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Das erste Buch des Schöpfers von Mad Men: Ein kleiner Band. Ein großer Roman. Mark und Karen Breakstone haben spät geheiratet. Bald kündigt sich Nachwuchs an, die Tochter wird auf den Namen Heather getauft, und die kleine, wie es scheint, recht perfekte Familie lebt ihr von materiellen Sorgen freies Leben in Manhattan. Doch das Dreieck Vater-Mutter-Kind ist labil. Heather, das von allen vergötterte Mamakind, verändert sich, als sie in die Pubertät kommt, sie wendet sich von der Mutter ab, die das nicht verkraftet. Parallel erzählt Matthew Weiner das Schicksal von Bobby Klasky, Kind einer…mehr

Produktbeschreibung
Das erste Buch des Schöpfers von Mad Men: Ein kleiner Band. Ein großer Roman.
Mark und Karen Breakstone haben spät geheiratet. Bald kündigt sich Nachwuchs an, die Tochter wird auf den Namen Heather getauft, und die kleine, wie es scheint, recht perfekte Familie lebt ihr von materiellen Sorgen freies Leben in Manhattan. Doch das Dreieck Vater-Mutter-Kind ist labil. Heather, das von allen vergötterte Mamakind, verändert sich, als sie in die Pubertät kommt, sie wendet sich von der Mutter ab, die das nicht verkraftet.
Parallel erzählt Matthew Weiner das Schicksal von Bobby Klasky, Kind einer drogensüchtigen Prostituierten, geboren in die Hölle hinein. Sein Lebensweg führt ihn nach einer Vergewaltigung ins Gefängnis, wo ihm der letzte Rest von Menschlichkeit abhanden kommt. Als sich die beiden Geschichten kreuzen, kann es nur zur Katastrophe kommen. Und im Mittelpunkt steht, ohne es zu wissen, Heather.
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Hamburg
  • Originaltitel: Heather, The Totality
  • Seitenzahl: 137
  • Erscheinungstermin: 7. November 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 126mm x 17mm
  • Gewicht: 308g
  • ISBN-13: 9783498094638
  • ISBN-10: 3498094637
  • Artikelnr.: 48125969
Autorenporträt
Weiner, Matthew
Seit zwei Jahrzehnten erzählt Matthew Weiner erfolgreich Geschichten, zuletzt als Autor, Produzent, Regisseur und geistiger Vater von Mad Men, einer der einflussreichsten TV-Serien überhaupt. Davor war er u.a. als Autor und Produzent für The Sopranos tätig. Weiner lebt mit seiner Frau und ihren vier Söhnen in Los Angeles. «Alles über Heather» ist sein erster Roman.

Robben, Bernhard
Bernhard Robben, geb. 1955, lebt in Brunne/Brandenburg und übersetzt aus dem Englischen, u. a. Salman Rushdie, Peter Carey, Ian McEwan, Patricia Highsmith und Philip Roth. 2003 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Stiftung Kunst und Kultur des Landes NRW ausgezeichnet, 2013 mit dem Ledig-Rowohlt-Preis für sein Lebenswerk geehrt.
Rezensionen

