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Reich-Ranicki liest aus seinem Buch. Der Literaturkritiker erweist sich als temperamentvoller und anschaulicher Erzähler. Farbig, pointiert und anekdotenreich schildert er die Stationen seines so bewegten wie bewegenden Lebens.
Heute kennt man Marcel Reich-Ranicki vor allem als wortgewaltigen Kritiker, der mit der ZDF-Sendung "Das literarische Quartett" Literatur einem breiten Publikum nahe brachte. In seinen Memoiren lernt man ihn als einen Menschen kennen, dessen Schicksal eng mit dem bedrückendsten Teil der Geschichte dieses Jahrhunderts verknüpft ist. Wie Reich-Ranicki seine Kindheit in…mehr

Produktbeschreibung
Reich-Ranicki liest aus seinem Buch. Der Literaturkritiker erweist sich als temperamentvoller und anschaulicher Erzähler. Farbig, pointiert und anekdotenreich schildert er die Stationen seines so bewegten wie bewegenden Lebens.
Heute kennt man Marcel Reich-Ranicki vor allem als wortgewaltigen Kritiker, der mit der ZDF-Sendung "Das literarische Quartett" Literatur einem breiten Publikum nahe brachte. In seinen Memoiren lernt man ihn als einen Menschen kennen, dessen Schicksal eng mit dem bedrückendsten Teil der Geschichte dieses Jahrhunderts verknüpft ist. Wie Reich-Ranicki seine Kindheit in Polen schildert, seine Jugend im Berlin der Weimarer Zeit, die Erlebnisse seiner Deportation nach Polen, die Begegnung mit seiner Frau Tosia am Anfang des Krieges, das Warschauer Ghetto, die Rückkehr nach Deutschland, das alles lässt nicht wieder los.

Sprecher: Marcel Reich-Ranicki
Regie: Dorothee Meyer- Kahrweg
Produktion: Der Hörverlag, 1999

  • Produktdetails
  • Verlag: DHV DER HÖRVERLAG
  • Anzahl: 2 Audio CDs
  • Gesamtlaufzeit: 130 Min.
  • Erscheinungstermin: 19. September 2003
  • ISBN-13: 9783899402742
  • Artikelnr.: 12012214
Autorenporträt
Reich-Ranicki, Marcel
Marcel Reich-Ranicki, ( 1920 in Wloclawek/Polen, gest.2013 in Frankfurt/Main) wuchs in Berlin auf, bis er 1938 nach Polen ausgewiesen wurde. Im Warschauer Ghetto arbeitete er in der Verwaltung als Übersetzer. Nach Kriegsende wurde er 1960 bis 1973 Literaturkritiker der "Zeit". Von 1973 bis 1988 leitete er die Redaktion für Literatur und literarisches Leben der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Von 1988 bis 2001 leitete er "Das literarische Quartett" im ZDF.Reich-Ranicki erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Ricarda-Huch-Preis 1981, den Thomas-Mann-Preis 1987, den Bayerischen Fernsehpreis 1991 sowie den Ludwig-Börne-Preis 1995.Zu seinen zahlreichen Buchpublikationen zählen: "Deutsche Literatur in West und Ost" (1983), "Über Ruhestörer. Juden in der deutschen Literatur" (1989), "Nachprüfung. Aufsätze über deutsche Schriftsteller von gestern" (1980), "Thomas Mann und die Seinen" (1987), "Günter Grass" (1992), "Die Anwälte der Literatur" (1994), "Martin Walser" (1994), "Vladimir Nabokov" (1995), "Ungeheuer oben. Über Bertolt Brecht" (1996) und "Der Fall Heine" (1997). Seine Autobiografie "Mein Leben" (1999) wurde ein Bestseller.

