14,00 €
Versandkostenfrei*
inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln
  • Broschiertes Buch

Der Holzhändler Filippo Genuardi, genannt Pippo, begeistert sich für alles Neue: Er besitzt einen Phonographen Edison und einen motorisierten Vierräder, den er aus Paris kommen ließ. Und nun möchte er ein Telefon - eine Sensation im Sizilien des Jahres 1891.Pippos Antrag ist dem Präfekten suspekt. Wozu braucht ein Holzhändler ein Telefon? Aber Pippo ist nicht auf den Kopf gefallen, er weiß, wie die Dinge funktionieren auf seiner Insel. Er trifft Freunde, die wieder Freunde haben, die seinen Antrag auf den Weg bringen können, für einen kleinen Gefallen, wie das eben so ist. Bald ist halb Sizilien in den Fall verwickelt.…mehr

Produktbeschreibung
Der Holzhändler Filippo Genuardi, genannt Pippo, begeistert sich für alles Neue: Er besitzt einen Phonographen Edison und einen motorisierten Vierräder, den er aus Paris kommen ließ. Und nun möchte er ein Telefon - eine Sensation im Sizilien des Jahres 1891.Pippos Antrag ist dem Präfekten suspekt. Wozu braucht ein Holzhändler ein Telefon? Aber Pippo ist nicht auf den Kopf gefallen, er weiß, wie die Dinge funktionieren auf seiner Insel. Er trifft Freunde, die wieder Freunde haben, die seinen Antrag auf den Weg bringen können, für einen kleinen Gefallen, wie das eben so ist. Bald ist halb Sizilien in den Fall verwickelt.
Autorenporträt
Andrea Camilleri, geboren 1925 in Porto Empedocle in der sizilianischen Provinz Agrigento, lebte in Rom. Er war Schriftsteller, Essayist, Drehbuchautor, Theaterregisseur, Erfinder des Commissario Montalbano und Verfasser mehrerer sehr erfolgreicher historischer Romane über sein Heimatland Sizilien. Am 17. Juli 2019 verstarb der Autor in Rom.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 31.03.2000

Das hinterhältige Telefon
Andrea Camilleri verknüpft viele Anschlüsse unter einer Nummer

Es war das literarische Ereignis des Jahres 1998 in Italien. Monatelang dominierte Andrea Camilleri die Bestsellerlisten, mit mehreren Titeln gleichzeitig und Auflagen über hunderttausend. Die Kritik konnte es nicht fassen. Plötzlich war er da, bei einem kleinen Verlag in Palermo, ohne Marketing-Schübe aus dem Norden; auch kein junger Wilder, die unverwechselbar andere Stimme - diesen Erfolg hatte ein Dreiundsiebzigjähriger, und das mit einer aufreizend nebensächlichen Geschichte: ein sizilianischer Holzhändler beantragt, um 1891, einen Telefonanschluss ("La concessione di telefono", so der Titel; die deutsche Ausgabe meint ihm aufhelfen zu müssen mit "Der unschickliche Antrag" und einer unbekleidet telefonierenden Frau).

Bei alledem - dieses "Wunder" hat einen langen Anlauf. Camilleri ist kein Unbekannter. Er arbeitet seit Jahren als Drehbuchautor, Essayist, Regisseur; war erfolgreicher Produzent von Simenon-Verfilmungen fürs italienische Fernsehen. Und - er hat seit 1978 geschrieben: historisierende Romane, Kriminalgeschichten, Erzählungen. Das tun andere auch, Camilleri aber mit Methode: Alle seine Geschichten entstehen am selben Ort, in Vigàta auf Sizilien, das, weil es erfunden ist, umso wirklicher scheint. So ist schon das Volksbuch von den Schildbürgern vorgegangen, aber auch Christoph Martin Wielands Abderiten, Gottfried Kellers Leute von Seldwyla oder Camilleris Vorbild Luigi Pirandello mit seinen Novellen für ein Jahr.