buecher-magazin.de - Rezension
buecher-magazin.de

Heather - die Person hinter diesem Namen - ist alles für die Figuren in diesem kleinen Roman. Nur sie selbst bleibt seltsam blass. Ihren Eltern Mark und Karen Breakstone erscheint sie ein so wunderschönes, perfektes, liebenswertes Geschöpf zu sein, dass vom Tag ihrer Geburt an keine Notwendigkeit mehr besteht, den eigenen Träumen, Wünschen oder ihrem Beziehungsleben weiterhin Aufmerksamkeit und Pflege zu schenken. Und dann gibt es da noch Bobby Klasky, eben aus dem Gefängnis entlassen, dessen Kindheit bei einer drogensüchtigen Prostituierten ein Zerrbild von Heathers Upperclass-Idylle zu sein scheint. Bobby, der als Bauarbeiter Reparaturarbeiten an der Wohnung der Breakstones unternimmt, sieht die Teenagerin Heather und weiß von da an nur eines: Er will sie besitzen. Ob tot oder lebendig. Als Leser wechselt man zwischen Bobbys Perspektive und der von Heathers Eltern hin und her, voller Spannung, denn das sich anbahnende Unglück könnte jeden Moment passieren. Die Besessenheit des Psychopathen Bobby zu seinem Opfer ist in ihrem Ausmaß der Besessenheit der Eltern zu ihrer Tochter erschreckend ähnlich. Verrückt nach Heather sind sie alle. Und Heather? Die treibt diesen abgründigen, exzellent erzählten, kleinen  Roman, voran, ohne es zu wissen. Unschuldig und bedauernswert.

© BÜCHERmagazin, Katharina Manzke

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 09.11.2017

Die Angst, die aus der Kälte kam
"Mad Men"-Autor Matthew Weiner hat eine abgründige Novelle geschrieben

Matthew Weiner ist der Mann hinter "Mad Men", dabei jedoch weder verrückt noch so etwas wie das Ebenbild von Don Draper. Vielmehr hat Weiner, der Schöpfer der gleichnamigen Serie über die schillernde Werbewelt im New York der sechziger Jahre, schon damals einen Kosmos beschrieben, der, promisk, misogyn und versoffen, all jene Scheußlichkeiten praktizierte, die anlässlich des Falles Weinstein derzeit über das System Hollywood zu erfahren sind. "Mad Men" ist auch ein Lehrstück über die unheilvolle Verknüpfung von Sex, Macht und Abhängigkeit, dessen Figuren als Jäger ihrerseits selbst getrieben sind von der Frage, was sie, deren materielle Wünsche längst erfüllt sind, vom Leben überhaupt noch erwarten.

Mit "Alles über Heather" hat der für seine Drehbücher vielfach ausgezeichnete Autor, der auch "Die Sopranos" schrieb, im Alter von zweiundfünfzig Jahren nun sein literarisches Debüt vorgelegt. Auf den ersten Blick erscheint der schmale Roman, eigentlich ja eine Novelle, in der deutschen Übersetzung von Bernhard Robben 138 Seiten lang, wie der Gegenentwurf zu Weiners bisher auf epische Breite und horizontales Erzählen angelegtem Schreiben. Auch verzichtet er, der sich jahrelang Dialoge ausdenken musste, hier größtenteils auf direkte Rede, und statt psychologischer Tiefenschärfe erzählt er buchstäblich in groben Zügen, wenn er Zeitsprünge einbaut, die manchmal mehrere Jahre in nur einem Satz bündeln. Tatsächlich aber lassen sich vertraute Motive des Autors in diesem Schauerstück von der Upper East Side entdecken, vor allem in Hinblick auf die Frage, wie Status, Vermögen und Geschlecht uns in dem, was wir sind und sein wollen, definieren.

Erzählt wird die Geschichte von vier Menschen, Karen und Mark begegnen wir dabei als Ersten, die sich, beide schon um die vierzig, auf Vermittlung von Freunden kennenlernen und kurz darauf zusammentun. Die Entscheidung ist weniger von Liebe getragen als von gegenseitigen Erwartungen. Man kann sich wiederfinden im Bild des anderen, und dass die Verbindung zudem gesellschaftliche Vorteile mit sich bringt - er arbeitet im New Yorker Finanzdistrikt, sie in der Verlagsbranche -, ist auch kein Nachteil. Als die Tochter, Heather, zur Welt kommt und sich zu einem prächtigen Mädchen entwickelt, intelligent, hübsch, klug, ändern sich die Verhältnisse im Hause Breakstone. Die Gewichte verteilen sind nunmehr ungleich in diesem familiären Dreieck, denn alles drängt zum Kind. Karen hatte schon nach der Geburt ihren Beruf aufgegeben, aber auch wenn Mark sich daran stört, dass seine Frau zur Helikoptermutter geworden ist, leidet er zugleich darunter, seiner Tochter nicht näher zu sein.

