H wie Habicht - Macdonald, Helen
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Schon als Kind beschließt Helen Macdonald, Falknerin zu werden. Ihr Vater unterstützt sie in dieser ungewöhnlichen Leidenschaft, er lehrt sie Geduld und Selbstvertrauen und bliebt eine wichtige Bezugsperson in ihrem Leben. Als er stirbt, setzt sich ein Gedanke in Helens Kopf fest: Sie muss ihren eigenen Habicht abrichten. Sie ersteht einen der beeindruckenden Vögel, ein Habichtweibchen, das sie auf den Namen Mabel tauft, und begibt sich auf die abenteuerliche Reise, das wilde Tier zu zähmen.…mehr

Produktbeschreibung
Schon als Kind beschließt Helen Macdonald, Falknerin zu werden. Ihr Vater unterstützt sie in dieser ungewöhnlichen Leidenschaft, er lehrt sie Geduld und Selbstvertrauen und bliebt eine wichtige Bezugsperson in ihrem Leben. Als er stirbt, setzt sich ein Gedanke in Helens Kopf fest: Sie muss ihren eigenen Habicht abrichten. Sie ersteht einen der beeindruckenden Vögel, ein Habichtweibchen, das sie auf den Namen Mabel tauft, und begibt sich auf die abenteuerliche Reise, das wilde Tier zu zähmen.
  • Produktdetails
  • Ullstein Taschenbuch .37735
  • Verlag: Ullstein Tb
  • Seitenzahl: 570
  • Erscheinungstermin: 17. November 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 150mm x 101mm x 35mm
  • Gewicht: 298g
  • ISBN-13: 9783548377353
  • ISBN-10: 3548377351
  • Artikelnr.: 48219876
Autorenporträt
Macdonald, Helen
Helen Macdonald ist Autorin, Lyrikerin, Illustratorin und Historikerin. Sie arbeitet an der University of Cambridge, England, im Bereich Geschichte und Philosophie der Wissenschaften. H wie Habicht erhielt in England den renommierten Samuel Johnson Prize, der herausragenden Sachbüchern verliehen wird, sowie den hochdotierten Costa Award für das beste Buch des Jahres.
Rezensionen
Sicher das ungewöhnlichste und stärkste Buch, das sich seit Langem auf eine deutsche Bestsellerliste verirrt hat., Der Tagesspiegel, Denis Scheck, 06.09.2015

