine Rede, die Roger Willemsen noch im Juli 2015 gehalten hat: Sie ist nicht nur das melancholische Resümee und die scharfe Analyse eines außergewöhnlichen Zeitgenossen, sondern zugleich das leidenschaftliche Plädoyer für eine "Abspaltung aus der Rasanz der Zeit". Sie ist ein Aufruf an die nächste Generation, sich nicht einverstanden zu erklären.
Roger Willemsen hat diese Rede am 24. Juli 2015 gehalten. Es war sein letzter öffentlicher Auftritt.

"Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten." Roger Willemsen
  • Produktdetails
  • Verlag: Roof Music
  • Anzahl: 1 Audio CD
  • Gesamtlaufzeit: 70 Min.
  • Erscheinungstermin: 27. Dezember 2016
  • ISBN-13: 9783864844409
  • Artikelnr.: 46907868
Autorenporträt
Willemsen, Roger
Roger Willemsen veröffentlichte sein erstes Buch 1984 und arbeitete danach als Dozent, Übersetzer und Korrespondent aus London, ab 1991 auch als Moderator, Regisseur und Produzent fürs Fernsehen. Er erhielt u. a. den Bayerischen Fernsehpreis und den Adolf-Grimme-Preis in Gold, für seine Bücher den Rinke- und den Julius-Campe-Preis, zuletzt den Prix Pantheon-Sonderpreis. Sein Werk 'Der Knacks' wurde von Jan Müller-Wieland vertont, sein Film über den Pianisten Michel Petrucciani in vielen Ländern gezeigt. Willemsen ist Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins und Honorarprofessor für Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin. Seine Bestseller 'Deutschlandreise', 'Gute Tage', 'Afghanische Reise', 'Kleine Lichter','Der Knacks', 'Bangkok Noir', 'Die Enden der Welt' und 'Momentum' erschienen im S. Fischer Verlag und im Fischer Taschenbuch Verlag. Sie wurden in viele Sprachen übersetzt.

Brückner, Christian
Christian Brückner, geboren 1943 in Schlesien, wuchs in Köln auf. Engagements am Theater, kontinuierliche Arbeit für Funk und Fernsehen. 1990 erhielt er den Grimme Preis Spezial in Gold. Schwerpunkt seiner Arbeit heute: öffentliche Literaturlesungen, oft eingebunden in einen musikalischen Zusammenhang. 2000 Gründung des Hörbuchverlags parlando mit seiner Frau Waltraut. 2005 Auszeichnung des gesamten Programms mit dem Deutschen Hörbuchpreis. 2012 wurde Christian Brückner der Sonderpreis für sein Lebenswerk verliehen, 2017 erhielt er den Ehrenpreis der Deutschen Schallplattenkritik.
Trackliste
CD
1Wer wir waren00:04:24
2Die Welt altert in Schüben00:03:55
3Wo Zeitungen und Fernsehprogramme00:05:14
4Wir können diese Vorstellungen00:04:36
5Machen wir von hier einen Sprunge00:05:41
6Halten wir kurz inne00:04:34
7Nach seiner Rückkehr00:03:39
8Gemessen am Pathos00:03:07
9Zu keiner Zeit00:04:13
10Neu ist vielleicht nicht00:03:47
11Gewiss, so sprechen00:04:48
12Wir kamen aus einer Zeit00:05:00
13Zuerst fühlen die Menschen00:04:21
14Auf unsere Zeit übertragen00:03:50
15Unser Beitrag zu dieser Geschichte00:04:03
16Wir waren die00:02:41
17Doch nicht damit will ich enden00:03:42
Rezensionen
Besprechung von 06.12.2016
Leben als Filialexistenz
Roger Willemsens letzte Rede "Wer wir waren"

"Im Grunde ist alles Leben ein Prozess des Niedergangs", schreibt F. Scott Fitzgerald in seinem autobiographischen Essay "The Crack-Up" (Der Knacks), erschienen im Jahr 1936. Knapp fünfzig Jahre später erschien im Merve Verlag eine deutsche Übersetzung zusammen mit einem Aufsatz von Gilles Deleuze ("Porzellan und Vulkan"). Roger Willemsen war zu dieser Zeit Assistent am Institut für Deutsche Philologie der Universität München und ein angehender Star seiner Zunft, umschwärmt, bewundert, sprühend vor Gelehrsamkeit. Den Merve-Band empfahl er hemmungslos, weil er vom "Knacks" so beeindruckt war.