Meyer-Kahrweg, Dorothee
Dorothee Meyer-Kahrweg arbeitet als Autorin und Regisseurin für den Hessischen Rundfunk. Nach intensiven Recherchen im Deutschen Rundfunk Archiv ist sie inzwischen unangefochtene Spezialistin für O-Töne aus Politik, Kultur und Gesellschaft.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 11.03.2000

Geschenk fürs Leben
Bei einem Bekannten im Warschauer Getto – so berichtet Marcel Reich-Ranicki in Mein Leben – „fand ich, womit ich nicht gerechnet hatte: deutsche Bücher. Plötzlich fiel mir ein kleiner, schmucker Band auf: Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke, 1936 in Zürich veröffentlicht. Ich wollte dieses Buch unbedingt haben, ich hätte es mir sofort gekauft, wenn dies nur möglich gewesen wäre. Nein, erwerben konnte ich den Band nicht, er ließ sich auch in keinem Antiquariat im Getto finden. Immerhin bekam ich ihn geliehen – für eine begrenzte Zeit, versteht sich. Ein Mädchen, das Teofila hieß, aber Tosia genannt wurde hat Kästners Lyrische Hausapotheke für mich von Hand kopiert. Sie hat die Gedichte auch illustriert und schließlich die Blätter sorgfältig geheftet. Das so entstandene Buch erhielt ich zu meinem einundzwanzigsten Geburtstag – am 2. Juni 1941 im Warschauer Getto. War mir je ein schöneres Geschenk zugedacht worden? Ich bin nicht sicher. Doch nie habe ich eins bekommen, auf das mehr Mühe verwendet wurde – und mehr Liebe. ”
Habent sua fata . . . Durch nun schon fast sechzig bewegte Jahre hin hat der Beschenkte diese Kostbarkeit gehütet. Nun dürfen sich auch andere an ihr erfreuen: Zum achtzigsten Geburtstag der Schenkerin, am morgigen Sonntag, hat die Deutsche Verlags-Anstalt ein Faksimile herstellen lassen (Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke. 56 Gedichte im Warschauer Getto aufgeschrieben und illustriert von Teofila Reich-Ranicki. Mit einem Auszug aus Mein Leben von Marcel Reich-Ranicki und einem Nachwort von Salomon Korn. 180 Seiten, 39,80 Mark. ) Wir entnehmen dem Band die Illustration zur „Sachlichen Romanze”, jenem Kästner-Gedicht, das Mitteilung macht von einem Verlust solcher Art, wie sie in Mein Leben nicht beklagt werden muss.
SZ
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 02.10.1999

Die Autorität des Wortes
Marcel Reich-Ranickis Lebensbuch · Von Ruth Klüger

Das ist ein Buch von und über einen besessenen, ja fanatischen Leser, den die Weltgeschichte, zu seinem nicht geringen Ärger, beim Lesen öfters unterbrochen hat. Schon im ersten Teil, der von Marcel Reich-Ranickis Kindheit und Jugend in Polen und Berlin handelt, ist der Nachdruck auf Literatur verblüffend. Der junge Marcel Reich sieht zwar sehr wohl, was um ihn her im Berlin der dreißiger Jahre geschieht - er ist immerhin ein jüdischer Gymnasiast -, aber er sieht es durch den Filter der Bücher, die er damals gelesen und der Theaterstücke, die er damals gesehen hat. Dazu kommt allenfalls noch die Musik.

Selbst bei den ersten Liebeserfahrungen ist die Literatur ausschlaggebend. Die ersten aufwühlenden erotischen Erlebnisse, gesteht er, waren stellvertretend: eine Aufführung von "Romeo und Julia" und die Lektüre von (ausgerechnet) Hesses "Narziss und Goldmund". Die meisten Kinder, die so intensiv die Literatur entdecken, wollen selber Dichter werden. Aber dieser Junge wollte bemerkenswerterweise immer schon Kritiker sein, nicht etwa Dramatiker oder Lyriker. Trotz seiner Skepsis gegenüber den meisten Germanisten bedauert er immer noch, dass es ihm unmöglich gemacht wurde, Germanistik zu studieren.

