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Ijoma Alexander Mangold lautet sein vollständiger Name; er hat dunkle Haut, dunkle Locken. In den siebziger Jahren wächst er in Heidelberg auf. Seine Mutter stammt aus Schlesien, sein Vater ist aus Nigeria nach Deutschland gekommen, um sich zum Facharzt für Kinderchirurgie ausbilden zu lassen. Weil es so verabredet war, geht er nach kurzer Zeit nach Afrika zurück und gründet dort eine neue Familie. Erst zweiundzwanzig Jahre später meldet er sich wieder und bringt Unruhe in die Verhältnisse. Ijoma Mangold, heute einer unserer besten Literaturkritiker, erinnert sich an seine Kindheits- und…mehr

Produktbeschreibung
Ijoma Alexander Mangold lautet sein vollständiger Name; er hat dunkle Haut, dunkle Locken. In den siebziger Jahren wächst er in Heidelberg auf. Seine Mutter stammt aus Schlesien, sein Vater ist aus Nigeria nach Deutschland gekommen, um sich zum Facharzt für Kinderchirurgie ausbilden zu lassen. Weil es so verabredet war, geht er nach kurzer Zeit nach Afrika zurück und gründet dort eine neue Familie. Erst zweiundzwanzig Jahre später meldet er sich wieder und bringt Unruhe in die Verhältnisse. Ijoma Mangold, heute einer unserer besten Literaturkritiker, erinnert sich an seine Kindheits- und Jugendjahre. Wie wuchs man als "Mischlingskind" und "Mulatte" in der Bundesrepublik auf? Wie geht man um mit einem abwesenden Vater? Wie verhalten sich Rasse und Klasse zueinander? Und womit fällt man in Deutschland mehr aus dem Rahmen, mit einer dunklen Haut oder mit einer Leidenschaft für Thomas Mann und Richard Wagner? Erzählend beantwortet Mangold diese Lebensfragen, hält er seine Geschichte und deren dramatische Wendungen fest, die Erlebnisse mit seiner deutschen und mit seiner afrikanischen Familie. Und nicht zuletzt seine überraschenden Erfahrungen mit sich selbst.
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 352
  • 2017
  • Ausstattung/Bilder: 352 S. 210 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 214mm x 139mm x 31mm
  • Gewicht: 434g
  • ISBN-13: 9783498044688
  • ISBN-10: 3498044680
  • Best.Nr.: 48126117
Autorenporträt
Ijoma Mangold, 1971 in Heidelberg geboren, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in München und Bologna. Er ist Literaturredakteur im Berliner Büro der Süddeutschen Zeitung. 2007 erhielt er den Berliner Preis für Literaturkritik.
Rezensionen
Besprechung von 20.08.2017
Überwindung der Farbenblindheit
"Das deutsche Krokodil" - der Literaturkritiker Ijoma Mangold schreibt seine Geschichte

Wenn Ijoma Mangold, Literaturchef der Wochenzeitung "Die Zeit" und bekannt auch aus ungezählten Auftritten im Radio und im Fernsehen, wenn dieser Ijoma Mangold ein Buch schreibt, dessen Untertitel verspricht, es werde "Meine Geschichte" erzählen: dann glaubt man, schon wenn man es aufschlägt, das happy ending zu kennen, und ist nur gespannt auf den Weg dahin. Wie es kam, dass Ijoma Mangold der Literaturchef wurde. Und welche Hindernisse dabei zu überwinden waren. Wie er also wurde, was er ist.