Nicht weniger skizzenhaft erzählt ein anderer Strang von Bobby Klasky, dem Sohn einer drogenabhängigen Mutter aus der Provinz, der, je älter er wird, zu immer heftigeren Gewaltausbrüchen neigt. Als er eine Frau krankenhausreif schlägt, kommt er ins Gefängnis. Den Mord an seiner Mutter hingegen kann er Jahre später vertuschen, so dass ihm niemand auf die Schliche kommt. Wie im Märchen wird Bobby Klasky als Inkarnation des Bösen gezeichnet, als er schließlich in die wohlgeordnete Szenerie der Breakstones einbricht. Tatsächlich könnte es sich bei der Figur, so typisiert, wie sie geschildert wird, um eine Wahnvorstellung Marks handeln, der Autor lässt dies offen. Mit der Urangst von Eltern um ihren Nachwuchs aber erwacht auch im bürgerlichen Setting der Killerinstinkt. Spätestens im Aufeinandertreffen der beiden Sphären und der daraus folgenden unerhörten Begebenheit wird offensichtlich, dass hier mehr als nur ein Monster unterwegs ist. Matthew Weiner enthält sich jeder Psychologisierung und nimmt in der Figurenzeichnung manche Schlichtheit in Kauf. Und doch hat die Erzählung in ihrem grimmigen Nihilismus etwas Bezwingendes. Es ist eine verstörende Kälte, aus der diese Novelle gemacht ist.

SANDRA KEGEL.

Matthew Weiner: "Alles über Heather".

Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017. 138 S., geb., 16,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 25.11.2017