Im Februar dieses Jahres ist Willemsen, gerade einmal sechzig Jahre alt, gestorben. Seine Laufbahn hat ihn nicht auf einen Lehrstuhl geführt oder in die Gremiengeflechte von Academia, sondern zunächst nach London und von dort aus in den Journalismus. Er reüssierte von 1991 an beim gerade entstehenden Privatfernsehen mit dem Interview-Format "0137" bei Premiere, später mit "Willemsens Woche" im ZDF. Dann besann er sich wieder stärker auf das Buch, daneben war er Moderator, Dokumentarfilmer, Redner, Vortragender seiner thematisch weit gespannten Produktion, die ihn vom Jazz über Afghanistan und den Rest der Welt auch ein Jahr in den Bundestag als Beobachter der politischen Klasse führte. Ein intellektueller Tausendsassa, der zwischen E und U vermitteln konnte, ein Publikumsliebling, der manchem Kritiker wegen seines rhetorischen Übereifers missfiel.

Als er im Spätsommer letzten Jahres seine Krebserkrankung öffentlich machte und sich zurückzog, hatte er gerade die Arbeit an einem neuen Buch begonnen. Es sollte den Titel tragen "Wer wir waren" und aus der Zukunftsperspektive auf unsere Gegenwart als "Filialexistenzen" blicken. Um das Thema abzutasten, schrieb Willemsen einen Essay, den er zweimal vor Publikum vortrug. Als "sein Vermächtnis" ist diese kaum fünfzig kleine Druckseiten füllende "Zukunftsrede" nun veröffentlicht worden.

Willemsens Blick auf die Gegenwart ist gelinde gesagt elegisch, so wie jede gepflegte Kulturkritik aber bemüht, nicht völlig kulturpessimistisch daherzukommen. Doch schon auf der zweiten Seite sind wir an dem Punkt, an dem das Wort "Krise" fällt. Und mit ihm tritt auf der Homo sapiens als Erzeuger der "Krise der ganzen Welt": "Wenn man es genau bedenkt, dann ist vom Anfang aller Tage an alles immer schlechter geworden. Luft und Wasser sowieso, dann die Manieren, die politischen Persönlichkeiten, das Herrentennis und das Aroma der Tomaten." Da ist nicht nur die Anspielung auf Fitzgerald, da ist auch die Isolierschicht Ironie, die den Befund erträglich machen soll.

Dahinter verbirgt sich gehöriger Ernst. Mehr noch, die Sorge, dass wir uns zwar in der digital beschleunigten Welt die Zukunft als Versprechen auf ein bequemes, effizientes Dasein in der Hand der Maschinen durchaus vorstellen könnten, nicht aber unser kommendes Bewusstsein. Wir ahnen, schreibt Willemsen, "dass wir künftig weniger mitfühlend, weniger solidarisch, weniger sentimental sein werden". Deswegen verlegt er sich gleich auf das Futur II und fragt nicht, wer wir sind, sondern "wer wir gewesen sein werden". Wie soll dieser Befund optimistisch ausfallen, wenn wir "in der Kapitulation" leben, das Menschsein aufgegeben haben? Wenn wir uns von unserer Zeit haben niederringen lassen?

Die bislang prekärste Ausformung des Homo sapiens, den die Digitalzeit hervorgebracht hat, ist der "Second-Screen-Mensch", dem "der eine Bildschirm nicht mehr reicht, der ohne mehrere Parallelhandlungen die Welt nicht erträgt und im Blend der Informationen, Impulse und bildbegleitenden Affekte sich selbst eine Art behäbiger Mutterkonzern ist, unpraktisch konfiguriert und irgendwie fern und unerreichbar". Der Rest ist Selbstpreisgabe und -darstellung in den sozialen Medien sowie eine große Zertrümmerung der epischen Strukturen - womit nicht zuletzt das Ende des Romans gemeint ist. Und so landet der Autor am Ende bei seinem alten Helden Robert Musil, über dessen "Mann ohne Eigenschaften" er eine Dissertation schrieb und der maßgeblichen Einfluss auf Willemsens vergessenes Buch "Figuren der Willkür" (1991) ausübte.

Es steckt viel drin in diesem Brühwürfel, treffend Beobachtetes, Witziges, Skurriles, Theorieschnipsel - ob daraus am Ende ein stringentes Buch hätte werden können, lässt sich nur vermuten; das Skizzenhafte war stets ein Charakteristikum von Willemsens Art zu schreiben. Ob wir wirklich in der "letzten Epoche der Utopie" angekommen sind? Bei Fitzgerald heißt es in "Der Knacks", die wahre Prüfung einer erstklassigen Intelligenz sei die Fähigkeit, zwei gegensätzliche Ideen im Kopf zu behalten und trotzdem weiter zu funktionieren. Diese Aufgabe, wird man Roger Willemsen unterstellen dürfen, hat er seinen Lesern mit auf den Weg gegeben.