Genau darum geht es auch in dem Buch - nur dass der Text die Karriere seines Autors, wenn überhaupt, dann am Rand erwähnt. Was, wenn man nur Mangolds Literaturkritiken kennt, denen die Einstecktüchlein der Rhetorik, die Eitelkeiten und Gespreiztheiten nicht fremd sind, ganz erstaunlich ist. Und wenn man dann dieses Buch liest: ganz folgerichtig. Man sollte, bevor man die Literatur kritisiert, ein paar Bücher nicht nur gelesen, sondern geliebt (oder auch gehasst), unverstanden und doch beeindruckt mit sich herumgetragen, ihre Schönheit, Wahrheit und Moral am eigenen Leben gemessen haben. Ein paar eigene Gedanken braucht es auch. Und es hilft, wenn einer, jenseits der Lektüren, ein paar Dinge erlebt und erfahren hat, die er vorher nicht auf ihre Lebenslauf- oder Bewerbungsschreibentauglichkeit hin überprüft hat.

Davon, von den Büchern, den Gedanken und den Erfahrungen, die so einer Karriere vorausgehen, handelt Mangolds Text - und paradoxerweise gehört es zu den Schwierigkeiten dieses Buchs, dass es sehr gut geschrieben ist, in knappem, prätentionsfreiem Deutsch, klug, reflektiert, ohne ins Essayistische abzuschweifen, mit dem Talent, Figuren und Stimmungen präzise zu skizzieren. Man liest das, wie man literarische Texte liest: gespannt, manchmal bewegt, oft auch bereit, sich von Sätzen und Reflexionen verführen zu lassen. Und denkt doch immer wieder: Es wäre leichter, wenn es holpriger, weniger literarisch geschrieben wäre. Dann könnte man sich zurücklehnen, sich fragen, was einen, der schon den literaturkritischen Urteilen selten zustimmen mag, erst die Kindheit, die Jugend und das private Leben des Ijoma Mangold kümmern sollten. Und dann legte man das Buch beruhigt zum Stapel derer, die man nie zu Ende lesen wird.

Aber wenn man dieses Buch als Literatur liest, dann hat man es mit Mangold, dem Autor, zu tun - und mit "Ijoma Mangold", der literarischen Figur, und diese Figur lädt den Leser, wie Tonio Kröger (auf den sie sich immer wieder bezieht) oder Julien Sorel (mit dem sie eine gewisse Unberührbarkeit teilt), dauernd dazu ein, ihr nicht nur zu folgen. Sondern sich einzufühlen und einzulassen und an ihren Taten und Unterlassungen das eigene moralische Urteil zu schulen. Was immer wieder zu dem Zwiespalt führt, dass man "Ijoma Mangolds" Handeln bewertet. Während man doch Ijoma Mangold nur bescheinigen möchte, dass er schon selber wissen wird, was er so denkt und tut und warum.

Wie er wurde, was er ist: Davon handelt dieses Buch tatsächlich - und um dieses Werden zu verstehen, muss man wissen, dass Mangold 1971 geboren wurde, in Heidelberg, als Sohn einer deutschen Mutter und eines nigerianischen Vaters, der aber in dem Moment, da die bewusste Erinnerung an die Kindheit einsetzt, schon abwesend ist, zurück in Nigeria, wie die Mutter erzählt, in seinem Dorf, das ihm das Medizinstudium finanziert hat, weshalb er seinen Leuten zurückgeben will, was er von ihnen bekommen hat. Dem Sohn hat er, als Erbe, die dunkle Haut und die afrikanische Physiognomie hinterlassen - und damit fängt diese Erzählung an: dass genau das, die Hautfarbe, das Aussehen, keine Rolle spielt, keine Rolle spielen darf.

