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Die Terroranschläge im Januar und November 2015 haben Frankreich und Europa schwer erschüttert. Der renommierte Soziologe Gilles Kepel sucht in seinem Buch Erklärungen dafür, warum sich gerade in Frankreich eine neue gesellschaftliche Kluft aufgetan hat und die Lage derart eskalieren konnte. Die "Jugend" der postkolonialen Immigration ist dabei das zentrale Thema. In der fortgesetzten wirtschaftlichen, sozialen und politischen Ausgrenzung großer Teile der muslimischen Bevölkerung Frankreichs sieht Kepel den Nährboden für die Agitation junger Muslime durch radikale Islamisten, die mit Hilfe…mehr

Produktbeschreibung
Die Terroranschläge im Januar und November 2015 haben Frankreich und Europa schwer erschüttert. Der renommierte Soziologe Gilles Kepel sucht in seinem Buch Erklärungen dafür, warum sich gerade in Frankreich eine neue gesellschaftliche Kluft aufgetan hat und die Lage derart eskalieren konnte. Die "Jugend" der postkolonialen Immigration ist dabei das zentrale Thema.
In der fortgesetzten wirtschaftlichen, sozialen und politischen Ausgrenzung großer Teile der muslimischen Bevölkerung Frankreichs sieht Kepel den Nährboden für die Agitation junger Muslime durch radikale Islamisten, die mit Hilfe sozialer Medien eine neue Ideologie des dezentralisierten Dschihad und den vollkommenen Bruch mit dem "ungläubigen" Okzident propagieren. Zur gleichen Zeit verstärken die Wahlsiege des Front National und der Aufstieg der extremen Rechten die Polarisation der Gesellschaft, deren Fundamente heute in noch nie dagewesener Weise von denen bedroht sind, die mit Terror und Angst den Bürgerkrieg in Gang setzen wollen. Die Fäden dieses bedrohlichen Dramas, vor dem ganz Europa steht, zu entwirren, ist das Anliegen dieses Buches.
  • Produktdetails
  • Verlag: Verlag Antje Kunstmann
  • Seitenzahl: 301
  • Erscheinungstermin: 14. September 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 217mm x 144mm x 29mm
  • Gewicht: 478g
  • ISBN-13: 9783956141294
  • ISBN-10: 3956141296
  • Artikelnr.: 44918556
Autorenporträt
Kepel, Gilles
Gilles Kepel wurde am 30. Juni 1955 in Paris geboren und studierte Soziologie, Anglistik und Arabistik. Er gilt als einer der bedeutendsten Soziologen Frankreichs und renommierter Kenner der arabischen Welt sowie des politischen Islam und des radikalen Islamismus. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Professor am Institut d'Etudes Politiques de Paris. Antoine Jardin hat Politikwissenschaften studiert und promoviert. Er hat sich auf die politische Soziologie der »quartiers populaires« spezialisiert und forscht am CNRS (Centre National de la Recherche Scientifique).
Rezensionen
Besprechung von 15.10.2016
Was sich da alles zusammengebraut hat

Der zu spät erkannte Aufstieg des Terrors: Gilles Kepel zeichnet nach, wie sich der Dschihadismus in Frankreich herausgebildet hat, und geht dabei mit der Politik hart ins Gericht.

Von Helmut Mayer

Als der Pariser Conseil d'État vor wenigen Wochen die Verbote aufhob, die einige französische Bürgermeister gegen das Tragen von Burkinis am Strand erlassen hatten, konnte dieses Urteil der obersten Verwaltungsinstanz unseres Nachbarlands niemanden überraschen. Man durfte annehmen, dass Regierungspolitiker es dankbar als Mittel zur Beruhigung erhitzter Gemüter schätzen. Wenige Stunden später allerdings ließ der sozialistische Premierminister Manuel Valls, der sich zuvor im Bemühen um Volksnähe hinter die überstürzten Verbote der Bürgermeister gestellt hatte, via Facebook wissen: Die gefallene Entscheidung sei eben eine juristische, Politik in ihrer tiefsten Bedeutung jedoch meine, "auszusprechen was wir nicht akzeptieren". Was hier konkret nur meinen konnte, dass nicht zu akzeptieren sei, wenn sich Strandbenutzerinnen mit zu wenig nackter Haut zeigen.