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Durch einen Raubvogel mehr über sich selbst erfahren: Das gelingt laut Rezensent Jürgen Brôcan der Autorin Helen Macdonald. "H wie Habicht" erzähle von der Begegnung mit dem Wilden und dessen Andersartigkeit, so der Rezensent, und tue dies "bald schnörkellos flott, bald lyrisch und still", insgesamt mit "poetischer Anmut". Zwar klingt das Szenario vom abgerichteten Vogel, der stets freiwillig zu seiner Halterin zurückkehrt, für Brôcan zunächst nach der Zutat für ein Rührstück, doch das Buch entpuppt sich dann als "gefährlicher Trip in neue Wahrnehmungsweisen". Besonders fasziniert zeigt sich der Kritiker von den Beschreibungen des Habichts beim Erlegen seiner Beute - und Macdonalds damit verbundenem Schwanken zwischen Ekel und Befriedigung.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 31.10.2015
Federn lassen
Komm, großer schwarzer Vogel: In ihrem autobiografischen Roman „H wie Habicht“ schildert
Helen Macdonald, wie sie einen Greif abrichtet und dabei ihren Trauerschmerz überwindet
VON ALEX RÜHLE
Von außen besehen: Was für ein seltsames Buch. Eine Frau kauft sich nach dem Tod ihres Vaters einen Habicht und schildert dann auf 388 Seiten, wie sie dieses wüstwilde Tier abrichtet. Dazu erzählt sie die Biografie des vergessenen Schriftstellers T.H. White; der hatte nämlich auch mal einen Habicht.
  Von innen gelesen: Was für ein Glanz. Was für eine zitternde Spannung. Und was für eine erzählerische, federleichte Eleganz. Helen Macdonald wurde für ihr autobiografisches Buch, diesen Bastard aus Trauertagebuch, vogelkundlichem Naturessay und schonungsloser Biografie, mit Preisen und Elogen überhäuft.
  Der Anfang fast lakonisch. Ein Anruf der Mutter, am Tonfall schon spürt Helen Macdonald, Anfang 40, bald ohne Job, die Tragweite. Ihr Vater ist gestorben. Das Leben zersplittert von einem auf den anderen Moment. Sie ist eigentlich Historikerin mit einem auslaufenden Lehrauftrag in Oxford. Jetzt zieht sie sich total zurück. Erlebt sich selbst wie schockgefroren. Kann auch im Nachhinein diese ersten Wochen nicht kohärent erzählen: „Die Erinnerungen sind wie schwere Glasbausteine. Ich kann sie an verschiedenen Orten aufstellen, aber sie ergeben keine Geschichte.“
  Sie streift in diesen Wochen Zustände des Verrücktseins, die Zeit gefriert und sie ertappt sich beim Verrichten magischer Rituale, wer weiß schon, ob der Vater dann nicht doch zurückkehrt . . . Tief in ihr aber nistet sich, wie von ferne her, der Wunsch ein, einen Habicht zu besitzen. Von Kindheit an war sie fasziniert von Greifvögeln, ja sie hat früher schon Falken gezähmt. Jetzt aber muss es ein Habicht sein, der wildeste, scheueste unter den Greifen.  
  Da dieser Wunsch nicht nachlässt, fährt sie irgendwann nach Schottland zu einem Züchter und trifft dort erstmals das Tier, das sie später Mabel nennen wird: „Zwei riesengroße Augen. Mein Herz schlägt unkontrolliert. Sie ist ein Zauberkunststück. Ein Reptil. Ein gefallener Engel. Etwas Strahlendes und Fernes, wie durch Wasser fallendes Gold.“
  Es folgt der Widerspenstigen Zähmung: Zurück in Oxford verdunkelt Macdonald ihre Wohnung und lässt sich auf das völlig fremde Wesen ein, das ihr Haus „mit Wildnis erfüllt, so wie eine Vase voller Lilien ein Haus mit Duft erfüllen kann“.
  John Keats hat die Fähigkeit des Dichters, sich in seine Figuren hineinzudenken mal mit der Verwandlungsfähigkeit eines Chamäleons verglichen, genauer gesagt mit der „Fähigkeit, den Selbstverlust und den Verlust der Rationalität hinzunehmen, sich in einer anderen Gestalt oder einer anderen Umgebung wiedererschaffen zu können“. Das ist das existenziell Gefährliche und zugleich das osmotische Wunder an dieser Beziehung. Macdonald beobachtet ihren Habicht in den ersten Wochen so intensiv, lauscht seinen Eigenheiten so genau hinterher, dass sie irgendwann mit ihm zu verschmelzen scheint, eine Begabung, die sie anscheinend von Kindheit an hatte: „Deshalb hat das kleine Mädchen, das ich war, so gerne Vögel beobachtet. Es hat sich unsichtbar gemacht und ist in den Vögeln, die es beobachtet, davongeflogen. Dasselbe geschah nun wieder. Ich hatte mich in den wilden Habicht hineinversetzt, und als die Tage in dem abgedunkelten Raum vergingen, schmolz mein Menschsein von mir ab.“
