Für Volk und deutschen Osten - Mühle, Eduard
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Hermann Aubin gehörte zu den einflussreichsten Vertretern der deutschen Geschichtswissenschaft der 1920er bis 1960er Jahre und war zugleich einer der führenden Protagonisten der deutschen Ostforschung. Die Studie untersucht auf breiter Quellengrundlage den Lebensweg und die Mentalität, das wissenschaftsorganisatorische und geschichtspolitische Engagement sowie das geschichtswissenschaftliche Werk des Ostforschers Aubin. Sie eröffnet damit einen differenzierten und spannenden Einblick in ein individuelles Gelehrtenleben, das sich vom spätwilhelminischen Kaiserreich bis in die frühe…mehr

Produktbeschreibung
Hermann Aubin gehörte zu den einflussreichsten Vertretern der deutschen Geschichtswissenschaft der 1920er bis 1960er Jahre und war zugleich einer der führenden Protagonisten der deutschen Ostforschung. Die Studie untersucht auf breiter Quellengrundlage den Lebensweg und die Mentalität, das wissenschaftsorganisatorische und geschichtspolitische Engagement sowie das geschichtswissenschaftliche Werk des Ostforschers Aubin. Sie eröffnet damit einen differenzierten und spannenden Einblick in ein individuelles Gelehrtenleben, das sich vom spätwilhelminischen Kaiserreich bis in die frühe Bundesrepublik über drei epochale Umbrüche hinweg in hohem Maße treu geblieben ist. Sie bietet darüber hinaus auch eine erste, die Zäsuren des 20. Jahrhunderts übergreifende Geschichte der historischen deutschen Ostforschung. Dabei lässt sie exemplarisch schließlich auch jene mentalen und kulturellen Dispositionen und Grundstrukturen erkennen, die vom ausgehenden 19. bis ins zweite Drittel des 20. Jahrhunderts hinein die Wahrnehmung des eigenen Volkes und der europäischen Nachbarn durch die deutsche Gesellschaft geprägt haben. Sie trugen entscheidend dazu bei, dass die Deutschen dem östlichen Europa während der ersten beiden Drittel des 20. Jahrhunderts überwiegend mit Geringschätzung und Verachtung, Hass und brutaler Gewalt, mit anhaltender Herablassung und Unversöhnlichkeit begegnet sind.
  • Produktdetails
  • Schriften des Bundesarchivs Bd.65
  • Verlag: Droste
  • Seitenzahl: 742
  • Erscheinungstermin: Juni 2005
  • Deutsch
  • Abmessung: 247mm x 179mm x 45mm
  • Gewicht: 1355g
  • ISBN-13: 9783770016198
  • ISBN-10: 377001619X
  • Artikelnr.: 14150920
Autorenporträt
Eduard Mühle ist Professor für Geschichte Ostmittel- und Osteuropas an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Warschau.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 24.07.2006

Das Leben ist Kampf
Ostfrontmann: Eduard Mühle über den Historiker Hermann Aubin

Hermann Aubin erfand die Wissenschaft vom deutschen Osten und traf vor, unter und nach Hitler als Festredner auf dankbare Hörer: ein Lehrstück über den disziplinären Ehrgeiz politischer Wissenschaft auf der Höhe der Zeit.

1937 veröffentlichte der Breslauer Historiker Hermann Aubin (1885 bis 1969) im ersten Band der Zeitschrift "Deutsches Archiv für Landes- und Volksforschung" einen dreiteiligen Aufsatz "Zur Erforschung der deutschen Ostbewegung". Aus Sicht der Geschichtswissenschaft bewertete der Autor, was andere Disziplinen zum Thema beitragen konnten. Unter anderem nahm er zu den Arbeiten eines Universitätskollegen Stellung, des 1929 von der Medizinischen Fakultät habilitierten Anthropologen Egon von Eickstedt, der 1934 mit einer "Rassenkunde und Rassengeschichte der Menschheit" hervorgetreten war und im selben Jahr ein umfassendes Forschungsprojekt in Gang gesetzt hatte, eine "Rassenuntersuchung Schlesien". Aubin stellte fest, daß sich nach gegebenem Kenntnis- und Methodenstand weder die slawische Bevölkerung noch die deutschen Stämme rassenkundlich aufschlüsseln ließen. Es seien bei den "kausalen Fragen", die "den Geschichtsforscher in erster Linie interessieren", noch nicht einmal die Grundlagen erarbeitet worden.