HANNES HINTERMEIER

Roger Willemsen: "Wer wir waren". Zukunftsrede.

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016. 60 S., geb., 12.- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 10.01.2017
Wenn der eine Bildschirm nicht mehr reicht
In seinem letzten Buch wollte Roger Willemsen seine Gegenwart aus der Perspektive der Zukunft betrachten – „Wer wir waren“
Von nahezu allem kann der Mensch der Gegenwart Auskunft geben, nur sich selbst kennt er wenig und gerade das Entscheidende nicht. Die Gegenwart weiß nicht, wo ihr Witz ist. Diesem wollte der Literaturwissenschaftler, Journalist und findige Autor Roger Willemsen nachspüren, indem er aus der Perspektive der Zukunft über das Heute und unsere Versäumnisse in ihm schrieb. „Wer wir waren“ sollte das Buch heißen, an dem er 2015 arbeitete, bis ihn die Krebsdiagnose traf. Am 7. Februar 2016 starb er, einer der neugierigsten, umtriebigsten Intellektuellen seiner Generation.
Das Buch ist nicht geschrieben worden; seine Gedanken, Intentionen und Motive erprobte Roger Willemsen in einer „Zukunftsrede“, die er 2015 zweimal hielt. Deren Text hat die Literaturkritikerin Insa Wilke nun aus dem Nachlass herausgegeben: einen suggestiven, klugen Versuch zur Rettung der Geistesgegenwart.
Dabei scheinen Willemsen Geist wie Gegenwart nicht selbstverständlich zu sein, gleichen wir doch „Geiseln der organisierten Abwesenheit“: „Sie sind alle nicht da, abgestoßen vom Hier, auf der Flucht, im Zwischenreich, auf dem Wege, zerstäubt, in einem dezentrierten Leben, das sich darunter oft phlegmatisch höhlt.“ Ist das neu? Gab es das nicht bereits, den Menschen, „der neugieriger auf die Uhr schaut als ins Gesicht der Ehefrau“? Auch die Verlockungen des Virtuellen, der Bildschirme, gibt es ja schon länger, wie Willemsen wusste, der Nachdenklichkeit im TV erfolgreich erprobt hat. Neu erschien ihm „eher jener Typus des ,Second-Screen-Menschen‘, dem der eine Bildschirm nicht mehr reicht, der ohne mehrere Parallelhandlungen die Welt nicht erträgt und im Blend der Informationen, Impulse und bildgeleiteten Affekte sich selbst eine Art behäbiger Mutterkonzern ist, unpraktisch konfiguriert und irgendwie fern und unerreichbar“.
Ja, diese „Zukunftsrede“ führt immer wieder in eine kulturkritische Litanei. Aber diese langweilt nicht und nervt nicht. Die Standardargumente gegen Kulturkritik sind ja inzwischen so leicht zur Hand, dass man misstrauisch wird angesichts der energischen Abwehr allen Spielverderbertums. Willemsen nutzt sie als rhetorische Sprungbretter. Wenn immer schon alles schlechter wurde, immer Krise war, Erwartungen regelmäßig enttäuscht wurden, Bilder des Unheils unsere Vorstellungskraft kontaminierten, wie wären dann unsere Bilder der Zukunft zu erklären? Willemsen stellt verschiedene nebeneinander, die Niedergangsprognosen, die Verheißungen von Frische, erschwindelte Versprechen, verkitschte Sehnsüchte, grassierende Erwartungslosigkeit.
Es wird schon alles so bleiben, wie es ist, nur schneller wird es werden. Rasanz und Flüchtigkeit bestimmen für Willemsen unser Gegenwartsverhältnis. Dieses will er analysieren, ohne Technologie zu verdammen oder in den Ton eines Erweckungspredigers zu fallen. Man liest diesen kulturkritischen Abriss der Gegenwart gern, weil er von intellektueller Neugier, wirklichem Erkenntnisinteresse statt Bescheidwissertum getragen ist. Was heißt Bewusstsein, wie entsteht ein Ich, was meint Gegenwart unter digitalisierten Verhältnissen? Roger Willemsen hat in dieser „Zukunftsrede“ formuliert, was geistesgegenwärtige Kulturkritik zu leisten hätte.
JENS BISKY
Roger Willemsen: Wer wir waren. Zukunftsrede. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2016. 64 Seiten, 12 Euro. E-Book 9,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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Scharf, kritisch, nichts beschönigend - und hinten raus dann doch subtil abgefedert mit heiterer Ironie.
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