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Nobelpreis für Literatur 2013 In neun Geschichten, die vordergründig alltäglich-harmlos wirken wie ein Kinderspiel, lässt Alice Munro rätselvolle Beziehungen und verdrängte Schuld aufblitzen. Sie erzählt von bestürzend kühnen Momenten des Ausbrechens aus dem eigenen Leben: das ist der Stoff, aus dem ihre Erzählungen sind. Die Geschichten entführen den Leser an jenen einzigartigen Ort, an dem eine unerwartete Wendung den Bogen eines ganzen Lebens zum Aufleuchten bringen kann.…mehr

Produktbeschreibung
Nobelpreis für Literatur 2013 In neun Geschichten, die vordergründig alltäglich-harmlos wirken wie ein Kinderspiel, lässt Alice Munro rätselvolle Beziehungen und verdrängte Schuld aufblitzen. Sie erzählt von bestürzend kühnen Momenten des Ausbrechens aus dem eigenen Leben: das ist der Stoff, aus dem ihre Erzählungen sind.
Die Geschichten entführen den Leser an jenen einzigartigen Ort, an dem eine unerwartete Wendung den Bogen eines ganzen Lebens zum Aufleuchten bringen kann.
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher Bd.51025
  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • 7. Aufl.
  • Seitenzahl: 544
  • 2013
  • Ausstattung/Bilder: 544 S. 145 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 144mm x 95mm x 29mm
  • Gewicht: 260g
  • ISBN-13: 9783596510252
  • ISBN-10: 3596510252
  • Best.Nr.: 22815096
Autorenporträt
Alice Munro, geboren 1931 in Ontario, gehört zu den bedeutendsten Autorinnen der Gegenwart. Mit ihrem umfangreichen erzählerischen Werk ist sie Bestsellerautorin in ihrem Heimatland Kanada und der gesamten angelsächsischen Welt. 2009 wurde sie mit dem "Man Booker International Prize" ausgezeichnet. 2013 erhielt Alice Munro den "Literatur-Nobelpreis".
Rezensionen
Besprechung von 06.10.2004
Hadesfahrt per Anhalter
Alice Munros neue Erzählungen / Von Renate Schostack

Im Original hat der neue, bereits 2001 erschienene Erzählband von Alice Munro den sperrigen Titel "Hateship, Friendship, Courtship, Loveship, Marriage". Es ist ein Kinderreim, der prägnanter und optimistischer ist als das deutsche Pendant "verliebt, verlobt, verheiratet, geschieden". Er besagt deutlicher als der schöne poetische Titel "Himmel und Hölle", worum es der kanadischen Schriftstellerin geht, und zwar in allem, was sie schreibt: Paare, die durch dick und dünn, Haß, Freundschaft und Flirt immer nur ein Ziel im Auge haben: die Ehe. Sie ist das einzig Konstante, der Boden, auf dem alle stehen wollen.

Meistens entstammen ihre Protagonisten der unteren middle class, sie kommen aus langweiligen Kleinstädten, von abgelegenen, ärmlichen Farmen, schaffen es, wenn es gutgeht, aufs College. Ihre Welt, von konservativen Werten grundiert, ist ein geschlossener Kosmos. Die Kunst spielt in ihrem Leben keine Rolle, selbst wenn sie Literatur unterrichten oder schreiben. Die Religion ihrer Eltern haben sie meistens hinter sich gelassen. Für Politik interessieren sie sich kaum. Das einzige Vergnügen, das Abwechslung bietet, ist die Sexualität. Sie führt, wie es in einer Erzählung heißt, zu einer "gewaltigen Steigerung des Wohlbefindens", bringt das Leben zum Glühen. Der Ehebruch oder zumindest das Schielen nach einem anderen Partner beherrscht das Leben dieser Menschen. Dabei sind sie keineswegs besonders unmoralisch oder lustversessen. Ihr Tun entspringt einer Schwäche, einer Nachgiebigkeit gegen sich selbst, auch einem Mangel an Phantasie, etwas anderes mit ihrem Leben anzufangen.

Die hohe Kunst von Alice Munro besteht darin, daß sie dem wenig aufregenden Leben ihrer Helden ein hohes Maß an Intensität, an innerer Dramatik abgewinnt. Jeder Mensch ist von einer Aura des Geheimnisses umgeben, die seinem Geschick Fülle und Tiefe verleiht. Munro sagt das nicht plakativ, sie zeigt und entwickelt es in ihren oft sehr langen Kurzgeschichten. Die amerikanische Kritik hat die neue Erzählsammlung enthusiastisch als die beste der Autorin gefeiert, wie sie es mit schöner Regelmäßigkeit tut, seit die Autorin als Anwärterin für den Nobelpreis genannt wird. Es ist wahr, ihre Texte bewegen sich auf einem kaum nachlassenden stupenden Niveau. Doch die früheren Sammlungen waren reicher orchestriert, die Erzählstruktur vielschichtiger. Ein weiteres Merkmal: Ihr Personal ist älter geworden. Unheilbare Krankheit, Altersdemenz, Begräbnisse sind neue Themen.