Zehn Jahre später hielt Aubin, inzwischen Ordinarius in Hamburg, im Rahmen einer "Woche für den geistigen Aufbau im Bereich der Schule" einen Vortrag über "Die Stellung der Geschichte heute". Einer erneuerten Geschichtswissenschaft stellte er die Aufgabe, hinter dem "Schild" ihrer Methode "den Kampf gegen den Einbruch der naturwissenschaftlichen Kausalitätsvorstellungen" aufzunehmen. Kann man sich vorstellen, daß der Gelehrte innerhalb eines Jahrzehnts jegliches Interesse an der Kausalität verloren hatte? Nun zwang die Katastrophe von 1945 die deutschen Historiker zur Überprüfung der Vorannahmen ihrer Arbeit. Zu dieser Revision des deutschen Geschichtsbildes, wie das zeitgenössische Schlagwort lautete, leistete Aubin mit der Hamburger Rede seinen Beitrag. Wenn er seine Zunft aufrief, "die Sauberkeit ihrer Methode" zu verteidigen, war damit indes gesagt, daß der Beitrag der Historiker zur Selbstreinigung der Nation theoretischer Natur bleiben sollte: Braune Flecken auf der Weste des ordentlichen deutschen Geschichtsprofessors konnte Aubin nicht entdecken.

Tatsächlich dokumentieren gerade Aubins widersprüchliche Einlassungen zur Kausalität ein unerschüttertes methodisches Selbstbewußtsein. Die Methode eines Faches dient der Abgrenzung, und die Frontstellung war 1937 und 1947 dieselbe: Es galt, die Autonomie der Geschichtswissenschaft gegen die Naturwissenschaften zu verteidigen. Wenn den Denkformen der Naturforschung nach Aubins Worten der "Einbruch" auf dem Terrain der Geschichtserkenntnis schon gelungen war, so beschrieb er die Bedrohung in der Bildlichkeit, die er auch zur Beschwörung der allgemeinen zeithistorischen Erfahrung gebrauchte. In der Rede vor den Hamburger Lehrern bekundete er Mitleid mit den "Schwächeren", die von der Geschichte nichts mehr wissen wollten, "ermattet" durch "die auf sie einstürmenden Ereignisse". Zwei Jahre zuvor war die geschichtliche Welt untergegangen, die für Aubin Forschungsobjekt und Lebensinhalt gewesen war: Der deutsche Osten, den er definiert und zum Gegenstand einer eigenen historischen Subdisziplin, der Ostforschung, gemacht hatte, war ein Raub der aus dem tieferen Osten heranstürmenden Völker geworden, die man in Aubins Kreisen von jeher geringgeschätzt und gefürchtet hatte.

Eduard Mühle zitiert in seiner überaus gründlichen Aubin-Monographie aus den Denkschriften, die 1917 den durch den preußischen Kultusminister Becker betriebenen Ausbau der "Auslandsstudien" begründen sollten. Demnach stellten sich ausgewiesene Humanisten wie der Philosoph Eduard Spranger die Universität Königsberg, an der später Aubins Kollegen Rothfels, Conze und Schieder wirkten, als "Prellbock" vor "für die Fluten, die von fremden, weniger kultivierten Ländern hereinbrechen können", als "eiserne Mauer" oder "steinernen Wall" gegen das "Eindringen fremder Unkultur".