Die Äußerung hätte als Stellungnahme aus den Reihen der Republikaner, erst recht des Front National, nicht weiter verwundert. Beim Premier hat sie anderes Gewicht und sie trägt kaum dazu bei, Befürchtungen darüber zu dämpfen, was eine Republik, die ihre Grundsätze gerne feierlich beschwört, unter dem Druck dschihadistischer Anschläge - und des Vorwahlkampfes - von ihnen zu opfern bereit sein könnte. Nicolas Sarkozy zieht mittlerweile mit seiner Idee herum, alle der Polizei der Vorbereitung dschihadistischer Gewalttaten verdächtig scheinende Personen zu internieren, ohne sich darum zu kümmern, dass der Conseil d'État diese Vorstellung selbstredend längst vom Tisch wischte. Um ihre Realisierung geht es da auch gar nicht, sondern um die Markierung von Entschiedenheit, samt großen "Identitätsfragen" als Vorwahlkampfagenda.

Es zeigt sich darin die ungebrochene Neigung der Pariser politischen Eliten, auf den in Gewalt umschlagenden Islamismus im eigenen Land, unter dem Frankreich seit 2012 in immer stärkerem Maß zu leiden hat, mit rhetorisch-symbolischen Übersteigerungen zu reagieren, statt nüchtern seine Ursachen in Augenschein zu nehmen. Schließlich haben diese Ursachen viel mit politischen Fehlern und Unterlassungen zu tun: Unbekümmertheiten, die weit zurückreichen und im vergangenen Jahrzehnt dazu führten, dass weder Polizei noch Politik sahen, was sich in islamistischen Milieus in Frankreich zusammengebraut hatte.

So lautet die Grunddiagnose des französischen Soziologen Gilles Kepel, der sich als Kenner des politischen Islams und seiner Entwicklung in Frankreich einen Namen gemacht hat. Sein gemeinsam mit Antoine Jardin verfasstes Buch über den "Terror in Frankreich" erschien im Original kurz nach den Pariser Attentaten vom November 2015; die deutsche Ausgabe erscheint nun wenige Monate nach dem Anschlag auf der Strandpromenade von Nizza.

Für die Autoren geht es darum, den Weg zu diesen Attentaten nachzuzeichnen: vom Dschihadismus der ersten Generation, nach dem Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan, der die muslimischen Länder im Visier hatte, über den Terror von Al Qaida, straff organisiert und nunmehr auf den Westen gerichtet, hin zur dritten Generation, die unverändert den Westen im Visier hat, doch nunmehr auf eine lose bis gar nicht mehr vorhandene Vernetzung setzt, bis hin zum "Lumpenterrorismus", um aus einer Polarisierung der Gesellschaften durch die Reaktionen auf den Terror Profit zu schlagen.

Für Kepel markiert den Übergang zur dritten Generation der 2005 im Internet erschienene "Aufruf zum weltweiten islamischen Widerstand" von Abu Musab al-Suri (alias Mustafa Setmariam Nassar), der das Programm des ohne großen Aufwand in westlichen Ländern ausgelösten Terrors ausbuchstabierte. Gleichzeitig war 2005 das Jahr der großen Unruhen in den französischen Banlieues, und etwa zu dieser Zeit verloren die gemäßigten muslimischen Repräsentanten überdies dort den Zugriff auf ihre Klientel, nachdem ihr symbolisch hochbesetzter Streit ums Kopftuch verlorengegangen war.