Einem solch kleinen Ort entgeht nichts, vor allem nicht die Schwächen, Anfechtungen und Untugenden, kurz: das Allzumenschliche. Wo es zum Verbrechen reizt, entwirrt der Detektiv Montalban seine Motive, oder es nimmt, komisch und satirisch, seinen Lauf. Von Text zu Text wurde so eine meridionale Saga gewoben. Doch dass ein sizilianisches Schilda in ganz Italien so viel Zulauf hat - es liegt daran, dass das Kleine auch das Ganze durchsichtig macht. Vigàta spielt, en miniature, auf Tangentopolis an, die Hauptstadt des nichtöffentlichen Bewusstseins in Italien, mit ihrem Labyrinth an Verstrickungen, Korruptionen und Erniedrigungen.

Gegen diese verworrene Wahrheit geht Camilleri mit einer verwirrenden Geschichte vor. Die Sache mit dem Telefon - eine Parodie auf hohe wie unterhaltende Literatur - löst, erst langsam, dann unaufhaltsam, eine Kettenreaktion aus, die ganz Vigàta, die Provinz, Sizilien erfasst, schließlich zur Staatsaffäre wird, die den Innenminister des vereinigten Italien zum Handeln zwingt. Mit dem Helden der Geschichte ist es nicht viel anders. Anfang dreißig, Holzhändler recht und schlecht, apolitisch, ein Stenz, ungleich mehr genital als zerebral begabt, will ein Telefon, um seinem Triebleben besser nachkommen zu können. Da er das nicht öffentlich sagen kann, sagt er: "zum privaten Gebrauch". Aus Versehen richtet er seinen Antrag an die falsche Behörde, schreibt dabei - Ungeschicklichkeit oder Freud'sche Fehlleistung? - den Namen des Präfekten falsch, so dass er, im Jargon der neapolitanischen Unterwelt, "ein männliches Glied von animalischen Ausmaßen" bezeichnet. Jetzt geht es nicht mehr um ein Telefon. Das muss ein Hinterhalt sein, Arglist eines Bakunin-Anhängers, eines Radikalen, Anarchisten, Sozialisten und so fort.

Und dann gibt es die anderen. Sie fragen: Wozu braucht der - damals - ein Telefon, privat? Da es keine Antwort gibt, gießt die böse Fantasie ihre Kübel von Verdächtigungen, Unterstellungen und Drohungen über ihn aus, vor allem Don Lollò von der "ehrenwerten Gesellschaft" Siziliens. Und so kommt ein Prozess in Gang, der den Helden Pippo Genuardi ("Naivling") von beiden Seiten unter die Räder der Realität kommen lässt. Er nimmt nur deshalb nicht Züge wie bei Kafka an, weil der Autor auch die lächerlichen, engstirnigen und hinterhältigen Verspannungen der Gegenseite aufdeckt.

Eine dramatische Geschichte entsteht, mit Sinn für Pointen; einem "Helden", der sich immer wieder, wie in der Schelmenliteratur, mal geschickt, mal servil aus der Schlinge zieht - und am Ende doch, ihm gemäß, erschossen wird, Opfer eines gehörnten Ehemanns. Der Norden Italiens mag die wirtschaftliche Macht, Rom die politische besitzen; Sizilien aber hat die Geschichten. Seine archaischen Verhältnisse lassen noch Typen zu, scheinbar unangefochten von brüchigen Individualitäten und zerfressenen Subjektivitäten. Gewiss, solch schematisierte Figuren lässt auch Camilleri auftreten. Aber, das zeichnet sein Stück aus, gerade diese schematisierten Verhaftungen sind das Problem, die Käfige in den Köpfen der Leute.

