Was bleibt (wenn es bleibt) - Montale, Eugenio
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Der wohl bedeutendste italienische Lyriker des 20. Jahrhunderts hat die Weltliteratur mit Sprachkunstwerken bereichert, in denen sich eine profunde Reflexion der menschlichen Existenz äußert. Unter Heranziehung vielschichtiger literarischer Mittel hat er in seiner Poesie die ganze Skala sprachlichen Ausdrucks von rätselhafter Dunkelheit bis zu moderner Konkretheit ausgeschöpft. Aus dem lakonischen, einem Gedicht Montales entliehenen Titel der hier vorgelegten ersten repräsentativen Ausgabe aus dem Gesamtwerk des Nobelpreisträgers kann eine "Summa" herausgelesen werden, eine vielleicht…mehr

Produktbeschreibung
Der wohl bedeutendste italienische Lyriker des 20. Jahrhunderts hat die Weltliteratur mit Sprachkunstwerken bereichert, in denen sich eine profunde Reflexion der menschlichen Existenz äußert. Unter Heranziehung vielschichtiger literarischer Mittel hat er in seiner Poesie die ganze Skala sprachlichen Ausdrucks von rätselhafter Dunkelheit bis zu moderner Konkretheit ausgeschöpft. Aus dem lakonischen, einem Gedicht Montales entliehenen Titel der hier vorgelegten ersten repräsentativen Ausgabe aus dem Gesamtwerk des Nobelpreisträgers kann eine "Summa" herausgelesen werden, eine vielleicht ultimative Auswahl von 225 Gedichten aus sechs Jahrzehnten dichterischen Schaffens. Dabei legte der Übersetzer Christoph Ferber besonderen Wert auf die Berücksichtigung der späten Gedichte Montales, die mehr als zwei Drittel des Gesamtwerks umfassen und zum Großteil noch nie ins Deutsche übertragen worden sind. Ein Nachwort des Zürcher Romanisten Georges Güntert sowie Anmerkungen komplettieren den zweisprachigen Band.
  • Produktdetails
  • Verlag: Dieterich'Sche Verlagsbuchhandlung
  • 1. Aufl.
  • Seitenzahl: 508
  • Erscheinungstermin: 10. Oktober 2013
  • Deutsch, Italienisch
  • Abmessung: 175mm x 111mm x 27mm
  • Gewicht: 346g
  • ISBN-13: 9783871620805
  • ISBN-10: 3871620807
  • Artikelnr.: 38108202
Autorenporträt
Eugenio Montale, geb. am 12. Oktober 1896 in Genua, wuchs an der ligurischen Küste auf und studierte zunächst Gesang. Nach dem 1. Weltkrieg, an dem er als Offizier teilnahm, veröffentlichte er 1919 seine ersten Gedichte. 1928 ging er als Angestellter des Verlags Bemporad nach Florenz und wurde 1929 Direktor des Gabinetto Vieusseux. 1938 wurde er wegen antifaschistischer Gesinnung entlassen. Während des Krieges war Montale freier Schriftsteller und Mitarbeiter mehrerer Zeitschriften der liberalen Opposition, unter anderem von 'Solaria' und 'Campo di Marte', außerdem Übersetzer von Shakespeare, Cervantes, Melville, Eliot. 1948 ging er nach Mailand, wo er unter anderem als Redakteur für den 'Corriere della Sera' und 1955-67 als Musikkritiker des 'Corriere d'informazione' arbeitete. 1967 wurde er Senator auf Lebenszeit. 1975 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Eugenio Montale starb am 12.9.1981 in Mailand.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Im Ohr bleiben Nico Bleutge nicht nur einzelne Silben aus den hier versammelten Gedichten Eugenio Montales. Was Montale Mitte des letzten Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Dichter Italiens machte, kann er mit dem kommentierten Band nachvollziehen, von  den frühen Texten bis zu den späten Gedichten, die laut Bleutge hier erstmals in Übersetzung vorliegen. So folgt der Rezensent dem Autor in die Welt der Laute und Rhythmen, wenn Montale die Semantik hinterfragt. Oder er erkennt, wie sich der Dichter späterhin, in seinen Dinggedichten, von Äußerlichkeiten anregen ließ. Dabei unterstützt ihn die pathosbefreite, bereichernde Übertragung der Texte durch Christoph Ferber. Dass mancher Zyklus für die an sich "schöne" Auswahl zerpflückt wurde, kann der Rezensent allerdings nicht verstehen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 27.08.2014
Der Klang von Tintenfischknochen
Sprachmusik: Die Gedichte des großen italienischen Lyrikers Eugenio Montale in neuer Auswahl und Übersetzung
In den Archiven der Zeitungen gibt es Nachrufe auf Menschen, die noch leben und arbeiten. Im Italienischen tragen diese Nachrufe zu Lebzeiten den schönen Namen „coccodrillo“, zu deutsch: „Krokodil“. Als Eugenio Montale Ende der sechziger Jahre Redakteur der Zeitung Corriere della Sera war, verbrachte er viel Zeit damit, Materialien für seine Artikel zu sichten. Bei einer seiner unzähligen Recherchen stieß er auf eine Box mit frischen Nachrufen. Neugierig öffnete Montale den Behälter, durchblätterte die Manuskripte und fand – sein eigenes Krokodil.