Das Trauma des Erfolgs
Matthew Weiner, der Schöpfer der „Mad Men“, legt seinen ersten Roman vor,
„Alles über Heather“, eine gnadenlose Psychopathologie des amerikanischen Bürgertums
VON FRITZ GÖTTLER
Ein Alptraum mitten in Manhattan. Mark Breakstone klettert das Gerüst hoch, das die Bauarbeiter errichtet haben – das Haus, in dem er mit seiner Frau Karen und der Tochter Heather seine Wohnung hat, wird gerade renoviert –, er schaut auf die Baumwipfel im Park unten, dann geht der Blick in die Ferne, „ein Kirchturm und die Park Avenue, leicht verschwommen einige gelbe Taxis. Dann warf er einen Blick in Heathers Schlafzimmer. Sie war nicht da, also sah er durchs eigene Schlafzimmerfenster, und da lag Heather auf dem Elternbett, nichts als Socken an, Gesicht zur Decke und aufgeschlitzt wie ein Stück Wild, ausgeblutet auf der weißen Chenille-Decke.“
Dies ist eine brutale Studie der amerikanischen Gesellschaft, einer ihrer besonderen Ausformungen – des New Yorker Großbürgertums. Soziologie im Zeitraffer. Die Geschichte, wie Mark und Karen sich begegnen, beide schon über das klassische Dating-Alter hinweg, wie sie zögernd das erste Mal miteinander schlafen, was sie vom andern erwarten und auch von sich, dann kommt die Heirat, Mark hat Erfolg im Business, es geht offensichtlich um Finanzgeschäfte. Man findet eine Wohnung westlich der Park Avenue, in einer Gegend, „die als eines der letzten intakten Wohnviertel Manhattans galt. Drei Schlafzimmer, kein Balkon, aber direkt unterm Penthouse …“ Dann wird Heather geboren, die schnell der Mittelpunkt der Familie wird und all die Probleme provoziert, die für reiche Teenager üblich sind.
Matthew Weiner hat die Geschichte geschrieben, er erzählt – sein erster Roman – so kompakt und schnörkellos (auch in der dichten Übersetzung von Bernhard Robben), dass die Bezeichnung Roman nicht ganz passt auf den Text. Matthew Weiner ist der kreative Geist hinter der Erfolgsserie „Mad Men“, dem gnadenlosen Porträt des amerikanischen Mittelstands und der Werbebranche, das mehrere Jahre lang die intellektuelle Diskussion dominierte und das amerikanische Fernsehen und sein Erzählen feuilletonkompatibel machte. Die Fernseharbeit galt Matthew Weiner freilich immer als eine Abweichung, ein Umweg, im Innern sah er sich eigentlich von Anfang an als Romancier: „Es war für mich die Erfüllung eines Kindheitstraums und ein lebensveränderndes Ereignis, dieses Buch zu schreiben …“
„Alles über Heather“, im Original „Heather, a Totality“ ist ein großartiger Psychothriller, in der Tradition von Richard Yates und F. Scott Fitzgerald, eine Psychopathologie der amerikanischen Elternschaft, ihrer innersten Wünsche und Hoffnungen, Träume und Obsessionen. „Seltsamerweise fand er das gar nicht grauenhaft“, geht Marks splatteriger Traum weiter. „Dann stand er im Zimmer am Fuß des Bettes, als ihr geschändeter Leichnam mit ihm zu reden begann, das Gesicht lebendig und wie immer. Sie sagte so etwas wie: ,Warum hast du mir das angetan, Daddy?‘ Ja, genau das sagte sie, und bei der dritten Wiederholung begriff er, dass es ein Traum war, und er weckte sich daraus auf und wusste, er würde nie wieder schlafen wollen.“
Der väterliche Schlaf gebiert Monster, in Marks perverser Vision manifestieren sich verschüttete patriarchale Urinstinkte. Sie werden reaktiviert und befestigt von bürgerlichen Klischees. „Schon bald würde sie einen Freund haben. Er hatte die Jungen auf dem Weg zur Schule gesehen, einige mit gelockerter Schulkrawatte, der Rest in nach billigem Deo stinkenden Kapuzenshirts, Kondome im Portemonnaie, und in Gedanken sah er schon, wie sie Heather zu besteigen versuchten …“
Der eigentliche Gegenspieler für Mark, ein wirklicher Konkurrent, kommt von der anderen Seite der Gesellschaft. Auch der junge Bobby befriedigt sich fürs erste vor allem in Träumen. Bobby Klaskys Mutter lebt von der Stütze, Drogensucht ist bei ihr im Spiel, täglich immer neue erbärmliche Versuche, das Geld für neuen Stoff zusammenzukriegen. Bobby landet im Gefängnis, als er wieder freikommt, muss er zur Mutter nach New Jersey zurück, er findet die ganze Wohnung, auch sein altes Zimmer, völlig versifft und leer geräumt vor, alles zu Geld gemacht. Das Gegenstück eben zu dem Leben der Breakstones, das aus Shopping, Einrichten, Dekorieren besteht. Einmal schenkt Karen, die unter ihren Freundinnen und den Schulmüttern wenig Anschluss findet, ihrem Mann eine italienische Designer-Kaffeemaschine für tausendzweihundert Dollar, sie tut das, weil beim Kaffeemachen und -trinken eine schöne Gemeinsamkeit zwischen Vater und Tochter entstanden ist, von der sie sich ausgeschlossen fühlt. „Mark war begeistert und gerührt, dann aber warnte ihn Karen, dass die Maschine für Heather zu gefährlich und für Mark zu kompliziert sei, weshalb sie, die als Einzige die Videoanleitung gesehen hatte, ihnen von nun an den Kaffee machen würde.“ Je nüchterner und objektiver Matthew Weiner von der Eskalation der Differenzen in der Familie erzählt, desto ungesünder und unheimlicher ist der Effekt. „Mein Gott, wie erbärmlich“, ist Heathers Reaktion auf die Machenschaften mit der Kaffeemaschine. „Und zum ersten Mal gab Mark ihr im Stillen recht.“
Bobby ist dann einer der Bauarbeiter bei der Renovierung des Brownstone, in dem die Familie wohnt. Der einzige Weiße, der sich auf dem Gerüst tummelt, in verführerischer Nähe zur, aber doch strikt geschieden von der bürgerlichen Welt und Heather. Seine Träume sind ähnlich aggressiv wie die des Vaters, und auf subtile Weise führt Matthew Weiner die beiden Perspektiven lange Zeit parallel, ein Spiel der Annäherungen und Abstoßungen, der verheimlichten Blicke und des direkten Ansprechens, von Heiß und Kalt, das zur Konfrontation drängt.
Natürlich spürt Heather, dass die Familie, ihre Eltern nicht perfekt sind, und da sie sieht, „wie sie sich gegenseitig nicht an ihrem Glück teilhaben lassen konnten, musste sie sich der Frage stellen, inwieweit das ihre Schuld war“. Heather hat große, jugendlich edle Pläne, sie will auf die Anhäufung von Reichtum ihrer bürgerlichen Klasse verzichten, auf ihr Herz hören und alles weggeben, will ein ganzer, ein vollständiger Mensch sein. Das ist womöglich die Totalität, von der die Männer und Frauen in Matthew Weiners Roman heimlich träumen, die die Erzählung zu fassen versucht.
Matthew Weiner: Alles über Heather. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Rowohlt Hundert Augen, Reinbek 2017. 139 Seiten, 16 Euro. E-Book 14,99 Euro.
Der fröhliche Charme der Bourgeoisie: das Ehepaar Draper (Jessica Paré, Jon Hamm) in Matthew Weiners Erfolgsserie „Mad Men“.
Foto: Ron Jaffe / AMC
Erfolgsproduzent Matthew Weiner, 2015. Foto: Richard Shotwell
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Matthew Weiner hat mit seinem Kurzroman die Gesellschaft im Visier - und in seiner entschlackten, pointierten Prosa erweist sich nahezu jeder Satz als Volltreffer. Großartig! Die Presse

Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Rezensentin Cornelia Geissler staunt, wie es dem Erzähler epischer Geschichten und Mad-Men-Erfinder Matthew Weiner gelingt, einen Stoff mit derart viel Tragödienpotential auf diese nur 124 Seiten umfassende "explosive Mischung einzudampfen". Denn mit der Geschichte um die empathiebegabte und von ihren Eltern vergötterte und überfürsorglich behandelte Heather und den psychisch labilen, in einfachen Verhältnissen aufgewachsenen Ex-Knacki Bobby, der beginnt Heather nachzustellen, glückt Weiner nicht nur ein packendes, konzentriertes Drama und ein fulminanter Debütroman, sondern auch eine aktuelle Analyse des gesellschaftlichen Klimas in den USA, lobt Geissler.

© Perlentaucher Medien GmbH
Die Angst, die aus der Kälte kam
"Mad Men"-Autor Matthew Weiner hat eine abgründige Novelle geschrieben

Matthew Weiner ist der Mann hinter "Mad Men", dabei jedoch weder verrückt noch so etwas wie das Ebenbild von Don Draper. Vielmehr hat Weiner, der Schöpfer der gleichnamigen Serie über die schillernde Werbewelt im New York der sechziger Jahre, schon damals einen Kosmos beschrieben, der, promisk, misogyn und versoffen, all jene Scheußlichkeiten praktizierte, die anlässlich des Falles Weinstein derzeit über das System Hollywood zu erfahren sind. "Mad Men" ist auch ein Lehrstück über die unheilvolle Verknüpfung von Sex, Macht und Abhängigkeit, dessen Figuren als Jäger ihrerseits selbst getrieben sind von der Frage, was sie, deren materielle Wünsche längst erfüllt sind, vom Leben überhaupt noch erwarten.