Der Vater - der polnische Teil des Elternpaars - ist ein Schwächling und Versager, für den der Junge sich ein wenig schämt. Die männlichen Autoritätsfiguren sind die Lehrer am Gymnasium, die ihn so enttäuschen oder begeistern, dass er es noch immer haarklein nacherzählen kann, dazu einige Männer in der Familie, und schließlich - ein eindrucksvoller Höhepunkt - ein Großer, der in entscheidender Sache nicht versagt: Rührend zu lesen ist die Freude des jungen Marcel über Thomas Manns Brief an die Universität Bonn, in dem der Exilant das Naziregime verurteilt und den der Schüler im Februar 1937 in einer illegalen Gruppe zu hören bekommt. Man merkt, wie väterliche Autorität letzten Endes vom Wort ausströmt - eine doch recht jüdische Neigung in diesem ungläubigen Juden.

Die aus Deutschland stammende Mutter verwechselt unglücklicherweise die deutsche Kultur mit der deutschen Politik, wie so viele Juden es damals taten. Sie meint, man könne das Naziregime durchstehen, es werde nicht so heiß gegessen wie gekocht. Wie heiß dann tatsächlich gegessen wurde, bekommt die Familie zu spüren, als sie im Jahre 1938 nach Polen, in Marcels Geburtsland, abgeschoben wird, dessen Sprache er nicht mehr gut beherrscht. Hier tritt die Literatur ein wenig zurück, und das Leben oder der Spuk, den man damals das Leben nannte, nimmt überhand. Doch auch weiterhin und in den unwahrscheinlichsten Situationen fallen dem jungen Mann Zitate von Schiller und Shakespeare ein. (Überhaupt wimmelt es in dem Buch von Zitaten, manche in Anführungsstrichen, manche auch ohne. Man muss scharf aufpassen.)

Diesen zweiten Teil, der in Polen spielt und von den Kriegsjahren handelt, wird man nicht leicht weglegen können. Er ist atemberaubend spannend. Mehr als das: Dem Autor gelingt das nicht geringe Kunststück, an Stelle alles Pathetischen und Weinerlichen den Spieß zu drehen und den ganzen Naziterror mit einer abgrundtiefen Verachtung zu behandeln. Hier ist, was der junge Marcel Reich sieht, als die Angehörigen der Wehrmacht in Warschau über fromme Juden herfallen:

"Indes ging es nicht nur darum, die Juden zu berauben. Sie, die Feinde des Deutschen Reichs, sollten auch bestraft und erniedrigt werden . . . Die Soldaten hatten bald gemerkt, dass man orthodoxe Juden besonders schmerzhaft demütigen konnte, wenn man ihnen die Bärte abschnitt. Zu diesem Zweck hatten sich die unternehmungslustigen Okkupanten mit langen Scheren versorgt. Aber die feigen Juden flohen und verbargen sich in Höfen und Häusern. Das half ihnen nicht viel, sie wurden rasch ergriffen . . . Beherzt schnitten die langen Judenbärte ab, die sie bisweilen erst einmal mit einer brennenden Zeitung anzündeten. Das war besonders sehenswert. Kaum war der Bart auf den Damm gefallen, da johlten die vielen Schaulustigen, manche klatschten Beifall."

So etwas muss man können. Es ist an der Oberfläche Wilhelm Busch, dessen Humor ja immer von Grausamkeit oder gar Sadismus gespeist ist. Aber hier spricht die eiskalte Ironie der Verachtung für die Verächter der Humanität. Es ist ein Stil, der die Möglichkeit bietet, "von dem Kakao, durch den man euch zieht, nicht noch zu trinken". Reich-Ranicki liebt dieses Erich-Kästner-Wort. Wer sich so ausdrücken kann, der lässt sich nicht bemitleiden. Die große jüdische Katastrophe wird hier drastisch von Menschen durchgeführt, die nicht teuflisch, nur moralisch minderwertig, nicht dämonisch, sondern banal waren, wie Hannah Arendt es ausdrückte. Das ist zwar nicht neu, aber noch immer nicht genügend bekannt, wie man den später im Buch zitierten Auszügen aus dem Historikerstreit entnimmt, in dem die Ehre der Täter, wenn von ihrer mangelnden "Ritterlichkeit" die Rede war, mit unbrauchbaren, aber vornehmen Vokabeln gerettet werden sollte.