  Längst schon war Montale zu einem der wichtigsten Dichter seines Landes geworden. Sein Debüt „Ossi di seppia“ („Tintenfischknochen“), das 1925 erschien, fesselte Leser wie Kritiker durch seinen Ton und die kunstvolle Variation fester Formen. Im Hintergrund der Verse wurden Querlinien zu Dichtern wie Paul Valéry oder T.S. Eliot sichtbar, deren Vorstellungen vom Handwerk des Dichtens er viel verdankt. Zugleich war Montale eine Figur des öffentlichen Lebens, die mit Essays und Artikeln die Zeitläufte begleitete. Freilich hätte er auch einen anderen Weg gehen können. Doch die Fabrik seines Vaters und das Milieu der Unternehmer mit ihrer formalistischen Sprache blieben ihm ebenso fremd wie die faschistische Ideologie jener Zeit. Arbeitete er zunächst als Bibliothekar in Florenz, so nach dem Krieg als freier Kritiker und Übersetzer, bis er schließlich die Stelle beim Corriere della Sera bekam.
  In seinen Lektüren tauchte Montale nicht nur in die literarische Tradition ein, sondern auch in die Gedichte seiner Kollegen, in die Verse Giuseppe Ungarettis etwa oder Salvatore Quasimodos, die manche Ideen des französischen Symbolismus zu variieren suchten. Mit der merkwürdigen Bezeichnung „ermetismo“, die man ihren Gedichten anheften wollte, konnte Montale nie etwas anfangen. Die Landschaft Liguriens, wo er 1896 geboren wurde, gewinnt in seinen Versen immer wieder Gestalt, nicht etwa als Ensemble schöner Bilder, sondern gebunden an die Wahrnehmung: „Bleich und versunken an einer heißen / Mauer ruhen in der Mittagshitze, / hören, wie zwischen Dornen und Stauden / Amseln schlagen, Schlangen zischen. // Verfolgen auf Wicken, auf rissigem Boden / die roten Ameisen in krabbelnden Reihen, (. . .) // Zwischen den Blättern das Beben / ferner Meerschuppen erspähen“.
  Montale nimmt hier ein klassisches Modell auf: Ein Ich spiegelt sich in der Landschaft. Doch sein Schreiben lebt von den kleinen Verschiebungen. Und so muss es bei ihm genauer heißen: Ein immer schon flüchtiges Selbst versucht sich an den leichten, flüssigen Erscheinungen, die ihm begegnen. Es ist dieses lose Bündel von Empfindungen, Gedanken, Wahrnehmungsimpulsen und Affekten – und seine Umdeutung, um nicht zu sagen: Verfälschung zu einem fest umrissenen „Ich“, was Montale von jeher umgetrieben hat. „O dann, hin- und her- / geworfen wie ein Tintenfischknochen / von den Wellen, allmählich entschwinden“. Die Flüchtigkeit des Sprechenden und seiner Worte zeigt sich im klug gesetzten Wechsel der Vokale „o“, „i“ und „e“ (im Italienischen „o“, „i“ und „a“), der auch den Leser hin- und herwirft zwischen den Klängen und Vorstellungen.
  Es ist spannend zu beobachten, wie unter der Oberfläche der Begriffe und ihrer mal mehr, mal weniger aufgeschmolzenen Bedeutungen immer wieder eine Welt der Laute und Rhythmen erfahrbar wird, die ein bisweilen ganz anderes Spiel entfaltet: die den Raum der Bilder und die Semantik hinterfragt oder das Gedicht mit Widersprüchen versieht. Noch intensiver treibt Montale die musikalische Seite der Sprache in einem anderen Gedicht hervor.