Am 13. Dezember 1939 hielt Aubin eine Ansprache bei der Eröffnung der Landesbücherei zu Kattowitz, in der er dem wiedervereinigten Oberschlesien die Aufgabe zuwies, den "Wall der Kulturscheide" am Rand der Provinz "gegen jeden Einbruch von Osten her bleibend zu sichern". Zwei Jahre vorher hatte der vielgefragte Redner in einem Vortrag zur Siebenhundertjahrfeier der Deutschordens- und Hansestadt Elbing, der 1965 unter seinen gesammelten Aufsätzen wiederveröffentlicht wurde, die Gegenbewegung ausgemalt: Erst die deutschen Siedler hätten den Slawen die Stadt gebracht, "die feudal-agrarische, eintönige Geschlossenheit der östlichen Lebensbedingungen" sei in einem "Ansturm mitteleuropäischer Gesittung" durchbrochen worden.

Aubins Name spricht von einer Familiengeschichte, die den Gedanken des Gesittungsexports durch Ostwanderung plausibel erscheinen ließ. Die Aubins waren Hugenotten, die zweihundertfünfzig Jahre lang das Bürgerrecht der Reichsstadt Frankfurt besaßen. Der Großvater des Historikers zog nach Berlin, der Vater weiter in das nordböhmische Industriezentrum Reichenberg, wo er eine Teppichfabrik leitete. Hermann Aubin empfand es nicht als Heimkehr, als er 1929 dem Ruf auf den Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte in Breslau folgte. Die "Verpflanzung aus dem Westen nach Ostdeutschland" erschien unverlockend, das "östliche Grenzland" war "kein Ziel", sondern in existentialistischer Diktion "lediglich Stätte des Daseins und des Aushaltens". Der akademische Hasard hatte ihn in den Osten verschlagen, der ihm zum "Schicksalsland" werden mußte. Die Loyalität zur geistigen Heimat war eine Willensanstrengung, nicht unähnlich dem von heutigen Professoren gepflegten Verfassungspatriotismus.

Im Winter 1932/33 schien sich Aubin die Chance zu eröffnen, an die Spitze des von Karl Lamprecht begründeten Leipziger Instituts für Kultur- und Universalgeschichte zu treten. Die Berufung kam unter dem neuen Regime nicht zustande, obwohl die Fakultät den Umbau des Instituts zu einem "Centrum für Deutschtumsforschung" in Aussicht stellte. Den nationalsozialistischen Studentenvertretern war auch dieses fachgrenzensprengende Projekt nicht modern genug; sie zogen ein Institut für politische Bildung vor, zu dessen Direktor an Aubins Stelle Hans Freyer ernannt wurde. Man ist versucht, das Umschalten von Weltgeschichte auf Deutschtumskunde für eine opportunistische Kehrtwende zu halten. In Wahrheit boten die nationalpsychologischen Spekulationen des alldeutschen Institutsgründers Anknüpfungspunkte genug, wie bis heute ein Vorteil transdisziplinärer Forschungsverbünde darin liegt, daß sie sich leicht auf neue Vorgaben einstellen.

Aubin hatte sich in Leipzig als forschender Wissenschaftsmanager empfohlen. Der Institutsleiter müsse, "wenn er der Forderung der Vielseitigkeit genügen soll, den festen Boden eigener Forschung unter den Füßen haben". Dann dürfe er hoffen, "dem überwältigenden Ansturm der Universalgeschichte standzuhalten". Ist die an einen Tick grenzende Neigung Aubins, Methodenfragen in martialische Metaphern zu kleiden, zurückzuführen auf das, was im Geist seines Freundes Siegfried August Kaehler sein Kriegserlebnis zu nennen wäre? Als österreichischer Artillerieoffizier wurde Aubin vierzehn Monate lang an der galizischen Ostfront eingesetzt. Es ist Mühles These, daß die Eindrücke an dieser vordersten Linie des Kampfes der Kulturen Aubins Geschichtsbild nicht oder nur negativ geprägt haben. Der Osten blieb der leere Raum, der der Besiedlung durch die deutsche Phantasie bedurfte.