Das erinnert doch ans Volksstück oder die Typenkomödie. Hier vergeht ihnen am Ende allerdings das Lachen. Denn im Grunde gibt es niemanden mehr, der einen Fehler verzeiht. Nicht einmal der Pfarrer. Als die Frau Genuardis, in der Beichte danach befragt, wie sie ihren ehelichen Pflichten denn nachkomme, wahrheitsgemäß, das heißt für den Gottesmann unwahrscheinlich, antwortet, schließt er daraus, ihr Mann müsse Sozialist sein (was ihn, auf Umwegen, ins Gefängnis bringt). Wer etwas sagt oder tut oder eben auch nichts - er steht im Verdacht, dabei stets etwas anderes im Sinn zu haben. Nichts kann wirklich so genommen werden, wie es aussieht; kein Wort meint wirklich nur, was es sagt. Eine Krankheit der Wahrnehmung hat, einer Epidemie gleich, alle Beteiligten befallen, weil nicht feststeht, was wirklich, was Wirklichkeit ist; es gibt nur Versionen. Wo aber nichts eindeutig ist, entscheidet die Deutung. Nur einer ist nahe daran, die Zusammenhänge zu begreifen, der Kommissar Spinoso ("Spinoza"). Er stört damit aber das System - die größte Gefahr geht von der ganzen Wahrheit aus - und wird nach Sardinien strafversetzt. Ein Kommandant der Carabinieri hatte, als Genuardi schon eindeutig tot war, mit einer Explosion des Holzlagers seiner anarchistischen Version des Falles nachgeholfen - und seiner Beförderung.

Spinoso auch ist es, der einmal den Vorhang der Geschichte etwas hebt, um tatsächlich die "Wahrheit" zu sagen, eine Art innerer Sammelpunkt dieser Geschichte. Aber Sizilien ist überall - das haben schon Pirandello und Sciascia so gehalten. Ein großer Riss geht durch die Welt: auf der einen Seite der Staat, auf der anderen die Mafia, und drei Viertel aller Leute dazwischen, die Beute, um die erbittert gestritten wird. Beide haben das Gleiche im Sinn: die eigenen Interessen zu befriedigen. Nur dass es die eine offiziell tut, im Namen von Gesetz und Ordnung, die andere verdeckt, ungesetzlich und rücksichtslos. Wer hier leben will, muss deshalb entweder uninteressant sein, nicht auffallen, zum Schein mitmachen, Partei ergreifen - ein Lehrstück für totalitären Machtbesitz. Oder weggehen, auswandern, die offene Wunde Siziliens. Die anspruchsvollste Lösung - damit zu leben, dass alles mindestens zwei Seiten hat - steht nur dem aufmerksamen Leser zu.

Die eigentliche Lust des Romans aber ist seine Sprache. Und dies, weil auch sie, wie die Verhältnisse selbst, zwei Seiten hat. Das Italienische kämpft mit dem Sizilianischen, die gewundene Amtssprache mit der dreisten Umgangssprache; Schriftliches - die Briefteile - mit Mündlichem, den Unterredungen (die Übersetzung von Moshe Kahn tut das Mögliche, um diese Zweisprachigkeit zu retten). Und jedes Mal sieht etwas ganz anders aus, je nachdem, wie es geäußert wird: in der Hochsprache, dem Dialekt, offen oder intim, förmlich oder ungeschminkt. Mit der bitter-komischen Konsequenz, dass auch auf Sprache kein Verlass ist.

WINFRIED WEHLE

Andrea Camilleri: "Der unschickliche Antrag". Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Moshe Kahn. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1999. 256 S., geb. 34,- DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr

Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Keiner spielt zur Zeit "so virtuos" mit dem Klischee des Mafiosen wie Andrea Camilleri, bescheinigt Werner Irro dem sizilianischen Autor. Camilleri erzähle keine Handlung, sondern gebe - wie im Theater - nur "Geschriebenes" und "Gesagtes" seiner Figuren wieder, bis der Leser in einer Flut von Namen und Motiven versinke. Diese Technik beschreibt nach Irro etwas zutiefst sizilianisches: Die Gleichzeitigkeit von Unverwechselbarkeit und Verschleierung. So bilde auch die Sprache die Realität ab und verschleiere sie zugleich. Ein großes Lob spricht Irro auch Moshe Kahn aus, der mit seiner Übersetzung der "komplexen Sprachvielfalt" Camilleris aus Hochitalienisch und Sizilianisch, "ein nuancenreiches Sprachkunstwerk" geschaffen habe.

© Perlentaucher Medien GmbH