  Gleichzeitig klingt in diesen Zeilen von der kindlichen Verschmelzungssehnsucht an, wie eng der Habichtkauf mit dem Tod ihres Vaters zusammenhängt: Sie spürt, dass sie den Schmerz nicht ertragen kann und fliegt fürs Erste mit ihrem Vogel davon, diesem Tier, das alles verkörpert, was ihr gerade fehlt: Selbstbeherrschung. Eine Taubheit gegenüber allen Verletzungen. Selbstgewähltes Einzelgängertum.
  Gleichzeitig bekommt das Wort von der Vogelperspektive hier seinen in dem Fall fast unheimlich wörtlichen Sinn zurück: Man meint passagenweise tatsächlich durch die Augen eines Habichts auf die Welt zu blicken. Nie ward Seltsameres erspäht als eine Gruppe neonbunter Jogger im bleichen Morgennebel . . .
  Macdonalds erzählerische Kraft zeigt sich auch darin, dass man nach 30 Seiten, in denen sie die ersten Tage der Abrichtung im abgedunkelten Wohnzimmer erzählt, völlig irritiert ist, als sie von Stadtgeräuschen schreibt, so fern rückt in diesem stumm konzentrierten Prozess der Abrichtung alles andere: Stimmt ja, die wohnt eigentlich in Oxford und nicht nur auf ihrer inneren Welteinsamkeitsinsel.
  Der Habicht gewöhnt sich überraschend schnell an seine Autorin. Die aber muss ihn nun fliegen lassen. Man sehnt diesen Moment herbei und spürt zugleich Macdonalds klamme Verlustangst: Was, wenn Mabel nicht zurückkommt?
  Diese Angst wird noch befeuert durch die düstere Lebensgeschichte von T.H. White, die Macdonald ihrer eigenen Geschichte einwebt: Dieser fast vergessene Autor hat in den Dreißigerjahren ebenfalls versucht, einen Habicht zu zähmen und darüber ein grauenhaftes Buch geschrieben, ein Protokoll des totalen Scheiterns, eines fast schon sadistischen Abrichtungsversuchs, der damit endet, dass sein Habicht ihm davonfliegt.
  Das Abrichten eines Greifvogels ist eine hohe Kunst. Die genauen Beschreibungen der einzelnen Verrichtungen, für die man fremdklingende Gerätschaften benötigt – Geschüh, Drahlen, Sprenkel – führen beim Lesen nie zu Ermüdungen, sondern haben eine beruhigende Wirkung, als würde man einem alten Handwerker bei der Arbeit zusehen: Da macht jemand etwas nur um seiner selbst willen gut. Die Frage ist nur lange, ob Macdonald sich in ihrem neuen Leben nicht gänzlich verlieren wird. H wie Habicht, H wie Helen: Während Mabel immer zahmer wird, verwildert Macdonald zusehends, schrickt zusammen beim Klingeln des Postboten und wird von Hassattacken auf ihre Umwelt überwältigt.
  Für Mabel, das Raubtier, steuert natürlich alles zu auf das Fliegen und die Jagd. Dafür ist dieses Tier gemacht. Und es ist eine verstörend großartige Leseerfahrung, durch Macdonalds Augen bei Mabels erstem geglückten Flug die schlichte Schönheit des Tötens zu spüren und gleichzeitig Mitleid zu haben mit den gerissenen Hasen und Fasanen. Während der Vogel nun endgültig ausgewachsen ist und ein erfülltes Leben führt – hier die Jagd, da ein gutes Zuhause –, wird Macdonald irgendwann vom Trauerschmerz, dem sie durch ihre eskapistische Dressur zu entkommen hoffte, überwältigt, er schlägt die Klauen in sie wie ein schwarzer Raubvogel.
  Am Ende sieht Macdonald ihre eigene Hand beim Schreiben, all die Narben, die der Habicht ihr zugefügt hat. „Hände sind dafür geschaffen, die Hand anderer Menschen zu halten – sie sollten nicht ausschließlich als Sitzstange für Greifvögel dienen.“ Was auf der kurzen Textstrecke einer Rezension wie ein zum Schluss gereichtes Vademecum klingen mag, ist eine dramatisch erkämpfte Erkenntnis nach 400 fulminanten Seiten, die einen immer wieder an den jäh abfallenden Rand des zivilisierten Lebens und der psychischen Gesundheit führen. Man taucht aus der Lektüre auf und sieht sich verwundert um: Das hier ist das Leben. Wie fremd. Wie gut.
Helen Macdonald: H wie Habicht. Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer. Allegria-Verlag, Berlin 2015. 416 Seiten, 20 Euro.
Der Begriff Vogelperspektive
bekommt seinen fast wörtlichen
Sinn – irgendwie unheimlich
Während das Raubtier
immer zahmer wird,
verwildert Helen zusehends
„Die Erinnerungen sind wie schwere Glasbausteine“: die britische Autorin Helen Macdonald.
Foto:  Guardian
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Besprechung von 24.08.2015
Der heilige Gral der Vogelliebhaber