Daß Mühles siebenhundert engbedruckte Seiten dickes Buch keine Biographie sein will, sondern nur eine Studie zu Leben und Werk unter dem Aspekt der Ostforschung, mag aberwitzig anmuten. Aber indem Mühle den Alltag eines Forschungsorganisators, Zunftfunktionärs und Festredners sozusagen in einer dichten Beschreibung wechselnder Kontexte dokumentiert, vermeidet er die politischen Pauschalurteile und konstruktivistischen Trivialitäten, die das Feld dominieren, seit auf dem legendären Frankfurter Historikertag 1998 unter der Schirmherrschaft von Johannes Fried die "kritische" Erforschung der Geschichtswissenschaft im Hitlerreich eingeläutet wurde. Überzeugend führt Mühle es auf Aubins Selbstgefühl, Sachwalter strenger Objektivität zu sein, zurück, daß er sich insgesamt als zuverlässiger politischer Professor erwies, obwohl sich in den Akten bis 1945 das Gerücht von seiner Unzuverlässigkeit hielt.

Nur gelegentlich finden sich bei Mühle die Formeln, die ein realistisches Bild vom geistigen Berufsleben unter der Tyrannis verstellen. So attestiert er Aubin eine "affirmativ-kollaborative Haltung" gegenüber dem "System". Doch inwiefern will man einen deutschen Staatsbeamten der Kollaboration bezichtigen? Das liefe auf die Wiederbelebung des Mythos von der Fremdherrschaft der Nazi-Clique hinaus. Hans Mommsens pathetische Floskel, der volkspolitische Ehrgeiz anpassungsbereiter Konservativer sei "der wirkliche Nationalsozialismus" gewesen, bringt das historische Problem zum Verschwinden, daß ein Mann wie Aubin sich als Sturmtruppenführer im geistigen Grenzkampf zur Verfügung hielt, obwohl er eben kein Nationalsozialist im Sinne der schwerlich mißverständlichen Weltanschauung Hitlers war.

Mühles Befunde legen die wissenssoziologische Pointe nahe, daß nicht politische Wunschvorstellungen Aubins gelehrte Arbeit bestimmten, sondern umgekehrt wissenschaftliche Denkmuster sein Bild vom Lebenskampf prägten. Ein Volk hatte sich nicht anders zu behaupten als ein Fach. Daß Aubin 1942 den Gedanken formulierte, die deutsche Ostkolonisation sei irgendwann nicht mehr auf Zuwanderer angewiesen gewesen, sondern habe sich aus sich selbst gespeist, würdigt Mühle als Erkenntnisfortschritt. Als märchenhaftes Abbild der Eigendynamik wissenschaftlicher Erkenntnis kann einem die Ostbewegung erscheinen, von der Aubin erzählte. Der schlesische Stamm war in "seiner alten rastlos vorwärtsschreitenden Tätigkeit" zu beobachten, Aubin hätte mit Weber sagen können: Prinzipiell geht dieser Fortschritt in das Unendliche. Das "Vortragen deutschen Wesens" bestimmte Aubin 1928 als den Hauptinhalt der deutschen Volksgeschichte, und sein eigener Beitrag zur Fortschreibung dieser Geschichte und zum Weitertragen dieses Wesens war die Vortragstätigkeit.

PATRICK BAHNERS

Eduard Mühle: "Für Volk und deutschen Osten". Der Historiker Hermann Aubin und die deutsche Ostforschung. Schriften des Bundesarchivs, Band 65. Droste Verlag, Düsseldorf 2005. 732 S., Abb., geb., 50,- [Euro].

