Du kennst das auch - Harvey, Matthea

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Alexej Parschtschikow spürt in seinen Gedichten inneren und visuellen Ähnlichkeiten nach, um immer wieder neue und wesenhafte Verbindungen zwischen Wörtern und Dingen zu entdecken bzw. sie herzustellen. Dabei gleicht er, in den Worten seines vielleicht großartigsten Poems »Erdöl«, einer Wahrsagerin, die »mit dem Finger über den Globus fährt und dabei die Tiefseekabelverbindungen für Fluglinien hält«. Wie kein anderer verbindet er expressiv philosophische Traditionen und russisch überbordende Panoramen mit dem stark abgekühlten, reflektiert-konzeptuellen Ansatz der amerikanischen Language…mehr

Produktbeschreibung
Alexej Parschtschikow spürt in seinen Gedichten inneren und visuellen Ähnlichkeiten nach, um immer wieder neue und wesenhafte Verbindungen zwischen Wörtern und Dingen zu entdecken bzw. sie herzustellen. Dabei gleicht er, in den Worten seines vielleicht großartigsten Poems »Erdöl«, einer Wahrsagerin, die »mit dem Finger über den Globus fährt und dabei die Tiefseekabelverbindungen für Fluglinien hält«. Wie kein anderer verbindet er expressiv philosophische Traditionen und russisch überbordende Panoramen mit dem stark abgekühlten, reflektiert-konzeptuellen Ansatz der amerikanischen Language School. Eine Dichtung der Zwischenräume, die »dort, wo die Flüsse umgepolt werden« (aus: Erdöl) mit fantastischer Begeisterungsfähigkeit aus kleinsten Beobachtungen Bild um Bild entfaltet.
  • Produktdetails
  • Kookbooks, Reihe Lyrik Bd.18
  • Verlag: Kookbooks
  • Seitenzahl: 188
  • 2010
  • Ausstattung/Bilder: 2010. 160 S.
  • Deutsch, Englisch
  • Abmessung: 211mm x 131mm x 20mm
  • Gewicht: 250g
  • ISBN-13: 9783937445427
  • ISBN-10: 3937445420
  • Best.Nr.: 29983471
Autorenporträt
Uljana Wolf wurde 1979 in Berlin geboren, wo sie heute auch lebt. Ihre Gedichte wurden in Zeitschriften und Anthologien unter anderem in Polen, Irland, Weißrussland, Dänemark, Ungarn und Schweden veröffentlicht. 2006 wurde sie mit dem Peter-Huchel-Preis und dem "Dresdner Lyrikpreis ausgezeichnet, im Jahr 2015 erhielt sie für ihr lyrisches und übersetzerisches Gesamtwerk den Erlanger Literaturpreis für Poesie als Übersetzung.
Rezensionen
Besprechung von 23.11.2011
Alphabetisierter Terror

In ihren Gedichten versucht Matthea Harvey, das Trauma des 11. September in Worte zu fassen. Sie sind ein poetisches Wagnis wider die Unsagbarkeit.

Wie sieht die Zukunft des Terrors aus, und ist sie unser aller Ende? Jeden Morgen, schreibt Matthea Harvey, habe sie nach dem 11. September von "future of terror" im Radio gehört. Sie nennt diese Formulierung einen "amorphen Schirm der Furcht", der sie immer in lähmender Angst hinterließ. So entstand das existentielle Bedürfnis, die vage Phrase in etwas Greifbares zu verwandeln.

In einem poetologischen Essay schildert die in Brooklyn lebende Lyrikerin, wie sie die Definitionen von "future" und "terror" im Wörterbuch nachschlug und daraufhin eine Liste aller Wörter anlegte, die zwischen den beiden Begriffen auf Höhe von "future" stehen. Erst die Orientierung an lexikalischen Wortlisten ermöglichte Harvey, Worte zu finden für das Unfassbare. Und erst durch eine Formvorgabe entstanden Verse: Die Initialen F und T markieren die alphabetische Grenze, innerhalb deren elf Gedichte unter dem Titel "The Future Of Terror" verfasst sind. Es sind freie Formen von Abecedarien, Gedichten, in denen alle Anfangsbuchstaben dem Alphabet folgen. Sie kombinieren die alphabetische Vorgabe mit der Freiheit beliebiger Wortwahl und verbinden die Nähe zum Gebet mit dem Hang zum Wortwitz.

Dem entspricht die inhaltliche Verbindung von Spiel und Bedrohung. Zwischen "Future" und "Terror" liegt der verminte Raum des Widerspruchs. Harvey entwirft ihn als apokalyptisches Zukunftsszenario, in dem Soldaten und Zivilisten nach Halt suchen: "Wir hatten die hässlichen Nachrichten satt. / Es half, wenn wir die Hörgeräte runterdrehten. / Wir alle konnten bereits ideale Imitationen / des Idioten liefern, wie seine Zähne auf einem Steak / insistierten, als er sagte Invasion hat was Intimes. / So viel stimmte ja. Wenn wir die Jause / jäh überhatten, konnten wir im Kräutergarten / immer noch mit den Gefangenen spielen. / Ein Kessel Buntes, Blinde Kuh und Kopf- / schlagen waren unsere Hits."