  „L’agave su lo scoglio“ („Die Agave auf dem Felsen“) skizziert das Wehen eines starken Windes, der die Pflanzen und das Wasser in Bewegung bringt. Und dazwischen taucht ein „ich“ auf, „io“ im Italienischen, das exponiert ans Ende einer Zeile gesetzt ist. Doch jenes „io“ lässt sich schon vor seiner erstmaligen Erwähnung in den Lauten anderer Wörter hören. In Formulierungen wie „arsiccio“, „cielo“, „biocco“ oder „crepaccio“ klingt es vor und nach und macht so tatsächlich spürbar, wie das Ich in den „unfesten Dingen der Erde“ aufgeht und verweht, obwohl es zugleich seine „Unbewegtheit“ beklagt.
  Christoph Ferber hat eine schöne Auswahl aus Montales Lyrik getroffen. Vor allem hat er sich alle Bände vorgenommen, so dass erstmals auch die späten Gedichte in Auszügen vorliegen. Ein kluges Nachwort des Romanisten Georges Güntert und Kommentare des Herausgebers fügen sich dem bei aller Fülle doch handlichen Buch ein. Etwas unglücklich indes mutet die Entscheidung an, bloße Ausschnitte, ja, mitunter nur einzelne Gedichte aus den Zyklen vorzustellen. Montale hat seine Zyklen so genau gebaut und Motive oder klangliche Linien von Gedicht zu Gedicht variiert, dass seinem „zagenden Rhythmus“ der Echoraum fehlt, wenn nicht alle Stimmen hörbar sind.
  Je weiter Montales Werk voranschreitet, desto reflexiver werden die Gedichte, desto größer wird der „Dunst des Erinnerns“. Immer noch besingt er das „Sieden / des flüchtigen Lebens“, brennend in Gegenwart der Erscheinungen, skeptisch gegenüber der Kraft der Sprache. Doch nun lässt er sich stärker von äußeren Impulsen anregen und schreibt Gelegenheits- oder Dinggedichte. Es mag ein Ort sein, der Besuch bei einem Rennen oder der Gedanke an eine geliebte Frau – Montale nutzt das Gedicht als Instrument der Weltfindung, an der alle Sinne beteiligt sind.
  Eines der intensivsten Stücke aus dieser Zeit gilt dem Aal. Montale fasst ihn auf seinem Weg vom Baltikum in die Flussmündungen und zeigt, wie der Aal noch die stärkste Strömung bezwingt. Christoph Ferber hat in seiner Übersetzung Montales genau gesetzte Sprache von jenem Pathos befreit, das in früheren Übertragungen wirksam ist. Wo etwa Eva van Hoboken den Aal „immer mehr im Herzen / des Gesteins“ sein lässt, „eindringend / in die Gräben aus Schlamm“, sieht Ferber ihn „stets näher am Herzen / des Steins, durch kleinste / Schlammadern dringend“. Auch wenn der Übersetzer andernorts den feierlichen Ton nicht ganz vermeiden kann, gelingt es ihm doch, Montale in die Gegenwart zu holen. Geschickt verschiebt er Enjambements, findet Entsprechungen für Montales kunstvoll unsaubere Reime oder reichert die Sprache mit Begriffen wie „Flachziegel“ oder „Flügeldecken“ an.
  „Es reichen ein paar Agaven“, notiert Montale einmal. Die Einsamkeit war ihm wichtige Voraussetzung für das Schreiben, trotzdem hat er sich nie verkrochen, sondern bis zu seinem Tod 1981 von den Städten aus seine Zeit reflektiert. Sind es während des Krieges und danach Gedichte, die Erinnerungen aufscheinen lassen, „zerschmetterte Reusen“ etwa, „Knochengesichter“ oder gleich die Hakenkreuzflaggen in einem „Hitlerfrühling“, so später locker gefügte Journalgedichte.
  Die Sprache ist nun einfacher und bestimmter – und vor allem kennt sie die Ironie. Montale besingt hier seine Ehefrau („Liebes kleines Insekt, / das man Fliege nannte“), dort denkt er über das Leben nach. Und auch, wenn nicht jedem Leser der Hang zur Pointe schmecken mag – des Dichters Silben sind immer noch jene „brummenden Bienen“, die als Echo im Ohr bleiben.
NICO BLEUTGE
Eugenio Montale: Was bleibt (wenn es bleibt). Gedichte 1920-1980. Zweisprachige Ausgabe. Ausgewählt, übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Christoph Ferber. Mit einem Nachwort von Georges Güntert. Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung, Mainz 2014. 512 Seiten, 25 Euro.
Gern nimmt Montale ein
klassisches Modell auf: Ein Ich
spiegelt sich in der Landschaft
Montale nutzt Gedichte als
Instrumente der Weltfindung,
unter Beteiligung aller Sinne
Je weiter das Werk Montales
voranschreitet, desto dichter
wird „der Dunst des Erinnerns“
Eugenio Montale im Oktober 1975.
Foto: Getty Images/Keystone
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