Mit "Alles über Heather" hat der für seine Drehbücher vielfach ausgezeichnete Autor, der auch "Die Sopranos" schrieb, im Alter von zweiundfünfzig Jahren nun sein literarisches Debüt vorgelegt. Auf den ersten Blick erscheint der schmale Roman, eigentlich ja eine Novelle, in der deutschen Übersetzung von Bernhard Robben 138 Seiten lang, wie der Gegenentwurf zu Weiners bisher auf epische Breite und horizontales Erzählen angelegtem Schreiben. Auch verzichtet er, der sich jahrelang Dialoge ausdenken musste, hier größtenteils auf direkte Rede, und statt psychologischer Tiefenschärfe erzählt er buchstäblich in groben Zügen, wenn er Zeitsprünge einbaut, die manchmal mehrere Jahre in nur einem Satz bündeln. Tatsächlich aber lassen sich vertraute Motive des Autors in diesem Schauerstück von der Upper East Side entdecken, vor allem in Hinblick auf die Frage, wie Status, Vermögen und Geschlecht uns in dem, was wir sind und sein wollen, definieren.

Erzählt wird die Geschichte von vier Menschen, Karen und Mark begegnen wir dabei als Ersten, die sich, beide schon um die vierzig, auf Vermittlung von Freunden kennenlernen und kurz darauf zusammentun. Die Entscheidung ist weniger von Liebe getragen als von gegenseitigen Erwartungen. Man kann sich wiederfinden im Bild des anderen, und dass die Verbindung zudem gesellschaftliche Vorteile mit sich bringt - er arbeitet im New Yorker Finanzdistrikt, sie in der Verlagsbranche -, ist auch kein Nachteil. Als die Tochter, Heather, zur Welt kommt und sich zu einem prächtigen Mädchen entwickelt, intelligent, hübsch, klug, ändern sich die Verhältnisse im Hause Breakstone. Die Gewichte verteilen sind nunmehr ungleich in diesem familiären Dreieck, denn alles drängt zum Kind. Karen hatte schon nach der Geburt ihren Beruf aufgegeben, aber auch wenn Mark sich daran stört, dass seine Frau zur Helikoptermutter geworden ist, leidet er zugleich darunter, seiner Tochter nicht näher zu sein.

Nicht weniger skizzenhaft erzählt ein anderer Strang von Bobby Klasky, dem Sohn einer drogenabhängigen Mutter aus der Provinz, der, je älter er wird, zu immer heftigeren Gewaltausbrüchen neigt. Als er eine Frau krankenhausreif schlägt, kommt er ins Gefängnis. Den Mord an seiner Mutter hingegen kann er Jahre später vertuschen, so dass ihm niemand auf die Schliche kommt. Wie im Märchen wird Bobby Klasky als Inkarnation des Bösen gezeichnet, als er schließlich in die wohlgeordnete Szenerie der Breakstones einbricht. Tatsächlich könnte es sich bei der Figur, so typisiert, wie sie geschildert wird, um eine Wahnvorstellung Marks handeln, der Autor lässt dies offen. Mit der Urangst von Eltern um ihren Nachwuchs aber erwacht auch im bürgerlichen Setting der Killerinstinkt. Spätestens im Aufeinandertreffen der beiden Sphären und der daraus folgenden unerhörten Begebenheit wird offensichtlich, dass hier mehr als nur ein Monster unterwegs ist. Matthew Weiner enthält sich jeder Psychologisierung und nimmt in der Figurenzeichnung manche Schlichtheit in Kauf. Und doch hat die Erzählung in ihrem grimmigen Nihilismus etwas Bezwingendes. Es ist eine verstörende Kälte, aus der diese Novelle gemacht ist.

SANDRA KEGEL.

Matthew Weiner: "Alles über Heather".

Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017. 138 S., geb., 16,- [Euro].

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