Mit großer Leichtigkeit spielt Harvey Gefährdung gegen Albernheit aus, tauscht Trauer und Heiterkeit: "Der Leutnant meinte, die Ungeliebten / seien die besseren Lagerwachen, meist aber lasen sie / nur Magazine, die sie in ihren Mänteln horteten, / und kamen zurück mit nutzlosen Berichten über / die Mikrowelten der Meisen." Doch zwischen der sprunghaften Sprache bleibt der tiefe Graben der Traumatisierung spürbar. Das lyrische Wir ist lediglich heimisch geworden in der Gefahr: "Nachts / in schusssicheren Schlafwagen träumten wir, / dass spitze Stäbe Wunden schlugen, sowie von / anderen Arten, den Deckel vom Terrarium zu hebeln."

Die poetische Erwiderung auf "The Future Of Terror" bildet ein zweiter Zyklus, "Terror Of The Future", in dem Harvey dem Alphabet von hinten nach vorne folgt. Die "Decebarien", wie sie die inverse Form des Abecedars selbst tauft, stemmen der in die Ödnis gedachten Zukunft in weiteren elf Gedichten eine vergebliche Zwischenmenschlichkeit entgegen. Das Wir weicht einem lyrischen Ich, das in Dialog tritt: "Als du auftauchtest, / wusste ich, dass ich gegen die Zeit spielte, / bis dich die Sanitäter forttragen würden." Eine ergreifende Liebesfähigkeit führt zu so poetischen Bildern wie "Schwalben waren Untertitel für die / Wolken" und muss in stiller Drastik enden: "Zu Omas Zeiten / wäre jetzt der Moment für den letzten Tanz gekommen. / Stattdessen fütterte ich dich mit Narkotika, / kürzte deine Nägel."

Die beiden Zyklen "The Future Of Terror" und "Terror Of The Future" erschienen 2007 in Harveys drittem Gedichtband "Modern Life" und liegen nun in der deutschen Übersetzung von Uljana Wolf unter dem Titel "Du kennst das auch" vor. In der Unsicherheit um "Nine Eleven" als ästhetische Tabuzone hat sich die Lyrik vor allem mit patriotischem Pathos oder Etüden hervorgetan, die sich im Ringen um Worte selbst in Frage stellen. Dagegen sind Harveys Gedichte ein poetisches Wagnis wider die Unsagbarkeit. Es sind hochpolitische Gedichte entstanden, in denen "Gott" neben "Geronimo" und "Ölvorrat" vor "Stacheldraht" steht. Harvey ist eine hellsichtige Autorin, die einen entwaffnenden Blick auf Amerika wirft: "Ich sah ein Handtuch am Nagel hängen / und stahl es ohne einen Hauch von Ironie. / Hier ist meine Hypothese: Wir waren irreversibel / im Arsch."

NADJA WÜNSCHE

Matthea Harvey: "Du kennst das auch". Gedichte.

Aus dem Englischen von Uljana Wolf. Zweisprachige Ausgabe. Kookbooks, Idstein 2010. 188 S., br., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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¿Matthea Harvey's vision of America is spooky, apocalyptic, and beautiful: proof that there is wonder in even a dark time like ours.¿¿George Saunders; ¿Harvey is a master of the surprising, illuminating connection¿the cognitive jump-cut.... There is something of the Martian about Harvey¿her disjunctions, reversals and bizarreries arise from her inquiry into the strangeness of sentience itself¿how odd it is to think, feel and look.¿¿Maureen McLane, The Chicago Tribune; ¿Harvey continues to match her unique sensibility with subjects that matter; her poems are both empathic and delightful.¿¿Publishers Weekly

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Nadja Wünsche schätzt die Hellsicht der Autorin im Umgang mit einem heiklen Thema. Den Terror nach 9/11 in Worte zu fassen hält Wünsche für schwer genug. Umso respektabler, wenn sie in den Versen von Matthea Harvey auch entwaffnende, hochpolitische Blicke erkennt, die zwischen Gebet und Wortwitz die Apokalypse vermessen. Trauer und Heiterkeit wechseln sich in den Gedichten zwar ab, doch Wünsche merkt genau, dass die lyrische Instanz sich bloß arrangiert mit der Gefahr. Harveys Orientierung an alphabetischen Parametern schätzt sie als formales Mittel ein, überhaupt ins Sagbare zu kommen. Die beiden in anderer Form bereits 2007 im Original erschienenen Zyklen, stellt Wünsche erleichtert fest, sind vom üblichen patriotischen Pathos beim Umgang mit diesem Thema weit entfernt.

© Perlentaucher Medien GmbH