In der Erzählung mit dem hübschen Titel "Der Bär kletterte über den Berg" narrt eine an Alzheimer erkrankte Frau ihren Gatten, der sie ein Leben lang betrogen hat, während sie die Treue in Person war, mit der Liebe zu einem Rollstuhlfahrer im Pflegeheim. Die Geschichte, die reich ist an verblüffenden, auch komischen Wendungen, endet optimistisch mit dem Wiedererkennen, der Wiederannahme des konsternierten Gatten. Und doch weiß der Leser, daß der geistige Verfall der koboldhaften Fiona unaufhaltsam weiterschreiten wird.

Man kann Munros Erzählungen kaum nacherzählen, weil sie so einfach sind und daher in der Wiedergabe leicht banal klingen. Ihre Kunst, die Rätsel des Lebens, seine Schrecknisse und Unerbittlichkeiten anzudeuten, beruht auf dem Ungesagten, den Zeitsprüngen, der lockeren Erzählstruktur, auf Sätzen, die nebensächlich scheinen, auf scheinbar unbedeutenden Beobachtungen oder Wendungen, die erst im nachhinein Licht auf eine Figur werfen. In der Erzählung "Schwimmende Brücke" setzt sich eine krebskranke Frau zu einem ihr unbekannten jungen Mann ins Auto, der anbietet, sie nach Hause zu fahren. Vielleicht tut sie das nur, weil einmal jemand über sie gesagt hat, sie sei "eine prüde Zimtzicke". Der Junge fährt die Frau in ein Sumpfgebiet. Es ist Nacht, die Straße besteht nur aus geländerlosen Bohlen. Ist der Autofahrer ein Todesbote? Die Geschichte endet mit einer heiteren erotischen Episode, einem Kuß, der die Todkranke "mit zärtlicher Fröhlichkeit" erfüllt, "die gegen all ihre Wunden und Narben das Feld behauptete. Einstweilen." Dieses Einstweilen ist ebenso wie die neue Zuwendung Fionas zu ihrem Mann ein Innehalten am Abgrund.

Munro domestiziert nicht das Dunkel, wie einer ihrer amerikanischen Rezensenten schrieb, sie weist es in die Schranken, ruft ihm ein "Noch nicht!" entgegen. In der Erzähung "Was in der Erinnerung bleibt" denkt Meriel nach dem Tod ihres Mannes über ein lang zurückliegendes Abenteuer nach. Der Fremde, mit dem sie nach einer Beerdigung einen Nachmittag im Bett verbracht hat, küßte sie nicht zum Abschied. Das ist fast alles, was sie von ihm im Gedächtnis behielt. Doch das Vernichtende dieser Geste, die ihr, gemessen am Anlaß, zu groß erschien, will sie nicht akzeptieren. Sie fragt sich, "ob sie in ihren Gedanken noch eine andere Verwendung für ihn hatte, in der Zeit, die vor ihr lag".

In der wundersamen Titelgeschichte gelingt es einer ältlichen Hausangestellten, einen Mann und sogar ein Kind zu ergattern. Johannas Erfolg stellt sich ein, und das ist das Wunderbare, trotz der bösen Intrige, die zwei törichte Schulmädchen gegen sie anzettelten. Die fingierten Liebesbriefe, die sie verfassen, stellen Johanna nicht bloß, sondern führen zu ihrem Glück. Freilich, die Frage, ob die Ehe mit einem Tunichtgut ein Glück ist, stellt die Autorin nicht. Sie endet mit einem abgewandelten Horaz-Zitat, das über jeder ihrer Erzählungen stehen könnte: "Du darfst nicht fragen, es ist uns verboten zu wissen, was das Schicksal bereithält, sei es für mich oder dich."

Alice Munro: "Himmel und Hölle". Neun Erzählungen. Aus dem Englischen übersetzt von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2004. 381 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 27.04.2005