Ihr Buch "H wie Habicht" war in England einer der größten Überraschungserfolge der letzten Jahre. Wer Helen Macdonald zu Hause trifft, erfährt noch mehr über die Zähmung eines Greifvogels.

EXNING, im August

Nicht lange vor dem Gedenkgottesdienst für ihren Vater sprang Mabel eines Nachmittags auf Helen Macdonalds Faust und grub ihr die Klauen in den nackten rechten Arm. Blut tropfte auf den Küchenboden, Macdonald erstarrte, bis Mabel den Griff endlich löste, sich wieder auf ihren Sprenkel zurückzog und tat, als sei nichts geschehen. Panikgefühle, Nacht im Kopf. Ein verstörender, verwirrender Schmerz, der viel tiefer ging als die unerwartete Verletzung, die Mabel ihr zugefügt hatte, und zugleich doch nicht Macdonalds eigener Schmerz zu sein schien.

In der Zeit nach diesem jähen Angriff, Mabels einzigem aggressiven Ausbruch, war Macdonald angespannt, so nervös und paranoid wie Mabel selbst, das Opfer einer außer Kontrolle geratenen Verwandlung. Mabel war Helen Macdonalds Habicht, der gewaltige, beim ersten Anblick wie ein "Greif aus einem illuminierten Bestiarium" wirkende Vogel, dessen Zähmung nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters im Frühjahr 2007 zu ihrer Obsession geworden war. In dem soeben in deutscher Übersetzung erschienenen "H wie Habicht", ihrer lyrischen, von Schmerz und Liebe erfüllten Elegie, hält die 1970 geborene Helen Macdonald Zwiesprache mit dem Tod. Herausgekommen ist ein faszinierender literarischer Solitär, so sonderbar und bezwingend wie Coleridges "Ballade vom alten Seemann" oder Emily Brontës "Sturmhöhe", Erinnerung an die Qual und die strahlende Wildheit der Existenz.

"Als ich mit dem Schreiben begann, lag der Tod meines Vaters schon fünf Jahre zurück", erzählt Helen Macdonald. "Das Schreiben war der Versuch, die Welt zu verstehen, und weil der Habicht irgendwann zu meiner Welt gehört hatte, habe ich auch über ihn geschrieben." In Exning, einem Dorf nahe Newmarket, etwa fünfzehn Meilen östlich von Cambridge, sitzt sie im Wohnzimmer ihres kleinen Hauses und erzählt von der Arbeit am Buch. "Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass es nicht nur um mich und Mabel ging, dass mein Schreiben auch Dinge berührte, die eine sehr viel tiefere persönliche und kulturelle Bedeutung hatten."

Macdonald sitzt in einem bequemen Sessel aus den zwanziger Jahren, über den die Chrysanthemen eines William-Morris-Textildesigns wuchern. Es ist nur eines der zahllosen Dinge in ihrer Wohnung, die sie von Flohmärkten oder aus den Läden irgendwelcher Wohltätigkeitsorganisationen zusammengetragen hat. Nicht aus therapeutischen Gründen habe sie das Buch geschrieben, sagt Macdonald, sondern sie sei einem anderen Zwang gefolgt.