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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 22.11.2005

Keine Lernbereitschaft
Eduard Mühle über den Historiker Hermann Aubin
Hermann Aubin gehört zu den wichtigsten deutschen Historikern des 20. Jahrhunderts. Er gab 41 Jahre lang, bis 1967, die Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte heraus. Von 1953 bis 1958 leitete den Historikerverband, wobei er auch gestandene NS-Historiker in den Wissenschaftsbetrieb der jungen Republik zu integrieren verstand. Nur wenige Historiker, die ihre Ausbildung bereits im Kaiserreich erhalten hatten, begaben jedoch sich so tief in die Abgründe der deutschen Geschichte wie dieser Mediävist.
Nun hat Eduard Mühle, der ehemalige Leiter des Herder-Instituts in Marburg, eine 700 Seiten starke Biographie von Hermann Aubin vorgelegt, der dieses Institut 1950 mitgegründet hatte. Die Gliederung des Buches wirkt unzusammenhängend. Einem ersten Lebenslauf von 150 Seiten sind zwei weitere Kapitel beigegeben: eines über Aubins Rolle als „Wissenschaftsorganisator”, eines als Produzent von „Geschichtsbildern”. Diese drei Abschnitte sind analytisch nicht verbunden. So werden die Karriere und das Geschichtsbild eines Gelehrten von dessen Biographie getrennt.
Dass der Autor, der eine Reihe von bislang unbekannten Quellen aufführt, über Detailwissen verfügt, geht schon aus dem biographischen Teil hervor. Mühle zeigt auf, wie der 1885 in Böhmen geborene Aubin als Sohn eines protestantischen Fabrikanten in die „beste” Zeit der Habsburger-Monarchie hineinwuchs. Noch konnte die deutsche Elite den tschechischen Nationalismus unterdrücken. Aubin näherte sich durch sein Elternhaus und das Reichenberger Gymnasium dem großdeutschen Milieu des nationalistischen Bürgertums an. Seine Familie hielt vom preußisch-deutschen Imperialismus und Nationalismus mehr als von der habsburgischen Toleranz im Vielvölkerstaat. Zudem zeigte Aubin starke Abneigungen gegenüber der Sozialdemokratie, was Mühle aber als zeitgemäßes Vorurteil eines Großbürgers einstuft.
Der Erste Weltkrieg führte Aubin, den österreichischen Reserveoffizier, bis tief nach Russland. Obwohl er sich an Ort und Stelle mit der Geschichte der slawischen Völker beschäftigten konnte, hielt sein Interesse sich in Grenzen. Mühle arbeitet zwar heraus, wie sich Aubin als Verächter alles Slawischen zeigte und die Lebensweise von Russen, Polen und Tschechen einer niedrigeren Kulturstufe zuordnete. Er dringt zur entscheidenden Frage aber nicht vor: Beruhte diese Auffassung nicht auf rassistischen Motiven? Schließlich begründeten die Eliten des Habsburger- und des Deutschen Reiches bereits 1914 ihre Kriegsziele im Osten damit, die Deutschen seien zur Herrschaft über die Ostvölker berufen.
Nach dem Krieg avancierte Aubin zu einem der wichtigsten Vertreter der Historischen Landeskunde. Als Leiter des neuen „Instituts für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande” in Bonn habe er, so Mühle, lediglich im Kontext der Abwehr expansionistischer Bestrebungen Frankreichs gearbeitet. Mühle hebt hervor, dass der Kampf um die Befreiung von Rhein und Saar innerhalb des gesamten Parteispektrums der Weimarer Republik als legitim gegolten habe. So ordnet er seinen Helden mehr dem Lager der Vernunftrepublikaner als den rechtsradikalen Intellektuellen zu. Den Antritt seiner ersten Professur in Gießen soll Aubin ausschließlich seinen wissenschaftlichen Qualitäten verdankt haben.