Zwar kam es in den folgenden Jahren dann zu einem deutlichen Zuwachs in den Wählerlisten der Banlieues, also zur politischen Aktivierung im demokratischen Sinn, und François Hollande halfen 2012 muslimische Stimmen bei seinem knappen Sieg über Sarkozy. Aber parallel ging die islamistische Radikalisierung von Milieus in ebendiesen Vorstädten ihren Weg. Der Dschihadismus im Nahen Osten verband sich mit dem Angebot, über eine gewaltbereite plakative "Religiosität" zu einer Mission zu kommen, die alle realen oder eingebildeten Benachteiligungen, auch kriminelle Vorgeschichten, hinter sich lässt.

Die Stärke des spürbar schnell geschriebenen Buchs von Kepel und Jardin ist es, Mechanismen und Netzwerke dieser dschihadistischen Konversionen und Rekrutierungen, für die Gefängnisse zu einer Drehscheibe wurden, recht detailliert in den Blick zu nehmen. Wer schnell zu bündig präsentierten Profilen dschihadistischer Attentäter kommen möchte, dem ist mit Farhad Khosrokhavars ebenfalls auf Deutsch erschienenener exzellenter Studie "Radikalisierung" (F.A.Z. vom 29. Juli) vermutlich besser gedient. Bei Kepel und Jardin ist die Analyse näher an der Chronik der Ereignisse und vor allem auch an den gesellschaftlichen und politischen Reaktionen, die die Attentate auslösen.

Beruhigend sind die Aussichten nicht, die sich aus diesen Reaktionen gewinnen lassen. Kepel geht im Schlussteil des Buchs sogar so weit, die sich in Frankreich mit dem Erfolg des Front National und dem damit einhergehenden Druck auf die anderen Parteien abzeichnenden Polarisierungen als Vorzeichen eines möglichen Bürgerkriegs in Europa zu lesen und damit als Indiz des Erfolgs der Strategie, die der djihadistische "Aufruf" entwarf. Greller kann eine Warnung nicht ausfallen Aber selbst wenn man sie für überzogen hält, für ganz unbegründet kann man sie nach der Lektüre des Buchs doch nicht halten. Sein deutscher Untertitel, der aus "Die Entstehung des französischen Dschihad" des Originals ein "Der neue Dschihad in Europa" macht, ist allerdings eine kleine Mogelei. Es geht um die Verhältnisse in Frankreich, aus denen viel zu lernen ist, die sich aber aufgrund der in ihnen nachwirkenden spezifisch französischen Kolonial- und Immigrationsgeschichte nicht einfach auf Europa erweitern lassen.

Gilles Kepel mit Antoine Jardin: "Terror in Frankreich". Der neue Dschihad in Europa.

Aus dem Französischen von Werner Damson. Antje Kunstmann Verlag, München 2016.

302 S., geb., 24,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Helmut Mayer erklärt, dass die Autoren des Bandes, Gilles Kepel und Antoine Jardin, die französischen Verhältnisse in den Blick nehmen, die aufgrund der französischen Kolonial- und Immigrationsgeschichte nicht ohne weiteres auf andere Länder übertragbar seien. Lesenswert auch für deutsche Leser findet er den im Original kurz nach den Pariser Attentaten erschienenen Band aber allemal, da hier der Weg zu den Attentaten nachgezeichnet wird, vom Dschihadsmus der ersten Generation über die Ausschreitungen in den Banlieues bis zur heute aktiven dritten Generation. Auch wenn Mayer das Buch mit der heißen Nadel gestrickt scheint, können die Autoren Mechanismen und Netzwerke des Dschihadismus analysieren und dies nah an den Ereignissen, was den Band laut Mayer von vergleichbaren Texten unterscheidet. Die Warnung der Autoren vor einem Bürgerkrieg in Europa hält der Rezensent übrigens für grell, aber nach dieser Lektüre nicht für ganz unbegründet.

© Perlentaucher Medien GmbH