Die Mutter ist in Schlesien geboren, nach Brandenburg vertrieben, ins Havelland, dorthin, wo Herrn von Ribbecks Birnbaum stand, später in den Westen gegangen, nach Heidelberg, wo sie als Kinder- und Jugendtherapeutin arbeitet. Und man glaubt der Erzählung gern, dass ihr Sohn genug damit zu tun hat, sich mit diesem Erbe auseinanderzusetzen, sich also einerseits dauernd zu fragen, ob er ein Schlesier und ein Preuße sei; und was das für seine geistige Gegenwart bedeute. Und andererseits dem Bohemientum der Mutter und dem neonfarbenen, synthiepopgetriebenen, als vulgär empfundenen Zeitgeist der Achtziger, in denen er ein Teenager ist, etwas Eigenes, Anderes, Schwierigeres entgegenzusetzen. Was dazu führt, dass der Junge in einem Alter, da andere solche Prosa als verstaubt und überholt zurückweisen, Thomas Mann nicht einfach nur liest, sondern, wie Mangold schreibt, sich ernsthafte Gedanken darüber macht, weshalb er Naphta interessanter als Settembrini findet. Und sich für die Musik Richard Wagners begeistert. Ja, sagt der Text, dieser Junge war auf manche Weise ein Außenseiter. Aber nicht wegen seines Aussehens, sondern weil ihn seine kulturellen Vorlieben zum Schnösel machten.

Für Nigeria und die Frage nach dem Vater bleibt da keine Zeit. An Amerika, an jener Kultur, die sich selbst als schwarz definiert, hat er kein Interesse - und die Erzählung handelt davon, dass es umgekehrt ganz anders ist. Irgendwann meldet sich Nigeria bei ihm; der amerikanischen Kultur kann sich auch der konservativste Kulturschnösel nicht entziehen. Und man kann, nur leicht zugespitzt, sagen, dass das genau das Thema dieses Buches ist: Wie der Held die eigene Farbenblindheit überwand. Wie Mangold lernte, ein Mann mit sehr dunkler Haut zu sein.

Als er zum ersten Mal in den Vereinigten Staaten ist, kann er es nicht fassen, dass afroamerikanische Jungs ihn "Brother" nennen. Er ist doch deutsch, er hat doch so gut wie nichts mit ihnen gemein. Wenn das Buch zu Ende geht, ruft der Held, wenn er schwarzen Männern begegnet, vielleicht nicht "Hey, bro!" über die Straße. Er spürt aber das Bedürfnis, genau das zu tun.

Und das ist vielleicht die reizvollste Inversion dieses Buchs, das in vieler Hinsicht das Gegenteil der Erwartungen und Handlungsklischees beschreibt. Wo andere Texte dieses Genres, das man, in der von Mangold ungeliebten Sprache, "Coming of Age" nennen kann oder, etwas altmodischer, Bildungsroman, meistens davon erzählen, wie ein Held die Schranken und Begrenzungen seiner Herkunft überwindet, da erzählt dieser Text davon, wie sein Held, zögernd, widerstrebend, endlich damit anfängt, sich auch auf die afrikanische Hälfte seiner Herkunft einzulassen.

Es sind nicht Erfahrungen des Ausgegrenzt- und Ausgestoßenseins, die den jungen Mann verändern. Es sind, auch hier das glatte Gegenteil des Erwarteten, die Momente der Eingemeindung, der Inbesitznahme, der Nähe. Zum ersten Mal in Amerika wehrt er sich, von den Afroamerikanern als einer von ihnen betrachtet zu werden. Und lässt sich doch immer wieder mitreißen von deren Kampfgeist und Vitalität.

Und nachdem der Held 22 Jahre ganz gut ohne ihn ausgekommen ist, meldet sich der Vater, lädt den jungen Mann nach Nigeria ein, fordert ihn auf, das Erbe anzunehmen und "Chief" zu werden im Heimatdorf des Vaters, Blut sei doch dicker als Wasser. Und der Held fährt nach Nigeria, lernt seine Halbgeschwister und unüberschaubar vielen Cousinen und Cousins kennen, wird von allen geküsst und eingeladen und mit Liebes- und Sympathiebekundungen überschüttet. Und kann doch wenig anfangen mit alledem, mit den Ritualen, der dauernden Nähe, den unzerstörbaren Familienbanden. Er lebe im Genre des psychologischen Romans, die nigerianische Familie in dem des Epos - so beschreibt Mangold die Unmöglichkeit der Verständigung. Alle hocken sie beisammen, aber das tiefe Gespräch sei nicht vorgesehen. Einsam sei er gewesen in diesen zwei Monaten und auf Dauer sehr gelangweilt. Kultur ist dicker als Blut, darauf beharren hier der Text und sein Held. Und zugleich spürt man, als Leser, den Drang, diesem Helden zuzurufen, dass er jetzt mal damit aufhören könnte, den Ultradeutschen zu geben. Dass er sich ein bisschen entspannen möge. Dass es vielleicht doch keine so gute Idee war, immer bloß Wagner zu hören, wo einem doch gerade die sogenannte schwarze Musik, Soul, Funk und Jazz eine Ahnung davon hätten vermitteln können, dass das tiefe Gespräch nicht die einzige Möglichkeit ist, sich auszutauschen und etwas voneinander zu erfahren. Steht einem natürlich nicht zu, so mit dem Autor zu sprechen. Aber mit Romanfiguren, die man liebgewonnen hat, spricht man eben so.