Partnertausch im Altersheim
Alice Munros Erzählungen gehen durch „Himmel und Hölle”
Johanna ist nicht mehr jung, auch nicht sehr attraktiv. Sie arbeitet als Haushälterin bei einem vermögenden alten Herrn und hütet zugleich Sabitha, dessen boshafte Enkeltochter. Sabithas Mutter ist tot, ihr Vater Ken lebt in einer anderen Stadt. Johanna beginnt heimlich mit ihm zu korrespondieren und glaubt nach einigen Monaten, den Mann ihres Lebens gefunden zu haben. Sie macht sich auf, Ken zu besuchen; zuvor kauft sie schnell noch ein Hochzeitskleid. Ken aber ist ahnungslos - keiner der Briefe Johannas hat ihn je erreicht, und alle seine Antworten sind von Sabitha und ihrer besten Freundin gefälscht worden.
„Hasst er mich, mag er mich, liebt er mich, Hochzeit” - im Original prägnanter: „Hateship, Friendship, Love, Marriage” - ist die erste Erzählung in „Himmel und Hölle”. Als einzige mündet sie in ein solides Happy End. Plötzliche, unerwartete Wendungen des Geschehens finden sich bei Alice Munro jedoch häufig. Mit Effekthascherei hat das nichts zu tun. Der Autorin geht es nicht um oberflächliche erzählerische Tricks. Wenn sie eine Situation sich radikal verändern lässt, will sie den Leser nicht verblüffen. Sie regt ihn vielmehr zu größerer Aufmerksamkeit an, dazu, genauer auf Indizien zu achten, die möglicherweise etwas andeuten, das sich erst später enthüllt.
Das Reservoir an Motiven, aus dem Munro schöpft, ist nicht groß. Sie konzentriert sich fast ganz auf den privaten Bereich, auf Liebe, Ehe und Familie. Oft gerät eine Frau in außereheliche Versuchung, oft geht es um Krankheit und Tod eines Partners. Diese Beschränkung birgt die Gefahr einer gewissen Monotonie, und die Autorin entgeht ihr nicht völlig. Insgesamt ist aber die Kunst der Schattierung zu bewundern, die es ihr erlaubt, mit so wenigen Grundtönen eine große literarische Wirkung zu erzielen.
Die meisten Erzählungen in „Himmel und Hölle” spielen in der kanadischen Provinz der fünfziger bis siebziger Jahre. Mitunter resümiert Munro ihre Figuren mit einer amüsanten Boshaftigkeit. „Meine Mutter”, bemerkt etwa die Ich-Erzählerin in „Erbstücke”, „war Lehrerin gewesen, und sie hätte auf einer Landkarte ohne weiteres alle Länder Europas aufzeigen können, aber sie sah alles durch ihren eigenen Nebelschleier, groß im Vordergrund das Britische Empire und die königliche Familie, alles andere stark verkleinert, zusammengeworfen zu einem Trödelhaufen, den sie leicht außer Acht lassen konnte.”
Dass trotz des häufigen Blicks zurück keine falsche Beschaulichkeit aufkommt, liegt auch an Munros Erzählweise, die gerne mit großen, abrupten Zeitsprüngen operiert. Unbarmherzig wird so deutlich, dass alles, was geschieht, sich in der Zeit vollzieht, in der begrenzten Spanne, die das Leben eines Menschen umfasst. „Der Bär kletterte über den Berg”, die letzte Erzählung und die einzige mit einer männlichen Hauptfigur, beginnt mit einem Heiratsantrag. Danach folgt unmittelbar die Szene, in der, 50 Jahre später, die Wege des Paares sich trennen: Fiona leidet an Alzheimer und wird von Grant in ein Pflegeheim gefahren. Dort freundet sie sich, sehr zum Ärger ihres Mannes, schnell mit einem ehemaligen Versicherungsvertreter an. Ist sie wirklich so verwirrt, wie sie vorgibt? Will sie sich rächen für die vielen Male, die sie betrogen worden ist? Als ihre späte Liebe nach Hause geholt wird, sieht Grant sich gezwungen, dessen Frau zu bitten, ihn wieder zurückzubringen. Er lässt sich sogar auf eine Affäre mit der vulgären, verblühten Schönheit ein, plötzlich bezaubert von ihren „Edelsteinaugen” und der „praktischen Sinnlichkeit ihrer Katzenzunge”. Und so endet „Himmel und Hölle” mit einer grotesken Pointe: einem Partnertausch unter Senioren, einer tragikomischen Mischung aus Triumph und Niederlage für einen gealterten Casanova.
CHRISTOPH HAAS
ALICE MUNRO: Himmel und Hölle. Neun Erzählungen. Aus dem Englischen von Heidi Zerning. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2004. 381 S., 19,90 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Angela Schader hält Alice Munros gesamtes Werk für "hohe Kunst", und auch der neue Kurzgeschichtenband "Himmel und Hölle" ist da keine Ausnahme. Munro schaffe es auch diesmal, einerseits durch Details zu glänzen, andererseits ihre Erzählsammlung so anzulegen, dass die einzelnen Teile sich aufeinander beziehen, um so "im Ensemble" zu wirken. Schader hat "innere Symmetrien und Bezüge" entdeckt, die in der Gesamtheit einen "erweiterten Reflexionsraum" schaffen. Ernst geht es zu in diesem Band, als Leitthemen macht die Rezensentin "Krankheit, Tod und Verrat" aus. Nur die ersten beiden Stücke haben so etwas wie ein Happy End. Ein weiteres Leitmotiv, dass sich durch alle Stücke zieht, meint Schader in den "flüchtigen Erfahrungen" entdeckt zu haben, die einige Protagonisten meist außerhalb ihrer Ehe machen. Diese Erfahrungen sind nicht von langer Dauer und müssen auch nicht intensiv sein, sie wirken eher innerlich nach als dass sie äußerlich lange sichtbar wären, schreibt die beeindruckte Rezensentin.

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