Spätestens an dieser Stelle entsteht der Eindruck, dass das akademische Milieu, in dem Aubin in den zwanziger Jahren wirkte, von Mühle ausgeblendet wird. Intime Historikerfreunde Aubins wie der österreichische Nationalsozialist Adolf Helbok oder der antisemitische Geograph Friedrich Metz werden kaum erwähnt. Durch diese Auslassung verleiht Mühle seiner These Gewicht, Aubin habe in der Westforschung mehr wissenschaftliche als politische Ziele verfolgt. Aubin war jedoch spätestens mit seinem Bonner Engagement ab 1924 ein zentraler Akteur im völkisch-großdeutschen Milieu. Bereits sein alter Lehrer, der „Alldeutsche” Georg von Below, verstand Wissenschaft und Politik effektiv zusammenzuführen: Volk und Nation waren für ihn geschlossene Organismen, die den Fremden zu Recht ausschlossen.
Als Hermann Aubin 1933 sein Ordinariat an der Breslauer Universität antrat, soll er sich nicht an der „Entjudung” des Lehrkörpers beteiligt haben. Das führt Mühle auf den Einfluss seines großen Bruders Gustav Aubin zurück, der ab 1933 verfolgt worden war, nachdem er einen jüdischen Professor vor Übergriffen geschützt und die Autonomie der Hallenser Universität verteidigt hatte. Erst 1938, als sein Bruder starb, habe Hermann sich dem NS-Regime angepasst. Nun fehlte nach Mühle aber das moralische Korrektiv. Bis dahin sei Hermann Aubin ausschließlich als rein der Wissenschaft verpflichteter Ordinarius einzustufen, der seinen Schülern die Propagandaarbeit überließ.
Tatsächlich aber war Aubin eine Stütze des NS-Regimes. Er implementierte an seiner Breslauer Fakultät die Professur für Rassenforschung. Als Vorstand der Historischen Kommission für Schlesien führte er das Führerprinzip ein. Dezember 1933 stieg er zum Vizepräsidenten der Nordostdeutschen Forschungsgemeinschaft (NOFG) auf - ein steiler Aufstieg für einen „distanzierten Beobachter”. Als Vizedirektor der NOFG nahm er direkten Einfluss auf die Mittelvergabe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an die Ostforschung. Im August 1934 erreichte seine Denkschrift zur Reform der NS-Gaugrenzen Wilhelm Frick, Hitlers Innenminister. 1938 saß Aubin als Gutachter mit Darré und Himmler in der Kommission „Wald und Baum in der germanisch-arischen Geistes- und Kulturgeschichte” der Stiftung Ahnenerbe der SS an einem Tisch, wo alle drei den Antrag eines missliebigen Kandidaten ablehnten. Der Forschungsliteratur ist dies längst bekannt.
Patriotismus und Karriere
Die funktionale Vernetzung der NS-Ämter muss Mühle entgehen, weil er nur Verwaltungschaos konstatiert, wo es den Aktivitäten der NS-Historiker im Spannungsfeld von Reichsministerien und regionalen Dienststellen nachzugehen gilt. Aubins Mitarbeiter arbeiteten aktiv an der Umsiedlungs- und Vernichtungspolitik mit. Den Gipfel der Bagatellisierung erreicht Mühle mit der Einlassung, Aubin habe die berüchtigte Polen-Denkschrift der NOFG, die Himmlers Umsiedlungs- und Vernichtungspolitik unterstützte, zwar 1939 in Auftrag gegeben, aber selbst nicht mehr abgenommen.
Wie erpressbar Aubin nach 1945 war, zeigt ein Brief seines Breslauer Assistenten Ernst Birke. Dieser SD-Mitarbeiter wollte nach dem Krieg mit seiner Studie über den Versailler Vertrag, die auf deutschen Beuteakten aus dem französischen Außenministerium beruhte, reüssieren, was Aubin ablehnte. Birke hielt Aubin vor, er habe ihn bei der Entfernung der Juden an der Breslauer Universität unterstützt. Ob er sich daran nicht erinnere? Erst darauf verhalf ihm Aubin zu einer wenig exponierten Stelle. Darüber erfährt der Leser am Ende der Darstellung nichts. Stattdessen hebt Mühle auf das große Verdienst der Bundesrepublik ab, die NS-Historiker friedlich integriert zu haben. Indessen sei Aubin nach 1945 der Patriot geblieben, der er in beiden Weltkriegen war.