Es ist dann aber ausgerechnet ein Kapitel, in dem mehr reflektiert und argumentiert als erzählt wird, es ist das Kapitel über Barack Obama, in dem der Text von der Überwindung der Farbenblindheit berichtet. Bis dahin habe er den Satz der Mutter im Ohr gehabt, wonach, wer schwarz sei, nur als Sportler oder Spaßvogel etwas werden könne. Erst Obama habe ihn vom Gegenteil überzeugt. Als Aussage des Helden ist das eine Wahrheit, die keines Kommentars bedarf. Den Kritiker Mangold möchte man aber fragen, wovon, wenn nicht davon, denn die schwarze Musik, das schwarze Kino, die schwarze Literatur erzähle.

Ja, auch weil man so oft widersprechen möchte, lohnt sich die Lektüre dieses Buchs, dessen Fazit so versöhnlich ist, dass man es mit Skepsis liest: Na klar, wer eine schwarze Haut habe, sei erkennbar anders und habe es manchmal schwerer, so wie andere Leute es aus anderen Gründen schwer haben, und insgesamt mache man zu viel Aufhebens von solchen Schwierigkeiten.

Klingt naiv. Wird aber beglaubigt von Mangolds Karriere, die insofern doch eine Hauptrolle spielt.

CLAUDIUS SEIDL

Ijoma Mangold: "Das deutsche Krokodil". Rowohlt, 325 Seiten, 19,95 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Viel mehr als eine persönliche Geschichte: Es ist zugleich ein Gesellschafts- und Epochenporträt en miniature. (…) Diese Mischung aus Bericht und Bildungsroman musste unbedingt aufgeschrieben werden.
Besprechung von 22.08.2017
Distinktionsleidenschaft
Mutter aus Schlesien, Vater aus Nigeria: Der Literaturkritiker
Ijoma Alexander Mangold erkundet seine Kindheitsmuster
VON KRISTINA MAIDT-ZINKE
Wenn das literarische Genre des „Memoirs“ weiter so boomt, werden bald immer mehr Menschen in immer jüngeren Jahren ihre vorläufige Autobiografie verfassen. Im Prinzip ist natürlich jedes Leben, sogar jeder Lebensabschnitt erzählenswert; es kommt auf die Perspektive und auf die Art der Darstellung an. Wer von Berufs wegen die Kunst des Schreibens pflegt, hat hier die besseren Karten. Unter jenen, auf die das zutrifft, dürften indes nur wenige über einen so ungewöhnlichen Lebensstoff verfügen wie Ijoma Mangold, einer der bekanntesten deutschen Literaturkritiker, früher bei der SZ, heute bei der Zeit, der 1971 in Heidelberg geboren wurde, bei seiner Mutter aufwuchs und erst als Erwachsener seinen nigerianischen Vater, dessen Familie und die Hintergründe seiner eigenen Herkunft kennenlernte.
Wenn Mangold diese Konstellation, vor allem aber deren Auswirkungen auf seine Weltsicht und seinen Werdegang, jetzt in einer Erzählung öffentlich macht, entspricht das einem Bedürfnis nach Rückschau, Klärung und Selbstvergewisserung, das er mit vielen Generationsgenossen teilt. Das Individuelle, Besondere seiner Biografie verknüpft er jedoch, immer wieder ins Essayistische ausgreifend, so geschickt mit Fragen und Reflexionen von allgemeinem Interesse, dass das Buch mit dem charmanten Titel „Das deutsche Krokodil“ viel mehr geworden ist als eine persönliche Geschichte: Es ist zugleich ein Gesellschafts- und Epochenporträt en miniature, und es kann Themen für anregende Debatten liefern.