Auf dem Kaminsims stehen zwei Dinosaurier aus Plastik, daneben liegt ein Fasanenpuzzle. Eine Druckgraphik mit Eidechsen und ein Eichenblatt, zwei Bleistiftzeichnungen von Habichten des britischen Illustrators G. E. Lodge, ein Schaukasten mit präparierten Schmetterlingen. Neben dem Kamin ein kleiner Opiumschrank. Auf einem Bücherregal thront ein Albatros aus Plüsch. In der Küche nebenan liegt ihr offener Koffer. In ein paar Tagen fliegt Macdonald in die Vereinigten Staaten, um die amerikanische Ausgabe von "H wie Habicht" vorzustellen.

"Ich musste das Buch schreiben, um es schließlich wie eine Vase oder Schale zu all den anderen Dingen stellen zu können", sagt sie. "Schon beim Schreiben verspürte ich eine gewisse Ungeduld mit der Frau, von der ich erzählte, und hatte den Eindruck, nichts mehr mit ihr gemeinsam zu haben. Die Erinnerung an sie glich einem Sprung in ein kaltes, dunkles Gewässer, aus dem ich immer wieder auftauchen musste, um tief durchzuatmen."

Feuchtes Moor und knorrige Kiefern, die zerklüftete Landschaft der nordöstlich von Cambridge gelegenen Brecklands, wo Macdonalds autobiographische Erzählung drei Wochen vor dem Tod ihres Vaters einsetzt. Als "Naturwissenschaftlerin, Dichterin, Künstlerin und Falknerin hatte Helen ein sicheres, aus verschiedenen Richtungen kommendes Gespür für die Wildnis". So drückt es der mit Macdonald befreundete Schriftsteller Robert Macfarlane in "The Wild Places" aus, seiner 2007 erschienenen Vermessung der letzten in Großbritannien verbliebenen, von der Erhabenheit der unberührten Natur erzählenden Reservate, für dessen englische Originalausgabe Macdonald eine Landkarte der Britischen Inseln gezeichnet hat.

Macdonald hatte in den neunziger Jahren in Cambridge Anglistik studiert und anschließend mehrere Jahre für eine Organisation gearbeitet, die in Wales Falken für eines der arabischen Königshäuser züchtete. 2001 hatte sie einen Band mit Gedichten veröffentlicht, in denen sie den lyrischen Gestus der Romantik aufgriff und der Entfremdung und der Einsamkeit des modernen Menschen nachspürte, "der in der Natur", so Macdonald, "sein eigenes Spiegelbild" zu erkennen versucht. "Mein ganzes Leben hat sich zwischen diesen beiden Polen abgespielt, zwischen der Literatur und der Geschichte einerseits und der Falknerei und dem Erleben der Natur andererseits", sagt sie.

Zu Beginn von "H wie Habicht", einem Buch, in dem Macdonald die Erfahrungen dieser scheinbar gegensätzlichen Welten auf mitreißende Weise ineinanderfließen lässt und ihre literarische Sensibilität mit der Kulturgeschichte der Falknerei verbindet, mit der Metaphysik ihres Sehnens nach einer im Einklang mit der Schöpfung gelebten Existenz, begibt sie sich eines Morgens in die verlassenen Wälder der Brecklands nordöstlich von Cambridge, um Habichte zu sehen: "Diese Vögel der tiefen Wälder", so Macdonald in ihrem Buch, das 2014 in Großbritannien erschien und dort zu einem der größten Überraschungserfolge der vergangenen Jahre wurde, "sind der geheimnisumwitterte Gral der Vogelliebhaber. Man kann eine Woche in einem Wald voller Habichte verbringen und nie einen zu Gesicht bekommen, höchstens Spuren ihrer Anwesenheit wahrnehmen. Eine plötzliche Stille, gefolgt von den Rufen zu Tode erschrockener Waldvögel, das Gefühl, dass sich etwas knapp außerhalb des Gesichtsfeldes bewegt."