Dank seiner Deutschkenntnisse bekommt Marcel Reich bei der jüdischen Verwaltung des Gettos eine Stelle als Übersetzer und Korrespondent. Er lernt Menschen kennen, die in den letzten fünfzig Jahren im jüdischen Gedenken immer mehr ins Reich der Mythologie gerückt sind: Ringelblum, der Archivar der Katastrophe, Czerniak, der Obmann des Judenrats, der Selbstmord beging, um nicht mitschuldig zu werden. Marcel Reich tippt das Todesurteil der Warschauer Juden, wie es ihm diktiert wird, und nimmt sich vor, seine Freundin schnell zu heiraten, damit er sie vielleicht retten kann, während von der Straße Walzerklänge aus einem Militärauto durchs offene Fenster dringen - auch hier bewahrt das Buch seine ironische Doppelbödigkeit.

Im Getto beginnt eine Liebes- und Ehegeschichte, die den Rest dieser Biografie bestimmt und die sowohl intim wie auch wieder sehr verhalten erzählt wird. Wir hören wenig, zu wenig, über die Persönlichkeit der Ehefrau, einiges über die Seitensprünge des Gatten (nicht, als ob wir mehr hören wollten!), aber vor allem von der Fähigkeit zweier Menschen, zueinander zu halten und einander in guten wie in schlechten Zeiten nicht im Stich zu lassen. Es ist eine Beziehung, die im Zeichen des Todes beider Elternpaare beginnt (der erste durch Selbstmord, die anderen durch Massenmord), in gemeinsamer Flucht und gemeinsamem Überleben unter den widrigsten Umständen weitergeht, nämlich im Versteck bei armen Leuten im okkupierten Polen, bis die Befreiung durch die Russen diesem Elend der frühen Jahre ein Ende setzt. Im Wohlstand der späteren Jahre kommen ganz andere Widrigkeiten, unter anderem auch Nachwirkungen der Terrorjahre, die nur angedeutet sind. Doch nicht dies, sondern die anhaltende Treue der beiden Gatten ist der eigentliche Zement dieser Lebensgeschichte.

Reich-Ranickis Tätigkeiten in seinen polnischen und politischen Jahren wirken wie ein bizarres Einsprengsel in einem Leben, das der deutschen Literatur gewidmet ist, Seitensprünge, die, wie in der Ehe, seine Treue zu seiner wahren, angetrauten Liebe nicht beeinträchtigen. Seine steile, einzigartige Karriere in Deutschland und den im Alter noch immer wachsenden Ruhm beschreibt er ohne Fanfare. Er schreibt weitaus mehr über andere als über sich selbst, eine Bescheidenheit, die ihm viele nicht zugetraut hätten. Auch Unbekannte, die in dem Buch auftreten, bleiben im Gedächtnis haften, weil auf den Schnappschuss der ersten Begegnung gleich ein zweiter folgt, der zeigt, was aus dem Menschen geworden ist.

Auf den letzten zweihundert Seiten kommt nun eine Palette von berühmten Figuren, ein Bilderbogen deutscher Autoren und Literaten. Wer das geringste Interesse am modernen Literaturbetrieb hat, kommt hier auf seine Kosten. Das sind weder Charakterstudien noch literarische Analysen, sondern das ist eine Anekdotensammlung, die ihresgleichen sucht, ausgeführt mit breiter Palette und meist knalligen Farben, teils bissig, teils humorvoll selbstentlarvend (wie wenn Heinrich Böll dem vertrauensseligen Kritiker ein saftiges "Arschloch" ins Ohr flüstert), aber vor allem Ausdruck von Staunen und Bewundern über die Möglichkeiten und Leistungen der deutschen Sprache.