Das Titeltier prägt die Jugend des Autors in zwei Gestalten. Als E-Lok der Märklin-Baureihe 194 ist das „deutsche Krokodil“ für den jungen Eisenbahnfreund ein Objekt der Begierde, bis er es eines Tages unter dem Christbaum findet. Eigentlich hätte er, qualitätsbewusst von Kindesbeinen an, den schweizerischen Typ bevorzugt, der länger und stärker ist, doch beim Wunschzettelschreiben schont er rücksichtsvoll den Geldbeutel der Mutter. Das andere, problematischere Krokodil steht als Ebenholzskulptur auf dem Fenstersims im Dossenheimer Wohnzimmer: „Als wäre es seine Pflicht, jeden daran zu erinnern, dass dieser Haushalt eine besondere Verbindung zu Afrika pflegt.“
Was „der Junge“, wie der Protagonist anfangs genannt wird, als beklemmend und peinlich empfindet, ist darin doch die Erinnerung an sein Anderssein enthalten, das er am liebsten verdrängen würde. Dem Verdrängen aber wird in diesem Haushalt professionell entgegengewirkt: Die Mutter ist „Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin“, ein Wortungetüm, das der Junge bei manchen Gelegenheiten ebenfalls als ausgrenzend erlebt, genau wie den unkonventionellen Lebensstil der Mama. Obwohl er wegen seiner dunkleren Hautfarbe so gut wie nie ernsthaft benachteiligt oder bloßgestellt wird, ist sein Gespür für potenzielle Diskriminierung so ausgeprägt, dass er schon früh auf bekennende Zugehörigkeit setzt: zu dem Land, in dem er lebt, zu gesellschaftlichen Gruppen oder Milieus, die er mit feinem Instinkt als erstrebenswert deutet.
Der Autor tut hier etwas ziemlich Mutiges: Ohne Rücksicht auf Sympathieverluste beschreibt er sich selbst als Kind und Jugendlichen so, dass die halb selbstironische, halb provokante Kernfrage, um die sein Buch kreist, den Leser von Anfang an beschäftigt. Sie steht auf dem Umschlagrücken und lautet: „War ich überassimiliert, deutscher als jeder Deutsche? Ein Opportunist, der die Anpassung so weit trieb, bis die konservativen Väter meiner Freunde überzeugt waren, dass das deutsche Kulturerbe einzig in meinen Händen noch eine Chance auf ein Weiterleben hatte?“ Wer so fragt, geht couragiert das Risiko ein, dass irgendeiner mit „Ja“ antwortet.
Vieles an Mangolds Kindheitserinnerungen ist mühelos übertragbar auf andere Lebensläufe, aber es gibt einen Unterschied: Der Junge, der da in behüteten Verhältnissen heranwächst, zeigt bereits so deutliche Symptome von Überanpassung, dass er einem manchmal nicht ganz geheuer ist. Und man beginnt, Indizien zu sammeln, die im anekdotischen Kontext eine gewisse Komik entfalten.
So erlebt der Knabe sein einjähriges Gastspiel in einem antiautoritären Kindergarten als äußerst unangenehm. Faszinieren lässt er sich hingegen vom Beamtentum: Er legt sich eine große Stempelsammlung zu, und beim Anblick einer „Drucksache“ durchrieselt ihn ein wohliger Schauer – nicht etwa, weil er sie mit der Druckerpresse in Verbindung brächte, sondern weil er sie mit „Amtsverkehr“ assoziiert. Er wird später zeitweise Geschmack daran finden, sich als „Gesinnungspreuße“ zu fühlen; seine Mutter wiederum nennt ihn einen „Distinktionsneurotiker“.