Tatsächlich begriff Aubin sich sowohl nach 1918 wie nach 1945 als „Unbeugsamer”, der die „Friedensdiktate” zurückwies. Er kämpfte in der Bundesrepublik aber nicht mehr gegen den Versailler Vertrag, sondern das Potsdamer Abkommen. Es ist völlig verfehlt, ihm „Lernbereitschaft” zuzubilligen. Wenn Mühle der Bundesrepublik das Verdienst der Integration der NS-Eliten anrechnet, übersieht er das Entscheidende. Die Erfolgsgeschichte der Bonner Republik beginnt mit der Besetzung durch die Westmächte, der „Reeducation” der deutschen Eliten und wurde durch Adenauers Westbindung fortgesetzt. Die Einflüsse dieser Zäsuren auf die deutschen Bildungseliten vermag Mühle nicht zu würdigen, weil er „Patriotismus” und „Karriere” nicht als wissenschaftlich analysierbare Problemfelder, sondern systemübergreifend begreift: als Pflicht und als Grundrecht.
INGO HAAR
EDUARD MÜHLE: Für Volk und deutschen Osten. Der Historiker Hermann Aubin und die deutsche Ostforschung. Droste Verlag, Düsseldorf 2005 (Schriften des Bundesarchivs, Bd. 65). 732 Seiten, 50 Euro.
Seit einigen Jahren wird, befördert durch eine Kontroverse auf dem Historikertag in Frankfurt am Main 1998, intensiv über die Rolle deutscher Geschichtswissenschaftler im 20. Jahrhundert debattiert: Wie nationalistisch waren die Historiker in der Weimarer Republik und danach? Wie eng war zumal die Siedlungs- und Bevölkerungsforschung der völkischen Politik und dem Nationalsozialismus verbunden? Und wie ist die Reintegration der Wissenschaftler in die Bundesrepublik der Nachkriegszeit zu bewerten? Zwei neue Biographien untersuchen nun die ganz unterschiedlichen Laufbahnen zweier prominenter Historiker: die des Mediävisten Hermann Aubin (1885-1969), der oben als Breslauer Ordinarius um 1942 abgelichtet ist, und die des Zeithistorikers Hans Rothfels (1891-1976), den die untere Aufnahme von 1961 in seinem Tübinger Arbeitszimmer zeigt.
SZ
Fotos: aus dem bespr. Band (oben), dpa
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Weitgehend einverstanden ist Patrick Bahners mit Eduard Mühles Monografie des Historikers Hermann Aubin (1885 bis 1969), der lange Zeit die "Ostforschung" prägte - die Erforschung des deutschen Volkstums in Ostmitteleuropa. Ausführlich geht er auf die Karriere Aubins ein, um sich dann der Arbeit Mühles zuzuwenden. Dessen umfangreiches Werk möchte nach Auskunft Bahners keine Biografie sein, sondern eine Studie über Leben und Werk des Historikers. Er bescheinigt Mühle, den Alltag Aubins als Forschungsorganisator, Zunftfunktionär und Festredner in einer "dichten Beschreibung wechselnder Kontexte" festzuhalten und so "politischen Pauschalurteilen" zu entgehen. Kritisch betrachtet Bahners hingegen einige Äußerungen Mühles, die für ihn einen unzutreffenden Eindruck vom Wirken Aubins unter der Nazi-Diktatur vermitteln. Dass der Autor Aubin eine "affirmativ-kollaborative Haltung" gegenüber dem "System" vorhält, weist der Rezensent mit der Frage zurück, wie man einen deutschen Staatsbeamten der Kollaboration bezichtigen wolle. Das eigentliche Problem sieht er nämlich darin, dass sich Aubin zwar als "Sturmtruppenführer im geistigen Grenzkampf zur Verfügung hielt", aber kein Nazi im weltanschaulichen Sinne Hitlers gewesen sei.

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