Wie nicht anders zu erwarten, geht es nicht ohne Polemik und Bezichtigungen ab. Hier sei nur eine erwähnt, der Vorwurf des Verfassers, er sei aus Antisemitismus nicht in die Redaktion der Wochenzeitung Die Zeit aufgenommen worden, für die er jahrelang als Literaturkritiker tätig war. Dagegen hat sich das Blatt öffentlich und heftig gewehrt. Herr Zimmer rechtfertigt sich mit der Behauptung, er habe damals aus Telefongesprächen entnehmen können, Reich-Ranicki sei kein Teamplayer, weil er so gehässig über Kollegen und Autoren herfallen konnte. Dass Reich-Ranicki seine Eignung für eine solche Position etwas später in der F.A.Z. brillant demonstrieren konnte, bleibt unerwähnt. Doch ist es nicht ein offenes Geheimnis, dass das Unbehagen, das Reich-Ranicki auslöst, oft mit seiner jüdischen Herkunft in Verbindung gesetzt wird, wenn auch meist hinter vorgehaltener Hand? Herrn Zimmers absolute Gewissheit, es könne in den siebziger Jahren in seiner Zeitung keine Judenfeindlichkeit gegeben haben, ist in ihrer Unbedingtheit verdächtig.

Doch von der Hassliebe, die diesem Kritiker manchmal nachgesagt wird, ist hier nichts zu merken: Die Liebe zur deutschen Literatur und Musik ist unverwässert, nur sein Verhältnis zu seinen deutschen Mitbürgern wird gelegentlich getrübt, zwar nicht von Hass, aber doch wohl von einer Spur der Verachtung, die sein Selbstbewusstsein in der Nazizeit gestärkt hat. Das merken seine Leser und Hörer natürlich, es macht ihn unbequem und oft unbeliebt.

Ein halbes Jahrhundert seit Kriegsende, und jede Buchmesse bringt neue Autobiographien von Menschen, die Auskunft über die erste Jahrhunderthälfte geben. Warum erst jetzt? Die Bibel, nicht umsonst ein eifrig befragtes Buch der Weisheiten, kündet, Moses habe sein Volk vierzig Jahre durch eine Wüste geführt, die man heute im Autobus in ein paar Stunden durchquert, eine Reise, die schon damals, selbst mit Ziegen und Säuglingen, nicht mehr als zwei Wochen hätte dauern müssen.Warum so lange im Kreis herum wandern? Vielleicht wie bei uns: Der geistige Ballast, den die damaligen Auswanderer aus Ägypten mit sich führten, tat ihrer Gottgefälligkeit gewaltigen Abbruch, so wie er den heute noch Überlebenden aus Hitler-Europa Jahrzehnte lang die Sprache verschlagen hat. Danach gab's Milch und Honig, Verdrängen und Wirtschaftswunder, und schließlich konnte man mit den feierlichen Jubiläumsfeiern beginnen - und mit dem Geschichtenerzählen. Wer hört zu? Da war eine neue Generation aufgewachsen, die nicht mehr an den alten Wunden litt und an den alten Untaten unbeteiligt war. Eine Spanne von vier, fünf Jahrzehnten verwischt die Spuren und macht sie dann wieder lesbar, das eine wie das andere, denn nach so viel Zeit sind die Füße nicht mehr flüchtig, die Rückschau wird möglich, man bückt sich, um die Zeichen im Sand zu suchen und zu untersuchen. Die Autoren wundern sich selbst über ihre beiden so eklatant auseinander klaffenden Lebensabschnitte, die frühen Gefahren, die spätere Sicherheit. Man steht kopfschüttelnd vor der eigenen Jugend, die so abenteuerlich fremd aussieht, dass man sich fragt, ob man das wirklich gewesen sei, und gleichzeitig weiß man genau, dass man ihr nie entronnen ist. Bei Reich-Ranicki fällt die Zweiteiligkeit besonders ins Auge: einerseits die Jahre als Verfolgter und strauchelnder Kommunist, dann der Mann, dessen Gesicht und Stimme ganz Deutschland kennt, auch jene Mehrheit, die keine Bücher liest. Es ist der Zwiespalt einer ganzen Generation, den man in seinem Buch nachvollziehen kann, denn in kaum einem anderen Bericht von Gleichaltrigen wiegen sich die beiden Teile so exakt auf, sind sie so gleichmäßig und doch ganz andersartig interessant wie hier.