Die entschiedene Abneigung des Jungen gegen alles Afrikanische ist frei von Groll gegen den abwesenden Erzeuger. Dass dieser, in Deutschland zum Facharzt für Kinderchirurgie ausgebildet, bald nach der Geburt des Sohnes in sein nigerianisches Heimatdorf zurückkehrte, um dort sein Wissen zum Wohl seiner Landsleute anzuwenden und eine neue Familie zu gründen, entsprach einer Verabredung: Man hatte sich im Guten getrennt.
Der Junge vermisst den Erzeuger nicht, ist vielmehr froh, dass er nicht auftaucht, weil er ihn als Störfaktor für die perfekte Assimilation empfände. Wenn der erwachsene Erzähler, nunmehr in der Ich-Form, sich mit der schlesischen Herkunft der Mutter und dem Vertreibungsschicksal ihrer Vorfahren zu identifizieren beginnt, bis hin zum koketten Spiel mit dem Satz: „ich bin Schlesier“, fügt das der Dialektik von Anpassung und Distinktion eine weitere, leicht kuriose Facette hinzu.
Ein USA-Aufenthalt und Freundschaften mit African Americans erweitern die Perspektive, bevor die Begegnung mit dem Vater das Leben des jungen Mannes gründlich durcheinanderbringt. Da ist er schon 22 Jahre alt, hat ein Elite-Gymnasium absolviert, eine marxistische Phase durchlaufen und sich von einem schrägen intellektuellen Guru inspirieren lassen; er hat Thomas Mann und Richard Wagner für sich entdeckt und mit dem Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie begonnen. Die Reise nach Nigeria, das Ankommen und Zurechtfinden bei der afrikanischen Verwandtschaft, die ihren eigenen Konservatismus pflegt, sind einschneidende Erfahrungen, deren Zwiespältigkeit sich in Mangolds Schilderung wunderbar vermittelt. Am Ende stehen Entscheidungen, Enthüllungen und Abschiede. Der Verlust der Eltern muss bewältigt werden, dafür festigen sich die neuen Geschwisterbande. Und schließlich mündet, wie es sich bei einer vorgezogenen Autobiografie gehört, alles ins Offene.
Der Leser aber begreift nach und nach, warum diese wie beiläufig erzählte, von Ambivalenzen und Widersprüchen durchsetzte Geschichte, diese Mischung aus Tatsachenbericht und Bildungsroman, unbedingt aufgeschrieben werden musste. Man darf Ijoma Mangold bescheinigen, dass er hier auf überzeugende Weise sich selbst „historisch“ geworden ist, um eine Formulierung Goethes zu benutzen, und dass er bei aller Freimütigkeit klug zu trennen weiß zwischen dem, was er preisgibt, und dem, was er für sich behält. Das schützt seine Privatsphäre und macht den Leser weder zum Voyeur noch zum Komplizen, sondern zum Mitdenker. Schade nur, dass Verlage sich heute oft nicht mehr die Zeit nehmen, kleine Flüchtigkeiten wegzulektorieren: Auch ein Literaturkritiker und Redakteur sollte, wenn er als Schriftsteller debütiert, damit nicht allein gelassen werden.
Diese Mischung aus Bericht und
Bildungsroman musste
unbedingt aufgeschrieben werden
Ijoma Mangold: Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2017. 352 Seiten, 19,95 Euro.
E-Book 16,99 Euro.
„War ich überassimiliert, deutscher als jeder Deutsche? “ – Aber was heißt schon Assimilation, wenn man ohne den Vater in den späten Jahren der Bundesrepublik aufwächst? Der Kritiker Ijoma Mangold, Jahrgang 1971.
Foto: Sebastian Hänel
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