Die Suche nach Habichten sei "wie die Suche nach Gnade", so Macdonald in ihrem Buch, in dem sie neben der Geschichte ihrer komplizierten Beziehung zu Mabel auch die imaginäre Biographie des britischen Schriftstellers T. H. White erzählt, dessen 1951 erschienenen Bericht über die am Ende tragische Abrichtung eines Habichts Macdonald bereits als Achtjährige gelesen hatte. Anders als ihr blieb dem 1964 verstorbenen White, der die ganze Unbill seines Lebens auf den Raubvogel projizierte und im Verlauf eines quälerischen Martyriums vergeblich auszulöschen versuchte, die Gnade verwehrt. "Sie wird einem gewährt", so Macdonald, "aber nicht oft, und man weiß nie, wann oder wie."

Mabel ist im Herbst 2012 gestorben; inzwischen hat Macdonald einen kleinen Papagei, den sie wegen der bevorstehenden Reise bereits in die Obhut einer Freundin gegeben hat. Während der Arbeit an "H wie Habicht" habe sie, erzählt Macdonald, vor allem Detektivromane von Agatha Christie, Margery Allingham und Dorothy Sayers gelesen: "Romane, die auf eine geradezu existentielle Weise tröstlich und beruhigend sind, weil sie die durch den Tod gestörte Ordnung am Ende wiederherstellen".

Summend, beinahe singend, geht sie die Treppe zu ihrem Schlafzimmer hinauf, um ihren Laptop zu holen. Erst vor wenigen Monaten wurde unweit ihres Hauses eine Grabstätte mit den Gebeinen angelsächischer Bauern oder Soldaten entdeckt - Knochen und Schwerter, Erde, Asche, Staub, die Reliquien einer Vergangenheit, in der auch Helen Macdonalds Erzählung, die tief in die Wildnis des menschlichen Herzens vordringende Geschichte ihres Lebens, verwurzelt ist. Sie steht im Wohnzimmer, den Laptop in der Hand. Sie sagt: "Bevor wir aufbrechen, zeige ich Ihnen noch schnell, wie Mabel aussah." Ein schuppenartiges, silbergraues Gefieder, Augen voller Trotz und Zorn. "Als das Foto aufgenommen wurde, war sie schon in der Voliere, in die ich sie schließlich gegeben hatte. Sie war bereits etwas weniger zahm als in dem Jahr, in dem sie bei mir gelebt hatte, und sieht ziemlich beängstigend aus. Augen wie die orangefarbene Glut von Kohle." Sie sucht nach einem weiteren Foto: "Als Mabel jung war, waren ihre Augen klar und hell wie Quellwasser."

Sie stellt den Laptop zur Seite, trägt die Kaffeebecher zurück in die Küche und greift nach den Autoschlüsseln. Vor dem Haus steht ihr dunkelgrüner Ford Fiesta, in den sie bereits die Blumentöpfe verstaut hat, die sie eben noch zu ihrer Freundin nach Cambridge bringen will. Briefumschläge, Zeitungen und Kleidung auf der Rückbank, Geruch von nasser Wolle. Sie sagt: "Ich hole schnell noch das Vogelfutter, dann fahren wir los." Ein großer schwerer Sack, Proviant für eine mehrwöchige Reise. Ein Papagei sei natürlich mit einem Habicht nicht zu vergleichen, sagt sie und hievt den Sack in den Kofferraum. "Sehr viel weniger geeignet, mir einen Fasan zu fangen, aber dafür vielleicht eher jemand zum Reden und Schmusen." Kein Vogel, mit dem man um die Verlorenen und die Toten kämpfen muss. "Einige meiner Freunde sind jedenfalls froh, dass Mabel Vergangenheit ist", sagt Helen Macdonald. "Manche behaupten ja, es sei in emotionaler Hinsicht viel gesünder, sich einen Papagei zu halten."

THOMAS DAVID

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