Fünfhundertsechzig Seiten von einem Autor, der von dicken Büchern verlangt, sie mögen besonders lesenswert sein? Ja, doch, es besteht vor dem Kriterium der Lang- beziehungsweise der Kurzweile. Man wird es schnell lesen und noch lange daran zu kauen haben. Ein schlichter Vorschlag: Wäre es nicht angemessen, dieses lebenslange und so erfolgreiche Bemühen um deutsche Sprache und Dichtung, dem der fast Achtzigjährige mit diesem Werk einen Schlussstein aufsetzt, mit dem Büchnerpreis zu krönen?

Marcel Reich-Ranicki: "Mein Leben". Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1999. 566 S., geb., 49,80 DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Reich-Ranicki hat Lebenserinnerungen geschrieben, die zugleich die Geschichte der deutschen Literatur in diesem Jahrhundert sind und ein Kapitel Weltgeschichte. Und er hat eine der schönsten Liebesgeschichten des Jahrhunderts geschrieben.
(Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Mit dem epischen Atem der großen Literatur, die er so verehrt, erzählt Marcel Reich-Ranicki sein Leben. Unverwechselbar sind seine Stimme, seine rhetorische Finesse. Ein besonderer Genuss ist es daher, ihn lesen zu hören.
(Handelsblatt)

"Mein Leben" ist nicht nur ein großes Zeitgeschichtliches Dokument. Es ist auch eine wunderschöne Liebesgeschichte.
"Neben diesem unfassbaren Leid, das neutral und fast nüchtern geschildert wird, lernt der Leser, dass menschliche Bedürfnisse und Gefühle auch in schlimmsten Lebenslagen präsent sind." Das Magazin der Berliner Philharmoniker
Ein seltsam suggestives Buch: Worte scheinen sich in Farben aufzulösen, in Gerüche und Geräusche, in ein Verwirrspiel der Empfindungen. Bildmächtig beschwört der dänische Schriftsteller Ib Michael, 53, in seinem Roman 'Die Nacht des Troubadours' ein abgründiges Mittelalter. Der Held, Narr und Weiser in einer Person, ist ein Troubadour mit Namen Trofaldino. Die Schönheit der Frauen besingt er ebenso wie die Schrecken der Pest. Auf der Flucht vor der Seuche treibt es den Helden und das knabenhafte Zigeunermädchen an seiner Seite sieben Jahre lang durch eine geisterhafte Welt. Mit den Gesetzen der Logik hat Ib Michael nichts im Sinn. Nicht die sogenannte Wirklichkeit ist der Stoff dieses Romans, sondern ein Drunter und Drüber wie aus einer irrlichternden Fieberphantasie.'Der Spiegel'Es ist die Zeit des Todes. Während der großen Pest-Epidemie wandert der Troubadour Trofaldino am Ende des Mittelalters durch Europa und berichtet, wie sich angesichts der Katastrophe, die Abertausende das Leben kostet, landauf, landab Erstaunliches ereignet: Wahnsinn wie wilde Lebenslust vereinen sich zu einem bizarren Totentanz. Und der Sänger singt: vom Papst, der auf die reinigende Kraft der Scheiterhaufen vertraut, von den ärzten, die sich Masken mit langen Schnäbeln bauen, um vermeintlich giftige Gase von der Nase fernzuhalten - und von den Narren, deren Geschäfte glänzend gehen. Sehr authentisch, sehr melodiös, sehr lesbar.'Der Stern'Die Lust am Lesen - oft nur eine billige Formel, die die Verlagskassen klingeln lassen soll - bei Ib Michael wird sie eingelöst. Sein farbenprächtiger Schelmenroman ist als Triptychon der Heimsuchung stimmig und spannend bis ins letzte Glied.'Die Welt'…mehr